Mit ‘Wall Street’ getaggte Beiträge

Die Stoßrichtung der politischen Agenda von Obamas zweiter Amtszeit

4. Februar 2013

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über die Europäisierung Amerikas:

Die Stoßrichtung der politischen Agenda von Obamas zweiter Amtszeit

Die sekundäre Rolle der Ökonomie in der Ökonomie

9. Februar 2012

Orgonomen haben von jeher die These vertreten, daß ökonomische Zwänge und angeblich „eherne Gesetzmäßigkeiten“ zwar zweifellos bestehen (wie sollte es auch anders sein!), aber in der Ökonomie nur eine sekundäre Rolle spielen. Sie werden von emotionellen Zwängen bei weitem in den Schatten gestellt.

Reich mußte in den 1930er Jahren konstatieren, daß die arbeitenden Massen gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen handelten und mit Begeisterung ihrem eigenen Ruin zustrebten. In den USA mußte er feststellen, daß sie nicht das geringste Interesse zeigten, etwa über Aktienbeteiligung selbst die Herrschaft über die Produktionsmittel zu erlangen, sondern sich in einer Art, wenn man das so bezeichnen kann, „gewerkschaftlichem Betriebsfaschismus“ verschanzten („closed shop), der beispielsweise „Schwarze“ ausschloß – und der schließlich etwa General Motors zerstörte. Der verantwortungslose, kurzsichtige, kleingeistige Kleine Mann triumphierte über alle Träume von einer wirklich genuin „sozialdemokratischen“ Zukunft.

Parallel dazu handelte die Gegenseite, handelte „Rockefeller“, ebenfalls alles andere als rational. Darauf hat beispielsweise Edward Pell in seiner Besprechung von Antony Suttons Wall Street and the Bolshevik Revolution hingewiesen. In dem Buch hat Sutton nachzuweisen versucht, daß die amerikanische Großfinanz den Weltkommunismus aktiv befördert hat, um sich Märkte und Monopolstellungen zu sichern. Schaue man, so Pell, jedoch genauer hin, und vor allem darauf, wohin das ganze geführt hat, reichte die ökonomische Erklärung kaum aus:

Diese Erklärung des Verhaltens der Wall-Street-Banker führt zu kurz. Sie ist mechanistisch und alle mechanistischen Erklärungen lassen das Irrationale im Verhalten des gepanzerten Mannes außen vor. Menschen folgen zweifellos dem rationalen wirtschaftlichen Kalkül, der auf Eigeninteresse beruht, aber sie handeln auch aus vernunftwidrigen Motiven heraus, die nur von einem funktionellen, charakterologischen Standpunkt her erklärt werden können. (The Journal of Orgonomy, Vol. 11, No. 2, November 1977, S. 271-276)

Als aktuelles Beispiel ließe sich anfügen, daß die Occupy-Wall-Street-Bewegung tatsächlich von Wall Street finanziert und durch die von Wall Street finanzierten Massenmedien hofiert wird. Medien, die man als geradezu linksextrem bezeichnen könnte.

In was für einem gewaltigen Ausmaß die sozio-politische Ausrichtung, d.h. die biophysische Charakterstruktur, grundlegende ökonomische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzt, zeigt Hollywood. In einem noch immer weitgehend konservativ und christlich geprägten Land werden reihenweise Filme auf den Markt geworfen, die das amerikanische Nationalgefühl, das konservative Sittlichkeitsgefühl und vor allem die religiösen Gefühle der Amerikaner bis weit über die Schmerzgrenze hinaus verletzen. Oder kennt etwa jemand einen Film, der den Krieg gegen den Terror heroisiert hat? Das geht soweit, daß die vermeintlich „amerikanische“ Filmindustrie, d.h. Hollywood, zu einem einzigen großen Medium zur Verbreitung des Antiamerikanismus in der Welt geworden ist.

Wenn das ganze wenigstens ökonomischen Sinn machen würde! Es macht definitiv keinen, zumindest nicht auf dem alles entscheidenden heimischen US-Markt.

The Hollywood Reporter stellt eine Studie vor, die gezeigt hat, daß „konservative“ Filme mehr Geld machen als „liberale“ (linke) Filme. Um in Hollywood Geld zu verdienen, müsse man patriotische Filme produzieren, die konservative Werte verbreiten und nicht das Christentum herabsetzen. Doch Hollywood macht seit Ende der 1960er Jahre konsequent das Gegenteil – gegen jedwede ökonomische Vernunft oder „Gesetzmäßigkeit“.

Die Filme wurden daraufhin unterschieden, ob sie den Kapitalismus oder den Sozialismus propagieren, biblische Prinzipien hochhalten oder herabsetzen; wie sie mit den Themen Gewalt, Sex, Political Correctness, revisionistische Geschichtsauffassungen, Umweltpolitik, Feminismus, Homosexualität, etc. umgehen. Dabei zeigte sich, daß 7 der 10 ökonomisch erfolgreichsten Filme einen hohen konservativen Index hatten. 2011 erbrachten 91 überwiegend konservativ geprägte Filme im Durchschnitt jeweils Einnahmen von 59 Millionen Dollar, während es bei 105 liberalen Filmen entsprechend gerade mal 11 Millionen Dollar waren.

Der Rote Faden: Rockefeller

22. Oktober 2011

Es gibt kaum etwas Naiveres als zu glauben, die gegenwärtige Schulwissenschaft sei ausschließlich ein „Produkt des Labors“. Vielmehr wurden durch mächtige Organisationen aufgrund außerwissenschaftlicher Überlegungen die Weichen gestellt. Bis heute werden Abweichler, wie einst in kommunistischen Staaten, verfolgt und ihre Existenz vernichtet. Es wird eine Atmosphäre geschaffen, in der genuine Wissenschaft so gut wie unmöglich ist. Kurioserweise erfolgt diese ideologische Ausmerze unter der frechen Überschrift „Skeptizismus“.

Der Wissenschaftshistoriker James Strick hat aufgezeigt, daß in den 1930er Jahren die Rockefeller Foundation weltweit der einzige (nichtstaatliche) Geldgeber in der biologischen Forschung war. Alle Versuche Reichs, Gelder für seine kostspielige Bionforschung zu erhalten, wurden abgeblockt, insbesondere von den beiden „antifaschistischen“ Genetikern Otto Mohr und dessen Protegé Leiv Kreyberg, die offensichtlich Angst davor hatten, daß ihr Kampf gegen die faschistische Eugenik durch Reich kompromittiert werden könnte.

Sowjetische Genetiker wollten, daß Mohr als einer der „progressivsten“ Kritiker der faschistischen Rassenideologie 1937 nach Moskau zu einem internationalen Genetik-Kongreß komme. Dieser Kongreß wurde aber wegen dem aufkommenden „Lysenkoismus“ und den Säuberungen abgesagt (Brigitte Johler: Wilhelm Reich Revisited, Wien 2008, S. 98f).

Die Rockefeller Foundation unterstützte nur Forschungen, die dem Reduktionismus folgten: Biologie → Chemie → Physik. Leben sollte nicht mehr sein als eine besondere Art von „Maschine“.

Christopher Turner hat in seiner neuen Reich-Biographie sehr ausführlich dargestellt, daß auch Reichs zweites Betätigungsfeld, die „sexologische“ Forschung, von der Rockefeller Foundation bestimmt wurde. Hier ist insbesondere Alfred Kinsey zu nennen, der, ursprünglich Insektenforscher, ein direktes Produkt des von der Rockefeller Foundation mit ihrer Finanzmacht durchgedrückten Reduktionismus war. Anfangs ging es der Rockefeller Foundation darum, die Bevölkerung zur weitgehenden sexuellen Abstinenz zu erziehen. Kinseys Veröffentlichungen hatten zwar den gegenteiligen Effekt (Adventures in the Orgasmatron, New York 2011), – aber die Auswirkung auf die genitale Gesundheit war langfristig noch verheerender.

Man kann davon ausgehen, daß die Rockefeller Foundation das 20. Jahrhundert geprägt hat: aus der Biologie wurde eine „Nekrologie“, die unser Selbstverständnis im Kern geformt hat und die einst so hoffnungsvolle „mentalhygienische Bewegung“ degenerierte zur Massenpropagierung von Perversionen und „recreational sex“. Aus der imgrunde mystisch orientierten autoritären Gesellschaft wurde die heute durch und durch mechanistische anti-autoritäre Gesellschaft. Aus den Freiheitsbestrebungen wurde eine Gesellschaft, die fast flächendeckend auf Droge ist.

Das 20. Jahrhundert hätte Reichs Jahrhundert sein können. Die biologische und die sexologische Forschung hätten ganz andere Wege einschlagen können. Wall Street und die Kommunisten haben das gemeinsam verhindert. Statt orgastische Potenz beherrscht die orgastische Impotenz den gesamten Diskurs bis heute.

Es geht hier nicht darum, daß irgendwelche „Geheimgesellschaften“ in Hinterzimmern sitzen und die Völker manipulieren. Es geht darum, daß jene extrem orgastisch Impotenten mit Gewalt und Manipulation an die Spitze der Wirtschaft und der Staaten gelangen, die vor allem ein Grundimpetus nach oben getrieben hat: die Todesangst vor autonomen Funktionen. Deshalb müssen sie die Arbeitsdemokratie („Liebe, Arbeit und Wissen“) mittels „Kinsey“, Sozialismus und mechanistischer Wissenschaft zerstören. Das verbindet Charaktere wie J.P. Morgan und Stalin. Politische und wirtschaftliche Zwänge und Interessen sind nur vorgeschoben.

Grundsätzlich ist das Elend von Verschwörungstheorien, daß sie mit mechanistischen Modellen arbeiten („x wirkt auf y, das auf z wirkt. z wirkt auf x zurück und gemeinsam rufen sie a hervor, etc.pp.“). Wie es typisch für den Mechanismus ist, werden solche „Schaltpläne“ immer verwickelter und schließlich wirkt alles auf alles ein. Verschwörungstheoretiker wählen dann nach eigenem Gusto ihre persönliche Kausalkette aus und streiten sich bis aufs Blut mit anderen, die andere Kausalketten ausgewählt haben. Der Student der Orgonomie läßt sich von vornherein nicht auf einen derartigen Unsinn ein, sondern arbeitet mit einfachen Funktionsschemata, die sich stets auf die drei Grundströmungen jeder Gesellschaft zurückführen lassen: Funktionalismus, Mechanismus und Mystizismus.

Da diese funktionellen Prozesse immer von Menschen repräsentiert werden, sind natürlich überall Strategen tätig. Beispielsweise wurde die Occupy Wall Street-Bewegung von der kommunistischen Obama-Regierung und ihren Freunden in Wall Street, der sie Milliarden, sogar Billiarden zugeschanzt hat, ins Leben gerufen, um der Tea Party-Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen und dafür zu sorgen, daß Obama Antichrist in einer zweiten Amtsperiode mit seinem Zerstörungswerk fortfahren kann.

Hierher gehören auch der etwa vom Bertelsmann-Konzern finanzierte „Kampf gegen Rechts“ und die „multikulturelle Gesellschaft“. Projekte, in denen „Rockefeller“ und die Kommunisten wieder Hand in Hand marschieren, um Völker in formbare Massen zu verwandeln. Kritischen Geistern werden Dinge wie „9/11“, „HARP“ oder beispielsweise „Chemtrails“ vor die Füße geworfen, damit sie mit Unsinn beschäftigt sind und sich vollständig diskreditieren. Die Massen sollen gefälligst David Icke studieren, statt etwa Wilhelm Reich!

Aber trotz der erwähnten „Strategen“: es ist ein grundsätzlicher Fehler rationalistisch an Verschwörungen heranzugehen. Verschwörungen sind in erster Linie „emotionale Verschwörungen“, die größtenteils auf nonverbalen Übereinkünften beruhen und auf gemeinsamen (charakter-) strukturellen Zwängen. Man denke nur ans alltägliche Mobbing oder die heimliche Kumpanei weiter Kreise, insbesondere in den Medien, mit linksterroristischen Bestrebungen. Man versteht sich!

Es ließe sich einwenden, daß doch Christopher Turner die Rolle der Rockefeller Foundation dargestellt habe. Ausgerechnet er als Feind Reichs! Wie passe das denn zusammen? Verschwörungen funktionieren schlichtweg nicht so, daß alles zusammenpaßt wie die Zahnräder in einem Uhrwerk. Es geht um gesellschaftliche Funktionen und ihre Repräsentanten. Verschwörungstheoretiker sind hingegen, ja, mechanistische Reduktionisten.

Der Rote Faden: Arthur Garfield Hays

28. Mai 2011

1945 wählte Reich den langjährigen Staranwalt der ACLU, d.h. der links-liberalen Bürgerrechtsbewegung, Arthur Garfield Hays (1881-1954) zu seinem Anwalt. Hays war durch den berühmten „Affen-Prozeß“ in Tennessee 1925 und durch die Verteidigung der beiden Anarchisten Sacco und Vanzetti berühmt geworden. Gleichzeitig zählte er zu den führenden Anwälten, die für Wall Street tätig waren. Während des Ersten Weltkrieges hatte er die Interessen des Deutschen Reiches in den USA vertreten. Auch zählte er zu den ausländischen Beobachtern während des Reichstagsbrand-Prozesses in Leipzig 1933.

Leo (oder Leon) Roth („Viktor“) (1911-1937) war einer der wichtigsten Funktionäre des Nachrichtendienstes der KPD. Er kam zum Nachrichtendienst durch den Kommunistischen Jugendverband in Berlin. Gegen 1930 wurde er, wie beispielsweise auch Erich Mielke (der spätere Chef der Stasi) in einer Spezialschule mit angeschlossenem militärischen Training in Rußland ausgebildet. Seit 1931 (oder 32) war er Leiter der Abteilung für „spezielle Verbindungen“ im militärpolitischen Apparat des Zentralkomitees der KPD. Nach 1933 lebte er als Illegaler in Deutschland. 1934 und 35 im noch unabhängigen Saarland. 1935 wurde er in die Auslandsabteilung West der KPD versetzt. Wie andere Mitglieder des militärpolitischen Apparats wurde er 1936 nach Moskau beordert, wo er als britischer und französischer Spion hingerichtet wurde.

Roths Abteilung für „spezielle Verbindungen“ gelangte 1933 an Photokopien der strenggeheimen Anklageschrift gegen die Angeklagten im Reichstagsbrand-Prozeß: Georgi Dimitroff, Blagoj Popov, Vasil Tanev, Ernst Torgler und Marinus van der Lubbe. Roth brachte die Kopien nach Paris, wo sie dem „Untersuchungsausschuß zur Aufklärung des Reichstagsbrandes“, der von Willi Münzenbergs „Weltkomitee für die Opfer des Hitler-Faschismus“ gegründet worden war, übergeben wurde. Münzenberg war der Propagandachef, sozusagen der „Goebbels“, der KPD. Roths militärpolitischer Apparat hatte der KP-Führung über den Prozeß Bericht zu erstatten und die Strafverteidiger zu unterstützen. Roth gelang es Norman Ebbutt, Korrespondent der Times und Sprecher der ausländischen Presse in Deutschland, als geheimen Berichterstatter für die KPD zu gewinnen. Das Material, das Roth sammelte, wurde im US-Konsulat in Leipzig hinterlegt, wo Roth auch illegale Pressekonferenzen organisieren konnte. Roth nahm Kontakt mit Hays auf, der als Mitglied des „Untersuchungsausschusses zur Aufklärung des Reichstagsbrandes“ zusammen mit seinem Sekretär H. Lehnauer am Reichsgericht in Leipzig im September 1933 als einer der Beobachter des Prozesses fungierte. Über Hays war Roth in der Lage Material an die deutschen Verteidiger weiterzuleiten (Bernd Kaufmann et al.: Der Nachrichtendienst der KPD 1919-1937, Berlin 1993).

Ich beschäftige mich hier mit Roth so ausführlich, weil er auch eine indirekte Rolle in der Einstein-Affäre spielte: Einsteins Sekretärin Helene Dukas hatte mit ihren beiden Schwestern in Berlin eine größere Wohnung angemietet und prompt ein Zimmer an Luise Kraushaar untervermietet. Kraushaar war eine KPD-Sekretärin für besondere Aufgaben. In dem konspirativen Büro, das in der Dukas-Wohnung lag, dechiffrierte sie beispielsweise Spionagebotschaften. Auch Leo Roth hatte einen Schlüssel zu der Wohnung. Alles deutet darauf hin, daß Helene Dukas genau wußte, was gespielt wurde – und willig mitspielte (Siegfried Grundmann: Einsteins Akte – Wissenschaft und Politik, Berlin 2004, S. 613). Wer mit Einstein sprach, sprach mit Moskau, zumal Einstein selbst die Einstellung seiner Sekretärin zu teilen schien.

1931/32 lehrten neben Reich eine ganze Reihe berühmter Leute an der MASCH in Berlin: Albert Einstein, John Heartfield, Egon Erwin Kisch, Jürgen Kuczynski, Willi Münzenberg, Erwin Piscator, Annie Reich und Karl August Wittfogel (Gabriele Gerhard-Sonnenberg: Marxistische Arbeiterbildung in der Weimarer Zeit (MASCH), Köln 1976).

Die MASCH (Marxistische Abendschule, vgl. Menschen im Staat, S. 153) wurde von László Radványi geleitet (unter dem Pseudonym Dr. Johann Lorenz Schmidt), dem Ehemann der kommunistischen Autorin Anna Seghers. Die Nachfrage nach den Kursen war so groß, daß noch 1932 die Örtlichkeiten erweitert werden mußten.

Der berühmte Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski, Jahrgang 1904, trat der KPD 1930 bei, 1931 wurde er halbtags Mitglied der Redaktion des Parteiorgans Die Rote Fahne, den Rest des Tages arbeitete er für die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) und in der kommunistischen „Liga für Menschenrechte“. Januar 1933 war er Vollzeit für die Informationsabteilung (den Nachrichtendienst) der KPD tätig und mußte sehr bald illegal im Untergrund arbeiten. Ab März 1936 Exil in England, nach dem Krieg in der „DDR“, verstarb 1997.

Kuczynskis Erinnerungen zufolge hatte László Radványi (Schmidt) die Idee Einstein für die MASCH zu gewinnen und Anna Seghers konnte Einstein tatsächlich überreden. Die MASCH lag jedoch im Zentrum des Rotlichtdistrikts Berlins und Radványi bat Kuczynski Einstein persönlich zur MASCH zu begleiten. Das war 1932. Im Mai 1938 beauftragte ihn die KP Einstein in Princeton zu besuchen und diesen zu fragen, ob er Finanzquellen für den kommunistischen Geheimsender „29,8“ auftun könne. Kuczinski erinnert sich schöner Stunden mit Einstein sechs Jahre nach ihrem letzten Zusammentreffen. Einstein habe im Gespräch großes Interesse für den Radiosender „und allgemein für unsere Arbeit“ gezeigt. Tags darauf habe Einstein ihm durch dessen Sekretärin eine weitere Adresse eines gemeinsamen Freundes zukommen lassen, um noch mehr Geld aufzutreiben (Jürgen Kuczynski: Freunde und gute Bekannte. Gespräche mit Thomas Grimm, Berlin 1997).

1939 hörte Kuczynski das letzte Mal von Einstein, als er ihm eines seiner Bücher zusandte und Einstein am 4. Mai 1939 begeistert antwortete und sich erkundigte, was er für ihn tun könne. Einstein stimmte vollständig mit Kuczynskis Analyse der merkwürdigen Haltung Englands und Frankreichs überein. Diese Haltung sei, so Einstein, darauf zurückzuführen, daß bourgeoise Klasseninteressen Vorrang vor den Interessen des Staates hätten (ebd.). Ich halte es nicht für übertrieben Einstein als Marxisten zu bezeichnen, dessen entsprechende Sympathien eindeutig bei der Sowjetunion lagen! Siehe dazu Der Hintergrund der „Einstein-Affäre“.

Kuczynski war 1926 bis 1929 in den USA gewesen. Zunächst um an der Brookings School zu lernen und dann für die American Federation of Labor zu arbeiten. Damals war er sehr am Fall von Sacco und Vanzetti interessiert. Beispielsweise schrieb er am 8. August 1927 an seine Frau Marguerite, daß er am Abend einem Vortrag des „progressive Rechtsanwalts” A. Garfield Hays beigewohnt habe (ebd.) Für Kommunisten wie Kuczynski war Hays ein Progressiver.

Hays war ein Anwalt, der nicht nur eng mit der „progressiven Sache“ verbunden war, sondern auch in Kontakt mit Kommunisten stand. Zeitweise war er geradezu deren Aushängeschild. Jim Martin hat die Entdeckung gemacht, daß Hays in den 1930er Jahren mit der linken „Verbraucherschützerin“ Mildred Brady im Sinne der „progressiven Sache“ zusammengearbeitet hatte (Wilhelm Reich and the Cold War, Fort Bragg, Ca, 2000).

Liest man die entsprechenden Stellen in Jerome Greenfields Buch USA gegen Wilhelm Reich (Frankfurt 1995) drängt sich einem der Eindruck auf, daß kaum jemand mehr Schuld an der ausweglosen Situation, in der sich Reich am Ende befand, trägt als Hays. Am 10. Oktober 1947 bat Reich ihn, der von der Stalinistin Brady initiierten Verleumdungskampagne Einhalt zu gebieten, was zu dieser Zeit noch möglich war, aber Hays weigerte sich mit fadenscheinigen rechtlichen Begründungen. Wahrscheinlich aus Rücksicht gegenüber Brady. Hays war ein Liberaler, ein Linker, vielleicht sogar ein Fellow Traveller.

Reich hatte Hays insbesondere wegen dessen Buch über den Scottsboro-Fall, in dem in Alabama neun Schwarze der Vergewaltigung zweier weißer Mädchen angeklagt worden waren, gewählt, Arthur Garfield Hays: Trial By Prejudice, 1933 (American Odyssey, S. 438). Diesen Fall, der in der Tat ein rassistischer Alptraum war, hatte die KP der USA zu einer umfassenden Kampagne genutzt, in der Hays natürlicherweise einen zentralen Part spielte.

In einem Brief schrieb Reich an Hays, ausgerechnet an Hays, daß „die lawinenartig anschwellende Verleumdung (…), wie wir nun mit Bestimmtheit wissen, von kommunistischen Kreisen an der Westküste in Gang gesetzt wurde“ (ebd., S. 431). Man kann sich lebhaft ausmalen, wie Hays auf solche Aussagen reagiert hat!

Hier Hays 1951 im amerikanischen Fernsehen, wo er sich vehement dagegen verwahrt, daß es innerhalb von Amerika so etwas wie eine kommunistische Bedrohung gäbe. Zu diesem Zeitpunkt vertraten er und Reich in dieser Hinsicht diametral entgegengesetzte Positionen.

Antisemitismus (Teil 2)

3. März 2011

Aus charakteranalytischer Sicht setzt sich der moderne Antisemitismus aus zwei konträren Elementen zusammen, deren Gemeinsames Funktionsprinzip die Genitalangst ist: das Bild des alten bärtigen Patriarchen, der unschuldige kleine Christkindlein kastriert; und der glutäugige, großnäsige Jud Süß, der mit viehischer Gier über blonde Jungfrauen herfällt. Vom Bereich der Sexual- in die Arbeitsenergie übertragen, finden wir dieses Gegensatzpaar im jüdischen Kapitalisten und jüdischen Bolschewisten. Bei dieser Dichotomie handelt es sich einfach um den nach außen projizierten Ödipuskomplex. Man rebelliert gegen den kastrierenden und ausbeuterischen Vater, bekommt es mit der Angst zu tun und unterdrückt die Rebellion nach dem Vorbild, das einem der Vater geboten hat.

So glaubte Adolf Hitler, wie er in Mein Kampf schreibt, „im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Der Nationalsozialismus vereinigte in sich also die Revolution und die Reaktion. Er konnte die Erlösung bringen: wenn der Jude beseitigt ist, ist auch der Ödipuskonflikt gelöst und die Menschheit befreit. Die Endlösung war die nationalsozialistische Version der Sexuellen Revolution.

Das läßt sich am Ur-Nazi, Richard Wagner, exemplifizieren, dessen ganzes Leben ein einziges Aufbegehren gegen den ungeliebten jüdischen Stiefvater Ludwig Geyer war.

Dieses ödipale Moment findet sich heute insbesondere im sogenannten „Antizionismus“, der alle Probleme der Welt an einem geradezu grotesk unbedeutenden Lokalkonflikt (Israel ist so groß wie Hessen!) festmacht. Man erhebt sich gegen die angeblichen „Herrscher dieser Welt“ (die Freimaurer/Illuminaten/Bilderberger/das Finanzkapital, die glücklicherweise in einem kleinen Territorium greifbar sind) und solidarisiert sich dabei mit der denkbar finstersten Reaktion, dem islamischen Fundamentalismus.

Bei dieser faschistischen Rebellion der Nationalsozialisten und der heutigen Antizionisten (unter denen auch viele Juden sind – die Kapos der Jetztzeit) ging und geht es dabei nur vordergründig um Kapitalismus und „Zinsknechtschaft“. Primär geht es um ein Aufbegehren gegen Gott, das strafende Über-Ich, letztendlich gegen die Panzerung – es geht um Welterlösung.

Wirklich: die gesamte „Bewegung“ seit den 70er Jahren ist nichts anderes als Hitlerismus in grün!

Für Hitler unterscheidet sich der materialistische (d.h. „kapitalistische“, „unökologische“) Jude vom vergeistigten Christen dadurch, daß er sich nicht wie der Arier für ein Ideal opfern könne. Demgegenüber sei der opferwillige Arier in der Lage seine rein persönlichen Interessen zurückstellen. Überwindung des Egoismus in der sozialistischen Volksgemeinschaft, Gemeinschaftsgefühl, Glaube an Unsterblichkeit und ewige Werte sowie vor allem Aufopferungswille sei nur beim Arier ausgebildet.

Die grundsätzliche Gesinnung, aus der ein solches Handeln erwächst, nennen wir zum Unterschied vom Egoismus, von Eigennutz – Idealismus. Wir verstehen darunter nur die Aufopferungsfähigkeit des einzelnen für die Gesamtheit, für seine Mitmenschen. (Mein Kampf)

Insbesondere prangert Hitler als Folge der Prostitution die „Verjudung unseres Seelenlebens und Mammonisierung unseres Paarungstriebes“ durch „jüdische Mädchenhändler“ an und bringt das mit alle „Werte“ zerfressender Inflation, Wucher, „Zinsknechtschaft“, Profitgier und „Mädchenhandel“ in Zusammenhang.

Nach der Vorstellung Gottfried Feders, des Wirtschaftsexperten der NSDAP während der „Kampfzeit“, ist die „Zinsknechtschaft“ das eine Hauptübel der Welt, mit dessen Beseitigung sich alle anderen Übel von selbst erledigen würden. 1920 ging in das Parteiprogramm der NSDAP die Federsche Forderung nach „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens“ und „Brechung der Zinsknechtschaft“, sowie nach der Todesstrafe für „gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber“ ein.

Feder hob stets hervor, daß 1919 er es gewesen sei, der Hitler seine erste grundlegende politische Erkenntnis vermittelt habe.

Die „rationale“ Funktion des nationalsozialistischen Antisemitismus bestand darin, daß er so gut wie der einzige ideologische Kitt war, der den Nationalsozialismus überhaupt zusammenhielt. (Desgleichen vereinigt heute der „Antizionismus“ die hoffnungslos zersplitterte Linke!)

Das, was für die Nazis und Stalinisten die Unterwanderung der Gesellschaft durch „Juden“ („Kosmopoliten“) und „Saboteure“ war, ist für die Linksliberalen die „soziale Gerechtigkeit“: ein Vorwand, mit dem sich alles rechtfertigen läßt.

Der Holocaust war in der UdSSR und später in allen anderen kommunistischen Staaten ein großes Tabu und wurde fast nie erwähnt, weil natürlich Kommunisten, nicht „zionistische Juden“, die Heroen des Antifaschismus hätten sein sollen. Entscheidender war aber wohl, daß man nicht die eigene „antizionistische“ Propaganda hintertreiben wollte, denn zur Zeit Hitler-Deutschlands und danach gab es in der Sowjetunion die Kampagne gegen den „Trotzkismus“, die eindeutig antisemitische Züge trug und durchtränkt war von der Vorstellung, aus dem Ausland würden politische „Krankheitserreger“ das Mutterland des Sozialismus vergiften.

Ganz wie die Nazis dem „Weltjudentum“ sowohl den „jüdischen Bolschewismus“ als auch den „Wall Street-Kapitalismus“ zur Last legten, galt der „Linksabweichler“ Trotzki als Werkzeug des internationalen Faschismus. Daß das stalinistische mit dem nationalsozialistischen Muster identisch war, zeigte sich aber erst in der Zeit von 1949 bis 1953 mit der Kampagne gegen den „wurzellosen Kosmopolitismus und Zionismus“, der für den zersetzenden Einfluß des prosperierenden, libertären „dekadenten Westens“ stand, der sich dergestalt in den „Zionisten“ (Juden) personalisierte. Sie würden den sowjetischen Volkskörper vergiften und stünden außerdem hinter den angeblichen „zionistischen Sabotage-Aktionen“ des Westens, bei denen krankheitserregende Bakterien und landwirtschaftliche Schädlinge, z.B. Kartoffelkäfer, in den sozialistischen Luftraum eingebracht würden.

Ähnliches geschah 1968 in Polen, als die Partei von „zionistischen Elementen“ gereinigt wurde – und der Kommunismus endgültig sein wahres, nämlich Nazi-Gesicht zeigte. Manche Historiker sehen in den damaligen antisemitischen Ereignissen in Polen, die an schierer Widerwärtigkeit einfach nicht mehr zu überbieten waren, den Anfang vom moralischen Ende des Weltkommunismus.

Und dieses rote Nazitum war kein Ausrutscher: es gehörte durchgehend zum Kommunismus. Das ging soweit, daß die KPD die NSDAP gegen Ende der Weimarer Republik in Sachen Antisemitismus überholen wollte. (Ähnlich der „antizionistischen“ „Antifa“ heute!)

Für die KPD waren „die Nationalsozialisten nichts anderes (…) als die Speerspitze von Bourgeoisie und Großkapital. Da letzteres auch aus Sicht der Kommunisten jüdisch dominiert war, prophezeite Politbüro-Mitglied Hermann Remmele das baldige Verschwinden des zweiten Teils des nationalsozialistischen Schlachtrufs „Deutschland erwache! Juda verrecke!“. In ihrer ideologischen Verblendung gingen sie sogar so weit, im jüdischen Großkapital die Hinterleute Hitlers zu sehen. So hieß es in der Roten Fahne über antisemitische Ausschreitungen der SA im jüdischen Scheunenviertel Berlins: „Die Pogrome, die diese von dem jüdischen Großkapital gut bezahlten Horden durchführen, sind Mörderfeldzüge gegen arme Proletarier, die nicht nur in dem tiefsten Elend dieser kapitalistischen Gesellschaft ihr Dasein fristen, sondern auch Sklaven einer mittelalterlichen Zurückgebliebenheit sind.“ (Ralf Georg Ruth: Hitler. Eine politische Biographie, München 2005)

Links eine Karikatur aus dem Stürmer von Anfang der 30er Jahre, rechts eine aus einer sowjetischen Zeitung Anfang der 70er Jahre:

Der Antisemitismus war von Anfang an konstitutionelles Element der sozialistischen Emanzipationsbewegung. Wie August Bebel so schön sagte: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummen.“ Dies sieht man z.B. bei Fourier und Proudhon, sowie natürlich bei Michail Bakunin, der über seinen Jünger Netschajew direkter Vorgänger von Lenin war. 1871 hatte dieser Papst des Anarchismus hitleresk über seine Persönliche Beziehung zu Marx geschrieben:

Nun, diese ganze jüdische Welt, die eine einzige ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur über die Staatsgrenzen hin, sondern auch über alle Verschiedenheiten der politischen Meinungen hinweg, – diese jüdische Welt steht heute zum größten Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verfügung… Dies mag sonderbar erscheinen. Was kann es zwischen dem Kommunismus und der Großbank gemeinsames geben? O! Der Kommunismus von Marx will die mächtige staatliche Zentralisation, und wo es eine solche gibt, muß heutzutage unvermeidlich eine zentrale Staatsbank bestehen, und wo eine solche Bank besteht, wird die parasitische jüdische Nation, die in der Arbeit des Volkes spekuliert, immer ein Mittel zu bestehen finden…

Aber auch Marx und Engels waren wütende Antisemiten, nicht anders als ihr nationalsozialistischer Gegenspieler Dühring, dessen alles bestimmender Antisemitismus vom Antisemiten Engels im Anti-Dühring bezeichnenderweise nur kurz gestreift wird. Nach Dühring sollte Privateigentum durch autonome republikartige Wirtschaftskommunen ersetzt werden. Aus dieser Bewegung ging einerseits die asketische, antisexuelle, hochneurotisch-kollektivistische Kibbuz-Bewegung über den Dühring-Schüler Franz Oppenheimer hervor, der Wirtschaftsberater Theodor Herzls war (und bei dem der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard 1924 promovierte). Andererseits geht die antitschechische, antiklerikale und antisemitische „Deutsche Arbeiterpartei“ (DAP), die 1904 in Trautenau in Böhmen gegründet wurde, unmittelbar auf Dühring zurück. Nach dem Krieg wurde über diverse Neugründungen daraus schließlich die NSDAP (– und gegen Ende des Nazi-Regimes wurde der indirekte Dühring-Schüler Ludwig Erhard vom Inland-Chef des SD, Otto Ohlendorf beauftragt, Wirtschaftskonzepte für den Fall der Niederlage auszuarbeiten…).

Die Hitler-Tochter Ulrike Meinhof hat in einem Interview gesagt, daß hinter Auschwitz ein wahres, von den Nazis ausgebeutetes antikapitalistisches Gefühl gesteckt habe, bei dem die Juden stellvertretend für die Kapitalisten vernichtet wurden. Diese Äußerung der „antifaschistischen“ Walküre war eine Reflexion von Marxens Gleichsetzung von Kapitalismus und Judentum. Nach der Wiedervereinigung hat ein Neo-Nazi-Führer und Ex-SED-Genosse vor Gericht ausgesagt, daß sein Wechsel vom Real- zum Nationalsozialisten nicht so verwunderlich sei, denn die BRD hasse er genauso wie früher, außerdem hätten schon Marx und Engels den Kapitalismus auf das Judentum zurückgeführt.

Diese Gleichsetzung geht auf Hegel und auf Fichte zurück, der 1808 nach einem Holocaust verlangte. Das war wiederum ein direkter Ausfluß der Lutheranischen kollektivistischen Zwangsmoral, hatte Luther doch schon 1543 in seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen für einen Holocaust plädiert. Die Juden symbolisierten das freie Unternehmertum einer separaten, also freien, amoralischen Menschengruppe, die sich nicht in die Volksgemeinschaft einpassen will und Profite und Zins von ihr abschöpft. Daraus entwickelte sich bruchlos das sozialistische Bild von habgierigen, sündhaften, unmoralischen, entarteten und bösen Kapitalisten, die das arbeitende Volk wie Vampire aussaugen. Im Grunde sind Nazis, Kommunisten (einschließlich originale Marxisten) und die heutigen ökologischen und pazifistischen Dritte Welt-Aktivisten alle von dieser Art christlichem antisexuellen Moralismus geprägt.

William S. Schlamm (Teil 3)

27. August 2010

Obwohl Schlamm in den 30er Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr zu Reich hatte, während Reich seinen alten Freund beispielsweise etwas konsterniert in der Massenpsychologie des Faschismus erwähnte, kann er uns auch über diese Zeit einiges sagen, was zum Verständnis der Reich-Biographie beiträgt.

In Die jungen Herren der alten Erde beschreibt Schlamm diese Jahre wie folgt: Hitler war an die Macht gekommen und plötzlich war die Sowjetunion, die seit 1923 fast ihre gesamte Faszination für Intellektuelle verloren hatte, wieder die einzige Hoffnung der Menschheit. (Ich möchte hinzufügen, daß damit Reich in seiner Haltung zur KP sich entgegengesetzt zum Zeitgeist bewegte.) Schlamm führt weiter aus, daß in einer Art haßerfülltem linkem „McCarthyismus“ jeder gnadenlos niedergemacht wurde, der es wagte die Sowjetunion zu kritisieren. Stalin war der neue unantastbare Gott, die einzige Hoffnung.

Eine Gruppe von sozialistischen Intellektuellen (wenn man mal von den Trotzkisten absieht), darunter auch Psychoanalytiker, blieben der Sowjetunion gegenüber kritisch bis feindlich eingestellt, obwohl sie linke Sozialisten und Marxisten waren: die nach Leninistischen Prinzipien organisierte Geheimorganisation „Neu Beginnen“.

Schlamm beschrieb sie 1972 in einer Kolumne für die Zeitbühne (Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder. Ausgewählt von Kristin von Philipp, München: Georg Müller Verlag, 1977, S. 324-327). Seine Ausführungen sind wohl karikaturhaft überzeichnet und hier und da schlichtweg falsch, aber er war Zeitzeuge und hat in Prag bis 1938 in diesen Kreisen verkehrt.

Schlamm hat die persönliche Entwicklung von Willy Brandt verfolgt und betrachtet ihn als den hilfreichsten Unterstützer einer bestimmten geschichtlichen Bewegung sozialistischer Revolutionäre. Ihr politisches Programm sei die Verstellung. Kanzler Brandt führe nur das aus, was er in den 30er Jahren in der Gruppe „Neu Beginnen” gelernt habe. Bereits vor Hitlers Machtergreifung fanden sich dort die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), bei der Brandt Mitglied war, enttäuschte Kommunisten und einige Marxistische Gelehrte zusammen. Dr. Karl Frank (alias Paul Hagen, alias Willi Müller), ein Freund aus Schlamms Wiener Jugendzeit, war einer der beiden Führer der Geheimgruppierung (neben Walter Loewenheim alias Miles).

Ihr Ziel war die Durchdringung von und schließliche Machtübernahme in allen Parteien links von Hitler. Das versuchte Neu Beginnen mit Hilfe von „Mimikry“ zu bewerkstelligen. Statt die beschränkten Kräfte des revolutionären Sozialismus mit den kindischen und gefährlichen Strategien der Kommunisten zu verschwenden, wollte Neu Beginnen zunächst die eigene Machtübernahme in allen existierenden linken Parteien orchestrieren und dann mit genau derselben Strategie die Macht in der gesamten Gesellschaft übernehmen. „Revolution durch Anpassung“, Sozialismus in Allianz mit der Großindustrie. Damals habe Schlamm seinem Freund Karl Frank erklärt, daß dies ein ziemlich absonderliches Programm sei.

Frank war ein sehr tatkräftiger und faszinierender Mann und Brandt wurde einer seiner engsten und ergebensten Anhänger. In den 30er Jahren sei der Erfolg von Neu Beginnen phänomenal gewesen: Agenten von Neu Beginnen saßen im Vorzimmer von Kanzler Brüning, im englischen Unterhaus, in der Norwegischen Arbeiterpartei, im Büro des amerikanischen Präsidenten, in der Zentrale von Himmlers Gestapo, im Sekretariat der SPD im Exil und im Sekretariat des Völkerbundes. Die Leitung von Neu Beginnen (mit Karl Frank und seinem hingebungsvollen Mitarbeiter Willy Brandt) blieb jedoch eine in sich geschlossene, abgeschottete Geheimorganisation mit einer festen sozialistischen Identität trotz all der Verstellung und „Mimikry“.

Nach Hitlers Fall kehrten die gut ausgebildeten Kader von Neu Beginnen nach Deutschland zurück. Die meisten schlossen sich der SPD an, unter ihnen Fritz Erler, stellvertretender Vorsitzender der SPD, und natürlich Willy Brandt. Andere wurden Gewerkschaftsfunktionäre oder kamen in der Sozialversicherungs-Bürokratie unter, bei den Volksbanken, wurden Redakteure der Parteipresse – alle Institutionen, die von der SPD dominiert wurden. Sie wurden Universitätsprofessoren, Bundestagsabgeordnete oder Staatssekretäre. Schlamm schätzt, daß gegenwärtig (also 1972) ein Viertel des deutschen Establishments (Staatsmaschinerie, Presse, Öffentlicher Rundfunk, Universitäten, Parteien) direktes Erbe von Neu Beginnen ist.

Der größte Erfolg von Neu Beginnen war jedoch Willy Brandt, der hingebungsvollste und aufnahmewilligste Schüler von Karl Frank. Frank selbst war jedoch enttäuscht vom Resultat seiner Lebensarbeit. In den 60ern, als Brandt deutscher Außenminister wurde, hatte Frank schon längst seinen Glauben an das Konzept von Neu Beginnen verloren. Er wurde melancholisch und zog sich in die Psychoanalyse zurück. Als er in New York starb, schickte Außenminister Brandt ein Beileidsschreiben.

Brandt selbst blieb Neu Beginnen und ihrem Kader treu. 1972 sind seine Regierungsberater und die Führung der SPD fast ausschließlich aus alten Mitgliedern von Neu Beginnen zusammengesetzt. Brandt glaube, so Schlamm, noch immer an die Allmacht der Verstellung, der Infiltration und schließlichen Machtübernahme. Im Beisein der Bourgeoisie sei er ein Bourgeoise, im Beisein von Genossen Genosse, bei Patrioten ein Patriot, bei Staatsmännern ein Staatsmann und im Beisein von Revolutionären sei Brandt ebenfalls Revolutionär. Das mache die ganze Kunst von Neu Beginnen aus. Dieser Epigone Karl Franks (zu dem sich Schlamm im übrigen persönlich immer hingezogen fühlte) sei der neue Meister der Mimikry, der legitime Erbe von Neu Beginnen.

Brandt sei entschlossen den Sozialismus mit Hilfe der Großindustrie aufzubauen, in Zusammenarbeit mit den USA mit der Sowjetunion gute Beziehungen aufzunehmen, die Massen vom „Opium für das Volk“ mit Hilfe der Protestantischen Kirche zu befreien, die deutsche Einheit durch Aufteilung Deutschlands in Westdeutschland, Ostdeutschland und Westberlin zu erreichen und die Pressefreiheit in Kooperation mit den Verlegern zu beseitigen. All dies könne Brandt erreichen, da Brandt das Leben und die Politik als ein Spiel mit einstudierten Rollen betrachtet. Ein Spiel, das von Intellektuellen ersonnen und von Schauspielern gespielt wird. Brandt selbst sei der größte Schauspieler.

Edgar Allen Poe habe eine Detektivgeschichte geschrieben, in der ein gestohlenes Dokument von der Geheimpolizei nicht gefunden wird, weil es ganz offen auf dem Tisch liegt und von jedem gesehen werden kann. Dies sei der geheime Trick aller Verschwörungen: sie sind immer öffentlich. Genauso sei auch die Verschwörung von Neu Beginnen eine öffentliche Darbietung.

Soweit Schlamm. Welche Rolle Neu Beginnen im Leben Reichs spielte, werde ich an anderer Stelle näher ausführen. Es läßt sich aber schon jetzt sagen, daß Reich mit diesen „Leninistischen“ Verschwörungen und der sektiererhaften Politisiererei (die etwa Otto Fenichel zur gleichen Zeit mit seinen „Rundbriefen“ in die Psychoanalyse trug) nichts aber auch rein gar nichts zu tun haben wollte und als Gegenentwurf das Konzept „Arbeitsdemokratie“ entwickelte.

Am Ende meiner drei Blogbeiträge über Schlamm möchte ich noch kurz auf eine Kolumne eingehen, die er 1976 in der Zeitbühne veröffentlicht hat. Es geht um eine Verschwörungstheorie, die heute mehr Anhänger findet denn je. Schlamm macht sich zu Recht über all die „Theorien“ der Verschwörungswichser lustig – Theorien über Freimauerer, „die Weisen von Zion“, die Illuminati, die Rotarier, die Multinationalen Konzerne, Wall Street, etc. Stattdessen verweist er auf die offene Verschwörung, die jeder sehen könne: die kommunistische Verschwörung gegen die freie Welt.

Schlamm bezieht sich auf die damaligen „Rockefeller-Papiere”, denen zufolge die Rockefeller-Familie mit den Rothschilds, den Bolschewisten, den Freimaurern und „den Juden“ zusammenarbeite, um eine Welt zu kreieren, die von Nelson Rockefeller und einer Rockefeller-Dynastie geführt wird. Schlamm stimmt zu, daß die Rockefellers und Rothschilds alles andere als sympathische Menschen seien, aber es sei der totale Schwachsinn zu glauben, es gäbe eine Einheitsfront mit den Kommunisten. Um rätselhafte Phänomene in der Weltpolitik zu verstehen, reiche die kommunistische Verschwörung vollkommen aus. Anzunehmen, daß die Kommunisten sich den Rockefellern unterordneten, sei einfach nur lächerlich.

Der triebhafte Charakter heute

27. März 2010

Bisher hat man versucht, Psychopathen vor allem von ihrem Mangel an Angst, was die Konsequenzen ihrer Taten betrifft, her zu verstehen. Neuste Forschungen zeigen jedoch, daß sie weit eher von dem Lustgewinn getrieben werden. Man nehme etwa Diebstahl: wenn der Psychopath eine fremde Geldbörse sieht, die er sich aneignen kann, ist subjektiv die Vorfreude und objektiv die Dopamin-Ausschüttung im Gehirn (die man mit bildgebenden Verfahren verfolgen kann) weitaus größer als bei normalen Menschen. Er kann sich gar nicht gegen den Griff zum fremden Portemonnaie wehren. Psychopathen sind zu sofortiger Gratifikation Getriebene, ähnlich Drogenabhängigen.

Sie sind genau das, was Reich bereits Anfang der 20er Jahre untersucht hat: triebhafte Charaktere (Frühe Schriften I). Aus heutiger orgonomischer Sicht sind triebhafte Charaktere Menschen, die zwar gepanzert sind, bei denen jedoch die Panzerung desorganisiert und in ewiger Fluktuation ist. Aus diesem Grunde sind sie auch untherapierbar, da sich kein festumrissener Ansatzpunkt darbietet, um die Neurose auszuhebeln. Dieses „Schillernde“ macht ihre ganze Faszination aus, die sie für den „richtig“ gepanzerten Menschen so überaus anziehend macht. Bekanntlich bezeichnete Reich den destruktiven Charismatiker Hitler als den „Generalpsychopathen“.

Der triebhafte Charakter bestimmt heute erneut die Führungsetagen. Man denke nur einmal an Obama Antichrist und seine Botschaft „Vordere dein Recht ein!“ und vor allem an die „zockenden“ Führungsspitzen der „Wall Street“ a la Madoff.

Ein typischer triebhafter Charakter ist „Rambo“: ein haltloser junger Mann wird unter einer dominierenden Vaterfigur zu einem extrem guten Soldaten, der weder Angst noch Empathie kennt, verfällt dann wieder nach der Armeezeit und wird zu einem haltlosen Landstreicher. Während sich Rambo einen künstlichen Muskelpanzer antrainiert, um seine triebhaften Impulse unter Kontrolle zu halten, unterwerfen sich mehr intellektuelle Typen Konzentrationsübungen, um ihren Geist zu disziplinieren.

Ständig ist der haltlose Psychopath auf der Suche nach einem äußeren Halt. Wobei es ziemlich gleichgültig ist, ob er sich okkulten oder faschistischen Bewegungen anschließt. Es ist kein Wunder, daß auch die „Wilhelm-Reich-Bewegung“ von diesen Charakteren bevölkert ist, zumal Reich selbst eindeutig triebhafte Züge zeigte. Das erklärt auch Reichs frühe Beschäftigung mit dem triebhaften Charakter.

Man darf sich im übrigen nicht durch Äußerlichkeiten verwirren lassen. Genauso wie „Rambo“ kann auch eine spindeldürre „Schwuchtel“ ein triebhafter Charakter sein. Er kann ebenso gut aus einer Finanzdynastie wie aus dem Lumpenproletariat stammen. Er kann Self-Made-Millionär sein, aber auch Hartz-IV-Empfänger. Libertärer „Kapitalist“ oder sektiererischer Maoist. Grunzendes Umweltschwein oder pikierlicher Veganer.

Der „triebhafte Charakter“ ist Resultat sowohl allzu brutaler als auch zu nachgiebiger Erziehung (Reich in der Besprechung von Furrer, A.: „Der ‘moralische Defekt’, das Schuld- und Strafproblem in psychoanalytischer Beleuchtung“ Imago XIII(1), 1927, S. 141-142).

Beides verhindert (in psychoanalytischer Sprache) die Ausbildung eines funktionierenden „vernünftigen“ Über-Ichs bzw. (in orgonomischer Sprache) die Formierung einer konsistenten Panzerung. Das Übr-Ich bzw. die Panzerung des triebhaften Charakters läßt anfangs eine Luststeigerung zu, mehr als bei normalen Menschen, jedoch schlägt dann das „isolierte Über-Ich“ um so härter zu, die „unbefriedigte“ Panzerung verkrampft um so stärker, die Frustration ist um so größer, entsprechend die Triebhaftigkeit. Man denke nur an die Karikatur einer „alkoholkranken Nymphomanin“ oder an Charly Chaplins Darstellung des „Hysterikers“ Hitler.

Die Nomenklatura der „Marktwirtschaft“

23. Oktober 2009

Die kapitalistische Nomenklatura wuchert wie ein Krebsgeschwür am arbeitsdemokratischen Organismus.

Als Oskar Lafontaine 2005 aus der SPD austrat, verwies er als Alternative zu Schröder und Merkel voller Begeisterung auf die expansive Geld- und Fiskalpolitik der angelsächsischen Welt. Gemeinsam höhlten und höhlen Kommunisten wie Lafontaine und sein fiskalpolitisches Vorbild, der angeblich „konservative“ George W. Bush, den Kapitalismus energetisch aus und steuern auf eine apokalyptische Weltwirtschaftskrise zu. Mit Obama sind alle Dämme gebrochen.

Immerhin will Obama die Managergehälter um durchschnittlich 90 Prozent kürzen, wenn die Unternehmen Staatshilfe erhalten haben. Die Manager werden dann immer noch ein Vermögen verdienen! Daran sieht man, welche Summen die Leute, die die Weltwirtschaft und damit die Menschheit an den Rand des Abgrundes geführt haben, raffen. Beispielsweise will eine der Wall Street-Banken ihren Top-Leuten in diesem Jahr insgesamt 16,7 Milliarden Dollar zahlen!

Dazu auch folgender Bericht aus Deutschland:

Das Arbeitsgericht Frankfurt hat Klagen auf höhere Bonuszahlungen von Mitarbeitern der Commerzbank abgelehnt. (…). Die Dresdner Bank als Rechtsvorgängerin der Commerzbank habe zwar im Dezember 2008 weitere um bis zu 90 Prozent höhere Bonuszahlungen in Aussicht gestellt. Die Bonusbriefe beinhalteten nach Ansicht des Gerichts aber keine „rechtsverbindlichen Erklärungen“ (…) Die einzelnen Klageforderungen schwankten zwischen 29 166 und 450 000 Euro.

In der vergangenen Woche hatte das Frankfurter Gericht einem ehemaligen leitenden Investmentbanker der Dresdner Bank trotz Milliardenverlusten seiner Abteilung den Anspruch auf Zahlung einer Abfindung in Höhe von 1,5 Millionen Euro zugestanden. Die Commerzbank hatte die Zahlung mit Verweis auf den großen Verlust im vergangenen Geschäftsjahr abgelehnt. Der Banker hatte nach Darstellung des Gerichts bereits drei Millionen Euro an Boni erhalten, obwohl seine Abteilung 2008 einen Verlust von 6,2 Milliarden Euro gemacht hatte.

Bereits 2003 zitierte das rechtskonservative Internet-Journal The Federalist Digest den Finanzanalytiker und Publizisten Don Bauder:

Wenn der Klassenkrieg ausbricht, werden sich die Aktiengesellschaften und Wall Street nur selbst die Schuld geben können. Vor drei Jahrzehnten verdienten die Geschäftsführer der 100 größten Gesellschaften das 39-fache dessen, was der durchschnittliche Arbeiter erhielt. Jetzt sind es 1000mal mehr.

2002 war das Einkommen in den Chefetagen Großbritanniens dramatisch angestiegen – um das Siebenfache im Vergleich zum durchschnittlichen Einkommen. Bei den Spitzenmanagern der 100 führenden Gesellschaften stieg das Einkommen im Durchschnitt um 23% (auf 1 677 685 Pfund), während es beim Volk nur 3,2% waren. Gleichzeitig war der Wert der betroffenen 100 Firmen in den vorangegangenen drei Jahren um 50% gesunken!

Damals berichtete das Wall Street Journal unter Berufung auf die US-Steuerbehörde, daß die 400 größten Steuerzahler der USA im Jahr 2000 ein Vermögen von fast 70 Milliarden Dollar aufgewiesen hatten – gegenüber 53,5 Milliarden Dollar im Jahr davor!

An der Abkoppelung der Managergehälter vom realen Wirtschaftsleben und aberwitzigen Steigerungsraten im Einkommen der vermeintlichen „Elite“ wird sofort deutlich, wie über alle Maßen grotesk unser Geldsystem ist. Die einzige gangbare Alternative zum derzeitigen irrealen Kapitalismus findet sich in Ökonomie und Sexualökonomie.

Dort wird der planwirtschaftliche (!) Mechanismus beschrieben, der die „Nomenklatura“ unermeßlich reich macht. Es sind mafiöse Strukturen, die langsam aber sicher unsere Gesellschaft unterhöhlt haben und sie sehr bald zum Kollabieren bringen werden.

Kritikern des Goldes, etwa Kybeline, sei gesagt, daß es vollkommen gleichgültig ist, was Gold „kostet“, da ein Geldschein durch nichts als „Vertrauen“ gedeckt ist (also bereits heute durch – nichts!), während Gold „pures Geld“ ist. Wie Milton Friedman es einmal ausdrückte: farbig bedrucktes Papier hat nur deshalb einen Wert, weil alle glauben, daß es einen Wert hat! Siehe dazu auch Deep Space Nine blickt zurück auf unsere heutige Zeit.

Todeskurve


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