Posts Tagged ‘Trobriander’

WR = Weltrevolution

12. Dezember 2017

Wolf E. Büntig schreibt in seinem bemerkenswert guten Beitrag über Reich zum fünfzehnbändigen Kompendium Die Psychologie des 20. Jahrhunderts aus dem Jahre 1977:

Freud (griff) am Ende seines Buchs Das Unbehagen in der Kultur Reichs Frage auf, ob nicht die Diagnose gerechtfertigt wäre, daß viele Erscheinungen der Zivilisation oder gar die ganze Menschheit unter dem Druck der zivilisierenden Einflüsse neurotisch geworden sind. Freud sah zwei prinzipielle Schwierigkeiten: Für die Untersuchung und Diagnose der Neurose der Kultur fehlten Vergleichsmöglichkeiten, wie man sie bei der Untersuchung des Einzelneurotikers hatte, den man dem Gesunden gegenüberstellen konnte, und schließlich stellte sich die Frage, was denn der Sinn der besten Analyse der sozialen Neurose wäre, wenn niemand die Macht hätte, die Gemeinschaft zu zwingen, sich der Therapie zu unterziehen. „Trotz aller dieser Erschwerungen darf man erwarten, daß jemand eines Tages das Wagnis einer solchen Pathologie der kulturellen Gemeinschaften unternehmen wird“ (Freud). Doch diese Frage blieb für Freud offen. Er selbst und die offizielle Psychoanalyse haben sich nie um eine Antwort bemüht. Insgesamt jedenfalls war die Reaktion der bei der Kulturdebatte Anwesenden Reichs Vorstellungen gegenüber kalt und ablehnend. Die Kluft zwischen Freud und Reich war tiefer denn je.

Es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, um entscheiden zu können, was an Gesellschaften krank ist und es gibt ohnehin keinen Therapieansatz für ganze Gesellschaften. So Freuds Haltung in der Kulturdebatte zwischen ihm und Reich.

Was zunächst einmal die „Therapie“ der Gesellschaft betrifft war Reichs Ansatz von Anfang denkbar einfach. Es geht schlicht um die Aufklärung der Massen. Ein Freud hatte nicht mehr beizutragen als die sterile „Psychopathologie des Alltagslebens“. Dank seiner Kenntnisse aus der Entschlüsselung der Funktion des Orgasmus und aus der Charakteranalyse konnte Reich hingegen eine ganz andere Ebene ansprechen, nämlich die der Sexualökonomie bzw. Bioenergetik. Diese Ebene war fruchtbar, denn auf ihr bot sich unmittelbar die Möglichkeit des Vergleichs an. Zunächst einmal durch das von Bronislaw Malinowski vermittelte Wissen über die Trobriander im fernen Melanesien, deren Gesellschaft insbesondere bewies, daß der Ödipuskomplex kein unentgehbares Schicksal ist und eine geregelte Sexualökonomie möglich ist. A.S. Neills Projekt „Summerhill“ und schließlich Reich eigenes Projekt „Kinder der Zukunft“ zeigten, daß es durchaus möglich war, innerhalb der gepanzerten Gesellschaft einen entsprechenden Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Neurose zu schaffen. Und schließlich hat James DeMeo gezeigt, daß die gesellschaftliche Neurose eine innere Struktur hat, die man sowohl auf der Zeitachse, als auch auf der Raumachse entschlüsseln kann: „Saharasia“. Die gesellschaftliche Neurose hat sich entwickelt und von daher läßt sich bis in alle Einzelheiten rekonstruieren, was genau gesund und was eine Entartung ist. Bespielsweise heute die Morgenandacht, wo das Pucken (über das insbesondere DeMeo einiges zu sagen hat!) als natürlich, christlich und gut hingestellt wird. Orgonomisch braucht man sich auf solche Diskussionen gar nicht einlassen, denn wir wissen, was natürlich und gesund ist!

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Der Rote Faden: Reich und Marx

8. November 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Agenten des Roten Terrors

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

d. Der Kalte Krieger Nr. 1

e. Der Warmduscher

3. Mentalhygiene

a. Sexpol

b. Die sexuelle Revolution in der Sowjetunion

c. Psychoanalyse und Kommunismus

d. Otto Fenichel und seine „Rundbriefe“

e. Die Leninistische Organisation

4. Polithygiene

a. Reich in Norwegen

b. Reich und Marx

 

Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 3)

15. Oktober 2017

Paul Mathews, M.A

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des American College of Orgonomy; übersetzt durch Robert (Berlin). Der Aufsatz wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen in drei Teile aufgeteilt.

Also wie wäre eine Gesellschaft, die auf einer solchen Charakterstruktur beruht? Gäbe es Konkurrenz um Besitztümer und Stellung? Wahrscheinlich. Gäbe es Konflikte und Meinungsverschiedenheiten? Natürlich. Sogar Kriege? Ja.1 Maschinen und Industrie? Warum nicht? Kriminelle und Strafen? Ja. Sexuelle Perversion? Einige (die Trobriander hatten einige). Schulen? Höchstwahrscheinlich. Psychiatrische Kliniken? In einem gewissen Sinne. Was würde dann eigentlich eine genitale Welt von der gegenwärtigen neurotischen unterscheiden? Meiner Meinung nach im Wesentlichen dies: in einer genitalen Welt wären Handlung und Beweggrund weitgehend deckungsgleich; die Schulen würden hauptsächlich den grundlegenden biologischen (und damit intellektuellen) Bedürfnissen von Kindern dienen; die psychiatrischen Kliniken würden versuchen, orgonotischen Kontakt in einer funktionellen Weise wiederherzustellen; die Konflikte und Meinungsverschiedenheiten würden auf derzeitigen Realitäten beruhen und nicht auf infantilen Fixierungen; die Verbrecher wären jene, die Anstand und biologische Gesundheit verletzen, sowie diejenigen, die direkt sekundäre Triebe in einer offenkundig zerstörerischen und schädlichen Weise ausdrücken; die Industrialisierung würde rational den Bedürfnissen der Menschen für eine glücklichere und gesündere Existenz dienen; die Konkurrenz würde auf der Freude und der Befriedigung, etwas in einem Bereich zu leisten, beruhen, anstatt auf Macht, Ausbeutung und Unterdrückung.

Zugeben, eine mehr genitalartige Welt würde Konflikte minimieren und sie rationaler bewältigen. Dennoch könnten, was Kriege betrifft, angesichts einer weiten Welt mit unterschiedlichen Gruppen und Organisationen sowie großer Populationen, Anlässe für tatsächlich bewaffnete Konflikte aufkommen. Vielleicht würden solche Konflikte in einer genitalartigen Welt zumindest mit einer größeren Rücksicht auf das mögliche globale Aussterben des Lebens ausgekämpft werden und mit der Fähigkeit diese Gefahr abzuwenden.

Elsworth F. Baker betont, dass eine ideale Welt nur konzeptionell existieren kann, dass, wenn überhaupt, dann nur eine funktionelle genitale Welt möglich ist. 2 Er glaubt, dass eine solche Welt nur unter bestimmten Bedingungen friedlich bleiben könnte: Erstens, wäre sie relativ statisch, d.h. nicht dem Fortschritt und Wachstum, wie wir sie kennen, unterworfen, wie es in manchen tropischen Gebieten der Fall ist, wo Nahrung reichlich vorhanden ist, und in der Arktis mit ihren prekären Lebensumständen, wie zum Beispiel für die Eskimos. Zweitens wäre es wegen der Bedingungen in der Umwelt und speziell in der Gesellschaft notwendig, dass der private Besitz an Land und anderem bedeutsamen Eigentum kein entscheidender Faktor für das Überleben oder die emotionale Gesundheit wäre. Letzteres bedeutet nicht, dass der Wunsch nach eigenem Land und Eigentum nicht-genital ist. Ganz im Gegenteil gibt es Hinweise darauf, dass es für solche Wünsche urzeitliche tierische und menschliche Wurzeln gibt (Ardrey). Dr. Baker ist auch der Ansicht, dass in solchen Gesellschaften Konflikte von kriegerischer Natur begrenzt und lokal blieben, statt einen globalen Maßstab anzunehmen. Er glaubt auch, dass die Arbeitsdemokratie nur begrenzt funktionieren kann; dass trotz einer angemessenen Vergütung, die auf der Befähigung und der tatsächlich geleisteten Arbeit beruht, sowohl Konkurrenz als auch Eifersucht am Werk seien, da sie Teil der Überlebensausrüstung des Menschen und anderer Tiere sind; und dass unweigerlich der Kampf um den Besitz der fruchtbarsten Ländereien und anderer Vorteile zu den Konflikten beitrügen.

Natürlich basieren die Hypothesen von Dr. Baker auf der Annahme, dass diese funktionelle genitale Gesellschaft der Zukunft in einer Welt wie der unseren, was die Bevölkerungszahl betrifft, d.h. einer Welt mit Milliarden von Bewohnern, existieren würde. Ihm zufolge kann man nicht erwarten, dass so große Menschenmassen, die sich in dicht bevölkerten Enklaven zusammendrängen, rational bleiben, 3 dass nur in einer Welt kleiner und relativ isolierter Gruppierungen die Möglichkeit für ein durchgängig genitales Verhalten erwartet werden kann. Der Zusammenstoß von zu vielen Energiefeldern aufeinander, die Erzeugung großer DOR-Mengen und ein Rest neurotischer Tendenzen würden Konflikte auslösen, wie sie die heutige Welt zeigt. Unsere Welt ist wirklich viel zu klein für die enorme Bevölkerung, die sie zu ernähren versucht. Auf jeden Fall geht Dr. Baker davon aus, dass es nicht möglich wäre, eine Welt völlig ohne Kriege, Konflikte und Irrationalität zu haben.

Sollte diese Schlussfolgerung uns entmutigen? Nicht, wenn wir daran interessiert sind in Richtung einer erheblich besseren Welt, als wir sie haben, zu arbeiten, anstatt einem mystischen, utopischen Paradies; und nicht, wenn wir verstehen, wie die passende Richtung hin zu einer besseren Welt, wie Bevölkerungskontrolle, gesündere Kindererziehungspraktiken und selbstregulierende Lebensstile, einzuschlagen ist. Mystische Bestrebungen neigen dazu, den Willen zu lähmen, sobald die Enttäuschung einsetzt, wohingegen die Wirklichkeit uns Perspektive, Geduld und Kraft verleiht.

Es sei auch ausdrücklich hervorgehoben, dass diese Beobachtungen in keiner Weise das orgonomische Kriterium der Gesundheit, das genitale Primat, außer Kraft setzen. Ungeachtet der vielen selbst ernannten Neo-Reichianer, die dazu neigen, Reichs grundlegende Konzepte zu verzerren und damit die Öffentlichkeit zu täuschen, bleibt die Genitalität der entscheidende Faktor für die Lehren Reichs. Das Primat der Genitalität zu leugnen, ist damit gleichbedeutend, die Existenz aller lebenden Funktionen zu leugnen, von denen die Orgasmusformel das Grundmodell ist. Reich behauptete (1949b): „Ich habe in Wirklichkeit nur EINE EINZIGE Entdeckung gemacht: DIE FUNKTION DER ORGASTISCHEN PLASMAZUCKUNG. Sie stellt den Küstenstrich dar, von dem aus sich alles weitere ergab.“

Reich hatte Vorstellungen von einer Gesellschaft, die nach seinem Konzept der Arbeitsdemokratie strukturiert ist und von funktionalen genitalen Charakteren bevölkert wird, den erwachsenen „Kindern der Zukunft“ (1946). Er stellte sich auch eine Welt ohne Führer, wie wir sie jetzt kennen, vor, d.h. eine Welt, die von einem „neuen Führer“ geleitet wird, der nicht in einer autoritären Weise führt, sondern Menschen anleitet und hilft, sich selbst zu lenken; der sie mit größerer Verantwortung für sich selbst belasten würde, nicht mit weniger (1953, Seiten 203-23); eine Welt, in der Entscheidungen und Planungen von denen erledigt werden, die am besten durch die geleistete „lebensnotwendige Arbeit“ aller Art qualifiziert sind und nicht durch neurotische, machtbesessene Politiker. Diese Welt Reichs wäre eine, in der Liebe und natürliche Sexualität nicht nur geduldet, sondern als notwendige Voraussetzungen vollständig akzeptiert würden.

Dies war Reichs großartige Vision einer an Genitalität orientierten Utopie, ein Konzept, das gewiss fundierter, realistischer und wissenschaftlicher ist als jede andere utopische Gesellschaft, die der Mensch anzubieten hat. Trotzdem erkannte Reich die spekulative Natur seines Traums. Trotzdem ist er etwas, nach dem man streben kann, wenn wir das ohne Illusionen tun. Zumindest haben wir zum ersten Mal ein solides, gesetzmäßiges energetisches Fundament, das in Mensch und Kosmos identisch ist, um uns durch das labyrinthische Gewebe unserer gepanzerten Vergangenheit und Gegenwart zu führen.

 

Hinweise:

  1. Einige meiner Kollegen haben Einwände gegen dieses Konzept, so dass ich ergänze, dass idealerweise keine Notwendigkeit für Kriege zwischen genitalen Charakteren bestünden. Aber es liegt in der Natur der Dinge, ob von innen oder von außen bedingt (im letzteren Fall durch DOR usw.), das Segmente einer Gesellschaft akute emotionale Pestreaktionen entwickeln könnten, die eine entschiedene Unterdrückung erforderten. Siehe auch Dr. Bakers Ideen, die in diesem Artikel enthalten sind.
  2. Dr. Bakers Ansichten zu diesem Thema, wie sie hier zum Ausdruck kommen, wurden dem Autor in einem privaten Gespräch mitgeteilt.
  3. Ein solches Zusammendrängen in großen Gruppen ist ein weiteres Symptom der allgemeinen Neurose.

 

Literatur:

Ardrey, R. 1966. The Territorial Imperative. New York: Dell (paperback), 1971.
(deutsch: Adam und sein Revier, Wien, München, Zürich: Molden, 1968)

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Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 2)

12. Oktober 2017

Paul Mathews, M.A

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des American College of Orgonomy; übersetzt durch Robert (Berlin). Der Aufsatz wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen in drei Teile aufgeteilt.

Trotzdem ist es interessant, über die Natur einer genitalen Welt zu spekulieren. Wir wissen, dass es in bestimmten primitiven Gesellschaften Anzeichen für ein solches genitales Leben gab. Das der Trobriander, wie es in Malinowskis Forschung (1929) und in Reichs interpretierenden Studie der Ergebnisse von Malinowski (1971) gezeigt wurde, möglicherweise die australischen Aborigines nach Roheims Studien (1950) und die Buschmänner der Kalahari. Das sind sanfte, liebevolle und freundliche Menschen – Jäger und Sammler. Die Trobriander waren eine matrilineare Gesellschaft, in der die genitale Sexualität vom frühesten Alter an bejaht wurde. Sie zeigen uns, wie sich eine mehr zivilisierte genitale Welt möglicherweise darstellen könnte.

Aufgrund von Reichs Arbeit und die seiner orgonomischen Kollegen können wir zumindest einige fundierte Spekulationen über eine genitale Welt machen. Zu diesem Zweck verlohnt ein Blick auf das, was wir über die Natur der Genitalität gelernt haben.

Von Freud (1962) und Reich (1949a) haben wir gelernt, dass der Mensch mehrere Stufen in seiner sexuellen Entwicklung durchläuft – oral, anal, phallisch und genital (bei einem Alter von 4). Reich betrachtete die anale Stufe als Artefakt der Reinlichkeitserziehung in unserer Gesellschaft. Wir wissen, dass eine Fixierung auf einer dieser Stufen, entweder durch Unterdrückung oder Unbefriedigung, zu einer Neurose führt, die für diese Fixierung charakteristisch ist, d.h. oral-abhängig oder depressiv; anal-zwanghaft oder masochistisch; phallisch-narzisstisch, genital-hysterisch usw. Baker hat postuliert, dass die Augen eine erogene Zone sind, die bei Fixierung einen okularen Charakter (Schizophrenie) erzeugen kann.

Der genitale Charakter kann nicht auf frühere Entwicklungsstufen regredieren, um seine Konflikte und Spannungen zu bewältigen und muss ihnen auf seiner eigenen Stufe begegnen. Entweder durch rationale Konfrontation (wie im gesunden genitalen Typus), durch Aggression (phallisch) oder durch Flucht und Kontaktlosigkeit (hysterisch) (Baker 1967). Der gesunde genitale Charakter akzeptiert seine Genitalität. Dies beinhaltet eine bestimmte Reihe von Bedingungen. Wir wissen aus Reichs Arbeit, dass man nur durch orgastische Entladung den geordneten Energiehaushalt aufrechterhalten kann, der Voraussetzung für Gesundheit ist. Der echte genitale Charakter ist zu dieser Ökonomie fähig, weil er mit einem Minimum an Panzerung überlebt hat, der flexiblen Panzerung, die für den Schutz in einer gepanzerten Welt notwendig ist. Er hat keinen Ödipuskonflikt, denn er hat seine genitalen Wünsche auf ein heterosexuelles Liebesobjekt übertragen, das ein reales Liebesobjekt und kein Ersatz für das Inzestobjekt ist. Welche prägenitalen Wünsche er auch immer hat, sie stehen entweder im Dienste seiner genitalen Sexualität – als Vorspiel, das die Bewegung der Energie zum Becken anregt – oder in irgendeiner Art der Sublimation durch Arbeit.

Weil er kein schuldbesetztes ödipales Problem hat, kann er die Sexualität um ihrer selbst willen genießen und ist folglich sexualbejahend, während jeder Neurotiker bis zu einem gewissen Grade sexualverneinend sein muss. Der Konflikt zwischen der ödipalen Schuld des Neurotikers von innen und dem ödipal-fixierten sozialen Druck von außen einerseits und seinen grundlegenden biologischen Bedürfnissen andererseits berauben ihn sowohl seiner Energie als auch seiner Willenskraft. Folglich zieht es der Neurotiker vor, die sexuelle Frage zu vermeiden, betrachtet sie philosophisch oder bekämpft sie auf zerstörerische Weise (emotionale Pestreaktion), wenn er hoch geladen und im Becken stark blockiert ist. Während der Neurotiker unbedingt versuchen muss, seine Potenz zu beweisen, oder resigniert, empfindet der genitale Charakter sie als naturgemäß und nimmt sie als so selbstverständlich als Teil seines Daseins hin wie die Atmung.

Reich äußerte über den Neurotiker (1949a, Seite 167):

Da immer ein mehr oder minder bewusstes Impotenzgefühl besteht, werden viele soziale Leistungen in erster Linie kompensierende Potenzbeweise, was die Minderwertigkeitsgefühle nicht verringert; im Gegenteil: Da die sozialen Leistung oft Potenzbeweise sind, aber das genitale Potenzgefühl in keiner Weise ersetzen können, wird der neurotische Charakter das Gefühl der inneren Leere und Unfähigkeit nie los, er mag noch so gut kompensieren.

Aus diesem Zitat können wir die Ätiologie des sogenannten getriebenen Charakters erschließen, der Erfolg und Macht sucht, weil diese Dinge einen Ersatz für seine orgastische Potenz darstellen. Darüber hinaus löst allein schon der Vorgang des sozialen Strebens mehr Energie aus, erhöht den Druck, verstärkt Unzulänglichkeitsgefühle und produziert in einem Teufelskreis noch weiteres neurotisch bedingtes Streben.

Die soziale Leistung des genitalen Charakters beruht dagegen auf seinen angenehmen und sogar freudvollen Empfindungen hinsichtich seiner Arbeit und weil er sich mit dem identifiziert, was für die Menschen und die Gesellschaft am besten und am befriedigendsten ist. Er hat drei Grundformen des Kontaktes: mit seinem Kern oder Selbst (Unabhängigkeit), mit seiner Umgebung (Verantwortung) und mit dem Kosmos (Zugehörigkeit) (Baker). Weil er unblockiert ist, kann er alle seine Gefühle angemessen und eindringlich erfahren und sie entweder mit seiner natürlichen Aggression oder der Fähigkeit zur natürlichen Hingabe ausdrücken, d.h. er ist weder destruktiv aggressiv noch neurotisch unterwürfig. Er hat einen gesunden Körper, der flexibel und kräftig, aber nicht hart ist, eine gute Gewebespannung der Haut und glänzende, kontaktvolle Augen. (Siehe Reich (1949), Baker (1967) und Raknes (1971).)

Während das Verhalten des Neurotikers durch Angstvermeidung und durch Schuld motiviert wird, wird der genitale Charakter durch das motiviert, was ihm Freude und Zufriedenheit schenkt. Er ist weder in irrationalen Hass und Rache noch in Resignation als Folge eines ungelösten ödipalen Problems festgefahren. Entsprechend werden Menschen als das wahrgenommen, was sie wirklich sind und nicht als Symbole von frustrierenden und verdrängten Objekten in der Düsternis der sekundären Schicht. Folglich verhält sich der genitale Charakter rational gegenüber Menschen, reagiert mit Respekt und Freundlichkeit, wenn sie ihm entgegen gebracht wird, und mit Zorn und Wut, wenn das angebracht und angemessen ist, wenn notwendig auch mit tödlicher Gewalt. Seine Beziehung zu einem Partner wird durch Liebe und Lust bestimmt sein, nicht durch Schuld und Zwang. Sein monogames Verhalten wird durch gesunde Kriterien bestimmt und er kann polygam sein, wo es notwendig oder rational ist (Reich 1945). Der Neurotiker hingegen bleibt in einer klebrigen, zwanghaften Beziehung oder wird promiskuitiv und kontaktlos von einem Partner zum anderen schwirren oder sich in sadomasochistischen Formen von polygamem Sex ergehen, z.B. polymorph-perversem Gruppensex. Das Letztere rationalisiert er häufig als therapeutisch oder als Ausdruck freier und alternativer Formen der Sexualität. Dr. Elsworth F. Baker (Seite 103) erklärte zum genitalen Charakter: „Perversionen sind ihm gleichgültig, und Pornographie stößt ihn ab.“

Die Intelligenz des genitalen Charakters steht in Harmonie mit seinem genitalen Primat (orgastische Potenz) und dient als getreuer Ausdruck seiner Pulsation vom Kern zum Kosmos. Das heißt, während der Neurotiker an gestörter Pulsation leidet, entweder in der Richtung Kontraktion gegen Expansion oder Expansion gegen Kontraktion, abhängig von der Charakterologie und den Umständen, pulsiert der genitale Charakter einfach. (siehe Abb. 1 und Abb. 2)

Anders als der Neurotiker benutzt der genitale Charakter seine Intelligenz nicht als Abwehr gegen die Bedrohung wahren Wissens oder als zerstörerische Waffe auf dem sozialen Schauplatz. Der emotionale Pestcharakter ist das klassische Beispiel des letzteren (Reich 1953). Seine Rationalisierungen stellen eine Verkleidung dar, die ein Ausdruck von etwas tieferem ist, das um jeden Preis verteidigt werden muss.

Der genitale Charakter toleriert nicht nur Gefühle, sondern genießt und fördert den natürlichen Ausdruck der Lebendigkeit in jeglicher Form. Ich betone „natürlich“, weil seine orgonotischen Sinne ihm sofort sagen, wann etwas falsche Lebendigkeit, Ersatzkontakt (Reich 1949a, Baker) oder heimtückischer Missbrauch von natürlichen biologischen Strebungen ist. Er kennt den Unterschied zwischen Perversion, Pornografie und natürlicher Sexualität, zwischen Volkssängern und Volksagitatoren, Freiheitsliebenden und Freiheitskrämern, Wahrheitsliebenden und Wahrheitskrämern; er kennt den Unterschied zwischen gut, mittelmäßig, schlecht und noch schlechter – zwischen den Unzulänglichkeiten der Ideale und der Regierung Amerikas und dem Schrecken einer rotfaschistischen oder schwarzfaschistischen Gesellschaft (Reich 1953). Der neurotische Freiheitskrämer hat kein Gefühl für diese Dinge und der rotfaschistische Modju weiß, dass eine solche Gesellschaft zerstört werden muss, wenn er überleben will.

In Anbetracht einiger dieser technischen und sozialen Voraussetzungen für den gesunden genitalen Charakter und seine Differenzierung von nicht gesunden genitalen Typen und prägenitalen Typen, was können wir über eine genitale Welt mutmaßen? Zuerst wollen wir den nicht existierenden idealen genitalen Charakter von dem realen unterscheiden. Reich erklärte (1949a, Seite 165): „Die realen Charaktere stellen Mischformen dar, und es kommt bloß auf die Entfernung von dem einen oder anderen Idealtyp an, ob die Libidoökonomie gewährleistet ist oder nicht.“ Das heißt, es gibt eine Unterscheidung zwischen einem idealen genitalen Typus und einem, der im Wesentlichen wie ein genitaler Charakter funktioniert. Dr. Elsworth Baker glaubt, dass Reich so ein funktionaler genitaler Charakter war (Reich 1949b). Zum Beispiel kann ein funktionaler genitaler Charakter arbeiten, konkurrieren und kämpfen für etwas, das er sehr stark will, ob für einen Partner oder für einen bestimmten materiellen Besitz oder für Status und Stellung. Sein Wunsch nach diesen Zielen ist nicht durch neurotische Bedürfnisse (Ersatzpotenz) motiviert, sondern durch echte Freude am Erfolg. Seine gesamte Leistungsweise wird jedoch eine qualitativ anständige, ehrliche und realistische Prägung haben. Als „Mischtyp“ kann er sogar gelegentlich einer neurotischen oder emotional pestkranken Manifestation nachgeben, wird aber in den meisten Fällen in der Lage sein, es zu erkennen, zu handhaben und sich davon zu erholen.

 

Literatur:

Ardrey, R. 1966. The Territorial Imperative. New York: Dell (paperback), 1971.
(deutsch: Adam und sein Revier, Wien, München, Zürich: Molden, 1968)

Bacon, F. 1626. New Atlantis. New York: Odysseus Press, 1973.
(deutsch: Neu–Atlantis, Stuttgart: Reclam, 2003)

Baker, E.F. 1967. Man in the Trap. Princeton: The American College of Orgonomy Press, 2000.
(deutsch: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980)

Butler, S. 1960. Erewhon. New York: New American Library.
(deutsch: Erewhon, München: Goldmann 1985)

Freud, S. 1962. Three Essays on the Theory of Sexuality. New York: Basic Books.
(deutsch: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt a. Main: Fischer, 1991)

Hilton, J. 1933. Lost Horizon. New York: Pocket Books, 1976.
(deutsch: Der verlorene Horizont, München, Zürich: Piper, 2003)

Hobbes, T. 1660. Leviathan. New York: Penguin (paperback), 1968.
(deutsch: Leviathan, Stuttgart: Reclam, 1986)

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(deutsch: Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, Frankfurt a. M.: Syndikat, 1979)

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(deutsch: Der Staat, Stuttgart: Reclam, 1982)

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(deutsch: Große Griechen und Römer: 6 Bände (Bibliothek der Alten Welt), Berlin: De Gruyter, 2011)

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(deutsch: Morus: Utopia, Stuttgart: Reclam, 2016)

Raknes, O. 1970. Wilhelm Reich and Orgonomy. Princeton: The American College of Orgonomy Press, 2004.
[New York: Penguin, 1971 (Anm. Übers.)]
(deutsch: Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt a. M.: Fischer, 1973)

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(deutsch: Die sexuelle Revolution, Frankfurt a. M.: Europäische Verl.-Anst., 1966)

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(deutsch: Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1971)

Reich, W. 1949a. Character Analysis. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Charakteranalyse. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1970)

Reich, W. 1949b. Ether, God and Devil. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Äther, Gott und Teufel. Frankfurt: Nexus, 1983)

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(deutsch: Christusmord. Olten, Freiburg im Breisgau: Walter, 1978)

Reich, W. 1971. The Invasion of Compulsory Sex-Morality. New York: Farrar, Straus and Giroux.
[3rd edition prepared by Wilhelm Reich, 1951.(Anm. Übers.)]
(deutsch: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1972)

Roheim, G. 1950. Psychoanalysis of Primitive Culture. New York: International Universities Press.
(deutsch: Psychoanalyse und Anthropologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1977)

Rousseau, J.J. 1976. The Social Contract. New York: Penguin
(deutsch: Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes, Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2005)

nachrichtenbrief23

18. Mai 2017

nachrichtenbrief22

16. Mai 2017

rational/irrational

19. Juli 2016

In der Orgonomie gibt es keine Trennung zwischen dem Freudschen Primärvorgang (der ganz vom Lustprinzip bestimmt wird) und dem Sekundärvorgang (wo das Realitätsprinzip eingreift), zwischen den primären Gefühlen und der sekundären Ratio. Der Sekundärvorgang kann aus orgonomischer Sicht vollkommen irrational sein („Der Intellekt als Abwehrfunktion“, siehe Reichs Charakteranalyse), während der Primärvorgang Leitfaden eines rationalen Diskurses sein kann (Animismus, ozeanische Gefühle, orgonomischer Funktionalismus). Die Grenze zwischen rational und irrational ist die gleiche wie zwischen primären Trieben und sekundären Trieben. Psychoanalyse, Marxismus, etc. haben primäre Triebe und sekundäre Triebe vermengt und die Label rational bzw. irrational sowohl auf Äußerungen primärer als auch sekundärer Triebe verteilt. Zum Beispiel ist für die Psychoanalyse das ungepanzerte Kind in seiner Suche nach Lust irrational und muß an die rationale Realität angepaßt werden. Für den Marxismus ist die gesamte Geschichte des gepanzerten Menschentiers historisch-materialistisch notwendig und etwa die Trobriander, die diesen Prozeß nicht mitgemacht haben, irrationaler „Völkerschrott“, der ausgemerzt gehört, wenn er der Revolution im Wege steht (Engels). Zusammengefaßt kann man sagen, daß für die Orgonomie diese gesamte Zivilisation und ihre Wissenschaft verrückt ist, weil sie rational und irrational nicht trennen kann. Ein Kompliment, daß der Orgonomie dann spiegelverkehrt heimgezahlt wird: „Reich war verrückt“.

Siehe dazu auch Chronik der Orgonomie.

Wider die öffentliche Zurschaustellung der Genitalien

13. Februar 2016

In der Schweiz wurde das „Nacktwandern“ verboten. Natürlich regen sich alle „Aufgeklärten“ über diese ungeheuerliche Prüderie auf. Der wirkliche Aufreger ist jedoch die komplette Kontaktlosigkeit der Nackten und ihrer Verteidiger. Es geht ja nicht um nackte Oberkörper oder nackte Beine, sondern einzig und allein um das Zurschaustellen der Genitalien.

Es ist schlichtweg Emotionelle Pest, weil auf diese Weise Intimität untergraben wird. Es ist ähnlich wie in den kontaktlosen Talkshows oder Bekenntnissen von „Stars“, bei denen Gefühle auf exhibitionistische/voyeuristische Weise zerredet, ihrer Bedeutung beraubt werden. Ist nicht der FKK-Strand das Prüdeste, was man sich vorstellen kann? Es wird die gleiche Botschaft vermittelt wie in der Pornographie: Schau her, es hat nichts zu bedeuten!

Nach allem was wir wissen, ist Nacktheit auch wenn wir Jahrtausende hinter das Patriarchat zurückgreifen, nicht natürlich. Vielmehr haben Bronislaw Malinowski und andere Ethnographen nachgewiesen, daß Naturvölker sehr darauf bedacht sind, ihre Genitalien vor Blicken zu verbergen – auch bzw. gerade sexuell gesunde Völker wie die Trobriander oder die Muria. Diese Scham ist genauso natürlich wie das universelle Inzesttabu.

Reich war sich dessen durchaus bewußt. Der letzte direkte Reich-Schüler, Morton Herskowitz schreibt in seinem Aufsatz „An Orgonomic Interpretation of Some Anthropological Research“:

Reich dachte, daß es keine Fälle gäbe, wo Menschen in einer Gesellschaft mit entblößten Genitalien umhergehen würden. Dies stimmt nicht. (Journal of Orgonomy, May 1981)

Es gäbe ein paar wenige Gesellschaften, sagt Herskowitz, wo dies vorkomme. Dem ist jedoch anzufügen, daß bei diesen Gesellschaften der Blick auf das Genital absolut tabuisiert ist. So hat Reich „funktionell“ doch Recht.

Genauso wie beim Inzesttabu geht es auch bei der Bedeckung der Geschlechtsteile darum, die ökonomische Urgruppe vor dem zerstörerischen Potential der Sexualität zu schützen, etwa so, wie man es in den heutigen Betrieben ungern sieht, wenn es zwischen den Mitarbeitern zu sexuellen Beziehungen kommt. In der Massenpsychologie des Faschismus erwähnt Reich diese Mechanismen im Zusammenhang mit der Sexualfeindlichkeit des Patriarchats:

(…) in dem Sinne, daß die Produktionsweise des Bauern eine strenge familiäre Bindung aller Familienmitglieder aneinander erfordert, und diese Bindung setzt weitgehend sexuelle Unterdrückung und Sexualverdrängung voraus.

Im Matriarchat sieht das aber auch nicht sehr viel anders aus, nur daß dort die Sexualität natürlich außerhalb der Familie frei gelebt werden kann.

Arbeit und Sexualität schließen sich gegenseitig aus, wie sowohl Malinowski als auch Reich festgestellt haben.

Reichs Sohn, Peter Reich hat seinen Vater niemals ganz nackt gesehen (Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 58). Auch sonst war Reich streng gegen jede elterliche Nacktheit. Beim Jungen wahrscheinlich, um dem Kind die narzißtische Kränkung durch einen so viel größeren Penis zu ersparen, bzw. um keine Kastrationsängste unnötigerweise zu provozieren (Michael Glass: „Parental Nudity und Castration Anxiety“, Journal of Orgonomy, May 1981). Es steht zu befürchten, daß freizügige und „selbstregulatorische“ Eltern auf diese Weise Homosexuelle produzieren.

Erwachsene vergessen gerne, daß ihre Genitalien sich auf Gesichtshöhe von Kleinkindern befinden. Wie kontakt- und verantwortungslos kann man eigentlich sein?!

Siehe dazu auch meinen Blogeintrag Sexueller Kindesmißbrauch.

Das Schicksal der Orgonomie (Teil 1): Die „Orgonomie“ des Kleinen Mannes

4. Februar 2016

Die Orgonomie wird zerstört, indem sie in ein „Gedankensystem“, eine Ideologie überführt wird: „One size fits all!“ und was nicht passend ist, wird passend gemacht. Diese zerstörerische Herangehensweise zeigt sich vor allem in drei Bereichen: 1. Erziehung, 2. Therapie und 3. Soziologie.

Ideologen fragen stets nach den Ursachen für etwas. Danach kann man dann Ideologien einteilen, etwa, frei nach Lenin, in idealistische und materialistische. Psychische Erkrankungen können beispielsweise tiefenpsychologisch auf frühkindliche Ereignisse zurückgeführt werden oder es wird verhaltenstherapeutisch eine „Lerngeschichte“ rekonstruiert. Reich hingegen hat gezeigt, daß man möglichst voraussetzungslos, d.h. ohne „Vor-Urteile“ (letztendlich ohne Augenpanzerung, „Verblendung“), an die Phänomene herangehen soll. Insbesondere trifft dies jedoch auf Menschen, hier Patienten, zu.

Deshalb sind aus orgonomischer Sicht die Ursachen für eine neurotische Erkrankung zunächst einmal denkbar gleichgültig. Der eine wurde von gewalttätigen Alkoholikern großgezogen und ist ein genitaler Charakter, der andere von Orgonomen und ist ein neurotisches Wrack. Jedes Neugeborene reagiert anders auf seine Umgebung. Es gilt diese nicht weiter reduzierbare Eigenheit zu erkennen und zu schützen. Das ist das Projekt „Kinder der Zukunft“ und nicht das Aufstellen irgendwelcher Erziehungsmaximen. Diese haben seit Neills mißverstandenem Buch Antiautoritäre Erziehung dazu beigetragen, diese Gesellschaft zu zerstören und aus Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“ etwas zu machen, dem jeder anständige Mensch entgegentreten muß.

Entsprechend geht es in der Orgontherapie um den neurotischen Charakter, wie er sich gegenwärtig darstellt. Die vermeintlichen Ursachen der neurotischen Symptome, die irgendwo in der Vergangenheit liegen, sind ziemlich gleichgültig. Wichtig ist einzig, was man jetzt praktisch tun kann. Bei, beispielsweise, einer Hysterikerin verhindert man, daß sie wegrennt. Sie muß sich stellen. Sie muß miterleben, wie sie es mit der Angst bekommt und wie sie dann reagiert. Sie muß mit ihren neurotischen Mechanismen in Kontakt treten und sie kontrollieren lernen. Sie mit irgendwelchen vom Therapeuten zusammenphantasierten „ödipalen Geschehnissen“ aus der Vergangenheit zu konfrontieren, bzw. diese „gemeinsam aufzuarbeiten“, führt nur zu einem: die angstmachende, freiflotierende Energie wird im Gehirn gebunden – der Patient wird noch verpanzerter.

Eine genuin orgonomische Herangehensweise hat nichts mit „Körperpsychotherapie“ zu tun. Irgendwelche Deutungen oder gar Körperübungen führen zu nichts und tragen allenfalls zu einer weiteren Vertiefung der charakterlichen Abwehr bei. Zurück bleiben entweder restlos verunsicherte Menschen oder blasierte Arschlöcher, die wie Kultmitglieder wirken und sich benehmen, als hätten sie ein „höheres Bewußtsein“ erlangt. Sie sind niemals mit sich selbst in Kontakt getreten. Die Welt hat bereits genug „Kleine Männer“, sie braucht keine „Reichianischen“ Therapeuten, um zusätzliche zu produzieren.

Als Beispiel für ideologisches Denken nehme man das Locked-in-Syndrom. Nach eigenen Aussagen haben die Betroffenen eine teilweise sehr hohe Lebensqualität, obwohl sie ihren gesamten Körper nicht bewegen können. Das widerspricht allen „Reichianischen“ „Erkenntnissen“. „Du bist dein Körper!“

In der sozialen Orgonomie schließlich wird ein Destillat der Erkenntnisse Reichs gebildet und auf die Gesellschaft angewendet, nicht anders wie bei jeder anderen Ideologie auch. Irgendein ungenießbares Gebräu, das man aus Reichs Büchern herausdestilliert hat: Freud, Marx, Trobriander, sexuelle Revolution, Arbeitsdemokratie, etc. Wie in den unterschiedlichen „Schulen“ der Psychotherapie (die imgrunde nur den Dachschaden der jeweiligen Schulgründer weitertragen) der Einzelne mit einer Theorie malträtiert („analysiert“) wird, wird hier gleich die ganze Gesellschaft auseinandergenommen und wieder zusammengefügt. Oder mit anderen Worten: die Orgonomie wird zu einer weiteren beliebigen Ideologie ähnlich der „Kritischen Theorie“ und dergleichen Gehirnkaugummi für Neurotiker.

Was wir tatsächlich auf dem gesellschaftlichen Schauplatz vor uns haben, sind Menschen mit immer wiederkehrenden Verhaltensmustern, die die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen. Oder mit anderen Worten: wir haben die soziopolitischen Charaktertypen vor uns. Von hier aus betrachten wir dann die unterschiedlichen Ideologien, inklusive „Reichianische“ Gesellschaftstheorien, und führen sie auf bioenergetische Gegebenheiten zurück.

Die Menschheit braucht einiges, aber kein weiteres „Erziehungssystem“, keine weitere „Therapieform“ und mit Sicherheit keine weitere „Gesellschaftstheorie“. Das sind alles Dinge, mit denen die Falle dekoriert wird, um so weiter sicherzustellen, daß niemand die Falle, das Irrenhaus, verläßt.

Selbstkritisch muß ich hinzufügen, daß wir sicherlich auch keine „naturphilosophischen“ Ergüsse brauchen, sondern Daten aus einem gut ausgestatteten, von gut ausgebildeten Wissenschaftlern betriebenen Laboratorium. Wissenschaft steht und fällt mit der Reproduzierbarkeit ihrer Ergebnisse.

Hier ein Interview mit A.S. Neill, das sofort zeigt, warum Reich diesen Mann so sehr geliebt hat: er ist vollkommen unprätentiös, versucht niemanden zu beeindrucken und er vertritt keinerlei Ideologie.

Der biologische Rechenfehler in der Marxschen Mehrwertlehre (Teil 2)

2. Februar 2016

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Grundlage der Arbeitsdemokratie. Die Menschen benötigen eine emotionale, gemeinschaftsbildende Beziehung, sie müssen in dieser Gemeinschaft kooperativ tätig sein und diese Tätigkeit muß zielgerichtet und planvoll sein. Später wurde aus dieser Triade der Gegensatz von „Arbeit und Kapital“, den die Linke stets verschärfen wollte, während die Rechte ihn auf illusorische Weise zu verkleistern trachtete, sei dies nun im Sinne der „nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“ oder der „sozialen Marktwirtschaft“.

Das folgende wird sehr schön durch das Schicksal des „Oligarchen“ Michail Chodorkowski illustriert. In einem Interview kurz vor seiner Verhaftung 2003 durch das faschistische Putin-Regime gab er zu Protokoll:

Wissen Sie, als ich zu YUKOS kam, 1996, hatten die einen Schuldenberg von 3 Milliarden Dollar. Die Gesellschaft produzierte 40 Millionen Tonnen Erdöl und die Produktion sank um 7 Prozent pro Jahr. Die Selbstkosten betrugen 12 Dollar pro Barrel, das heißt, sie lagen über dem Marktpreis.
Heute kostet uns ein Barrel Öl 1,5 Dollar und wir zahlen 3 bis 4 Milliarden Dollar Steuer jährlich – 3 bis 4 Milliarden Dollar! Wir wachsen um 20 Prozent pro Jahr und fördern keine 44 Millionen Tonnen Öl, sondern 80. Die Gesellschaft zahlt ihren Aktionären Dividenden und legt Mittel zurück für weitere Großinvestitionen.

Man höre oder lese den ganzen sehr aufschlußreichen Bericht des Deutschlandfunks.

Bei meiner Beschäftigung mit dem Reichschen Konzept „Arbeitsdemokratie“ kam ich dazu, die funktionellen Paare
„Psyche und Soma“,
„Idee und Tätigkeit“ und
„Unternehmer und Arbeiter“
funktionell gleichzusetzen ohne viel auf Reichs Ansichten zum Problemkomplex „Kapital und Arbeit“ zu achten, die doch teilweise von Marx geprägt sind. Nun überraschte mich der Gedanke, daß ja meine Überlegungen bereits im Motto der Arbeitsdemokratie enthalten sind:

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.

Was liegt näher als diese drei „Quellen“ orgonometrisch in Beziehung zu setzen? Und ist überhaupt eine andere Zusammenstellung denkbar als die folgende?

Zusammenarbeit und Vertrauen als unverzichtbarer Kern jedes ökonomischen und sozialen Lebens.

Das komplexe Verhältnis von Kapital und Arbeit läßt sich auch entsprechend der „psychosomatischen Beziehung“ darstellen, wie Reich sie 1944 in seiner Arbeit Orgonotic Pulsation präsentiert hat:

  • Richtet sich 1 gegen 2 haben wir die funktionelle Entsprechung des ersten Falls vor uns, den Idealismus: Wirtschaft wird vom Unternehmer als großem Patriarchen bestimmt, dem man nur zu gehorchen hat und der Laden läuft: Befehl, Gehorsam und Kontrolle.
  • Richtet sich 2 gegen 1 liegt der mechanistische Materialismus vor, wie wir ihn im revolutionären Marxismus-Leninismus vor uns haben: der imgrunde überflüssige Unternehmer muß weg, so daß die Wirtschaft besser läuft, da der „Widerspruch von Kapital und Arbeit beseitigt ist.“
  • In der Entsprechung des „psychophysischen Parallelismus“ laufen Kapital und Arbeit (3 + 4) unabhängig nebeneinander her: so sieht es größtenteils in den westlichen Demokratien aus.
  • Im Mystizismus laufen Kapital und Arbeit (5 + 6) auseinander und sind unvereinbar: hier haben wir die alten feudalistischen (und die modernen „kommunistischen“) Staaten vor uns, wo der Adel vollkommen vom arbeitenden Volk abgeschnitten war. In Ländern wie Spanien und China war für die Edelleute Arbeit (selbst „unternehmerische Arbeit“) etwas zutiefst Entwürdigendes und Unehrenhaftes.
  • Im Monismus schließlich gibt es keinen Unterschied zwischen beiden (7 + 8): dies findet sich in den faschistischen Ideologien (und vielleicht auch im Anarchismus) wieder, wo vollständig von der Arbeitsteilung abstrahiert wird und eine illusorische Versöhnung realer Interessengegensätze (die „Volksgemeinschaft“) gepredigt wurde.
  • 9 steht für die undifferenzierte biologische Schöpfungskraft an sich.

So mancher „Reichianer“ vertritt entgegen diesem funktionellen „holistischen“ Ansatz noch immer das alte Marxistische Prinzip, daß einseitig die „lebendige Arbeit“ über das „tote Kapital“ obsiegen muß, damit sich die Arbeitsdemokratie entfalten kann. Daß ein solches fehlerhaftes Denken, das nur eine der fünf Möglichkeiten, nämlich die oberflächlichste sehen will (oder gar „orgonomisch“ in der tiefsten verharren will), bei seiner materiellen Verwicklung zwangsläufig in die Tyrannei führen muß, hatten am Ende selbst die Kommunisten erkannt. So beschrieb ein sowjetischer Wissenschaftler den sozialpsychologischen Zustand der UdSSR am Ende ihrer Existenz wie folgt:

Entpersönlichung des gesellschaftlichen Lebens und Unterbewertung des individuellen Ursprungs des Daseins (…). Viele Jahre hindurch wurde die menschliche Individualität unter dem Banner des Kampfes gegen den Individualismus konsequent erniedrigt und unterdrückt. In der Wirtschaft förderte dies die Gleichmacherei in der Entlohnung, in der Politik die Bürokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und eine Vorstellung vom Menschen als einem Schräubchen, das sich automatisch im unpersönlichen Mechanismus der Maschinengesellschaft dreht. Es galt sogar, wie einst in der archaischen Gesellschaft [d.h. im fiktiven „Urkommunismus“], als unanständig in erster Person zu sprechen, da dies als egozentrisch aufgefaßt wurde. (z.n. Deutschlandfunk, 4.1.1989)

Es ist sehr interessant, was Bronislaw Malinowski 1935 am Ende seines Werkes über die trobriandrische Landwirtschaft schrieb. Im Lichte seiner Analyse zeige sich,

wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981)

Malinowski hebt hervor, wie ungeheuer komplex die angeblich „urkommunistische“ Wirtschaft der Trobriander ist – daß hier praktisch alle denkbaren Wirtschaftsordnungen in einer funktionellen Einheit verbunden sind. Dagegen handelt es sich bei den alten anthropologischen Theorien, die den „Wilden“ entweder zum Kommunisten oder zum Prototyp des brutalen Manchesterkapitalisten machen wollen,

um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentlich Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselwirkung kollektiver und persönlicher Ansprüche.

Selbst in unserer Wirtschaft ist nicht alles so eindeutig „kapitalistisch“ wie es manche Ideologen gerne in sie hineindeuten wollen. Man frage z.B. einen Arbeiter, wem die Drehbank gehört, an den er steht. Mit einigem Recht wird er sagen, daß es seine ist, weil er an ihr arbeitet, oder er sagt, sie gehöre dem Chef. Gleichzeitig ist der Arbeiter aber in das Kollektiv des Betriebes eingebunden, genauso wie der Chef von Geldgebern (und selbst der Dreher könnte z.B. Aktien besitzen) und Kunden abhängt, die gewissermaßen auch sagen könnten, ihnen würde die Drehbank gehören. Hier nur die Unterdrückung der „lebendigen Arbeit“ durch das „tote Kapital“ sehen zu wollen, hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Vielmehr geht es darum, diese Beziehungen und Abhängigkeiten, die bioenergetische Spannung wechselseitiger verpflichtungen, weiter so auszubauen und bewußt zu machen, daß unsere Gesellschaft zu einer wahrhaft „sozialen Marktwirtschaft“ wird und nicht nur in der Entsprechung des „psychophysischen Parallelismus“ verharrt.

Eine Lehre, die eine der funktionellen Komponenten des gesellschaftlichen Organismus verwirft, muß ihn umbringen, sollte sie verwirklicht werden. Marx hat das Kapital abschaffen wollen und hat damit zwangsläufig auch jeden Individualismus und jede Initiative erstickt. Wäre er wirklich ein Dialektiker und kein Dogmatiker gewesen, hätte er erkennen müssen, daß dialektisches Denken keine letzte Instanz kennt. Bei ihm war es die Entwicklung der Produktivkräfte, so als hinge dies nicht von der Innovation ab – dem angeblichen „Überbau“ also. Außerdem ist der Marxsche „revolutionäre“ Ansatz a priori gegen die Arbeitsdemokratie gerichtet, während die Orgonomie im Grunde konservativ ist.

Arbeitsdemokratie wurzelt in dem, was die Ahnen geschaffen haben. Das reicht von dem was Pflanzen und Tiere getan haben, „um“ die Erde erst für den Menschen bewohnbar zu machen, bis zu unseren direkten, menschlichen Vorfahren, die uns ihre künstlichen Organe vermacht haben, ohne die wir nackt und dem Tode geweiht wären. Und wo wären wir ohne den einen Menschen, der als erster künstlich Feuer erzeugt hat! Hier haben wir den sehr rationalen Kern der Ahnenverehrung vor uns.

In seiner Massenpsychologie des Faschismusbeklagt Reich:

Woher kommt es, daß von Millionen Autofahrern, Radiohörern etc. nur ganz wenige die Namen der Entdecker des Autos und des Radios kennen, dagegen jedes Kind die Namen der politischen Pestgeneräle kennt?

Und Hans Hass schreibt im Zusammenhang mit seiner Energontheorie:

Sofern wir (…) Häuser, Sessel und Straßen als etwas Gegebenes und Selbstverständliches ansehen, ist uns kaum zu helfen. (…) Das Vorgefundene wird als selbstverständlich angesehen. Was nicht den eigenen Wünschen entspricht, wird zum Impuls für Kritik und Aggression. Betrachten wir indessen, wie alles entstand, dann sehen die Dinge ganz anders aus. (Naturphilosophische Schriften)

Hier gehört auch die Psychopathologie des liberalen Charakters hin, der im Gegensatz zum konservativen Charakter jeden Kontakt zu seinen Ahnen und damit zum Leben verloren hat. Imgrunde kann er nur zerstören. Marx war ein Prototyp dieses gesellschaftlichen Krebses, dessen einzige Lebensperspektive Zerstörung ist.