Posts Tagged ‘Theologie’

Die Weltgeschichte der soziopolitischen Orgonomie

19. Oktober 2017

Die Weltgeschichte ist die Entwicklung vom ungepanzerten Kern zur Fassade des Panzers, die sich in Gestalt des Kommunisten vollständig vom Kern gelöst hat und alles tut, um eben diesen zu vernichten – das Leben selbst zu vernichten. Man betrachte sich die Antifa, den Gender-Wahnsinn oder den mörderischen Anti-Trump-Wahn.

In der gepanzerten Gesellschaft ist der Kern nicht gesellschaftlich repräsentiert, sondern nur der Mystizismus (verzerrter Kernkontakt) und der Mechanismus (die Fassade). Der Mystizismus wird von der Kirche, in China durch den Buddhismus und Taoismus vertreten, der Mechanismus durch den Staat, in China durch den Konfuzianismus. Und so entsprechend in allen Kulturen. In Tibet findet man diese Spaltung etwa zwischen dem Panchen Lama („Buddha“) und dem Dalai Lama („Bodhisattwa“) oder quasi „katholischen“ Rotmützen und quasi „protestantischen“ Gelbmützen. In Indien zwischen den Brahmanen und der Kriegerkaste. Bei den Indianern und Indios, Negern und den Bewohnern der Pazifikinseln war es der Konflikt zwischen den Schamanen, die kaum lebensfähige Traumtänzer waren, und den pragmatischen Kriegshäuptlingen, letztendlich der zwischen Magie und Wissenschaft.

In der Antike war es der Gegensatz zwischen den diversen Mysterienkulten und dem rationalen Denken, zum Schluß der zwischen dem Christentum und den Philosophen. Später war es in der islamischen Welt der Kampf zwischen einem alles erstickenden voodoo-artigen Aberglauben, der bis heute den volks-islamischen Alltag in einer Weise überschattet, die sich der aufgeklärte Deutsche nicht im entferntesten ausmalen kann, und dem islamischen Fundamentalismus, der pseudo-rationalistisch das „Gesetz“ durchsetzen will. Zuvor kämpfte in Gestalt von Paulus das Christentum gegen ein immer mehr verrohendes, sich ganz der mittleren Schicht hingebendes Rom. In der Westkirche kam es dann in Gestalt der Scholastik zu einer „Verwissenschaftlichung“ der Theologie, d.h. die Philosophen traten erneut in Erscheinung. Diese haben sich dann immer mehr emanzipiert („Aufklärung“), bis es (etwa bei den Jakobinern) zur Formierung des kommunistischen Charakters kam. Die Fassade versuchte nicht mehr die sekundären Triebe einzudämmen, sondern tat nur noch so, um dergestalt die sekundäre Schicht umso effektiver durchzusetzen und den bioenergetischen Kern endgültig zu vernichten.

Seit dieser Zeit kommt es nicht nur zu sporadischen Ausbrüchen der Emotionellen Pest (sekundäre Schicht), sondern die Emotionelle Pest ist organisiert und hat nur das eine Ziel, die Gesellschaft zu zerstören. Heute beherrscht sie den gesamten öffentlichen Diskurs. 100 000 000 Menschen haben die Linken bereits ermordet und sie sind dabei wirklich jede einzelne Seele auf diesem Planten in die Hölle zu stürzen. Man schaue nach Hollywood und allgemein zur Unterhaltungsindustrie und dem infernalischen Dreck, mit dem Kinder und Jugendliche in den Bildungsinstitutionen indoktriniert werden! Man schaue sich den Abfall und Schrott an, der heutzutage als „Kunst“ vor unsere Füße geschissen wird!

hass015t - Kopie

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nachrichtenbrief70

15. September 2017

 

nachrichtenbrief27

29. Mai 2017

Orthodoxie und Katholizismus

27. April 2017

Gestern schon wieder Ausführungen über Religion. Gibt es denn nicht wahrhaftig Wichtigeres? Nun, ich persönlich bin über die Religion zur Orgonomie gekommen. Genauer gesagt über Tantra und Bhakti-Yoga, d.h. das Bewußtwerden und die Mobilisierung der inneren Orgonenergie-Ströme („kosmischer Sex und kosmische Liebe“). In der Religion geht es nicht um „Erlösung“, „Gott“, „den Sinn des Lebens“ und den ganzen übrigen Mumpitz, sondern um den Umgang mit der organismischen Orgonenergie. Deshalb gibt es kaum wichtigere Ausführungen als solche religiöser Natur!

Der Osten ist vom orthodoxen „Denken“, d.h. einer bestimmten Art des organismischen Orgonenergie-Haushalts bestimmt. Typisch für den gepanzerten, will sagen „fragmentarisierenden“, Menschen haben der Osten und der Westen nur jeweils einen Teilaspekt der allumfassenden kosmischen Wahrheit erfaßt. Die Orthodoxie legte alles Gewicht auf die göttliche Natur Jesu. Damit hat die Theologie des Ostens zwar eine unvergleichliche Tiefe und Zwangsläufigkeit erlangt, doch – das Wesentliche klammert sie vollständig aus, weshalb sie die Menschen auch nie motivieren konnte gegen das Unrecht, gegen die Emotionelle Pest aufzustehen.

Schaut man sich die orthodoxe Ikonographie an, wird das Jesuskind immer als ernster, allwissender und alleskontrollierender „Erwachsener im Kleinformat“ dargestellt. Eine Identifikation mit dem „Kind der Zukunft“ ist fast unmöglich. Reich hätte sein Buch Christusmord niemals aus östlicher Perspektive schreiben können! Ausschließlich der Katholizismus (und der Protestantismus) macht es überhaupt möglich, sich Jesus als Mensch zu nähern und die Essenz des Christentums zu erfassen, wie es Reich in Christusmord abschließend getan hat.

Heute hat die westliche Kirche mitsamt ihrer krankhaften Theologie ihre Schuldigkeit getan, ist nur noch eine leere Hülle und gehört in den Orkus gestoßen, angeführt von ekligen Gestalten wie Papst Franziskus und den kommunistischen Clowns, die heute den Protestantismus repräsentieren. Fahrt zur Hölle!

Wilhelm Reichs Jüdischheit (Teil 1)

1. März 2017

1930 erklärte die Sowjetunion die Sowjetisierung des Lebens für weit fortgeschritten, so daß allenfalls noch Sprachunterschiede zwischen den Nationen blieben und jedes Beharren auf beispielsweise jüdische Identität „kleinbürgerlicher Chauvinismus“ wäre. „Ein Buch, das 1931 in einem kommunistischen Partei-Verlag in Wien und Berlin erschien, formulierte diese alte und wiederum neue Linie sowjetischer ‚Judenpolitik‘ programmatisch, nicht zuletzt auch gegenüber der aufkommenden NS-Bewegung in Deutschland“ (Koenen/Hielscher: Die Schwarze Front, rororo 1991, S. 153). Der Titel lautet: Otto Heller: Der Untergang des Judentums. Die Judenfrage – Ihre Kritik – Ihre Lösung durch den Sozialismus, Wien-Berlin 1931. Reich hat dem damals 100prozentig zugestimmt und auch nach dem Krieg war der „Jude“ Reich alles andere als ein Freund der „Judischheit“:

Ich glaube, daß das jüdische Volk irgendwann einmal sich in den Massen der Menschentiere dieses Planeten verlieren wird, zu seinem eigenen Gedeihen, und dem seiner Enkelkinder. Das hörst du nun nicht gerne, kleiner jüdischer Mann, denn du pochst so sehr auf dein Judentum, weil du dich selbst als Juden verachtest, und jeden, der dir nahe ist. Der schlimmste Judenhasser ist der Jude selbst. Dies ist eine alte Wahrheit. Doch ich verachte dich nicht, und ich hasse dich nicht. Ich habe mit dir nur nichts gemein, oder nicht mehr gemein, als ein Chinese mit einem Wiesel in Amerika: den gemeinsamen Ursprung aus dem Weltenall. Weshalb gehst du nur bis Sem, und nicht bis auf das Protoplasma zurück, kleiner Jude? Für mich beginnt das Lebendige in der Plasmazuckung, und nicht mit deinem Rabbinat. (Rede an den kleinen Mann, S. 38f)

Apropos „Weltenall“, berühmt ist Reichs Aussage in Reich Speaks of Freud:

Während Freud im Judaismus befangen war, war ich davon frei. Meine Sympathien gehören eher der christlichen Geisteswelt und der katholischen Sphäre. Nicht, daß ich sie gutheiße oder daran glaube. Ich glaube nicht an diese Dinge. Aber ich verstehe sie gut. Die Christen haben die tiefste Perspektive, die kosmische. (z.n. Wilhelm Reich Blätter, 3/81, S. 146)

Das Christentum ist „kosmischer“ als das Judentum, denn christliche Mystik führt zur unio, jüdische Mystik kann grundsätzlich nur zur communio führen. Es geht also um die Vereinigung mit der kosmischen Orgonenergie, letztendlich um die orgastische Verschmelzung.

Reich widersprach dezidiert der philosophischen Grundlage des Judentums, der jüdischen „negativen Theologie“, daß Gott unnennbar, unerkennbar, sei. Reichs Orgonomie verkörpert das genaue Gegenteil.

Remote Viewing, ein notwendiger Nachtrag

11. Januar 2017

Meine Begeisterung für das Remote Viewing hat einen empfindlichen Dämpfer erfahren, als ich mir jetzt das Video zum Remote Viewing der Kreuzigung Jesu angeschaut habe. Nach wie vor, glaube ich, daß das Remote Viewing funktioniert. Es ist schlichtweg unbestreitbar, daß die Ziele von den Remote Viewern erkannt werden. Ich frage mich jedoch, ob man wirklich viel mit den Details anfangen kann. Beispielsweise wurde der Remote Viewer blind auf die Kreuzigung Jesu angesetzt und beschreibt eindeutig ein entsprechendes Ereignis, doch was er genau ausführt, der Plot und seine Einzelheiten, kann so unmöglich stattgefunden haben.

Zunächst einmal gibt der Auftraggeber zu, daß er sich vor der Fragestellung mit dem „gechannelten“ Material von „Seth“ auseinandergesetzt hatte. Dort steht, daß es nicht Jesus war, der am Kreuz starb, sondern sozusagen ein „Stellvertreter“. Und, welch Zufall, genau diese Geschichte wurde auch vom Remote Viewer „gesehen“: Jesus wollte nicht am Kreuz sterben und schickte jemanden vor, der sich an seiner statt kreuzigen ließ, da dieses willige Opfer glaubte, nur durch einen blutigen Kreuzestod werde „die Schrift erfüllt“.

Es geht beim Remote Viewing um „geistige Prozesse“, etwa telepathische Beeinflussung. Mir kann niemand sagen, daß die bewußten und unbewußten Intentionen des Auftraggebers und die kollektive Vorstellungswelt der Menschen aus dem Umfeld nicht die „Schau“ des Remote Viewers beeinflussen. Daß das Remote Viewing entsprechend „verunreinigte“ Resultate zeitigt, zeigt dieser Fall, denn so, wie sie der Remote Viewer beschreibt, kann sich die Geschichte um die Kreuzigung gar nicht zugetragen haben. Niemand, wirklich niemand, konnte bei Jesu triumphalen Einzug in Jerusalem auf die bizarre Idee gekommen sein, daß Jesus sich würde opfern müssen, um irgendwelche biblischen Prophezeiungen zu erfüllen. (Schließlich kommt heute auch kein Rabbi auf solche abwegigen Ideen!) Vielmehr war Jesus dramatisch und denkbar drastisch gescheitert und mit ihm zusammen die Jesus-Bewegung gestorben. Die Kreuzestheologie, und damit das Christentum, entstand erst nach der unerwarteten Auferstehung. Außerdem kam die dem römischen Recht entspringende kleingeistige Idee, daß Gott ein „Opfer“ wollte, mit dem eine Schuld getilgt wird, erst 1000 Jahre später in der Westkirche auf. Die ersten Christen sahen vom Blickwinkel der Auferstehung her das Kreuz als neuen „Baum des Lebens“ und entsprechend in Golgatha eine Rückgängigmachung des todbringenden Geschehens im Garten Eden. „Wer an Jesus glaubt, hat Anteil am ewigen Leben.“

Transsubstantiation

12. Oktober 2016

Galileo Galilei wurde nicht etwa deshalb verfolgt, weil er das heliozentrische, sondern weil er das atomistische Weltbild vertrat. Letztendlich war es aus theologischer Sicht gleichgültig, ob die Sonne um die Erde kreist oder umgekehrt. Ganz und gar nicht gleichgültig war die Zusammensetzung der Materie. Wenn diese sich nämlich aus Atomen zusammensetzt, gibt es keinerlei Platz für die Transsubstantiation, d.h. die wesenhafte Verwandlung von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Christi während der Eucharistie. Atome sind unveränderliche, fixe Einheiten, die sich zwar zu den unterschiedlichsten Objekten zusammensetzen können, aber deren Wesen ist damit fixiert. „Brot ist Brot“ und „Wein ist Wein“. An die Stelle Gottes und seines Wirkens tritt die Materie und deren autonome Gesetze. Beispielsweise kann Brot diesen Gesetzen folgend verschimmeln, Wein verdunsten, etc. Mit anderen Worten: Galilei vertrat den Materialismus. Gott sollte an den Atomen geradezu zerschellen!

Der Materialismus bedeutet, daß nicht nur alles um uns herum, sondern auch wir selbst nichts anderes sind als wesensleere Objekte, die sozusagen aus „Legosteinen“ (Atome) zusammengesetzt sind. Diese Weltsicht hat ein großes Problem: sie bietet keine denkbare Erklärung für unser subjektives Innenleben, unsere mentalen Funktionen, unsere Sinneswahrnehmungen, unsere Emotionen. Und genau hier setzt die „Entdeckung des Orgons“ durch den bekennenden Materialisten Wilhelm Reich an. Zwar machte er in seinen „bioelektrischen Versuchen“ Mitte der 1930er Jahre die Emotionen sichtbar, doch entzogen sich die Meßergebnisse allen materialistischen Erklärungsansätzen. Ähnliches beobachtete er bei den sich unmittelbar anschließenden „Bionversuchen“, wo es darum ging, Materie zu „zerstören“ und sie sich neu organisieren zu lassen. Aus dieser Forschung entsprang die Entwicklung des Orgonenergie-Akkumulators und, schließlich, des DOR-Busters, mit deren Hilfe man Materie mit einer zwar „immateriellen“ (d.h. sich nicht aus Atomen bzw. Quantenobjekten zusammensetzenden) aber doch greifbaren Energie aufladen bzw. entladen kann. Diese „Orgonenergie“ war die spezifische Energie der Emotionen.

Endgültig brach der Materialismus im ORANUR-Experiment zusammen, als sich zeigte, daß Atome nicht nur, wie Jahrzehnte zuvor entdeckt, radioaktiv zerfallen können, sondern Materie sich unabhängig von ihrer atomaren Struktur umwandeln kann. Reich bezeichnete das als „prä-atomare Chemie“.

Das ewige Testament (Teil 2)

13. Oktober 2015

Mit Amalrich und Eriugena haben wir uns bereits in Am Anfang stand der Neuplatonismus beschäftigt.

Die Amalrikaner glaubten, genauso wie der Gottvater in den Patriarchen und der Gottessohn in Maria inkarniert worden waren, nun in ihnen der Heilige Geist fleischgeworden sei. Durch den Heiligen Geist hätten sie allen bloßen Glauben überwunden und seien nun ins Licht der vollen Erkenntnis getaucht. Als typische Gnostiker sagten sie: „Diese Erkenntnis ist die Auferstehung und eine andere Auferstehung gibt es nicht, sie ist das Paradies und ein anderes gibt es nicht.“

Aber nicht nur hier sind zumindest Anklänge an Eriugena zu finden. Wie er, glaubten auch sie, daß das Böse einfach Nichtwissen sei, ein reiner Seinsmangel ohne eigenes Sein und deshalb alle Sünde ein bloßes Nichts. Nur daß sie nun diese abstrakte philosophische Lehre in die Praxis umsetzten und die radikale Konsequenz zogen, was immer sie auch täten, sie frei von der Sünde seien und deshalb Gewissen geradezu etwas verwerfliches ist. In seinem Buch Religiöse Bewegungen des Mittelalters (Darmstadt 1961, S. 371) beschreibt Herbert Grundmann sie wie folgt:

Für den „geistigen Menschen“ des letzten Zeitalters, der die wahre Erkenntnis hat und in dem der Heilige Geist inkarniert ist, gilt eine neue Ethik, die nichts von „Sünde“ nach dem Maßstab der moralischen Normen und nichts von Reue und Buße weiß, die vor allem die bisher gültigen Gesetze der Geschlechtsmoral außer Kraft setzt; und die Pariser Ketzer sind in dieser Beziehung offenbar nicht bei theoretischer Betrachtung stehen geblieben. Sie haben sich damit allerdings besonders empfindlich dem moralischen Abscheu nicht nur ihrer Zeitgenossen, sondern auch der Nachwelt ausgesetzt.

Die Schüler Amalrichs, studierte Kleriker, fanden in ihrer seelsorgerischen Tätigkeit bei Laien und Frauen, insbesondere Witwen, großen Anklang. Ihre Lehre kam der Volksfrömmigkeit und einer bestimmten weiblichen Religiosität sehr entgegen und verbreitete sich auf diesem fruchtbaren Nährboden in weiten Teilen Mitteleuropas, auch nachdem die Amalrikaner schon längst vernichtet waren.

So deckte die Inquisition z.B. ab 1270 im Nördlinger Ries eine den Amalrikanern verwandte und hauptsächlich von Frauen getragene „Ketzerei des neuen Geistes“ auf. Mit dem „neuen Geist“ ließen sie alle kirchliche Heilsvermittlung und alle sittlichen Gebote hinter sich. Dabei wurde der pantheistische Spiritualismus „amalrikanischer“ Prägung mit der damals verbreiteten Minnemystik und Mariennachfolge verquickt. Bei ihren heimlichen Zusammenkünften gerieten die Frauen in Verzückung und erlebten Christus entweder als himmlischen Bräutigam oder als himmlisches Kind.

Die innere Dynamik dieser weiblichen Mystik kann man sich wohl am ehesten am joachitischen Dreischritt vergegenwärtigen: Im ersten Reich war Gott der ferne, unnahbare Vater, im zweiten Reich kam er den Menschen brüderlich in Gestalt seines leiblichen Sohnes entgegen, um im Dritten Reich sich endlich direkt mit seinen Gläubigen zu verbinden. Und in der Minnemystik wurde diese Intimität durchaus in kaum verhüllten sexuellen Bildern beschrieben. Man denke nur an die mystischen Verzückungen von Nonnen, wo „feurige Lanzen“ mit „süßem Schmerz“ ihre „schmachtenden Herzen“ durchstoßen (vgl. Barbara Koopman: „Mysticism, OR, and DOR“, Journal of Orgonomy, Nov. 1979).

In der Ketzerei vom Nördlinger Ries ging diese mystische Nähe zu Gott aber noch viel weiter, denn es kam, um mit Nietzsche zu reden, zur „Umkehrung des perspektivischen Blicks“: Gott blickt aus uns heraus – wir sind Gott. Als mit Gott geeint, glaubten diese Frauen über jedes Sittengesetz und alle Sünde erhaben zu sein: „Wer ein Kind Gottes ist, sündigt nicht mehr, weil Gottes Leben in ihm wirkt“ (1 Joh 3,9). Hier handelte es sich aber um eine ganz anders geartete Mystik als die der Frommen, denn die unio mystica wurde nicht als Gnade erlebt, nicht als Aufgeben des eigenen Ichs. Vielmehr glaubten sich die Frauen vom Nördlinger Ries fähig,

aus eigenem Willen mit Gott geeint, gottgleich, ja Gott zu werden und Gottes nicht mehr zu bedürfen. Denn der Mensch wie alles Geschaffene ist Gott oder kann Gott werden; die Seele ist von göttlicher Substanz, ewig wie Gott. Wer in Freiheit, Ruhe, Gelassenheit nur auf den Geist in sich hört, nur wartet und schaut, wie gut und süß Gott ist, kann dahin kommen, daß Gott alles in und durch ihn wirkt, daß er vergottet wird. Dann ist nichts mehr sündhaft, was er auch tue, Unzucht sowenig wie Meineid, Lüge, Diebstahl; er braucht nicht mehr zu beten, zu fasten, zu beichten, Reue und Buße würde ihn nur hindern. Böses und Gutes gilt ihm gleich, weil beides von Gott kommt. Er braucht nicht mehr Christi Leib und Blut zu verehren, nicht Maria oder gar die Heiligen, denn er ist ihnen gleich oder vollkommener als sie. Er erwartet keine künftige Auferstehung, glaubt nicht an Hölle und Fegefeuer, bedarf keines Priesters und mißtraut denen, die nur aus Büchern wissen statt aus der Erfahrung göttlicher Wonne. (Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche und ihre Geschichte, Bd. 2, Göttingen 1963, G 46)

Gedankengut wie das der „Ketzerei vom Nördlinger Ries“ fand im und durch das „Beginentum“ weiteste Verbreitung. Im 12. und 13. Jahrhundert gab es in Europa einen großen Frauenüberschuß, der nur teilweise durch Nonnenklöster und Bordelle aufgefangen werden konnte. Deshalb kam es zum Zusammenschluß von frommen Frauen, die ohne Gelübde aber doch ganz ähnlich wie Nonnen in „Beginenhöfen“ zusammenlebten und dort von Almosen und eigenem Handwerk lebten, in der Hauptsache aber karitativ tätig waren. Das ganze erinnert etwas an die evangelischen Diakonissen des 19. Jahrhunderts, die auch in Armut und Keuschheit zusammenlebten und -arbeiteten.

Die Frauenbewegung der Beginen entstand 1170 im Bistum Lüttich und breitete sich schnell über ganz Zentraleuropa aus. In weit geringerer Anzahl gab es auch männliche „Begarden“. Die umherziehenden Beginen und Bergarden, die keine feste Ordensregel verband, sondern allenfalls eine Art Ordenstracht, wurden bald zum letzten Unterschlupf der von der Inquisition zerschlagenen Ketzerbewegungen. Außerdem waren die Beginen und Begarden allen möglichen sittlichen Verdächtigungen ausgesetzt, so daß sich die Inquisition schließlich auch gegen das fromme Beginentum wandte.

Auf dem Vienner Konzil 1311 kam es zu einem allgemeinen Beginenverbot, wobei der Papst acht krasse Irrlehren der deutschen Beginen und Begarden verdammte:

Der Mensch könne auf Erden einen Grad der Vollkommenheit erreichen, daß er sündlos wird; er braucht dann nicht mehr zu fasten und zu beten, keinem Menschen und nicht der Kirche zu gehorchen; er übt nicht mehr, sondern „läßt“ die Tugenden, kann auch dem Leib gewähren, wozu die Natur drängt, denn alle Sinnlichkeit ist dann völlig vergeistigt im „Geist der Freiheit“. Wer so vollkommen wird, ist von Natur selig schon im Diesseits, nicht der Gnade bedürftig; er würde aus hoher, reiner Kontemplation herabsteigen, wenn er noch die Altarsakramente verehrte und an Christi Leiden dächte. (Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche und ihre Geschichte, Bd. 2, Göttingen 1963, G 54)

Dabei hatte das Beginentum wie gesagt als sehr rechtgläubige Angelegenheit angefangen. Verschiedene Bischöfe haben in der Folgezeit auch immer wieder versucht, die Beginen vom Ruch der Ketzerei frei zu halten. Aber selbst was nach außen streng katholisch aussah, offenbarte doch bei näherem Zusehen recht bedenkliche Züge, wie folgender von Grundmann (G 22f) nach den Inquisitionsakten dargestellte Fall zeigt:

1332 verhörte man Beginen, die junge Mädchen aller Stände für den harten Weg zur „vollkommenen Freiheit des Geistes“ anwarben. Die Novizin wurde in strenge Zucht genommen, ihr Leben bestand nur aus niedrigsten Arbeiten und ihr Eigenwille wurde gebrochen. Selbst von der Abwechslung des Kirchgangs wurde sie ferngehalten, zumal den Beginen die Sakramente genauso wenig galten, wie das Buchwissen des Klerus. Der Priester könne Christus nur ins Brot bringen, sie aber ins Herz. Der Priester könne nur das lesen, was auf Pergament steht, sie jedoch könnten aus dem Buch des Lebens lesen. Nachdem die jungen Novizinnen unter den alten Beginen durch die harte Probezeit gegangen waren, erreichten sie den Zustand der Vollkommenheit und waren niemandem mehr zum Gehorsam verpflichtet. Sie waren ohne Sünde und wie Gott.

Die Inquisitionsfrage, ob sie nicht untereinander und mit den Begarden, die sie oft trafen, auch Sündhaftes trieben, ohne es für Sünde zu halten, ließ zwar manchen Argwohn der Jüngeren laut werden, aber keine beweisbare Anklage; und was die Älteren selbst aussagten, klang wohl „verhüllt“, doch eher hintersinnig als verderbt. Unverschuldete Beschuldigungen gleichmütig zu ertragen, gehörte überdies zu ihrer Vollkommenheit, in der alles, was sie tun, Gotteswerk ist, gleichgültig ob sie fasten oder speisen, wachen oder schlafen, arbeiten oder beten; es kommt nicht mehr darauf an, was sie tun, sondern wie sie sind (…). Dem dominikanischen Inquisitor fiel es offenbar nicht leicht, die Unvereinbarkeit dieses Wahns mit dem Kirchenglauben festzustellen, so bedenklich auch die Gleichgültigkeit gegen Kirchengang, Messe, Beichte war. Ob und wie er die Verhörten strafte, ist unbekannt. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Die Schwierigkeit der Inquisition lag m.E. darin, daß die Beginen hier nichts weiter als die originale Geheimlehre Jesu vertraten, die ab und an im Neuen Testament durchscheint!

Später wird nie wieder von langen Probezeiten berichtet, sondern eher von plötzlichen Erleuchtungserlebnissen durch den Heiligen Geist.

Die ganze „freigeistige“ Bewegung der damaligen Zeit wird heute zumeist unter dem Begriff „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ zusammengefaßt. Dieser Name wird zuerst 1317 in Straßburg bezeugt, wo häretische Beginen und Begarden verurteilt wurden, die sich selbst als „Sekte vom freien Geist“ oder als „Brüder und Schwestern freiwilliger Armut“ bezeichneten.

Als letztes Beispiel für diese (mehr oder weniger) libertinistische Strömung im mittelalterlichen Christentum mag ein gewisser Hans Becker dienen. Er wurde 1458 in Mainz verbrannt, weil er die Evangelien und Apostelschriften für ein vergängliches testamentum moris hielt, „der interior instinctus seines Geistes aber für das ewige Testament des Lebens, dem allein er folgen wolle“ (Grundmann, G 58).

Die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ waren eine pantheistisch, spiritualistisch und libertinistisch gesinnte Bewegung von etwa 1200 bis ins 15. Jahrhundert hinein. Ganz im Sinne des „freien Geistes“ handelt es sich dabei nicht um eine bestimmte Sekte oder auch nur um verschiedene festgefügte Gruppen. Von ihrer Grundtendenz her, die so sehr auf das Hören der inneren Stimme gerichtet war, könnte man sie als mystisch bezeichnen, stünde dem nicht ihr Libertinismus und ihre Bejahung der Leiblichkeit entgegen. Man hat sie zu Recht auch als „Nihilisten des Mittelalters“ bezeichnet, was nun wahrhaftig nicht dem gängigen Verständnis der Mystik entspricht. Das dtv Wörterbuch der Kirchengeschichte (München 1982) spricht denn auch von „pseudomystischen Sekten“, die von „Mystikern wie Eckhardt, Tauler, Seuse und Ruysbroek“ literarisch bekämpft wurden. Im katholischen Lexikon für Theologie und Kirche (Freiburg 1958) ist zu lesen, die Brüder und Schwestern hätten die Freiheit des Geistes verkündet, „aber die des Fleisches geübt.“

Als generelles Urteil ist dies eine glatte Verleumdung, denn bei vielen , insbesondere den Beginen und Begarden, war diese Freiheit wirklich nur rein „geistig“, während andere tatsächlich nicht nur wußten, sondern auch lebten, daß sich Gott nicht nur über der Gürtellinie befindet. Sie wollten endlich den Geist mit dem Trieb versöhnen und sprachen dabei von „adamitischer Erotik“ oder auch von „Engelliebe“. Vor der Inquisition erklärten sie, denen alles ein Sakrament war, „daß der natürliche Geschlechtsakt in einem Sinne vor sich gehen könne, daß er das gleiche wert sei, wie ein Gebet vor Gott.“ Nur kranke und verdorbene pornographische Moraltheologen bringen es fertig, da zügellose orgiastische Ausschweifungen und andere Perversionen hineinzuprojizieren. Außerdem haben wir ja gesehen, daß bei manchen vor dem Stadium absoluter Freiheit eine moralisch streng geregelte Einweihungsphase lag. Was wieder auf Jesus selbst verweist, in dessen Aussagen ja auch strenger Moralismus und amoralischer Libertinismus eng beieinander lagen, je nach dem Einweihungsgrad der Zuhörer (vgl. Morton Smith: Auf der Suche nach dem historischen Jesus, Frankfurt 1974).

Die Brüder und Schwestern glaubten mit 2 Kor 3,14 die Verschleierungsdecke der betrügerischen Pfaffen vom Evangelium Christi genommen zu haben. Es ist kein Zufall, daß sie sich immer wieder auf den zumindest teilweise in die jesuanische Geheimlehre eingeweihten Paulus berufen konnten:

Wenn aber der Geist Gottes euer Leben bestimmt, dann steht ihr nicht mehr unter dem Zwang des Gesetzes. (Gal 5,18)

Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben. (1 Tim 1,9 in Luthers Übersetzung)

… jetzt sind wir vom Gesetz befreit; wir sind tot für das Gesetz, das uns früher gefangen hielt. Darum dienen wir Gott nicht mehr auf die alte Weise nach dem Buchstaben des Gesetzes. Sein Geist macht uns fähig, ihm auf eine neue Weise zu dienen. (Röm 7,6)

Im Umfeld des joachitischen Jahres 1260 glaubten die Brüder und Schwestern genauso wie zuvor Jesus an einer epochalen Zeitenwende zu stehen. Genauso wie Jesus glaubten sie schon auferstanden und befreit zu sein. Sie lebten die Frohe Botschaft (Joh 15,11 und 16,24). Wie bei Jesus war für sie nicht die Zeit des Fastens, sondern die Zeit der Freude angebrochen. So standen sie im asketischen Mittelalter genauso fremd da, wie Jesus zwischen dem finsteren Bußprediger Johannes und den mönchischen Essenern (vgl. Mt 9,14f). Und genau wie Jesus mußten auch seine Brüder und Schwestern unter der Verfolgung der toten Frommen leiden.

Nach einer systematischen Ausmerzungskampagne unter Karl IV. (reg 1355-78) tauchte die „Ketzerei des freien Geistes“ und damit das einzig wahre Christentum nur noch vereinzelt auf, „in Bern 1375, in Eichstädt 1381, in Valenciennes um 1400, bei den Brüsseler Homines intelligentiae 1410, in Konstanz 1434, in Mainz 1458 usw., vielleicht auch bei manchen böhmischen ‘Pikarden’ und ‘Adamiten’ in der Hussitenzeit.“

Die Hussitenbewegung geht auf den englischen Vorreformer John Wyclif (ca. 1320-1384) zurück. Wyclif hatte die Organisationsform der Kirche radikal angegriffen und behauptet, daß nicht die Hierarchie, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen die wahre Kirche konstituiere. Diese theologische Kritik war mit nationalistischen und sozialrevolutionären Ideen verquickt. Zu dieser Zeit war England mit Böhmen dynastisch verbunden, so daß auch in Böhmen Wyclifsches Gedankengut Eingang fand. Zum Hauptvertreter wurde der Rektor der Prager Universität, Johannes Hus (ca. 1370-1415). Trotz Zusicherung freien Geleits wurde er 1415 auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt. Dies war der eigentliche auslösende Funken für die husitische Bewegung, die im Laufe der Zeit weit radikalere Züge annahm, als sie ihr Namensgeber vertreten hatte, der eher gemäßigter war als Wyclif. Nicht zuletzt war dafür wohl auch durch Wyclif vermitteltes joachitisches Gedankengut verantwortlich, das den Hussiten die revolutionäre Perspektive gab.

1419 hielten hussitische Geistliche auf einem Hügel einen Gottesdienst ab. Das herbeiströmende Volk wurde in seinem Verlauf von einem derartigen religiösen Überschwang erfaßt, daß sie sich wie die Jünger Jesu bei dessen Verklärung auf dem Berg fühlten (Mt 17,1-8). Wie Petrus begannen sie, Hütten zu errichten. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine befestigte Ansiedlung. Sie wurde zum Zentrum der radikalen Hussiten, deren Ziel die Errichtung des Gottesstaates nach dem Muster der alttestamentarischen Richterzeit war. Dementsprechend wurde der Hügel „Tabor“ genannt (vgl. Ri 4,6). Um die Gottesherrschaft zu errichten, riefen die Taboriten zum sozialrevolutionären Heiligen Krieg auf, der alles Widergöttliche ausmerzen sollte. Die joachitischen Weissagungen sollten mit Gewalt durchgesetzt werden. So beriefen sie sich auch hauptsächlich auf die apokalyptischen, das Strafgericht verkündenden Stimmen der Bibel.

Andere taboritische Fraktionen schlossen demhingegen aus den joachitischen Weissagungen, daß mit dem heranbrechenden Dritten Reich sich nun der Geist unmittelbar mitteile und deshalb die Bibel überflüssig geworden sei. Noch radikalere meinten, damit sei auch jedes biblische Gebot hinfällig geworden. Die von Adam herstammende Sünde sei aufgehoben und damit auch jedes Gesetz gegen die Sünde. Deshalb nannte man sie auch „Adamiten“. Eine andere Bezeichnung lautete „Pikarden“, was eine Verballhornung von „Begarden“ ist. Es handelte sich also um eine Entsprechung der häretischen Beginen und Begarden, der Brüder und Schwestern des freien Geistes.

Diese libertinistischen Taboriten wurden auch mit den „Nikolaiten“ aus der Offenbarung des Johannes identifiziert. Dieser Name wird mit Nikolaus von Antiochia in Verbindung gebracht, der zu den sieben Helfern der Apostel gehörte (Apg 6,1-6). Nebenbei gesagt beweist dies, daß unmittelbar an Jesus und seine Apostel libertinistisches Gedankengut anschließt. In den Sacherklärungen der Einheitsübersetzung ist über die Nikolaiten zu lesen:

Über ihre Lehre ist nicht viel bekannt. Wahrscheinlich fühlten sie sich als Christen hoch erhaben über alles Irdische und meinten, auch Unzucht und Teilnahme an den Götzenopfern könne ihnen nicht mehr schaden. (Hervorhebung hinzugefügt)

In der Offenbarung läßt Christus der Gemeinde von Ephesus versichern: „Doch eins spricht für euch: Ihr haßt das Treiben der Nikolaiten genauso wie ich“ (Offb 2,6). Während er der Gemeinde von Pergamon droht:

Es gibt unter euch auch einige, die der Lehre der Nikolaiten folgen. Kehrt um! Sonst komme ich bald zu euch und werde gegen diese Leute mit dem Schwert aus meinem Mund Krieg führen. (Offb 2,15f)

Pflichtgetreu befolgten die sittenstrengen Taboriten diese Weisung und verhängten das göttliche Strafgericht über die Brüder und Schwestern. Sie wurden unbarmherzig verfolgt und in schweren Kämpfen niedergemacht. Die wenigen Überlebenden wurden nach der Ausmerzungsaktion lebendig verbrannt.

Doch diese christliche Tat konnte Tabor nicht retten, das 1453 unter dem Ansturm der Papisten fiel. Daraufhin breitete sich taboritisches Gedankengut jedoch erst recht im Untergrund aus, um im linken Flügel der Reformation und bei den Wiedertäufern wieder an die Oberfläche zu treten.

Insbesondere Thomas Müntzer (1490-1525) wurde vom taboritischen Geist geprägt, was sich z.B. in seinem Ausspruch zeigt, daß ein „gottloser Mensch kein Recht hat zu leben“. Kein Wunder, daß die Stalinisten in der „DDR“ ihn zu ihrem Nationalheiligen erkoren. Für uns ist aber von besonderem Interesse, daß Müntzer ganz direkt vom joachitischen Schrifttum beeinflußt wurde:

Ihr sollt auch wissen, daß sie diese Lehre dem Abt Joachim zuschreiben, und heißen sie ein ewiges Evangelium in großem Spott. Bei mir ist das Zeugnis Abbatis Joachim groß.

Man kann Müntzer als eschatologischen Bußprediger nach dem Muster Johannes des Täufers betrachten. Wie bei den Taboriten gab es aber auch in der Täuferbewegung libertinistische Gruppen, die ganz in der Tradition der Brüder und Schwestern standen. Es waren aber nur vereinzelte Ansätze, die sofort vom gemeinsamen Kampf der Papisten und Lutheraner gegen das Täufertum ausgelöscht wurden. Einzig die pazifistischen frömmelnden Täufer konnten mit Mühe und Not überleben, die Mennoniten.

Die ökomenisch gesinnten Mennoniten haben immer versucht, mit den nationalen Konfessionen der Länder, in die sie auswanderten, zu einer einigen Kirche zu verschmelzen. So wurden sie z.B. in Rußland so gut wie identisch mit den „popenlosen“ Altgläubigen, die genau wie die Mennoniten für eine strikte Trennung von Staat und Kirche eintraten, sowie Eid und Kriegsdienst ablehnten.

1653 hatte der russische Papst, der Patriarch von Moskau, versucht, die russisch-orthodoxe Kirche von oben her zu reformieren. Daraufhin spalteten sich die „Altgläubigen“ von der russischen Staatskirche ab. Schwerste Verfolgungen führten bei ihnen zu einer konsequenten Staatsfeindlichkeit und einer apokalyptischen Weltsicht, in der der Patriarch von Moskau zum Antichrist erklärt wurde. Schließlich lehnten bestimmte Gruppen der Altgläubigen das Bischofs- und Priesteramt überhaupt ab. Dazu gehörten schließlich auch die Sakramente. Bei libertinistisch gesinnten führte dies sogar zur Verwerfung der Ehe.

Wie nah diese Entwicklung den Brüdern und Schwestern des freien Geistes kam, zeigt sich auch an der ebenfalls im 17. Jahrhundert entstandenen russischen Sekte der „Chlysten“. Sie lehrte die permanente Inkarnartion Gottes, Christi, der Gottesmutter und der Heiligen in jedem Gläubigen. Dies erlebte man existentiell in einer Ekstase, die nach Art der Derwische durch Sakraltanz herbeigeführt wurde. (Die islamischen Derwische gehen wiederum auf die christliche Mönchssekte der „Messalianer“ zurück!) Und um unser bisheriges Szenario zu vervollständigen, wähnte um 1900 die Sekte der „Seufzenden“ in Kaluga, 180 km südwestlich von Moskau, durch ihr mit Röm 8,26 legitimiertes Zungenreden den Anbruch des Dritten Reiches des Geistes nach dem des Vaters und des Sohnes zu bezeugen, was an Joachim von Fiore erinnert.

Am Anfang stand der Neuplatonismus

9. Oktober 2015

Zwischen 200 und 500 entwickelte sich der „Neuplatonismus“. In diesem mystischen System wurde alles in stufenweiser Abfolge aus dem letzten Urgrund abgeleitet. Durch Emanation gehen aus ihm zunächst die Platonischen Ideen hervor, aus diesen die Weltseele, die schließlich die Materie erschafft. In der Materie sind die Einzelseelen gefangen, indem sich aber jede bewußt wird, daß in ihr die ganze Weltseele gegenwärtig ist – daß also jeder Einzelne das ganze All in sich trägt und es erschaffen hat – kehrt sich der Prozeß der Emanation um. Die Seele kehrt in die Weltseele zurück, um letztlich wieder eins mit dem jenseitigen Gott zu werden.

Die Affinität des Neuplatonismus zum Christentum ist offensichtlich. So gab es zwischen den beiden immer wieder Überschneidungen, bis um 500 ein nicht weiter identifizierbarer syrischer Gelehrter unter dem Pseudonym „Dionysius Areopagita“ die neuplatonische Philosophie systematisch mit dem Christentum verband. In seiner „mystischen Theologie“ sollte der Mensch sich von seiner Anhänglichkeit an den Dingen „reinigen“, um vom Logos „erleuchtet“ zu werden, d.h. zu den reinen platonischen Ideen durchzudringen. Da diese aber noch einer Vielheit entsprechen, muß unser Geist noch einen letzten Schritt der „Einigung“ vollziehen, um wieder mit dem All-Einen zu verschmelzen. Aus dieser Sichtweise erkennen wir, daß wir Gott nicht fassen können, ihm keinen Namen geben können, daß alle Benennung auf Unterscheidung beruht, Gott aber das unvergleichliche All-Eine ist. Dem entspricht eine „negative Theologie“, die alle Aussagen von Gott fernhält und sogar alle negativen Aussagen, z.B. das Gott nicht existiert, verneint.

Hier sei kurz erwähnt, daß die Lehre vom Zusammenfall aller Gegensätze im absoluten Einen und die „negative Annäherung“ an das Eine, sowohl in abstrakter Weise Reichs orgonometrische Denkmethode als auch in mystischer Form Stirners solipsistischen Nihilismus vorwegnimmt. Ohne den Pseudo-Dionysius wäre die Entwicklung, die zu diesen beiden Männern führte, undenkbar gewesen.

Wenn Reich in Christusmord (Freiburg 1978, S. 200) schreibt, Bruno hätte sich in dem Hauptstrom des menschlichen Denkens bewegt, „der vierhundert Jahre später zur konkreten Formulierung der funktionellen orgonometrischen Gleichung führte“, bestätigt dies meine Einschätzung, denn Brunos unmittelbarer Geistesahn Nikolaus von Kues (Cusanus) schöpfte direkt aus dem Pseudo-Dionysius. Und was Stirner betrifft, möchte ich an dieser Stelle nur die beiden abschließenden Absätze seines Der Einzige und sein Eigentum zitieren:

Man sagt von Gott: „Namen nennen Dich nicht“. Das gilt von Mir: kein Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angibt, erschöpft Mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein von Mir. Eigner bin ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins. Stell’ ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt und Ich darf sagen: Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt.

Der ungeheure Einfluß der vier areopagitischen Schriften auf das abendländische Denken verdankt sich der Tatsache, daß man sie, nach Apg 17,34, dem Apostelschüler und ersten Bischof von Athen zuschrieb. So kam im Mittelalter die Lehre des Pseudo-Dionysius gleich nach den Aposteln. Albertus Magnus glaubte sogar, sie wäre vom Heiligen Geist selbst verfaßt worden.

Bevor Dionysius seine nicht zu überschätzende Wirkungsgeschichte im Abendland entfalten konnte, mußte er erst aus dem damals so gut wie unbekannten Griechischen ins Lateinische übersetzt werden. Dies leistete der irische Mönch Johannes Scottus Eriugena (ca. 810 – ca. 880) am Hofe Karls des Kahlen in Paris. Mitten im finstersten Mittelalter brachte es Eriugena sogar fertig die areopagitische Philosophie weiterzuentwickeln. Dazu möchte ich zunächst noch einmal auf Christusmord zurückkommen, wo Reich schreibt: „Bruno kannte das Gesetz der gleichzeitigen funktionellen Identität und Gegensätzlichkeit, wenn auch nur in abstrakter Form.“ Dieses geht aber ursprünglich auf Eriugena zurück:

Er konnte (…) Einheit denken als bewegte Einheit von Gegensätzen; damit bereitete er den Weg für Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, [Georg] Hamann und Hegel. Er ließ Koinzidenzphänomene gelten, so die Einheit von Aufstieg und Abstieg, von Ruhe und Bewegung, von Offenbaren und Verbergen. (Kurt Flasch: Das philosophische Denken des Mittelalters, Stuttgart 1986, S. 175)

In seinem fünfbändigen Werk „Über die Einteilung der Natur“ Periphyseon nahm Eriugena in seinem Bestreben Philosophie und Theologie in Übereinstimmung zu bringen geradezu Hegel vorweg. (Wie wir noch sehen werden, sollte Eriugena sogar seine eigenen „Stirner“ bekommen). Und Hegel wäre ohne die mittelalterliche deutsche Mystik undenkbar, die wiederum ohne Eriugena kaum vorstellbar ist.

Für die Neuplatoniker war die Materie das schlechthin böse, was sich natürlich mit der jüdisch-christlichen Lehre von der guten Schöpfung Gottes biß. Deshalb formte Eriugena den neuplatonischen Akosmismus in etwas um, was jederzeit in Pantheismus abgleiten konnte (was noch unvereinbarer mit der jüdisch-christlichen Lehre wäre), denn für Eriugena sind Gott und Welt wohl nicht formell aber substantiell identisch (weshalb es für Eriugena auch kein substantiell Böses geben konnte). Gott ist überall und in allem und hört doch nicht auf über allem zu stehen.

Nach Eriugena geht die Welt wie folgt aus Gott hervor:

  1. Gott ist die unverursachte Ursache für alles, er ist die schaffende aber nicht geschaffene Wirklichkeit, die
  2. die Entstehungsgründe für jedes einzelne hervorbringt, die Platonischen Ideen als geschaffene und schaffende Wirklichkeit, welche
  3. die einzelnen Dinge hervorbringt; dies ist die geschaffene aber nicht schaffende Wirklichkeit, welche
  4. im menschlichen Geist als nicht schaffende und (wie Gott) nicht geschaffene Wirklichkeit zu Gott zurückkehrt.

Eriugena zufolge sind im menschlichen Denken die Dinge wahrer als in sich selbst und indem der Mensch sie vereinigend in ihren Ursprung zurückführt, zeigt er seine Ebenbildlichkeit mit Gott. Der Mensch faßt die Welt zusammen und vergöttlicht sie so. So bekommt der Mensch bei Eriugena eine ganz eigentümliche Würde verliehen, die fast schon an Nietzsche gemahnt. Im Gegensatz zu Pseudo-Dionysius sah Eriugena den Menschen also nicht nur passiv der sich durch die Hierarchie vermittelnden Erleuchtung hingebend, sondern als aktiv tätigen Geist, mit einem unmittelbaren Bezug auf Gott. Implizit bedeutete dies natürlich eine Infragestellung der „kirchlichen Hierarchie“.

Gegenüber dem rein mystischen Dionysius bekam bei Eriugena die Vernunft einen hohen Stellenwert. Diese rationalistische Herangehensweise zeigt sich z.B. daran, daß Eriugena Himmel und Hölle nicht als reale Orte, sondern als Bewußtseinszustände betrachtete, demnach war der Mensch zeitlich auch nie im Paradies. Trotzallem galt Eriugena drei Jahrhunderte nicht als häretisch. Erst 1210 wurden seine Werke verurteilt und verbrannt.

Die Schuld daran trug der Theologe Amalrich von Bena (gestorben etwa 1206), der Dozent an der Pariser Universität war. Amalrich griff Eriugenas Ideen wieder auf und formte sie zu einem konsequenten Pantheismus um. 1204 wurde er von seinen theologischen Kollegen verklagt und daraufhin vom Papst zum Widerruf gezwungen, obwohl er sich ständig auf Paulus berief: Wie alle einschließlich unserer Körper seien Teile vom Leibe Christi (Eph 5,30; 1 Kor 6,15 und 12,27). Gottes Allgegenwart und Identität mit dem All sollte die Aussage von Paulus belegen, Gott habe alle Dinge geschaffen. „Sie bestehen durch ihn und haben in ihm ihr Ziel“ (Röm 11,36). Gott allein sei der Herr, „der alles und in allem wirkt“ (1 Kor 15,28). Alles im Himmel und auf Erden wurde durch Christus geschaffen und alles habe in ihm sein Ziel (Joh 1,3-4 und Kol 1,16).

Amalrichs pantheistische Anschauungen mußten natürlich mit der Vorstellung in Konflikt geraten, daß sich beim Abendmahl das Brot in den Leib Christi und der Wein in sein Blut umwandle. Überhaupt machten Sakramente angesichts einer solchen Weltheiligung und ihres „Pansakramentalismus“ keinen Sinn mehr. Und selbst die Moral und Ethik der Kirche mußten zu nichts werden, denn schließlich sei ja aller Wille letztlich göttlicher Wille und deshalb Gewissensbisse unnötig. Ganz paulinisch wurde bei Amalrich die göttliche Gerechtigkeit restlos von der göttlichen Gnade verdrängt. Die Liebe würde alles heiligen und alles was in Liebe geschehe, sei keine Sünde. Zumal ja schon Eriugena gelehrt hatte, daß es substantiell Böses gar nicht geben könne.

Eriugena hatte den weltflüchtigen, mystischen Neuplatonismus in einen rationalistischen Pantheismus (mit allen oben erwähnten Einschränkungen) „verwestlicht“. Diesen hatte Amalrich konsequent in eine Seinslehre der Weltheiligung umgeformt. Bis sie 1210 von der Inquisition verbrannt oder lebenslänglich eingekerkert wurden, wandelten nun Amalrichs Schüler, die Amalrikaner, diese Seinslehre in eine Lebenslehre. Ja, indem sie pantheistische Philosophie und paulinische Theologie mit der theologischen Geschichtsspekulation von Joachim von Fiore verbanden, riefen sie sogar eine neue Heilslehre ins Leben.

Der orgonomische Bibelforscher (Teil 5): Jesu Funktionalismus

15. September 2015

Vergleicht man das Neue mit dem Alten Testament, fällt auf, daß sich erst Jesus in Gleichnissen ausdrückt; „nichts sagte er ihnen, ohne Gleichnisse zu gebrauchen“ (Mt 13,34). Der berühmte Neutestamentler Joachim Jeremias bestätigt uns denn auch:

Jesus Gleichnisse sind (…) etwas völlig Neues. Aus der Zeit vor Jesus ist uns in der gesamten rabbinischen Literatur kein einziges Gleichnis überliefert. (Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 1980)

Im Gegensatz zu seinem Propagandisten Paulus zwingt Jesus niemandem Lehrsätze auf. Vielmehr ist die Lehrweise Jesu geradezu „arbeitsdemokratisch“ und „funktionell“ zu nennen. Indem der Zuhörer nicht an den Einzelheiten kleben bleibt, sondern das Ganze des Gleichnisses erfaßt, kann er sich den Sinngehalt des Gleichnisses selbstständig veranschaulichen, ohne daß Jesus ihm etwas aufzwingt.

Daß die Art der Vermittlung mit dem Inhalt der Botschaft Jesu übereinstimmt, ist an folgendem Gleichnis aus dem Markusevangelium (4,26-29) ersichtlich:

Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit der Saat und dem Bauern: Hat der Bauer gesät, so geht er nach Hause, legt sich nachts schlafen, steht morgens wieder auf – und das viele Tage lang. Inzwischen geht die Saat auf und wächst; wie, das versteht der Bauer selbst nicht. Ganz von selbst läßt der Boden die Pflanzen wachsen und Frucht bringen. Zuerst kommen die Halme, dann bilden sich Ähren, und schließlich füllen sie sich mit Körnern. Sobald das Korn reif ist, fängt der Bauer an zu mähen; dann ist Erntezeit.

Seit Paulus haben die Theologen immer wieder versucht diesen autonomen Erkenntnisprozeß „zwischen Aussaat und Ernte“ zu hintertreiben. Es mag stimmen, daß sich die Kirche immer schärfstens dagegen verwahrt hat, einzelne Aussagen Jesu aus dem Zusammenhang herauszulösen. Nur „das Wort“ in seiner Gesamtheit gilt. Leider hat die Kirche dabei umgekehrt für sich selbst nie erkennen wollen, daß damit auch ihrer Dogmatik der Boden entzogen ist. Sie kümmerte sich um den Splitter im Auge von Leuten, die wie ich Jesu Worte aus dem Zusammenhang rissen, bemerkte aber nicht den Balken in ihrem eigenen Auge. Man kann „das Wort“ Jesu nicht zum Dogma erstarren lassen, wie es die Kirche tat, ohne es zu töten. Zuerst nagelten sie den Sohn Gottes ans Kreuz, dann den Geist Gottes!

Ich sage euch: jede Sünde und jede Gotteslästerung kann den Menschen vergeben werden; aber wer den Geist Gottes beleidigt, der wird keine Vergebung finden. Wer den Menschensohn beschimpft, kann Vergebung finden. Wer aber den Heiligen Geist beleidigt, wird niemals Vergebung finden, weder in dieser Welt noch in der kommenden. (Mt 12,31f)

In seinem Fragment Jesus der Mensch (München 1986) spricht Alfons Rosenberg davon, daß die Theologen die Spannung im Worte Jesu nicht hätten ertragen können und daß sie deshalb nach Eindeutigkeit gesucht hätten, wodurch die Botschaft Jesu einseitig und falsch interpretiert worden sei. Das führte zur Erstarrung des Evangeliums. Die Frohe Botschaft hat sich so in ihr Gegenteil verkehrt. Sie wurde zu einem neuen Gesetz, das zum Tode führte – nicht nur im übertragenen Sinne. Genau wie Reich spricht Rosenberg davon, man könne Jesus erst dann verstehen, wenn man das „Sitzen“ aufgäbe und in das dynamische Leben eintaucht, wie man es in den Gleichnissen Jesu findet.

Jesus war (…) ein Wanderer durch die Landschaften und Völker, durch ihre Geistesgeschichte. Will man darum Jesus verstehen, darf man sich nicht in einen gesicherten Winkel zurückziehen und ihn wie auf einer Guckkastenbühne betrachten. Will man erfahren, was er uns weisen wollte, muß man den festen Standort aufgeben und mit ihm wandern – denn seine Weisheit ist keine ersessene, sondern eine erwanderte. Erst wenn wir bereit sind, mit ihm zu wandern, werden wir seines Wesens inne. Und ist nicht in seinem Wesen auch die Botschaft enthalten? Schon viele haben sich beklagt, daß Jesus so widersprüchlich sei, daß er die letzten Geheimnisse verhülle und vordergründig in sprichwortartigen Sentenzen spreche. Wie diese Wiedersprüche vereinen? Indem man mit ihm wandert und so erfährt, was er selber erfahren hat. Nur wo Widerspruch und Gegensatz ist, wirkt Wahrheit. Der „widersprüchliche“ Jesus ist uns heute näher als der theologisch harmonisierte.

Bei Jesus fehlt jede einengende, dogmatische Eindeutigkeit. Man vergleiche nur die folgenden Punkte miteinander:

  • Einerseits sagt Jesus vom Gesetz Mose solle kein i-Punkt geändert werden (Mt 5,17f), um dann in der Bergpredigt (Mt 5-7) das ganze Gesetz umzustoßen.
  • Jesu radikale Aussagen gegen den Ehebruch (Mt 5,27-30) stehen seiner Verteidigung der Ehebrecherin entgegen (Joh 8,3-11).
  • Einerseits soll man seine Mitmenschen lieben, so wie man sich selbst liebt (Mt 22,39), andererseits wird gesagt, man müsse sich und seine Wünsche aufgeben (Mt 16,24).
  • Desgleichen widerspricht Mt 22,39 Jesu Zurückweisung seiner Mutter und Geschwister (Mt 12,46-50) und der Aufforderung an seine Jünger, ihre Familien in Stich zu lassen (Mt 4,18-22).
  • Mt 4,18-22 widerspricht wiederum dem Wort, daß die Eheleute eine Einheit bilden, die man nicht auseinanderreißen darf (Mt 19,6).
  • „Ich bin gekommen, um die Söhne mit ihren Vätern zu entzweien, die Töchter mit ihren Müttern (…). Die nächsten Verwandten werden zu Feinden werden. Wer seinen Vater mehr liebt als mich, verdient es nicht, mein Jünger zu sein“ (Mt 10,35-37) gegen Jesu Bekräftigung des Gebotes unter Androhung des Todesstrafe seinen Vater und seine Mutter zu ehren (Mt 15,4-7).
  • „Freuen dürfen sich alle, die keine Gewalt anwenden, denn Gott wird ihnen die Erde zum Besitz geben“ (Mt 5,5) gegen „Glaubt nicht, daß ich gekommen bin, Frieden in die Welt zu bringen. Nein, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Streit“ (Mt 10,34).
  • „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns!“ (Mk 9,40) gegen „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich (…)“ (Mt 12,30).

Wie Jeremias in seiner Neutestamentlichen Theologie (Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, Gütersloh 1971) feststellt, ist Jesu Rede durch und durch vom „antithetischen Parallelismus“ geprägt. Wenn Jesus den antithetischen Parallelismus benutzt, liegt der Akzent immer auf der zweiten Aussage, was ein persönliches Merkmal der Rede Jesu gewesen zu sein scheint. Im Alten Testament und im Talmud liegt der Akzent meist auf der ersten Aussage. Und während hier der antithetische Parallelismus nur ganz selten auftaucht, macht er bei Jesus das innerste Wesen seines Wortes aus:

Jede Lästerung kann vergeben werden, aber nicht die wider den Heiligen Geist. Wenn man anderen verzeiht, wird auch Gott einem vergeben. Wenn man aber den anderen nicht verzeiht, wird einem auch Gott nicht vergeben. Man kümmert sich um den Splitter im Auge des Bruders, aber bemerkt nicht den Balken im eigenen Auge. Man soll sich nicht vor denen fürchten, die nur den Körper, aber nicht die Seele töten können. Gott ist zu fürchten, der Leib und Seele ins ewige Verderben schicken kann. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil er im Innersten gut ist. Ein schlechter Mensch kann nur böses hervorbringen, weil er von Grund auf böse ist. Von einem gesunden Baum kann man Früchte erwarten. Ist er aber krank, kann man nur schlechte Früchte von ihm erwarten. Weh den Pharisäern! Ihre Becher und Schüsseln halten sie äußerlich rein, aber was sie daraus essen und trinken, haben sie zusammengestohlen. Sie schüren schwere Lasten zusammen und laden sie den Menschen auf die Schultern, aber sie selbst machen keinen Finger krumm, um sie zu tragen. Nichts was der Mensch von außen in sich aufnimmt, kann ihn unrein machen; nur das, was aus ihm selbst kommt, macht ihn unrein! Die wohlhabenden Leute haben lediglich von ihrem Überfluß etwas abgegeben. Aber eine arme Witwe opfert tatsächlich alles, was sie zum Leben hatte. Die Vorbereitungen zum Fest sind getroffen, aber die geladenen Gäste waren es nicht wert. Viele sind berufen, aber nur wenige von ihnen sind Erwählte. Wenn der Herr die zukünftige Schreckenszeit nicht abgekürzt hätte, würde kein Mensch gerettet werden; aber er hat sie denen zuliebe abgekürzt, die er erwählt hat. Von zwei Frauen, die zusammen Korn mahlen, wird die eine angenommen, die andere bleibt zurück. Die Gedankenlosen nahmen nur ihre Lampe mit, während die Klugen auch noch Öl zum Nachfüllen mitnehmen. Wer sich vor den Menschen zum Menschensohn bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn bekennen. Wer aber den Menschensohn nicht kennen will, den wird auch der Menschensohn nicht kennen. Wenn man von jemanden aufgenommen wird, soll man in dessen Haus bleiben, bis man weiterzieht. Wenn man aber in einen Ort kommt, wo man nicht aufgenommen wird, soll man weiterziehen. Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest; aber der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich hinlegen und ausruhen kann. Gott ist dafür zu preisen, daß er den Unwissenden zeigt, was er den Klugen und Gelehrten verborgen hat. Den Eingeweihten läßt Gott erkennen, wie er jetzt seine Herrschaft aufrichtet, aber die Außenstehenden erfahren davon nur in Gleichnissen. Wer die Worte des Menschensohns hört und befolgt, baut sein Haus auf felsigen Grund. Wer dagegen Jesu Worte nicht hört, baut sein Haus auf Sand. Der eine Teil der Körner fällt auf schlechte Erde, doch nicht wenige fallen auf gute Erde. Das Senfkorn hat den kleinsten Samen; aber er wird größer als alle anderen Gartenpflanzen. Himmel und Erde werden vergehen, aber nicht die Worte Jesu.

Welche Rolle der antithetische Parallelismus im Wort Jesu spielt, zeigt sich besonders schön beim Anfang seiner „Feldpredigt“ im Lukasevangelium (6,20-26):

20 Jesus blickte auf seine Jünger und sagte; „Freut euch, Ihr Armen!
Ihr werdet mit Gott in der neuen Welt leben.
21 Freut euch, die ihr jetzt Hunger habt!
Gott wird euch satt machen.
Freut euch, die ihr jetzt weint!
Bald werdet ihr lachen.
22 Ihr dürft euch freuen, wenn euch die Leute hassen, wenn sie euch aus ihrer Gemeinschaft ausstoßen, euch beschimpfen und verleumden, weil ihr euch zum Menschensohn bekennt!
23 Ja, freut euch und springt vor Freude, wenn das geschieht, denn Gott wird euch reich belohnen. Mit den Propheten haben es die Vorfahren dieser Leute auch so gemacht.
24 Aber weh euch, ihr Reichen!
Ihr habt nichts mehr zu erwarten!
25 Weh euch, die ihr jetzt satt seid!
Ihr werdet hungern.
Weh euch, die ihr jetzt lacht!
Ihr werdet weinen und klagen!
26 Weh euch, wenn euch alle Leute loben, denn genauso haben es ihre Vorfahren mit den falschen Propheten gemacht.“

Hier findet sich der antithetische Parallelismus wie folgt:

20-23 // 24-26
20b // 24
21a // 25a
21b // 25b
22f // 26

Die Größe des katholischen Denkens wird evident, wenn man den einflußreichen katholischen Theologen und Philosophen Romano Guardini (1885-1968) betrachtet. Als „Gegensatz“ bezeichnet Guardini jenes Verhältnis, „in dem jeweils zwei Momente einander ausschließen, und doch wieder verbunden sind, ja (…) einander geradezu voraussetzen.“ Als Beispiel für derartige Gegensatzpaare führt Guardini folgendes an (Der Gegensatz, Mainz 1955, S. 99):

Derartige Gegensatzpaare bilden für Guardini das lebendige Ganze. Wobei sich das lebendige Ganze aber nicht aus den beiden Momenten zusammensetzen läßt.

Die Elemente der Antithese können für Guardini nicht ineinander „umschlagen“, weil eben ihre Gegensätzlichkeit das Lebendige konstituiert. Aus diesem Grunde war Guardini Antihegelianer. Das erinnert natürlich an die antihegelianische Philosophie Kierkegaards. Angesichts der „paradoxen“ Struktur der christlichen Offenbarung sollte für Kierkegaard These und Antithese bestehen bleiben. Als Christ wollte sich Kierkegaard nicht mit Hegels Lehre von der Synthese zufriedengeben, sondern sich, wie Jesus lehrte, der radikalen, „existentiellen“ Entscheidung stellen.

Der Neutestamentler Joachim Jeremias führt folgende Stellen bei Jesus an, wo zwei Extreme so scharf gegenübergestellt werden, daß kein Raum für Zwischengrößen bleibt. Es wird die „existentielle“ Entscheidung gefordert:

  • Wer viel hat, dem wird noch mehr gegeben werden, aber wer wenig hat, dem wird auch noch das wenige genommen, das er hat. (Mk 4,25)
  • Viele, die jetzt vorn sind, werden am Schluß stehen und viele, die jetzt die Letzten sind, werden schließlich die ersten sein. (Mk 10,31)
  • Niemand kann zwei Herren zugleich dienen. Er wird den einen vernachlässigen und den anderen bevorzugen. Er wird dem einen treu sein und den anderen hintergehen. Ihr könnt nicht beiden zugleich dienen: Gott und dem Geld. (Mt 6,24)
  • Wenn dich jemand zu einem Hochzeitsmahl einlädt, dann setz dich nicht gleich auf den besten Platz. Es könnte ja sein, daß eine noch vornehmere Person eingeladen ist. Der Gastgeber, der euch beide geladen hat, müßte dann kommen und dich bitten, den Ehrenplatz abzutreten. Dann müßtest du beschämt auf dem untersten Platz sitzen. Setz dich lieber auf den letzten Platz, wenn du eingeladen bist. Dann wird der Gastgeber kommen und zu dir sagen: „Lieber Freund, komm, setz dich auf einen besseren Platz!“ So wirst du vor allen geehrt, die mit dir eingeladen sind. (Lk 14,8-10)

An diesen Existentialismus des Kierkegaardschen „Entwder-Oder“ knüpfte nach dem Ersten Weltkrieg die protestantische „Dialektische Theologie“ von Karl Barth an. Für Barth ist eine Versöhnung zwischen These und Antithese nicht möglich, denn die Wahrheit Gottes ist nur in der unversöhnten These und Antithese aussagbar. Nur im Niemandsland zwischen ihnen ist Barth zufolge Platz für die Wirklichkeit Gottes. Weshalb in jeder eindeutigen Aussage Gott verschwinden muß. Seine Wirklichkeit läßt sich nie mit nur einem Wort aussprechen, sondern ausschließlich mit Satz und Gegensatz umschreiben:

Man darf nicht von der Gottesebenbildlichkeit sprechen, ohne in aller Deutlichkeit die Gefallenheit des sündigen Menschen hervorzuheben. Man darf nicht von der Freiheit des Christenmenschen sprechen, ohne gleichzeitig deutlich hervorzuheben, daß der Mensch Gottes Knecht ist. Man darf nicht von der Unsterblichkeit de Menschen sprechen, ohne deutlich zu machen, daß der Mensch als Lohn seiner Sünde dem Tod verfallen ist.

Der Mensch kann grundsätzlich nur im ungelösten Widerspruch über den geoffenbarten Gott sprechen, denn dieser Gott ist der, dem Sünder unerkennbare, „ganz Andere“. Für Barth sind Schöpfer und Geschöpf absolut getrennt. Einzig und allein Jesus Christus stand in der sonst unzugänglichen „lebendigen Wahrheit in der Mitte“. Der sündige Mensch, also jeder Mensch, steht dem hingegen Gott im ewigen Widerspruch gegenüber. Barth behauptet also die radikale Seinsunähnlichkeit von Gott und Welt.

Diese Position der Dialektischen Theologie lehnte Guardini als „protestantischen Extremismus“ radikal ab. Guardini hielt ihr die katholische Lehre von der „Analogie“ entgegen. Damit ist die unvollkommene Ähnlichkeit von Gott und Kreatur gemeint, die einen von der Welt her aufsteigenden Weg zu Gott ermöglicht.

Barths Dialektische Theologie, die nicht mehr nur vom Menschen, sondern von „Gott“ reden will, hat einen zutiefst menschenfeindlichen Grundzug. Sie stellt nichts weiter als eine weitere totalitäre Ideologie des 20. Jahrhunderts dar, die den Menschen zum „sündigen Menschenmaterial im göttlichen Heilsplan“ macht.

Man kann Jesu Lehre im Judentum nicht verorten, denn sie ist eine einzige Doppelzüngigkeit. Was sogar ganz explizit mit der Spaltung von exoterisch und esoterisch in Mk 4,10-12.33f gesagt wird. Einerseits offenbart Jesus einen gnostischen Gott, der sich nicht aus der Kette jüdischer Überlieferung herleitet, sondern der direkt dem Sohn das verkündet, was er den alttestamentlichen Propheten und Königen vorenthielt (Lk 10,21-24) und der Jesus in der Bergpredigt sagen läßt: „Ich aber sage euch!“ Andererseits tritt Jesus in der Bergpredigt (Mt 5-7), in der er den neuen Gott verkündet, ausdrücklich in alttestamentlicher Moses-Tradition auf. Gleichzeitig stellt er sich jedoch außerhalb der mit Moses begonnenen prophetischen Tradition, da er als König auftritt, also etwas verkörpert, wogegen das ganze Alte Testament wettert.

Es geht sogar noch weiter. In Joh 10,34 zitiert Jesus ausdrücklich Ps 82,6: „Ihr seid Götter, meine Söhne seid ihr, Söhne des Höchsten!“ Als Messias ist Jesus ganz und gar irdischer König, doch als „Menschensohn“ ist er ein übernatürliches Wesen, ein von Gott gesandter Engel (Dan 7,13). Jesus redet ständig von seiner besonderen Beziehung zu Gott, gleichzeitig verkörpert Jesu Lebenspraxis ganz binnenweltlich die Beziehung zwischen Menschen ohne Umweg über Gott. (Dies gibt es schon im Alten Testament: „Wer einem der ärmsten hilft, hilft mir – Gott.“ Spr 19,17) Die Gleichnisse mit den Samen kann man transzendental gnostisch auffassen (göttlicher Funke in der Materie), während das Bild an sich ganz binnenweltlich ist und auf alte matriarchale Ackerbaurituale verweist:

Das Weizenkorn muß in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh 12,24)

Jesus war kein Zelot, sondern predigte mit Jeremia die Unterwerfung unter die fremde Macht und wird deshalb von der jüdischen Menge bedroht wie Jeremia 26,24. Jesus war Zelot, was sich eindeutig an kriegerischen Äußerungen ersehen läßt und z.B. durch einen „indirekten Beweis“ wie Mk 5,1-20, wo im Heiligen Land plötzlich Schweine auftauchen! Wie kommen Schweine ins koschere Israel? Die „Schweine“ waren natürlich die Römer und hinter dem Einfahren der Dämonen in ihre Körper und ihrem grausigen Tod verbirgt sich nichts weiter als eine Guerilla-Attacke der Zeloten.

Jesus war kein Pharisäer, denn er wendet sich gegen die Überbürdung es Lebens mit immer neuen Ausformulierungen des Gesetzes durch die Pharisäer, die das ganze Volk durch diese Ausuferung des Gesetzes priesterlich heiligen wollten. Jesu Anklage gegen das Ungültigmachen von Gottes Gebot durch immer neue Gesetzesauslegungen in Mk 7,13 ist eindeutig antipharisäisch, genauso wie Mt 23,2ff, wo das Verhalten der Pharisäer drastisch abgelehnt wird. Das macht ihn zweifelsfrei zum Sadduzäer, wenn er sich gegen die pharisäische Rabulistik wendet und auf dem ursprünglichen Wort und Sinngehalt der Bibel besteht.

Andererseits war Jesus aber das Gegenteil eines Sadduzäers, deren Starrheit er anklagte und denen er rundweg absprach, daß „Gott ihr Besitz ist“, wie es nach Ez 44,28 der Fall sein soll. Die Vorwürfe ein Trinker und Säufer gewesen zu sein, schließt auch aus, daß er ein Mitglied der Essener war, einer radikalen asketischen Abspaltung der Sadduzäer. Und selbst bei der Etikette „Apokalyptiker“ sollte man angesichts der offenbar langfristigen Pläne für eine Organisation, die Jesus hegte, vorsichtig sein (z.B. hat der richtige Apokalyptiker Johannes der Täufer keine eigene Kirche hinterlassen).

Für alle Einordnungen von Jesus gibt es unwiderlegbare Argumente, die jeweils schon ganze Bibliotheken gefüllt haben. Gleichzeitig fehlt bei Jesus aber auch alle verwaschene Beliebigkeit und über die Jahrtausende scheint eine unverwechselbare alles eintönende Persönlichkeit bis zu uns durch. Hans Küng hat Jesus mit Mozart verglichen (die Fastgleichsetzung von Jesus und Mozart ist bei Theologen, z.B. Karl Barth, sehr beliebt – die göttliche Vollkommenheit bei einem Menschen), in dem alle Elemente der damaligen Musik vertreten gewesen wären und ihre abschließende Erfüllung fanden, der ihnen jedoch gleichzeitig ein unverwechselbares persönliches Gepräge gegeben habe. Man braucht nur zwei Takte hören und weiß sofort, daß es Mozart ist, ähnlich geht es einem mit Jesus. Keiner redet wie er.