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Der Rote Faden: Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

1. Juni 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Der Rote Faden: Reich und Trotzki

10. Juni 2016

Seit 1980 ist durch das Trotzki-Archiv eine kurze Korrespondenz zwischen Reich und Trotzki zugänglich (Karl Fallend: „Späte Kontakte: Reich-Trotzki-Briefe“, Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik., Jg. 4, Nr. 1/2, 1987, S. 75-84). Zusätzlich seit 1992 ein Brief von Heinz Epe (Walter Held) an Albert Glotzer über das Treffen von Reich und Trotzki Anfang 1936 in Oslo (Fritz Erik Hoevels: Wilhelm Reichs Beiträge zur Psychoanalyse, Ahriman, 2001, S. 286f)

In einem Brief vom Oktober 1933 bat Reich Trotzki um ein Treffen, um über Reichs Enttäuschung hinsichtlich der kommunistischen Bewegung und auch über seine sexualpolitische Arbeit und deren Beziehung zur revolutionären Politik zu sprechen. Reich legte ein Exemplar seiner soeben erschienenen Massenpsychologie des Faschismus bei.

Insbesondere ist interessant wie Reich auf seine Sexpol-Aktivitäten in Berlin zurückblickt: Er habe in Deutschland seit 1931 die kommunistische sexualpolitische Bewegung organisiert. In Westdeutschland sei die Zusammenfassung von 40 000 Mitgliedern (der insgesamt 300 000 Mitglieder umfassenden Sexualreformbewegung) gelungen. Er habe zwei Jahre einen aufreibenden Kampf gegen die Parteibürokratie gefochten, um eine genuin kommunistische sexualpolitische Linie auszuarbeiten. Er sei jedoch seiner Leitungsfunktion enthoben worden und die Bewegung brach in sich zusammen. Nun versuche er die Kräfte international zu bündeln. Es sei eine eigene sexualpolitische Massenorganisation vonnöten, doch dies ginge nicht ohne Anbindung an eine politische Partei. Aus diesem Grunde wende er sich nun an Trotzki.

Rein politisch habe ich mich von der grundsätzlichen Richtigkeit Ihrer Auffassungen überzeugt und verfolge aufmerksam die Arbeit der L.O. [d.h. der „Trotzkistischen“ linken Opposition in der kommunistischen Bewegung]. Obwohl ich selbst immer weniger an die Möglichkeit einer Wiederherstellung der kommunistischen Partei glaube, konnte ich mich noch nicht restlos mit der Frage der Gründung einer neuen Partei ins Klare bringen. Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß so groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden. Sollte ich ausgeschlossen werden oder aber die Politik der Komintern, wie etwa die Außenpolitik der SU, nicht mehr durch Mitgliedschaft mitverantworten können und selbst austreten, dann bliebe zunächst nur die Möglichkeit, eine Zeitlang parteilos weiterzuarbeiten und die neue parteiliche Bindung abzuwarten. Da meine Arbeit sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht ein neues, bisher brachliegendes Gebiet der revolutionären Front betrifft, muß ich mir einige Selbständigkeit bewahren, ohne Partisan sein zu wollen, solange, bis entweder die revolutionäre Partei grundsätzlich einverstanden ist [oder?].

Trotzki antwortete am 7. November 1933, daß er auf Reichs Gebiet nicht sonderlich bewandert sei, doch an einem weiteren Austausch durchaus interessiert sei.

Zwei Jahre später am 10. September 1935 schrieb Reich an Trotzki, um dessen Meinung über sein Manuskript Masse und Staat (das später in Die Massenpsychologie des Faschismus Eingang fand) einzuholen. Trotzkis Antwort vom 18. September 1935 war fast identisch mit seiner Antwort 1933.

Bemerkenswert ist, daß Trotzkis Buch Die verratene Revolution in Norwegen zu der Zeit geschrieben wurde, als er mit Reich in Kontakt stand und daß zuvor Reich seine eigene „Die verratene Revolution“ an Trotzki gesandt hatte: Masse und Staat. Reich hatte das Manuskript damals nicht veröffentlicht, sondern nur an einige „Genossen“ geschickt – inklusive Stalin. Eine revidierte Fassung wurde erstmals 1946 in The Masspsychology of Fascism veröffentlicht.

Es ist möglich, daß Trotzki Reichs Manuskript las und daß es Die verratene Revolution beeinflußt hat.

Die verratene Revolution hatte zwei Effekte. Indem das Buch Stalins Haß explodieren ließ:

  1. löste es unmittelbar die blutigen Säuberungen, die Moskauer Prozesse von 1937 und 1938 aus; und
  2. hatte Trotzki mit der Veröffentlichung dieses Buches sein endgültiges Todesurteil unterschrieben.

Mit seinem Manuskript hat demnach Reich vielleicht ungewollt zum Tod von Hunderttausenden beigetragen – und sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Nach der Veröffentlichung von The Masspsychology of Fascism wurde er von den amerikanischen Stalinisten als „Psychofaschist“ angegriffen – und ein Jahr später startete die Stalinistin Mildred Brady die Kampagne, die schließlich in Reichs Verhaftung und Tod im Gefängnis kulminierte.

Auf jeden Fall wird man in Moskau die Kontakte von Reich und Trotzki, bei denen es immerhin um organisatorische Fragen ging, mit äußerstem Interesse verfolgt haben! Wenn man etwa Dimitri Wolkogonows Buch über Trotzki (Das Janusgesicht der Revolution, Düsseldorf 1992) liest, wird es zur Gewißheit, daß in solchen Fällen Stalin höchstpersönlich informiert wurde. Er wurde ohnehin über alles, was im Umfeld Trotzkis geschah, auf dem Laufenden gehalten. Jede kleinste Einzelheit! Wolkogonow macht zwei bemerkenswerte Beobachtungen:

  1. Trotzki befand sich zwischen dem 18. Juni 1935 und dem 19. Dezember 1936 in Oslo – ein ziemlich langer Zeitraum! Agent „Gamma“ berichtete im November 1936 nach Moskau, daß aufgrund einer Übereinkunft zwischen Norwegen und der Sowjetunion die Korrespondenz Trotzkis geöffnet werde. Trotzki wurde nicht nur überwacht, es gab dabei auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Norwegen und der SU. Wurde Reichs Korrespondenz ebenfalls geöffnet? War er schon damals mehr im sowjetischen Netz gefangen, mit aktiver Unterstützung durch die Norweger, als er jemals zu denken gewagt hat?
  2. Wolkogonow beschreibt all die kleinen Parteien zwischen den stalinistischen KPs (Dritte Internationale) und den „revisionistischen“ SPs (Zweite Internationale). Parteien und Bewegungen wie Willy Brandts SAP oder Karl Franks Neu Beginnen (man könnte auch Reichs Sexpol nennen). Einige dieser „Zwischenparteien“ waren mit der Trotzkistischen „Vierten Internationalen“ verbunden. Wolkogonow, der seine Informationen aus den Geheimarchiven des KGB schöpfte, schreibt, daß diese Parteien nicht nur Mitglieder umfaßten, die (wie Reich) zuvor aus den KPs und SPs ausgeschossen worden waren, sondern auch eine ganze Reihe von GPU-Agenten, die alle Inforationen umgehend nach Moskau weiterleiteten. Als schließlich die Vierte Internationale am 3. September 1938 gegründet wurde (tatsächlich hatte sie seit 1933 funktioniert), gab es nur einen Trotzkistischen Repräsentanten für Rußland: Mark Sborowski, einer von Trotzkis engsten Mitarbeitern – und Agent der GPU.

Zur Verdeutlichung: die Zweite Internationale scheiterte am Ersten Weltkrieg, so daß sie mit einiger Berechtigung durch die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale abgelöst wurde. 1923 gründeten die Sozialdemokraten die Sozialistische Arbeiterinternationale, die bis 1940 bestand hatte. 1951 wurde die Sozialistische Internationale durch Kurt Schumacher ins Leben gerufen.

Mark Sborowski (1908-1990) war Sohn russischer Emigranten in Polen und dort Mitglied der KP. Er wanderte nach Frankreich aus und trat dort in den Dienst der GPU. Auf Wikipedia heißt es über ihn (hier „Zborowski“ genannt):

In Paris arbeitete Zborowski ab 1933 unter dem Namen Etienne als stalinistischer Spion in den Reihen der trotzkistischen Bewegung in Frankreich. Seine Berichte wurden von Stalin persönlich gelesen. Er gilt als Beteiligter an der Ermordung von Erwin Wolf und Ignaz Reiss 1937, sowie Leo Sedow [Trotzkis Sohn] und Rudolf Klement 1938. Nach Sedows Tod wurde Zborowski Herausgeber und Redakteur des „Bulletins der Opposition“. Im September 1938 machte er Ramón Mercader mit der Trotzkistin Sylvia Ageloff bekannt, was diesem 1940 Zugang zu Leo Trotzki verschaffte und das tödliche Attentat auf ihn ermöglichte. Zborowski erhielt an der Sorbonne ein Diplom als Fachmann für Ethnologie und betrieb erfolgreich anthropologische Forschung. 1941 emigrierte er in die USA, wo er seine Agententätigkeit gegen die Vierte Internationale fortsetzte. In den 1950ern wurde er enttarnt und mußte vor einem Senatsausschuß für Innere Sicherheit aussagen. 1962 wurde er wegen Meineids verurteilt und saß zwei Jahre in Haft.

Wolkogonow beschreibt das Schicksal von Sborowski in Amerika. Beispielsweise gaben Margaret Mead und Sborowski 1952 eine ethnologische Studie über Juden in Osteuropa heraus. Mead war mit Sborowski engbefreundet und sollte ihn stets unterstützen. William Steig, Reichs Mitarbeiter, war von 1936 bis 1949 mit Elizabeth Steig (1909–1983), der Schwester von Margaret Mead verheiratet.

Es ist ziemlich aufschlußreich Stalins Kampagne gegen Trotzki und wie die geradezu dämonische Schmierkampagne funktionierte (sogar wohlmeinende Linke fingen an Trotzki als den letzten Dreck zu betrachten), mit der Schmierkampagne gegen Reich zu vergleichen!

Es muß aber auch gesagt werden, daß Trotzki eine Art „Ur-Stalin“ war. Stalin führte eine rein „Trotzkistische“ Politik durch: erzwungene Industrialisierung, Militarisierung der Gesellschaft, extrem anti-kapitalistische Maßnahmen, sektiererische ideologische Vereinheitlichung, Dogmatismus, Zensur, etc.pp. Sie, Trotzki und Stalin, haßten einander so sehr, weil sie, bei allen z.T. krassen Unterschieden der Persönlichkeit, sich in mancher Hinsicht so sehr glichen. Es war Trotzki, der als erster die Idee hatte Gefangene als Arbeitssklaven für den „Aufbau des Sozialismus“ zu nutzen. Natürlich war Trotzki nicht solch ein psychopathologisches Monster wie Stalin, aber er war ein „ideologisches Monster“. Ein hervorragendes Beispiel für den pseudo-liberalen „modern-liberal character”. Bronstein sprach Deutsch und auf Deutsch klingt der Name „Trotzki“ wie „Trotz”. Ödipaler Trotz gegen das „Establishment“.

Stalin ließ aus persönlichen Gründen töten, Trotzki wegen der „historischen Notwenigkeit”. Ich würde soweit gehen, daß bis etwa 1928 Stalins Herangehensweise weit rationaler und humaner war als die Trotzkis. Genau aus diesem Grund wurde er auch von den Apparatschiks vorgezogen, die Angst vor dem „Bonaparte“ Trotzki hatten. Danach verwirklichte Stalin genau das, was Trotzki zuvor gepredigt hatte: erzwungene Industrialisierung, Ausbeutung der „kleinbürgerlichen“ Bauernschaft um die Industrialisierung voranzubringen, Militarisierung aller Lebensbereiche, „Proletarisierung“ der Kader, so daß mediokere Volldeppen wie Chruschtschow und Breschnew an die Macht gelangen konnten, „proletarische Erbarmungslosigkeit“, das für Trotzki so typische Sektierertum, etc.pp.

Selbst der Hang zu Verschwörungstheorien, beispielsweise die „Sozialfaschismus“-Theorie, war zunächst bei Trotzki zu finden. Circa 1924 peinigte diesen die Frage, wie es möglich sei, daß je höher eine kapitalistische Gesellschaft entwickelt ist, desto schwächer die KP in dem betreffenden Land ist. Seine Antwort: die Sozialdemokratie sei zu einem Erfüllungsgehilfen amerikanischer Kapitalinteressen geworden (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 90). Wenn etwas nicht nach Marxistischer Theorie lief, dann war nicht etwa die Theorie falsch, sondern Eingriffe von außen brachten die „historischen Gesetzmäßigkeiten“ durcheinander.

Und noch etwas zu Stalin: Wenn man Wolkogonows Buch über Stalin (Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1993) liest: Stalin gab eine perfekte „Charakteranalyse“ jedes einzelnen der alten hochintellektuellen Bolschewisten, die er einen nach dem anderen umbringen ließ. Stalin selbst legte die charakterologische Basis des Kommunismus offen!

Soweit zur „Ehrenrettung“ Reichs als „Anti-Stalinisten“.

In Reichs vom Kommunismus inspirierten Werken finden sich Aussagen, die allem widersprechen, wofür Reichs Konzept der „fachbewußten“ Arbeitsdemokratie steht. Zum Beispiel wollte Reich in den 1930er Jahren ganz nach kommunistischem Muster die Stellung des Industrieproletariats ausnutzen, um als „Gegengewicht gegen die eng zünftlerischen und eng berufsfachlichen Interessen, die der Kapitalismus unter den Arbeitern gezüchtet hat“, zu wirken (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 228, d.h. im „Trotzkistischen“ Kapitel „Masse und Staat“). Reichs reife Position hat wirklich rein gar nichts mehr mit derartigen Marxismen zu tun.

Im Juni 1922 befaßte sich das Politbüro auf Initiative Lenins mit den „antisowjetischen Gruppierungen“ innerhalb der Intelligenz. Der hierzu gefaßte Beschluß, der in erster Linie auf Unschlicht, Kurski und Kamenew zurückging, glich den Richtlinien der mittelalterlichen Inquisition. Unter anderem wurde angeordnet, eine „Aussonderung bei den Studenten“ vorzunehmen, mit dem Ziel einer „strengen Aufnahmebeschränkung für Studenten nicht-proletarischer Herkunft und politisch unzuverlässiger Elemente“. Zudem sollte „eine sorgfältige Überprüfung aller Presseorgane“ durchgeführt werden. Man verfügte weiterhin, „daß weder Kongresse noch sonstige Versammlungen diverser Spezialisten (Ärzte, Agronome, Ingenieure, Rechtsanwälte usw.) durchgeführt werden dürfen, die nicht durch den NKWD genehmigt worden sind. Örtliche Kongresse oder Versammlungen dieser Personengruppen werden durch die Exekutivkomitees des Gouvernements kontrolliert. Gewerkschaftliche Vereinigungen dieser speziellen Berufsgruppen werden gesondert behandelt und aufmerksam beobachtet. (Dimitri Wolkogonow: Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf 1994, S. 137f)

Aber zurück zum Thema: Im folgenden beziehe ich mich auf Natalja Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume: die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924 – 1938), Klinkhardt Verlag, 2005, S. 243 plus Dokument 20 und auf Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron (FS&G, 2011, S. 188f).

Otto Ernst Knobel (alias Brand), Jahrgang 1908, stammte aus Schwerin. 1922-1928 Besuch der Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln, Freundschaft mir Bruno Krömke. Mitglied des Sozialistischen Schüler-Bundes (SSB) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Schulkampf. Seit 1927 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland (KJVD), seit 1929 in der KPD, Redakteur der Zeitung Kommunistische Jugendinternationale. Er studierte fünf Semester an der Berliner Universität. 1933 Emigration nach Paris ohne die Partei um Einwilligung zu bitten. Er bekommt keinen offiziellen Emigrantenstatus zuerkannt. In Paris Kontakt mit Trotzkisten.

Zu dieser Zeit (1934) besuchte auch Reich die französische Hauptstadt und traf dort mit einigen Trotzkistischen Vertretern zusammen, die, nach seinen Angaben, alle Die Massenpsychologie des Faschismus gelesen hatten. Rückkehr Knobels nach Deutschland. 1935 Emigration nach Frankreich und Dänemark. In Kopenhagen arbeitet er in Reichs Verlagshaus. Das erwähnte Treffen in Paris sei vermutlich, so Christopher Turner, von Knobel arrangiert worden, der zu den Trotzkisten fand, bevor er zu Reich nach Dänemark ging. Er könnte es gewesen sein, der die Pariser Trotzkisten mit Exemplaren von Die Massenpsychologie des Faschismus versorgt hatte. Später gibt er an, mit Reich wegen persönlicher Konflikte gebrochen zu haben. Jedoch sagten andere Genossen bei den Verhören in Moskau aus, daß er mit Reichs Einwilligung zunächst nach Berlin ging und dann einen Monat später über Intourist in die UdSSR kam. Er habe Reich derartig nahegestanden, daß er dessen Briefe an Trotzki las und sogar selbst abgeschickt hatte.

Nachdem Knobel im Juni 1935 in der UdSSR ankommt, zeitweilige Arbeit am Moskauer Elektrotechnischen Institut für Nachrichtenwesen. Seit September 1935 unterrichtet er an der Karl-Liebknecht-Schule (Werken bzw. „Technologie“), ab September 1936 Klassenleiter und Biologielehrer, verantwortlich für das Biologiekabinett. Im Sommer 1936 einer der Leiter bei der Schulreise zum Sewan-See (Armenien). Im April 1936 informierte die Kaderabteilung die zuständigen Behörden über Knobels Vergangenheit. Er wird Anfang Oktober 1936 verhaftet und im Juni 1937 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Vermutlich ist er im Lager ums Leben gekommen.

Turner:

Das Komintern-Dokument das ihn stigmatisierte, ein Bericht von 1936 mit dem Titel „Trotzkisten und andere feindliche Elemente in der Emigrantengemeinde der deutschen KP“ [Dokument 20] beschuldigte Knobel Reich beim Verfassen und Übersenden seiner Briefe an Trotzki geholfen zu haben und behauptete, daß Reich „aus der KPD wegen Trotzkismus ausgeschlossen worden war“ (William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934-1939, New Haven: Yale University Press, 2001, S. 166). Wahrscheinlich haben Sowjetagenten Reichs [ersten] Brief an Trotzki abgefangen und möglicherweise hat das, ohne daß Reich dies ahnte, zu seinem Ausschluß aus der Dänischen Kommunisten Partei im darauffolgenden Monat beigetragen.

Turner zieht in Zweifel, daß Reich und Trotzki sich getroffen haben, obwohl sie in der gleichen Stadt lebten, Oslo. Sein überzeugendes Argument: es paßt einfach nicht zu Reichs Ego, daß er darüber für den Rest seines Lebens Schweigen gewahrt hätte. Aber Reich hat Trotzki tatsächlich im April 1936 zu einer eingehenden Unterredung getroffen. Siehe dazu Christiane Rothländers extrem wertvolles Buch Karl Motesiczky 1904-1943 (Wien 2010, S. 217f).

Beispielsweise hat auch Willy Brandt Trotzki nie getroffen, obwohl Trotzki 1935 und 1936 der bei weitem prominenteste politische Flüchtling in Norwegen war. Zwar wurde Brandt Anfang 1935 mitgeteilt, er könne Trotzki sehen, aber dann lehnte Trotzki ein Treffen ab wegen Brandts „opportunistischer Haltung in der ‚Norwegen-Frage‘“ (was immer diese „Norwegen-Frage“ auch gewesen sein mag). Brandt zufolge war Trotzki in ideologischer Hinsicht äußerst puristisch (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982). Er traf also Reich, weil dieser ausreichend „linientreu“ war. Im übrigen verlief das Gespräch Reich/Trotzki, nach Epes Erzählung, ziemlich ernüchternd: Die sexuellen Lockerungen am Anfang der Sowjetunion waren Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die üblichen Marxistischen Versatzstücke. – Reich war sicherlich „Leninist“, aber schlichtweg kein Marxist!

Ein weiterer Hinweis von Turner ist sehr interessant und wird angesichts des tatsächlich stattgefundenen Treffens in seiner Bedeutung nur nochmals unterstrichen. Es geht um Trotzkis bereits erwähntes 1936 veröffentlichtes Buch Verratene Revolution, dessen Einfluß auf Reichs politische Haltung, so Turner, „unermeßlich“ war:

Trotzki analysierte die Art und Weise in welcher die kommunistische Revolution seit Lenins Tod in die Hose gegangen war. Er glaubte, sie sei von Bürokraten gekapert worden und sagte als Ergebnis den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus: er rief zu einem weiteren reinigenden Aufstand auf. Trotzki kritisierte den neuen „Familienkult“, der in Rußland unterstützt wurde und den er als zynischen Trick zur „Disziplinierung der Jugend durch 40 Millionen Stützpunkte der Autorität und der Macht“ betrachtete. Das war genau die Strategie, die Reich Hitler in Die Massenpsychologie des Faschismus vorgeworfen hatte. Trotzki dokumentierte auch Stalins „sexuellen Thermidor“, der die Reformen der Oktoberrevolution, die Ehe und Sexualität betrafen, rückgängig machte; nun war Abtreibung verboten, Sodomie wieder ein Straftatbestand und die Ehescheidungsgesetze waren verschärft worden. Reich war von den Berichten über die Unterstützung sexueller Unterdrückung angewidert; sie zerschlugen ein für allemal seine rosigen Illusionen hinsichtlich des russischen Kommunismus. Nachdem er Trotzkis Streitschrift gelesen hatte, bezeichnete er Stalin als „den neuen Hitler“ und die Stalinisten als „rote Faschisten“.

Es ist zwar mehr als fraglich, ob es dazu Trotzkis Buch bedurft hatte, aber ohne Zweifel hat es den sicherlich immer noch schwankenden Reich bestärkt. Was Turner nicht erwähnt: die Beeinflussung war wechselseitig. Rothländer:

Daß die Diskussion mit Reich nicht ohne Wirkung auf Trotzki geblieben ist, läßt seine wenig später veröffentlichte Arbeit Verratene Revolution vermuten. Darin kam Trotzki in dem „Familie, Jugend, Kultur“ überschriebenen Kapitel auch auf jene Fragestellungen, die im oben erwähnten Brief [an Trotzki] bereits angeschnitten wurden, ausführlich zu sprechen und unterzog, wie auch Reich in seiner Arbeit Die Sexualität im Kulturkampf (1936), die Verschärfung der der Sexualgesetzgebung in der Sowjetunion einer kritischen Analyse.

Es ist nicht nur „anzunehmen“, sondern schlichtweg sicher, daß all dies den Sicherheitsbehörden in Moskau, die sich praktisch ausschließlich mit Trotzki und den „Trotzkisten“ beschäftigten, nicht entgangen ist. Dies zu Reichs „paranoider“ Angst vor den Roten Faschisten in Amerika!

Wie bereits angeschnitten: als Die Sexualität im Kulturkampf neun Jahre später in Amerika unter dem Titel Die sexuelle Revolution erschien, 1946 Die Massenpsychologie des Faschismus, wurde Reich von den Stalinistischen Fellow Travellers als „Psychofaschist“ gebrandmarkt. Ein Jahr später, 1947, trat Mildred Brady auf den Plan…