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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Paläokonservative gegen Neokonservative

19. Dezember 2016

Vor einem Jahrhundert beherrschte der Westen den gesamten Planeten. Seitdem reibt er sich in nicht enden wollenden Selbstmordversuchen immer weiter auf. Fast immer geht es um unsinnige Garantien und lächerliche „Freundschaften“. Was hatte, beispielsweise, um alles in der Welt, Amerika im Ersten Weltkrieg verloren? Hat es sich für England wirklich gelohnt, wegen einem lächerlichen Regionalkonflikt (Wegerechte durch Westpreußen und der Status von Danzig, zwei Gebiete, die überwiegend von Deutschen besiedelt waren!), den Zweiten Weltkrieg vom Zaun zu brechen? Man sehe sich die folgende Dokumentation an, die ich zwar ebenfalls ziemlich einseitig finde – aber für die andere Seite sorgen ja Schule und Medien, die uns tagtäglich neu umerziehen:

Am Ende hatte wirklich jeder verloren. Das Perfideste ist vielleicht, daß im öffentlichen Bewußtsein die Vorstellung vorherrscht, daß gegen Hitler gekämpft werden mußte, um die Juden zu retten! Der Holocaust begann jedoch erst nachdem man in den Krieg hineingeschlittert war – und während des Krieges ging es von alliierter Seite dezidiert ganz und gar nicht um die Juden. Tatsächlich scherte man sich einen Dreck um sie! (Man nehme nur Reich in Amerika: er verbrachte seine Urlaube u.a. deshalb im Zelt, weil in weiten Teilen der USA neben den Hoteleingängen stand: „Nur für Christen!“) Und den deutschen Widerstand gegen Hitler haben sie geradezu sabotiert.

Heute haben wir fast ein identisches Szenario mit dem Iran, der seit nunmehr drei Jahrzehnten „eingekreist“, „eingedämmt“ und zum Hort alles Bösen stilisiert wird. Tatsächlich sind aber Saudi-Arabien und die anderen Golfmonarchien unsere wirklichen Todfeinde, wie einst die Sowjetunion der wirkliche Todfeind der freien Welt war. Die Ölscheichs finanzieren Al Kaida, ISIS und die schleichende Islamisierung des Westens; sie sind es, die uns unterwandern, nicht die Iraner! Die Schiiten sind eine kleine krypto-christliche Minderheit im Weltislam und müssen entsprechend radikal islamistisch (und extrem israelfeindlich) auftreten, doch in der Realität – oder sagen wir lieber perspektivisch – sind sie wegen ihres Status als bedrängte Minderheit, die nicht mal wirklich mohammedanisch ist, eher auf unserer Seite.

Moral oder gar „Gefühle“ haben in der Politik nichts zu suchen, sondern nur Interessen! Das hatte beispielsweise General Patton beherzigt, als er am Ende des Krieges meinte, daß die Deutschen die falschen Gegner gewesen waren und man nun zusammen mit den Resten der Wehrmacht doch bitte gegen den wahren Feind, die Sowjetunion ziehen sollte. Wenige Jahre später hat (bzw. natürlich hätte) man genau das ja auch tatsächlich getan! Nur, daß die Wehrmacht nun „Bundeswehr“ hieß und amerikanische Uniformen trug.

Genauso mag es heute vielleicht moralisch gut aussehen, gegen den „Islamo-Faschismus“ der Iraner anzugehen, aber tatsächlich ist es ein lächerlicher Nebenschauplatz, denn währenddessen breitet sich der saudische Wahabismus über den Planeten aus. Ja, die Bahais werden im Iran blutig verfolgt, aber währenddessen ist die arabische Halbinsel „juden- und christenrein“!

Es ist gut möglich, daß sich am Konflikt mit dem Iran (ein Konflikt, der hinter dem gesamten „arabischen Frühling“ steht, nicht nur hinter dem Krieg in Syrien!) ein neuer Weltkrieg entfacht – und wieder wird der Westen gegen den falschen Gegner antreten. So abgrundtief widerlich und hassenswert das Regime der Ayatollahs auch sein mag: sie sind es, die die Wahabiten in Schach halten.

Ich hatte mich in den 1980er Jahren tierisch über die vermeintliche „Idiotie“ von Rainer Zittelmann (übrigens ein Krypto-Reichianer) aufgeregt, der versucht hatte, den gordischen Knoten der linken Dominanz in Westdeutschland durch eine Neubewertung des nationalsozialistischen Regimes und des Zweiten Weltkrieges zu durchtrennen, d.h. die „Umerziehung“ frontal anzugreifen. Ich betrachtete Zittelmanns Ansatz als gemeingefährliche Idiotie, denn darauf warten ja die Linken: daß Konservative sich als klammheimliche „Nazis“ outen.

Doch erstens nehmen die Linken diese Gleichsetzung ohnehin vor und zweitens: bei mir hat Zittelmanns Taktik mit einer jahrzehntelangen Inkubationszeit gewirkt. Der Zweite Weltkrieg gilt als das Beispiel für einen „gerechten Krieg“ und mit dem Stichwort „Hitler“ läßt sich seitdem wirklich alles rechtfertigen: der Irak, das Kosovo, der Iran, die Überfremdungspolitik… Ich gönne Hitler, Saddam, Milosevic, Gaddafi, etc. ihr Schicksal von ganzem Herzen, aber… Aber, beispielsweise, ohne die durchweg idiotischen Interventionen der Engländer hätte die Wehrmacht Hitler weggeputscht und der Nazispuck wäre verpufft. Den Engländern ging es aber ohnehin nicht um Hitler und erst recht nicht um die Juden, sondern dezidiert um die Vernichtung des Deutschen Reiches von 1871! Saddam und sein unmittelbares Umfeld hätte man beseitigen können und durch ein „normales“ arabisches Regime ersetzten können, ohne Tausende GIs für die „Demokratie“ zu opfern, die in einer Stammesgesellschaft ohnehin nicht funktionieren kann. Das gleiche gilt für Afghanistan und überhaupt alle großartigen Projekte der Neokonservativen, die so auftreten, als wollten sie der Geschichte im Sinne von Marx Beine machen: orientalische Despotie → bürgerliche Demokratie → das Paradies auf Erden (Kommunismus). Genuine Konservative setzen einfach die Interessen ihres Landes durch und achten darauf, daß die Kosten nicht den Gewinn übersteigen: fertig.

Tantra (1996/1997)

10. Dezember 2016

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Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Tantra (1996/1997)

 

 

O. 2011: Ein sehr klar und bestens formulierter Beitrag. Er trifft den Kern des Gegensatzes zwischen den zwei sexual-energetischen Ansätzen. Nun beide Richtungen sind letztlich eine Quälerei – Psychotherapie ist kein Vergnügen und das, was wie pures sexuelles Vergnügen in Form von Tantra aussieht, womöglich mit einer schönen Frau, ist nicht nur sexuelle Triebunterdrückung, sondern zugleich Gehirnwäsche mit dem Ziel Körper und Geist (in diesem Fall kann man davon sprechen) zu formen. Energetische Aufladung als Machtinstrument für mystisch-religiöse Zwecke und zur Bildung von Abhängigkeiten mit Suchtcharakter.
Was hier unerwähnt bleibt, ist, dass die Reichzene mit ihrer socalled „Ogrontherapie“ (etc.) nicht anderes macht!!!
Energetisches Wissen kann immer wieder missbraucht werden zur Bildung faschistoider Strukturen. Dies wird natürlich nicht bewußt, so doch wissentlich angewandt und konzipiert. Wer hierfür blind ist, dem ist nicht zu helfen. Ohne ein vernünftige Psychotherapie – ich wage nicht mehr von Orgontherapie zu sprechen – ist eine faschistische Orgontherapie a la östlicher „Energetik“ vorprogrammiert. Und diese Form der „deutschen Orgonomie“ ist leichter zu ertragen, als sich mit den Schmerzen seiner Psyche in einer Körpertherapie auseinanderzusetzen.
Deswegen ist man noch lange kein „Reichianer“, weil man sich einen Orgonakkumulator baut und da reinsetzt, oder weil man Eva Reichs Methode benutzt, um andere von der „Reichlehre“ zu überzeugen. Man ist noch derselbe Faschist, der man vorher strukturell war. Nur dass hier keine Rassenideologie verbreitet wird, sondern Reichs Dogma „orgastischer Puslation“ zum Kriterium für die Heilslehre genommen wird.
So wird aus einem kleinen privaten esoterischen Interesse eine faschistische Interpretation und Okkupation der Orgonomie. PN hat den Mut dies hier in den vielen Artikeln zu diskutieren. Und die Vermischung von blauen, roten und braunen Faschismus zerstört jeden Ansatz Reichs Gesellschaftskritik zu einer erkenntnistheoretischen und strukturellen Veränderung werden zu lassen. Es macht keinen Unterschied, ob Reich bildlich gekreuzigt wird, seine Bücher verbrannt werden oder ob man Reich auf diese Weise vertritt und in den blauen Himmel der lebensenergetischen Forschung lobt, wo die Engelchen fliegen.

Klaus: „Meditation führt zur Panzerung des okularen Segments und zur Zerstörung des Orgonenergie-Feldes.“
Solche Aussagen interessieren mich sehr; ich kenne regelmäßig Meditierende, die mir tatsächlich irgendwie so vorkommen, und eigene Versuche z. B. mit Stille-ChiGong erweckten bei mir den Eindruck einer merkwürdigen Einkapselung des Energiegefühls in einzelne ‚Bahnen‘, was einerseits für eine Weile konzentrationsfördernd sein konnte, sich andererseits aber unangenehm künstlich und verengt anfühlte. Doch gibt es Erfahrungen – etwa aus therapeutischer Praxis -, die diese Annahme in Bezug auf das okulare Segment und das Orgonfeld genauer stützen?

Peter 2011: Ich verweise etwa auf http://www.w-reich.de/nelson.html
Noch etwas:

Yoga, meditation, and mind control are processes of relaxed concentration that slow down the autonomic functions (breathing, heart, etc.) whereby the intuitive and telepathic processes are tapped. Demonstrably, they work, despite the mystical trappings usually associated with them; but, for most, they lessen contact with their direct organ perceptions. This was as true for me when I took courses in mind control and meditation, as it was for some of my classmates. Yet, when these orgonotic senses are used spontaneously and naturally, they have no side effects. Dr. Elsworth Baker says he habitually uses this kind of contact in treating patients, but he doesn’t hold his breath or slow down his heartbeat. When I, on rare occasions, have spontaneously had telepathic and intuitive experiences, they have not been accompanied by any detectable changes in other functions. This is not conclusive, but it is fairly good circumstantial evidence that mind control, meditation, and yoga are artificial, forced ways of achieving what is natural to the unarmored. The deliberate efforts to attain orgonotic sensory perceptin tend to fail or are at least miniscule in their results compared to the great effort put into them, probably because they are an effort to force an orgonotic function, and that doesn’t work any better than does trying to force love or human contact – they are purely spontaneous events that occur from the free flow of energy. (Loi Wyvell: „Orgone and You“ Offshoots of Orgonomy No. 1, S. 19f)

Tzindaro 2016: While in India, I visited a Reichian Ashram where the guru had a copy of Reich’s function Of The Orgasm on his bookshelf. He told me he thinks he is the only married guru in India. He said this is because his own teacher had a stroke at the age of 75 and after meditating on it, told his students he thought it had happened to him because of pent-up pressure from more than 50 years of sexual abstinence, so he advised his students to marry.

Denis Roller 2012: Ja, es gibt sie noch, die echten Vampirjäger, Exorzisten und-Männer. Nehmt euch in Acht ihr Spassemacken. Wir fackeln nicht lange…

Klaus: „Liste von „Erleuchteten“, die an somatischen Biopathien, insbesondere Krebs, verreckt sind“
Darüber wüsste ich gerne mehr!
Warum ‚Erleuchtung‘ überhaupt erstrebenswert sei, wird auch nie gesagt.

Klaus: Etwa so stelle ich mir das vor: http://blog.stuttgarter-zeitung.de/licht/2011/03/15/erleuchtungsram/

Robert: Der einzige Heilige in Hamburg-Altona

O.: Wer bei Reich bis jetzt die Erleuchtung des Orgasmus gefunden haben mag, wird hier fündig:
Nein jetzt kommt nicht Fischers Seite, sondern die hier:
http://www.advaita-tantra.de/wordpress/

Robert: Hier mal was zum Thema Körpertherapie bei Amazon läuft
http://www.amazon.de/gp/bestsellers/books/557528/ref=pd_zg_hrsr_b_1_5_last

Robert 2014: OSHO: Jenseits der Grenzen des Verstandes. Das Märchen von der Psychologie
Wilhelm Reich, ein Tantra-Meister unserer Zeit
Der deutsche Psychologe Wilhelm Reich stieß auf ein paar innere Geheimnisse der Bioenergetik, und er wandte sie auch in der Behandlung seiner Patienten an. Aber man warf ihm vor, er sei anti-sozial; er wurde eingesperrt und für verrückt erklärt. Was war es, woran Reich gearbeitet hat und woran ist er gescheitert ? … Wilhelm Reich fing an, mit der menschlichen Energie zu arbeiten. Und natürlich, wenn du mit der menschlichen Energie arbeitest, dann stößt du unweigerlich auf die Quelle von allem – und das ist die sexuelle Energie … Und im Gefängnis müssen sie ihn ungeheuer gequält haben. Er war kein Mann, der so leicht zerbricht; er war ein ausgeglichener Mensch, und diejenigen, die ihn kannten, haben bezeugt, dass es nur wenige gibt, die so stark, so in sich gefestigt und mit beiden Beinen auf der Erde sind, wie er es tat – aber im Gefängnis wurde er verrückt. Ich habe den Verdacht, dass man ihn mit Absicht in den Wahnsinn getrieben hat … Ich nenne Wilhelm Reich einen modernen Tantra-Meister, obwohl er selbst sich dessen nicht bewusst war. … Wilhelm Reich wird eine Renaissance erleben, denn was er getan hat, war absolut wissenschaftlich. … Er gehört zu uns. Ich gebe ihm nachträglich Sannyas.
http://h0rusfalke.wordpress.com/bernd-senf-uber-wilhelm-reich-die-bildung-des-charakterpanzers-in-der-kindheit/

Funktionalismus und Antikommunismus

28. November 2016

Um das Wesen einer Sache zu begreifen, ist es gut eine Entsprechung zu finden, so daß die funktionellen Zusammenhänge deutlicher hervortreten. Man nehme etwa das Stachelkleid eines Igels. Man kann es mit allen möglichen Mitteln untersuchen, etwa eine elektronenmikroskopische Untersuchung eines Stachels durchführen oder versuchen, die evolutionäre Entwicklung des Stachelkleides zu rekonstruieren. Die zentrale Funktion der Stacheln geht aber erst auf, wenn man sie mit etwas möglichst in jeder Hinsicht anderem gleichsetzen kann, hier etwa mit dem Werkschutz einer Fabrik. Es geht hier um die Abwehr äußerer Feinde. Mit welchen Mitteln diese Funktion durchgeführt wird und wie sich diese Mittel entwickelt haben, ist erst mal gleichgültig.

Betrachten wir die heutigen Kommunisten, d.h. jene Leute, für die diese Gesellschaft durchgehend und unveränderbar (jedenfalls unter der heutigen Ordnung unveränderbar) keinerlei Existenzberechtigung hat, weil ihr Standard für eine gerechte und lebenswerte Gesellschaft über alle realistischen Maßstäbe hinausgeht, hilft es wenig, die Geschichte ihrer Ideologie von Marx bis Marcuse zu rekonstruieren oder irgendwelche soziologischen und psychologischen Studien über diese Leute vorzulegen. Was sehr wohl hilft, um sie zu begreifen und entsprechend besser mit ihnen umzugehen, ist die Suche nach einer Entsprechung. Eine solche findet sich spontan bei den Gnostikern im Römischen Reich, zu denen anfänglich auch viele Christen zu zählen waren. Es hätte sogar passieren können, daß das Christentum selbst als eine der unzähligen gnostischen Sekten in die Geschichte eingegangen wäre. Ihr Ansatz war, daß der Schöpfer dieser von Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod gequälten Welt in Wirklichkeit der Teufel ist und daß der wahre Gott, der Erlösergott, außerhalb dieser Hölle ist und uns aus ihr befreien will. Lichtgestalten wie Christus seien seine Boten. Diese denkbar tiefgreifende anti-autoritäre Haltung führte zu einer heimlichen oder sogar offenen Ablehnung jedweder Institutionen und konnte sich sowohl in extremer Askese, als auch in extremen sexuellen Ausschweifungen zeigen. Wenn man will kann man in die Gnosis bereits die ganze Aufklärung hineinlesen. (Ich hoffe, der Leser kann all den mystischen Unsinn, der sonst in die Gnosis durch Anthroposophen, Jungianer, etc. hineingelesen wird, beiseite lassen!)

Der Blick auf die Gnostiker ermöglicht es uns die heutigen Kommunisten in schärferen Umrissen zu sehen, d.h. das Wesentliche (Überzeitliche) vom Unwesentlichen (Zeitgebundenen) zu scheiden. Kommunisten sind Nihilisten, denen kein gesellschaftlicher Zustand gut genug ist. Beispielsweise hat Trotzki ausgeführt, daß selbst wenn alle Arbeiter im Kapitalismus den Lebensstandard eines Millionärs hätten, die Gesellschaft dennoch ungerecht und eine Revolution unausweichlich sei, da ihnen immer noch der Mehrwert genommen wird. Nichts, buchstäblich nichts, wird den Kommunisten jemals zufriedenstellen. Das ist im übrigen der verborgene rationale Aspekt der Stalinistischen Säuberungen gegen vermeintliche „Trotzkisten“. Selbst eine kommunistische Gesellschaft kann keinen Bestand haben, gleichgültig wie ideal sie auch immer sei, die wirklichen (d.h. charakterologischen) Kommunisten werden die „Befreiung“ immer weiter vorantrieben. Nichts wird „Rote Brigaden“ jemals einlenken lassen. Imgrunde lehnen sie das Leben selbst, das gesamte Universum ab. Ihr Gott ist Satan, der ewige Widersacher, der ewige Neinsager. Für sie hat nichts, was erschaffen ist, wert erhalten zu bleiben. In ihrem unstillbaren Haß gegen „die Schöpfung“ sind Kommunisten die ultimative Ausdrucksform der Emotionellen Pest.

Igitt: Sex, Schlamm und Ackerknecht

8. Oktober 2016

Bücherlogo

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Igitt: Sex, Schlamm und Ackerknecht

 

 

Robert sagte 2010: Der Publizist William S. Schlamm,… rechtskonservativer Reich-Hasser
Es ist typisch für die vielen Konservativen, dass sie perverse Sexualität nicht von natürlicher Sexualität unterscheiden können und deswegen Reich missverstehen. Schlamm ist da beileibe nicht der Einzige. Der übelste Vorwurf ist, Reich hätte den sexuellen Kindesmissbrauch unterstützt.
Während die Konservativen Reich unterstellen, er fördere Perversionen, unterstellen ihm die Liberalen, er wolle eine genitale Diktatur errichten (und die Prä-Genitalität unterdrücken).

Klaus: Immer wenn ich anfing, was von Bloch zu lesen, war ich sehr gelangweilt, weil ich mich fragte, was er außer historischen Thesen zu bieten hat an allgemeinen Erkenntnissen. Und wenn da auch allgemeinere Erkenntnisse sind, kann man die kürzer und klarer zum Ausdruck bringen. Diese Standardautoren der Linken machten sich eben vierzig Jahre gut in Regalen – Suhrkamp hat ja gleich fürs Design gesorgt. Nun hatten die linken Studenten immerhin wenigstens Helden fürs Bücherregal – die gegenwärtigen haben u. a. wegen der standardisierten Veranstaltungen und Prüfungen meistens erheblich weniger Lektüreerfahrungen aus eigener Initiative. Nicht einmal mehr zum Protzen ist etwas im Regal aneinandergereiht.
Wie sehr z. B. Adorno bloß Kultstatus hatte (und z. T. noch hat) (wie mir scheint: ohne inhaltlich Umwerfendes mitzuteilen), merkte ich z. B. daran, dass in einem meiner spannendsten Seminare – über kleine Schriften Gottlob Freges – mein Nachbar einerseits heimlich, andererseits demonstrativ (Buch unterm Tisch, aber vor Seminarbeginn sichtbar) Adorno las.

Robert: Adorno hat allerdings mit die „Studien zum autoritären Charakter“ geliefert, womit er die Psychostruktur des faschistischen Charakters liefern wollte. Es hat allerdings mehr mit Sozialpsychologie statt Tiefenpsychologie zu tun. Ich bezweifele, ob er Reichs „Massenpsychologie“ gelesen hat – jedenfalls merkt man darin wenig (in der Suhrkamper Taschenbuchausgabe). Das Buch erschien 1950 als Sammelwerk in den USA.
http://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4rer_Charakter

Jonas Says:
@Robert:
Habe leider die Quelle nicht parat, erinnere mich aber gelesen zu haben, dass sich Adorno im „autoritären Charakter“ stark an Reich orientierte – auch wenn er seinen Namen nicht erwähnt. In privaten Briefen diskutiert er dies aber. Er gibt Reich den Vorzug gegenüber Erich Fromm, da letzterer den Fehler beginge, die psychoanalytische Methode direkt auf die Gesellschaft anzuwenden, während Reich psychoanalytische und soziologische Methodik nach ihren Zuständigkeitsbereichen getrennt halten will.
Das man davon zugegebenermaßen wenig merkt, ist natürlich eine andere Geschichte. Zum Verhältnis Adorno-Reich sind sicherlich Laskas Arbeiten im LSR-Projekt lesenswert (Stichwort Re-pulsions- und De-zeptionsgeschichte).

Klaus: Wie trivial es ist, was er zum irrationalen Kampf gegen jegliche Autorität zu sagen hat – eben so trivial, wie das, wogegen er argumentiert, lächerlich ist. Daher wundern mich immer die vielen Worte, die dafür gebraucht wurden.

David 2015: Der libertinistische Gegenpart zum asketisch verträumten Bloch spielte Herbert Marcuse, der Prophet des Anspruchsdenkens, der Leistungsverweigerung und der anti-genitalen polymorph-perversen Erotisierung der Gesellschaft. Alles was die Spießer von je her den fortschrittlichen Menschen fälschlich andichteten, propagierte dieses Schwein.
Und Habermas?
Der wird doch auch immer wieder erwähnt – im Zusammenhang mit der Kritischen Theorie:
Zitat Wikipedia:
Wegen der Vielfalt seiner philosophischen und sozialwissenschaftlichen Aktivitäten gilt Habermas als ein produktiver und engagierter öffentlicher Intellektueller.[2] Vom hegelianisch-marxistischen Ursprung der Frankfurter Schule hat er sich durch die Rezeption und Integration eines breiten Spektrums neuerer Theorien gelöst. Er verband den historischen Materialismus von Marx mit dem amerikanischen Pragmatismus, der Entwicklungstheorie von Piaget und Kohlberg
(ähnlich auch Loevinger – das sind doch die Stadien der moralisch-psychologischen Entwicklung des Kindes wenn ich mich nicht irre; Anmerkung von mir)
und der Psychoanalyse von Freud. Zudem beeinflusste er maßgeblich die deutschen Sozialwissenschaften, die Moral- und Sozialphilosophie. Meilensteine waren vor allem seine Theorie des kommunikativen Handelns
(kommunikatives Handeln klingt ziemlich modern, irgendwie facebook-like; nach Arbeitsdemokratie hört das sich aber gar nicht an, finde ich; Anmerkung von mir)
und, wiederholt inspiriert durch die diskurstheoretische Auseinandersetzung mit Karl-Otto Apel, seine Diskurstheorie der Moral und des Rechts.
Zitat Ende.
Irgendwie kommt mir das alles ziemlich „rechts“ vor und anfangen konnte ich mit Habermas noch nie was. Vielleicht konnte ich ihn noch nicht einmal verstehen.

Robert 2011: Zu Daniel Cohn-Bendit ein informativer Artikel von Bettina Röhl:
Vom Wutbürger zum Machtbürger
Daniel Cohn-Bendit ist eine Art Überpräsident der 68er Bewegung. Seine pädophilen Entgleisungen schaden ihm nicht. Jetzt schwingt er sich zum Oberrichter über Demokratie, Verfassung und die Schweiz auf. Von Bettina Röhl
http://fact-fiction.net/?p=5646#more-5646

Dazu Peter: Bei den lesenswerten Leserbriefen habe ich folgenden interessanten Link gefunden:
http://wireltern.eu/news/die-paedophilenpartei.html
Ich werde niemals soviel fressen können, wie ich kotzen möchte.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger weist Forderungen aus der CSU nach höheren Mindeststrafen für sexuellen Kindesmissbrauch ab.
Im „Hamburger Abendblatt“ nannte die FDP-Politikerin die geforderte Strafverschärfung für jede Form von sexuellem Missbrauch „reine Symbolpolitik“.
http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Justizministerin-gegen-schaerfere-Strafen_aid_949153.html
Ja, es ist symbolisch, daß in diesem Land Diebstahl härter bestraft wird als die Zerstörung einer Kinderseele.

O.: So wie Dieter E. Zimmer im Zeit-Artikel WR interpretiert und dieses Verständnis als das der 68-er hinstellt, wird den Studenten unterstellt sie wollten oder konnte WR nicht verstehen. Aber auch in den 90-ern wurde Reich in Belzig und Berlin in Reich-nahen Kreisen noch als Freifahrtschein zum Ficken missverstanden. Die meisten Reich-Schüler waren aber noch zu verklemmt, um überhaupt mal Sex zu haben, so musste sie dann bei den etwas lockeren sozialisierten Ex-DDR-lern/-innen sich abschauen, wie man einfach mal sich mit jemandem zum Sex verabreden kann.
Also auch in Berlin wurde noch geglaubt, bei „Reich-Lese-Unkundigen“, die aber durch Vorträge glaubten etwas vom genitalen Charakter verstanden zu haben, man müsse nur ficken und frei fließen. Die Eingeweihten wussten natürlich, dass das nichts bringen würde und das man ohne Therapie ohnehin nicht vorankäme.
Das Problem war aber vielmehr eine taugliche Therapie zu finden, wo doch niemand weit und breit eine Ahnung davon hatte … und so beißt sich die „sexuelle Revolution“ noch in ihren eigenen „Schwanz“ – wenn sie einen hat.

Peter 2015: Erneute Hetze von Rechts gegen Reich – angestachelt durch das linke Gesindel…
https://charismatismus.wordpress.com/2015/06/02/linksanarchistische-kinderladen-der-68er-revolutionare-befreiung-durch-kindersex/

Der Rote Faden: Reich und Trotzki

10. Juni 2016

Seit 1980 ist durch das Trotzki-Archiv eine kurze Korrespondenz zwischen Reich und Trotzki zugänglich (Karl Fallend: „Späte Kontakte: Reich-Trotzki-Briefe“, Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik., Jg. 4, Nr. 1/2, 1987, S. 75-84). Zusätzlich seit 1992 ein Brief von Heinz Epe (Walter Held) an Albert Glotzer über das Treffen von Reich und Trotzki Anfang 1936 in Oslo (Fritz Erik Hoevels: Wilhelm Reichs Beiträge zur Psychoanalyse, Ahriman, 2001, S. 286f)

In einem Brief vom Oktober 1933 bat Reich Trotzki um ein Treffen, um über Reichs Enttäuschung hinsichtlich der kommunistischen Bewegung und auch über seine sexualpolitische Arbeit und deren Beziehung zur revolutionären Politik zu sprechen. Reich legte ein Exemplar seiner soeben erschienenen Massenpsychologie des Faschismus bei.

Insbesondere ist interessant wie Reich auf seine Sexpol-Aktivitäten in Berlin zurückblickt: Er habe in Deutschland seit 1931 die kommunistische sexualpolitische Bewegung organisiert. In Westdeutschland sei die Zusammenfassung von 40 000 Mitgliedern (der insgesamt 300 000 Mitglieder umfassenden Sexualreformbewegung) gelungen. Er habe zwei Jahre einen aufreibenden Kampf gegen die Parteibürokratie gefochten, um eine genuin kommunistische sexualpolitische Linie auszuarbeiten. Er sei jedoch seiner Leitungsfunktion enthoben worden und die Bewegung brach in sich zusammen. Nun versuche er die Kräfte international zu bündeln. Es sei eine eigene sexualpolitische Massenorganisation vonnöten, doch dies ginge nicht ohne Anbindung an eine politische Partei. Aus diesem Grunde wende er sich nun an Trotzki.

Rein politisch habe ich mich von der grundsätzlichen Richtigkeit Ihrer Auffassungen überzeugt und verfolge aufmerksam die Arbeit der L.O. [d.h. der „Trotzkistischen“ linken Opposition in der kommunistischen Bewegung]. Obwohl ich selbst immer weniger an die Möglichkeit einer Wiederherstellung der kommunistischen Partei glaube, konnte ich mich noch nicht restlos mit der Frage der Gründung einer neuen Partei ins Klare bringen. Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß so groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden. Sollte ich ausgeschlossen werden oder aber die Politik der Komintern, wie etwa die Außenpolitik der SU, nicht mehr durch Mitgliedschaft mitverantworten können und selbst austreten, dann bliebe zunächst nur die Möglichkeit, eine Zeitlang parteilos weiterzuarbeiten und die neue parteiliche Bindung abzuwarten. Da meine Arbeit sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht ein neues, bisher brachliegendes Gebiet der revolutionären Front betrifft, muß ich mir einige Selbständigkeit bewahren, ohne Partisan sein zu wollen, solange, bis entweder die revolutionäre Partei grundsätzlich einverstanden ist [oder?].

Trotzki antwortete am 7. November 1933, daß er auf Reichs Gebiet nicht sonderlich bewandert sei, doch an einem weiteren Austausch durchaus interessiert sei.

Zwei Jahre später am 10. September 1935 schrieb Reich an Trotzki, um dessen Meinung über sein Manuskript Masse und Staat (das später in Die Massenpsychologie des Faschismus Eingang fand) einzuholen. Trotzkis Antwort vom 18. September 1935 war fast identisch mit seiner Antwort 1933.

Bemerkenswert ist, daß Trotzkis Buch Die verratene Revolution in Norwegen zu der Zeit geschrieben wurde, als er mit Reich in Kontakt stand und daß zuvor Reich seine eigene „Die verratene Revolution“ an Trotzki gesandt hatte: Masse und Staat. Reich hatte das Manuskript damals nicht veröffentlicht, sondern nur an einige „Genossen“ geschickt – inklusive Stalin. Eine revidierte Fassung wurde erstmals 1946 in The Masspsychology of Fascism veröffentlicht.

Es ist möglich, daß Trotzki Reichs Manuskript las und daß es Die verratene Revolution beeinflußt hat.

Die verratene Revolution hatte zwei Effekte. Indem das Buch Stalins Haß explodieren ließ:

  1. löste es unmittelbar die blutigen Säuberungen, die Moskauer Prozesse von 1937 und 1938 aus; und
  2. hatte Trotzki mit der Veröffentlichung dieses Buches sein endgültiges Todesurteil unterschrieben.

Mit seinem Manuskript hat demnach Reich vielleicht ungewollt zum Tod von Hunderttausenden beigetragen – und sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Nach der Veröffentlichung von The Masspsychology of Fascism wurde er von den amerikanischen Stalinisten als „Psychofaschist“ angegriffen – und ein Jahr später startete die Stalinistin Mildred Brady die Kampagne, die schließlich in Reichs Verhaftung und Tod im Gefängnis kulminierte.

Auf jeden Fall wird man in Moskau die Kontakte von Reich und Trotzki, bei denen es immerhin um organisatorische Fragen ging, mit äußerstem Interesse verfolgt haben! Wenn man etwa Dimitri Wolkogonows Buch über Trotzki (Das Janusgesicht der Revolution, Düsseldorf 1992) liest, wird es zur Gewißheit, daß in solchen Fällen Stalin höchstpersönlich informiert wurde. Er wurde ohnehin über alles, was im Umfeld Trotzkis geschah, auf dem Laufenden gehalten. Jede kleinste Einzelheit! Wolkogonow macht zwei bemerkenswerte Beobachtungen:

  1. Trotzki befand sich zwischen dem 18. Juni 1935 und dem 19. Dezember 1936 in Oslo – ein ziemlich langer Zeitraum! Agent „Gamma“ berichtete im November 1936 nach Moskau, daß aufgrund einer Übereinkunft zwischen Norwegen und der Sowjetunion die Korrespondenz Trotzkis geöffnet werde. Trotzki wurde nicht nur überwacht, es gab dabei auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Norwegen und der SU. Wurde Reichs Korrespondenz ebenfalls geöffnet? War er schon damals mehr im sowjetischen Netz gefangen, mit aktiver Unterstützung durch die Norweger, als er jemals zu denken gewagt hat?
  2. Wolkogonow beschreibt all die kleinen Parteien zwischen den stalinistischen KPs (Dritte Internationale) und den „revisionistischen“ SPs (Zweite Internationale). Parteien und Bewegungen wie Willy Brandts SAP oder Karl Franks Neu Beginnen (man könnte auch Reichs Sexpol nennen). Einige dieser „Zwischenparteien“ waren mit der Trotzkistischen „Vierten Internationalen“ verbunden. Wolkogonow, der seine Informationen aus den Geheimarchiven des KGB schöpfte, schreibt, daß diese Parteien nicht nur Mitglieder umfaßten, die (wie Reich) zuvor aus den KPs und SPs ausgeschossen worden waren, sondern auch eine ganze Reihe von GPU-Agenten, die alle Inforationen umgehend nach Moskau weiterleiteten. Als schließlich die Vierte Internationale am 3. September 1938 gegründet wurde (tatsächlich hatte sie seit 1933 funktioniert), gab es nur einen Trotzkistischen Repräsentanten für Rußland: Mark Sborowski, einer von Trotzkis engsten Mitarbeitern – und Agent der GPU.

Zur Verdeutlichung: die Zweite Internationale scheiterte am Ersten Weltkrieg, so daß sie mit einiger Berechtigung durch die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale abgelöst wurde. 1923 gründeten die Sozialdemokraten die Sozialistische Arbeiterinternationale, die bis 1940 bestand hatte. 1951 wurde die Sozialistische Internationale durch Kurt Schumacher ins Leben gerufen.

Mark Sborowski (1908-1990) war Sohn russischer Emigranten in Polen und dort Mitglied der KP. Er wanderte nach Frankreich aus und trat dort in den Dienst der GPU. Auf Wikipedia heißt es über ihn (hier „Zborowski“ genannt):

In Paris arbeitete Zborowski ab 1933 unter dem Namen Etienne als stalinistischer Spion in den Reihen der trotzkistischen Bewegung in Frankreich. Seine Berichte wurden von Stalin persönlich gelesen. Er gilt als Beteiligter an der Ermordung von Erwin Wolf und Ignaz Reiss 1937, sowie Leo Sedow [Trotzkis Sohn] und Rudolf Klement 1938. Nach Sedows Tod wurde Zborowski Herausgeber und Redakteur des „Bulletins der Opposition“. Im September 1938 machte er Ramón Mercader mit der Trotzkistin Sylvia Ageloff bekannt, was diesem 1940 Zugang zu Leo Trotzki verschaffte und das tödliche Attentat auf ihn ermöglichte. Zborowski erhielt an der Sorbonne ein Diplom als Fachmann für Ethnologie und betrieb erfolgreich anthropologische Forschung. 1941 emigrierte er in die USA, wo er seine Agententätigkeit gegen die Vierte Internationale fortsetzte. In den 1950ern wurde er enttarnt und mußte vor einem Senatsausschuß für Innere Sicherheit aussagen. 1962 wurde er wegen Meineids verurteilt und saß zwei Jahre in Haft.

Wolkogonow beschreibt das Schicksal von Sborowski in Amerika. Beispielsweise gaben Margaret Mead und Sborowski 1952 eine ethnologische Studie über Juden in Osteuropa heraus. Mead war mit Sborowski engbefreundet und sollte ihn stets unterstützen. William Steig, Reichs Mitarbeiter, war von 1936 bis 1949 mit Elizabeth Steig (1909–1983), der Schwester von Margaret Mead verheiratet.

Es ist ziemlich aufschlußreich Stalins Kampagne gegen Trotzki und wie die geradezu dämonische Schmierkampagne funktionierte (sogar wohlmeinende Linke fingen an Trotzki als den letzten Dreck zu betrachten), mit der Schmierkampagne gegen Reich zu vergleichen!

Es muß aber auch gesagt werden, daß Trotzki eine Art „Ur-Stalin“ war. Stalin führte eine rein „Trotzkistische“ Politik durch: erzwungene Industrialisierung, Militarisierung der Gesellschaft, extrem anti-kapitalistische Maßnahmen, sektiererische ideologische Vereinheitlichung, Dogmatismus, Zensur, etc.pp. Sie, Trotzki und Stalin, haßten einander so sehr, weil sie, bei allen z.T. krassen Unterschieden der Persönlichkeit, sich in mancher Hinsicht so sehr glichen. Es war Trotzki, der als erster die Idee hatte Gefangene als Arbeitssklaven für den „Aufbau des Sozialismus“ zu nutzen. Natürlich war Trotzki nicht solch ein psychopathologisches Monster wie Stalin, aber er war ein „ideologisches Monster“. Ein hervorragendes Beispiel für den pseudo-liberalen „modern-liberal character”. Bronstein sprach Deutsch und auf Deutsch klingt der Name „Trotzki“ wie „Trotz”. Ödipaler Trotz gegen das „Establishment“.

Stalin ließ aus persönlichen Gründen töten, Trotzki wegen der „historischen Notwenigkeit”. Ich würde soweit gehen, daß bis etwa 1928 Stalins Herangehensweise weit rationaler und humaner war als die Trotzkis. Genau aus diesem Grund wurde er auch von den Apparatschiks vorgezogen, die Angst vor dem „Bonaparte“ Trotzki hatten. Danach verwirklichte Stalin genau das, was Trotzki zuvor gepredigt hatte: erzwungene Industrialisierung, Ausbeutung der „kleinbürgerlichen“ Bauernschaft um die Industrialisierung voranzubringen, Militarisierung aller Lebensbereiche, „Proletarisierung“ der Kader, so daß mediokere Volldeppen wie Chruschtschow und Breschnew an die Macht gelangen konnten, „proletarische Erbarmungslosigkeit“, das für Trotzki so typische Sektierertum, etc.pp.

Selbst der Hang zu Verschwörungstheorien, beispielsweise die „Sozialfaschismus“-Theorie, war zunächst bei Trotzki zu finden. Circa 1924 peinigte diesen die Frage, wie es möglich sei, daß je höher eine kapitalistische Gesellschaft entwickelt ist, desto schwächer die KP in dem betreffenden Land ist. Seine Antwort: die Sozialdemokratie sei zu einem Erfüllungsgehilfen amerikanischer Kapitalinteressen geworden (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 90). Wenn etwas nicht nach Marxistischer Theorie lief, dann war nicht etwa die Theorie falsch, sondern Eingriffe von außen brachten die „historischen Gesetzmäßigkeiten“ durcheinander.

Und noch etwas zu Stalin: Wenn man Wolkogonows Buch über Stalin (Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1993) liest: Stalin gab eine perfekte „Charakteranalyse“ jedes einzelnen der alten hochintellektuellen Bolschewisten, die er einen nach dem anderen umbringen ließ. Stalin selbst legte die charakterologische Basis des Kommunismus offen!

Soweit zur „Ehrenrettung“ Reichs als „Anti-Stalinisten“.

In Reichs vom Kommunismus inspirierten Werken finden sich Aussagen, die allem widersprechen, wofür Reichs Konzept der „fachbewußten“ Arbeitsdemokratie steht. Zum Beispiel wollte Reich in den 1930er Jahren ganz nach kommunistischem Muster die Stellung des Industrieproletariats ausnutzen, um als „Gegengewicht gegen die eng zünftlerischen und eng berufsfachlichen Interessen, die der Kapitalismus unter den Arbeitern gezüchtet hat“, zu wirken (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 228, d.h. im „Trotzkistischen“ Kapitel „Masse und Staat“). Reichs reife Position hat wirklich rein gar nichts mehr mit derartigen Marxismen zu tun.

Im Juni 1922 befaßte sich das Politbüro auf Initiative Lenins mit den „antisowjetischen Gruppierungen“ innerhalb der Intelligenz. Der hierzu gefaßte Beschluß, der in erster Linie auf Unschlicht, Kurski und Kamenew zurückging, glich den Richtlinien der mittelalterlichen Inquisition. Unter anderem wurde angeordnet, eine „Aussonderung bei den Studenten“ vorzunehmen, mit dem Ziel einer „strengen Aufnahmebeschränkung für Studenten nicht-proletarischer Herkunft und politisch unzuverlässiger Elemente“. Zudem sollte „eine sorgfältige Überprüfung aller Presseorgane“ durchgeführt werden. Man verfügte weiterhin, „daß weder Kongresse noch sonstige Versammlungen diverser Spezialisten (Ärzte, Agronome, Ingenieure, Rechtsanwälte usw.) durchgeführt werden dürfen, die nicht durch den NKWD genehmigt worden sind. Örtliche Kongresse oder Versammlungen dieser Personengruppen werden durch die Exekutivkomitees des Gouvernements kontrolliert. Gewerkschaftliche Vereinigungen dieser speziellen Berufsgruppen werden gesondert behandelt und aufmerksam beobachtet. (Dimitri Wolkogonow: Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf 1994, S. 137f)

Aber zurück zum Thema: Im folgenden beziehe ich mich auf Natalja Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume: die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924 – 1938), Klinkhardt Verlag, 2005, S. 243 plus Dokument 20 und auf Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron (FS&G, 2011, S. 188f).

Otto Ernst Knobel (alias Brand), Jahrgang 1908, stammte aus Schwerin. 1922-1928 Besuch der Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln, Freundschaft mir Bruno Krömke. Mitglied des Sozialistischen Schüler-Bundes (SSB) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Schulkampf. Seit 1927 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland (KJVD), seit 1929 in der KPD, Redakteur der Zeitung Kommunistische Jugendinternationale. Er studierte fünf Semester an der Berliner Universität. 1933 Emigration nach Paris ohne die Partei um Einwilligung zu bitten. Er bekommt keinen offiziellen Emigrantenstatus zuerkannt. In Paris Kontakt mit Trotzkisten.

Zu dieser Zeit (1934) besuchte auch Reich die französische Hauptstadt und traf dort mit einigen Trotzkistischen Vertretern zusammen, die, nach seinen Angaben, alle Die Massenpsychologie des Faschismus gelesen hatten. Rückkehr Knobels nach Deutschland. 1935 Emigration nach Frankreich und Dänemark. In Kopenhagen arbeitet er in Reichs Verlagshaus. Das erwähnte Treffen in Paris sei vermutlich, so Christopher Turner, von Knobel arrangiert worden, der zu den Trotzkisten fand, bevor er zu Reich nach Dänemark ging. Er könnte es gewesen sein, der die Pariser Trotzkisten mit Exemplaren von Die Massenpsychologie des Faschismus versorgt hatte. Später gibt er an, mit Reich wegen persönlicher Konflikte gebrochen zu haben. Jedoch sagten andere Genossen bei den Verhören in Moskau aus, daß er mit Reichs Einwilligung zunächst nach Berlin ging und dann einen Monat später über Intourist in die UdSSR kam. Er habe Reich derartig nahegestanden, daß er dessen Briefe an Trotzki las und sogar selbst abgeschickt hatte.

Nachdem Knobel im Juni 1935 in der UdSSR ankommt, zeitweilige Arbeit am Moskauer Elektrotechnischen Institut für Nachrichtenwesen. Seit September 1935 unterrichtet er an der Karl-Liebknecht-Schule (Werken bzw. „Technologie“), ab September 1936 Klassenleiter und Biologielehrer, verantwortlich für das Biologiekabinett. Im Sommer 1936 einer der Leiter bei der Schulreise zum Sewan-See (Armenien). Im April 1936 informierte die Kaderabteilung die zuständigen Behörden über Knobels Vergangenheit. Er wird Anfang Oktober 1936 verhaftet und im Juni 1937 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Vermutlich ist er im Lager ums Leben gekommen.

Turner:

Das Komintern-Dokument das ihn stigmatisierte, ein Bericht von 1936 mit dem Titel „Trotzkisten und andere feindliche Elemente in der Emigrantengemeinde der deutschen KP“ [Dokument 20] beschuldigte Knobel Reich beim Verfassen und Übersenden seiner Briefe an Trotzki geholfen zu haben und behauptete, daß Reich „aus der KPD wegen Trotzkismus ausgeschlossen worden war“ (William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934-1939, New Haven: Yale University Press, 2001, S. 166). Wahrscheinlich haben Sowjetagenten Reichs [ersten] Brief an Trotzki abgefangen und möglicherweise hat das, ohne daß Reich dies ahnte, zu seinem Ausschluß aus der Dänischen Kommunisten Partei im darauffolgenden Monat beigetragen.

Turner zieht in Zweifel, daß Reich und Trotzki sich getroffen haben, obwohl sie in der gleichen Stadt lebten, Oslo. Sein überzeugendes Argument: es paßt einfach nicht zu Reichs Ego, daß er darüber für den Rest seines Lebens Schweigen gewahrt hätte. Aber Reich hat Trotzki tatsächlich im April 1936 zu einer eingehenden Unterredung getroffen. Siehe dazu Christiane Rothländers extrem wertvolles Buch Karl Motesiczky 1904-1943 (Wien 2010, S. 217f).

Beispielsweise hat auch Willy Brandt Trotzki nie getroffen, obwohl Trotzki 1935 und 1936 der bei weitem prominenteste politische Flüchtling in Norwegen war. Zwar wurde Brandt Anfang 1935 mitgeteilt, er könne Trotzki sehen, aber dann lehnte Trotzki ein Treffen ab wegen Brandts „opportunistischer Haltung in der ‚Norwegen-Frage‘“ (was immer diese „Norwegen-Frage“ auch gewesen sein mag). Brandt zufolge war Trotzki in ideologischer Hinsicht äußerst puristisch (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982). Er traf also Reich, weil dieser ausreichend „linientreu“ war. Im übrigen verlief das Gespräch Reich/Trotzki, nach Epes Erzählung, ziemlich ernüchternd: Die sexuellen Lockerungen am Anfang der Sowjetunion waren Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die üblichen Marxistischen Versatzstücke. – Reich war sicherlich „Leninist“, aber schlichtweg kein Marxist!

Ein weiterer Hinweis von Turner ist sehr interessant und wird angesichts des tatsächlich stattgefundenen Treffens in seiner Bedeutung nur nochmals unterstrichen. Es geht um Trotzkis bereits erwähntes 1936 veröffentlichtes Buch Verratene Revolution, dessen Einfluß auf Reichs politische Haltung, so Turner, „unermeßlich“ war:

Trotzki analysierte die Art und Weise in welcher die kommunistische Revolution seit Lenins Tod in die Hose gegangen war. Er glaubte, sie sei von Bürokraten gekapert worden und sagte als Ergebnis den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus: er rief zu einem weiteren reinigenden Aufstand auf. Trotzki kritisierte den neuen „Familienkult“, der in Rußland unterstützt wurde und den er als zynischen Trick zur „Disziplinierung der Jugend durch 40 Millionen Stützpunkte der Autorität und der Macht“ betrachtete. Das war genau die Strategie, die Reich Hitler in Die Massenpsychologie des Faschismus vorgeworfen hatte. Trotzki dokumentierte auch Stalins „sexuellen Thermidor“, der die Reformen der Oktoberrevolution, die Ehe und Sexualität betrafen, rückgängig machte; nun war Abtreibung verboten, Sodomie wieder ein Straftatbestand und die Ehescheidungsgesetze waren verschärft worden. Reich war von den Berichten über die Unterstützung sexueller Unterdrückung angewidert; sie zerschlugen ein für allemal seine rosigen Illusionen hinsichtlich des russischen Kommunismus. Nachdem er Trotzkis Streitschrift gelesen hatte, bezeichnete er Stalin als „den neuen Hitler“ und die Stalinisten als „rote Faschisten“.

Es ist zwar mehr als fraglich, ob es dazu Trotzkis Buch bedurft hatte, aber ohne Zweifel hat es den sicherlich immer noch schwankenden Reich bestärkt. Was Turner nicht erwähnt: die Beeinflussung war wechselseitig. Rothländer:

Daß die Diskussion mit Reich nicht ohne Wirkung auf Trotzki geblieben ist, läßt seine wenig später veröffentlichte Arbeit Verratene Revolution vermuten. Darin kam Trotzki in dem „Familie, Jugend, Kultur“ überschriebenen Kapitel auch auf jene Fragestellungen, die im oben erwähnten Brief [an Trotzki] bereits angeschnitten wurden, ausführlich zu sprechen und unterzog, wie auch Reich in seiner Arbeit Die Sexualität im Kulturkampf (1936), die Verschärfung der der Sexualgesetzgebung in der Sowjetunion einer kritischen Analyse.

Es ist nicht nur „anzunehmen“, sondern schlichtweg sicher, daß all dies den Sicherheitsbehörden in Moskau, die sich praktisch ausschließlich mit Trotzki und den „Trotzkisten“ beschäftigten, nicht entgangen ist. Dies zu Reichs „paranoider“ Angst vor den Roten Faschisten in Amerika!

Wie bereits angeschnitten: als Die Sexualität im Kulturkampf neun Jahre später in Amerika unter dem Titel Die sexuelle Revolution erschien, 1946 Die Massenpsychologie des Faschismus, wurde Reich von den Stalinistischen Fellow Travellers als „Psychofaschist“ gebrandmarkt. Ein Jahr später, 1947, trat Mildred Brady auf den Plan…

Diskussionsforum 2010: eine Nachlese (Teil 2)

5. Juni 2015

Futjah wendet sich Anfang September 2010 direkt an mich, PN:

Deine Grundeinstellung wirkt auf mich sehr feindselig und VERurteilend.

Ich habe nichts gegen BEurteilungen, aber deine Abfälligkeit ist sehr auffällig.

Versteh mich nicht falsch, dafür möchte ich dich nicht verurteilen, finde es eher unheimlich verständlich, nur wenig hilfreich und damit unlebendig. Damit tust du dir selbst keinen Gefallen!

Ich hoffe du nimmst meine Kritik auf und verstehst, daß ich mich mit dir, dem „breitbeinig dastehenden Araber“ und allen anderen Menschen auf Augenhöhe fühle und ihnen nicht mehr ihre „Schwächen“ vorwerfe, die hat nämlich jeder auf seine Weise.

Botschaft Reichs ist für mich, daß jeder Mensch im Grunde gut bzw. lebendig ist. Was nicht bedeutet, daß ich mein Leben in die Hände anderer legen möchte und ihnen keine Grenzen bzgl. meiner Selbst aufzeigen werde.

Doch i.d.R. nicht ohne Verständnis für den anderen. Werte ich ihn ab, weil er angelblich mehr DOR und weniger Orgon ausstrahlt o.ä., so bin ich mehr „DOR-Verseucht“ als ich mir eingestehen möchte.

Ich hoffe bei dir ist nicht Orgon sowas wie Arier und DOR sowas wie Juden! Das Spiel hatten wir schon, bitte nicht nochmal! Auch wenn die Gefahr sehr groß ist wie man immer wieder mal sieht…

Klingt gut, worum es aber wirklich geht, scheint deutlich durch: die Angst davor, daß es mit dem „Gutsein“ des Menschen nicht sehr weit trägt und daß dies alptraumhafte Konsequenzen hat. „Reichianer“, größtenteils liberale Charaktere ohne jede Tiefe, können meist nicht begreifen, daß Christusmord eine Wasserscheide in Reichs Werk darstellt und Blütenträume über das Gute im Menschen, das man nur freilegen müsse, passé sind – das Böse real ist, keine bloße Oberflächenerscheinung. Ich verweise beispielsweise auf den Blogeintrag Verfilmungen von Reichs Buch CHRISTUSMORD.

Und was die abfällige Art von PN betrifft… Karl Klein wendet sich ebenfalls an mich:

Was die orgonomische Qualität ihrer Nachrichtenbriefe betrifft, möchte ich nur an einen Nachrichtenbrief erinnern, in dem sie ihre „Gegner“, hier Linke, ganz allgemein als „Kinderficker“ beschimpfen.

Ich antwortete damals: „Welchen? Wohl https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2015/05/13/kommunarden%C2%A0kinderficker/ Ich hätte noch ganz anders argumentieren können, insbesondere auf die Anfänge der GRÜNEN verweisen können.“

Was mich wirklich unermeßlich ankotzt, ist die Arroganz der Grünen: daß ausgerechnet dieses DRECKSPACK, diese schmierigen Sexkunde-Onkel und -Tanten, es wagt, die Katholische Kirche wegen deren Vergehen an Kindern anzuklagen. Und so in allem: daß diese „Israelkritiker“ überall „Nazis“ sehen, diese Vogelschredder („Windkraftanlagen“) es wagen, den Begriff „Umweltschutz“ in den Mund zu nehmen. Eine Partei, deren Klientel überwiegend von Steuergeldern lebt, „Ausbeutung“ anklagt. Leute, die „Bürgerrechte“ einklagen, aber gleichzeitig einen bürokratischen und Meinungsterror aufgebaut haben, der seinesgleichen sucht… Diese Pfaffen der Political Correctness hatten uns freie Rede versprochen. Niemand spielt virtuoser auf der Klaviatur der Schuldgefühle, denn die grünen ARSCHLÖCHER! Schluß, ich muß auf meine Herzgesundheit achtgeben.

Mal etwas Grundsätzliches über bestimmte Herrschaften: Jene, die sich in der Partei Die Grünen, im Umfeld der TAZ und nicht zuletzt im Reichianismus zusammengefunden haben, sind Menschen, die alles zerstören, mit dem sie in Kontakt kommen. In der DDR wurden die „Petra Kellys“ von der Stasi erbarmungslos verfolgt, während die Kommunisten freudig zuschauten, wie sie die westlichen Gesellschaften mit immer neuen Absurditäten unterminierten. Wären die Russen zum Atlantik durchmarschiert, wären „Die Grünen“ die ersten gewesen, die man an die Wand gestellt hätte. In dieser Hinsicht kann man von den Kommunisten nur lernen! Wenn die Orgonomie überleben soll, muß man diese Leute durch ständige Provokationen draußen halten. Es sind Zecken, nichts weiter als Zecken. Verpißt euch! Meinetwegen gendergerecht. Aber verpißt euch!

Robert zitiert folgende Stelle, die er hier gefunden hat:

An diesem Punkt möchte ich auf Deleuze und Guattari zu sprechen kommen. Im Anti-Ödipus schreiben sie an einer Stelle, die mir zentral erscheint: „So bleibt die grundlegende Frage der politischen Philosophie immer noch jene, die Spinoza zu stellen wußte und die Reich wieder entdeckt hat. Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Was veranlaßt einen zu schreien: ‚Noch mehr Steuern, noch weniger Brot‘?” Das ist eine sehr aktuelle Erscheinungsform von Askese, sie paart sich mit dem neuen, nicht-asketischen Gestus der Eliten.

Braungebrannte Sportwagenfahrer treten derzeit als politische Führer auf, die den Massen signalisieren, daß sie jetzt um ihre soziale Absicherung gebracht werden. Oder sie kündigen der Bevölkerung, wie der gegenwärtige Finanzminister es genannt hat, einen „Verlust von Annehmlichkeiten“ an. Wenn die Massen daraufhin nicht sagen, „Na gut, das müssen wir einsehen“, sondern statt dessen sogar noch rufen, „Hurra, endlich wird das Sozialsystem, werden die Gewerkschaften zerstört, die uns vor dem amoklaufenden internationalen Kapital vielleicht noch hätten schützen können“, dann zeigt sich hier ein offen einbekannter Hedonismus der politischen Führer mit einem eigenartigen asketischen Geist auf Seiten der Massen gepaart: Was der Führer an Nicht-Askese verkörpert, das verkörpern die Massen nun als asketische Haltung.

PN sagt dazu: So wird Reich für den Sozialismus dienstbar gemacht. Die Massen, die schließlich die Arbeitsdemokratie tragen, werden wie Kinder betrachtet, die geschützt werden müssen. (Bezeichnenderweise immer vor „denen da oben“, aber nie von „denen da unten“!)

Robert an anderer Stelle:

Reich in den Fängen der Stalinisten

In der Yale Universität existiert ein Dokument aus der Sowjetunion von 1936, bei der die meistgesuchten Trotzkisten aufgeführt werden. Folgender Eintrag ist dort zu finden:

10) OTTO KNOBEL (OTTO BRANT) [xxv] – ein ehemaliger Mitarbeiter des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands, der beim Internationalen Jugendverlag in Deutschland gearbeitet hatte und der 1933 ohne Zustimmung der Partei nach Paris emigrierte. [Ihm] wurde kein Status als politischer Emigrant zuerkannt. [Knobel] kehrte nach Deutschland zurück und emigrierte dann erneut. In Paris war [er] mit den Trotzkisten verbunden. [Er] zog, um zu arbeiten, nach Kopenhagen, wo er nicht mit der Partei verbunden war und keine Verbindungen mit der Gemeinde der Emigranten hatte. In Kopenhagen arbeitete [er] im Verlag von Wilhelm Reich [xxvi], der aus der KPD wegen Trotzkismus ausgeschlossen worden war. Ihm zufolge brach er mit Reich wegen persönlicher Differenzen. Einigen Parteigenossen zufolge ging er jedoch mit Reichs Zustimmung nach Berlin und ein Monat später, Ende 1935, kam er über Inturist in die Sowjetunion ohne Verbindungen und ohne Erlaubnis der Partei. Er stand Reich so nahe, daß er [Reichs] Briefe an Trotzki gelesen und sie sogar selbst abgeschickt hat.

Im April 1936 meldete die Kaderabteilung Knobels Vergangenheit an die zuständigen Organe. Seine letzte Adresse [war]: Hotel „Novomoskovskaia“.

[xxv] Otto Knobel (Brandt). Geboren 1908 in Schwerin, Deutschland, war seit 1929 Mitglied der KPD. Juni 1935 zog er in die UdSSR und unterrichtete an der deutschen „Karl-Liebknecht-Schule“ in Moskau. Er wurde am 1. Oktober 1936 verhaftet und am 22. Juni 1937 zu fünf Jahren in einem Arbeitslager verurteilt.

[xxvi] Wilhelm Reich (1897-1957). Ein Psychoanalytiker, spezialisiert auf Sexualprobleme und sexuelle Aufklärung, trat 1930 der KPD bei und wurde 1934 ausgeschlossen.

http://www.yale.edu/annals/Chase/Documents/doc20chapt4.htm#_edn25

Zu Knobel fand Robert noch folgenden Eintrag:

Knobel, Otto Ernst (alias Brand). Geb. 8.2.1908 in Schwerin. 1922-1928 Besuch der Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln, Freundschaft mir Bruno Krömke. Mitglied des SSB und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Schulkampf. Seit 1927 Mitglied des KJVD, seit 1929 in der KPD, Redakteur der Zeitung Kommunistische Jugendinternationale. Fünf Semester an der Berliner Universität. 1935-1935 Emigration nach Frankreich und Dänemark, im Juni 1935 in die UdSSR. Im Sommer 1935 zeitweilige Arbeit am Moskauer Elektrotechnischen Institut für Nachrichtenwesen. Seit September 1935 Unterricht in der Karl-Liebknecht-Schule (Werken bzw. „Technologie“), seit September 1936 Klassenleiter und Biologielehrer, verantwortlich für das Biologiekabinett. Im Sommer 1936 einer der Leiter bei der Schulreise zum Sewan-See (Armenien). Am 1.10.1936 verhaftet, am 22.6.1937 zu 5 Jahren Arbeitslager verurteilt, vermutlich im Lager ums Leben gekommen. Rehabilitiert 9.3.1989.

Quelle: Natalja Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924–1938), Klinkhardt Verlag 2005, S. 243

martincoldwar

Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3)

14. Mai 2015

William Siegmund Schlamm (1904 bis 1978) wurde in Przemysl, Galizien geboren. Sein Vater war wohlhabender Geschäftsmann. Schlamms Pazifismus und sozialistischer Idealismus brachte ihn dazu als Wiener Gymnasiast der Kommunistischen Jugend-Internationale (KJI) beizutreten. 1920, gerade mal 16, besuchte er Moskau. Nach dem Abitur 1922 wurde er Redaktionsmitglied des zentralen KPÖ-Parteiorgans Rote Fahne in Wien, 1925 Chefredakteur.

Auf dem 9. Parteitag 1927 wurde er zum Mitglied des Zentralkomitees. 1928, dem Jahr, in dem sich Reich der KPÖ anschloß, rechtfertigte Schlamm den sich abzeichnenden Stalinismus, der damals vor allem um die „Sozialfaschismustheorie“ kreiste, voller Vehemenz: die Sozialdemokratie war der Hauptgegner und mußte mit allen Mitteln bekämpft werden. Doch schon ein Jahr später brach er mit der Partei.

In seinem Buch Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918-1933 (Wien: Europa Verlag, 1968) führt Herbert Steiner aus, daß vor dem 10. Parteitag im Januar 1929 zwei Fraktionen innerhalb der KPÖ auszumachen waren. Es ging um die Frage, ob die Stabilisierung des Kapitalismus in Österreich im Verlauf der letzten 10 Jahre dauerhaft sei oder nur vorübergehend. Als Kopf der Internationale hatte Stalin verkündet, die gegenwärtige Konsolidierung des Kapitalismus in der westlichen Welt sei bald vorbei, es stehe eine große Krise des Kapitalismus unmittelbar vor der Tür und damit der Sieg des Kommunismus – wenn die verräterischen Sozialdemokraten mit ihrem Kompromißlertum den Kapitalismus nicht wieder retten würden, wie es der Faschist Mussolini (immerhin ursprünglich Sozialist) bereits in Italien getan hatte. Die kleine Minderheitsfraktion, darunter Schlamm, lehnte diese Sichtweise ab und opponierte generell gegen den unrealistischen Linksradikalismus der Partei, etwa den Versuch, den Reich in Menschen im Staat (Frankfurt 1995, S. 92-98) ausführlich beschreibt, einzig ausgerüstet mit den eigenen revolutionären Überzeugungen einen Heimwehraufmarsch in der Wiener Neustadt zu verhindern.

Schlamm vertrat die Position des „Rechtsabweichlers“ Bucharin, während man m.E. Reich zum damaligen Zeitpunkt durchaus als „Stalinisten“ bezeichnen könnte.

Schlamm blieb vorerst Sozialist und begann ab 1929 in München für die beiden Magazine Jugend und Simplicissimus zu arbeiten. 1932 übernahm er die Wiener Ausgabe von Carl von Ossietzkys Weltbühne. Als die Gestapo Ossietzky 1933 verhaftete, wurde Schlamm Leiter der nun in Prag erscheinenden Weltbühne, mußte den Posten aber auf Druck der Komintern aufgeben, nachdem er Artikel von Trotzki veröffentlicht hatte. Daraufhin gab er zwischen 1934 und 1937 in Prag sein eigenes Magazin heraus, die Europäischen Hefte.

1937 veröffentlichte er sein Buch Diktatur der Lüge über den Stalinismus. Es wurde im September des gleichen Jahres in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie besprochen. Am Inhalt des Buches sei nichts auszusetzen, da es viel über den reaktionären Hintergrund des Stalinismus enthülle, zu kritisieren sei jedoch Schlamms polemischer, rhetorischer, geistreichelnder und moralistischer Ton.

1938 immigrierte Schlamm in die USA, wo er 1941 das Buch This Second War of Independence über Hitlers Siege über die westlichen Demokratien schrieb. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Zwischen 1944 und 1950 war er die rechte Hand von Henry Luce, dem die Zeitschriften Life, Time und Fortune gehörten. 1949 kam er nach Europa zurück als Korrespondent der Fortune. 1951 gehörte er zu den Gründern des bedeutenden konservativen Magazins National Review. Mit der Zeitschrift unterstützte er McCarthy nach Kräften. McCarthy war, so Schlamm, das Opfer einer Schmierenkampagne, die für dessen frühen Tod verantwortlich gewesen sei. Für Schlamm war der Kommunismus der Antichrist.

Beiträge von ihm erschienen auch in American Mercury, Nation, Freeman und der New York Times.

1957 kam er nach Deutschland und schrieb das Buch Die Grenzen des Wunders (Ein Bericht über Deutschland) mit einer Auflage von 100 000. Er wurde schnell berühmt als „Kalter Krieger Nr. 1“. Später kritisierte er beispielsweise die Kennedy-Administration, weil sie gegenüber dem Kommunismus zu weich sei. 1966 kam sein Buch Vom Elend der Literatur (Pornographie und Gesinnung) auf den Markt. Wie in Teil 1 erläutert, schrecke der Schriftsteller, nach Schlamms Meinung, vor der gescheiterten gesellschaftlichen Revolution zurück und fliehe in die „Sexuelle Revolution“.

Im 1959 erschienenen Die Grenzen des Wunders hatte Schlamm ausgeführt, daß der Schriftsteller ein überpersönliches Prinzip benötige, die seine Schöpfung „binden, verpflichten und erlösen“ könnte. Einst sei dies Gott gewesen, dann der Übermensch. Beide seien tot. Wir lebten nun in der Welt des, so Schlamm, „kleinen Mannes”, in der der Sex dieses umfassende Prinzip sei. Beispielsweise ertrinke Tennessee Williams geradezu in sexueller Perversion.

Oder mit anderen Worten: wir haben Gott verlassen und sind prompt in die Jauchegrube gefallen. Entsprechend ist Reich der Teufel, der größte Schmutzfink schlechthin.

Im folgenden referiere ich kurz jene Jugenderinnerungen Schlamms aus dem 1962 erschienenen Buch Die jungen Herren der alten Erde, die für die Reich-Biographik von Bedeutung sind.

Schlamm war zwischen 1917 und 1922 im Wiener „Jungwandervogel“. Er erinnert sich, wie Siegfried Bernfeld zu ihnen sprach. Diese Bewegung sei ganz und gar nicht mystisch oder weltabgewandt gewesen. Zwar waren die romantischen Wanderungen durch Wälder und Gebirge schön, aber es war die Zeit der Russischen Revolution. Alles war extrem politisiert, hoch intellektualisiert, man las extrem viel.

Es gab aufgeregte Debatten im „Jungwandervogelheim“ in der Augustinergasse. Beispielsweise waren jene, die nicht Otto Weiningers Geschlecht und Charakter gelesen hatten, Außenseiter. Freud und Schopenhauer zu lesen war Pflicht. „Männerbündelei“ und Antifeminismus, wie sie von Leuten wie Weiningerund Schopenhauer gepredigt wurden, waren zwar Leitideen, aber im Jungwandervogel gab es nichtsdestotrotz jede Menge Liebesaffären mit Mädeln.

Hauptthema war jedoch die Revolution. Alle betrachteten sich als Kommunisten. Die einzige Frage war, ob man auch wirklich der kommunistischen Jugendorganisation beitrat. Schlamm zufolge hatten die meisten den guten Geschmack nicht beizutreten: Schlamm trat bei.

Gustav Wyneken (1875-1964) sei die Verkörperung der damaligen Jugendkultur gewesen. (Der Schulreformer und Kulturpolitiker hatte 1906 die Freie Schulgemeinde Wickersdorf gegründet. Er träumte von einer Jugendrevolte gegen die bürgerliche Gesellschaft.) Der starke Einfluß, der von Karl Kraus ausging, habe den Jungwandervogel vor der Avantgarde a la Johannes R. Becher, Arnolt Bronnen und Bertold Brecht gerettet. Die Expressionisten der 20er beeindruckten sie nicht, weil sie alle Dostojewskij lasen. Sie sehnten sich nach Ordnung, Rationalität, gutem Geschmack, ethischer und intellektueller Disziplin – was sie für Ideologien anfällig machte. Und sie waren unfaßbar altklug. Glaubten schon mit 16 bedeutende Literatur erschaffen zu können. Es war einfach eine Selbstverständlichkeit in jungen Jahren Schopenhauer und andere Philosophen gelesen zu haben. Der meistgelesene Autor war Dostojewskij.

Man lauschte größtenteils der Musik von Gustav Mahler und Anton Bruckner, liebte Bach und Mozart. Bereits mit 16 war Schlamm (wie zur gleichen Zeit auch Reich) ein regelmäßiger Gast in Arnold Schönbergs „Verein für Privataufführungen“. Und dann war da natürlich der Einfluß der Stadt Wien selbst: die großartige Architektur, der Barock. Allgegenwärtig war ein Sinn für Maß und Gestalt. Und der Jungwandervogel hatte Stil. Schlamm wurde „Willi mit der Bügelfalte“ genannt. Sie waren schließlich die Kinder eines einst großen, großartigen Reiches.

Durch die Inflation waren sie zwar unglaublich arm, aber nichtsdestotrotz hatte man viel Spaß. 1920 kam der Jazz nach Wien und statt der Volkstänze begann der Jungwandervogel nun Shimmy und Foxtrott zu tanzen. Es gab viel Freude und Vergnügen. Gleichzeitig studierte man wie wild, mehr als das Gymnasium und die Universität einem abverlangten. Während der Ausflüge diskutierte man Riccardo, Boehm-Bawerk, Simmel und Darwin.

Was diese Generation auszeichnete war ihr starkes Engagement. Jedweder nihilistische Zynismus war ihr fremd. Diese Hingabe hatte aber auch böse Seiten. Beispielsweise blieben manche dem Ersatzgott verhaftet: der Kommunistischen Partei. Schlamm befreite sich selbst von dieser Kinderkrankheit im Jahre 1929 und entfremdete sich so von jenen Kameraden aus dem einstigen Jungenwandervogel, die länger brauchten, um sich wieder zu befreien.

In der in Teil 1 behandelten Kolumne von 1970 führt Schlamm aus, daß er Reich 1919 im Wiener Jugendwandervogel begegnet sei. Reich, der Sohn eines Gutsbesitzers, war gerade als junger Leutnant aus dem Großen Krieg zurückgekehrt, körperlich unversehrt, aber emotional zutiefst verletzt. Er war einige Jahre älter als Schlamm, aber beide suchten zunächst im Jungwandervogel und dann in der Revolutionären Bewegung einen Weg, um diese absurde Welt zu überwinden, in der der schmutzige und sinnlose Krieg möglich geworden war.

In den späten 20er Jahren habe sich ihre anfangs ziemlich unpersönliche Bekanntschaft zu einer warmen Freundschaft entwickelt. Aber ausgerechnet zu dieser Zeit brach Schlamm mit dem Kommunismus, während Reich der Partei beitrat. Schlamm habe damals aber nicht den geringsten Zweifel gehegt, daß Reich sie bald wieder verlassen würde, denn er sei viel zu intelligent und anständig gewesen, um es lange im Ghetto des Fanatismus aushalten zu können.

Aus dem Wiener Jungwandervogel gingen einige Psychoanalytiker hervor wie Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel und andere, Reich sei aber einer der wenigen Schüler Freuds gewesen, um die sich Freud mit herzlicher Anteilnahme kümmerte. Nichts als Reich selbst stand einer großen Berufskarriere Reichs entgegen.

Reich, der, Schlamm zufolge, den Mut des ehemaligen Offiziers besaß und als Sohn eines Millionärs tiefe Verachtung für Geld hegte, gab eines Tages plötzlich seine außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere auf. Der brillante Mann, der vor seinem 30. Geburtstag ein Standardwerk der Psychologie geschrieben hatte, der einzige junge Psychoanalytiker, den Freud ernstnahm, ging nach Berlin…

Obwohl Schlamm in den 1930er Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr zu Reich hatte, während Reich seinen alten Freund beispielsweise etwas konsterniert in der Massenpsychologie des Faschismus erwähnte, kann er uns auch über diese Zeit einiges sagen, was zum Verständnis der Reich-Biographie beiträgt.

In Die jungen Herren der alten Erde beschreibt Schlamm diese Jahre wie folgt: Hitler war an die Macht gekommen und plötzlich war die Sowjetunion, die seit 1923 fast ihre gesamte Faszination für Intellektuelle verloren hatte, wieder die einzige Hoffnung der Menschheit. (Ich möchte hinzufügen, daß damit Reich in seiner Haltung zur KP sich entgegengesetzt zum Zeitgeist bewegte.) Schlamm führt weiter aus, daß in einer Art haßerfülltem linkem „McCarthyismus“ jeder gnadenlos niedergemacht wurde, der es wagte die Sowjetunion zu kritisieren. Stalin war der neue unantastbare Gott, die einzige Hoffnung.

Eine Gruppe von sozialistischen Intellektuellen (wenn man mal von den Trotzkisten absieht), darunter auch Psychoanalytiker, blieben der Sowjetunion gegenüber kritisch bis feindlich eingestellt, obwohl sie linke Sozialisten und Marxisten waren: die nach Leninistischen Prinzipien organisierte Geheimorganisation „Neu Beginnen“.

Schlamm beschrieb sie 1972 in einer Kolumne für die Zeitbühne (Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder. Ausgewählt von Kristin von Philipp, München: Georg Müller Verlag, 1977, S. 324-327). Seine Ausführungen sind wohl karikaturhaft überzeichnet und hier und da schlichtweg falsch, aber er war Zeitzeuge und hat in Prag bis 1938 in diesen Kreisen verkehrt.

Schlamm hat die persönliche Entwicklung von Willy Brandt verfolgt und betrachtet ihn als den hilfreichsten Unterstützer einer bestimmten geschichtlichen Bewegung sozialistischer Revolutionäre. Ihr politisches Programm sei die Verstellung. Kanzler Brandt führe nur das aus, was er in den 30er Jahren in der Gruppe „Neu Beginnen” gelernt habe. Bereits vor Hitlers Machtergreifung fanden sich dort die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), bei der Brandt Mitglied war, enttäuschte Kommunisten und einige Marxistische Gelehrte zusammen. Dr. Karl Frank (alias Paul Hagen, alias Willi Müller), ein Freund aus Schlamms Wiener Jugendzeit, war einer der beiden Führer der Geheimgruppierung (neben Walter Loewenheim alias Miles).

Ihr Ziel war die Durchdringung von und schließliche Machtübernahme in allen Parteien links von Hitler. Das versuchte Neu Beginnen mit Hilfe von „Mimikry“ zu bewerkstelligen. Statt die beschränkten Kräfte des revolutionären Sozialismus mit den kindischen und gefährlichen Strategien der Kommunisten zu verschwenden, wollte Neu Beginnen zunächst die eigene Machtübernahme in allen existierenden linken Parteien orchestrieren und dann mit genau derselben Strategie die Macht in der gesamten Gesellschaft übernehmen. „Revolution durch Anpassung“, Sozialismus in Allianz mit der Großindustrie. Damals habe Schlamm seinem Freund Karl Frank erklärt, daß dies ein ziemlich absonderliches Programm sei.

Frank war ein sehr tatkräftiger und faszinierender Mann und Brandt wurde einer seiner engsten und ergebensten Anhänger. In den 30er Jahren sei der Erfolg von Neu Beginnen phänomenal gewesen: Agenten von Neu Beginnen saßen im Vorzimmer von Kanzler Brüning, im englischen Unterhaus, in der Norwegischen Arbeiterpartei, im Büro des amerikanischen Präsidenten, in der Zentrale von Himmlers Gestapo, im Sekretariat der SPD im Exil und im Sekretariat des Völkerbundes. Die Leitung von Neu Beginnen (mit Karl Frank und seinem hingebungsvollen Mitarbeiter Willy Brandt) blieb jedoch eine in sich geschlossene, abgeschottete Geheimorganisation mit einer festen sozialistischen Identität trotz all der Verstellung und „Mimikry“.

Nach Hitlers Fall kehrten die gut ausgebildeten Kader von Neu Beginnen nach Deutschland zurück. Die meisten schlossen sich der SPD an, unter ihnen Fritz Erler, stellvertretender Vorsitzender der SPD, und natürlich Willy Brandt. Andere wurden Gewerkschaftsfunktionäre oder kamen in der Sozialversicherungs-Bürokratie unter, bei den Volksbanken, wurden Redakteure der Parteipresse – alle Institutionen, die von der SPD dominiert wurden. Sie wurden Universitätsprofessoren, Bundestagsabgeordnete oder Staatssekretäre. Schlamm schätzt, daß gegenwärtig (also 1972) ein Viertel des deutschen Establishments (Staatsmaschinerie, Presse, Öffentlicher Rundfunk, Universitäten, Parteien) direktes Erbe von Neu Beginnen ist.

Der größte Erfolg von Neu Beginnen war jedoch Willy Brandt, der hingebungsvollste und aufnahmewilligste Schüler von Karl Frank. Frank selbst war jedoch enttäuscht vom Resultat seiner Lebensarbeit. In den 60ern, als Brandt deutscher Außenminister wurde, hatte Frank schon längst seinen Glauben an das Konzept von Neu Beginnen verloren. Er wurde melancholisch und zog sich in die Psychoanalyse zurück. Als er in New York starb, schickte Außenminister Brandt ein Beileidsschreiben.

Brandt selbst blieb Neu Beginnen und ihrem Kader treu. 1972 sind seine Regierungsberater und die Führung der SPD fast ausschließlich aus alten Mitgliedern von Neu Beginnen zusammengesetzt. Brandt glaube, so Schlamm, noch immer an die Allmacht der Verstellung, der Infiltration und schließlichen Machtübernahme. Im Beisein der Bourgeoisie sei er ein Bourgeoise, im Beisein von Genossen Genosse, bei Patrioten ein Patriot, bei Staatsmännern ein Staatsmann und im Beisein von Revolutionären sei Brandt ebenfalls Revolutionär. Das mache die ganze Kunst von Neu Beginnen aus. Dieser Epigone Karl Franks (zu dem sich Schlamm im übrigen persönlich immer hingezogen fühlte) sei der neue Meister der Mimikry, der legitime Erbe von Neu Beginnen.

Brandt sei entschlossen den Sozialismus mit Hilfe der Großindustrie aufzubauen, in Zusammenarbeit mit den USA mit der Sowjetunion gute Beziehungen aufzunehmen, die Massen vom „Opium für das Volk“ mit Hilfe der Protestantischen Kirche zu befreien, die deutsche Einheit durch Aufteilung Deutschlands in Westdeutschland, Ostdeutschland und Westberlin zu erreichen und die Pressefreiheit in Kooperation mit den Verlegern zu beseitigen. All dies könne Brandt erreichen, da Brandt das Leben und die Politik als ein Spiel mit einstudierten Rollen betrachtet. Ein Spiel, das von Intellektuellen ersonnen und von Schauspielern gespielt wird. Brandt selbst sei der größte Schauspieler.

Edgar Allen Poe habe eine Detektivgeschichte geschrieben, in der ein gestohlenes Dokument von der Geheimpolizei nicht gefunden wird, weil es ganz offen auf dem Tisch liegt und von jedem gesehen werden kann. Dies sei der geheime Trick aller Verschwörungen: sie sind immer öffentlich. Genauso sei auch die Verschwörung von Neu Beginnen eine öffentliche Darbietung.

Soweit Schlamm. Welche Rolle Neu Beginnen im Leben Reichs spielte, werde ich an anderer Stelle näher ausführen. Es läßt sich aber schon jetzt sagen, daß Reich mit diesen „Leninistischen“ Verschwörungen und der sektiererhaften Politisiererei (die etwa Otto Fenichel zur gleichen Zeit mit seinen „Rundbriefen“ in die Psychoanalyse trug) nichts aber auch rein gar nichts zu tun haben wollte und als Gegenentwurf das Konzept „Arbeitsdemokratie“ entwickelte.

„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 1)

2. März 2015

Einwürfe bzw. Einwände gegen meine „kapitalistische“ Interpretation der Arbeitsdemokratie sind nur allzu berechtigt, wenn man objektiv Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie betrachtet, das in der frühen Phase wirklich kaum von anarcho-syndikalistischen und räte-kommunistischen Konzepten, wie sie beispielsweise Rudolf Rocker und Anton Pannekoek ausgearbeitet haben, zu unterscheiden war, mal abgesehen davon, daß bei Reich das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ fehlt. Phillip Bennet hat das sehr schön gezeigt: „Wilhelm Reich’s Early Writings on Work Democracy: A Theoretical Basis for Challenging Fascism Then and Now“ im öko-sozialistischen Magazin Capitalism Nature Socialism (Vol. 21, No. 1, March 2010).

Aber betrachten wir einmal Reichs „politische“ Entwicklung:

  • 1919-1927: ein linker Sozialdemokrat in der ohnehin sehr linken „austro-marxistischen“ Sozialdemokratischen Partei Österreichs.
  • 1928-1933: Anschluß an die KPÖ, eine linksradikale direkt von Moskau gesteuerte Politsekte, danach an die Massenpartei KPD, die (ebenfalls von Moskau instruiert) gerade ihre linksradikale Phase durchmacht: bereits Sozialdemokraten sind Nazis („Sozialfaschisten“).
  • 1934-1937: im Exil Annäherung an Kräfte, die sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu den Kommunisten (die sich beide in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ näherkommen) in kritischer Opposition stehen: Trotzkisten, SAP (Willy Brandt, etc.), Neu Beginnen, Mot Dag, etc.
  • 1938-1941: wie eingangs erwähnt eine quasi „anarcho-syndikalistische“ Phase (ohne jeden Kontakt zu tatsächlichen Anarcho-Syndikalisten).
  • 1942-1947: wie aus dem 1942 verfaßten Schlußkapitel der Massenpsychologie des Faschismus  deutlich wird, verflüchtigen sich aus dem Konzept der Arbeitsdemokatie alle „links-utopischen“ Vorstellungen und das Konzept wird im Vergleich mit den vorangehenden Ausformulierungen etwas konturlos. Trotzdem bleibt Reich nach außen hin eher „ein Linker“ im Sinne von Roosevelt (heute etwa mit Obama vergleichbar).
  • 1948-1957: mit der Hetze der linken Presse (Mildred Brady, etc.) und seiner Enttäuschung darüber, wie seine linksliberalen Anwälte mit der Kampagne umgehen, entwickelt sich Reich zunehmend nach rechts.

Liest man die von einer linksliberalen Herausgeberin kommentierte und (wie sich leicht nachweisen läßt) teilweise zensierte Korrespondenz Reichs mit A.S. Neill (Zeugnisse einer Freundschaft) zeichnet sich seit etwa 1942, eindeutig aber ab etwa 1948, ein Reich ab, der langsam aber sicher ziemlich genau die Haltung der heutigen Orgonomie annimmt. Vor dem Hintergrund dieser Briefe wird auch klar, daß Reichs negative Äußerungen über „Liberale“ (d.h. Linke) und positive über Konservative in Christusmord nicht nur oberflächliche Reflexionen sind, wie linke „Reichianer“ es gerne hinstellen, sondern erste Ansätze einer soziopolitischen Charakterologie im Sinne Elsworth F. Bakers darstellen, die sich im übrigen bereits im 1942 geschriebenen Vorwort zu Massenpsychologie des Faschismus (das Dreischichten-Model) und dem 1947 verfaßten Äther, Gott und Teufel (Mechanisten gegen Mystiker) abzeichnen.

In diesem charakterologischen Rahmen sieht die Orgonomie heute die Arbeitsdemokratie.

Dazu muß gesagt werden, daß für Reich „Ökonomie“ mehr bedeutet hat als nur „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“, also Maschinen, Know How, Arbeit, Kapital, Einkommens- und Machtverteilung, sondern in erster Linie die gegenseitige unlösbare Abhängigkeit der einzelnen Produzenten und Konsumenten voneinander – die inhärent Rationalität aufzwingt. Entsprechend war für Reich das ökonomische Elend nur eine sekundäre Funktion der politischen Pest (Brief an Neill vom 8. Juli 1953).

Betrachten wir dazu das folgende Schema, mit dem Reich seine wissenschaftliche Entwicklung von der Psychoanalyse (Psychologie) über den Marxismus (Soziologie) zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Biologie) beschrieb:

Die Ökonomie umfaßt (genauso wie die Sexualität) offensichtlich alle drei Bereiche, wobei der biologische Bereich der umfassendste und tiefste ist. Die biophysikalische Charakterstruktur ist wichtiger als alle soziologischen (inklusive konventionell „ökonomischen“) und rein psychologischen Überlegungen.

Es geht darum, wie „die Pest“ (die Emotionelle Pest) von außen her einbrach, die arbeitsdemokratischen Beziehungen zerstörte und die Menschen charakterlich verformte, was dann von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Es geht darum, wie dieser Teufelskreis wieder aufgehoben werden kann, d.h. wie man die Menschen wieder freiheits- und verantwortungsfähig macht. Reichs Antwort war: indem man

  1.  die politische Pest bekämpft;
  2. den Menschen die rationale Arbeitsdemokratie nahebringt;
  3. ihnen Selbstverantwortung „aufbürdet“, anstatt sie zu „befreien“; und
  4. indem man die Kinder von vornherein so aufzieht, daß sie die Falle gar nicht erst betreten.

Das hat ihn zu einem Gegner aller linken und rosaroten Volksbeglücker gemacht.

Für das Individuum in der Orgontherapie bedeutet das mit abnehmender Bedeutung:

  1. die biologische, bio-physische Therapie, die direkt die organismische Orgonenergie einwirkt, indem die Panzerung systematisch beseitigt wird, die die Energie in Schach hält (BIOLOGIE).
  2. die Befreiung des Patienten (wenn nötig) von seiner Familie („Familitis“) und (wenn nötig) Ermutigung zu ökonomischer Unabhängigkeit, was allein schon einen heilenden Effekt hat (SOZIOLOGIE).
  3. Aufklärungsarbeit über realitätswidrige Annahmen (PSYCHOLOGIE).

In der (wenn man so will) „gesellschaftskritischen Arbeit“ mit den Massen sieht es genau umgekehrt aus:

  1. Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Fallstricke mechanistischen und mystischen Denkens (PSYCHOLOGIE).
  2. die Bekämpfung der sozialistischen (euphemistisch: „sozialstaatlichen“) Entmündigung der Massen (SOZIOLOGIE).
  3. das „Projekt Kinder der Zukunft“ (BIOLOGIE).

Das „Projekt Kinder der Zukunft“ steht hier an letzter Stelle (obwohl es „an und für sich“ am wichtigsten ist!), weil es naturgegeben erst nach einer Generation (30 Jahre!) oder noch später wirklich im gesellschaftlichen Maßstab greifen kann.

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

Der Rote Faden: Der Hintergrund der „Einstein-Affäre“

3. Februar 2015

Reich traf 1941 mit Einstein zusammen und zeigte ihm den Temperaturunterschied zwischen dem Orgonenergie-Akkumulator und dessen Umgebung. Einstein hat das selbst im Labor nachgemessen, bestätigt, dann jedoch mit einer geradezu schwachsinnigen Begründung verworfen: ganz normale Konvektion. Wärme steigt auf und wenn man die Temperatur oberhalb eines Tisches (sozusagen in der „Wärmezone“) mißt, ist sie dort höher als unterhalb des Tisches (in der „Kältezone“). Nun stand Reichs Orgonenergie-Akkumulator im Labor jedoch auf dem Tisch, während das Kontrollthermometer frei im Raum hing.

Ein paar Handgriffe und dieser Einwand ließe sich überprüfen. Warum hat Einstein nach all seinen Bemühungen sich diese Zeit nicht mehr genommen und stattdessen die Sache nach der nächstbesten „Erklärung“ verworfen? Zumal Reichs Versuchsaufbau alles andere als abwegig war, wie ich in Reich und die Physik gezeigt habe.

Außerdem war Reichs Kontaktaufnahme mit Einstein und seine Begründung, daß er wegen der Natur seiner Entdeckung das übliche Procedere umgehen müsse, keineswegs ein Einzelfall. Der damals noch vollkommen unbekannte 27jährige Inder Satyendranath Bose, nach dem heute die „Bosonen“ benannt sind, schrieb 1924 seine später berühmt gewordene Abhandlung Planck’s Law and the Hypothesis of Light Quanta und schickte sie an Einstein zur Begutachtung. Darin versuchte er „den Koeffizienten in Plancks Strahlungsformel unabhängig von der klassischen Elektrodynamik abzuleiten“. Dazu griff er auf Boltzmanns statistische Theorie der Gase zurück.

Ein ziemlich mutiges Unterfangen für einen jungen Physiker am anderen Ende der Welt, sich mit einem solchen Ansinnen an den großen Einstein zu wenden. Aber ohne den einflußreichen Fürsprecher hätte Bose wohl keine Chance gehabt, seine Theorie in einem angesehenen wissenschaftlichen Journal zu veröffentlichen. (Brigitte Röthlein: Die Quantenrevolution, München 2004, S. 174)

Einsteins Eintreten für Immanuel Velikovsky zeigt, daß Einstein nichts so schnell von sich gewiesen hat, nur weil es unorthodox war. Man lese nur die Korrespondenz zwischen den beiden.

Also wie Einsteins Verhalten Reich gegenüber erklären?

Myron Sharaf sagt in seiner Reich-Biographie Fury on Earth (New York 1983, S. 508), daß „Einstein mit der Planung für die Entwicklung der Atombombe beschäftigt war“ und daß er, so eine Idee von Professor Arthur Efron, vor dem ehemaligen „Kommunisten“ Reich durch das FBI gewarnt wurde. Nun war erstens Einstein nie direkt in die Entwicklung von Kernwaffen verwickelt, schon gar nicht in das Los Alamos National Laboratory, und zweitens war einer der Gründe hierfür, daß er den Behörden als unzuverlässiger „Linker“ verdächtig war.

Einstein hatte mehr als genug Muße, sich mit „obskuren Entdeckungen“ zu beschäftigen, zumal er Reichs Entdeckung wörtlich als „eine Bombe“ bezeichnete (Reich: The Einstein Affair, Rangeley 1953, E-21). Einstein war bereit gewesen, Reich an einem Montag zu empfangen und er verbrachte mit ihm fünf lange Stunden (E-21). Zwischen dieser Begegnung und dem Brief, in dem er die Sache als „für völlig aufgeklärt“ erklärte (E-9), liegt fast ein Monat.

Was war nun der Beweggrund für Einsteins ablehnendes und überraschend verletzendes Verhalten Reich gegenüber? Reich zitiert (E-35) eine Meldung aus der New York Times vom 17. März 1950, daß ein ehemaliger Assistent Einsteins, Dr. Leopold Infeld, ins stalinistische Polen gehen wolle, um dort der kommunistischen Regierung beim sozialistischen Aufbau zu helfen. War es nicht vielleicht so, daß 1941 gewisse europäische Assistenten und Mitarbeiter Einsteins gegen den ihnen aus Europa suspekten „Trotzkisten“ und „Psychofaschisten“ Reich Stimmung gemacht haben und alles taten, um seine Entdeckungen wegzuerklären? (Selbst wenn man Infelds direkte Beteiligung so gut wie ausschließen kann, scheint seine kommunistische Grundhaltung doch symptomatisch für Einsteins Umgebung gewesen zu sein.)

Hinzu kam, daß Reichs Entdeckung einer, wenn nicht der zentralen, Grundannahme von Einsteins physikalischem Weltbild ins Gesicht schlug.

1931 hatte Arthur Eddington in Das Weltbild der Physik etwas geschrieben, was sicherlich auch Einsteins Grundhaltung widerspiegelte:

Ich glaube, daß dem Gesetz von dem ständigen Wachsen der Entropie – dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik – die erste Stelle unter den Naturgesetzen gebührt. Wenn jemand Sie darauf hinweist, daß die von Ihnen bevorzugte Theorie des Universums den Maxwellschen Gleichungen widerspricht, – nun, so können Sie sagen, um so schlimmer für die Maxwellschen Gleichungen. Wenn es sich herausstellt, daß sie mit der Beobachtung nicht vereinbar ist, – gut, auch Experimentalphysiker pfuschen manchmal. Aber wenn Ihre Theorie gegen den Zweiten Hauptsatz verstößt, dann ist alle Hoffnung vergebens. Dann bleibt ihr nichts mehr übrig, als in tiefster Demut in der Versenkung zu verschwinden. (z.n. Coveney P., R. Highfield: Anti-Chaos, Reinbek 1992, S. 198)

Reich hatte nicht Recht, weil er nicht Recht haben konnte. Oder wie Planck mal in einem anderen Zusammenhang seine Kollegen durch den Kakao zog: „Um so schlimmer für die Tatsachen, wenn sie nicht stimmen.“

Als Reich schließlich 1944 drohte, wegen all der Gerüchte um sein Zusammentreffen mit Einstein die ganze Angelegenheit öffentlich zu machen, protestierte Einstein, er wolle sich nicht für „Werbezwecke“ einspannen lassen. Was brachte ihn dazu, Reich derartig zu beleidigen?

16 Jahre zuvor hatte Einstein einen ziemlich abwegigen Kühlschrank patentieren lassen, der nicht mit Strom, sondern mit Wasser angetrieben und mit Alkohol gekühlt wurde. 1928 wurde er von der Hamburger Firma Citogel auf der Leipziger Messe vorgestellt. Einstein wollte aber auf keinen Fall mit seinem Kühlschrank in Verbindung gebracht werden und der Hersteller mußte ihm vertraglich zusichern, nicht mit seinem Namen für den Kühlschrank zu werben. Es ist begreiflich, daß er im Zusammenhang mit Reichs „Wärmeschrank“ noch weitaus vorsichtiger war.

Die Geschichte der roten Verschwörung gegen Reich kann sehr weit zurückverfolgt werden in Europa – bis 1919. So berichtet William S. Schlamm, der in Wien engen Umgang mit Reich pflegte, das folgende:

Zehn Jahre nach meinem [1927 erfolgten] Bruch mit dem Kommunismus traf ich in New York den früheren westeuropäischen Chef der G.P.U., General Walter Kriwitzki, der erst im vorangegangenen Jahr (1937) mit der Partei gebrochen hatte und damals gerade sein großes Bekenntnisbuch schrieb. Er verblüffte mich mit einer unheimlichen Detailkenntnis und einer noch unheimlicheren Erinnerungskraft. Er konnte sich privatester Einzelheiten meiner Lebensführung aus dem Jahre 1919 erinnern (Einzelheiten die ich völlig vergessen hatte), und das, obwohl ich ihm vor 1938 nie begegnet war. „Das ist doch ganz einfach“, entließ er meine verblüfften Fragen. „Ich war damals Chef des Wiener Geheimbüros und hatte natürlich gute Sicht.“ Dann könnte er mir vielleicht erklären, fragte ich, wie es passiert sei (…) daß ich nie von den Russen in jene Abgründe befohlen worden war, in denen so viele brauchbare, junge Menschen der Welt für immer abhanden kamen. (…) „Ach das kann ich Ihnen genau sagen“, lachte Kriwitzki. „Wir haben Ihnen nie getraut.“ (Schlamm: Die jungen Herren der alten Erde, Stuttgart 1962, S. 61f)

War damals schon der Name Reichs in Moskauer Akten zu finden? Wie dem auch sei „hatten die ‚Roten Faschisten‘ WR seit 1930 bekämpft.“ (Red Threat of Conspiracy, Rangeley 1955)

Ist Reichs Vermutung so abwegig, daß seine Schwierigkeiten in den USA unter roten Vorzeichen standen?

Ein anderer Mediziner ostjüdischer Herkunft war in seinen Forschungen wie Reich von Freud ausgegangen. Während Reichs klinische Kritik am späten Freud ihn zur Entdeckung der Orgonenergie im Organismus und später in der Atmosphäre, schließlich im Kosmos führen sollte, leitete Immanuel Velikovsky die Kritik an bestimmten historischen Vorstellungen Freuds über Ödipus, Echnaton und Moses bis an den Rand der dynamischen, unstatischen Orgonenergie unseres Planetensystems, dessen Bewegungen durch Orgonenergie-Ströme bestimmt werden. Die Planeten bewegen sich nicht ewig statischen mechanischen Gesetzen folgend im leeren Raum, sondern rollen auf offenen Kreiselbahnen. Die Welt ist kein festgelegtes Uhrwerk. Genau wie Reich mußte so Velikovsky den modernen Anhängern der materialistisch-marxistischen Religion zum Ziel ihres unbändigen Hasses gegen alles Dynamische werden. (Als Die Welt noch eine vernünftige Zeitung war, stand einmal in einem Kommentar zur Medienpolitik der SPD sehr gut geschrieben, „daß es den Sozialisten schwerfällt, in dynamischen, das heißt lebendigen Strukturen zu denken“, was „in mehr als hundert Jahren oft deutlich geworden ist“.)

Aber zur Verschwörung gegen Velikovsky: der Soziologe Alfred de Gracia weist darauf hin, daß staatliche Stellen die politischen Verbindungen des Astronomie-Professors Harlow Shapley erkundeten, einem der Hauptgegner Velikovskys. Linke wie Shapley standen mit Ausbruch des Kalten Krieges unter Beschuß und Velikovsky hätte, so de Gracia, „dann ein bequemes und recht hilfloses Ziel für abgelenkte Aggressionen abgegeben“. Das ist eine typische kommunistische Taktik: niemals in die Defensive geraten. Wenn du deine Gegner nicht direkt treffen kannst, sollten die dich angreifen, weil sie dir auf die Schliche gekommen sind, lenke ihre Aggression um und schlage mit ihnen zusammen auf ihre Leute ein, die von dir entsprechend diskreditiert wurden! Es hat Gracia zufolge auch noch andere Beweggründe geben können:

Ein Angriff auf das Werk könnte einem politischen Apparat samt seinen angeschlossenen Organisationen die nötige Gelegenheit zu Manövern bieten oder, mehr noch, einen dringend notwendigen Sieg im Augenblick ihres Tiefstandes. Der Konflikt könnte zudem noch dazu dienen, harmlose Sympathisanten, denen man einredet, es gehe um eine gemeinsame Sache der Wissenschaft, an die Gruppe zu binden. (Alfred de Gracia: Immanuel Velikovsky, München 1979, S. 199f)

Nun ein Professor der Soziologie der Universität von New York, wie de Gracia, kann so etwas sagen, wenn Reich in bezug auf sich aber ähnliches sagt, ist er „paranoid“ und „verrückt“. Dabei kannte er sich doch nun wahrhaftig mehr als gut in der kommunistischen Mentalität aus (vgl. Reich: Menschen im Staat).

De Gracia erwähnt auch, daß der Physiker Dr. Edward U. Condon unter dem gleichen politischen Druck stand wie Shapley und ihn in seiner Emotionalen Pest-Kampagne gegen Velikovsky unterstützte. Später wurde Condon mit dem sogenannten Condon-Report berühmt, der die gesammelten UFO-Berichte der US-Luftwaffe dokumentierte. Der Report selbst war ein überzeugendes Dokument für die Invasion der Erdatmosphäre durch außerirdische Raumschiffe, doch die angebliche „Zusammenfassung“ am Anfang des Buches, die Condon verfaßt hatte, behauptete das genaue Gegenteil. Siehe dazu die Ausführungen hier.

Condon war mit Robert Oppenheimer am Atomprojekt der USA beteiligt gewesen und dieser Oppenheimer erklärte 1951 in einem Brief auf Anfrage von Eleanor Roosevelt über den Plan des ORANUR-Experiments:

„Ich fürchte, daß das Material im Papier in mir den Verdacht erweckt, daß die Unternehmung ein Jux ist; ich war nicht in der Lage irgendetwas zu finden, das ermutigend wäre.“ Dieser Wissenschaftler in einer Schlüsselstellung wurde 1953 [wie auch Condon, PN] wegen fragwürdiger Loyalität und Beweisen für rotfaschistische Verbindungen untersucht. In einem Artikel über die Geschichte der Wasserstoff-Bombe wird Oppenheimers Einfluß so umrissen, daß er eine besonders „blockierende und emotional lähmende“ Bremswirkung ausübte, die bei der Entwicklung der Wasserstoff-Bombe Rußland einen Vorteil verschaffte. Man gewinnt den Eindruck, daß er seine Autorität benutzte, um die Orgonomie in hohen Zirkeln der AEC [d.h. der Atomenergie-Behörde der USA] zu blockieren. Man beachte die Tatsache, daß Oppenheimer am Princeton Institute of Advanced Studies in New Jersey arbeitet, dem Schauplatz des Infeld-Einstein-Vorfalls und ein Zentrum des Angriffs auf die Orgonomie. (Red Threat of Conspiracy, S. 19)

Shapley, Condon und Oppenheimer hatten sich genauso verhalten, wie es, so Reichs Verdacht, Infeld (oder ein entsprechender Assistent Einsteins) getan hatte.