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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Der Rote Faden: Der Reichsverband für proletarische Sexualpolitik

6. Juni 2016

Heute ist der deutschsprachige Student der Orgonomie in der Lage Reichs Lebensweg im Detail in weitgehend kritischen und objektiven Studien zu verfolgen: Die Zeit bis 1922 wird durch das selbstkritische und schonungslose Leidenschaft der Jugend abgedeckt, die Wiener Zeit von Karl Fallend (Reich in Wien, Wien-Satzburg 1988), Berlin von Marc Rackelmann und neuerdings extrem ausführlich von Andreas Peglau, Skandinavien von Christiane Rothländer (Karl Motesiczky (1904-1943): Eine biographische Rekonstruktion, Wien 2010), die Zeit von der Ankunft in New York bis zum Auftauchen von Mildred Brady kann man in den entsprechenden Abschnitten der Reich-Biographie seiner damaligen Ehefrau Ilse Ollendorff verfolgen und schließlich die letzten zehn Jahre in USA gegen Wilhelm Reich (Frankfurt 1995) von Jerome Greenfield.

Im folgenden beziehe ich mich weitgehend auf Marc Rackelmann: Der Konflikt des „Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik“ (Sexpol) mit der KPD Anfang der dreißiger Jahre. Zur Rolle Wilhelm Reichs bei Entstehung und Arbeit des kommunistischen Sexualreformverbandes, Dissertation, Freie Universität Berlin, 1992 (siehe auch hier).

In Berlin war Reich Mitglied des Vereins sozialistischer Ärzte und schrieb in deren Organ Der sozialistische Arzt. 1924 aus dem sozialdemokratischen Ärzteverein hervorgegangen, war der Verein eine gesundheitspolitische Plattform für Linke, die parteipolitisch offen waren. In der Vereinigung waren 50% Mitglieder bei der SPD, 20% bei der KPD und 30% nicht parteipolitisch gebundene. Viele Aktivisten der Sexualreform-Bewegung waren Mitglied wie etwa Martha Ruben-Wolf, Richard Schmincke (der kommunistische Stadtrat von Berlin-Neukölln), Max Hodann, Otto Fenichel, Wilhelm Reich und viele andere.

Im Mitteilungsblatt des Vereins Sozialistischer Ärzte Der sozialistische Arzt veröffentlichte Reich ein Referat, das er am 16. Januar 1931 vor der Ortsgruppe Groß-Berlin des Vereins Sozialistischer Ärzte gehalten hatte (Bd. 7, Nr. 4, S. 111-115 und Bd. 7, Nr. 5, S. 161-165). Nach Reichs Erfahrung sind etwa 90% der Frauen und etwa 60% der Männer genitalgestört und befriedigungsunfähig. Diese mangelhafte Regulierung des sexuellen Haushalts ist für die Neurosen verantwortlich. Allein schon äußere Einwirkungen auf das Individuum, wie mangelnde Empfängnisverhütung, Wohnungsnot, insbesondere der Jugend, und die Ehemisere, hintertreiben eine befriedigende Sexualität. Zu diesem unmittelbaren kommt der mittelbare Einfluß der Gesellschaftsordnung, die durch sexuelle Unterdrückung der Kinder und Jugendlichen den Charakter formt. Da Neurosen Sexualerkrankungen sind, kann die Neurosenprophylaxe nur in sexueller Befreiung bestehen, die wiederum in der kapitalistischen Gesellschaft unmöglich ist. Deshalb kann sich die Bewältigung des Neurosenproblems nicht auf die ärztliche Privatpraxis beschränken, sondern ist nur im politischen Raum möglich.

Reich betrachtete seine politische Tätigkeit nur als konsequente Fortführung seiner Arbeit als Psychoanalytiker, genauso wie er seine Orgasmustheorie nur als konsequente Fortführung der Freudschen Libidotheorie betrachtete.

Die Komintern war 1919 als Kommunistische Weltpartei gegründet worden, die von einem Exekutivkomitee geleitet wurde. Seit Mitte der 1920er Jahre wurde sie von der KPdSU dominiert, d.h. streng in Moskau zentralisiert. Die innerparteiliche Demokratie wurde in den KPs mehr und mehr eingeschränkt. Sogar die Parteien selbst verloren ihre Unabhängigkeit und wurden zu bloßen Anhängseln der KPdSU. Zu der Zeit als Reich die kommunistische Szene betrat, war die Zentralisation fast abgeschlossen. Auf dem 12. Parteitag im Juni 1929 war die Stalinisierung der KPD offiziell vollendet, d.h. jede innerparteiliche Opposition zerstört. Die Tätigkeit innerhalb der Partei konzentrierte sich nun hauptsächlich auf die Anwerbung neuer Mitglieder. Aus diesem Grund wurden verschiedene Massenorganisationen eingerichtet, um eine vereinigte Arbeiterfront von unten gegen die „sozialfaschistische“ Führung der SPD zu mobilisieren. Offiziell waren diese Massenorganisationen parteipolitisch ungebunden, standen aber tatsächlich unter vollständiger kommunistischer Kontrolle. Der ursprüngliche Zweck einer solchen Massenorganisation war nur Fassade. Die KPD war nicht im geringsten an wirklichen gesellschaftlichen Problemen interessiert, sondern ausschließlich an der politischen Organisation der Arbeiterklasse, insbesondere aber am Kampf gegen die SPD.

Eine dieser Massenorganisationen war Reichs Sexpol. Sie trug jedoch nicht den Namen, den Reich gewählt hatte und den er auch später stets angab („Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“), sondern offiziell „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz”. Der Name „Einheitsverband” spiegelt auch genau die wahren Intentionen der Komintern wider. Seine Bildung kann man direkt auf die Politik der KPD während ihrer ultralinken Phase am Ende der 1920er und frühen 1930er Jahre zurückführen. Der Einheitsverband war der Versuch der KPD, die von der SPD dominierte Sexualreformbewegung der Weimarer Republik hinter der Fahne der KPD zu vereinigen. Das widersprüchliche Bild, das der Einheisverband uns bietet, stammte vom Konflikt zwischen den straffen Organisationsprinzipien der KPD und Reichs Herangehensweise: „Entwicklung sozialer Anschauungen aus der praktischen Erfüllung menschlicher Bedürfnisse statt Mißbrauch menschlicher Bedürfnisse zur Gewinnung politischer Macht“ (Menschen im Staat, S. 154).

Als loyaler Leninist war Reich anfangs willens sich den organisations-politischen Vorgaben der KPD unterzuordnen, doch im Verlauf der praktischen Arbeit zeichneten sich die Unterschiede zwischen den beiden Herangehensweisen immer deutlicher ab und führten zum Bruch und dem Ausschluß aus der KP.

Es begann mit:

Ich belebe deine Massen, kleiner Revolutionär, zeige ihnen die Misere ihres kleinen Lebens. Sie horchen meinen Worten, glühen vor Begeisterung und Hoffnung, rennen in deine Organisationen, weil sie glauben, mich dort zu finden. (Rede an den kleinen Mann, S. 42)

Und endete mit der Drohung von Seiten der Kommunisten:

Wenn ich meine Führer aller Proletarier aller Länder in Deutschland zur Macht schwingen werde, werde ich ihn (Reich) an die Wand stellen! Er verdirbt die Ehre unserer proletarischen Jugend! (…) Er macht Bordelle aus meinen Jugendkampfesorganisationen. (…) Er zerstört mein Klassenbewußtsein! (ebd., S. 81)

In die Bildung des Einheitsverbandes waren zwei kommunistische Schirmorganisationen involviert: die „Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen“ (ASO) und die „Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur“ (ifa). Zur Führung der ASO gehörten Schröter und Rädel, die neben anderen mit Reich zu tun hatten. Der ASO waren Unterorganisationen wie beispielsweise „Rote Hilfe“ und „Internationale Arbeiterhilfe“ angeschlossen. Sie gab die Zeitschrift Proletarische Sozialpolitik heraus. Alle Organisationen innerhalb der ASO und ihre Funktionäre waren verpflichtet, diese Zeitschrift zu beziehen.

Zur ifa gehörte beispielsweise die Marxistische Arbeiterschule MASCH, in der Reich aktiv war. Die ifa gab die Zeitschrift ifa-Rundschau heraus.

Zur Vorbereitung eines für April 1931 geplanten Vereinigungs-Kongresses der sexualreformerischen Bewegung hielt die ASO Ende 1930 zwei Konferenzen mit den größten deutschen Sexualreform-Vereinigungen ab, eine in Berlin und eine in Leipzig.

In Berlin fanden sich einige Verbände in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die provisorisch von Hans Hexel (Liga für Mutterschutz und soziale Familienhygiene), Wilhelm Kauffmann (World League for Sex-Reform), Karl Klein (Reichsverband für Geburtenregelung) und Felix Theilhaber (Gesellschaft für Sexualreform) geleitet wurde. Sie machte sich die Richtlinien der KPD zur Geburtenkontrolle eigen.

In Leipzig war nach einigen Auseinandersetzungen Martha Arendsee, Funktionärin der ASO, als Hauptrednerin in der Lage den größten Teil der teilnehmenden sexualreformerischen Organisationen zu überzeugen. Der geplante Vereinigungskongreß wurde zunächst vom April in den Mai und schließlich in den Juni 1931 verlegt.

Der nationale Vereinigungskongreß in Berlin am 20. und 21. Juni gestaltete sich dann auch schwieriger als gedacht. Er stand von Anfang an unter dem unheilverkündenden Vorzeichen von Machtquerelen zwischen den großen Reichs-Verbänden. Es gab Widerstand gegen eine Gleichschaltung durch die KPD vom „Reichsverband für Geburtenregelung“ und der „Liga für Mutterschutz und soziale Familienhygiene“. Der Kongreß scheiterte schließlich daran, daß der „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ mit seinen etwa 3000 Mitgliedern den anderen Organisationen mit ihren zusammen etwa 50 000 Mitgliedern ein Ultimatum stellte in ihn aufzugehen.

Der „Einheitsverband“ war in Westdeutschland entstanden. Im Mai 1931 hatte die ASO-Funktionärin Luise Dornemann in Düsseldorf die Sexual-Reform-Verbände der nordrheinischen Region im „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ zusammengeführt. Die bereits existierende Zeitschrift Die Warte wurde ihr offizielles Organ, in dem auch Reich veröffentlichte.

Unter dem Pseudonym Ernst Roner führte Reich in Die Warte, dem „Kampforgan für proletarische Sexualpolitik und für die Herstellung der Einheit aller sexualpolitischer Organisationen“ des „Einheitsverbandes für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ u.a. aus, es gelte den Massen neben ihrer materiellen auch die unlösbar damit verknüpfte sexuelle Not vor Augen zu führen. Reich ging es dabei darum, den Menschen ihre Bedürfnisse bewußt zu machen, deren Befriedigung sie dann erkämpfen sollten.

Zu dieser Zeit war ihm noch nicht bewußt, daß die KPD zwar an einer Mobilisierung der Massen interessiert war, weshalb sie Reich anfangs gewähren ließ, aber diese Massen sollten altruistisch-bedürfnislos, militärisch form- und von oben herab dirigierbar sein. Während Menschen, die an ihren eigenen individuellen Bedürfnissen ausgerichtet waren, den „kleinbürgerlichen Anarcho-Syndikalismus“ oder den reformerischen „Sozialfaschismus“ verkörperten. Reich war demnach kein Kommunist, und wurde als solcher auch nie anerkannt, aber auch kein „Anarchist“ und alles andere als ein kompromißlerischer „Liberaler“: Reich war Charakteranalytiker, der die verdrängten Leiden und Bedürfnisse bewußt macht, damit das Individuum wieder Verantwortung übernehmen und sich selbst regulieren kann.

In dem Artikel „Auflösung der Familie?“ führt Reich in Die Warte aus, daß mit der Entwicklung der Produktivkräfte nicht nur die Produktionsverhältnisse in eine Krise geraten, sondern es kommt auch, trotz der verzweifelten ideologischen Gegenwehr der Reaktion, zu einer fortschreitenden Zersetzung der Familie. Man kann sich nicht mehr hinter der Privatheit verschanzen, wenn man diesen Prozeß bewußt fördern und lenken will, so daß es zu einer befriedigenden Regelung des Sexuallebens kommt, genauso wie die ökonomische Umwälzung dank der bewußten Lenkung durch die KP die soziale Misere aufheben wird. Dazu braucht es eines detaillierten Wissens über die sexual-politische Rolle der Familie.

Die provisorische Führung des Einheitsverbandes lud für den 14. Juni 1931 zu einem Vereinigungskongreß in Barmen, im heutigen Nordrhein-Westfalen ein. Das war typische KP-Strategie: die Organisation von unten, von der Provinz her, um die sozialdemokratische Führung der meisten Sexualreform-Verbände zu unterminieren. Der Vereinigungskongreß in Barmen wurde durch einen großen Vortrag des „Genossen Dr. Reich“ eröffnet, der die Beziehung zwischen Sexualnot und Kapitalismus aufzeigte. Der regionale Vereinigungskongreß hatte Erfolg.

Diese Organisation, die von Reich beherrscht wurde, versuchte nun vergebens den im ersten Teil erwähnten nationalen Vereinigungs-Kongreß vom 20. und 21. Juni 1931 in Berlin zu dominieren. Eine kleine Minderheit versuchte der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen – ganz entsprechend Reichs politischen Manövern zuvor in Wien.

Zwei Wochen zuvor, am 9. Juni 1931 hatte die ifa in Berlin Reichs sexualpolitische Plattform eines geplanten „Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik“ herausgegeben. Dazu müssen wir kurz zurück nach Wien blicken:

Im September 1930 hielt der seit kurzem in Berlin lebende Reich in Wien einen Vortrag vor der Weltliga für Sexualreform. Der 4. Kongreß der Weltliga dauerte vom 16. bis 23. September 1930 und stand unter dem Motto „Sexualnot und Sexualreform”. Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen als internationales sexualwissenschaftliches Diskussionsforum von den berühmten Sexualforschern Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel und Helene Stöcker, dem Engländer Havelock Ellis, den Russen Alexandra Kollontai und Pasche-Oserski und dem Schweizer Ehepaar Brupbacher gegründet worden. In seinem letzten öffentlichen Auftreten in Wien verlaß Reich seinen radikal kommunistischen Aufsatz „Die Sexualnot der werktätigen Massen und die Schwierigkeiten der Sexualreform“, der 1931 in Sexualnot und Sexualreform (Verhandlungen der Weltliga für Sexualreform, Elbemühl-Verlag, Wien) veröffentlicht wurde.

Nach seinem Referat wurde Reich von einem Komitee der Weltliga gebeten, für sie eine sexualpolitische Plattform auszuarbeiten. Doch das Komitee lehnte sie dann als zu kommunistisch ab. Schon vorher hatte Reich die Plattform beim ZK der KPD vorgelegt. Nach Genehmigung durch die „Ärztefraktion der KPD“ schlug Reich vor, sie zur Plattform eines sexualpolitischen Einheitsverbandes der in viele Organisationen zersplitterten deutschen Sexualreformbewegung zu machen. Am 9. Juni 1931 verschickte, wie bereits erwähnt, die ifa Reichs Plattform und lud zum 17. Juni zu einer Diskussion darüber ein. Nach Reichs Vorschlag sollte der sexualpolitische Einheitsverband „Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“ heißen. Man gab in einer Auflage von 100 000 eine bereits nach einer Woche vergriffene Broschüre heraus, die weiter für die Einheit der sexualpolitischen Organisationen unter dem „Einheitsverband“ warb.

In der Broschüre Liebe verboten (Verlag für Arbeiterkultur, Berlin 1931) wurde über den gescheiterten Berliner Kongreß berichtet und für eine Lösung der Sexualnot nach sowjetischem Vorbild geworben, außerdem enthielt sie die Auseinandersetzung mit einer Papstenzyklika. Ihr Kern bildete aber eindeutig Reichs Plattform.

Reich wurde langsam bewußt, daß es der KPD bei dieser ja auch von ihm getragenen Machtpolitik in keinster Weise um Sexualreform oder gar um Reichs Theorien ging, sondern nur um die Einbindung weiterer Massen in ihre Unterorganisationen. In dieser Erfahrung, daß es hinter einer „sozialen“ Fassade dem Kommunismus ausschließlich um schiere Macht geht, er nichts weiter als „organisierte Emotionelle Pest“ ist, die letztendlich „die Liebe verbieten“ will, ist der Ursprung des unerbittlichen, von niemandem zu übertreffenden Antikommunismus der Orgonomie zu suchen.

Nach dem Scheitern des Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik konzentrierte sich Reich auf seine eigene im Sommer 1931 ins Leben gerufene Sexualberatungs- und Schutzmittelstelle (bzw. „Arbeitersexualklinik“) in Berlin-Charlottenburg. Als Reich im Einheitsverband mit Anschauungen, die der Sexualökonomie widersprachen, konfrontiert und er von KP-Funktionären zunehmend behindert wurde, entschloß er sich aus Hörern seiner Kurse an der „Marxistischen Arbeiterschule“ eine Mustergruppe zu gründen (die man in der KPD „Reichwehr“ nannte), nach deren Erfahrungen sich der Einheitsverband hätte ausrichten können. Die im Organ des „Einheitsverbandes“ Die Warte angekündigten regelmäßigen Informationsabende sollten die sexualpolitische Arbeit neu von „unten nach oben“ strukturieren und so dem lebensfremden Einfluß der Funktionäre entgegenarbeiten, die von der Basis vollkommen isoliert sind. Reich beschreibt die Abende in Was ist Klassenbewußtsein? Diese praktische Arbeit sollte seine Trennung von der KP einläuten. In einer Rückschau von 1944 sollte Reich noch immer empört darüber sein, wie die politischen Funktionäre in die Facharbeit der Sexpol eingriffen (Wilhelm Reich: „Work Democracy in Action“, Annals of the Orgone Institute, Vol. 1, S. 19).

Es kam nur zu drei Informationsabenden, der geplante vierte wurde von den Parteivertretern nicht mehr einberufen, da es im Oktober 1932 zum faktischen Bruch der KPD mit Reich kam. Zum Beispiel nannte Die Warte unter der Rubrik „Literatur die Du brauchst“ in der Oktober-Ausgabe noch drei Schriften von Wilhelm und Annie Reich. Im Heft des folgenden Monats fehlten sie in der Bücherliste. Auf dem Jugend-ZK-Plenum am 14. und 15. November 1932 wurde Reich der Verbreitung bürgerlicher Ideologien bezichtigt; die sexuelle Frage in den Vordergrund zu stellen, wie er es tut, würde die Jugend vom wirklichen Kampf ablenken. In der Fichte-Zeitung Rot-Sport vom 5. Dezember, fand sich die Notiz, der Vertrieb der Reichschen Schriften aus Reichs „Verlag für Sexualpolitik“ werde eingestellt.

Aus vollkommener Interesselosigkeit am Kern von Reichs sexualpolitischer Arbeit und weil er ein effektiver Anwerber neuer Mitglieder war, ließ ihn die KPD zwei Jahre lang ziemlich frei gewähren, erst als er die hierarchische Machtstruktur und das Wahrheitsmonopol der Führung gefährdete war Schluß.

In ihren „Erinnerungen einer Kommunistin in Deutschland 1920-1933“ schreibt die Zeitzeugin Rosa Meyer-Leviné, daß ein Symptom des Niedergangs der KPD am Ende der Weimarer Republik das rasche Überhandnehmen der Promiskuität gewesen sei. Karl Radek habe ihr erzählt, daß im Gegensatz zu allen Vorurteilen die ersten Jahre der russischen Revolution durch außerordentliche sexuelle Zurückhaltung gekennzeichnet waren, insbesondere innerhalb der Partei. Er habe ihr gesagt, daß dies ein Hinweis auf die Gesundheit der Revolution war, daß sie noch immer im Aufwind gewesen sei, denn alle waren vollkommen von der großen Aufgabe in Beschlag genommen. Meyer-Leviné zufolge war die Schlußfolgerung naheliegend: Eine gut funktionierende Partei wird in Zeiten wie denen am Ende der Weimarer Republik vollkommen von der großen Sache beherrscht, so daß es keinen Raum für „sexuelle Exzesse“ gebe (Rosa Meyer-Leviné: Im inneren Kreis, Köln 1979. S. 282f).

Das ist „Stalinismus” auf den Punkt gebracht: in Zeiten des sich verschärfenden Klassenkampfes – und der Klassenkampf wird auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft natürlicherweise immer schärfer – kann es keinen Platz für die schönen Dinge des Lebens geben. So wandelt sich das Versprechen der „Befreiung“ in das Nonplusultra von Tyrannei. Reich sollte das später als „Roten Faschismus“ bezeichnen und vom Grunde seines Herzens hassen.

100 000 000 Millionen Ermordete und das zerstörte Lebensglück von Milliarden mahnen uns.

Chronik der Orgonomie, 4. Version

29. Oktober 2015

ChronikderOrgonomie

Ich habe meine Reich-Biographie überarbeitet:

CHRONIK DER ORGONOMIE 1897-1939

CHRONIK DER ORGONOMIE 1940-1957

Diskussionsforum 2010: eine Nachlese (Teil 4)

7. Juni 2015

Robert weiter über Reichs Mitarbeiter:

Jonathan Høegh Leunbach (1884-1955)

In den 1920er Jahren war der Arzt J.H. Leunbach die zentrale Figur der Auseinandersetzungen um eine Sexualreform in Dänemark, die im „Kampf der Ideologien“ (Henning Kehler) zwischen den Anhängern und Anhängerinnen der materialistisch-biologistischen und der konservativ-spiritualistischen Weltanschauung ausgetragen wurden.

Leben und Werk

L wurde am 16. Dezember 1884 in Lidemark bei Bjæverskov/Jütland (damals zu Deutschland gehörend) geboren. Über seine Eltern konnte nur in Erfahrung gebracht werden, daß sein Vater ein deutscher Priester adeliger Abstammung war, der sein Adelsprädikat jedoch abgelegt hatte. Nach dem Abitur begann der junge L. mit dem Studium der Medizin, übersiedelte nach der Promotion 1912 nach Dänemark und legte dort das dänische Staatsexamen ab. Er arbeitete zunächst in verschiedenen Kopenhagener Krankenhäusern, bis er 1922 in der Hauptstadt eine Praxis als Allgemeinmediziner eröffnete.

Sein sexualreformerisches Engagement begann eher zufällig, nachdem er für die dänische Zeitung Social-Demokraten ein Buch über Geburtenkontrolle rezensiert hatte und daraufhin von einer Gruppe kommunistischer Arbeiterinnen gebeten wurde, einen Vortrag über Sexualaufklärung und Verhütungsmittel zu halten. Daraus entwickelte sich in der Folgezeit eine rege Vortragstätigkeit. Auch verfaßte L. zahlreiche, zum Teil populärwissenschaftlich gehaltene Publikationen, in denen er sich für die Freigabe von Verhütungsmitteln, das Recht auf Abtreibung und Sexualaufklärung einsetzte. Zusammen mit dem „Kommunistik Kvindesekrerariat“ (Kommunistisches Frauenbüro) richtete er 1923 die erste dänische Sexualberatungsstelle in Kopenhagen ein, in der er zweimal wöchentlich kostenlos Beratungen anbot – eine Initiative, die sowohl unter ärztlichen Kollegen als auch beim konservativen Verein „Dänischer Frauenverband“ auf heftige Kritik stieß. Die Proteste hinderten ihn nicht daran, gemeinsam mit der radikalen Feministin und Schriftstellerin Thit Jensen im Jahr 1924 die „Foreningen for seksuel Oplysning“ (FSO), die Vereinigung Für sexuelle Aufklärung, zu gründen. Die Organisation engagierte sich für Fragen des Mutterschutzes, der sexuellen Hygiene und Sexualaufklärung. Ein Jahr später begann er die Zusammenarbeit mit dem „Arbejderkvindernes Oplysninsforbund“ (AO). Der Arbeiterinnen-Aufklärungsverband – stand der Kommunistischen Partei Dänemarks (DKP) nahe – war die erste Frauenvereinigung Dänemarks, die den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Sexualpolitik legte. 1932 eröffnete der AO mit L.s Hilfe Sexualkliniken in Kopenhagen und Ejsberg. Im Mitteilungsblatt des Verbandes war L. für die Rubrik „Gesundheit und sexuelle Beziehung“ zuständig, einer Art Briefkasten für Anfragen. 1932 wurden die Briefe unter dem Titel Kvinder i Nod: Breve til en Læge (Frauen in Not: Briefe an einen Arzt) veröffentlicht (Leunbach 1932). Eng arbeitete L. auch mit der schwedischen Journalistin und Syndikalistin Elise Ottesen-Jensen zusammen, der Gründerin des 1933 ins Leben gerufenen schwedischen „Riksförbundet för sexuell upplysning“ (RFSU), dem nationalen Reichsverband für sexuelle Aufklärung.

1928 unterstützte L. den Berliner Sexualarzt Magnus Hirschfeld bei der Organisation eines Kongresses für Sexualreform in Kopenhagen, auf dem sich am 3. Juli die Weltliga für Sexualreform (WLSR) konstituierte. L. arbeitete zunächst als Generalsekretär, ab 1931 fungierte er zusammen mit Hirschfeld und dem liberalen englischen Sexualreformer Norman Haire als einer der drei Präsidenten der WLSR. Das 20-Punkte-Programm der Liga umfaßte neben Forderungen zur Reformierung der Ehegesetzgebung und Gleichberechtigung der Geschlechter, Fragen zur Geburtenregelung, Eugenik, Bekämpfung der Prostitution, Entkriminalisierung von Homosexualität sowie zu einer planmäßigen Sexualerziehung und Aufklärung. Auf dem 4. Kongreß der Liga, der 1930 in Wien stattfand, zählte die WLSR bereits 183 Einzelmitglieder und unter Einbeziehung aller angeschlossenen Verbände nach eigenen Angaben 130 000 Personen. Bei einem Veranstaltungsabend im Rahmen des Kongresses trat L. in Wilhelm Reichs Verein „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“ als Referent auf.

Im Sommer 1932 war L. Ziel und Mittelpunkt einer Pressekampagne, da in der von ihm geleiteten Klinik des AO eine Frau an den Folgen einer Abtreibung verstorben war. Als Ergebnis der heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen wurde die Abtreibungsgesetzgebung in Dänemark verschärft und gegen L. Anklage erhoben. Kurz nach Einleitung der Voruntersuchungen ließ sich L. als unabhängiger Kandidat für die Liste der Dänischen Kommunistischen Partei (DKP) zu den Reichstagswahlen aufstellen. In den Mittelpunkt seines Wahlkampfes, der vom AO intensiv unterstützt wurde, stand die Abtreibungsfrage. L. erhielt in seinem Wahlkreis weit über 1 000 Stimmen und ermöglichte damit der DKP, erstmals in ihrer Geschichte mit zwei Abgeordneten in den Reichstag einzuziehen. Nachdem Wilhelm Reich im Mai 1933 nach Dänemark emigriert war, verschrieb sich L. voll und ganz dem Aufbau der skandinavischen Sexpol-Bewegung. Er leitete deren dänische Gruppe und bestimmte zusammen mit Jørgen Neergaard und Tage Philipson entscheidend deren politischen Kurs. Damit eng verbunden waren in den Folgejahren L.s Bestrebungen zur Abgrenzung der Sexpol von den Positionen der WLSR.

Mit L.s Einschwenken auf Reichs Positionen begann der Kampf um die Führungsposition innerhalb der WLSR. Da sich die Sexualität vom Politischen nicht trennen lasse, könne die Liga – so L. 1935 – als unpolitische Bewegung nicht weitergeführt werden und sei aus diesem Grund, vor allem aber auch nach dem Sieg des Nationalsozialismus, eine Utopie. Den Versuch der WLSR, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft den Kampf für Reformen zu führen, sah er als gescheitert an. Kurz nach der Kritik an der WLSR starb Magnus Hirschfeld im französischen Exil. In seinem Nachruf auf Hirschfeld kündigte L. bereits das Ende der „in Auflösung begriffenen“ WLSR an, die ihrem Gründer „wahrscheinlich bald […] ins Grab folgen“ werde.

Die Abgrenzung der Sexpol von der WLSR und ihre Etablierung als eigenständige sexualpolitische Bewegung muß im Zusammenhang mit dem Abtreibungsprozeß gegen L. gesehen werden, der drei Jahre nach Anklageerhebung im Mai 1935 vor einem Kopenhagener Geschworenengericht stattfand. Der Prozeß endete, wie die Exilgruppe der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) in Kopenhagen in einem internen Rundschreiben festhielt, mit einem „sensationellen“ Freispruch. Der erfolgreiche Prozeßausgang gab Anlaß zum Optimismus. Nach der Stimmung innerhalb des sozialdemokratischen Flügels der Sexualreformbewegung zu urteilen, erschien der Sexpol eine Radikalisierung und Übernahme von Teilen der WLSR als realistisch. Wenige Wochen nach Prozeßende kam es zu einer grundsätzlichen Kontroverse zwischen L. und Haire, die in der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (ZPPS), dem Organ der Sexpol, ausgetragen wurde. In seiner Antwort auf L.s Kritik hielt Haire an der unpolitischen Haltung der Sexualreformbewegung fest und verteidigte die Position, das Reformprogramm mittels einer Politik der kleinen Schritte durchführen zu wollen. Dies bedeutete den endgültigen Bruch. Im Sommer 1935 erklärten L. und Haire die WLSR für aufgelöst. Bereits im folgenden Heft der ZPPS kündigte die Sexpol an, „dass ein grosser und wichtiger Teil der Funktionen der Weltliga […] ins revolutionäre Lager geführt, von der Sexpol übernommen wurde“.

Tatsächlich konnte davon jedoch keine Rede sein, denn in der Folgezeit arbeitete nur der RFSU als einzige sexualpolitische Massenorganisation mit der Sexpol aktiv zusammen. Während sich der deutsche Sexualarzt Max Hodann im (vorübergehenden) dänischen Exil auf die Seite der Sexpol stellte, kam von Seiten des ehemaligen Präsidenten des österreichischen Freidenker-Verbandes, Theodor Hartwig, scharfe Kritik. Er warf der Sexpol vor, sie sei noch nicht einmal zur Bildung einer Arbeitsgemeinschaft bereit und der „Kinderkrankheit des Radikalismus“ verfallen. In seiner Erwiderung machte L. Haire für die Auflösung der WLSR verantwortlich, mit der er sich „völlig einverstanden“ erklärt hätte, fügte aber gleichzeitig hinzu: „Selbstverständlich müssen wir uns bestreben, unsere Gegner zu spalten und versuchen, die fortschrittlichsten und ‚idealistisch gesinnten‘ für uns zu gewinnen“ (Leunbach an Hartwig).

Der Ausschluß Reichs aus der Kommunistischen Partei hatte 1933 auch die Kooperation zwischen L. und der DKP beendet. Indem die DKP Reich und damit indirekt auch L Illoyalität vorwarf, konnte sie um so leichter die mittlerweile lästig gewordene Sexualpolitik aus ihrem Programm streichen. 1934 wurde der AO für aufgelöst erklärt. Jedoch konnte sich die DKP nicht davor drücken, den gegenüber L. zugesicherten Vorschlag zu einer neuen Sexualgesetzgebung (er hatte ihn mit Sexpol-Sachverständigen und in Verbindung mit der DKP ausgearbeitet) in den Reichstag einzubringen. Als dies schließlich geschah, hatte die DKP „wesentliche Punkte“ daraus gestrichen, ohne der Sexpol dafür die „sachlichen Gründe“ zu nennen. Um so überraschender war für L. das Angebot von Aksel Larsen, dem Vorsitzenden der DKP, im Herbst 1935 als Vertreter der Sexpol bei den Reichstagswahlen in Einheitsfront mit der Kommunistischen Partei zu kandidieren. Im Namen der Sexpol forderte L., die DKP müsse auch „in der Zukunft die revolutionäre Sexpol“ und die „Verbreitung von Sexpol-Schriften unterstützen“; ihre „Anschauungen und das Programm […] sollten auch nach der Wahl uneingeschränkt diskutiert und propagiert werden können“ und „freie Diskussionen darüber in den Mitgliederkreisen der Partei gestattet“ werden (Leunbach am 5. Oktober 1935 an das ZK der DKP). Unter dem Motto „Leunbachs Appell“ propagierte die Sexpol in ihrer Wahlkampfzeitung ein rein sexualpolitisches Programm, das vor allem Präventivmaßnahmen enthielt, wie etwa eine „sexualbejahende Volksaufklärung“, die Reformierung der Ehegesetzgebung und die Übernahme der Kosten für die Kinderversorgung durch die Gesellschaft sowie deren „direkte Kontrolle durch die Bevölkerung“, des weiteren das Recht der Jugend auf freie Sexualität, Gleichberechtigung der Geschlechter, „freier, kostenloser und öffentlicher Zugang zu Sexualaufklärung, Schwangerschaftsvorbeugung und Verhütungsmitteln“, die Legalisierung der Abtreibung, Mutterschutz vor der Geburt und die Einrichtung von Säuglingsheimen und Kindergärten.

Allerdings währte die Einheitsfront zwischen der Sexpol und der DKP nicht lange. In seinem letzten Beitrag in der ZPPS stellte Leunbach 1937 resigniert fest, daß „die revolutionären Parteien – vielleicht mit Ausnahme der Anarchisten – in der bürgerlichen Sexualideologie steckengeblieben“ seien. Im Sommer 1936 wurde L. zusammen mit Tage Philipson im Zuge der Verhaftung der deutschen Arztin Käte Reinhardt (an die beide Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch vermittelt hatten) erneut unter Anklage gestellt, da eine Frau an den Folgen des Eingriffs verstorben war. Obwohl die Anklage in der dänischen Presse wiederum hitzige Debatten auslöste, konnte die dänische Sexpol im Herbst 1936 ihre erste Sexualklinik in Kopenhagen eröffnen. Anfang Dezember 1936 begann schließlich der Prozeß vor einem Kopenhagener Geschworenengericht, der Reich zufolge zur „erste(n) Probe“ für „die Tragfähigkeit“ der Sexpol werden sollte. Zwar versuchte Reich vor Prozeßbeginn, die norwegische Sexpolgruppe zu mobilisieren, aber selbst seine Drohung, die Sexpol aufzulösen, blieb weitgehend wirkungslos. L. und Philipson wurden zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt, außerdem wurden ihnen die bürgerlichen Ehrenrechte für fünf bzw. drei Jahre entzogen, womit das Verbot der Berufsausübung verbunden war. Wenig später teilte Reich Hodann seinen Entschluß mit, sich aus der Politik zurückzuziehen (Hodann an Asmus Orga am 27. Dezember 1936). Während L. und Philipson im Gefängnis einsaßen, starb Jørgen Neergaard im Alter von 27 Jahren in einem Osloer Krankenhaus an Knochenkrebs. Alles zusammen genommen, bedeutete das das Ende für die dänische Sexpol.

Die Verurteilung schädigte L.s Ansehen schwer. Viele seiner einstigen Sympathisantinnen wandten sich in der Folgezeit von ihm ab. Nach seiner Entlassung arbeitete er in Reichs Osloer „Institut für Sexualökonomische Forschung“ an den Bion-Experimenten mit, bis Reich 1939 in die USA emigrierte. Nach der Okkupation Dänemarks durch Hitler-Deutschland flüchtete L. nach Schweden, wo er bis zum Ende des Krieges blieb. In seinen letzten Lebensjahren litt er unter der Parkinson-Erkrankung.

Während eines Urlaubs in Norditalien beging er am 24. September 1955 in Camoglie im Alter von 71 Jahren Selbstmord.

Im Mittelpunkt seines Lebenswerkes standen die Prävention sexueller Störungen und der Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Menschen über ihre Fortpflanzung. Er forderte eine uneingeschränkte Sexualaufklärung sowohl durch Volkshochschulkurse als auch in Schulen sowie die freie Abgabe von Verhütungsmitteln und eine kostenlose ärztliche Unterweisung in ihrer Anwendung. In seiner 25-jährigen ärztlichen Tätigkeit wies er nach eigenen Angaben über 40 000 Frauen in den Gebrauch des Pessars ein. Er plädierte für die Legalisierung der Abtreibung und kritisierte die unzureichende Sexualaufklärung von Kindern und Jugendlichen. In der Geburtenregelung erkannte er eine „der brennendsten Fragen der Gegenwart“. Ganz im Zeichen der damaligen Zeit stand sein Interesse für die Eugenik. Als „Hauptbedingung für die Verwirklichung der Eugenik“ müßte die „Fortpflanzung dem bewußten Willen des Menschen unterworfen sein“. Die frühere planlose Fortpflanzung solle durch eine rationale Auswahl abgelöst werden. Diese freiwillige Geburtenkontrolle müsse durch eine erzwungene Sterilisierung von Geisteskranken ergänzt werden. Zwar räumte er allen Individuen das Recht auf eine von bürgerlichen Moralvorstellungen freie sexuelle Befriedigung ein, jedoch nicht auf Fortpflanzung. Seine Einstellung zur Homosexualität änderte sich im Laufe der Jahre. Hatte er Homosexualität zunächst als „zwar abweichende Form, aber nichtsdestoweniger vollauf natürliche Erscheinung“ anerkannt, interpretierte er ab Mitte der 1930er Jahre Homosexualität nicht als „konstitutionelle Andersartigkeit“, die „völlig gleichwertig und gleichberechtigt mit der Heterosexualität“ sei, sondern unter Bezugnahme auf Reichs Sexualökonomie als Folge von die Sexualität unterdrückenden Erziehungsmethoden.

(Artikel etwas gekürzt; Personenlexikon der Sexualforschung)

Seine Erinnerungen an Eva Reich schildert Heiko Lassek in einer berührenden Weise: http://www.heikolassek.de/39994.html (unter den Fotos und dem nächsten Seminartermin)

Aus der norwegischen Wikipedia wurde der Artikel zu Ola Raknes übersetzt. Artikel und Übersetzung stammen vom Urenkel. http://en.wikipedia.org/wiki/Ola_Raknes

Zum Schluß Roberts verdienstvoller Verweis auf den israelischen und deutschen Orgonomen Dr. med Walter Hoppe.

Walter Hoppe in Palästina

Dr. Walter Hoppe emigrierte 1932 nach Palästina.* Dort veröffentlichte er mehrere Artikel**, die man glücklicherweise digitalisiert auffinden kann. So ist die Palestine Post verfügbar.***

Ich (Robert) konnte folgendes finden:

– Ein Brief von Felicytas Hoppe-Rosenfeld aus Krakau (11.Aug 1942)

– Buchbesprechung über die Mass Psychology (10.April 1947)

– Eine Anzeige für die Mass Psychology (12.Mai 1947)

– Air Chambers (28. Oktober 1947)

– Public Warning (15. Aug 1949)

In Palästina/Israel veröffentlichte er auch eine Zeitschrift, die INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE, deren ersten 3 Nummern von Martin Feuchtwanger in seinem Verlag Edition Olympia, Tel Aviv, herausgegeben wurden. Die vierte Nummer wurde wegen des Todes von Feuchtwanger direkt in den Orgone Institute Research Laboratories, Tel Aviv, herausgegeben.

Martin Feuchtwanger war der Bruder von Lion Feuchtwanger**** und war früher als Verleger tätig. In seinem kleinen Verlag Edition Olympia gab er größtenteils Judaica heraus. Ernähren konnte er seine Familie mit dem Verlag aber nicht und so blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Wohnung mittags und abends in ein Restaurant umzuwandeln und als Koch tätig zu werden.

* http://www.trettin-tv.de/hoppe.htm
** http://www.orgonomie.net/hdobiblio5.htm
*** http://www.jpress.nli.org.il/Olive/APA/NLI/?action=search&text=walter%20hoppe
**** http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Feuchtwanger

Nicht zu vergessen: http://www.flensburg-online.de/orgonomie/walter_hoppe/biopsychische-und-biophysische-krebsentstehung-im-lichte-der-orgonomie.html

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Der Rote Faden: Sexualreform und Arbeiterbewegung (Teil 2)

21. Oktober 2013

Dem offiziellen Bericht des Reichskongresses der KPD-Organisation „Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur“ (IfA) von 1931 zufolge gab es in allen Bezirken kommunistische sexualpolitische Organisationen die, so die Ifa, wie Pilze aus dem Boden schössen und hunderttausende von Mitgliedern hätten. Der Bericht besagt, daß allein in Berlin die Organisationen etwa 70 000 Mitglieder umfassen. Diese Verbände waren vor allem mit der Verteilung günstiger Verhütungsmittel und Vorträgen zur Sexualerziehung befaßt, engagierten sich aber nicht, so kritisiert der Ifa-Bericht, in einem ernsthaften Kampf gegen die Anti-Abtreibungs-Gesetzgebung und gegen das kapitalistische System generell. Insbesondere wird der Skandal hervorgehoben, daß gerade in Berlin führende Renegaten, die aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden waren, in führenden Positionen dieser sexual-politischen Organisationen tätig sind.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß die KPD den Druck der Publikationen der Reich-Gruppe (z.B. von Der sexuelle Kampf der Jugend) behinderte. Wunderer stellt fest, daß die kommunistischen Ärzte Reichs Ansatz vom marxistisch-leninistischen Standpunkt aus theoretisch als zweifelhaft betrachteten. Auch würde es den Bemühungen der Partei zur Mobilisierung der Massen schaden, weil die proletarischen Massen von Reichs sexualökonomischen Theorien eher abgeschreckt würden. Später, im Jahre 1934 stellt Reich (bzw. Reichs politischer Sprecher Karl Teschitz) fest, die Partei unterstütze eher die konservative Struktur der Massen, während Reich versuchte sie zu verändern – ein Störenfried.

Bis zur ultralinken Wende der Komintern und damit der KPD 1928 bildeten die Kulturorganisationen der Arbeiterbewegung im wesentlichen eine Einheit, d.h. Mitglieder der SPD und KPD arbeiteten in den gleichen Organisationen zusammen. Aber seit 1928 wurden die Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“ gebrandmarkt. Stalin hatte erklärt, daß die Arbeiter nun für einen radikaleren Ansatz bereit seien und neue streng kommunistische Organisationen wurden gegründet. Die neuen Organisationen sollten über Dachverbände in die alten Organisationen eindringen, diese dominieren und schließlich ganz übernehmen, so daß alle Kulturverbände der Arbeiterbewegung von der KPD dominiert würden. Zum Beispiel gab im Frühjahr 1931 die „Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen“ (ARSO) der KPD ihren Funktionären die Anordnung, innerhalb der bürgerlichen und sozialdemokratischen sexualpolitischen Vereinigungen zu arbeiten, um von Anfang an eine auf einem Vereinigungskongreß neu zu gründende sexualpolitische Massenorganisation zu dominieren. In einem Memorandum des 10. Dezember 1930 informiert die ARSO ihre Funktionäre, daß schon bald eine neue sexualpolitische Massenorganisation mit mindestens 100 000 Mitgliedern gebildet werde, die den revolutionären Kampf unterstütze.

Aber diese Bemühungen schlugen fehl wegen der unterschiedlichen politischen Positionen der unterschiedlichen Organisationen. (Dies ist ein typisches Beispiel für den vollkommen verrückten, leichtsinnigen und kontaktlosen ultralinken Kurs der KP zur damaligen Zeit. Die Kommunisten zerstörten nicht nur sich selbst, sondern auch die Arbeiterbewegung als Ganzes. Reichs Tragödie ist seine Naivität: Er nahm das ganze sehr ernst, arbeitete hart wie niemand sonst, und dann, als er wirklich einigen Erfolg vorzeigen konnte und etwas Substanz in die haltlosen Träumereien der KPD-Führung hineingebracht hatte, taten sie alles, um ihn zu vernichten. Aber Reich war auch selbst vom grassierenden Wunschdenken infiziert. Wenn man seine eigenen Beschreibungen der Zeit liest, bekommt man den Eindruck, daß die Sexpol eine große, gut organisierte Organisation mit Zehntausenden von Mitgliedern war. Eine solche Organisation hat nie existiert, sondern nur einige Reste der ursprünglich geplanten sexualpolitischen Organisation von 100 000 Mitgliedern. Zum Beispiel hatte die niederrheinische Organisation „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ 10 000 Mitglieder und Reich spielte eine wichtige Rolle in ihrer Formierung. Die eigentliche Sexpol war jedoch kaum mehr als Reichs Sexualberatungsstelle in Berlin.)

Das Problem mit Reich war, daß er stets bloßen Willensbekundungen Vertrauen schenkte. Oder wie er am 1. Dezember 1949 an A.S. Neill schrieb:

Der einzige Fehler, den ich in den frühen dreißiger Jahren tatsächlich gemacht habe, war der, den Kommunisten aufgrund ihrer Proklamationen zu glauben, daß sie diejenigen seien, die in Rußland eine rationale Sexualökonomie begründen würden.

Der Masterplan der KPD war die „Einheitsfront von unten“, d.h. eine vereinigte Arbeiterfront gebildet durch die revolutionären Arbeiter, die gegen ihre sozialdemokratischen Führer rebellieren. (Es war Stalins törichte Idee, daß das Klassenbewußtsein nun höher ausgeprägt sei als jemals zuvor). Im Wesentlichen sagten die KPD-Funktionäre „Folgt uns!“ – und niemand folgte. (Übrigens stellte Reichs Buch Die Massenpsychologie des Faschismus, eine Grabrede, einen großen Versuch dar, zu erklären, warum die Arbeiter nicht dem Ruf der Kommunisten gefolgt waren, sondern ihren sozialdemokratischen Führern die Treue hielten und sogar zu den Nazis überliefen.) Die KPD war nicht im geringsten am sexuellen Problem interessiert, vielmehr wollte sie „die Massen sammeln“ in allen Arten von Massenorganisationen, einschließlich den Massen der Sexualreformbewegung. Die Lösung des sexuellen Problems war innerhalb des kapitalistischen Systems sowieso nicht möglich, sondern erst in einem sowjetischen Deutschland, – denn in der Sowjetunion gab es kein sexuelles Problem mehr.

Die Ruine der Vereinigungsbemühungen von 1931 war das „Einheitskomitee für die Herstellung der Einheit aller sexualpolitischen Organisationen“. Es wurde nicht nach dem tatsächlichen Bedarf der Massen organisiert, sondern nach Sollziffern, die KP-Funktionäre vorgegeben hatten, beispielsweise vom 15. Januar bis 15. Februar 1932 gab es einen „Rekrutierungsmonat“ im Kreis Nordrhein. Jeder lokalen Gruppe wurden Sollziffern zur Erfüllung des Plans vorgegeben, demzufolge innerhalb eines Monats 1000 neue Familien der kommunistischen Sexualreform-Organisation beigetreten sein sollten. (Schon damals war Reich mit der typischen Mentalität konfrontiert, die später Osteuropa zerstören sollte.)

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Der Rote Faden: Sexualreform und Arbeiterbewegung (Teil 1)

20. Oktober 2013

Reich war mit Max Hodann, dem wohl wichtigsten sozialistischen Sexualreformer seiner Zeit, auf unterschiedlichste Weise verbunden. Beispielsweise war Hodann genau wie Reich in Berlin Mitglied im Verein sozialistischer Ärzte, der die Zeitschrift Der sozialistische Arzt herausgab. 1928 war Hodann eines der Gründungsmitglieder der Weltliga für Sexualreform, in der Reich eine wichtige Rolle spielen sollte. Auch war Hodann in Wien Gastdozent bei Reichs Sozialistischer Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung.

Als Hodann im Dezember 1933 mit Reich in der Schweiz zusammentraf, willigte er ein, ihm bei dessen geplanter Zeitschrift für Sexualökonomie und politische Psychologie zu helfen. Welche Haltung er gegen Reich einnahm, wird aus einem Brief von Traute Hodann an den Schweizer Sexualreformer Fritz Brupbacher und dessen Frau deutlich: Sie amüsiert sich köstlich darüber, daß die Dänen ihn als „Schwanzpolitiker“ bezeichnen. Die Reichianer seien isoliert und nur wenige Anhänger seien übriggeblieben. Reichs Zeitschrift sei eine große Enttäuschung gewesen.

1936 nahm Hodann wiederholt an Diskussionen mit Reich teil und er erwähnt, Reich sei dabei einmal so brutal angegriffen worden, daß selbst er (Hodann) sich gezwungen sah, Reich zu verteidigen. Lise Lindbäk, mit der Hodann seit 1934 nach der Trennung von seiner Frau zusammenlebte, spiegelt vielleicht auch seine Haltung wider, als sie nach einem Abend mit Reich in ihr Tagebuch schrieb, Reich sei zwar charmant aber gefährlich, er wolle Hodann einspannen. Sie bezeichnet Reichs Anhänger entsprechend als „Bande“ bzw. „Gemeinde“. Über Reich lernte Hodann den norwegischen Schriftsteller Sigurd Hoel kennen und Arnulf Överland besuchte ihn im Krankenhaus, wo die beiden die deutsche Übersetzung von Överlands Gedichten diskutierten. (Hans Uwe Petersen: Hitlerflüchtlinge im Norden. Asyl und politisches Exil 1933-1945, Kiel 1991, S. 192f)

Im folgenden beziehe ich mich auf Hartmann Wunderer: Arbeitervereine und Arbeiterparteien (Kultur- und Massenorganisationen in der Arbeiterbewegung (1890-1933), Frankfurt 1980).

Hodann war aktives Mitglied des „Bundes der Freunde der Sowjetunion“ gewesen. Als im Jahr 1928 der Bund in Berlin gegründet wurde, war Hodann, obwohl nicht Mitglied der KPD, eine der führenden Persönlichkeiten. Er gab das offizielle Organ des Bundes Der drohende Krieg heraus, das im März 1930 in Freunde der Sowjets und im Juni 1932 in Sowjetrußland von heute umbenannt wurde. Hauptthema der Zeitschrift war, wie sich der Westen auf einen Krieg gegen die Sowjetunion vorbereite. Im März 1930, als der Name des Magazins anläßlich des II. Internationalen Kongresses des Bundes der Freunde der Sowjetunion geändert wurde, forderte die KP ein Bekenntnis zum Kommunismus. Als Ergebnis zogen sich Hodann und andere unabhängige Linke zurück. Es war ein weiterer der zahllosen selbstzerstörerischen und törichten politischen Manöver der KP.

In diesem Zusammenhang ist interessant, daß im offiziellen Bericht der KP über den II. Internationalen Kongreß von 1930 Reich als Vertreter der „sozialdemokratischen Opposition“ in Österreich Erwähnung findet, obwohl zu diesem Zeitpunkt Reich bereits aus der SDAP ausgeschlossen worden war und in Organisationen arbeitete, die der KP angeschlossen waren. Reich wurde als Vertreter einer „sozialdemokratischen Opposition“ präsentiert, um den Bund als „Organ der Vereinten Arbeiterfront“ erscheinen zu lassen – als gleichzeitig die KP eben diese Arbeiterfront durch ihre sektiererische Politik zerstörte.

Seit 1928 gab es im Umfeld der KPD mehr und mehr sexualpolitische Bestrebungen. Aber die KPD nutzte diese Bemühungen nur in so weit, wie sie politisches Potential versprachen und für politische Unruhe im kapitalistischen System sorgen konnten, während zur gleichen Zeit die KPD alle anderen Aspekte dieser Bewegung ignorierte und sogar unterdrückte. (Reich war das Hauptopfer dieser Politik der KPD.) Später wurde die Sexualreformbewegung in der Geschichtsschreibung der „DDR“ ignoriert, insbesondere aber die Rolle Reichs.

Die Sozialdemokratische Partei war sogar noch schlimmer, weil sie eine vollkommen konventionelle und kleinbürgerliche Haltung zur sexuellen Frage hatte. Zum Beispiel sagte Carl Schreck, ein führender Sportfunktionär der SPD, auf dem SPD-Parteitag im Jahre 1929, Sport sei seiner persönlichen Einschätzung nach eines der besten Mittel zur Bekämpfung jener Sexualnot, über die in den vorangegangenen Jahren so viel geschrieben und gesprochen worden sei. Die sexuelle Not der Jugend sei schon immer vorhanden gewesen, doch heute gäbe man der Jugend die Möglichkeit zum sportlichen Ausgleich auf Übungsplätzen und in der freien Natur. Er spricht sogar vom Schwimmen in kühlen Gewässern! Das sei die beste Art und Weise den „dunklen Instinkt“ zu bezwingen und jene Kraft zu formen, die dem Menschen eine Zierde sei. Sportliche Aktivität sei deshalb für die Arbeiterklasse eine hohe soziale Pflicht. (Es sollte offensichtlich sein, warum Reich als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ dazu kam, Vertreter der Sozialdemokratie als „Sozialfaschisten“ zu betrachten!)

Sexualreformer wie Hodann und Magnus Hirschfeld blieben auf den kleinen Bereich der Sexualberatung beschränkt. Die Politik lief unabhängig davon sozusagen nebenher. Hirschfeld nutzte beispielsweise die Publikationsmöglichkeiten des „Münzenberg-Konzerns“. (Willi Münzenberg war Leiter der Propaganda-Aktivitäten der KPD mit Zeitungen, Zeitschriften, Filmen, etc.). Reichs sexualpolitische Ambitionen gingen viel weiter. Mit seinem sexualpolitischen Programm hoffte Reich zunächst die Arbeiterjugend gegen das kapitalistische System zu mobilisieren, das freie genitale Befriedigung als produktive Lebenskraft per se unterdrückt. Er wollte nicht nur Agitation für die KPD betreiben, um ihr neue Wähler und Mitglieder zuzutragen, vielmehr waren die Partei und ihre Anhängerschaft die ersten Adressaten seiner Sexualökonomie. (Dieses Tatsache macht klar, warum die KPD ihn zu hassen begann: Reich verhielt sich wie ein Krebsgeschwür in der KPD, das das gesamte ideologische und moralische Gefüge des organisierten Kommunismus zerfrißt.)

Reichs Idee war, daß die Avantgarde die neue freie Sexualität zu antizipieren habe. Auf diese Weise könnte sich die „revolutionäre Sexualpolitik“ verbreiten und zur sozialistischen Revolution beitragen, indem der ansonsten desinteressierten Jugend die Verbindung zwischen sexueller Unterdrückung und der Angst politisch zu handeln, aufgezeigt wird. Durch die Befreiung der Sexualität sollte die subjektive Fähigkeit geschaffen werden, gegen die kapitalistische Gesellschaft zu kämpfen.

Die KPD reagierte auf Reichs Sexpol-Arbeit mit skeptischem Unbehagen – weil die Arbeiter und die Arbeiterparteien im Wesentlichen kleinbürgerliche Werte vertraten. Die KPD war da keine Ausnahme. Der einzige Unterschied waren (und dieser Unterschied zog Reich und die anderen Sexualreformer, etwa Hodann, an) einige spezielle weniger sexuelle, sondern eher gesellschaftspolitische Themen wie die Emanzipation der Frau, vor allem die Frage der Abtreibung. Hier war die KPD sehr fortschrittlich. (Die KPD betrachtete die Arbeiterfrauen als den am wenigsten klassenbewußten Teil der Arbeiterklasse und ihre Kampagne gegen die Abtreibungsgesetzgebung zielte darauf die Frauen zu politisieren.)

In einer Studie von Michael Rohrwasser über die kommunistische Unterhaltungsliteratur, die während der Weimarer Republik veröffentlicht wurde (Saubere Mädel – starke Genossen. Proletarische Massenliteratur?, Frankfurt 1975), fand er in den Romanen eine generell anti-sexuelle Haltung der kommunistischen Protagonisten, z.B. seien Frauen nur „Hindernisse in der politischen Arbeit“. Rohrwasser spricht von einem „maskulinen Kommunismus“. (In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zur „maskulinen“, heimlich homosexuellen nationalsozialistischen Bewegung, vor allem der SA.)

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Der revolutionäre Kampf in der antiautoritären Gesellschaft

12. Januar 2012

In Die Massenpsychologie des Faschismus beschreibt Reich seine Massenversammlungen zur Zeit der Sexpol Anfang der 1930er Jahre und wie die sexualpositive „Massenatmosphäre“ der Meetings die generelle Sexualablehnung zwar nicht aufheben, aber zumindest zeitweise paralysieren könne, so daß das allerintimste Empfinden gesellschaftsverändernd fruchtbar gemacht werden kann:

Es geht also nicht darum zu helfen, sondern Unterdrücktheit bewußt zu machen, den Kampf zwischen Sexualität und Mystik ins Licht des Bewußtseins zu rücken, ihn unter dem Drucke einer Massenideologie zum Auflodern zu bringen und in soziale Aktion zu überführen. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 175)

Wie sähe ein solches Vorgehen heute in der antiautoritären Gesellschaft aus?

Zunächst einmal werden wir alle ohnehin schon von den intimsten (sexuellen) Geheimnissen unserer Mitmenschen ständig belästigt. Und das nicht nur über die Medien, sondern auch im Alltag, wo die Menschen manchmal eine geradezu psychotische Distanzlosigkeit zeigen. Dazu hat sicherlich auch das Internet beigetragen, wo man sich so schön hinter einem Avatar verbergen kann. Kontaktlosigkeit wohin man schaut.

Die „Unterdrücktheit“ bewußt machen? Reich dachte da an erster Linie an die Unterdrückung des sexuellen Lebensglücks. Die Unterdrückung des rein materiellen Lebensglücks führt unmittelbar zur Rebellion und bedarf keiner Massenpsychologie. Da die sexuelle Unterdrückung jedoch den Charakter des Massenindividuums so verformt, daß es die Unterdrückung hinnimmt, sogar für sie streitet, wollte Reich wie eingangs erörtert, diese inneren Hemmungen sozusagen austricksen.

Die Glieder der antiautoritären Gesellschaft sind leider ganz anders geartet, da von inneren Hemmungen nicht mehr die Rede sein kann. Die Massenindividuen sind tendenziell nicht mehr triebgehemmt, sondern ganz im Gegenteil triebhaft. Was also bewußt machen?

Um diese Frage beantworten zu können, wäre es nützlich, zunächst die funktionelle Identität von Sexualität und Arbeit zu erfassen:

Wir nennen die Beziehung eines Menschen zu seiner Arbeit, wenn sie ihm Freude macht, „libidinös“; die Beziehung zur Arbeit ist, da Arbeit und Sexualität (im engsten und weitesten Sinne) aufs engste miteinander verflochten sind, gleichzeitig eine Frage der Sexualökonomie der Menschenmassen; von der Art, wie die Menschenmassen ihre biologische Energie anwenden und befriedigen, hängt die Hygiene des Arbeitsprozesses ab. Arbeit und Sexualität entstammen der gleichen biologischen Energie. (ebd., S. 263)

Anfang der 1930er Jahre war Arbeit geprägt von:

  1. gutem Handwerk („eine Sache um ihrer selbst willen tun“)
  2. Pflichtgefühl gegenüber dem Chef bzw. der Obrigkeit

Darauf (und zwar ausschließlich darauf) geht der Reichtum Deutschlands zurück. Wie kein anderes Land (vielleicht mit Ausnahme von Japan und Korea) verkörpert es eine autoritäre Gesellschaft – bzw. hat sie verkörpert.

Als leidgeprüfter Konsument und (Mit-) Produzent erfährt jeder tagtäglich, daß beide Grundlagen unserer Gesellschaft zusehends erodieren. An ihre Stelle tritt:

  1. Show („welchen Eindruck macht meine Arbeit?“)
  2. Egoismus („wie kann ich den Chef übervorteilen?“)

Oder mit anderen Worten: es geht darum, nicht „ausgebeutet“ zu werden. Dafür gibt es mittlerweile sogar „Ratgeber“ im Buchhandel: Geschäftig tun, wenn der Vorgesetzte vorbeigeht, ansonsten nur das allernotwendigste leisten, damit das Nichtstun nicht auffällt.

Nicht viel anders sieht es im Bereich der Sexualität aus. Früher war sie immer noch als „biologische Erregung“ mobilisierbar, während sie heute im Zeitalter der „Neosexualität“ nur mehr kopfgesteuertes „Spiel“ ist. Die Befriedigung reduziert sich auf eine positive Antwort auf die Frage, welchen Eindruck man hinterlassen hat.

Gleichzeitig spielt die Sexualität, wie entstellt sie auch immer sein mag, heute eine größere Rolle und blockiert die Arbeit. Früher lebte man, um zu arbeiten, heute arbeitet man, um zu leben. Das „wahre Leben“ beginnt nach Arbeitsschluß. Das habe ich an anderer Stelle dargelegt. Die Menschen befinden sich in einem chronischen Expansionszustand und sind vollkommen kontaktlos.

Was wäre also Sexpol-Arbeit heute? Zunächst einmal muß man sich bewußt machen, daß Reichs sozusagen „gruppentherapeutischer“ Ansatz zu Sexpol-Zeiten funktionell identisch ist mit dem sich zeitlich unmittelbar daran anschließenden vegetotherapeutischen, also „körpertherapeutischen“ Ansatz: es ging um die Freilegung der biologischen Energie durch Beseitigung der Hemmungen.

In der antiautoritären Gesellschaft ist jedoch kein Platz mehr für die überkommene von Reich und Elsworth F. Baker entwickelte weitgehend körpertherapeutisch orientierte Orgontherapie, da die „Beseitigung von Hemmungen“ beim Neuen Menschen zu noch mehr Kontaktlosigkeit führt, also sich sein Zustand noch weiter verschlimmert.

Die vordringlichste Maßnahme ist deshalb die Wiederherstellung der Kontaktfähigkeit. Das bedeutet es heute, wenn man etwas „ins Licht des Bewußtseins“ rücken will! „Sexpol-Arbeit“ bedeutet heute nichts anderes als logisches, d.h. orgonometrisches Denken. Oder mit anderen Worten: sie kann nur bedeuten, den Massen die Orgonomie nahezubringen.

Die Frage ist, welche soziale Strömungen die Orgonomie heute nutzen kann. Früher waren Nationalsozialismus und Stalinismus unser Todfeind, heute sind es Political Correctness und Multikulturalismus (bzw. sind sie hinzugetreten). Früher war es der verzerrte Kontakt, heute ist es die Kontaktlosigkeit. Eine hervorragende Verkörperung jener Kräfte, die die Orgonomie nutzen kann, ist beispielsweise Pat Condell, die YouTube-Verleiblichung von Kontakt und logischem Denken:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=XivkZqW3RkY%5D

Reichs Herangehensweise an die Wissenschaft in den 1920er Jahren (Teil 2)

2. Januar 2012

Zum Verhältnis von Wissenschaft („Sein“) und Moral („Sollen“) führt Reich aus:

Ethische Forderungen lassen sich nicht beweisen; sie sind, da sie auf Wertungen beruhen, der Wissenschaft, die nur beschreibt und erklärt, nicht zugänglich. Diese kann bloß entweder die Forderung selbst, beziehungsweise die Motive des Fordernden, zum Gegenstand der Untersuchung machen oder die Resultate prüfen, die sich bei Befolgung oder Nichtbefolgung des moralischen Gesetzes einstellen. Die Moral sah zu verschiedenen Zeiten verschieden aus und pflegt auch unter Zeitgenossen konträre Forderungen zu stellen, die von den Gegnern mit gleicher Leidenschaft und Überzeugung verteidigt werden. Die Wissenschaft pflegt trotz der oft betonten Amoralität an der Grenze der Sexualität, sicher nicht zum Vorteil der Objektivität ihrer Untersuchungsergebnisse, moralisch zu werden. (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 176f)

Was das Verhältnis von Wissenschaft und Religion betrifft, bzw. wenn Wissenschaft „sinnstiftend“ sein soll, diskutiert Reich im Zusammenhang mit dem „New Age“ der 1920er Jahre:

(…) Das kommt davon, wenn man von einer Wissenschaft etwas erwartet hat, was sie nie geben konnte noch zu geben beabsichtigte, nämlich eine neue Religion. Die Enttäuschung an dieser Wissenschaft (…) ist unausbleiblich, und da man (…) einmal an diese Wissenschaft geglaubt hat, muß man jetzt „höchste philosophische Kritik“ aufwenden, um sich von ihren „Denkfehlern“ zu befreien. (Besprechung von Hans Blüher: „Traktat über die Heilkunde, insbesondere die Neurosenlehre“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XIII(3), 1927, S. 344-349)

Weiter führt Reich zur damaligen „esoterischen Wissenschaftskritik“ aus, die in jeder Hinsicht der heutigen entspricht:

Wir verstehen Blüher wohl richtig, wenn wir annehmen, daß er den Begriff Sexualität etwa dem Digitalispulver gleichsetzt, das das Phänomen „Fingerhut“ „nicht trifft“. Gewiß, das ist richtig. Unsere wissenschaftlichen Begriffe (Energie, Elektron, Libido, Verdrängung, Unbewußtes, etc.) entfernen sich von der wirklichen Erscheinung und bringen das lebendige Fließen zum Erstarren, aber nur um sie desto besser überblicken, desto sicherer fassen zu können. Würden wir nicht die „libido“ aus dem gewissen „Ereignis“ mit den „Hintergründen“, das Digitalispräparat aus dem „Ereignis Fingerhut“ eliminieren, es bliebe beim Schattenhaften, wir könnten weder Neurosen noch eine Herzdekompensation beherrschen. Das ist ja der Vorteil der wirklichkeitsfernen Distanzierung durch wissenschaftliche Begriffe gegenüber dem „Nur-Versinken im Kosmos“. (ebd.)

Reich beharrt gegen alles angeblich „neue Denken“ auf traditioneller Wissenschaftlichkeit: „Systematik und Theoriebildung, jene zwei unerläßlichen (…) Behelfe wissenschaftlicher Forschung“ (Besprechung von Wilhelm Stekel: „Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychoanalyse“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XIV(2), 1928, S. 259-266).

Gleichzeitig ist Reich alles andere als naiv, was die „Wissenschaftlichkeit“ der offiziellen Wissenschaft betrifft insbesondere, wie bereits angedeutet, im Bereich der Sexualität:

Es gibt Idealisten, welche meinen, die Wissenschaft sei eine voraussetzungslose Arbeit an Gegebenheiten, die unbekümmert um Meinungen und Ängste, rücksichtslos Wahrheiten aufdeckt. Statt dessen sieht man, daß insbesondere dort, wo es sich um Fragen des sexuellen Seins handelt, ethische Predigten mit der dazugehörigen Verlogenheit an der Arbeit sind, die sexuelle Not ins Maßlose zu steigern. Es kann wohl kein ethischeres Ziel geben, als diese Art „Wissenschaft“, und je berühmter der Name des Forschers, desto unerbittlicher, zu bekämpfen, ohne Rücksicht auf die übliche Konvention und das schädliche laissez faire. Wohlerzogene Rücksichtnahme wird (…) zum Verbrechen an der Wissenschaft und an den Menschen. (Besprechung von Paul Häberlin: „Über die Ehe“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XIV(4), 1928, S. 532-533)

Im obigen Zitat zeichnet sich bereits Reichs politische Radikalisierung ab, die Ende der 1920er Jahren zu Aussagen wie der folgenden führt:

Das konsequente Zuendedenken der Ursachen der sexuellen Not führt in gerader Linie zu einer vernichtenden, revolutionären Kritik der Gesellschaftsordnung, genauso wie das Zuendedenken der Ursachen der materiellen Not. (Sexualerregung und Sexualbefriedigung, 1929)

Die Tatsachenfeststellung der Wissenschaft, das rücksichtslose Aufdecken der Dinge, wie sie sind, und nicht, wie sie sich in den Meinungen der vom Kapitalismus umnebelten Köpfe widerspiegeln, wirkt unendlich intensiver auf die Dauer, als es eine Predigt je vermöchte. Wir haben das Predigen gar nicht notwendig. (ebd.)

Das wir jeden Fall konkret auf Ursachen und Folgen untersuchen, unsere Gegner dagegen an alle diese Fragen abstrakt moralisch, unbewußt oder bewußt von den Interessen des Privateigentums befangen, herantreten, unterscheidet uns von ihnen – und garantiert den Sieg unserer wissenschaftlichen Weltanschauung. (ebd.)

Es gilt zu erkennen und die Erkenntnis zu verbreiten, daß es kein Gebiet gibt, das mit Politik nichts zu tun hätte. Man muß den Respekt vor der bürgerlichen Wissenschaft abbauen und auf die Achtung reduzieren, die ihr gebührt, sofern sie nämlich Entdeckungen gemacht und materialistische Theorien darauf aufgebaut hat. (ebd.)

Das mündete schließlich in noch heute für die Orgonomie gültige Formulierungen:

Die Wissenschaft, soweit sie, natürlich ohne es zu ahnen, von autoritärer Weltanschauung beeinflußt ist, stellt Thesen auf, die jener Weltanschauung eine solide Basis abgeben sollen. Gewöhnlich tut sie nicht einmal dies, sondern beruft sich lediglich auf die berühmte sittliche Natur des Menschen. Dabei vergißt sie ihren eigenen Gesichtspunkt, den sie so oft dem weltanschaulichen Gegner entgegenhält, daß Wissenschaft nichts anderes zu tun berechtigt sei als Tatsachen zu beschreiben, und auf ihre Ursachen hin zu erklären. Wo sie über die Begründung der gesellschaftlichen Forderungen durch ethische Argumente hinausgelangt, ohne sich in Wirklichkeit von ihnen befreit zu haben, bedient sie sich einer objektiv weit gefährlicheren Methode, nämlich der Verschleierung der ethischen Gesichtspunkte durch pseudowissenschaftliche Thesen. Die Ethik wird wissenschaftlich rationalisiert. (Die Sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 100f)

Die Tatsachen allein sprechen zu lassen und aus diesen Tatsachen nicht ohne weiteres Forderungen abzuleiten, sondern den Gang der Entwicklung zu studieren, das zum Absterben bestimmte zum Sterben, das Neue in den Daseinsformen der menschlichen Gesellschaft zur Entfaltung zu bringen, heißt wissenschaftliche Anwendung der Erkenntnis. (ebd., S. 140)