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Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 2)

13. Mai 2015

Am 5. April 1970 erschien in der konservativen Welt am Sonntag eine Kolumne von Reichs persönlichem Freund der 20er Jahre, William S. Schlamm (Am Rande des Bürgerkriegs, Berlin: Zeitbuch Verlag, 1970, S. 341-348). Auf ihn und sein Verhältnis zu Reich werde ich in Teil 3 näher eingehen.

Schlamms Ausführungen unter dem Titel „Der Vater der ‘Sex-Revolution’„ sind deshalb lesenswert, weil sie m.E. geradezu prototypisch widergeben, was Reichs Zeitgenossen, sein desillusioniertes Umfeld und das allgemeine Publikum im Querschnitt gegen Reich einzuwenden haben. Es ist ein wildes Sammelsurium aus konservativer Kulturtheorie und bildungsbürgerlichem Mief auf der einen, intellektualistischem „Witz“ und pornographischen Phantasien auf der anderen Seite. Der zum Konservativen und McCarthy-Anhänger mutierte Schlamm erinnert verdammt an die Stalinistin Mildred Brady, die mit ganz ähnlichen Kolumnen (die erste hieß „The New Cult of Sex and Anarchy“) die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA auf Reich aufmerksam machte.

Schlamm führt aus, daß Sex für den humanistischen Konservatismus Europas eine Privatsache sei. Die modische „Sex-Revolution“ würde daraus nun eine öffentliche Angelegenheit machen. Die Sex-Revolution sei Fortsetzung der Revolution mit anderen Mitteln. Es werde jedoch immer deutlicher, daß dieses Mittel unbrauchbar ist, denn durch den Abbau individueller Hemmungen verliere man an Disziplin, die nicht zuletzt für die Revolution notwendig sei.

Der „Karl Marx“ der „Sexuellen Revolution“ hieße Wilhelm Reich. Ihr denkbar simples Aktionsprogramm laute: der größtmögliche Orgasmus für möglichst große Massen. Freud habe gezeigt, daß der sexuell disziplinierte Mensch lernt sich den Forderungen der Gesellschaft anzupassen. Reich habe daraus die entsprechenden Schlüsse für die Zerstörung der Gesellschaft gezogen. Dabei tue sich ein Widerspruch auf, denn je mehr ein Mensch über den Orgasmus nachdenke, darüber spräche und nach ihm strebe, desto minderwertiger sei der Orgasmus.

Schlamm fährt dergestalt in seiner Kolumne fort Reichs Orgasmustheorie gründlich mißzuverstehen und führt gegen sie Freuds Kulturtheorie an: Reich habe Freuds Kulturtheorie sozusagen vom Kopf auf die Genitalien gestellt, womit Schlamm offensichtlich auf Freuds Sublimationstheorie anspielen will, die Reich durch die Orgasmustheorie ersetzt habe. Dabei habe Reich Freuds wissenschaftliche Entdeckungen gar nicht infrage gestellt. Es ging nämlich gar nicht, so Schlamm, um Freuds Kulturtheorie, sondern um Freuds Kultur. Reich habe der „libidinösen Unterdrückung“ den Krieg erklärt, nicht weil er aus dem maximalen Orgasmus einen kulturellen Gewinn erwartete, sondern weil er die „bürgerliche“ Welt seines geliebten Meisters Freud so haßte.

Reich, den Schlamm schließlich in Wien persönlich kannte, habe eine große innere Unruhe getrieben. Die anfängliche wissenschaftliche Offenheit wich langsam aber sicher die Überzeugung, daß ihm, dem zufälligen Wilhelm Reich, die Rolle des Erretters der Welt zugefallen sei. Die Wasserscheide sei schließlich Reichs Übersiedlung nach Berlin gewesen. (Es ist bei Schlamm wie bei wirklich allen von Reichs „Freunden“: Reich ist ihrer Meinung nach genau zu dem Zeitpunkt ab- bzw. durchgedreht als er aus ihrem jeweiligen Gesichtsfeld entschwunden ist!)

Ziel der Berliner „Sexpol“ sei die Politisierung der lethargischen bürgerlichen Welt durch Sex gewesen. (sic!) Revolution, predigte Reich gegenüber den Berliner Kommunisten, bliebe Illusion, solange der Arbeiter nicht sexuell „ungehemmt” sei. Die Berliner Kommunisten dieser fiebrigen Zeit seien, so Schlamm, alles andere als prüde gewesen und ließen den Wiener Sonderling anfangs amüsiert gewähren. Mit seiner ansteckenden Illusion der Erlöser zu sein, habe er sogar einigen organisatorischen Erfolg gehabt. Bis sich die Partei langsam darüber sorgte, daß so viele talentierte Leute der direkten Parteiarbeit entzogen wurden.

In Skandinavien seien dann Reichs Kommentare immer selbstgewisser, egozentrischer und bitterer geworden. Er, Wilhelm Reich, hatte den Weg zum Glück und zur Befreiung gefunden – und die niederträchtige Welt wollte nicht auf ihn hören. In der gesamten deutschen Emigration, die ohnehin generell einer wachsenden Isolation anheimfiel, gab es, Schlamm zufolge, niemanden der auch innerhalb der Emigration mehr isoliert war als Reich.

Die Spaltung zwischen dem vorsichtigen Wissenschaftler und dem besessenen Sexualrevolutionär wäre Reichs Untergang gewesen. Der Sexualrevolutionär glaubte, mit dem unkontrollierten Orgasmus den Hebel zur Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft gefunden zu haben. Der Wissenschaftler in ihm bestand auf einer materiellen Erklärung für diese politische Annahme – und dieser Punkt habe Reich in den klinischen Wahnsinn getrieben. Er gab vor, die unbekannte atmosphärische Strahlungsenergie entdeckt zu haben, die die Erde mit sex-geladenen Energiequanten bombadiert, die Reich „Orgonteilchen“ nannte. Und er gab dies nicht nur vor – der gebildete Mann glaubte an diesen primitiven Unsinn mit einer Obsession, die ihn vernichtet hat. Er baute und Verkaufte „Orgonkisten“, in die man sich hineinlegen mußte, um sich regelmäßig aufzuladen und so den maximalen Orgasmus zu lernen. (sic!)

Ja, wirklich tragisch. Wäre Reich doch nur seinem Freund Schlamm gefolgt, denn der kannte die Medizin, die Lösung: Humor! Reichs wahres Unglück sei, so Schlamm, sein Mangel an Humor gewesen.

Dies würde noch immer die „Sex-Revolution“ kennzeichnen. Schlamm fährt fort auszuführen, daß, im Gegensatz zum reinen physiologischen Akt, die Liebe spielerischen Humor benötige. Hemmungsloser Sex führe entweder in den Drogenmißbrauch oder man finde schließlich doch die wahre Liebe. In beiden Fällen sei man für die „Sex-Revolution“ verloren.

Die Sexualrevolutionäre behaupten, sie seien gegen den Konsum, aber sie seien selbst die größten Konsumenten. Und was „Make love, not war“ beträfe fielen gerade im Krieg die sexuellen Hemmungen weg wie sonst nirgends. Hemmungsloser Sex sei die vollständige „Entfremdung“. Das Individuum forme sein Ich nun mal außerhalb des Vegetativen und im bewußten Kampf gegen das Vegetative. Insbesondere werde die Frau durch die „Sexuelle Revolution“ entfremdet, da sie zu einer sinnlosen genitalen Maschine reduziert werde. Der Sexualrevolutionär nähme die Frau, irgendeine Frau, als Werkzeug für seine Selbstbefriedigung.

Persönlich habe Reich zweifellos mit vollem Ernst seine eigenes Rezept gelebt, mutig alle seine Inhibitionen von sich geworfen und sich dem Orgasmus im kultischen Dienst hingegeben. (sic!) Er hatte nie den Frieden der Seele gefunden, die Freude des Humors, nie die liebende Sicherheit einer gewachsenen und erwachsenen Beziehung. Dieser Prophet des „Orgons“ sei gewissermaßen ein Puritaner gewesen. „Mit Sex kannte er keinen Spaß.“ Er war besessen von der höheren Qualität des bewußtlosen Vegetativen.

Dieser gewiefte Wissenschaftler habe nie verstanden, was vor kurzem ausgerechnet der Filmstar Raquel Welch von sich gegeben hatte: „Meine erogene Zone ist das Gehirn.“ Das Gehirn sei, so Schlamm, die erogene Zone jeder gesunden Frau und jedes gesunden Mannes. An sich sei das Jucken und Pochen des Vegetativen ziemlich lächerlich. Es wandelt sich erst in privates Glück, wenn es das liebende und humorvolle Spiel zweier Menschen werde, die sich vom Herzen und vom Gehirn aus lieben. Diese Tatsache sei dem Psychoanalytiker Dr. Wilhelm Reich natürlich bekannt gewesen, aber der Sexualpolitiker Willi Reich wies sie von sich.

Der ach so schlaue Schlamm hat wohl nicht mal geahnt, daß er und nicht etwa Reich der angeblichen „Sex-Revolution“, der Entfremdung und Pornographisierung das Wort redete. Irgendwo sagt Reich (sinngemäß), daß Modju mit seinem Genital denkt und mit seinem Gehirn – fickt.

Und – so abwegig waren Schlamms Erläuterungen nicht, angedenk des Gesindels, mit dem er es zu tun hatte. Wenn nicht aktiv, so haben die 68er jedenfalls Kinderfickerei geduldet, diente es doch der „Befreiung“. Man denke nur mal an die Kommune 1 und die Kommune 2 oder an den „Provokateur“ Daniel Cohn-Bendit. Dazu die katholische Tagespost 2008:

Dazu gab es ja eine umfangreiche theoretische Grundlegung. Der marxistische Sexualtheoretiker Wilhelm Reich, der Star der Bewegung, schrieb: „Die Unterdrückung des kindlichen und jugendlichen Liebeslebens hat sich als Kernmechanismus der Erzeugung von hörigen Untertanen und ökonomischen Sklaven erwiesen“.
Das ist in der Tat der Punkt, an dem eine bis dahin eher humane Vorstellung von Befreiung der Sexualität umschlug. Das ist paradox: Das Kind muß zur sexuellen Freiheit gezwungen werden, aber was diese Freiheit sei, das definieren die Erwachsenen. Wenn wir uns ansehen, was in den Kinderläden und Familien passiert, was dokumentiert und theoretisch legitimiert worden ist, dann war 68 bezogen auf die Kinder eine grenzverletzende, keineswegs eine lässige Bewegung. Das ist auch ein Erbe von 1968. Es wurde und wird außer Acht gelassen, daß freie oder befreite Sexualität auch die Freiheit beinhaltet, nein zu sagen, Grenzen zu setzen, sogar, gegebenenfalls, auf Sexualität zu verzichten, im Zölibat zu leben oder eine unspektakuläre Sexualität zu haben oder nicht dauernd und mit jedem über sein Intimleben quatschen zu müssen.

Damals erschien im Stern ein Artikel über die 68er mit dem gleichen Reich-Zitat. Und das wiederum entstammte offensichtlich einem Artikel aus der Zeit von 1991.

2007 erschien im Spiegel ein guter ausgewogener Artikel über Neills Summerhill, in dem auch Reich kurz Erwähnung fand (was in der Berichterstattung über Neill und Summerhill nicht selbstverständlich ist). Es wurde sogar hervorgehoben, daß Summerhill nichts mit „antiautoritärer Erziehung“ zu tun hat.

Der deutsche Buchtitel hängt bis heute wie ein Fluch über der Schule. Dabei hatte Neill den Begriff antiautoritär nie benutzt, sein Motto war „Freiheit, nicht Zügellosigkeit“. Seine Schule war kein experimenteller Kinderladen, seine Schüler kamen klar mit der Freiheit. (…) „Laßt mich bloß in Ruhe mit den deutschen 68ern“, soll Neill oft gewettert haben.

Eine Kritik, die von einer ehemaligen Schülerin angebracht wird, ist sicherlich berechtigt: das Problem in Summerhill sind Lehrer, die ihre eigene Kindheit auf Kosten der Kinder nachholen wollen.

Irgendwo schreibt Neill (leider finde ich das genaue Zitat nicht), daß, wenn er von der Sexualität von Kindern und Jugendlichen spricht, er natürlich davon ausgehe, daß seine Leser wirklich erwachsen sind – und deshalb nicht selbst Interesse an „kindlicher Sexualität“ haben. Siehe auch meinen Blogeintrag Sexueller Kindesmißbrauch.

Genau das, daß Erwachsene aufgrund einer eigenen unerfüllten Kindheit emotional zurückgeblieben sind, trifft den Nagel auf den Kopf. Die 68er, die nie erwachsen geworden sind, haben ihre neurotische infantile Rebellion ausgelebt. Der Schaden, den diese antiautoritären Wichser der Orgonomie in Deutschland zugefügt haben, ist schier unermeßlich!

Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 1)

12. Mai 2015

Die Jakobiner vollendeten nur das Werk der französischen Könige und der Landadelige Wladimir Iljitsch Uljanow war genauso wie seine Nachfolger nichts weiter als ein neuer Zar. Im Marxismus hatte der Rote Zar sogar seine eigene Staatsreligion, in der KPdSU seine eigene Staatskirche. Schon 1854 schrieb der französische Historiker Jules Michelet:

Solcherart ist die russische Propaganda, unendlich variierend, je nach den Völkern und den Ländern. Gestern sagte sie uns: „Ich bin das Christentum.“ Morgen wird sie uns sagen: „Ich bin der Sozialismus.“

Leider gab es Leute, die im 20. Jahrhundert ausgerechnet an dieses erzreaktionäre Gebilde ihre chiliastischen Hoffnungen knüpften.

An erster Stelle ist hier der „Theologe der Revolution“, Ernst Bloch zu nennen. Für seinesgleichen war es, als hätte sich der Heilige Geist in Stalin inkarniert. Noch 1962 pries Bloch Stalin als Meister der Dialektik. Auch scheint sich Bloch sehr mit Stalin identifiziert zu haben. Jedenfalls erinnert sich sein ehemaliger „DDR“-Student Hermann von Berg, später ein hoher Staatsfunktionär:

Seltsamerweise hatte mich Bloch immer an Stalin erinnert, nicht nur wegen der niedrigen Stirn, dem struppigen Haaransatz und der stark ausgeprägten, kräftigen Nase, sondern auch wohl, weil er mit voller Absicht eine Stalin-Pfeife rauchte. Der blutige Josef Wissarionowitsch muß ihm sehr sympathisch gewesen sein. (Vorbeugende Unterwerfung, München 1988)

Als Bloch später wieder in den Westen ging, glaubte er überall Revolutionen vom mystischen Prinzip Hoffnung entfacht zu sehen. Wie ein mittelalterlicher Spiritualist schwebte er weit über allen konkreten Verhältnissen und entblödete sich nicht, den Stalin für die verzogenen Kinder der Bourgeoisie abzugeben. Berg erinnert sich, wie der Rektor der Universität Leipzig Anfang der 1960er Jahre voraussah:

Drüben ist er uns mit seinen utopischen Verwirrungskünsten doch noch recht nützlich, je wirrer dort die Künstler, Journalisten, Pfarrer und Lehrer denken, desto besser, das beschleunigt den Niedergang. Bei uns lernen die später dann schon wieder klassenmäßig denken. (ebd.)

Über Rudi Dutschke, der ein großer Verehrer von Bloch war, ist dieser „Plan“ sogar aufgegangen – er bestimmt unser Leben mehr denn je, denn in Gestalt der Grünen leben Dutschke, Bloch und – Stalin fort.

Der libertinistische Gegenpart zum asketisch verträumten Bloch spielte Herbert Marcuse, der Prophet des Anspruchsdenkens, der Leistungsverweigerung und der anti-genitalen polymorph-perversen Erotisierung der Gesellschaft. Alles was die Spießer von je her den fortschrittlichen Menschen fälschlich andichteten, propagierte dieses Schwein.

Der Publizist William S. Schlamm, in den frühen 1920er Jahren ein Kommunist und enger Freund Reichs, später der „Kalte Krieger Nr. 1“ und rechtskonservativer Reich-Hasser, unterschied Mitte der 70er Jahren in der Zeitbühne zwischen zwei Fraktionen in der westdeutschen Linken Anfang der 70er Jahre: auf der einen Seite puritanische Revolutionäre wie Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof und auf der anderen Seite weichliche „Gourmets“ wie Daniel Cohn-Bendit. Den kläglichen Niedergang einer ursprünglich wütenden Revolte, den Cohn-Bendit (PN: von dem heute allgemein bekannt ist, was für ein Kinderliebhaber er war…) exemplarisch verkörpert, erklärt sich Schlamm durch den Einfluß von Gurus wie Herbert Marcuse und Wilhelm Reich. Sie hätten das „Lustprinzip“ propagiert, so daß die harten Rebellen durch „Inflation des Sex“ und Drogenmißbrauch (PN: Cohn-Bendit war in der Tat ein passionierter Kiffer) unterminiert wurden.

Schlamm zufolge ist die Sexuelle Revolution bloß eine einfache Ausflucht für Intellektuelle, denen es an Charakter, Mut und Haltung mangelt. Sie wollen die Gesellschaft angreifen, ohne wirkliches revolutionäres Engagement aufbringen zu müssen. Die Sexuelle Revolution sei, so Schlamm, nur ein Surrogat für die abgesagte soziale Revolution. Sie sei nur ein Ersatz, nachdem sich die gesellschaftliche Utopie als Narretei erwiesen hatte. Schlamm verweist in diesem Zusammenhang auf Sigmund Freuds Unbehagen in der Kultur und dessen Sublimationstheorie. Sexualität und Kultur könnten weder ohne einander noch miteinander existieren. Es bestehe ein ewiger produktiver Konflikt zwischen beiden. Kein ernsthafter Künstler würde sich je mit der Antwort zufrieden geben, daß dieser Konflikt mit der Ineinssetzung von Sexualität und Kultur gelöst werden könnte. Schlamm beklagt das traurige Schicksal der Jugend, die sowohl ihre Freude an der Kultur als auch an der Sexualität verliere.

Für die Leistungsverweigerung der Jugend seit Anfang der 70er Jahre wäre das Fehlen einer „freundlichen Strenge“ in der Erziehung verantwortlich. Verantwortlich sei die permissive Erziehung und die Orientierung am „Lustprinzip“. Was nötig tue, so Schlamm, sei die hergebrachte Disziplin, sowie der Kampf gegen die moderne Pädagogik und das „dämonische Übel der ‚modernen‘ Psychologie“. Ohne Einführung in die traditionelle Ethik stünde das Kind in Gefahr zum Barbaren, wenn nicht sogar zum Heroinabhängigen zu werden (Schlamm: Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder. Ausgewählt von Kristin von Philipp, München 1977).

Es ist zweifelhaft, daß Schlamm Christusmord gelesen hat, wo Reich schrieb:

Wäre es der frühen Sexualökonomie Ende der zwanziger Jahre gelungen, eine Massenbewegung auf „sexual-POLITISCHER“ Grundlage voll zu entwickeln, so wäre damit eine der schwersten Katastrophen in der Geschichte der Menschheit eingeleitet worden. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 358)

Schlamm beschreibt diese Katastrophe, die mit fast 40jähriger Verzögerung eingetreten ist.

Zuletzt noch ein kurzer Blick nach Westen:

2006 beging der französische Trotzkist Boris Fraenkel Selbstmord. Er wurde 2001, im Alter von 80 Jahren, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als ruchbar wurde, daß der damalige sozialistische Ministerpräsident Lionel Jospin in seiner Studentenzeit unter dem Einfluß Fraenkels gestanden hatte, der ihn für seine subversive Tätigkeit im Staatsapparat präparierte. Zwei Jahre später, 1966, wurde Fraenkel aus der trotzkistischen Organisation Communiste Internationaliste (OCI), die er nach dem Krieg mitbegründet hatte, ausgeschlossen, weil er die Ideen Reichs – „und“ Marcuses vertrat.

Erwähnenswert ist auch, daß die „rechtskonservativen“ amerikanischen Orgonomen der 1960er und 70er fast durchweg aus dem linken Intellektuellenmilieu New Yorks der unmittelbaren Nachkriegszeit hervorgegangen sind. Einer von ihnen gab zu Protokoll, daß es damals zwei Fraktionen gab: die Stalinisten, die meist zu Freudianern wurden, und die Trotzkisten, die meist zu Reichianern wurden.

Die_Sexualität_im_Kulturkampf

Die Orgonomie und die Energetik (Teil 4)

5. Mai 2015

Was bei Wilhelm Ostwald der „Energietransformator“ war, ist bei Hans Hass das „Energon“. Jedes Energon stellt, so Hass, ein „Energiepotential“ dar. Trotz seiner positiven Aussagen über Kurt Wieser kann sich Hass aber leider nicht entschließen, dies konsequent mit dem Orgonomischen Potential gleichzusetzen. Vielmehr wird in Hass’ Welt die Entropieabnahme im Organismus durch eine um so größere Entropiezunahme in der Umgebung erkauft. Geht doch der lokale Energiegewinn letztlich auf Kosten der Sonne, die sich ins Weltall hinein „verstrahlt“.

Hass zufolge besteht die gesamte Welt aus „Energaten“. Dies ist alle Materie, die noch nicht Teil von Energonen geworden ist, welche die von der Sonne geschenkte arbeitsfähige Energie „in ihren Dienst zwingen.“ (Nichts geschieht hier spontan.) Wie ein Feuer greift im Laufe der Evolution dieser Prozeß auf alle Energate über. Hass nennt ihn „Lebenstrom“, der dadurch ausgezeichnet sei,

daß sich im Gegensatz zu allen anderen bekannten energetischen Phänomenen sein Volumen und seine Potenz, Arbeit zu leisten – wie eine ständig anwachsende Lawine –, steigert. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Dieser Strom pflanze sich nur über energieerwerbende Systeme, eben die Energone fort. Hass zufolge nannte Ostwald die von den Energonen verarbeitete Energie deren „Rohenergie“.

Die dann netto eingenommene Menge nannte er „Nutzenergie“. Das Verhältnis zwischen Roh- und Nutzenergie nannte er „Güteverhältnis“. (…) Es bestimmt den Wirkungsgrad des betreffenden Energons. (Hass: Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987)

Energone haben also, im Gegensatz zu Energaten, einen Wirkungsgrad – sie erzielen einen „Profit“.

Der Wirkungsgrad, der den Konkurrenzwert bestimmt, wird durch bestimmte Kategorien festgelegt. Diese entsprechen wiederum bestimmten Leistungen. So bestehen, obwohl natürlich materielle Strukturen unbedingte Voraussetzung sind, die Energone „letztlich nicht eigentlich aus materiellen Einheiten, sondern aus Leistungen. Sie sind Leistungsgefüge“ (ebd.).

Dies macht das Bild, das die Hass‘ Theorie von den Energonen zeichnet, für unser Denken unanschaulich. Hass vergleicht es mit den „Ideen“ Platons, die als verborgene Prinzipien gedeutet werden könnten, „die den äußerlich so verschiedenen Erscheinungen zugrunde liegen und ihr eigentliches Wesen ausmachen.“ Weiter beruft sich Hass, ganz wie Reich, auf Denker wie Kant, Hegel, Engels, Schopenhauer und Nietzsche.

Hans Hass geht „weniger von einer strukturellen als von einer funktionellen Beurteilung des Evolutionsvorganges (aus)“ (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987). Das Revolutionäre des neuen Denkens sei,

daß stets die Funktion das Primäre und der Funktionsträger das Sekundäre ist, weil die gleiche Funktion auch über sehr verschiedene Strukturen oder Techniken von statten gehen kann. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Nach Hass legen stets „die Funktionen, die zu erfüllenden Aufgaben“ fest. Sie bestimmen, wie die Strukturen beschaffen zu sein haben, nicht umgekehrt. Dies sei eine „Revolution des Denkens“ (ebd.).

Leider ist es mit dem in Hans Hass und der energetische Funktionalismus im Detail beschriebenen Funktionalismus von Hass doch nicht so weit her, denn für ihn handelt es sich bei der besagten Revolution nur um die Umkehrung „der Jahrtausende alten Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung in ihr Gegenteil.“

Dabei beruft sich Hass auf Empedokles (490-430 v.Chr.). Der erklärte die Zweckmäßigkeit bzw. Funktionalität in der Natur einfach daraus,

daß nur das Zweckmäßige bestehen und sich fortpflanzen konnte. Was unzweckmäßig war, mußte zugrunde gehen. Deshalb blieb – notwendigerweise – am Ende eben nur das Zweckmäßige übrig. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2)

F.A. Lange spricht bei Empedokles vom „rein mechanischen Zustandekommen des Zweckmäßigen“ (Geschichte des Materialismus). Oder wie Hass es ausdrückt:

Das „Zweckmäßige“ ist (…) nicht Ergebnis eines mühevollen Schöpfungsaktes – sondern setzt sich ganz automatisch durch (…). (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2)

Das Schloß determiniert die Form des Schlüsselbartes, der Wind die Form des Flugsamens, etc. Wie das geschieht? Ein Schlüssel nach dem anderen wird in das Schloß eingeführt, bis endlich einer paßt. Dieser Schlüssel „überlebt“ und wird reproduziert, während der Rest ausgesondert wird. Wie gesagt: ein rein mechanisches Zustandekommen des Zweckmäßigen.

Auf diese Weise wird der energetisch-funktioneller Ansatz durch Teleologie verunreinigt. Ein Denken, das von „Zielen“ ausgeht, die für den mystischen Vitalisten metaphysisch gegeben sind. Der Materialist Hass hat nichts weiter getan, als diese metaphysische Hinterwelt durch die Umwelt im weitesten Sinne (den „inneren und äußeren ‘Fronten’“) zu ersetzen.

Das schützt ihn immerhin davor, „Zweckmäßigkeit“ als metaphysische Gegebenheit zu betrachten, vielmehr ist für Hass

das „Zweckmäßige“ an den Lebewesen (…) immer nur in Hinblick auf eine vom Organismus benötigte Funktion „zweckmäßig“. Zweckmäßigkeit ohne bezug auf eine zu erbringende Leistung gibt es nicht. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 4)

Trotzdem, was sagt Hass’ modifizierte Teleologie eigentlich anderes aus, als daß etwas zweckmäßig sei – weil es zweckmäßig ist?!

1942 beklagte Reich in Die Funktion des Orgasmus, daß die Naturforschung wohl stets versuche, metaphysische Annahmen auszuschalten. Wenn sie in Erklärungsengpässe gerate, dann aber doch nach einem „Zweck“ oder „Sinn“ suche, „die man ins Funktionieren legt“. Zur Widerlegung des finalen „Zweck“-Denkens in der Biologie gibt Reich u.a. folgendes an:

Die Harnblase kontrahiert sich nicht, „um die Funktion der Harnentleerung zu erfüllen“ (…). Sie kontrahiert sich aus einem Ursachenprinzip heraus, weil ihre mechanische Füllung eine Zuckung bewirkt. Das kann auf jede andere Funktion beliebig übertragen werden. Man verkehrt nicht geschlechtlich, „um Kinder zu zeugen“, sondern weil Flüssigkeitsüberfüllung die Genitalorgane bioelektrisch auflädt und zur Entladung drängt. In der Entspannung werden die Sexualstoffe entleert. Es steht also nicht die „Sexualität im Dienst der Fortpflanzung“, sondern die Fortpflanzung ist ein fast zufälliges Ergebnis des Spannungs-Ladungs-Vorgangs im Gebiete der Genitalien.

Und dieser orgonotische Vorgang macht hier das eigentliche funktionell Schöpferische aus! Das Lebendige funktioniert von innen nach außen und gestaltet so seine Umwelt. In der Teleologie ist es genau umgekehrt, egal ob sie sich auf „überweltliche Wirkstrukturen“ oder schlicht auf das Diktat der Umwelt bezieht.

Da Hass nicht konsequent dem energetischen Ansatz folgt, verfängt er sich in jene inhaltsleere Oberflächlichkeit, die das Lebendige aus dem Leben nimmt. Gerechterweise muß aber erwähnt werden, daß Hass ausdrücklich darauf hinweist, daß, sei sein Erklärungsversuch der Evolution mittels „Steuerkausalität“ durch die „Außen- und Innenfronten“ (Umwelteinflüsse, Konkurrenz, etc. und innere Abstimmung der Organe, etc.) falsch, die von ihm aufgestellte energetische Theorie (die „Energontherie“) davon nicht betroffen wäre (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3).

Hans Hass hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, daß die Funktionen nicht im luftleeren Raum hängen, sondern sich stets über „Funktionserweiterungen“ oder „Funktionswandel“ entwickeln (Naturphilosophische Schriften, Bd. 1).

Warum hat Hass nicht die Konsequenzen aus seiner eigenen Theorie gezogen? Mag sein, daß er einem Vorgang zum Opfer gefallen ist, dessen Hintergrund er selbst beschrieben hat. Im Bereich der „natürlichen“ Entwicklung konnten sich z.B. die Flügel der Vögel nur aus den vorderen Extremitäten im Verlauf einer langwierigen Funktionserweiterung und -wandlung herausformen. In der künstlichen Welt des Menschen fehlt jedoch dieser Funktionszusammenhang. Wohl nicht ganz, aber er ist nicht so offensichtlich. So wurde beispielsweise das Flugzeug „ex nihilo“ gebaut, weil man das Ziel des Fliegens vor Augen hatte. Vielleicht wurzeln Hass’ Irrtümer darin, daß er vom Mechanischen und „Geistigen“ auf das Lebendige geschlossen hat.

Nehmen wir die Zirkusdressur als Beispiel. Es ist möglich z.B. einem Pferd fast alles beizubringen, solange man an schon vorhandene Funktionen anknüpft. Beim Gehen auf den Hinterbeinen wird z.B. an Drohgebärden oder an die Begattung angeknüpft. Die Funktion war so schon Millionen von Jahren da, bevor sich irgendein Zirkusdirektor an irgendwelche Aufgabenstellungen für Pferde gemacht hat. (Man kann sogar noch weiter gehen und dieses Verhalten auf die „kosmische Überlagerung“ zurückverfolgen.)

In Hass’ mechano-mystischem teleologischen Denken bestimmt jedoch die Aufgabe z.B. Chicago zu erreichen das Verkehrsmittel Eisenbahn, mit dem diese „Funktion“ erfüllt werden kann. In seinem Artikel zur Orgonometrie im Orgone Energy Bulletin 1950 sieht Reich dies genau umgekehrt:

Es ist offensichtlich, daß bevor die Absicht existieren konnte, Chicago durch einen Zug zu erreichen, die Funktion der Dampfmaschine schon entwickelt gewesen sein mußte.

In seinem Artikel Orgonotic Pulsation sagt Reich 1944, erst mit der Funktion des Gehens, die sich (in Hass’schen Termini ausgedrückt) durch „Funktionsbündelung“ aus Teilfunktionen zusammengesetzt hatte, entwickelte sich das Ziel der Fortbewegung, z.B. einen Tisch zu erreichen.

Die Funktion bestimmt das Ziel, nicht – wie der [teleologische] Vitalist glaubt – das Ziel die Funktion.

Der Hass’schen Begriff „Funktionsteilung“ läßt sich durch folgendes Zitat aus Reichs Orgonometrie-Artikel abdecken:

Eine unbefangene Beobachtung des organismischen Funktionierens konnte nicht darin fehlgehen, die Tatsache freizulegen, daß die Organe weder die Wirkung noch das Resultat irgendwelcher Ursachen sind, sondern Variationen im Prozeß des Wachsens und expandierender, anschwellender Membranen plus Teilung funktioneller Einheiten.

Man sieht wieder: der schöpferische Impuls geht von innen nach außen!

Trotz guter Ansätze hat sich Hass doch in der mechano-mystischen Denkart verfangen, Ursache und Wirkung, bzw. Wirkung und Ursache, „Schloß und Schlüssel“ würden unverbunden „im luftleeren Raum“ aufeinander wirken. Als Energetiker hätte er sehen müssen, daß etwas Drittes, nämlich die Energie zwischen sie geschaltet ist. Es ist nicht so, daß nur die Umwelt auf die Lebewesen bzw. „Energone“ einwirkt, wie Hass es einseitig darstellt, sondern sie vor allem auch aktiv ihre Umwelt gestalten. So gesehen verwischen sich die Grenzen zwischen Ursache und Wirkung und ein wirklich neues, wirklich funktionelles Denken scheint auf, in der das Lebendige im Mittelpunkt steht:

Entsprechend kann man auch zwischen dem Beobachter der Natur und dem beobachteten Bereich der Natur keinen eindeutigen Trennungsstrich ziehen. Genauso wie das „Energon“ auf die Umwelt zurückwirkt, beeinflußt auch der Beobachter das Beobachtete. Beide Bereiche werden von der einen Lebensenergie bestimmt:

Eine andere Art zu denken, führt uns schnurstracks in den Mystizismus.

Die Unbestimmtheit, in der Hass, geprägt durch Thermodynamik und Philosophie, „die Energie“ beläßt, führt zu frappanten Unterschieden zur Orgonomie. Zum Beispiel spricht Hass davon, die Energie würde nicht die Form der Energone bestimmen. Ist doch für ihn die Gestalt der „Leistungsgefüge“ absolut nebensächlich, solange sie nur einen hohen Wirkungsgrad haben. So ist sogar der Energie-Metabolismus für die Energone letztlich „bloß Hilfsmittel, das unter Umständen auch überflüssig werden kann.“ Ein abgestorbener Rosendorn erfüllt z.B. seine Funktion weit besser als ein noch lebender.

Hier kann aus orgonomischer Sicht die folgende orgonometrische Gleichung (nach Konia: Journal of Orgonomy, May 1982) vieles klarer machen:

So leitet Reich die Funktion und die Morphologie orgonotischer Systeme von der Bewegung der Orgonenergie ab. Sie gefriert zu einer Struktur und äußert sich dann innerhalb dieser Struktur in bestimmten Funktionen. Das klarste Beispiel hierfür ist die idealisierte Gestalt des Tieres und sein Orgasmusreflex („geschlossenes Orgonom“).

Dieses Funktionieren findet sich auch in den Prozessen. Hass behauptet, „der Kreisprozeß“ sei „der gemeinsame Gesichtspunkt“ (CFP), mit dessen Hilfe es möglich ist, „das verzweigte Gewirr von Ursache und Wirkung im Organismus zu entflechten“:

Im Querschnitt bieten die Energone ein unüberschaubares Netz von Verflechtungen – einen „Kausalfilz“. Aus der Sicht ihrer evolutionären Entwicklung veränderten und entfalteten sie sich dagegen in immer wiederkehrenden Kreisprozessen. Wie in ständigen Strudelbildungen fließt – tastet sich – der Entwicklungsstrom weiter. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987)

Hass nennt dies „die Theorie der funktionellen Kreisprozesse“. (Sie sei jedoch ein Zusatz, der die Energontheorie nicht direkt berühre.) Diese Theorie zeige einen gesetzmäßigen Weg, „wie es durch Aufeinanderfolge von Funktionsveränderungen zu Fortschritten und Höherentwicklungen kommen konnte.“

Zur Einführung seiner Theorie erwähnt Hass, der Gedanke des Kreisprozesses sei öfters aufgetaucht, so z.B. im buddhistischen „Rad der Wiederkehr“. Hass erwähnt auch Nietzsches „Ewige Wiederkehr“. Seine eigene Theorie stellt er wie folgt graphisch dar:

Dazu schreibt Hass:

Der Funktionsträger G leistet zunächst nur die Funktion a. Im Zeitintervall 1 nimmt er, in Funktionserweiterung, die Funktion b hinzu; in der Spanne 2 auch noch die Funktionen c und d. Es kommt so zu einer Überbürdung, und in der Zeitspanne 3 findet eine Funktionsteilung statt: H übernimmt die Funktion c, I die Funktion a, b und d. In der Zeitspanne 4 kommt es zu einer weiteren Funktionsteilung. Der Funktionsträger I hat schließlich wieder bloß eine Funktion. Bei ihm wie auch bei H kann es zu weiteren Kreisprozessen (analog G) kommen.

So finden wir auch bei Hass die Kreiselwelle:

Selbst auf die Überlagerung kommt Hass zu sprechen, wenn er das Verhältnis der Zellen zu ihren Organellen (Bionen), z.B. Mitochondrien oder Ribosomen, erwähnt. Danach kam es in der Phylogenese der Zellen

durch Verbindung bereits fertig entwickelter, sozusagen vorfabrizierter Einheiten, zur Höherentwicklung. der Spruch: créer cést unir – schöpfen heißt vereinen – erfaßt diese Vorgänge treffend. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Hass geht auch davon aus, daß die Evolution erst durch die sexuelle Vermischung der Erbinformationen, also durch die Überlagerung verschiedener Erbrezepte, ihre Ergebnisse in der verhältnismäßig kurzen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, hat zeitigen können.

Die Orgonomie und die Energetik (Teil 2)

3. Mai 2015

Das Werk des russischen Mineralogen Wladimir Wernadski (1863-1945) umfaßt fast die gesamte Energontheorie von Hans Hass. Bei der folgenden kurzen Darstellung stütze ich mich als einziger Quelle auf die Ausgabe von Wissenschaft in der UdSSR von Sept./Okt. 1987.

Wernadski belebte die statische Mineralogie, indem er die Mineralien evolutionär als Restspuren einstiger Reaktionen interpretierte. Dabei stieß er auf folgende vier Probleme:

1. Die kieselsaure Tonerde Kaolin (auch Porzellanerde genannt), die fast immer im Ton zu finden ist, bildet sich aus festem Feldspat oder Glimmer (Aluminiumsilikat). Diese Umwandlung kann aber nicht unter den normalen Bedingungen, wie sie heute normalerweise auf der Erde zu finden sind, vonstatten gehen, sondern nur unter Anwendung hoher Temperaturen und aggressiver Säuren.

Das veranlaßte Wernadski nach einem „übersehenen Kaolinisierungsfaktor“ zu suchen, der über die Grenzen der schematischen Geologie und Mineralogie hinausgeht.

Orgonenergie? Ließe sich hier ein Anschluß an Reichs Entdeckung von Gesteinsveränderungen infolge des ORANUR-Experiments finden?

2. Silikate bilden den überaus größten Teil der Erdkruste. Das wirft Fragen auf, denn damit solche siliziumhaltigen Gesteine entstehen können,

ist es nötig, daß die feste Verbindung zwischen den Aluminium- und Siliziumatomen gelöst wird und die Aluminium- von den Siliziumatomen getrennt werden. Eine dazu erforderliche geologische Energie aber liegt nicht vor.

Orgonenergie? Daß es sich bei dieser „geologischen Energie“ tatsächlich um das Orgon handeln könnte, wird klar, wenn Wissenschaft in der UdSSR solche Gesteine „außerhalb des geologischen Gleichgewichts“ mit thermodynamischen Modellen vergleicht und dabei das Orgonomische Potential anschneidet:

Eine spontane Trennung der Silizium- von Aluminiumatomen ist genauso schwer vorstellbar wie die Trennung „heißer“ und „kalter“ Moleküle, die dazu führte, daß das eine Ende einer Metallstange von selbst rot glüht, das andere aber sich mit Rauhreif bedeckt. Wenn aber die Trennung dennoch erfolgt war, mußte eine rationale Erklärung gefunden werden.

Man ersetze die besagte Stange durch einen Orgonenergie-Akkumulator auf der einen Seite und eine Kontrollbox auf der anderen: der ORAC wird sich von selbst erwärmen.

3. Mit seiner „Unvollständigkeitsmethode“, die nach dem (dritten) fehlenden Faktor suchte, analysierte Wernadski auch

die geochemischen Eigenschaften der Granite und sah in ihnen deutlich Verbindungen, deren Entstehung im Rahmen eines toten thermodynamischen Gleichgewichts undenkbar wäre. Seiner eigenen Logik folgend, gelangte er zu dem eindeutigen Schluß, daß eben jener „übersehene Faktor“ an der Herausbildung der Gesteine hatte teilnehmen müssen. Die lebende Substanz.

Danach waren die Granite Überreste „einstiger Biosphären“. Dergestalt war die „träge Materie“ dem „Druck des Lebens“ ausgesetzt. Tatsächlich hat man auf keinen anderen Himmelskörper Granite entdeckt. Auch ist man im Granitgestein Skandinaviens auf Erdöl gestoßen. Etwas, was bisher als unmöglich galt. (Siehe dazu unsere vorangegangene Diskussion über den „Ölplaneten Erde“.)

4. Die Atmosphäre selber, insbesondere das Vorhandensein von freiem Sauerstoff, paßte nicht in den Rahmen der „chemischen Thermodynamik“, ist doch Sauerstoff äußerst reaktionsfreudig, so daß sie sehr schnell einem „sauerstofflosen chemischen Gleichgewicht mit einem Maximum an Entropie“ zustreben müßte. „Da nichts dergleichen geschieht, ist wieder ein zusätzlicher Faktor zu vermuten (…).“ Dies ist natürlich über die „lebende Substanz“ indirekt die Orgonenergie. (Reich glaubte, daß die atmosphärischen Bestandteile auch direkt von der atmosphärischen Orgonenergie durch „Mikro-Überlagerung“ geschaffen werden.)

Jim Lovelock („Gaia-Hypothese“) hat in seinem Buch Unsere Erde wird Überleben (München 1982) darauf verwiesen, daß die gesamte chemische Zusammensetzung der Atmosphäre nicht dem entspricht, was

man aufgrund eines stationären chemischen Gleichgesichts erwarten dürfte. Das Vorkommen von Methan, Stickoxyd und sogar molekularem Stickstoff in unserer gegenwärtigen oxidierenden Atmosphäre stellt eine Verletzung chemischer Gesetze dar, und zwar um Faktoren von mehreren Zehnerpotenzen. Ungleichgewichte solcher Größenordnungen deuten darauf hin, daß die Atmosphäre nicht einfach ein Produkt, sondern wahrscheinlich sogar ein Konstrukt des Lebens darstellt: zwar nicht lebendig, doch wie das Fell einer Katze, die Feder eines Vogels oder die papierartige Wand eines Wespennestes der erweiterte Bestandteil eines lebenden Systems dazu bestimmt, eine passende Umwelt aufrechtzuerhalten.

Das Unterstrichene wird noch entscheidende Bedeutung für unsere Beurteilung der Energontheorie von Hans Hass haben.

Wernadski war der Meinung,

daß sich der erstaunlich hohe Energiegehalt der lebenden Substanz unmöglich ohne eine Analyse ihrer Beziehung zu Raum und Zeit erklären läßt.

Dabei sah er als Kristallograph „einen großen Unterschied zwischen der räumlichen Struktur der unbelebten und belebten Materie.“ So kommen in der Kristallographie Drei-, Vier- und Sechsecke und Kombinationen vor, aber keine Fünfflächner und Fünfecke. Diese sind auf das Lebendige beschränkt:

Eine fünfzackige Form haben die Seesterne, fünf Blätter haben die Fliederblüten, fünf Finger hat die menschliche Hand.

Bereits Kepler habe die fünfflächige Struktur mit der „lebensspendenden Kraft“, die „unfruchtbare Kraft“ jedoch mit der sechsflächigen gleichgesetzt.

Die Asymmetrie, oder, wie Wernadski sie nannte, „Disymmetrie“ des Raumes sei

auch mit der Disymmetrie der Zeit unlöslich verknüpft. Eine Vorwärtsbewegung ist nicht gleichbedeutend mit einer Rückwärtsbewegung, wobei diese Ungleichheit nur in der unausgewogenen Welt der Biosphäre deutlich zum Vorschein kommt.

Interessanterweise wird eine derartige „Inhomogenität des biosphärischen Raum-Zeit-Komplexes“ mit dem Orgonomischen Potential in Zusammenhang gebracht. Setzt sie doch

logisch zwingend voraus, daß sich darin unbedingt Bereiche finden, wo Raum und Zeit gleichsam komprimiert sind. In diesen Bereichen gehen alle Prozesse schneller vor sich. Oder sie sind komplizierter. Sie umfassen offensichtlich Funktionen wie Steuerung sowie Energie- und Informationsspeicherung.

Das Ungleichgewicht, die Anreicherung von Energie und die Beschleunigung der in der Biosphäre vor sich gehenden Prozesse mußten zwangsläufig zum Erscheinen eines neuen, noch mobileren und wirksameren Steuerungsfaktors führen. Zu diesem Faktor wurde der gesellschaftliche Mensch.

Dieser bildet im Anschluß an die natürliche Biosphäre die artifizielle „Noosphäre“. Dies ist Teilhard de Chardin (1881-1955) zufolge die Gesamtheit der vom Menschen Zwecken zugeführten („funktionalisierten“) Materie. (Auf dieses Konzept beruft sich auch Hans Hass.) Gemäß dem negentropischen Gesamtprozeß, der sich hier fortsetzt, bildet sich nach Wernadski „unter der Topologie der Noosphäre“ ein System „noosphärischer Herde“ aus, „die ihr Wirkungsfeld auf einen weiten Umkreis ausdehnen.“

Dies kann man als eine Äußerung des Orgonomischen Potentials im menschlichen Bereich ansehen. Für Hass fällt dies unter den „menschlichen Energonbau“, der analog zum natürllichen Energonbau zwar nicht Lebewesen aber ihr Äquivalent erzeugt: „Berufskörper“ und „Erwerbsorganisationen“.

Für Wernadski wird dergestalt die Menschenwelt zu einem „besonders dynamischen Wachstumsbereich“ im „Lebensstrom“ (ein Begriff von Hass). Aus dieser Sicht ist dann der Mensch nicht mehr „Feind der Natur“, „sondern ihr unerläßlicher Bestandteil aus energetischer, evolutionsseitiger und räumlich-zeitlicher Sicht“.

Mit dieser einheitlichen Sicht vom Mineral bis zur Kultur hat Wernadski eine „Einheit der wissenschaftlichen Kenntnisse“ verwirklicht, die an Reich gemahnt.

[Wernadski] legte auf der Evolutionsspirale gleichsam den Weg von den Gesetzen der unbelebten Materie, deren Unvollständigkeit er spürte, zu den Gesetzen der belebten und in der Folgezeit der denkenden Materie zurück. Der Tod ereilte ihn, als er seinen nächsten Schritt tat: zu einer Konzeption der „humanen Materie“.

Beim zeitgenössischen „Energetiker“ Josef Haid (Lebensrichtig, CH-Chur 1984) haben wir es mehr mit Weltanschauung als mit Wissenschaft zu tun. Er glaubt, mit Reich, daß „die Energie“ „in unserem Körper sich ihrer selbst bewußt geworden“ sei. Ganz ähnlich wie Wernadski sieht auch Haid den Menschen als „unerläßlichen Bestandteil“ des negentropischen Prozesses an, er sei eine „Regelstruktur“ (Wernadski sprach von „Steuerungselement“) des kosmischen Wesens, durch den es bzw. „die Energie“ ihre Entwicklung im Wirkungskreis des Menschen lenkt.

Leider widerspricht Haids Denken in einem zentralen Punkt den Reichschen Anschauungen, glaubt doch Haid (wie übrigens auch Hans Hass und, so soweit ich es überblocken kann, alle Energetiker), der Mensch müsse

seine Triebe (Aggression, Sexualität, Geltungs- und Besitzstreben, usf.) und die anderen, von den Regelstrukturen veranlaßten, unbewußten Lenkungen durch bewußte, lebensrichtige Verhaltensweisen soweit (…) ändern oder ausschalten, daß sie sich nicht mehr lebenswidrig auswirken können.

Es ist die alte Frontlinie „Freud gegen Reich“!

Wie Reich glaubt Haid, daß das Bewußtsein „irgendwie“ in der kosmischen Energie angelegt ist. Haid sagt dazu:

In der Energieeinheit der Welt ist das ganze „Wissen“ über sie enthalten. Den einzelnen Energieformen wird es bewußt, soweit sich in ihnen für das Bewußtwerden – das Erwecken des Wissens – die geeigneten Organe entwickelt haben.

Diese Entwicklung vollzieht sich aber, Haid zufolge, „nicht geradlinig“ (also nicht rein „vitalistisch“), denn da alle Energieformen „Teile der All-Einheit und untrennbar miteinander verbunden, verwoben, von einander durchstrahlt und abhängig“ sind, beeinflussen sie sich auch gegenseitig. So bringen sie sich gegenseitig „Lamarckistisch“ jene „Eindrücke“ bei, aus denen sich die Regelstrukturen entwickeln. Bei Haid reicht dies von den physikalischen und chemischen Ebenen, über die Erbrezepte der Pflanzen und Tiere und ihre Verhaltensprägungen bis zu den menschlichen „Denksystemen“.

Für Haid (wie auch für Hass) ist das Erbgut des Menschen nicht auf die Erbanlagen beschränkt.

Unter anderem sind auch die mittels Bild, Schrift und Ton konservierten Erfahrungen und Kenntnisse ein Teil der menschlichen Vererbung.

Zusammenfassend ist für Haid der Kosmos eine „Energieeinheit“, in der sich „Energieformen“ evolutionär von den Wasserstoffatomen bis zum Menschen und weiter entwickeln. Diese „Energieformen“ entsprechen formal den Hass’schen „Energonen“, obwohl sich letztere ausschließlich auf die Bio- und Noosphäre beziehen. Die Entwicklung bzw. die Konzentration der „Energieformen“ aus der primordialen „unkonzentrierten Energie“ schreibt Haid einem metaphysischen „Entwicklungs-Antrieb“ oder „Lebenstrieb“ zu. Er sei eine „unverlierbare Eigenschaft der Energie“.

Die Energieformen, einschließlich des Menschen, sind für Haid (wie auch für Hass) nur „Übergang und Stufe auf dem Weg der Entwicklung“. So erinnert dieser Lebenstrieb stark an Hass’ „Lebensstrom“, obwohl der letztere als etwas rein Mechanisches konzipiert ist.

Genau wie Hass ist aber auch Haid jemand, der glaubt, man könne das Leben mit Hilfe von Computern berechnen. Ist er doch davon überzeugt, daß „mit Hilfe von Denkmaschinen der Mensch die lebensrichtigen Verhaltensweisen – Ziele, Aufgaben, Aktionen, Reaktionen – für alle Daseinsbereiche immer schneller und genauer erkennen“ wird. Denn „mit Hilfe des Prinzips der Lebensrichtigkeit wird die wissenschaftliche (…) Bestimmung des optimalen menschlichen Verhaltens möglich.“

Dies kann man am ehesten verstehen, wenn man von den drei „Bewertungsniveaus“ der Energontheorie von Hass ausgeht:

  1. dem für das Individuum;
  2. für die Art; und
  3. für den „Lebensstrom“.

Für Haid (und für Reich) ist positiv zu bewerten, was „dem Leben“ dient: Ist dem Individuum geholfen, fördert dies die Spezies, zu der es gehört, und gedeiht die Spezies, entwickelt sich das gesamte Leben und weitet sich weiter über die tote Materie aus.

Für Hass jedoch gibt es gewichtige Interessenkonflikte zwischen den drei Stufen: Was dem Individuum zuträglich ist, z.B. sich nicht für die Nachkommen aufzureiben, kann der Art sehr wohl schaden. Und was der Erhaltung der Art dient, kann durchaus der weiteren Entwicklung des Lebens, dem „Lebensstrom“, unzuträglich sein. Ohne das Aussterben der Saurier hätte es wohl nie Menschen und damit bewußtes Leben gegeben, das zum Mond fliegen kann!

„Lebensrichtig“ und „Lebenswidrig“ beziehen sich bei Josef Haid auf die unmittelbare Beziehung des Individuums zur Energie. Deshalb kann bei Haid beispielsweise der Gedanke aufkommen, der Kontakt mit „der ewigen Energieeinheit des Alls“ würde eine tiefe (todes-) angstlösende Freude schenken. Haid:

Fördern oder schädigen wir unseren Körper, so begünstigen beziehungsweise beeinträchtigen wir (…) auch unsere Mitmenschen und die übrige Umwelt; und wenn wir diese fördern oder schädigen, begünstigen beziehungsweise beeinträchtigen wir auch uns selbst: wir sind mit allem untrennbar in der All-Einheit – in diesem unendlich „vernetzten“ System – verbunden.

Solche Ideen einer umfassenden Kommunion sind bei Hans Hass undenkbar. Im Gegenteil, bei Hass droht der diabolische Lebensstrom das Individuum zu verschlingen. „Lebenslust“ und „Lebensstrom“ liegen bei Hass in einem ständigen Konflikt.

„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 1)

2. März 2015

Einwürfe bzw. Einwände gegen meine „kapitalistische“ Interpretation der Arbeitsdemokratie sind nur allzu berechtigt, wenn man objektiv Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie betrachtet, das in der frühen Phase wirklich kaum von anarcho-syndikalistischen und räte-kommunistischen Konzepten, wie sie beispielsweise Rudolf Rocker und Anton Pannekoek ausgearbeitet haben, zu unterscheiden war, mal abgesehen davon, daß bei Reich das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ fehlt. Phillip Bennet hat das sehr schön gezeigt: „Wilhelm Reich’s Early Writings on Work Democracy: A Theoretical Basis for Challenging Fascism Then and Now“ im öko-sozialistischen Magazin Capitalism Nature Socialism (Vol. 21, No. 1, March 2010).

Aber betrachten wir einmal Reichs „politische“ Entwicklung:

  • 1919-1927: ein linker Sozialdemokrat in der ohnehin sehr linken „austro-marxistischen“ Sozialdemokratischen Partei Österreichs.
  • 1928-1933: Anschluß an die KPÖ, eine linksradikale direkt von Moskau gesteuerte Politsekte, danach an die Massenpartei KPD, die (ebenfalls von Moskau instruiert) gerade ihre linksradikale Phase durchmacht: bereits Sozialdemokraten sind Nazis („Sozialfaschisten“).
  • 1934-1937: im Exil Annäherung an Kräfte, die sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu den Kommunisten (die sich beide in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ näherkommen) in kritischer Opposition stehen: Trotzkisten, SAP (Willy Brandt, etc.), Neu Beginnen, Mot Dag, etc.
  • 1938-1941: wie eingangs erwähnt eine quasi „anarcho-syndikalistische“ Phase (ohne jeden Kontakt zu tatsächlichen Anarcho-Syndikalisten).
  • 1942-1947: wie aus dem 1942 verfaßten Schlußkapitel der Massenpsychologie des Faschismus  deutlich wird, verflüchtigen sich aus dem Konzept der Arbeitsdemokatie alle „links-utopischen“ Vorstellungen und das Konzept wird im Vergleich mit den vorangehenden Ausformulierungen etwas konturlos. Trotzdem bleibt Reich nach außen hin eher „ein Linker“ im Sinne von Roosevelt (heute etwa mit Obama vergleichbar).
  • 1948-1957: mit der Hetze der linken Presse (Mildred Brady, etc.) und seiner Enttäuschung darüber, wie seine linksliberalen Anwälte mit der Kampagne umgehen, entwickelt sich Reich zunehmend nach rechts.

Liest man die von einer linksliberalen Herausgeberin kommentierte und (wie sich leicht nachweisen läßt) teilweise zensierte Korrespondenz Reichs mit A.S. Neill (Zeugnisse einer Freundschaft) zeichnet sich seit etwa 1942, eindeutig aber ab etwa 1948, ein Reich ab, der langsam aber sicher ziemlich genau die Haltung der heutigen Orgonomie annimmt. Vor dem Hintergrund dieser Briefe wird auch klar, daß Reichs negative Äußerungen über „Liberale“ (d.h. Linke) und positive über Konservative in Christusmord nicht nur oberflächliche Reflexionen sind, wie linke „Reichianer“ es gerne hinstellen, sondern erste Ansätze einer soziopolitischen Charakterologie im Sinne Elsworth F. Bakers darstellen, die sich im übrigen bereits im 1942 geschriebenen Vorwort zu Massenpsychologie des Faschismus (das Dreischichten-Model) und dem 1947 verfaßten Äther, Gott und Teufel (Mechanisten gegen Mystiker) abzeichnen.

In diesem charakterologischen Rahmen sieht die Orgonomie heute die Arbeitsdemokratie.

Dazu muß gesagt werden, daß für Reich „Ökonomie“ mehr bedeutet hat als nur „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“, also Maschinen, Know How, Arbeit, Kapital, Einkommens- und Machtverteilung, sondern in erster Linie die gegenseitige unlösbare Abhängigkeit der einzelnen Produzenten und Konsumenten voneinander – die inhärent Rationalität aufzwingt. Entsprechend war für Reich das ökonomische Elend nur eine sekundäre Funktion der politischen Pest (Brief an Neill vom 8. Juli 1953).

Betrachten wir dazu das folgende Schema, mit dem Reich seine wissenschaftliche Entwicklung von der Psychoanalyse (Psychologie) über den Marxismus (Soziologie) zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Biologie) beschrieb:

Die Ökonomie umfaßt (genauso wie die Sexualität) offensichtlich alle drei Bereiche, wobei der biologische Bereich der umfassendste und tiefste ist. Die biophysikalische Charakterstruktur ist wichtiger als alle soziologischen (inklusive konventionell „ökonomischen“) und rein psychologischen Überlegungen.

Es geht darum, wie „die Pest“ (die Emotionelle Pest) von außen her einbrach, die arbeitsdemokratischen Beziehungen zerstörte und die Menschen charakterlich verformte, was dann von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Es geht darum, wie dieser Teufelskreis wieder aufgehoben werden kann, d.h. wie man die Menschen wieder freiheits- und verantwortungsfähig macht. Reichs Antwort war: indem man

  1.  die politische Pest bekämpft;
  2. den Menschen die rationale Arbeitsdemokratie nahebringt;
  3. ihnen Selbstverantwortung „aufbürdet“, anstatt sie zu „befreien“; und
  4. indem man die Kinder von vornherein so aufzieht, daß sie die Falle gar nicht erst betreten.

Das hat ihn zu einem Gegner aller linken und rosaroten Volksbeglücker gemacht.

Für das Individuum in der Orgontherapie bedeutet das mit abnehmender Bedeutung:

  1. die biologische, bio-physische Therapie, die direkt die organismische Orgonenergie einwirkt, indem die Panzerung systematisch beseitigt wird, die die Energie in Schach hält (BIOLOGIE).
  2. die Befreiung des Patienten (wenn nötig) von seiner Familie („Familitis“) und (wenn nötig) Ermutigung zu ökonomischer Unabhängigkeit, was allein schon einen heilenden Effekt hat (SOZIOLOGIE).
  3. Aufklärungsarbeit über realitätswidrige Annahmen (PSYCHOLOGIE).

In der (wenn man so will) „gesellschaftskritischen Arbeit“ mit den Massen sieht es genau umgekehrt aus:

  1. Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Fallstricke mechanistischen und mystischen Denkens (PSYCHOLOGIE).
  2. die Bekämpfung der sozialistischen (euphemistisch: „sozialstaatlichen“) Entmündigung der Massen (SOZIOLOGIE).
  3. das „Projekt Kinder der Zukunft“ (BIOLOGIE).

Das „Projekt Kinder der Zukunft“ steht hier an letzter Stelle (obwohl es „an und für sich“ am wichtigsten ist!), weil es naturgegeben erst nach einer Generation (30 Jahre!) oder noch später wirklich im gesellschaftlichen Maßstab greifen kann.

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Liebe

13. Februar 2015

Reichs Haltung zum Thema Liebe wurde wohl am prägnantesten von seinem 1985 verstorbenen Schüler Elsworth F. Baker formuliert. Der genitale Charakter spüre Liebe nicht in erster Linie im Herzen, sondern im Genital.

Liebe ist eine Erstrahlung des Organismus, die in erster Linie im Genital gespürt wird, wenn man in der Nähe desjenigen ist, den man liebt. Es reicht sogar, wenn man nur an die geliebte Person denkt. (The Journal of Orgonomy, Vol. 14, No. 1, S. 99)

Entsprechend steht die Orgonomie bei eher konservativ Gesinnten im Ruf, für ein „ausschweifendes Sexualleben“ zu stehen. Dabei können sie beispielsweise auf Orson Beans Autobiographie „One man’s search for sexual fullfillment“ verweisen. Mehr liberal Gesinnte brauchen in ihrem Vorwurf, die Orgonomie sei puritanisch, nicht mal auf die „Verdammung“ prägenitaler Lüste hinzuweisen, es reicht schon die Weigerung der Orgonomie Liebe und Sex voneinander zu trennen.

Tatsächlich hat die Orgonomie nichts gegen ein „ausschweifendes Sexualleben“, aber sehr wohl etwas gegen die Instrumentalisierung der Sexualität für „Kunst“, Kommerz (Pornographie), Religion und Macht (Tantra), Politik („Reichianer“) und ganz allgemein Freiheitskrämerei (Nacktkultur, sogenannte „Aufklärung“, etc.). Da ist die Orgonomie puritanischer als der Papst.

Bereits Anfang der 1930er Jahre schrieb Reich:

Eingehende Erfahrung lehrt, daß je mehr die sexuellen Erscheinungen sich in einer Gesellschaftsgruppe vordrängen, desto gestörter, zerrissener, unbefriedigender für jeden einzelnen das Geschlechtsleben im Innern und in Wirklichkeit ist. (Der sexuelle Kampf der Jugend, S. 53)

Dies zur Rezeption á la Erich Fromm, die behauptet, mit der heutigen sexuellen Befreiung und ihren verheerenden Folgen wäre der „Sexualromantiker“ Reich widerlegt. Diese Reich-Kritiker sehen einfach nicht den Kern des Problems: die orgastische Impotenz.

Reich spricht nie über Sex im Sinne von „Liebestechniken“. Solange kurz vor und während des idealerweise gemeinsamen Höhepunkts Eichel und Uterusmund sich nahe sind, ist alles „erlaubt“ was gefällt. Über das hinaus kann man wenig bis nichts sagen.

Wo bleibt das „Herz“? Daß zur genitalen Umarmung auch die Sehnsucht nach der Überlagerung gehört, ist selbstverständlich. Diese Sehnsucht ist spezifisch mit dem Brustsegment und dem Herzen verbunden.

Es stimmt nicht, daß Reich die romantische Liebe nicht gekannt hat und am „genitalen Sex“ fixiert war. In seinen Jugenderinnerungen schreibt er z.B.:

(…) keine Sehnsucht kann bei mir so stark werden wie die nach der Frauenbrust als Kopfkissen. Ich habe später viele keusche Nächte erlebt, in denen ich auf der Mädchenbrust ruhend, eng an sie und den Körper geschmiegt, vollkommenen Ersatz für den Koitus fand. (Leidenschaft der Jugend, S. 56)

Daß wir das Gefühl haben, daß sich Sehnsucht und Liebe in der Brust bei weiterer Intensivierung allmählich ins Genitale ausbreitet, hängt damit zusammen, daß das Herzen unmittelbar über dem Solar plexus liegt, dem Zentrum des orgonotischen Systems.

Liebe ist eine orgonotische Erstrahlung unseres bioenergetischen Kerns, die entsprechend der Entfernung zunächst nach oben zum Herzen und dann nach unten zum Genital übergreift. Deshalb ist es unmöglich, mit einem orgonotisch vollständig erregten Penis den Geschlechtsakt durchzuführen („durchzuführen“) und dabei keine Liebe zu empfinden. Gleichzeitig ist es natürlich möglich, auch mit einer „kalten Erektion“ Sex zu haben. Entsprechend sind Liebe und Sex zwei Funktionsbereiche, die man trennen kann.

Beispielsweise konsumieren Männer typischerweise harte Pornographie, in der Liebe keine Rolle spielt, während Frauen eher „Pornographie fürs Herz“ genießen („Herzchen“, Schlagerschnulzen, Liebesromane, Titanic, Pretty Woman, etc.). Ein Psychopath kann den Geschlechtsakt ausführen, ein Querschnittsgelähmter kann Liebe empfinden.

Liebe ist Herzenssache, Sex konzentriert sich im Genital. Bei der Liebe geht es um Emotionen, beim Sex um Sensationen, „Aktion“ und „Technik“. Das entspricht den beiden sich ergänzenden Energiesystemen des Körpers: dem orgonotischen System (Pulsation) und dem Orgonom (Kreiselwelle).

Das erstere System liegt bei gepanzerten Menschen dem Mystizismus zugrunde, das letztere dem Mechanismus.

In Nervenheilkunde (1-2, 2010) ist ein sehr interessanter Artikel von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer (Universitätsklinikum Ulm) unter dem Titel „Liebe und Sex, der Wald und die Bäume“ erschienen.

Spitzer führt auf überzeugende Weise etwas aus, was die Grundlagen der Orgonomie infrage stellen könnte:

Frühere Auffassungen, die sowohl von Evolutionsbiologen als auch von Psychoanalytikern vertreten wurden, daß Liebe eine Art Epiphänomen darstelle, und sich „eigentlich“ alles nur um Sex drehe sind unzutreffend.

Das ist eine neurobiologische Tatsache, die schwerlich wegzudiskutieren sein wird!

Spitzer führt aus, daß Liebe und Sex vollkommen unterschiedliche Konnotationen haben: globale, kreative Ganzheitlichkeit mit einem weitem Zeithorizont gegen Fokussierung auf Details und das Hier und Jetzt. So ist auch die Überschrift von Spitzers Aufsatz erklärlich: Mal betrachten wir eher den Wald und mal eher die einzelnen Bäume.

Wir alle kennen die Frage: „Was findet der nur an der!“ und verkennen, daß Liebe vollkommen blind macht für all die (mehr oder weniger) kleinen Schönheitsfehler, während wir umgekehrt nach dem Rausch des Augenblicks feststellen, wie öde und imgrunde häßlich doch die Frau ist, „an der alle Details stimmen“.

Diese beiden unterschiedlichen Gefühlswelten können Psychologen experimentell anhand von Freiwilligen erforschen und quantifizieren. Spitz referiert eine entsprechende Arbeit. Bezeichnenderweise sprechen die Psychologen von zwei unterschiedlichen „Denkmustern“, gemäß der Vorstellung, daß „sich alles nur im Gehirn abspielt“.

Aus Sicht der Orgonomie sind Liebe und Sex nur zwei Aspekte der beiden Hauptäußerungsformen der Panzerung des Menschen: des Mystizismus („Romantik“) und des Mechanismus („Ficken“). Die Orgonomie erschließt jedoch einen tiefer gelegenen dritten Funktionsbereich jenseits von Liebe und Sex: die Genitalität.

Während der gepanzerte Mensch in einem der beiden „Denkstile“ gefangen bleibt oder ein Doppelleben führt (der liebende Ehemann, der sich heimlich bei Huren „auslebt“), lebt der ungepanzerte Mensch ein funktionelles Leben. Er kann sich angemessen verhalten: Liebe und Sex ergänzen einander, statt sich gegenseitig zu behindern. Gleichzeitig kann er sie klar voneinander trennen, beispielsweise wird er nach einer bedeutungslosen Affäre nicht zum liebeskranken Stalker, genauso ist er aber auch fähig, Frauen „ohne Hintergedanken“ so zu lieben, wie man einen sehr engen Freund liebt.

Reich hat die Funktionsweise der Orgonenergie mit Hilfe der Orgonometrie beschrieben, siehe dazu die Abbildung unten. Je nach Fragestellung kann man in der Orgonometrie von bestimmten Variationen ausgehend nach immer tieferen Gemeinsamen Funktionsprinzipien suchen, deren tiefstes das einheitliche Naturgesetz N ist (N ← V); oder man kann umgekehrt von allgemeinen Funktionsprinzipien ausgehen und von dort auf die potentiell unendlich vielen Variationen V dieses Naturgesetztes blicken (N → V). Beides ist gleichwertig und hat seinen angemessenen Platz im Leben. Kommt Panzerung ins Spiel, wird eines der beiden Denkstile rigide festgehalten mit den entsprechenden lebenswidrigen Folgen.

Man denke nur daran, wie der „rechte“ Katholik die Liebe gegen den teuflischen Sexus in Stellung bringt, während umgekehrt der „linke“ Atheist auf zynische Weise alles vom Sexus her sehen will und jede Art von Liebe psychoanalytisch oder evolutionsbiologisch zu dekonstruieren trachtet. Das erstere ist Ausdruck des Mystizismus, das letztere des Mechanismus.

Da Reich in einer Zeit gelebt hat, in der der sexualfeindliche Mystizismus kulturell vorherrschend war („die Adenauer-Zeit“), hat er getreu seiner Herkunft aus der Psychoanalyse und der Darwinistischen Biologie den Schwerpunkt etwas einseitig auf den Sexus gelegt. Heute ist die Lage grundlegend anders.

Sexpol 1933 und Sexpol 2015 (Teil 2)

28. Januar 2015

Eines der populärsten Fakten der Biologie, wenn nicht das populärste überhaupt, ist die Prägung von frisch geschlüpften Gänseküken auf den Menschen. Die Küken schlüpfen und betrachten das nächstbeste sich bewegende größere Objekt als Mutter. Ist diese Prägung einmal erfolgt, ist sie prinzipiell irreversibel. Nichts wird die perversen Küken zurück zu ihrer biologischen Mutter bringen.

Ganz ähnlich ist es mit der menschlichen Sexualität bestellt. Entscheidend sind dabei die ersten Masturbationsphantasien. Bei Jungen können die absonderlichsten „Fetische“ eingeprägt werden, bei Mädchen zumeist masochistische Fantasien. Allein schon deshalb, mal ganz abgesehen von sexualökonomischen Überlegungen, ist es so wichtig, daß Kinder in ein unverkrampftes Verhältnis zum (gleichaltrigen) anderen Geschlecht hineinwachsen und sich ihre Fantasiewelt auf Liebschaften mit Spiel- und Schulkamerad(inn)en ausrichtet.

Früher wurde in dieser Hinsicht viel von der autoritären Gesellschaft kaputt gemacht.

In Übereinstimmung mit der späteren Prägungs-Theorie der Verhaltensforscher, erachtete es Reich für die sich entwickelnde Sexualkonstitution als entscheidend, wie genau das Kind die erste genitale Sensation erfuhr. Unmöglich konnte er voraussehen, daß nach der Jahrtausendwende so gut wie in jedem Kinderzimmer ein Pornokino steht, bei dem auf Knopfdruck Sodomie mit Mensch und Tier abgerufen werden kann.

Psychologen fordern ihr Allheilmittel: die breite Diskussion der Problematik in Schule und Familie – wodurch auch das letzte Kind auf die Möglichkeiten des Weltnetzes hingewiesen wird.

Was tun? Zunächst einmal hätte es niemals zu einer Aufhebung des Verbotes der Pornographie kommen dürfen. Allein schon dadurch haben sich die Liberalen und Sozialdemokraten für immer diskreditiert. Natürlich gab es immer Pornographie, aber das eigentliche Problem ist ja die Pornoschwemme, die durch das Internet jetzt nochmals potenziert wurde.

Nun, wo die Dämonen freigesetzt wurden, wird man sie kaum je wieder einfangen können. Zumal bei einer möglichen Netzzensur das passieren wird, was etwa in den Weltnetz-Stationen der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen geschieht: nicht nur alles, was irgendwie mit Sexualität zu tun hat, wird gesperrt, sondern auch alles was auch nur entfernt in Konflikt mit der gegenwärtigen multikulturellen grün-rot-blutroten Ideologie steht.

Die einzige Lösung, die uns bleibt, nachdem bereits eine ganze Generation irreparabel geschädigt worden ist, ist das, was Reich bereits Ende der 1920er Jahre gefordert hat:

Damals ging es darum, die Kinder und Jugendlichen von vornherein gegen reaktionäre Ideologien zu immunisieren, indem ihnen die Möglichkeit einer altersentsprechenden gesunden Sexualökonomie gegeben wurde. Heute ist dieses Programm von geradezu verzweifelter Aktualität: wer wie die Kinder der Trobriander oder der Muria heranwächst ist gegen „Prägungen“ aller Art gefeit.

Neulich habe ich im Radio ein kurzes Interview mit einem „Konsumenten von Kinderpornographie” gehört: alles hätte damit angefangen, als er ein FKK-Magazin durchblätterte, wo Familien mit Kindern gezeigt wurden. In einer sexuell repressiven Gesellschaft können solche läppischen „Ereignisse“ Leben für immer zerstören! Das fängt bei Fußfetischisten an und hört bei Serienmördern auf. Wie viele Millionen Frauen weinen sich nachts in den Schlaf, weil sie von Fessel-, Würge- und Vergewaltigungsphantasien geplagt werden! Es ist ein seelisches Leid unaussprechlichen Ausmaßes.

Wenn ihr schon die „Freiheit“ gebt, dann gebt gefälligst die GANZE Freiheit! Nicht nur die „Freiheit“ zuzuschauen! Das hat Reich bereits in seinen allerersten sexualökonomischen Ausführungen zur „Nackterziehung“ ausgeführt.

Man lese doch um alles in der Welt bitte Reichs Bücher Die sexuelle Revolution und Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral!

Der neuste Trend sind männliche Jugendliche, die sich beim Masturbieren a la Michael Hutchence und David Carradine für den ultimativen Kick selbst strangulieren, ähnlich wie beim Kiffen der Bong für den totalen Flash sorgt.

Wir erleben heute in breiten Kreisen das, was Reich bereits Mitte der Zwanziger Jahre am Rande der Gesellschaft studiert hat. Siehe dazu sein „Der triebhafte Charakter“ in Frühe Schriften.

Ergänzungen zu „Der Blaue Faschismus“ (Teil 2)

18. Januar 2015

Auf die Frage, ob die alte Links-Rechts-Einteilung heute nicht obsolet sei, antwortete Jutta Ditfurth, das sei ganz und gar nicht der Fall, denn „links ist auf der Seite der Ausgebeuteten und Gedemütigten zu stehen“. Nicht gerade eine originelle oder weltbewegende Aussage, doch mir kam sie in diesem Moment so kindlich, kindisch vor. Und dann noch mit dem schwer zu beschreibenden pubertär-schnoddrigen Tonfall, zu dem nur Linke in der Lage sind. „Auf der Seite der Ausgebeuteten und Gedemütigten zu stehen“ – wie süß. Auf die Frage neulich, ob ich etwas für Oxfam spenden wolle, kam es zur allgemeinen Belustigung aus mir ohne vorher zu überlegen raus: „Ich spende doch nichts für arme Menschen!“ Will sagen: Warum soll ich Leuten helfen, die sich nicht mal selbst helfen? Eine typisch rechte Einstellung. (Das hat im Übrigen nichts mit der Hilfsbereitschaft in konkreten Situationen zu tun. Mir ist jedenfalls aufgefallen, daß Linke in Situationen, wo mitmenschliche Hilfe unmittelbar gefordert ist, auffallend kalt und rücksichtslos reagieren können. Je weiter die Menschen weg sind, desto mehr engagieren sie sich für sie!)

Linke rebellieren gegen den Vater und solidarisieren sich entsprechend mit allen „Unterdrückten und Entrechteten“, während Rechte mit dem Vater wettstreiten und sich entsprechend mit den Erfolgreichen identifizieren. (Sie dazu Elsworth F. Bakers Buch Der Mensch in der Falle.) Sie stehen nicht „auf der Seite der Ausgebeuteten und Gedemütigten“. Warum sollten man das auch tun?! Dieses Verhältnis zum Vater muß nicht unbedingt etwas mit dem realen Vater zu tun haben, sondern im Sinne der Psychoanalyse mit der „Vaterimago“.

Die Linke will eine Welt ohne Arbeit, d.h. es soll keinen Wettkampf mit dem Vater geben und die Mutter (die Mutterimago) steht einem zur freien Verfügung. Die Familie wird abgeschafft und die Liebe ist frei von allen Bindungen. Engels hielt das ödipale Paradies, den Kommunismus, nur in primitiven Gesellschaften für möglich, wo so gut wie nichts produziert wird, oder in entwickelten Gesellschaften, wo so gut wie alles von Maschinen produziert wird.

Die Rechte will hingegen eine Welt ohne Sexualität, d.h. der Mutter wird ein für allemal entsagt und alles konzentriert sich darauf dem Vater durch harte Arbeit nachzueifern. Reich mußte sich in den 1920er und 1930er Jahren mit der Obsession der Rechten mit der Sexualität und ihrer Utopie der „sexuellen Reinheit“ (der Asexualität) herumschlagen. Man lese Die Massenpsychologie des Faschismus! Der rechtsradikale Reverend Moon, Führer der reichsten und mächtigsten Sekte der Welt, wollte beispielsweise nach seiner weltweiten Machtergreifung alle Menschen töten und in die „Geistwelt“ schicken, die ihre Sexualität nicht unter Kontrolle haben.

Es gibt imgrunde nur zwei Utopien – und an ihren Utopien sollt ihr sie erkennen: die Utopie des Schlaraffenlandes, in dem die gebratenen Hühner einen in den Mund fliegen, und die Utopie des Mönchsordens, in dem jeder seinen Platz hat und arbeitet („Arbeit macht frei“). Die erste ist die Utopie des Kindes, das dem strengen Vater heimlich eine Nase dreht und den Kühlschrank ausplündert, die zweite des übergehorsamen Strebers, der eines Tages den Vater überflügeln wird. Die letztere Einstellung hat nach dem Krieg dieses vollständig zerstörte Land groß gemacht, die erstere hat es dann nach „1968“ wieder zerstört. Die „Arbeitsgesellschaft“ soll überwunden werden!

Diese beiden Utopien beruhen auf zwei grundsätzlich unterschiedlichen Panzerstrukturen: die linke „geht nach oben“, d.h. die Abwehr konzentriert sich im Zentralen Nervensystem und auf das Denken („Intellektualisierung“), während die rechte „nach unten geht“, d.h. sich die Abwehr auf das Autonome Nervensystem und die Muskulatur („Anpacken“) konzentriert.

Für beide Seiten gilt, daß je weiter es zum extremen Rand der Gesellschaft geht, sich die Augenpanzerung verstärkt. Entsprechend bildet sich die „Querfront“ (Nationalbolschewisten, nationale Sozialisten, etc.), die charakteristischerweise immer dann zustande kommt, wenn beide Parteien sich in ihren Verschwörungstheorien überschneiden. Das überraschende ist, daß diese Verschwörungstheorien, ganz ähnlich den paranoiden Wahnsystemen von Schizophrenen, durchweg tiefe Wahrheiten über die Welt enthalten (vgl. Der Blaue Faschismus). Man kann sie aber nur entschlüsseln, wenn man einigermaßen klar sehen und denken kann.

Klares Sehen und Denken bedeutet schlichtweg, daß man die Funktion der gegebenen Handlungen und Einstellungen durchschaut. Natürlich kann es sich um bloße Politik handeln, d.h. um ganz persönliche Interessen. Man erhofft sich beispielsweise durch das Überwinden des Links-Rechts-Gegensatzes irgendwelche Vorteile, d.h. man betreibt Politik. Tatsächlich bleibt die soziopolitische Charakterstruktur erhalten. Wie die aber erkennen? Die wahre Charakterstruktur eines „Querfrontlers“ erkennt man, wenn man seine Reden und Taten funktionell betrachtet, d.h. darauf blickt, worauf das ganze letztendlich hinausläuft: Auf eine Rebellion gegen den Vater oder auf einen Wettstreit mit ihm? Auf eine Abschaffung der Arbeit oder auf eine der Sexualität?

Dieser fundamentale Gegensatz wurde in den 1930er Jahren verwischt, als im Gefolge des staatskapitalistischen Projekts „Sozialismus in einem Land“ in der Sowjetunion es zu einer beispiellosen Sexualrepression kam. Währenddessen zeichneten sich in Hitlerdeutschland im Kampf gegen die die Allmacht des Staates gefährdende christliche Religion gegenteilige „neuheidnische“ Tendenzen ab.

Man kann die sozialistischen und anti-aristokratischen Elemente des Nationalsozialismus hervorheben wie man will, Fakt bleibt, daß er ursprünglich (ganz wie das spätere Franco-Regime) auf eine Wiedereinrichtung der Hohenzollern-Monarchie ausgerichtet war und seine konsequenteste Ausformung im „Schwarzen Orden“ (Himmlers Schwarzer Korps, die SS) fand. Ebenso kann man die offensichtlich konservativen Elemente der sogenannten „DDR“ hervorstreichen, wird aber bei einer näheren Analyse sehen, daß sie alles andere als eine Arbeitsgesellschaft war, sondern durchweg nur so getan wurde, als würde gearbeitet werden. Die Produktivität war abenteuerlich gering und die Qualität der Produkte indiskutabel. Man lebte schließlich in einem „Arbeiter- und Bauernstaat“! Umgekehrt war ganz gegen den äußeren Anschein die Sexualmoral weitaus lockerer als in Westdeutschland.

Kommen wir schließlich zu den heutigen „Montagsdemonstrationen“, Jürgen Elsässer und ähnlichen Erscheinungen, die das Links-Rechts-Schema zu sprengen scheinen. Betrachtet man seinen Weg von den „Antideutschen“, konkret und jungle world zu den deutschen Nationalisten, Interviews für die Junge Freiheit, etc. und zu einem kleinen Medienstar in Putins Rußland, wird eins deutlich: er ist sich treu geblieben. Es ging immer gegen die Vaterimago („Amerika“, das „Finanzkapital“) und die Identifikation mit Rebellen gegen diese Imago. Entsprechendes läßt sich über Leute sagen, die den umgekehrten Weg gegangen sind, d.h. von rechts nach links. Hier geht es darum, daß sie die „alten Werte“ gegen „Amerika“ und die Globalisierung verteidigen wollen. Beispielsweise haben Peter Gauweiler und Heiner Geißler in vielen Belangen mehr gemein mit der Linken als der CSU bzw. der CDU.

Es ist eine Illusion, daß man aus dem Links-Rechts-Schema ausbrechen könnte, denn die ist eine Funktion der Panzerung, d.h. ganz bestimmter Abwehrhaltungen gegen die spontane Bewegung der organismischen Orgonenergie. Der Gegensatz wäre erst mit dem Verschwinden der Panzerung aufgehoben. Die Illusion dieser Aufhebung führt in den Blauen Faschismus.

sexualitätarbeit

Wilhelm Reich und Aleister Crowley

10. Januar 2015

Genitalität läßt sich mit der folgenden Gleichung beschreiben:

genitalitätjungengewalt

Die Trennung der beiden Varianten der zugrundeliegenden Funktion, und damit die Negation der Genitalität, indem aus Hingabe Masochismus und aus Aggression Sadismus wird, ist Folge von Panzerung. Steht die Hingabe einseitig im Mittelpunkt, haben wir die masochistische Religion des Christentums vor uns, ist es die Aggression, folgt daraus die sadistische „Religion“ des Nationalsozialismus. Reich und sein Mitarbeiter Karl Teschitz haben sich in den 1930er Jahren umfassend mit der Sexualökonomie dieser beiden Gegenspieler beschäftigt. Beide Parteien sind gleich weit weg von einem natürlichen Lebensgefühl.

Heute wird die Gesellschaft von diesem Gegensatz, der im Übrigen, wie bereits in den 1930er Jahren, hervorragend koexistieren kann, noch immer geprägt. Er zeigt sich etwa in der merkwürdigen „Fernstenliebe“, die uns zwingt, dem Abschaum des Planeten Asyl zu gewähren (fast nur junge Männer!). Eine vollkommen endgrenzte Mutterliebe im Exzeß. Gleichzeitig feiert der „Satanismus“, der „Nächstenhaß“, einen kulturellen Triumph nach dem anderen. Dabei geht es stets um nur eins: Macht („Wille“) durch radikale Absage an die Liebe („Willenlosigkeit“). Der Zuhälter ist das Modell des Magus: er wird geliebt und saugt zum Dank die Frau aus, bis alle Lebensenergie ihm gehört. Die „Jugendkultur“ handelt heute von nichts anderem! Die emanzipierten Mädchen machen begeistert mit, sei es mit „Ritzen“ oder durch demonstratives Nuttentum.

In unserer Kultur wird systematisch, sozusagen „auf allen Kanälen“, die Sexualität („Sex“) von der Liebe getrennt. Implizit, erstaunlich oft explizit, geschieht dies unter Berufung auf den Kulturheroen der antiautoritären Gesellschaft: Aleister Crowley und seine Sexualmagie („Magick“). Dabei geht es nur um eins: keine Gefühle, insbesondere kein Mitleid haben, und stattdessen Sex benutzen, um Macht zu akkumulieren. Es werden ganz bewußt Seelen zerstört, letztendlich auch Körper. Die „Scarlett Woman“ ist die ausblutende Frau, entsprechend den auf Scheiterhaufen brennenden Hexen („Dakinis“) im tantrischen Buddhismus. Es ist phallische Rache im Exzeß. (Übrigens ist diese phallische Rache im Exzeß ein weiterer Beleg für die Nähe der antiautoritären Gesellschaft zum Nationalsozialismus!)

Das ganze läßt sich orgonometrisch wie folgt beschreiben:

Liebesex1

Genauso wie im sexualfeindlichen Christentum werden Liebe und Sex zu antagonistischen Gegensätzen. Wie Reich in seinen bioelektrischen Versuchen der 1930er Jahre verifizierte, ist orgastische Erfüllung jedoch nur möglich, wenn zur mechanischen Erektion eine bioenergetische Ladung hinzutritt, die nur bei liebevoller Hinwendung möglich ist. Liebe ohne Sex und Sex ohne Liebe sind unvorstellbar, will sagen sinnlos, „unhygienisch“ (wie Reich sich im Sinne der damaligen „Mentalhygiene“ ausgedrückt hat).

Liebesex2

Panzerung hat nicht nur ein somatisches Element (chronisch verspannte Muskeln), sondern auch ein psychisches (das Über-Ich). Das Kind ist den Erwachsenen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Seine einzige Überlebenschance ist die Anpassung: es nimmt die Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen jener an, die es unterdrücken. Es identifiziert sich mit den Tätern (den „Erziehungsberechtigten“) und bildet einen Charakter aus, der entweder weitgehend mit dem ihren identisch oder doch zumindest kompatibel ist.

So zugerichtet können dann später Autoritäten weiter mit uns spielen. Man denke etwa an den Stalinismus: je größer die Unterdrückung war, desto mehr wurde der Führer geliebt und ihm nachgeeifert. Ähnlich funktioniert jede Sekte und sogar jede Armee. Man denke auch an so manche Partnerschaft: je schlechter die Frau behandelt wird, desto hündischer folgt sie dem Schwein.

Diesen Grundmechanismus der Neurose findet sich auch in der Spiritualität, die weitgehend nichts anderes ist als die Identifikation mit „höheren Wesenheiten“. Dabei ist es zunächst gleichgültig, ob es diese „Wesenheiten“ wirklich gibt oder die Psychoanalyse recht hat, daß sie psychische Repräsentanten unserer Eltern sind. In jedem Fall sind sie „das Über-Ich“ – die psychische Seite der Panzerung.

Das wird in den verschiedenen tantrischen Schulen evident, die darum kreisen, daß man sich vollständig mit einer Gottheit, teilweise sogar einem „Dämon“, identifiziert bis man eins mit ihr bzw. ihm wird; sein Ich opfert. So funktioniert sowohl die „satanistische“ Magie eines Aleister Crowley als auch der „göttliche“ Bhakti-Yoga eines Sri Chinmoy.

Während man Reichs Ansatz mit dem Satz „Wo Über-Ich war, soll Ich sein!“ zusammenfassen kann, geht es in der Spiritualität im Kern darum, daß das Ich sich dem Über-Ich opfert.

Es geht, statt um Selbstbestimmung, um Fremdbestimmung. Dazu gehören „Channeling“, der Bezug auf „Erzengel“ und andere „Botschafter aus höheren Welten“ und insbesondere die Ritualisierung des Alltags, aus dem jede Spontanität weicht, weil alles, was einem widerfährt und was man tut, eine höhere Bedeutung hat und aufeinander abgestimmt werden muß. Es ist eine enge, bedrückende Welt – im Namen der „Befreiung“. Eine Art spiritueller „DDR“, in die sich die Menschen selbst einmauern.

Man nehme etwa die weitgehende „Tibetisierung“ weiter Teile der bildungsbürgerlichen „Elite“ dieses Landes. Hier ein beliebiges Beispiel einer „Lebensberaterin“. Innerhalb von vier Tagen habe ich sowohl im Münsteraner Schloßpark als auch hier am Rande Hamburgs im Park der Klinik Nord jeweils einen Baum gesehen, der mit tibetischen Gebetsfahnen umwickelt war.

Neulich in einem Park in der Innenstadt zwei Schülerinnen, die geheimnistuerisch eine große Figur in den Boden ritzen. Als ich es mir schließlich anschaue: ein fünfzackiger Druidenstern. Hier im Moor vor meiner Haustür habe ich auf einer Waldlichtung einen „satanistischen“ Altar mit entsprechenden unappetitlichen Opfergaben gesehen. Der Irrsinn greift um sich!

Das eigentliche Problem ist jedoch nicht die Selbstzerstörung von Leuten, die nie erwachsen werden, sondern das tatsächliche Heraufbeschwören negativer Energien (DOR), die sie und andere zerstören.

Interessanterweise geben dies diese Leute selbst so an: daß ein neuer Schritt in der Evolution des Menschen bevorstehe und dieser Planet in eine neue Ära „höherer und schnellerer Schwingungen“ eingehe. Nur jene werden überleben, die auf diese neue Umwelt eingestellt sind – die offenbar energetisch zu toxisch für lebendiges Leben sein wird. Crowley sprach vom kommenden Äon, in dem die Menschen mit den Göttern in Kommunion leben. Siehe dazu meine Ausführungen in Ea und die Wellenfunktion.

Ja, gibt es denn nicht auch lebenspositive Spiritualität? Was für eine Frage! Gibt es auch lebenspositive Neurosen? Oder konkret: man beschäftige sich doch bitte mit dem Dalai Lama oder irgendeinem anderen „Guru“. Das sind alles keine Einzelfälle oder bedauerliche Ausrutscher: die Schweinerei ist direktes Resultat des neurotischen Grundmechanismus, der hinter der Spiritualität steckt: wo Ich war, soll das Über-Ich herrschen!

Freud, Retter der Kultur

23. Dezember 2014

Wenn man vom Libido-Konzept selbst absieht, ist die wichtigste Vorstellung, die Reich aus der Psychoanalyse übernommen hat, die, daß die Libido auf prägenitale Stufen bzw. Objekte (insbesondere das gegengeschlechtliche Elternteil) fixiert bleibt und deshalb nicht entladen werden kann.

Diese Vorstellung hat er dahin modifiziert, daß die genitale Sexualität die besagten infantilen Fixierungen entschärfen kann, indem ihnen die Energie entzogen wird, und daß umgekehrt durch Störung der genitalen Abfuhr an sich harmlose Erfahrungen in der Kindheit (etwa inzestuöser Natur) im nachhinein pathogen werden können, weil sie mit Energie aufgeladen werden.

Unglaublicherweise will die Psychoanalyse die genitale Befriedigung aber eindämmen und durch „Sublimierung“ ersetzen, die, wie Reich hervorhebt, jedoch von der uneingeschränkten genitalen Befriedigung abhängt. Nur wer genital befriedigt ist, kann prägenitale Strebungen sublimieren. Man kann also mit Karl Kraus sagen, daß die Psychoanalyse die Krankheit ist, deren Heilung sie vorgibt.

In Die Traumdeutung (Fischer TB, 1961, S. 470f) beschreibt Freud seinen therapeutischen Ansatz wie folgt: Unbewußte Wünsche blieben immer rege.

Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hiervon den stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der unbewußte Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nach dem sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit der Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluß der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Ablassen der Erinnerung und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind in Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zustande kommen. Es ist das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerden.

Nach Reich ist das Verdrängte, das Unbewußte („Ubw“) identisch mit der Muskelpanzerung. Genauer gesagt: die innere Erregung wird chronisch so umgeleitet, daß es zu automatischen („unbewußten“) Verhaltens- und Denkmustern kommt. Reichs Ansatz beinhaltet die Auflösung dieser Panzerung, so daß der Körper wieder situationsangemessen reagieren kann. Bei Freud geht es ganz im Gegenteil darum, die „Herrschaft des Vorbewußten (Vbw)“ aufzurichten, d.h. die vorbewußte (also jeder Zeit bewußtseinsfähige, ansonsten aber automatisch ablaufende) Kontrolle zu verschärfen – den Menschen noch mehr zu verpanzern.

Freud schreibt weiter:

Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch und schafft seine Erregung für dies eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewußten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebunden anstatt abgeführt.

Durch die systematische Beseitigung der Panzerung wollte Reich die „orgastische Potenz“ herstellen, d.h. die geregelte Abfuhr der vegetativen Energie in Arbeit und Sexualität. Freud ging es darum, diese „störenden“ Energien besser zu binden, d.h. die orgastische Impotenz zu vertiefen.

Man muß Psychoanalytiker und ihre „erfolgreich therapierten“ Patienten persönlich kennengelernt haben, um zu sehen, daß das alles mehr als bloße Theorie ist.

Konkret geschieht die psychoanalytische „Bindung“ der Energie durch Verstärkung der Kopfpanzerung („Intellektualisierung“). Ganz ähnlich ist es um das angebliche Gegenteil der Psychoanalyse bestellt, die kognitiv-behaviorale Therapie.

Schon früh hatte Reich erkannt, daß nicht etwa der Neurotiker mit seinen auffallenden Symptomen der wirklich Kranke ist, sondern der „Charakterneurotiker“, Homo normalis, der sich reibungslos in diese kranke Gesellschaft einpaßt. Psychotherapeuten sollen die Neurotiker wieder auf Linie bringen.

Im Grunde ist das die Aufgabe unserer gesamten Kultur: all die Feuilletons, schlauen Bücher und Diskussionsrunden. Deshalb ist es auch so abwegig, „Intellektuelle“ von der Orgonomie überzeugen zu wollen. Bestenfalls ist sie ihnen „zu banal“.

Eine der effektivsten Techniken, um bei Menschen eine Panzerung des okularen Segments hervorzurufen, ist die Verunsicherung. Wir alle kennen das Gefühl des Weggehens in den Augen, wenn wir von verwirrten Menschen unvermittelt etwa gefragt werden: „Waren sie schon mal alt?“ „Hatten Sie nicht eben eine Decke in der Hand?“ Insbesondere aber, wenn sie absurde Deutungen von alltäglichen Erscheinungen und Vorkommnissen geben. Man stößt irritiert aus: „Leute, ihr bringt mich ganz durcheinander“ und schüttelt spontan den Kopf, so als wolle man die künstlich induzierte Augenpanzerung wieder abschütteln. Wieviel schlimmer muß das sein, wenn derartiger Schwachsinn einem mit der Autorität des Arztes aufgezwungen wird! Genau dies geschieht bei den fast durchweg absurden Deutungen der Psychoanalyse. Man denke nur an die Erinnerungen des „Wolfsmanns“.

Bei Reich war dies radikal anders, denn in der Charakteranalyse und Orgontherapie wird eben dem Patienten nicht gesagt, wogegen sich seine Abwehr richtet, vielmehr ist es Aufgabe des Patienten selbst zu ergründen, was sich hinter seiner Angst verbirgt. Die Psychoanalyse ist ein destruktiver Kult, der verboten gehört!

Die ganze Pestilenz der Psychoanalyse wird durch folgendes Zitat aus dem Jahre 1926 deutlich, als Freud in Die Frage der Laienanalyse schrieb:

Die sexuellen Regungen des Kindes finden ihren hauptsächlichsten Ausdruck in der Selbstbefriedigung durch Reizung der eigenen Genitalien, in Wirklichkeit des männlichen Anteils derselben. Die außerordentliche Verbreitung dieser kindlichen „Unart“ war den Erwachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere Sünde betrachtet und strenge verfolgt. Wie man diese Beobachtung von den unsittlichen Neigungen der Kinder – denn die Kinder tun dies, wie sie selbst sagen, weil es ihnen Vergnügen macht – mit der Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinnlichkeit vereinigen konnte, danach fragen Sie mich nicht. Dieses Rätsel lassen Sie sich von der Gegenseite aufklären. Für uns stellt sich ein wichtigeres Problem her.

Soweit, so lebenspositiv vernünftig, doch dann fährt der ach so aufgeklärte Freud fort:

Wie soll man sich gegen die Sexualbetätigung der frühen Kindheit verhalten? Man kennt die Verantwortlichkeit, die man durch ihre Unterdrückung auf sich nimmt, und getraut sich doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren zu lassen. Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der Kinder freigegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden, aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen.

Für Freud ging die Kultur stets vor!

freudpestilenz


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