Posts Tagged ‘Trobriander’

Der Rote Faden: Reich und Marx

8. November 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Agenten des Roten Terrors

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

d. Der Kalte Krieger Nr. 1

e. Der Warmduscher

3. Mentalhygiene

a. Sexpol

b. Die sexuelle Revolution in der Sowjetunion

c. Psychoanalyse und Kommunismus

d. Otto Fenichel und seine „Rundbriefe“

e. Die Leninistische Organisation

4. Polithygiene

a. Reich in Norwegen

b. Reich und Marx

 

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Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 3)

15. Oktober 2017

Paul Mathews, M.A

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des American College of Orgonomy; übersetzt durch Robert (Berlin). Der Aufsatz wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen in drei Teile aufgeteilt.

Also wie wäre eine Gesellschaft, die auf einer solchen Charakterstruktur beruht? Gäbe es Konkurrenz um Besitztümer und Stellung? Wahrscheinlich. Gäbe es Konflikte und Meinungsverschiedenheiten? Natürlich. Sogar Kriege? Ja.1 Maschinen und Industrie? Warum nicht? Kriminelle und Strafen? Ja. Sexuelle Perversion? Einige (die Trobriander hatten einige). Schulen? Höchstwahrscheinlich. Psychiatrische Kliniken? In einem gewissen Sinne. Was würde dann eigentlich eine genitale Welt von der gegenwärtigen neurotischen unterscheiden? Meiner Meinung nach im Wesentlichen dies: in einer genitalen Welt wären Handlung und Beweggrund weitgehend deckungsgleich; die Schulen würden hauptsächlich den grundlegenden biologischen (und damit intellektuellen) Bedürfnissen von Kindern dienen; die psychiatrischen Kliniken würden versuchen, orgonotischen Kontakt in einer funktionellen Weise wiederherzustellen; die Konflikte und Meinungsverschiedenheiten würden auf derzeitigen Realitäten beruhen und nicht auf infantilen Fixierungen; die Verbrecher wären jene, die Anstand und biologische Gesundheit verletzen, sowie diejenigen, die direkt sekundäre Triebe in einer offenkundig zerstörerischen und schädlichen Weise ausdrücken; die Industrialisierung würde rational den Bedürfnissen der Menschen für eine glücklichere und gesündere Existenz dienen; die Konkurrenz würde auf der Freude und der Befriedigung, etwas in einem Bereich zu leisten, beruhen, anstatt auf Macht, Ausbeutung und Unterdrückung.

Zugeben, eine mehr genitalartige Welt würde Konflikte minimieren und sie rationaler bewältigen. Dennoch könnten, was Kriege betrifft, angesichts einer weiten Welt mit unterschiedlichen Gruppen und Organisationen sowie großer Populationen, Anlässe für tatsächlich bewaffnete Konflikte aufkommen. Vielleicht würden solche Konflikte in einer genitalartigen Welt zumindest mit einer größeren Rücksicht auf das mögliche globale Aussterben des Lebens ausgekämpft werden und mit der Fähigkeit diese Gefahr abzuwenden.

Elsworth F. Baker betont, dass eine ideale Welt nur konzeptionell existieren kann, dass, wenn überhaupt, dann nur eine funktionelle genitale Welt möglich ist. 2 Er glaubt, dass eine solche Welt nur unter bestimmten Bedingungen friedlich bleiben könnte: Erstens, wäre sie relativ statisch, d.h. nicht dem Fortschritt und Wachstum, wie wir sie kennen, unterworfen, wie es in manchen tropischen Gebieten der Fall ist, wo Nahrung reichlich vorhanden ist, und in der Arktis mit ihren prekären Lebensumständen, wie zum Beispiel für die Eskimos. Zweitens wäre es wegen der Bedingungen in der Umwelt und speziell in der Gesellschaft notwendig, dass der private Besitz an Land und anderem bedeutsamen Eigentum kein entscheidender Faktor für das Überleben oder die emotionale Gesundheit wäre. Letzteres bedeutet nicht, dass der Wunsch nach eigenem Land und Eigentum nicht-genital ist. Ganz im Gegenteil gibt es Hinweise darauf, dass es für solche Wünsche urzeitliche tierische und menschliche Wurzeln gibt (Ardrey). Dr. Baker ist auch der Ansicht, dass in solchen Gesellschaften Konflikte von kriegerischer Natur begrenzt und lokal blieben, statt einen globalen Maßstab anzunehmen. Er glaubt auch, dass die Arbeitsdemokratie nur begrenzt funktionieren kann; dass trotz einer angemessenen Vergütung, die auf der Befähigung und der tatsächlich geleisteten Arbeit beruht, sowohl Konkurrenz als auch Eifersucht am Werk seien, da sie Teil der Überlebensausrüstung des Menschen und anderer Tiere sind; und dass unweigerlich der Kampf um den Besitz der fruchtbarsten Ländereien und anderer Vorteile zu den Konflikten beitrügen.

Natürlich basieren die Hypothesen von Dr. Baker auf der Annahme, dass diese funktionelle genitale Gesellschaft der Zukunft in einer Welt wie der unseren, was die Bevölkerungszahl betrifft, d.h. einer Welt mit Milliarden von Bewohnern, existieren würde. Ihm zufolge kann man nicht erwarten, dass so große Menschenmassen, die sich in dicht bevölkerten Enklaven zusammendrängen, rational bleiben, 3 dass nur in einer Welt kleiner und relativ isolierter Gruppierungen die Möglichkeit für ein durchgängig genitales Verhalten erwartet werden kann. Der Zusammenstoß von zu vielen Energiefeldern aufeinander, die Erzeugung großer DOR-Mengen und ein Rest neurotischer Tendenzen würden Konflikte auslösen, wie sie die heutige Welt zeigt. Unsere Welt ist wirklich viel zu klein für die enorme Bevölkerung, die sie zu ernähren versucht. Auf jeden Fall geht Dr. Baker davon aus, dass es nicht möglich wäre, eine Welt völlig ohne Kriege, Konflikte und Irrationalität zu haben.

Sollte diese Schlussfolgerung uns entmutigen? Nicht, wenn wir daran interessiert sind in Richtung einer erheblich besseren Welt, als wir sie haben, zu arbeiten, anstatt einem mystischen, utopischen Paradies; und nicht, wenn wir verstehen, wie die passende Richtung hin zu einer besseren Welt, wie Bevölkerungskontrolle, gesündere Kindererziehungspraktiken und selbstregulierende Lebensstile, einzuschlagen ist. Mystische Bestrebungen neigen dazu, den Willen zu lähmen, sobald die Enttäuschung einsetzt, wohingegen die Wirklichkeit uns Perspektive, Geduld und Kraft verleiht.

Es sei auch ausdrücklich hervorgehoben, dass diese Beobachtungen in keiner Weise das orgonomische Kriterium der Gesundheit, das genitale Primat, außer Kraft setzen. Ungeachtet der vielen selbst ernannten Neo-Reichianer, die dazu neigen, Reichs grundlegende Konzepte zu verzerren und damit die Öffentlichkeit zu täuschen, bleibt die Genitalität der entscheidende Faktor für die Lehren Reichs. Das Primat der Genitalität zu leugnen, ist damit gleichbedeutend, die Existenz aller lebenden Funktionen zu leugnen, von denen die Orgasmusformel das Grundmodell ist. Reich behauptete (1949b): „Ich habe in Wirklichkeit nur EINE EINZIGE Entdeckung gemacht: DIE FUNKTION DER ORGASTISCHEN PLASMAZUCKUNG. Sie stellt den Küstenstrich dar, von dem aus sich alles weitere ergab.“

Reich hatte Vorstellungen von einer Gesellschaft, die nach seinem Konzept der Arbeitsdemokratie strukturiert ist und von funktionalen genitalen Charakteren bevölkert wird, den erwachsenen „Kindern der Zukunft“ (1946). Er stellte sich auch eine Welt ohne Führer, wie wir sie jetzt kennen, vor, d.h. eine Welt, die von einem „neuen Führer“ geleitet wird, der nicht in einer autoritären Weise führt, sondern Menschen anleitet und hilft, sich selbst zu lenken; der sie mit größerer Verantwortung für sich selbst belasten würde, nicht mit weniger (1953, Seiten 203-23); eine Welt, in der Entscheidungen und Planungen von denen erledigt werden, die am besten durch die geleistete „lebensnotwendige Arbeit“ aller Art qualifiziert sind und nicht durch neurotische, machtbesessene Politiker. Diese Welt Reichs wäre eine, in der Liebe und natürliche Sexualität nicht nur geduldet, sondern als notwendige Voraussetzungen vollständig akzeptiert würden.

Dies war Reichs großartige Vision einer an Genitalität orientierten Utopie, ein Konzept, das gewiss fundierter, realistischer und wissenschaftlicher ist als jede andere utopische Gesellschaft, die der Mensch anzubieten hat. Trotzdem erkannte Reich die spekulative Natur seines Traums. Trotzdem ist er etwas, nach dem man streben kann, wenn wir das ohne Illusionen tun. Zumindest haben wir zum ersten Mal ein solides, gesetzmäßiges energetisches Fundament, das in Mensch und Kosmos identisch ist, um uns durch das labyrinthische Gewebe unserer gepanzerten Vergangenheit und Gegenwart zu führen.

 

Hinweise:

  1. Einige meiner Kollegen haben Einwände gegen dieses Konzept, so dass ich ergänze, dass idealerweise keine Notwendigkeit für Kriege zwischen genitalen Charakteren bestünden. Aber es liegt in der Natur der Dinge, ob von innen oder von außen bedingt (im letzteren Fall durch DOR usw.), das Segmente einer Gesellschaft akute emotionale Pestreaktionen entwickeln könnten, die eine entschiedene Unterdrückung erforderten. Siehe auch Dr. Bakers Ideen, die in diesem Artikel enthalten sind.
  2. Dr. Bakers Ansichten zu diesem Thema, wie sie hier zum Ausdruck kommen, wurden dem Autor in einem privaten Gespräch mitgeteilt.
  3. Ein solches Zusammendrängen in großen Gruppen ist ein weiteres Symptom der allgemeinen Neurose.

 

Literatur:

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(deutsch: Adam und sein Revier, Wien, München, Zürich: Molden, 1968)

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(deutsch: Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes, Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2005)

Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 2)

12. Oktober 2017

Paul Mathews, M.A

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des American College of Orgonomy; übersetzt durch Robert (Berlin). Der Aufsatz wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen in drei Teile aufgeteilt.

Trotzdem ist es interessant, über die Natur einer genitalen Welt zu spekulieren. Wir wissen, dass es in bestimmten primitiven Gesellschaften Anzeichen für ein solches genitales Leben gab. Das der Trobriander, wie es in Malinowskis Forschung (1929) und in Reichs interpretierenden Studie der Ergebnisse von Malinowski (1971) gezeigt wurde, möglicherweise die australischen Aborigines nach Roheims Studien (1950) und die Buschmänner der Kalahari. Das sind sanfte, liebevolle und freundliche Menschen – Jäger und Sammler. Die Trobriander waren eine matrilineare Gesellschaft, in der die genitale Sexualität vom frühesten Alter an bejaht wurde. Sie zeigen uns, wie sich eine mehr zivilisierte genitale Welt möglicherweise darstellen könnte.

Aufgrund von Reichs Arbeit und die seiner orgonomischen Kollegen können wir zumindest einige fundierte Spekulationen über eine genitale Welt machen. Zu diesem Zweck verlohnt ein Blick auf das, was wir über die Natur der Genitalität gelernt haben.

Von Freud (1962) und Reich (1949a) haben wir gelernt, dass der Mensch mehrere Stufen in seiner sexuellen Entwicklung durchläuft – oral, anal, phallisch und genital (bei einem Alter von 4). Reich betrachtete die anale Stufe als Artefakt der Reinlichkeitserziehung in unserer Gesellschaft. Wir wissen, dass eine Fixierung auf einer dieser Stufen, entweder durch Unterdrückung oder Unbefriedigung, zu einer Neurose führt, die für diese Fixierung charakteristisch ist, d.h. oral-abhängig oder depressiv; anal-zwanghaft oder masochistisch; phallisch-narzisstisch, genital-hysterisch usw. Baker hat postuliert, dass die Augen eine erogene Zone sind, die bei Fixierung einen okularen Charakter (Schizophrenie) erzeugen kann.

Der genitale Charakter kann nicht auf frühere Entwicklungsstufen regredieren, um seine Konflikte und Spannungen zu bewältigen und muss ihnen auf seiner eigenen Stufe begegnen. Entweder durch rationale Konfrontation (wie im gesunden genitalen Typus), durch Aggression (phallisch) oder durch Flucht und Kontaktlosigkeit (hysterisch) (Baker 1967). Der gesunde genitale Charakter akzeptiert seine Genitalität. Dies beinhaltet eine bestimmte Reihe von Bedingungen. Wir wissen aus Reichs Arbeit, dass man nur durch orgastische Entladung den geordneten Energiehaushalt aufrechterhalten kann, der Voraussetzung für Gesundheit ist. Der echte genitale Charakter ist zu dieser Ökonomie fähig, weil er mit einem Minimum an Panzerung überlebt hat, der flexiblen Panzerung, die für den Schutz in einer gepanzerten Welt notwendig ist. Er hat keinen Ödipuskonflikt, denn er hat seine genitalen Wünsche auf ein heterosexuelles Liebesobjekt übertragen, das ein reales Liebesobjekt und kein Ersatz für das Inzestobjekt ist. Welche prägenitalen Wünsche er auch immer hat, sie stehen entweder im Dienste seiner genitalen Sexualität – als Vorspiel, das die Bewegung der Energie zum Becken anregt – oder in irgendeiner Art der Sublimation durch Arbeit.

Weil er kein schuldbesetztes ödipales Problem hat, kann er die Sexualität um ihrer selbst willen genießen und ist folglich sexualbejahend, während jeder Neurotiker bis zu einem gewissen Grade sexualverneinend sein muss. Der Konflikt zwischen der ödipalen Schuld des Neurotikers von innen und dem ödipal-fixierten sozialen Druck von außen einerseits und seinen grundlegenden biologischen Bedürfnissen andererseits berauben ihn sowohl seiner Energie als auch seiner Willenskraft. Folglich zieht es der Neurotiker vor, die sexuelle Frage zu vermeiden, betrachtet sie philosophisch oder bekämpft sie auf zerstörerische Weise (emotionale Pestreaktion), wenn er hoch geladen und im Becken stark blockiert ist. Während der Neurotiker unbedingt versuchen muss, seine Potenz zu beweisen, oder resigniert, empfindet der genitale Charakter sie als naturgemäß und nimmt sie als so selbstverständlich als Teil seines Daseins hin wie die Atmung.

Reich äußerte über den Neurotiker (1949a, Seite 167):

Da immer ein mehr oder minder bewusstes Impotenzgefühl besteht, werden viele soziale Leistungen in erster Linie kompensierende Potenzbeweise, was die Minderwertigkeitsgefühle nicht verringert; im Gegenteil: Da die sozialen Leistung oft Potenzbeweise sind, aber das genitale Potenzgefühl in keiner Weise ersetzen können, wird der neurotische Charakter das Gefühl der inneren Leere und Unfähigkeit nie los, er mag noch so gut kompensieren.

Aus diesem Zitat können wir die Ätiologie des sogenannten getriebenen Charakters erschließen, der Erfolg und Macht sucht, weil diese Dinge einen Ersatz für seine orgastische Potenz darstellen. Darüber hinaus löst allein schon der Vorgang des sozialen Strebens mehr Energie aus, erhöht den Druck, verstärkt Unzulänglichkeitsgefühle und produziert in einem Teufelskreis noch weiteres neurotisch bedingtes Streben.

Die soziale Leistung des genitalen Charakters beruht dagegen auf seinen angenehmen und sogar freudvollen Empfindungen hinsichtich seiner Arbeit und weil er sich mit dem identifiziert, was für die Menschen und die Gesellschaft am besten und am befriedigendsten ist. Er hat drei Grundformen des Kontaktes: mit seinem Kern oder Selbst (Unabhängigkeit), mit seiner Umgebung (Verantwortung) und mit dem Kosmos (Zugehörigkeit) (Baker). Weil er unblockiert ist, kann er alle seine Gefühle angemessen und eindringlich erfahren und sie entweder mit seiner natürlichen Aggression oder der Fähigkeit zur natürlichen Hingabe ausdrücken, d.h. er ist weder destruktiv aggressiv noch neurotisch unterwürfig. Er hat einen gesunden Körper, der flexibel und kräftig, aber nicht hart ist, eine gute Gewebespannung der Haut und glänzende, kontaktvolle Augen. (Siehe Reich (1949), Baker (1967) und Raknes (1971).)

Während das Verhalten des Neurotikers durch Angstvermeidung und durch Schuld motiviert wird, wird der genitale Charakter durch das motiviert, was ihm Freude und Zufriedenheit schenkt. Er ist weder in irrationalen Hass und Rache noch in Resignation als Folge eines ungelösten ödipalen Problems festgefahren. Entsprechend werden Menschen als das wahrgenommen, was sie wirklich sind und nicht als Symbole von frustrierenden und verdrängten Objekten in der Düsternis der sekundären Schicht. Folglich verhält sich der genitale Charakter rational gegenüber Menschen, reagiert mit Respekt und Freundlichkeit, wenn sie ihm entgegen gebracht wird, und mit Zorn und Wut, wenn das angebracht und angemessen ist, wenn notwendig auch mit tödlicher Gewalt. Seine Beziehung zu einem Partner wird durch Liebe und Lust bestimmt sein, nicht durch Schuld und Zwang. Sein monogames Verhalten wird durch gesunde Kriterien bestimmt und er kann polygam sein, wo es notwendig oder rational ist (Reich 1945). Der Neurotiker hingegen bleibt in einer klebrigen, zwanghaften Beziehung oder wird promiskuitiv und kontaktlos von einem Partner zum anderen schwirren oder sich in sadomasochistischen Formen von polygamem Sex ergehen, z.B. polymorph-perversem Gruppensex. Das Letztere rationalisiert er häufig als therapeutisch oder als Ausdruck freier und alternativer Formen der Sexualität. Dr. Elsworth F. Baker (Seite 103) erklärte zum genitalen Charakter: „Perversionen sind ihm gleichgültig, und Pornographie stößt ihn ab.“

Die Intelligenz des genitalen Charakters steht in Harmonie mit seinem genitalen Primat (orgastische Potenz) und dient als getreuer Ausdruck seiner Pulsation vom Kern zum Kosmos. Das heißt, während der Neurotiker an gestörter Pulsation leidet, entweder in der Richtung Kontraktion gegen Expansion oder Expansion gegen Kontraktion, abhängig von der Charakterologie und den Umständen, pulsiert der genitale Charakter einfach. (siehe Abb. 1 und Abb. 2)

Anders als der Neurotiker benutzt der genitale Charakter seine Intelligenz nicht als Abwehr gegen die Bedrohung wahren Wissens oder als zerstörerische Waffe auf dem sozialen Schauplatz. Der emotionale Pestcharakter ist das klassische Beispiel des letzteren (Reich 1953). Seine Rationalisierungen stellen eine Verkleidung dar, die ein Ausdruck von etwas tieferem ist, das um jeden Preis verteidigt werden muss.

Der genitale Charakter toleriert nicht nur Gefühle, sondern genießt und fördert den natürlichen Ausdruck der Lebendigkeit in jeglicher Form. Ich betone „natürlich“, weil seine orgonotischen Sinne ihm sofort sagen, wann etwas falsche Lebendigkeit, Ersatzkontakt (Reich 1949a, Baker) oder heimtückischer Missbrauch von natürlichen biologischen Strebungen ist. Er kennt den Unterschied zwischen Perversion, Pornografie und natürlicher Sexualität, zwischen Volkssängern und Volksagitatoren, Freiheitsliebenden und Freiheitskrämern, Wahrheitsliebenden und Wahrheitskrämern; er kennt den Unterschied zwischen gut, mittelmäßig, schlecht und noch schlechter – zwischen den Unzulänglichkeiten der Ideale und der Regierung Amerikas und dem Schrecken einer rotfaschistischen oder schwarzfaschistischen Gesellschaft (Reich 1953). Der neurotische Freiheitskrämer hat kein Gefühl für diese Dinge und der rotfaschistische Modju weiß, dass eine solche Gesellschaft zerstört werden muss, wenn er überleben will.

In Anbetracht einiger dieser technischen und sozialen Voraussetzungen für den gesunden genitalen Charakter und seine Differenzierung von nicht gesunden genitalen Typen und prägenitalen Typen, was können wir über eine genitale Welt mutmaßen? Zuerst wollen wir den nicht existierenden idealen genitalen Charakter von dem realen unterscheiden. Reich erklärte (1949a, Seite 165): „Die realen Charaktere stellen Mischformen dar, und es kommt bloß auf die Entfernung von dem einen oder anderen Idealtyp an, ob die Libidoökonomie gewährleistet ist oder nicht.“ Das heißt, es gibt eine Unterscheidung zwischen einem idealen genitalen Typus und einem, der im Wesentlichen wie ein genitaler Charakter funktioniert. Dr. Elsworth Baker glaubt, dass Reich so ein funktionaler genitaler Charakter war (Reich 1949b). Zum Beispiel kann ein funktionaler genitaler Charakter arbeiten, konkurrieren und kämpfen für etwas, das er sehr stark will, ob für einen Partner oder für einen bestimmten materiellen Besitz oder für Status und Stellung. Sein Wunsch nach diesen Zielen ist nicht durch neurotische Bedürfnisse (Ersatzpotenz) motiviert, sondern durch echte Freude am Erfolg. Seine gesamte Leistungsweise wird jedoch eine qualitativ anständige, ehrliche und realistische Prägung haben. Als „Mischtyp“ kann er sogar gelegentlich einer neurotischen oder emotional pestkranken Manifestation nachgeben, wird aber in den meisten Fällen in der Lage sein, es zu erkennen, zu handhaben und sich davon zu erholen.

 

Literatur:

Ardrey, R. 1966. The Territorial Imperative. New York: Dell (paperback), 1971.
(deutsch: Adam und sein Revier, Wien, München, Zürich: Molden, 1968)

Bacon, F. 1626. New Atlantis. New York: Odysseus Press, 1973.
(deutsch: Neu–Atlantis, Stuttgart: Reclam, 2003)

Baker, E.F. 1967. Man in the Trap. Princeton: The American College of Orgonomy Press, 2000.
(deutsch: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980)

Butler, S. 1960. Erewhon. New York: New American Library.
(deutsch: Erewhon, München: Goldmann 1985)

Freud, S. 1962. Three Essays on the Theory of Sexuality. New York: Basic Books.
(deutsch: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt a. Main: Fischer, 1991)

Hilton, J. 1933. Lost Horizon. New York: Pocket Books, 1976.
(deutsch: Der verlorene Horizont, München, Zürich: Piper, 2003)

Hobbes, T. 1660. Leviathan. New York: Penguin (paperback), 1968.
(deutsch: Leviathan, Stuttgart: Reclam, 1986)

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Malinowski, B. 1929. The Sexual Life of Savages. New York: Harcourt, Brace and World.
(deutsch: Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, Frankfurt a. M.: Syndikat, 1979)

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(deutsch: Große Griechen und Römer: 6 Bände (Bibliothek der Alten Welt), Berlin: De Gruyter, 2011)

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(deutsch: Morus: Utopia, Stuttgart: Reclam, 2016)

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[New York: Penguin, 1971 (Anm. Übers.)]
(deutsch: Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt a. M.: Fischer, 1973)

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(deutsch: Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1971)

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(deutsch: Charakteranalyse. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1970)

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(deutsch: Äther, Gott und Teufel. Frankfurt: Nexus, 1983)

Reich, W. 1953. The Murder of Christ. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Christusmord. Olten, Freiburg im Breisgau: Walter, 1978)

Reich, W. 1971. The Invasion of Compulsory Sex-Morality. New York: Farrar, Straus and Giroux.
[3rd edition prepared by Wilhelm Reich, 1951.(Anm. Übers.)]
(deutsch: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1972)

Roheim, G. 1950. Psychoanalysis of Primitive Culture. New York: International Universities Press.
(deutsch: Psychoanalyse und Anthropologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1977)

Rousseau, J.J. 1976. The Social Contract. New York: Penguin
(deutsch: Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes, Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2005)

nachrichtenbrief23

18. Mai 2017

nachrichtenbrief22

16. Mai 2017

rational/irrational

19. Juli 2016

In der Orgonomie gibt es keine Trennung zwischen dem Freudschen Primärvorgang (der ganz vom Lustprinzip bestimmt wird) und dem Sekundärvorgang (wo das Realitätsprinzip eingreift), zwischen den primären Gefühlen und der sekundären Ratio. Der Sekundärvorgang kann aus orgonomischer Sicht vollkommen irrational sein („Der Intellekt als Abwehrfunktion“, siehe Reichs Charakteranalyse), während der Primärvorgang Leitfaden eines rationalen Diskurses sein kann (Animismus, ozeanische Gefühle, orgonomischer Funktionalismus). Die Grenze zwischen rational und irrational ist die gleiche wie zwischen primären Trieben und sekundären Trieben. Psychoanalyse, Marxismus, etc. haben primäre Triebe und sekundäre Triebe vermengt und die Label rational bzw. irrational sowohl auf Äußerungen primärer als auch sekundärer Triebe verteilt. Zum Beispiel ist für die Psychoanalyse das ungepanzerte Kind in seiner Suche nach Lust irrational und muß an die rationale Realität angepaßt werden. Für den Marxismus ist die gesamte Geschichte des gepanzerten Menschentiers historisch-materialistisch notwendig und etwa die Trobriander, die diesen Prozeß nicht mitgemacht haben, irrationaler „Völkerschrott“, der ausgemerzt gehört, wenn er der Revolution im Wege steht (Engels). Zusammengefaßt kann man sagen, daß für die Orgonomie diese gesamte Zivilisation und ihre Wissenschaft verrückt ist, weil sie rational und irrational nicht trennen kann. Ein Kompliment, daß der Orgonomie dann spiegelverkehrt heimgezahlt wird: „Reich war verrückt“.

Siehe dazu auch Chronik der Orgonomie.

Wider die öffentliche Zurschaustellung der Genitalien

13. Februar 2016

In der Schweiz wurde das „Nacktwandern“ verboten. Natürlich regen sich alle „Aufgeklärten“ über diese ungeheuerliche Prüderie auf. Der wirkliche Aufreger ist jedoch die komplette Kontaktlosigkeit der Nackten und ihrer Verteidiger. Es geht ja nicht um nackte Oberkörper oder nackte Beine, sondern einzig und allein um das Zurschaustellen der Genitalien.

Es ist schlichtweg Emotionelle Pest, weil auf diese Weise Intimität untergraben wird. Es ist ähnlich wie in den kontaktlosen Talkshows oder Bekenntnissen von „Stars“, bei denen Gefühle auf exhibitionistische/voyeuristische Weise zerredet, ihrer Bedeutung beraubt werden. Ist nicht der FKK-Strand das Prüdeste, was man sich vorstellen kann? Es wird die gleiche Botschaft vermittelt wie in der Pornographie: Schau her, es hat nichts zu bedeuten!

Nach allem was wir wissen, ist Nacktheit auch wenn wir Jahrtausende hinter das Patriarchat zurückgreifen, nicht natürlich. Vielmehr haben Bronislaw Malinowski und andere Ethnographen nachgewiesen, daß Naturvölker sehr darauf bedacht sind, ihre Genitalien vor Blicken zu verbergen – auch bzw. gerade sexuell gesunde Völker wie die Trobriander oder die Muria. Diese Scham ist genauso natürlich wie das universelle Inzesttabu.

Reich war sich dessen durchaus bewußt. Der letzte direkte Reich-Schüler, Morton Herskowitz schreibt in seinem Aufsatz „An Orgonomic Interpretation of Some Anthropological Research“:

Reich dachte, daß es keine Fälle gäbe, wo Menschen in einer Gesellschaft mit entblößten Genitalien umhergehen würden. Dies stimmt nicht. (Journal of Orgonomy, May 1981)

Es gäbe ein paar wenige Gesellschaften, sagt Herskowitz, wo dies vorkomme. Dem ist jedoch anzufügen, daß bei diesen Gesellschaften der Blick auf das Genital absolut tabuisiert ist. So hat Reich „funktionell“ doch Recht.

Genauso wie beim Inzesttabu geht es auch bei der Bedeckung der Geschlechtsteile darum, die ökonomische Urgruppe vor dem zerstörerischen Potential der Sexualität zu schützen, etwa so, wie man es in den heutigen Betrieben ungern sieht, wenn es zwischen den Mitarbeitern zu sexuellen Beziehungen kommt. In der Massenpsychologie des Faschismus erwähnt Reich diese Mechanismen im Zusammenhang mit der Sexualfeindlichkeit des Patriarchats:

(…) in dem Sinne, daß die Produktionsweise des Bauern eine strenge familiäre Bindung aller Familienmitglieder aneinander erfordert, und diese Bindung setzt weitgehend sexuelle Unterdrückung und Sexualverdrängung voraus.

Im Matriarchat sieht das aber auch nicht sehr viel anders aus, nur daß dort die Sexualität natürlich außerhalb der Familie frei gelebt werden kann.

Arbeit und Sexualität schließen sich gegenseitig aus, wie sowohl Malinowski als auch Reich festgestellt haben.

Reichs Sohn, Peter Reich hat seinen Vater niemals ganz nackt gesehen (Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 58). Auch sonst war Reich streng gegen jede elterliche Nacktheit. Beim Jungen wahrscheinlich, um dem Kind die narzißtische Kränkung durch einen so viel größeren Penis zu ersparen, bzw. um keine Kastrationsängste unnötigerweise zu provozieren (Michael Glass: „Parental Nudity und Castration Anxiety“, Journal of Orgonomy, May 1981). Es steht zu befürchten, daß freizügige und „selbstregulatorische“ Eltern auf diese Weise Homosexuelle produzieren.

Erwachsene vergessen gerne, daß ihre Genitalien sich auf Gesichtshöhe von Kleinkindern befinden. Wie kontakt- und verantwortungslos kann man eigentlich sein?!

Siehe dazu auch meinen Blogeintrag Sexueller Kindesmißbrauch.

Das Schicksal der Orgonomie (Teil 1): Die „Orgonomie“ des Kleinen Mannes

4. Februar 2016

Die Orgonomie wird zerstört, indem sie in ein „Gedankensystem“, eine Ideologie überführt wird: „One size fits all!“ und was nicht passend ist, wird passend gemacht. Diese zerstörerische Herangehensweise zeigt sich vor allem in drei Bereichen: 1. Erziehung, 2. Therapie und 3. Soziologie.

Ideologen fragen stets nach den Ursachen für etwas. Danach kann man dann Ideologien einteilen, etwa, frei nach Lenin, in idealistische und materialistische. Psychische Erkrankungen können beispielsweise tiefenpsychologisch auf frühkindliche Ereignisse zurückgeführt werden oder es wird verhaltenstherapeutisch eine „Lerngeschichte“ rekonstruiert. Reich hingegen hat gezeigt, daß man möglichst voraussetzungslos, d.h. ohne „Vor-Urteile“ (letztendlich ohne Augenpanzerung, „Verblendung“), an die Phänomene herangehen soll. Insbesondere trifft dies jedoch auf Menschen, hier Patienten, zu.

Deshalb sind aus orgonomischer Sicht die Ursachen für eine neurotische Erkrankung zunächst einmal denkbar gleichgültig. Der eine wurde von gewalttätigen Alkoholikern großgezogen und ist ein genitaler Charakter, der andere von Orgonomen und ist ein neurotisches Wrack. Jedes Neugeborene reagiert anders auf seine Umgebung. Es gilt diese nicht weiter reduzierbare Eigenheit zu erkennen und zu schützen. Das ist das Projekt „Kinder der Zukunft“ und nicht das Aufstellen irgendwelcher Erziehungsmaximen. Diese haben seit Neills mißverstandenem Buch Antiautoritäre Erziehung dazu beigetragen, diese Gesellschaft zu zerstören und aus Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“ etwas zu machen, dem jeder anständige Mensch entgegentreten muß.

Entsprechend geht es in der Orgontherapie um den neurotischen Charakter, wie er sich gegenwärtig darstellt. Die vermeintlichen Ursachen der neurotischen Symptome, die irgendwo in der Vergangenheit liegen, sind ziemlich gleichgültig. Wichtig ist einzig, was man jetzt praktisch tun kann. Bei, beispielsweise, einer Hysterikerin verhindert man, daß sie wegrennt. Sie muß sich stellen. Sie muß miterleben, wie sie es mit der Angst bekommt und wie sie dann reagiert. Sie muß mit ihren neurotischen Mechanismen in Kontakt treten und sie kontrollieren lernen. Sie mit irgendwelchen vom Therapeuten zusammenphantasierten „ödipalen Geschehnissen“ aus der Vergangenheit zu konfrontieren, bzw. diese „gemeinsam aufzuarbeiten“, führt nur zu einem: die angstmachende, freiflotierende Energie wird im Gehirn gebunden – der Patient wird noch verpanzerter.

Eine genuin orgonomische Herangehensweise hat nichts mit „Körperpsychotherapie“ zu tun. Irgendwelche Deutungen oder gar Körperübungen führen zu nichts und tragen allenfalls zu einer weiteren Vertiefung der charakterlichen Abwehr bei. Zurück bleiben entweder restlos verunsicherte Menschen oder blasierte Arschlöcher, die wie Kultmitglieder wirken und sich benehmen, als hätten sie ein „höheres Bewußtsein“ erlangt. Sie sind niemals mit sich selbst in Kontakt getreten. Die Welt hat bereits genug „Kleine Männer“, sie braucht keine „Reichianischen“ Therapeuten, um zusätzliche zu produzieren.

Als Beispiel für ideologisches Denken nehme man das Locked-in-Syndrom. Nach eigenen Aussagen haben die Betroffenen eine teilweise sehr hohe Lebensqualität, obwohl sie ihren gesamten Körper nicht bewegen können. Das widerspricht allen „Reichianischen“ „Erkenntnissen“. „Du bist dein Körper!“

In der sozialen Orgonomie schließlich wird ein Destillat der Erkenntnisse Reichs gebildet und auf die Gesellschaft angewendet, nicht anders wie bei jeder anderen Ideologie auch. Irgendein ungenießbares Gebräu, das man aus Reichs Büchern herausdestilliert hat: Freud, Marx, Trobriander, sexuelle Revolution, Arbeitsdemokratie, etc. Wie in den unterschiedlichen „Schulen“ der Psychotherapie (die imgrunde nur den Dachschaden der jeweiligen Schulgründer weitertragen) der Einzelne mit einer Theorie malträtiert („analysiert“) wird, wird hier gleich die ganze Gesellschaft auseinandergenommen und wieder zusammengefügt. Oder mit anderen Worten: die Orgonomie wird zu einer weiteren beliebigen Ideologie ähnlich der „Kritischen Theorie“ und dergleichen Gehirnkaugummi für Neurotiker.

Was wir tatsächlich auf dem gesellschaftlichen Schauplatz vor uns haben, sind Menschen mit immer wiederkehrenden Verhaltensmustern, die die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen. Oder mit anderen Worten: wir haben die soziopolitischen Charaktertypen vor uns. Von hier aus betrachten wir dann die unterschiedlichen Ideologien, inklusive „Reichianische“ Gesellschaftstheorien, und führen sie auf bioenergetische Gegebenheiten zurück.

Die Menschheit braucht einiges, aber kein weiteres „Erziehungssystem“, keine weitere „Therapieform“ und mit Sicherheit keine weitere „Gesellschaftstheorie“. Das sind alles Dinge, mit denen die Falle dekoriert wird, um so weiter sicherzustellen, daß niemand die Falle, das Irrenhaus, verläßt.

Selbstkritisch muß ich hinzufügen, daß wir sicherlich auch keine „naturphilosophischen“ Ergüsse brauchen, sondern Daten aus einem gut ausgestatteten, von gut ausgebildeten Wissenschaftlern betriebenen Laboratorium. Wissenschaft steht und fällt mit der Reproduzierbarkeit ihrer Ergebnisse.

Hier ein Interview mit A.S. Neill, das sofort zeigt, warum Reich diesen Mann so sehr geliebt hat: er ist vollkommen unprätentiös, versucht niemanden zu beeindrucken und er vertritt keinerlei Ideologie.

Der biologische Rechenfehler in der Marxschen Mehrwertlehre (Teil 2)

2. Februar 2016

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Grundlage der Arbeitsdemokratie. Die Menschen benötigen eine emotionale, gemeinschaftsbildende Beziehung, sie müssen in dieser Gemeinschaft kooperativ tätig sein und diese Tätigkeit muß zielgerichtet und planvoll sein. Später wurde aus dieser Triade der Gegensatz von „Arbeit und Kapital“, den die Linke stets verschärfen wollte, während die Rechte ihn auf illusorische Weise zu verkleistern trachtete, sei dies nun im Sinne der „nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“ oder der „sozialen Marktwirtschaft“.

Das folgende wird sehr schön durch das Schicksal des „Oligarchen“ Michail Chodorkowski illustriert. In einem Interview kurz vor seiner Verhaftung 2003 durch das faschistische Putin-Regime gab er zu Protokoll:

Wissen Sie, als ich zu YUKOS kam, 1996, hatten die einen Schuldenberg von 3 Milliarden Dollar. Die Gesellschaft produzierte 40 Millionen Tonnen Erdöl und die Produktion sank um 7 Prozent pro Jahr. Die Selbstkosten betrugen 12 Dollar pro Barrel, das heißt, sie lagen über dem Marktpreis.
Heute kostet uns ein Barrel Öl 1,5 Dollar und wir zahlen 3 bis 4 Milliarden Dollar Steuer jährlich – 3 bis 4 Milliarden Dollar! Wir wachsen um 20 Prozent pro Jahr und fördern keine 44 Millionen Tonnen Öl, sondern 80. Die Gesellschaft zahlt ihren Aktionären Dividenden und legt Mittel zurück für weitere Großinvestitionen.

Man höre oder lese den ganzen sehr aufschlußreichen Bericht des Deutschlandfunks.

Bei meiner Beschäftigung mit dem Reichschen Konzept „Arbeitsdemokratie“ kam ich dazu, die funktionellen Paare
„Psyche und Soma“,
„Idee und Tätigkeit“ und
„Unternehmer und Arbeiter“
funktionell gleichzusetzen ohne viel auf Reichs Ansichten zum Problemkomplex „Kapital und Arbeit“ zu achten, die doch teilweise von Marx geprägt sind. Nun überraschte mich der Gedanke, daß ja meine Überlegungen bereits im Motto der Arbeitsdemokratie enthalten sind:

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.

Was liegt näher als diese drei „Quellen“ orgonometrisch in Beziehung zu setzen? Und ist überhaupt eine andere Zusammenstellung denkbar als die folgende?

Zusammenarbeit und Vertrauen als unverzichtbarer Kern jedes ökonomischen und sozialen Lebens.

Das komplexe Verhältnis von Kapital und Arbeit läßt sich auch entsprechend der „psychosomatischen Beziehung“ darstellen, wie Reich sie 1944 in seiner Arbeit Orgonotic Pulsation präsentiert hat:

  • Richtet sich 1 gegen 2 haben wir die funktionelle Entsprechung des ersten Falls vor uns, den Idealismus: Wirtschaft wird vom Unternehmer als großem Patriarchen bestimmt, dem man nur zu gehorchen hat und der Laden läuft: Befehl, Gehorsam und Kontrolle.
  • Richtet sich 2 gegen 1 liegt der mechanistische Materialismus vor, wie wir ihn im revolutionären Marxismus-Leninismus vor uns haben: der imgrunde überflüssige Unternehmer muß weg, so daß die Wirtschaft besser läuft, da der „Widerspruch von Kapital und Arbeit beseitigt ist.“
  • In der Entsprechung des „psychophysischen Parallelismus“ laufen Kapital und Arbeit (3 + 4) unabhängig nebeneinander her: so sieht es größtenteils in den westlichen Demokratien aus.
  • Im Mystizismus laufen Kapital und Arbeit (5 + 6) auseinander und sind unvereinbar: hier haben wir die alten feudalistischen (und die modernen „kommunistischen“) Staaten vor uns, wo der Adel vollkommen vom arbeitenden Volk abgeschnitten war. In Ländern wie Spanien und China war für die Edelleute Arbeit (selbst „unternehmerische Arbeit“) etwas zutiefst Entwürdigendes und Unehrenhaftes.
  • Im Monismus schließlich gibt es keinen Unterschied zwischen beiden (7 + 8): dies findet sich in den faschistischen Ideologien (und vielleicht auch im Anarchismus) wieder, wo vollständig von der Arbeitsteilung abstrahiert wird und eine illusorische Versöhnung realer Interessengegensätze (die „Volksgemeinschaft“) gepredigt wurde.
  • 9 steht für die undifferenzierte biologische Schöpfungskraft an sich.

So mancher „Reichianer“ vertritt entgegen diesem funktionellen „holistischen“ Ansatz noch immer das alte Marxistische Prinzip, daß einseitig die „lebendige Arbeit“ über das „tote Kapital“ obsiegen muß, damit sich die Arbeitsdemokratie entfalten kann. Daß ein solches fehlerhaftes Denken, das nur eine der fünf Möglichkeiten, nämlich die oberflächlichste sehen will (oder gar „orgonomisch“ in der tiefsten verharren will), bei seiner materiellen Verwicklung zwangsläufig in die Tyrannei führen muß, hatten am Ende selbst die Kommunisten erkannt. So beschrieb ein sowjetischer Wissenschaftler den sozialpsychologischen Zustand der UdSSR am Ende ihrer Existenz wie folgt:

Entpersönlichung des gesellschaftlichen Lebens und Unterbewertung des individuellen Ursprungs des Daseins (…). Viele Jahre hindurch wurde die menschliche Individualität unter dem Banner des Kampfes gegen den Individualismus konsequent erniedrigt und unterdrückt. In der Wirtschaft förderte dies die Gleichmacherei in der Entlohnung, in der Politik die Bürokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und eine Vorstellung vom Menschen als einem Schräubchen, das sich automatisch im unpersönlichen Mechanismus der Maschinengesellschaft dreht. Es galt sogar, wie einst in der archaischen Gesellschaft [d.h. im fiktiven „Urkommunismus“], als unanständig in erster Person zu sprechen, da dies als egozentrisch aufgefaßt wurde. (z.n. Deutschlandfunk, 4.1.1989)

Es ist sehr interessant, was Bronislaw Malinowski 1935 am Ende seines Werkes über die trobriandrische Landwirtschaft schrieb. Im Lichte seiner Analyse zeige sich,

wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981)

Malinowski hebt hervor, wie ungeheuer komplex die angeblich „urkommunistische“ Wirtschaft der Trobriander ist – daß hier praktisch alle denkbaren Wirtschaftsordnungen in einer funktionellen Einheit verbunden sind. Dagegen handelt es sich bei den alten anthropologischen Theorien, die den „Wilden“ entweder zum Kommunisten oder zum Prototyp des brutalen Manchesterkapitalisten machen wollen,

um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentlich Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselwirkung kollektiver und persönlicher Ansprüche.

Selbst in unserer Wirtschaft ist nicht alles so eindeutig „kapitalistisch“ wie es manche Ideologen gerne in sie hineindeuten wollen. Man frage z.B. einen Arbeiter, wem die Drehbank gehört, an den er steht. Mit einigem Recht wird er sagen, daß es seine ist, weil er an ihr arbeitet, oder er sagt, sie gehöre dem Chef. Gleichzeitig ist der Arbeiter aber in das Kollektiv des Betriebes eingebunden, genauso wie der Chef von Geldgebern (und selbst der Dreher könnte z.B. Aktien besitzen) und Kunden abhängt, die gewissermaßen auch sagen könnten, ihnen würde die Drehbank gehören. Hier nur die Unterdrückung der „lebendigen Arbeit“ durch das „tote Kapital“ sehen zu wollen, hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Vielmehr geht es darum, diese Beziehungen und Abhängigkeiten, die bioenergetische Spannung wechselseitiger verpflichtungen, weiter so auszubauen und bewußt zu machen, daß unsere Gesellschaft zu einer wahrhaft „sozialen Marktwirtschaft“ wird und nicht nur in der Entsprechung des „psychophysischen Parallelismus“ verharrt.

Eine Lehre, die eine der funktionellen Komponenten des gesellschaftlichen Organismus verwirft, muß ihn umbringen, sollte sie verwirklicht werden. Marx hat das Kapital abschaffen wollen und hat damit zwangsläufig auch jeden Individualismus und jede Initiative erstickt. Wäre er wirklich ein Dialektiker und kein Dogmatiker gewesen, hätte er erkennen müssen, daß dialektisches Denken keine letzte Instanz kennt. Bei ihm war es die Entwicklung der Produktivkräfte, so als hinge dies nicht von der Innovation ab – dem angeblichen „Überbau“ also. Außerdem ist der Marxsche „revolutionäre“ Ansatz a priori gegen die Arbeitsdemokratie gerichtet, während die Orgonomie im Grunde konservativ ist.

Arbeitsdemokratie wurzelt in dem, was die Ahnen geschaffen haben. Das reicht von dem was Pflanzen und Tiere getan haben, „um“ die Erde erst für den Menschen bewohnbar zu machen, bis zu unseren direkten, menschlichen Vorfahren, die uns ihre künstlichen Organe vermacht haben, ohne die wir nackt und dem Tode geweiht wären. Und wo wären wir ohne den einen Menschen, der als erster künstlich Feuer erzeugt hat! Hier haben wir den sehr rationalen Kern der Ahnenverehrung vor uns.

In seiner Massenpsychologie des Faschismusbeklagt Reich:

Woher kommt es, daß von Millionen Autofahrern, Radiohörern etc. nur ganz wenige die Namen der Entdecker des Autos und des Radios kennen, dagegen jedes Kind die Namen der politischen Pestgeneräle kennt?

Und Hans Hass schreibt im Zusammenhang mit seiner Energontheorie:

Sofern wir (…) Häuser, Sessel und Straßen als etwas Gegebenes und Selbstverständliches ansehen, ist uns kaum zu helfen. (…) Das Vorgefundene wird als selbstverständlich angesehen. Was nicht den eigenen Wünschen entspricht, wird zum Impuls für Kritik und Aggression. Betrachten wir indessen, wie alles entstand, dann sehen die Dinge ganz anders aus. (Naturphilosophische Schriften)

Hier gehört auch die Psychopathologie des liberalen Charakters hin, der im Gegensatz zum konservativen Charakter jeden Kontakt zu seinen Ahnen und damit zum Leben verloren hat. Imgrunde kann er nur zerstören. Marx war ein Prototyp dieses gesellschaftlichen Krebses, dessen einzige Lebensperspektive Zerstörung ist.

Nachtrag zu Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 3.f.: Der Kredit als Grundlage der Ökonomie

23. Januar 2016

Ursprünglich setzte sich die Menschheit aus kleinen Clans zusammen, die sich mehr oder weniger feindlich gesonnen waren. Ganz ähnlich den Zuständen, die wir bei Schimpansenhorden beobachten, die sich wie „Straßengangs“ ab und an blutige Revierkämpfe liefern. Die einzelnen Clans fanden erst durch quasi „Kreditgeschäfte“ dauerhaft zueinander und konnten einigermaßen friedliche Gesellschaften bilden. Bei den besagten „Kreditgeschäften“ ging es um Geschenke, die den Beschenkten implizit verpflichteten ein wertvolleres Gegengeschenk zu geben. Das war sozusagen der erste „Zinsstreß“, ging es doch um die Gefahr des Gesichtsverlusts und des sozialen Todes (der zwangsläufig den physischen Tod nach sich zog, denn auf sich allein gestellt, konnte niemand überleben).

Über die Trobriandrische Wirtschaft schrieb Bronislaw Malinoski:

Die umständliche Wirtschaftsform der Eingeborenen erweist sich als mächtiger Antrieb zu sachlichen Höchstleistungen. Würde der Eingeborene nur gerade so viel arbeiten, daß er seine unmittelbaren Bedürfnisse befriedigen könnte, würde er nur von rein wirtschaftlichen Erwägungen ausgehen, so hätte er keine Veranlassung, einen Überschuß zu produzieren, den er ja nicht kapitalisieren kann. Tief wurzelnde Triebfedern, wie Ehrgeiz, Ehre und moralische Pflicht, haben ihn ein relativ hohes Niveau an Leistungsfähigkeit und Organisation erreichen lassen, das es ihm erlaubt, in Zeiten der Dürre und des Mangels gerade genug zu erzeugen, um die schlimmen Zeiten überstehen zu können. (z.n. Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 80)

Durch den Zusammenschluß der Clans kam es zu wachsender Arbeitsteilung und die „Kreditgeschäfte“ betrafen schließlich auch Güter: Wildbret, Fisch, Töpferwaren, Früchte, etc. Beispielsweise läßt sich schon sehr früh der „Handel“ mit Sperrspitzen über ganze Kontinente hinweg nachweisen. Das, was ursprünglich die Clans zusammengeführt und zusammengehalten hatte, organisierte nun die Arbeitsdemokratie: ein unüberschaubares Netz gegenseitiger Verpflichtungen.

Das besondere dabei ist, daß es bei diesem Handel gar nicht so sehr um die „Grundversorgung“ ging, sondern vielmehr um die Befriedigung immer neuer („künstlicher“) biologischer Bedürfnisse. Die Erfindung des Feuers oder der Pfeilspitze zog jeweils einen ganzen Rattenschwanz neuer „Produkte“ und Dienstleistungen nach sich. Dies hielt zusätzlich die bioenergetische Spannung aufrecht. Im Vergleich zur „Schimpansenhorde“, wo es nur um Früchte, Nüsse und ab und an etwas Fleisch ging, führte das zu einem stetigen Anstieg des orgonotischen Kapazitätsniveaus.

Es ist offensichtlich, daß dieses System sehr zerbrechlich ist, da es auf „künstlichen“ Bedürfnissen, vor allem aber auf einem beruht: Vertrauen. Der bloße Austausch von Waren, gar von denen des „Grundbedarfs“, ist eine mechanische Verfallserscheinung der Ökonomie, an deren Ende der Kommunismus steht: die Rückkehr zur Schimpansenhorde.

Traditionell steht am Anfang der Ökonomie der Austausch von Gütern. Der Mann im Hinterland benötigt Fisch und kriegt sie vom Mann am Meer, der dafür (idealerweise sofort) Gemüse erhält. Historisch und funktionell steht am Beginn ökonomischer Aktivitäten jedoch das Eingehen gegenseitiger Verpflichtungen über lange Zeitstrecken hinweg. Es geht um das Verhältnis von Schuldner und Gläubiger. Bei den Primitiven ist es das Geschenk, das zwangsläufig zu Gegengeschenken und immer neuen gegenseitigen Verpflichtungen führt. Man denke etwa heute an eine intakte Dorfgemeinschaft, etwa die von Hengasch, bei der die Einladung eines Hinzugezogenen zu einem Essen automatisch zu einem engen Beziehungsgeflecht gegenseitiger Verpflichtungen führt, die sich sekundär mit ökonomischer Substanz füllen kann. Ähnlich sieht es in einer modernen Ökonomie aus, wo jeder Schulden machen muß, der ökonomisch aktiv sein will, bzw. sein erwirtschaftetes Vermögen anlegen und investieren muß, um es zu erhalten und zu mehren. Der Austausch von „Feldfrüchten und Meeresfrüchten“ ist dazu ein bloßes Nebenprodukt. Als solcher und aus sich heraus kann dieser Austausch niemals größere wirtschaftliche Aktivitäten generieren.

Beim bloßen Austausch von Gütern spielt normalerweise Zeit keine Rolle: ich kriege das und du dafür dieses. Alles ereignet sich (mehr oder weniger) im Hier und Jetzt. Beim Kredit (im denkbar weitesten Sinne!) ist das etwas ganz anderes. Hier baut sich ein ungeheurer Spannungsbogen auf, da die Zukunft durch ihre Unvorhersehbarkeit definiert ist. Hinzu kommt, daß jeder Zeit neue („künstliche“) biologische Bedürfnisse auftreten können, heutzutage insbesondere durch den Fortschritt der Informationstechnik. Ich kann mir beispielsweise ein Leben ohne Notebook nicht mehr vorstellen.

Im Gegensatz zum einfachen Warenaustausch, wird beim Kredit zwangsläufig eine langanhaltende persönliche Beziehung hergestellt, bei der viele „Gefühle investiert“ werden, wie man so schön sagt. Man geht Verpflichtungen ein und investiert Vertrauen. Dies etwa auch im Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Nach dem allseits befürchteten Zusammenbruch der Weltwirtschaft, d.h. dem finalen Vertrauensverlust, wird Papiergeld wertlos und die Menschen werden ganz automatisch auf Warengeld zurückgreifen. Wenn kein Gold vorhanden ist, bzw. selbst die Besitztitel auf Gold (das man ja kaum mit sich rumschleppt) keinen Glauben mehr findet, dann eben Zigaretten und ähnliches unmittelbar Greifbares, wie nach dem letzten Krieg. Genau das ist der Unterschied zwischen Papier- und Warengeld: das erstere beruht praktisch ausschließlich auf Vertrauen. Wenn dieses Vertrauen weg ist, gibt es kein Halten mehr. Bei Warengeld gibt es diesen Halt, nämlich die „Substanz“ (Gold, etc.) selbst. Am Endpunkt ist es dann der Nutzwert dieser „Substanz“. Selbst wenn man Nichtraucher ist und deshalb selbst nichts mit den besagten Zigaretten anfangen kann, wird sich immer ein Nikotinsüchtiger finden, der die Zigaretten gegen überlebensnotwendige Güter und Dienstleistungen eintauscht.

Hinzu kommt, daß ein neues („künstliches“) biologisches Bedürfnis nach dem anderen wegbricht und wir schließlich auf „Brot, Wasser und Vitamintabletten“ reduziert sind. Die Dimension der Zeit wird bedeutungslos und die orgonotische Ladung und Spannung sinkt rapide auf ein tierisches Grundniveau und kann erst wieder gesteigert werden durch das erneute Eingehen von Verpflichtungen.

Man schaue sich übelriechende „Antikapitalisten“ jedweder Couleur an. Sie verkörpern plastisch den Verfall, die Lebensfeindlichkeit, den „Todestrieb“, die Anorgonie.

Der mechanische Warenaustausch, von der die traditionelle Ökonomie ausgeht, beschränkt sich auf den funktionellen Bereich der Bewegung, bei der Zeit keine wirkliche Rolle spielt, d.h. prinzipiell ist es gleichgültig, ob der Film, der einen mechanischen Vorgang aufgezeichnet hat, von vorne nach hinten oder umgekehrt abgespielt wird. Ganz anders ist es im Bereich der gleichzeitigen Wirkung: es ist nicht gleichgültig, wie herum man das Tonband abspielt, mit dem man Mozarts Jupiter-Symphonie aufgezeichnet hat. Das ist so, weil der Film des physikalischen Schulversuchs einen rein mechanischen, „sinnleeren“ Vorgang abgebildet hat, während die Tonaufnahme der Symphonie mit jedem Takt einen Sinn entfaltet, d.h. das eigentliche Mysterium der Zeit offenbart. Am Ende der Aufführung steht eine unteilbare Einheit.

Diesen Unterscheid zwischen dem Mechanischen und dem Lebendigen kann man mit folgenden drei Gleichungen erfassen:

zinszeit

Gleichung 1 beschreibt die Bewegung, bei der der Faktor t (die Zeit) einfach nur die Veränderung der Distanz L angibt. Ganz anders ist das bei Gleichung 2 und Gleichung 3, die dem Funktionsbereich der gleichzeitigen Wirkung angehören. Die Funktionen, die von ihnen beschrieben werden, beruhen auf gegenseitigen Verpflichtungen, die über Zeit (Gleichung 2) und Raum (Gleichung 3) unabhängig von Bewegung hinwegreichen. Es geht um ganzheitlich, als Einheit ablaufende Funktionen, ähnlich wie eine Symphonie oder eine Kathedrale nur als Ganzheit einen Sinn ergeben.

Gleichung 2 beschreibt das Erzeugen von Kapital durch Investitionen, d.h. einer Funktion, die dauerhaft Profit abwirft. Tatsächlich beschreibt das die Grundlage unserer Existenz, die von dem „Kapital“ abhängig ist, das unsere Ahnen für uns erarbeitet und uns hinterlassen haben. Das reicht von der Entdeckung des Rades bis zur Ausarbeitung der betrieblichen Buchführung. Ohne dieses Kapital, ohne dieses Zusammenzurren der Jahrtausende auf ein gegenwärtiges Ereignis, wären wir nichts.

Gleichung 3 beschreibt die Zusammenarbeit über weite Bereiche hinweg, von denen alle simultan profitieren, so als gäbe es keine räumliche Distanz zwischen ihnen. Man funktioniert als Einheit. Wie bei Gleichung 2 kann man das nicht mehr mit der Funktion Bewegung beschreiben.

Dieser Blogeintrag wurde von den Beiträgen des Orgonomen Robert A. Harman zur Ökonomie inspiriert:

Practical Functional Economics (Part I): The Functional Nature of Exchange. The Journal of Orgonomy 44(1), Spring/Summer 2010, S. 49-77
Practical Functional Economics (Part II): How Exchange Organizes Society. The Journal of Orgonomy 44(2), Fall 2010/Winter 2011, S. 31-51
Practical Functional Economics (Part III): The Form of Movement in Exchange. The Journal of Orgonomy 45(1), Spring/Summer 2011, S. 52-83
Practical Functional Economics (Part IV): The State of the Global Economy. The Journal of Orgonomy 47(2), Fall 2013/Winter 2014, S. 36-93;
Practical Functional Economics (Part V): The World is Falling Apart from the Outside in: A Detailed Picture of the World Economy. The Journal of Orgonomy 48(2), Fall 2014/Winter 2015, S. 71-127