Posts Tagged ‘Todestrieb’

nachrichtenbrief35

16. Juni 2017

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Kommunismus

3. April 2017

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DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

Diedrich: Naturnah Forschen (2000)

13. März 2017

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Diedrich: Naturnah Forschen (2000)

Die historisch-materialistische Interpretation und die bio-psychologische Interpretation des Todestriebes und der gesellschaftlichen Ideologie

14. Januar 2017

Der sozialistische Kampf, das theoretische Organ des Austromarxismus war im faschistischen Österreich verboten. Es wurde deshalb in der Tschechoslowakei veröffentlicht. Sein Herausgeber war der berühmte Otto Bauer, Führer des „Austromarxismus“. Anläßlich von Freuds 80. Geburtstag veröffentlichte das Magazin 1936 zwei Artikel. Einen von W.M. (d.i. Karl Frank): „Sigmund Freud und der revolutionäre Sozialismus“. Wegen dem historischen, d.h. bürgerlichen Hintergrund der Psychoanalyse und der Enge des zeitgenössischen Marxismus gäbe es bis heute (1936) keine marxistische Analyse der Psychoanalyse. Es gäbe eine Freudsche Philosophie, z.B. Freuds Todestrieb, die mit Oswald Spengler gemeinsame Wurzeln habe, nämlich die Philosophie der untergehenden Bourgeoisie. Trotzdem schuf Freud eine moderne Psychologie, indem er auf die soziale Verursachung psychologischer Tatbestände hinwies und dergestalt eine biologisch-materialistische Grundlage für eine Herangehensweise entwickelte, die dem historischen Materialismus ähnlich sei. Die grundlegende Leistung der Psychoanalyse sei ihr Beitrag zum Verständnis des sozialen Überbaus (Wolfgang Huber: Psychoanalyse in Österreich seit 1933, Wien: Geyer-Edition, 1977; Ernst Glaser: Im Umfeld des Austromarxismus, Wien: Europaverlag, 1981, S. 271).

Das entspricht auch weitgehend Reichs damaliger Sichtweise (siehe dazu Otto Fenichels 119 Rundbriefe, Bd. 1, S. 379f). Reich ist nur weitergegangen, über die Psychoanalyse und den Marxismus hinaus. Zunächst einmal führte nicht die soziologische Verortung der Todestriebtheorie (Ideologie der „untergehenden Bourgeoisie“) zu deren Überwindung, sondern die Durchdringung des Masochismus als bio-psychologisches Problem, d.h. als einer Funktion der Panzerung (siehe Charakteranalyse). Und überhaupt, was den ideologischen „Überbau“ betrifft: dieser ist tatsächlich eine Funktion der dreischichtigen bio-psychologischen Struktur des gepanzerten Menschen (siehe Die Massenpsychologie des Faschismus).

Es ist ernüchternd, daß man sich noch heute mit der Denkungsweise, die im ersten Absatz dargestellt wurde, auseinandersetzen muß – selbst bei „Reichianern“.

Ein Beispiel für einen pestilenten Charakter

15. Oktober 2016

Er ist kein Mensch, sondern ein Typ, der in fast keinem Wilhelm-Reich-Seminar fehlt.

Er sitzt da, die verkörperte Abwehr: verschränkte Arme und stets ein Anflug von Verachtung im Gesicht. Läuft bei der Präsentation mal etwas nicht rund, hört man im Hintergrund seine spitze Bemerkung: „Das ist aber schlecht organisiert!“ Und man spürt seinen abschätzigen Blick, als wolle er sagen: „Dieser unsichere Knilch soll also die Verkörperung von sexueller Gesundheit sein!“

Er wartet nur darauf, endlich die Aufklärung zu Wort kommen zu lassen: Reichs gesamte Theorie sei die Verarbeitung seiner, Reichs, eigenen Krankengeschichte. Er sei ein Sex-Maniak gewesen, der unfähig war Spannung zu ertragen und zu sublimieren.

Bei anderer Gelegenheit suggeriert er, Malinowski hätte wohl alle seine Ergebnisse über die Trobriander getürkt.

Oder beispielsweise: Von wegen Faschismusanalyse! Reich sei ja selbst Antisemit gewesen und dann zitiert die Pestbeule die „betreffende“ Stelle aus Reich Speaks of Freud.

Nachdem er sachlich aber scharf abgewiesen worden ist, sitzt die Pestbeule den Rest des Seminars mit sooooo einem Gesicht da. Zu weiteren Terminen erscheint er nicht. Am Seminar selbst war er ja eh nicht wirklich interessiert.

Sein Leben ist leer und ohne Hoffnung. Um es erträglich zu machen, untermauert er es mit einer „nüchternen Lebensanschauung“. Etwa, daß wir von Natur aus gewalttätige Schimpansen seien, die dem Prozeß der Zivilisation unterworfen werden müßten. Oder er ist Freudianer, der vom „Todestrieb“ ganz besonders fasziniert ist. Oder er glaubt mit Adorno, daß es eh kein Wahres im Falschen geben könne. Oder er feiert mit Foucault die sadomasochistische Nichtung des Ich.

Das sind alles nur Rationalisierungen seiner Resignation und seines tiefsitzenden Hasses gegen alles Lebendige.

Er ist kein Mensch, sondern nur ein Sack voll übelriechender Luft.

Breger: Freud. Darkness in the Midst of Vision (2000)

24. August 2016

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Breger: Freud. Darkness in the Midst of Vision (2000)
 

 

O. schrieb 2012: Mal abgesehen davon, dass Louis Breger keiner kennt – zumindest meine Wenigkeit hat nie zuvor von ihm gehört – sollte er seine Ansichten von Sexualität nicht für „reif“ oder „normal“ halten, damit fängt eine Kritik wohl schon mal an. Zweitens wovon man offensichtlich keine Ahnung zu haben scheint, sollte man schweigen.
Es ist erbärmlich, was für schräge Ansichten über Sexualität vorherrschen und wie stark die Sexualunterdrückung noch funktioniert – neben der pornographischen „Revolution“.
Welche Absurdität noch über den „Ödipuskomplex“ zu referieren ohne ein Wort ums Wesentliche zu verlieren: Die (zwangs-) moralische Sozialkontrolle über Partnerwahlen und die Vorstellung vom Glück in der Einehe-Beziehung, die lediglich der Geldakkumumulation und dem Anhäufen von Gütern dient und unter dem Mantel der „Liebe“ verdeckt wird, um diese zu ersticken bis Krebs das Ergebnis sein wird.
Im Ödipuskomplex steckt nicht die Liebe des Jungen zur Mutter, sondern die homosexuelle Neigung eines Freud, der wohl die Mutter als Nebenschauplatz brauchte, wo es doch immer um die Anerkennung um den Vater ging. Hier kann man viel deuten, wenn die eigene Fantasie dazu ausreicht. Man wird aber am allerwenigsten von der Liebe des Jungen (Ödipus) zu seiner Mutter (unbewußt) kommen, vielmehr zum inzestiösen Wunsch des Vaters nach seiner Tochter, wo wahre Vatergefühle durch Sexualverdrängung zu perversen Gelüsten führt. (vgl. Sigmund und Anna Freud miteinander turtelnd.)
Die Ursache ist klar: Die Partnerwahl zur Frau ist nicht mehr befriedigend und war wohl die falsche Wahl, zumindest für einen späteren Zeitpunkt, doch man verbleibt aus sozialen Gründen bei ihr bis das der Tod sie scheide. Und die Frau, die davon zehrt, dass der „Alte“ bei ihr bleibt, als Strafe für seine Wünsche zu anderen, will dass ihr Mann die Zeit mit ihr verbüßen muss und gibt dafür auch noch die Tochter her.
Eine ödipale Bindung entsteht wohl eher zwischen Tochter und Vater, wobei es nicht von der Tochter zunächst ausgeht.

Robert: Ferenczi hat ja schon zu Lebzeiten Freuds die Mutterbedeutung hervorgehoben und später dann Spitz und Winnecott die Mutter-Kind-Bindung. Also es gab immer Korrekturversuche an Freuds Vaterbild, wo der Vater typisch patriarchalisch eine übergroße Bedeutung hat, während heutzutage im Zeitalter des Staatsfeminismus (z.B. finanzierte die CIA die feministische Zeitschrift ‚Ms‘) der Vater und Mann eine marginale, ausgebeutete und versklavte Rolle zugewiesen bekommt.

Dolphin: Für mich gehörte der „Ödipuskomplex“ immer schon zu den abstruseren Fantasiegeburten.
Nie habe ich auch nur entfernt irgendetwas in dieser Art bei mir (oder Bekannten) feststellen müssen.
Ich lese mit großer Zustimmung „Freud war wirklich ein emotional zutiefst gestörter Mann mit den teilweise denkbar abstrusesten Vorstellungen!“.
Gab es aber davor nicht Zustimmung zu einem „libidinöse(n) Grunddrama des Ödipuskomplexes“?
Für überzeugende Aufklärung (ich meine vor allem bzgl. Ödipuskomplex …) bin ich durchaus offen.
Ich wundere mich sehr, wie solche abstrusen Lehren eines zutiefst gestörten Mannes eine solche Aufnahme und Wirkung entfalten konnten/können.
Vergleichbar mit z.B. Lehre und Wirken von Karl Marx.
Auch hier würde ich mich über Aufklärung sehr freuen.

O.: Nun ein Therapeut würde vielleicht fragen „Was hat das mit Ihnen zu tun, dass Sie den Ödipuskomplex, sprich die Liebe zur Mutter und den Hass auf den störenden Vater leugnen müssen?“
Und wenn man sich schon darum Gedanken machen muss, kommt man vielleicht auf sinnvolle Beziehungsmuster und Themen. Das Thema Liebe zum Beispiel oder meine Beziehung zur Mutter und schließlich die zum Vater,das sind alle zentrale und wichtige Themen, die in der Regel emotional besetzt sind.
Würde man umgekehrt an Freud die Frage richten, was keiner wagte aufgrund seiner Authorität, so würde man vielleicht hinterfragen wollen: „Herr Freud, was verdeckt der Ödipuskomplex, die Sohn-Mutter-Analyse? Wie sieht es mit ihrer Liebe zur eigenen Tochter aus? Würden Sie hieraus auch eine Tochterliebe zum Vater machen?“ Freud: „Unbedingt!“ müsste Freud kontern. Ist nicht die Fixierung der Tochter auf den Vater eine der Grundvoraussetzung für die spätere Partnerwahl?
Kinder weden psychisch an ihre Eltern gebunden, erzogen und geprägt. Und dies geschieht libidonös. Reich erklärte das bestens in der „Charakteranaylse“ (Reich 1933, 1945).
_______________________
Die Frage ist wie wörtlich will man den Ödipuskomplex als Motor der Psychodynamik eines Erwachsenen nehmen, dem etwas in der Kindheit unterstellt wird, was im Erwachsenen Schuldgefühle machen soll? Klienten mit unauflösbaren Schuldgefühlen bleiebn länger in Therapie und zahlen besser, sie bleiben abhängige Kinder vom „Vater“, dem Therapeuten.
Die Übertragung leitet sich hieraus ab, sie wird so eingeleitet. Dies erspürt der Therapeut in der Gegenübertragung. Eine Therapeutin wird mehr die Mutterrolle übernehmen.
Die Frage hinter dem Ödipus ist, was ist mit den eigenen Triebwünschen (kindliche Sexualität) geworden, wer hat sie versagt? In der Regel der gleichgeschlechtliche Elternteil – das ist die drohende Kastration des Kindes (psychisch gesehen) und kann bei jedem von uns angenommen werden, weil keiner (außer Reich :)) in der Kindheit seine Sexualität früh ausleben durfte. Stattdessen haben wir unsere Dispositionen zu zwanghaften, hysterischen, masochistischen oder narzisstischen Eigenschaften unseres Charakters (Persönlichkeit) entwickelt.
Unsere Liebe zur Mutter bleibt uns verborgen, so wie in der Mythologie Ödipus nicht wusste, dass er seine Mutter liebte und später seinen Vater töten wird.
Ich hoffe mal ein paar Gedanken hierzu ausgelöst zu haben, warum das was Freud sagte nicht völlig Unsinn ist, wenn es einem natürlich auch irgendwie so scheint. Ich stelle mir aber oft auch dieselbe Frage.

Dolphin: Vielen Dank für die Gedanken!
„die Liebe zur Mutter und den Hass auf den störenden Vater“: Das sind Begriffe/Gedanken/Gefühle der Erwachsenenwelt, die Welt des Kleinkindes ist eine andere (natürlich auch irgendwie erotisch=vom Orgon erfüllt).
Und überhaupt klingt das nach einem furchtbar „primitiven“ und armseligen Gefühlsleben, wenn jemand in solchen Begriffen fühlt (Hass, störend).
Die Liebe des Kindes oder von mir aus auch des Knabens zur Mutter ist eine andere als die spätere Liebe zur Frau.
Es scheint mir unbestreitbar, dass sich die „echte“ Sexualität erst später entwickelt, eben mit der Geschlechtsreife.
Schade, dass Meister Peter sich nicht äußert, meine Frage „wie solche abstrusen Lehren eines zutiefst gestörten Mannes eine solche Aufnahme und Wirkung entfalten konnten/können“ und nach Parallelen mit dem Kommunismus scheint mir doch eine gute und wichtige Frage zu sein.

O.: Bitte, gerne Dolphin!
Die Vorstellung Freuds in Bezug auf den Ödipuskomplex klingt sehr schematisch und abstrakt. Freud geht eben nicht auf die kindliche „Erotik“ ein (Erotik ist ein zu erwachsener Begriff), sondern bleibt in prägenitalen Phasen (oral, anal) stecken.
Das Kind darf gerade seine eigene Libido (Lust) nicht ausleben und fixiert sich auf den versagenden Elternteil, so entsteht erst etwas wie ein „Ödipuskomplex“. Das ist abstrakte Theorie, die zu erklären versucht, was mit dem (Liebes-)Trieb geschieht, wenn er sich nicht ausdrücken darf.
Die Liebe des Knaben bezog sich ursprünglich wohl kaum auf die Mutter, sieht man von der Brust ab, was aber unter notwendige Ernährung zu zählen ist. Freud hat schon die frühsten Verhaltensweisen analysiert und erotisiert. Die kindliche Sexualität hat er hingegen aufgegeben, da er hiermit nur Widerstand bei Kollegen erzeugte. Sobald der Knabe aus der Fütterungsphase heraus ist und sozial tätig wird, beginnt die Liebe primär zu anderen – in diesem Fall kleinen Mädchen. Die Mutter wird nur zum Ersatzobjekt, da sie die (kindlich-) genitalen Strebungen des Sohnes unterbindet.
Und somit nimmt die Katastrophe der psychischen Entwicklung ihren Lauf, die Befriedigungsfähigkeit des Kindes ist für immer zu einer (normal) neurotischen Persönlichkeit gestört.
Literaturempfehlung: W. Reich: „Charakteranalyse“ 1933, 1. Aufl. immer wieder mal lesen, das kann ich nur empfehlen, ich entdecke da immer wieder etwas Neues.
Freud hatte seine eigenen Konflikte und Kämpfe und war auch nicht so frei in seinen Gedanken, zum Schluss war er überangepasst und hatte keine Kraft mehr zu kämpfen. Sein Mundkrebs spricht Bände: Er hat sich oft den Mund verboten und die Kraft fehlte, da das Sexuelle nicht gelebt werden konnte bei ihm – mit dem Ergebnis des Krebses. Reichs Krebsforschung sehe ich als eine Art „Bringschuld“ oder seinem geistigen Vater Freud noch helfen wollend, wenn auch nur noch symbolisch mit dem Buch „Der Krebs“.
Angesichts FREUDS Leistungen – wie verquer man es heute auch beurteilen kann – bleibe auch ich mit ihm nachsichtig, trotz seines teilweise miesen Umgangs gegenüber Reich und anderen Psychoanalytikern.

edmalek 2014: In his early days (i.e., Studies in Hysteria), Freud was a functional thinker in the following ways:
a-He used direct observation of the natural state of his patients instead of following the mechanistic theories of his time (e.g., the „brain“ is the mind)
b-Was able to see discrepancy in his patient’s emotional state between what they said and how they reacted (precursor to Character Analysis).
c-Used words such as „foreign body and parasite“–indication of energy.
d-Was aware of an energetic factor in the buildup of emotions– which when not allowed expression, converted to hysteria.
e-Was able to „guess“ the functionality of the armor segments even though he was unaware of them: neuralgia in throat meant patient had to „keep quiet“ etc.
f-Hysteria did not follow the neurology of organs, but a functional one.
g-was aware that erotic life is most important for human development and did not dismiss this as his contemporaries did.
h-When Freud discovered a “law”, he always sought for the deeper level, never sufficing with the superficial.
He also was aware of symptomatic behavior of his patients (e.g., doubt revenge) that led him to discover resistance and transference.
Generally speaking, had Freud continued in his functional thinking instead of turning to “ego psychology” and nihilism, he would have possibly discovered bioenergetic orgone before his student Reich had the good fortune to.

O. 2012: „Psychologen“ (Psychotherapeuten und die bekannten Ärzte eingeschlossen, die sich mit Psyche beschäftigten) befassen sich mit der physikalischen „Energie“ und umgekehrt befassen sich die Physiker mit der Wirkkraft der „psychischen“ (dynamischen … etc.) Energie. Beide versuche zu beweisen, was nicht ihrer Fachrichtung angehört, den Beweis der Existenz auf dem anderen Gebiete.
Ein Physiker war bereits wesentlich konkreter und räumte mit dem „Placebo-Effekt“ auf, wie er hier benannt ist: „Breger zufolge seien Heilerfolge „zweifellos“ auf den Placebo-Effekt und die persönliche Zuwendung durch den Arzt zurückzuführen.“ (Zitat PN oben)
Breger ist der typische Schwätzer (wenn er solches behauptet hat, auch Stefan Zweig versuchte Mesmer in diese Richtung zu interpretieren, weil eine andere Richtung (wie die von Mesmer oder Reich) nicht gestattet zu sein scheint.
Über den Heilerfolg des Mesmerismus gab es zu seiner Zeit und danach keine Differenz, diese Methode hatte außerordentliche Erfolge. Über die Erklärung jedoch wurde gestritten: Es wurde Mesmer abgesprochen, dass es sich um eine physikalische Energie handeln dürfe, das Agens sollte eine „psychische Kraft“ sein. In diese Richtung ge- und verdrängt, entwickelte sich hieraus der Hypnotismus (Hypnose). Und der sog. Placeboeffekt wurde als mächtige „Wirkkraft ohne Erklärung“ akzeptiert und als Mystikum der Wissenschaft hinzugefügt, an der sich die Psychologie und Medizin messen lassen musste. Es ist falsch anzunehmen, das ein Placebo aus „Nichts“ bestehe, noch ist ihre suggestive Kraft wirkungslos. Der Glaube eines Menschen habe alleine schon eine Wirkung die eine Kraft des Mesmerismus darstellt, aber nicht deren ursprüngliche Kraft ist.
Freud hätte sich mit dem Phänomen hinter der Suggestion von Bernheim und der Hypnose von Charcot befassen können, statt einer „Bioelektrizität“ nachzujagen und in die Psychoanalyse abzudriften. Doch der Weg zum Mesmerismus war durch Meinungen und negative (Vor-)Urteile bereits versperrt. Heute geht es nicht mehr um die Frage, ob es eine physikalische Energie ist, die Mesmer benutzt hat – dies wird verneint, sondern um das Verschwinden der Heilkräfte und deren Methode.
Ebenso geht es in der Orgonomie weniger um dessen Effizienz, was gleichfalls bestritten wurde, sondern um das Verschwinden dieser Technik; und wie wir sehen gelingt dieses bestens – abseits von diesem Blog.

Robert: Wie Herbert Will in Was ist klassische Psychoanalyse?: Ursprünge, Kritik, Zukunft aufführt, ist das, was später als klassische Psychoanalyse bezeichnet wurde, ein Konstrukt der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, das selbst von Eissler u. A. stammt!
Freud selbst war viel flexibler zu seinen Patienten, wie man es bei den Erlebnissenberichten (Blum, Wortis, Kardiner, Blanton, Andreas-Salome, Koellreuter) der Patienten oder Schüler liest.

O.: Freud hat wohl immer wieder noch experimentiert, seine Technik verändert und war auf der Suche, wissend das er die Lösung noch nicht gefunden hatte. Nachfolger können tatsächlich eine „Pest“ sein, ohne das sie überhaupt verstehen warum – eben, weil sie nicht verstehen „warum“.
Sehr schön zu sehen hier, dass Freud empathisch und vernünftig Therapie machen konnte. Letztlich war dieser Einzelfall nach Reichs Thesen gelöst worden, wie es Breuer ihm zuvor auch schon geraten hatte und er es entweder nicht verstand oder zunächst ingnorierte und stattdessen die merkwürdige „Psychoanalyse“ entwickelte. – Merkwürdig aufgrund ihrer inhaltlichen Fantasterei über sexuelle Triebe – Interpretationen über vergangene Bedeutungen.
Nach der Karikatur schläft selbst der Analytiker dabei ein.
Freud hatte sich auch in der Suggestion und Hypnose versucht, sie studiert und scheiterte – auch daraus erwuchs die Psychoanalyse.
Reich studierte diese Seite von Freud nicht. Er war zu sehr von der Pychoanalyse überzeugt und sucht diese (unfähige) Therapie zu bessern – nachzubessern. Breuers Hinweis wird doch noch zum Leitbild: Katharsis – emotionale Erinnerung! Hieraus entstand die Vegetotherapie!
Keine Pulsationsarbeit, wie heutige Jünger es uns glauben machen wollen, auch kein Taoyoga der „energetischen Medizin“ – was nichts mit Reich zu tun hat außer ein Lippenbekenntnis, wie der christliche Glaube zu einem unsichtbaren Gott.
Die Therapieforschung und -geschichte könnte einmal belegen, dass der eingeschlafene Psychoanalyitker besser therapiert als der wach und smart agierende Analytiker.
Der Körperpsychotherapeut der hierüber schmunzeln möchte, sollte wissen, dass die Psychoanalyse bereits weiß, dass sie nicht wirkt und wirken konnte, die Körperpsychotherapie wird diese Erkenntnis erst noch erringen müssen.
Hatte (auch) Reich etwas falsch gemacht? Dies ist die nicht gestellte Frage. Was es von Freud zu lernen gibt, ist, dass Genialität nicht vor Fehlern schützt. Reich hat sich dieses Recht auf Fehler bewußt zugestanden, auch wenn er sich bezüglich seiner Therapie für unfehlbar hielt. Auch die Nachfolger halten ihn in allen seinen Phasen für unffehlbar, für therapeutisch genial. Dies steht auch außer Zweifel, doch darf man deswegen (vor Anbetung) nicht in Schreckstarre verfallen und nur noch Altare für Reich bauen, sondern darf weitergehen, neu forschen.
Reich hat Freud verteidigt, dies war seine Mission. Freuds Mission war es eine neue Theorie und Therapie zu schaffen und Psyche zu definieren. Missionen haben meist nur ein Ziel! Sie sind blind gegen den Prozess und dessen Früchte. Hier liegt der mögliche Fehler der beiden Pioniere.

Robert: „Indes hier ist es an der Zeit, ein Mißverständnis abzuwehren. Ich habe nicht die Absicht zu behaupten, daß die Analyse überhaupt eine Arbeit ohne Abschluß ist. Wie immer man sich theoretisch zu dieser Frage stellen mag, die Beendigung einer Analyse ist, meine ich, eine Angelegenheit der Praxis. Jeder erfahrene Analytiker wird sich an eine Reihe von Fällen erinnern können, in denen er rebus bene gestis vom Patienten dauernden Abschied genommen hat. Weit weniger entfernt sich die Praxis von der Theorie in Fällen der sogenannten Charakteranalyse. Hier wird man nicht leicht ein natürliches Ende voraussehen können, auch wenn man sich von übertriebenen Erwartungen ferne hält und der Analyse keine extremen Aufgaben stellt. Man wird sich nicht zum Ziel setzen, alle menschlichen Eigenarten zugunsten einer schematischen Normalität abzuschleifen oder gar zu fordern, daß der »gründlich Analysierte« keine Leidenschaften verspüren und keine inneren Konflikte entwickeln dürfe. Die Analyse soll die für die Ichfunktionen günstigsten psychologischen Bedingungen herstellen; damit wäre ihre Aufgabe erledigt.“
Wieso „theoretische“ Charakteranalyse? Freud schreibt doch überhaupt nicht davon.

Peter: Siehe bei Freud Anfang Abschnitt VIII:
In therapeutischen ebenso wie in Charakteranalysen wird man auf die Tatsache aufmerksam, daß zwei Themen sich besonders hervortun und dem Analytiker ungewöhnlich viel zu schaffen machen.

Robert: Nochmal: wo steht dort die ‚Theorie‘, da du von „(theoretischen) Charakteranalysen“ schreibst. Soll es die Charakteranalyse nur theoretisch geben und nicht praktisch?

Peter: „In therapeutischen [Analysen] ebenso wie in Charakteranalysen (…).“!

O.: Ist mir peinlich und unverständlich was Freud da über die Wünsche von der Frau (seiner Tochter?) und dem Manne (seine homo. Neigungen?) allgemeinsgültig vom Stapel lässt.
Die Anspielungen auf Reich sind auch wenig erhellend, wenn auch nur reflektierend „über den Anfang und Abschluss einer Therapie“ (natürlich ist die Charakteranalyse gemeint) und auch hier muss man fragen: Wieso kommt noch auf Reich?

Robert: ‚Wieso kommt er noch auf Reich?‘
So schnell konnte er ihn wohl doch nicht vergessen. 1935 bekam er noch einen Appell von Malinowski wegen der Aufenthaltsgenehmigung Reichs und 1939 erwähnt Federn Reich nochmal in „Das psychoanalytische Volksbuch“, außerdem hatte Reich ja noch Anhänger und Schüler in der IPV.

O.: Er nennt Reich nicht (soweit ich es wüßte), aber der hier zitierte Bezug ist auf Reich gemünzt, was mich auch verwundert, dass er überhaupt sich damit auseinandersgesetzt hat.

David: … als wenn man die Frauen bewegen will, ihren Peniswunsch als undurchsetzbar aufzugeben, und wenn man die Männer überzeugen möchte, daß eine passive Einstellung zum Mann nicht immer die Bedeutung einer Kastration hat
Penisneid??
Offenbar gibt es Mädchen, die ab und zu mit dem Penis männlicher Kameraden spielen.
In Heiden bei Rorschach (Schweiz) ist irgendwo der folgende Witz angeschrieben:
Verärgert fragt in der Schule die Lehrerin: wer hat meinen Namen in den Schnee gepinkelt?
Meldet sich in der letzten Reihe Fritz: „Prönzlet han i, aber gschribbe hat mei große Schwester.“
oder so ähnlich.

Robert: Freud hat sich nur indirekt öffentlich zu Reich geäußert, nämlich in Anspielungen. Siehe Hoevels: Wilhelm Reich, S.37f

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.17.

16. Juni 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

14. Orgonomie ist Wissenschaft, keine Naturphilosophie!

15. Die Identitätsphilosophie

16. Das Wesen des Marxismus

17. Reichs Auseinandersetzung mit Marx und Freud

Der Rote Faden: Sozialdemokraten (Teil 2)

15. Juni 2016

Ich habe Siegfried Bernfeld bereits als Beispiel für Reichs Gegner in der Sozialdemokratie vorgestellt. Er war ein Marxistischer Sozialdemokrat und damit ein Gegner jener, die dem, wie er glaubte, Pseudo-Marxismus russischer Provenienz anhingen. Bernfeld betrachtete Reich als Pseudo-Marxisten, wegen dessen angeblich „romantischen“ unmarxistischen Vorstellungen von einer sexuellen Revolution. Auf der andern Seite hatte Reich nur Verachtung für Linksintellektuelle wie Bernfeld übrig, die nur redeten und den Marxismus wie eine Philosophie studierten, aber tatsächlich nie wie Marxisten agierten: politisch engagiert in revolutionären Organisationen, bei Straßendemonstrationen aktiv, Flugblätter verteilen, sich mit Polizisten herumschlagen, sich als aktive Kader auf den Bürgerkrieg vorbereiten, etc.

Heimlich war Bernfeld jedoch 1932/33 durchaus aktiv und zwar in der „Org.“ Walter Löwenheims. Löwenheim hat in seinem Herbst 1935 verfaßten Manuskript Geschichte der Org (Neu Beginnen) 1929-1935 (Eine zeitgenössische Analyse, Berlin 1995, S. 116-118) über die „Konspirations-Debatte“ und die „Psychoanalyse-Debatte“ innerhalb der Org. 1932 berichtet. Die letztere habe eine zentrale Stellung in der Geschichte der Org. vor 1933 eingenommen. Neben Bernstein waren Psychoanalytiker wie Edith Jacobson und Anhänger der Psychoanalyse wie Sergei Feitelberg (konspirativer Name Werber) Mitglieder der Org. Feitelberg bildete den Mittelpunkt von Intellektuellen innerhalb der Org., die über Psychoanalyse und Ideologiebildung diskutierten. Bald ging jedoch die Führung der Org. gegen diesen sich bildenden Kristallisationspunkt einer Fraktionsbildung innerhalb der Org. vor. Sie war gegen Feitelbergs angeblich „fraktionsbildende“ Aktivitäten wegen theoretischer Abweichungen, der Gefahr, die die psychoanalytische Therapie für die „Konspiration“ darstellte, und auch wegen, so Löwenheim, den unerfreulichen moralischen Einfluß der Psychoanalyse auf Revolutionäre. Im übrigen macht sich Löwenheim über Feitelbergs theoretische Position lustig.

Während Feitelberg im Mittelpunkt der „Psychoanalyse-Debatte“ stand, bildete Bernfeld 1932 das Zentrum der „Konspirations-Debatte“ in der Org. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die bereits im eingangs verlinkten Blogeintrag Sozialdemokraten zitierte Stelle aus Bernfelds „Entgegnung an Reich“, in der seine intensive Beschäftigung mit Nachrichtendiensten und Techniken der Konspiration durchscheint.) Es war eine Debatte über den Charakter der Org. und die Art der konspirativen Methoden, die von ihr angewandt werden sollten. Genosse Bernfeld forderte strengste Konspiration und Illegalität, d.h. „Konspiration“ nicht nur gegenüber den Arbeiterparteien (die es zu unterwandern galt), sondern auch gegenüber dem bürgerlichen Weimarer Staat und Vorbereitung auf die vorhersehbare Illegalität in einem faschistischen oder nationalsozialistisch Staat. Dazu sollten Genossen der Org. in faschistischen Organisationen untergebracht werden, um nach der faschistischen Machtübernahme als Maulwürfe arbeiten zu können.

Die Vorschläge des Genossen Bernfeld wurden vom Vorstand der Org. nicht angenommen. Dieser war der Meinung, daß Konspiration kein Ziel in sich sei, zumal in Deutschland immer noch eine Demokratie herrsche und die Arbeiterbewegung frei agieren könne. Konspiration beziehe sich deshalb hauptsächlich auf die Beziehung der Org. zu den anderen sozialistischen und kommunistischen Parteien, jedoch nicht auf den Weimarer Staatsapparat an sich.

Konspirativ nicht nur ausschließlich gegenüber den sozialistischen und kommunistischen Parteien zu arbeiten, sondern auch gegenüber dem Weimarer Staat, würde die gesamte durchaus notwendige Konspiration der Org. der Lächerlichkeit preisgeben. Org.-Kader sollen konspirativ innerhalb der verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Parteien arbeiten, um eine wahrhaftig vereinigte Arbeitereinheitsfront zu bilden. Es hätte nichts mit der Herangehensweise der Org. zu tun, wenn man Kader in faschistische und bürgerliche Organisationen entsandte. Bernfeld gab klein bei und schloß sich der Ansicht des Org.-Vorstands an. (Später sollte Neu Beginnen doch auf Bernfelds ursprüngliche Linie einschwenken!)

Die zweite Org.-Psychoanalytikerin war Edith Jacobsohn. Sie war, ähnlich wie Bernfeld, eine strikte politische Gegnerin Reichs. Dazu merkt Otto Fenichel in einem seiner „Rundbriefe” vom August 1934 an: „In politischer Hinsicht haben z.B. Annie Reich und Edith Jacobsohn mehr kritische Bedenken gegen Reich als ich, und dennoch möchte ich ihre Mitarbeit in unserer Gruppe nicht missen“ (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 119). Wie sehr Edith Jacobsohn (oder Jacobson – sie verwendete beide Varianten ihres Namens!) gegen Reich eingestellt war, zeigt ihr Brief an Fenichel vom März 1935, wo sie ihre Kollegin Lotte Liebeck als „fürchterlich ver’reicht’“ beschreibt (ebd., S. 208).

Jacobsohn, Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft seit 1928, schloß sich Anfang 1933 Neu Beginnen an. Ihr Kampfname war „John“. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft und die Internationale Psychoanalytische Vereinigung wußten nichts von ihrer Mitgliedschaft bei Neu Beginnen. Durch ihre Tätigkeit für Neu Beginnen war sie in der Folgezeit in eine politisch schwierige Situation geraten und war deshalb nach Kopenhagen gegangen. Sie wartete dort, bis sie glaubte, die Gefahr sei vorbei. Als gegen Ende September 1935 Fenichel Oslo verließ und nach Prag ging, hatte er in Kopenhagen vergeblich versucht sie davon zu überzeugen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Sie kehrte nach Berlin zurück, um ihre Widerstand-Arbeit fortzusetzen. Prompt wurde sie und andere Neu Beginnen-Mitglieder während einer Verhaftungswelle am 24. Oktober 1935 in Berlin durch die Gestapo verhaftet (ebd., S. 166f, 283). Das war der erste erfolgreiche Schlag gegen die konspirative Gruppe überhaupt.

Ernest Jones wurde am 30. Oktober 1935 über die Verhaftung in Kenntnis gesetzt. Er setzte sich sofort mit Anna Freud in Wien und Otto Fenichel in Prag in Verbindung. Nic Hoel, obwohl Norwegerin seit 1934 Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, konnte via Wien und Prag von London nach Berlin reisen, um für Jones die Lage zu erkunden. Der deutsche Psychoanalytiker Felix Boehm unterband jedoch alle Aktivitäten Jones‘, da Boehm befürchtete, daß so eine Beziehung zwischen Jacobsohns illegalen Aktivitäten und der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft hergestellt werden könnte. Ende 1937 erkrankte sie in der Haft und wurde Anfang 1938 frühzeitig entlassen, da sie dringend eine Operation benötigte. Daraufhin konnte sie via Prag nach New York entkommen.

Es will mir nicht gelingen herauszufinden, was Reich sagen wollte, als er später schrieb:

Aus Berlin kam unsere Freundin Dr. Edith Jacobson, deren eifrige Mitarbeit in der Bewegung und späteres Unglück – sie mußte zwei Jahre in einem deutschen Gefängnis verbüßen – ich ebenfalls auf dem Gewissen habe. (Menschen im Staat, S. 238)

Es war wohl eher Reich, dem von Jacobson böse mitgespielt worden war. Boehm beschrieb die Ereignisse in der deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in seinem Bericht vom 21. August 1934 (Karen Brecht et al. (Hrsg.): „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter“. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland, Hamburg 1985, S. 99-109).

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch Hitler habe der Psychoanalytiker Dr. Eitingon Reich darum gebeten, nicht mehr die Räumlichkeiten der Gesellschaft zu betreten, so daß im Falle einer Verhaftung seiner Person sich dies nicht in ihren Räumen zutrage. (Es wurde also von Reich ein „solidarisches“ Verhalten eingefordert, daß man umgekehrt ihm auf krasseste Weise verweigerte!) Boehm besuchte Wien und traf sich, in Begleitung von Reichs altem Intimfeind Paul Federn, am 17. April 1933 mit Freud. Dieser äußerte u.a. die Bitte: „Befreien Sie mich von Reich!“

Boehm erklärte Freud, er versuche die Psychoanalyse akademischen Kreisen vergeblich nahezubringen, weil beispielsweise einer seiner Bekannten, ein Nationalsozialist in amtlicher Stellung, die Psychoanalyse als „jüdisch-marxistischen Dreck“ bezeichnet hatte. Boehm fuhr fort, jeder wisse, daß Reich häufig in der Öffentlichkeit als Kommunist in Erscheinung getreten sei, wo er seine Meinungen mit denen der Psychoanalyse vermengte. Gegen das so erzeugte Vorurteil habe er, Boehm, gegenüber den Nationalsozialisten ankämpfen müssen.

Im Sommer 1933 beschloß man deshalb in einer Vorstandssitzung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Reich nicht länger als Mitglied zu führen. Das habe man Reich aber nicht direkt mitteilen wollen, weil es inopportun gewesen wäre direkten Kontakt mit Reich, der sich im Ausland aufhielt, aufzunehmen. In einer späteren Vorstandsitzung Anfang 1934 habe man jedoch Jacobsohn darum gebeten, Reich dies während einer Zusammenkunft in Oslo mitzuteilen, was sie dann jedoch unterlassen habe. Wie nannte Reich sie: „unsere Freundin“…

Im „Rundbrief“ vom 15. Oktober 1939 berichtet Otto Fenichel aus den USA, wohin er inzwischen immigriert war:

Als ich in der zweiten Augusthälfte San Francisco besuchte, hatte ein dortiger „linker”, für Psychoanalyse interessierter Physik-Professor, der jenem „Stammtisch” in Pasadena beigewohnt hatte, von dem ich hier berichtet hatte, infolge eines Mißverständnisses angekündigt, daß ich einen Vortrag über „Psychoanalyse und Marxismus” halten würde. Bernfeld hatte, damit die Sache nicht ohne ihn geschehe, daraufhin Analytiker und Soziologen zu sich eingeladen, und ich stand vor der Aufgabe, manuskriptlos einen englischen Vortrag zu improvisieren. – Es ging verhältnismäßig gut, ich sprach über „Psychoanalyse und Soziologie“ ungefähr im Sinne meines Basler Vortrages mit dem gleichen Titel, und es gab eine angeregte Diskussion. (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 1207)

Hier haben wir gleich drei Todfeinde Reichs an einem Ort: die drei Freudo-Marxisten Fenichel, Bernfeld und Oppenheimer! Ja, Robert Oppenheimer, der Vater der Atombombe, der später in einem Brief vom 15. Januar 1951 an Eleanor Roosevelt das ORANUR-Experiment als „schlechten Scherz“ bezeichnen sollte (Wilhelm Reich: Record Appendix to Briefs for Appellants, Vol. III: Suppressed Documentary Evidence, United States Court of Appeals for the First Circuit, No. 5160, Wilhelm Reich, et al., Defendants-Appellants, v. United States of America, Appellee, 1956).

Apropos Bernfeld und die Physik: 1929 versuchten Bernfeld und sein bereits eingangs erwähnter Freund und spätere Neu Beginnen-Genosse Sergei Feitelberg (1905-1967), der nicht nur Mediziner, sondern auch Ingenieur war, in Berlin der Psychoanalyse mittels ihrer „Libidometrie“ ein naturwissenschaftliches Fundament zu verpassen. Ausgangspunkt war der versuchte Nachweis, daß es keine spezifische „psychische Energie” gäbe, genausowenig wie es eine „Gruppenenergie” gibt, die das Zusammenspiel in Fußballteams bestimmte. Ein weiteres Postulat war, daß das Seelenleben den Gesetzen der mechanischen Energie folge, beispielsweise setzten sie den Todestrieb hypothetisch mit dem Entropiegesetz gleich. Tatsächlich haben Bernfeld und Feitelberg 1931 einen Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „The Principle of Entropy and the Death Instinct“ veröffentlicht. (All dies unterschied sich offensichtlich grundlegend von der späteren Orgonomie, lief geradezu auf deren Gegenteil hinaus!) Als Bernfeld 1932 nach Wien zurückkehrte, setzte er seine Forschungen mit Hilfe des Physiologen Hans Lampl (1889-1958) und des Physikers Franz Urbach (1902-1969) fort. 1935 wurden diese Bemühungen ergebnislos eingestellt (Karl Fallend, Johannes Reichmayr (Hrsg.): Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse. Materialien zu Leben und Werk, Frankfurt a.M. 1992). Das war genau zu der Zeit, als Reich in Oslo mit seinen bioelektrischen Experimenten begann.

Ich frage mich, ob dieser Feitelberg, der gegen die Orgonenergie kämpfte, bevor sie überhaupt entdeckt worden war, auch eine Rolle in der Unterdrückung der Entdeckung des Orgons in den Vereinigten Staaten gespielt hat! Erstens muß er sich wegen seiner eigenen Forschung über die Libido für das Orgon, bzw. die „pseudowissenschaftliche Orgon-Quacksalberei“, interessiert haben. Und zweitens, war er eine bedeutende Figur in der amerikanischen Nuklearmedizin.

Hier ein Link zu einer kurzen Beschreibung seiner Tätigkeit in der US-Zeitschrift Popular Science 1949. Er war in jeder Hinsicht der „Gegen-Reich”.

Feitelberg stammte aus Moskau, kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, schloß 1928 ein Ingenieursstudium in Berlin ab und fing danach ein Medizinstudium an. 1934 ging er nach Österreich, 1937 in die Schweiz, wo er 1939 einen Posten als Mediziner in Lausanne annahm. Im selben Jahr ging er in die Vereinigten Staaten. 1939-1967 Mitglied des Mt. Sinai Krankenhauses. Im Zweiten Weltkrieg schloß er sich der US-Armee an. 1942-1967 Mitglied der University of Columbia. Seine Forschung drehte sich um radioaktive Isotope. Als Experte war er Mitglied von mehreren Kommissionen der amerikanischen Atombehörde AEC und der Strahlenschutzbehörde (ebd.).

Bei all dem darf nicht vergessen werden, daß Reich und Bernfeld sehr alte Bekannte waren und Reich anfangs Bernfeld viel verdankte. Am 14. Oktober 1925 schrieb Reich an Bernfeld hinsichtlich dessen soeben erschienenen Buches Sisyphos oder Die Grenzen der Erziehung, es sei

das erste Buch seit Jahren, das mich erschüttert hat. Eine solche Art, dieser erbärmlich-jämmerlichen Welt mit Eleganz und Liebenswürdigkeit Fußtritte zu versetzen, hat die Literatur sicher nicht ein zweites Mal aufzuweisen.

Zwischen den Zeilen scheine bei Bernfeld „die todernste Empörung des Geistes wider die Borniertheit“ durch. Er, Reich, entschuldige sich bei Bernfeld, dessen erzieherischen „Skeptizismus“ und dessen „Realpolitik“, was Kindererziehung beträfe, er falsch eingeschätzt habe, weil er ihn, Bernfeld, nicht verstanden habe (Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaftler, Wien 1988, S. 231)

Sechs Jahre zuvor hatte Bernfeld einige Einblicke in Reichs persönliches Leben, denn Reich gehörte in einer Art verspäteter Jugendzeit (in seiner eigentlichen Jugend war er Offizier an der Italienfront!) damals dem Jungwandervogel an, zu deren Leitfiguren Bernfeld gehörte. Außerdem freundete er sich mit einer der Kindergärtnerinnen aus dem von Bernfeld geleiteten kurzlebigen jüdischen „Kinderheim Baumgarten“ an, die 19jährige Lore Kahn. Der Kindergarten existierte nur im Winter 1919/20. Zu dieser Zeit war sie Reichs zweite Patientin. Sie wollte ihr Verhältnis zu Karl Frank, dem späteren Leiter von Neu Beginnen, aufarbeiten. Dieser hatte sich gerade von ihr getrennt, um in Berlin für die Komintern zu arbeiten. Mit einem Abstand von einigen Monaten wurde sie schließlich Reichs Geliebte, bis sie nach einer Liebesnacht in einem unterkühlten Zimmer überraschend krank wurde und starb. Es kam auch zu einer starken Bindung ihrer Mutter an Reich. Als sich diese von ihm zurückgestoßen fühlte, beging sie Selbstmord. Reich fühlte sich so für die Auslöschung einer ganzen Familie verantwortlich… – und Bernfeld erlebt all dies aus nächster Nähe mit! (Reich beschreibt diese Geschehnisse ausführlich in Leidenschaft der Jugend.)

Der psychoanalytische Gemeinschaft in Wien blieb das tragische Geschehen, das alles andere als ein gutes Licht auf Reich warf, nicht verborgen. Freud schrieb 1923 an Sandor Ferenczi, daß Reich offen den Fehler eingestehe, den er vier Jahre zuvor gemacht hatte und daß er, Freud, ihm diese „Jugendsünde“ verzeihe. In einer Anmerkung geben die Herausgeber an, daß diese „Jugendsünde“ wahrscheinlich Reichs Beziehung zu seiner Patientin Lore Kahn war (Sigmund Freud – Sándor Ferenczi. Briefwechsel 1920-1924, Hrsg. Ernst Falzeder und Eva Brabant, Köln 2003).

Hier Bernfeld links, Lore Kahn rechts im Profil:

Sex, wozu?

13. Januar 2016

Bis heute fragen sich Biologen, wozu Sex eigentlich gut sein soll, denn im Vergleich zur ungeschlechtlichen Vermehrung ist Sexualität für das Individuum extrem kostspielig. Die Fortpflanzungsorgane schlagen in der Energiebilanz des Individuums negativ zu Buche, ohne irgendeinen Überlebensvorteil zu bieten, vielmehr würden sie nur der Art, d.h. den eigenen zukünftigen Konkurrenten dienen. Und auch für die Art selber wäre eine einfache Zellteilung oder Knospung weit günstiger, denn die durch die Sexualität möglich gemachte evolutionäre Weiterentwicklung (Rekombination der genetischen Information) schafft der Art Konkurrenz durch neue besser angepaßte Arten.

Im Rahmen seiner „Energon-Theorie“ zeigt Hans Hass, daß die sexuelle Fortpflanzung einer dritten Instanz dient, die über Individuum und Art hinausweist: dem „Lebensstrom“. Dieser „Strom“ ist das blinde, wie ein Feuer in Zeit und Raum auswuchernde Leben selbst. Die Evolution ermöglicht es, daß die lebendige Materie immer mehr tote Materie okkupiert – bis hin zum Mond. Entsprechend vergleicht Hass den „Lebensstrom“ mit einem Feuer, das sich immer weiterfrißt.

Hass beruft sich bei diesem Bild auf Heraklit. Doch der hatte eben nicht den mechanisch-toten Energieprozeß, der das leere Spiel der Genetik nach dem Gesetz des geringsten Widerstandes steuert, sondern das Orgon-„Feuer“ vorweggenommen; das Lebensfeuer, das das Movens des äußeren (motion) und inneren (emotion) Lebens ist.

Während für Hass der Körper nur seelenlose Maschine ist, das Werkzeug einer blinden Evolution, die sich mittels der mechanischen Gesetze des „kapitalistischen Konkurrenzkampfes in der Natur“ fortsetzt, ist für Reich der Lebensstrom in einem viel tieferen Sinne Sexualität. Reich begreift ihn als Lebensfeuer, das nicht nur im Evolutionsgeschehen zum Ausdruck kommt, sondern in erster Linie als individuelles „Libidogeschehen“. Der libidinöse Lebensstrom im Körper ist das Primäre und setzt sich sekundär im „Weiterströmen“ der Art und in der Weiterentwicklung des Lebens fort.

Reich zufolge dient der Geschlechtsapparat von frühester Kindheit an der Funktion der sexuellen Lust und Befriedigung. Mit der Geschlechtsreife tritt als bloßer Nebeneffekt für eine begrenzte Zeit auch die Funktion der Fortpflanzung hinzu.

Schon daraus geht hervor, daß die Funktion der sexuellen Befriedigung im Geschlechtsleben bedeutsamer ist als die Fortpflanzung. (Der Sexuelle Kampf der Jugend)

Der „libidinöse Lebensstrom“ im Körper ist das Primäre und setzt sich sekundär zufällig im „Weiterströmen“ der Art und in der Weiterentwicklung des Lebens fort.

Auch der Verhaltensforscher Hass räumt ein, daß man beim Menschen die Sexualität funktionell von der Produktion von Nachkommen loslösen kann. Beide Funktionen stören sich, Hass zufolge, sogar gegenseitig. Wir verdanktem dem Sexualtrieb nicht nur Lustgefühle, sondern auch „viele der höchsten menschlichen Leistungen, besonders auch die künstlerische Entfaltung, dürften weitgehend von dieser Triebfeder beeinflußt sein.“

Diese „kulturelle“ Funktionserweiterung der Sexualität, die in der Evolution erst beim Menschen voll ausgeprägt auftritt, hat nach Hass ihren funktionellen Kern in der Bindung des menschlichen Männchens an sein Weibchen mittels sexueller Lust. Diese durch Sexualität gefestigte Familienbindung sei für das Aufziehen der Kinder unabdingbar, da diese bei der Tierart Homo sapiens abnorm lange hilfsabhängig sind.

Dergestalt stellt die Sexualität in ihrer Funktionserweiterung für den Verhaltensforscher die Grundlage der gesamten menschlichen Zivilisation dar. Man kann also nicht sagen, daß, frei nach Freud, kulturelle Leistungen und die Forderungen der Zivilisation den Menschen von der tierischen Sexualität abspalten, vielmehr verdanken sie sich ganz und gar der Hypersexualität des Menschen!

Reich hat dargelegt, daß die Sexualität ihre Grundlage in einer Funktion hat, die zunächst einmal für das Individuum unverzichtbar ist: die Funktion des Orgasmus. Von ihrer Erforschung ist Reich nicht nur in den sozialen, sondern auch in den biologischen und schließlich in den kosmischen Bereich vorgestoßen („kosmisch“, da die Lebensenergie identisch mit dem „Äther“ ist):

  • 1923, als Freud das erste Werk zur psychoanalytischen Ich-Psychologie vorlegte, die immer mehr von der sexuellen Determination der Neurose fortführen sollte, veröffentlichte Reich seine erste Arbeit über seine Genitaltheorie: der Orgasmus dient der Regulierung der Libido.
  • 1933 öffnete die Postulierung der biologischen Spannungs-Ladungs-Funktion den Weg zur sexualökonomischen Lebensforschung.
  • Circa 1943 kam es zur (erst später veröffentlichten) Entdeckung der rein physikalischen kosmischen Überlagerung, von der die Genitale Umarmung eine Spezialform ist.
  • Und etwa 1953 erfolgte die Entdeckung des OR-DOR-Metabolismus: wird die organismische Energie nicht regelmäßig entladen und so ein ständiger Energiewechsel gewährleistet, wird die Energie langsam schal und giftig – was unmittelbar auf Freuds ursprüngliche „chemische“ Libidotheorie zurückverweist, nach der neurotische Symptome aus den toxischen Auswirkungen nichtabgeführter somatischer Libido hervorgehen.

1927 hatte Reich in Die Funktion des Orgasmus dargelegt, daß der „Destruktionstrieb“ (Freuds „Todestrieb“ – in weitestem Sinne Reichs DOR) in einem reziproken Verhältnis zur Sexualbefriedigung steht: der Orgasmus entzieht ihm die Energie. Interessanterweise kann man im Rahmen der Evolutionsbiologie ähnlich argumentieren. Zweigeschlechtliche Tiere, etwa Schnecken, haben nämlich ein denkbar brutales Sexualleben, da stets ausgekämpft werden muß, wer nun die Rolle des Männchens spielt, das die eigenen Gene ohne langfristige Investitionen und doch denkbar effektiv verbreiten kann. Die Zweigeschlechtlichkeit (im weitesten Sinne die „Genitalität“) hat, bei allen Kämpfen um die Weibchen, zu einer ungeheuren Befriedung in der Natur geführt.

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Todestrieb und DOR-Energie

11. Januar 2016

In seiner „sexualökonomischen Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges“ geht Reich 1932 davon aus, daß der Organismus ursprünglich nur die eine Strebung kennt, die im inneren generierten Spannungen zu erledigen. Dies kann er nur in der Außenwelt, womit der Urgegensatz Ich und Außenwelt gegeben ist. Psychischer Widerschein dieses Urgegensatzes ist der Gegensatz von Sexualerregung und Angst. Mit der Ausbildung eines Bewegungsapparates tritt neben die „narzißtische Flucht“ ins Innere, die „muskuläre Flucht“. Gleichzeitig entwickelt sich die Fähigkeit, die angsterzeugende Gefahrenquelle in der Außenwelt zu zerstören. Da aber die Außenwelt nicht nur libidinöse, sondern auch destruktive Strebungen versagt, kann sich auch der „Destruktionstrieb“, ähnlich wie der Sexualtrieb bei der „narzißtischen Flucht“, nach innen kehren. Auf diese Weise versucht Reich nachzuweisen, daß der Masochismus restlos auf den Urgegensatz von Ich und Außenwelt zurückgeführt werden kann, statt z.B. auf den Gegensatz von „Eros und Todestrieb“. Reich leugnet nicht, daß es im Protoplasma „Verschlackungs“-Vorgänge gibt, mit denen manche Analytiker den Todestrieb fundieren wollen, er bestreitet nur, daß es sich dabei um einen Trieb handelt, sondern vielmehr um sein Gegenteil, um Hemmung. Damit nahm Reich die eigene spätere „DOR-Konzeption“ des Freudschen Todestriebes vorweg.

Reichs Grunddiktum war stets, daß jeder irgendwo recht hat. Beispielsweise war er derjenige, der am konsequentesten bei der Ablehnung der Freudschen Todestriebtheorie war. Trotzdem konnte er selbst in dem Artikel, der den endgültigen Bruch markierte, in dieser zentralen Frage einräumen, daß das mit diesem „Trieb“ und der mit ihm eng verbundenen neuen Angsttheorie Freuds zwar nicht weit her sei, Freud aber trotzdem etwas Wichtiges offengelegt hatte: den Tod, die Natur des Todes.

Reich referiert in „Der masochistische Charakter“:

Die Vertreter der Todestriebtheorie versuchten immer wieder, ihre Annahmen durch Berufung auf physiologische Abbauvorgänge zu stützen. Doch nirgends findet sich eine brauchbare Anschauung. Eine neue Arbeit, die für die Realität des Todestriebes Stellung nimmt, verdient deshalb Beachtung, weil sie in klinischer Weise an die Frage herantritt und auf den ersten Blick bestechende physiologische Argumente vorbringt. Therese Benedek stützt sich auf Forschungen von Ehrenberg. Dieser Biologe fand, daß schon beim umstrukturierten Einzeller ein in sich gegensätzlicher Vorgang festzustellen ist. Gewisse Vorgänge im Protoplasma bedingen nicht nur die Assimilation der Nahrungsaufnahme, sondern führen gleichzeitig zur Ausfällung bis dahin in Lösung befindlicher Stoffe. Die erste Strukturbildung der Zelle ist irreversibel, indem flüssige, gelöste Stoffe in festen, ungelösten Zustand übergehen. Was assimiliert ist im Leben begriffen; was durch Assimilation entsteht, ist eine Veränderung in der Zelle, eine höhere Strukturierung, die von einem bestimmten Punkt an, wenn sie nämlich überwiegt, kein Leben mehr ist, sondern Tod. Das leuchtet ein, besonders wenn wir an die Verkalkung der Gewebe im hohen Alter denken. Aber gerade dieses Argument widerlegt die Annahme einer Tendenz zum Tode. Was fest, unbeweglich geworden ist, was als Schlacke der Lebensprozesse zurückbleibt, behindert das Leben und seine kardinale Funktion, den Wechsel von Spannung und Entspannung, den Grundrhythmus des Stoffwechsels sowohl im Gebiete des Nahrungs- wie des Sexualbedürfnisses. Diese Störung des Lebensprozesses ist das gerade Gegenteil von dem, was wir als Grundeigenschaft des Triebes kennenlernen. Gerade das Starrwerden schließt den Spannungs-Entspannungs-Rhythmus immer mehr aus. Wir müßten unseren Triebbegriff ändern, wenn wir in diesen Vorgängen die Grundlage eines Triebes sehen wollten.

Wenn ferner Angst Ausdruck „freigewordenen Todestriebes“ wäre, so bliebe unverständlich, wie „feste Strukturen“ frei werden können. Benedek sagt selbst, daß wir die Struktur, das Festgefrorene erst dann als etwas dem Leben Feindseliges erkennen, wenn es überwiegt und die Lebensprozesse hemmt.

Wenn die strukturbildenden Prozesse gleichbedeutend sind mit dem Todestrieb, wenn ferner nach der Annahme Benedeks die Angst der inneren Wahrnehmung dieses überwiegenden Erstarrens, das heißt Sterbens entspricht, dürfte es im Kindes- und Jugendalter keine Angst und im hohen Alter nur mehr Angst geben. Das gerade Gegenteil ist der Fall: Die Funktion der Angst tritt lebhaft hervor gerade in Blütezeiten der Sexualität (unter der Bedingung der Hemmung ihrer Funktion). Nach dieser Annahme müßten wir Todesangst auch beim befriedigten Menschen finden, da er ja dem gleichen biologischen Abbauprozeß unterworfen ist wie der unbefriedigte. (Charakteranalyse, KiWi, S. 285f)

Angesichts der Nachwirkungen des ORANUR-Experiments mußte Reich 1956 konstatieren, daß „ physikalische Funktionen in der Tiefe der Natur auf eine rationale Wahrheit in Freuds seltsamer Hypothese eines ‚Todestriebes‘ hinzuweisen scheinen“ („Re-emergence of Freud’s ‚Death Instinct‘ as ‚DOR‘ Energy“, Orgonomic Medicine, Vol. 2, No. 1).

Reich beschreibt dann ausführlich die Funktionen des giftig gewordenen Orgons, DOR:

Zusammenfassend hat die orgonomische Forschung an den Wurzeln der Existenz eine Energie gefunden, die je nach Umständen entweder als lebensspendende, lebensfördernde und wiederbelebende Kraft funktioniert oder, in Ermangelung solcher Bedingungen, sich in einen Killer des Lebens umwandelt. Es wird sogar zum Zerstörer nichtlebender Materie, wie sich beim Zerfall von Fels, Granit, usw. in Wüstensand während des Oranur-Experiments, 1951-1954 gezeigt hat.

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Freud hatte in seinem Organismus die Wirkungsweise dieser Kraft schwach als stille Zerstörung des Lebens gespürt, den „Todestrieb“ im Gegensatz zum „Lebenstrieb“. Es spielt hier keine Rolle, daß Freud einen starren Dualismus postulierte ohne eine gemeinsame Quelle von Leben und Tod in den unergründlichen Tiefen aller Existenz. Noch spielt es eine Rolle, daß er in seiner Resignation dem Todestrieb mehr Macht verlieh als dem Lebenstrieb. Es spielt keine Rolle, daß Freud hier eine echte physische Kraft, die frei von jeder Art von Psychologie ist, als „Trieb“ hinstellte; oder, daß es ein Grundfehler ist lebloser, massefreier Energie einen Trieb zuzuschreiben; oder daß alle späteren Funktionen des Lebens und noch später des psychischen Funktionierens grundsätzlich funktionell vorgeformt sind in solch orgonotischen Gesetzen wie dem orgonomischen Potential von niedrig zu hoch, in der Fähigkeit der Lebensenergie organische Stoffe und Flüssigkeiten aus massefreier Energie zu erzeugen und damit ihre eigenen „Träger“ zu schaffen; Pulsation, Expansion, Kontraktion, Konvulsion, Reizbarkeit sind solche Grundfunktionen der kosmischen Energie, die später als „Leben“ innerhalb von Membranen und organischen Flüssigkeiten auftreten. Kein Denken oder Intelligenz, aber sicherlich funktionelle Rationalität muß der Lebensenergie zugeschrieben werden. Freuds irrationales Unbewußtes ist nur die vorübergehende Folge der unterdrückten primären Funktionen der kosmischen Energie. Die sekundären, perversen Triebe einer gepanzerten Menschheit zeugen davon in diesem 20. Jahrhundert des Massenmords. (ebd.)