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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Christentum und die Biologische Revolution (Teil 1)

22. September 2015

Zum Beispiel heute im IC: eine Blonde, leicht ins Rötliche gehend, „nordischer“ kann man gar nicht sein, mit einer Goldkette um den Hals, – an der ebenfalls in Gold der afrikanische Kontinent hing. Sie war mir vorher, d.h. bevor mir die Kette ins Gesicht gesprungen war, aufgefallen, weil sie den Neger, der Snacks verteilte und zu dem sie zu keiner Zeit Blickkontakt hatte, d.h. vollkommen anlaßlos, so auffallend wohlwollend und freundlich angeschaut hatte. Es ging nicht um seine Person, sondern einzig und allein um seine Rasse! Hitler, bzw. der Kampf gegen Hitler, hat uns dazu gebracht alles Eigene zu verachten und zu hassen und alles Fremde auf rassistische Weise, d.h. ohne das Individuum zu sehen, zu verehren und zu lieben.

Diese Perversion geht jedoch tiefer. Wir sind so, weil wir Christen sind, d.h. „dem Fremden“ unser letztes Hemd geben.

Es wird fast universell verkannt, daß Giordano Bruno ein Todfeind des Christentums im allgemeinen und von Jesus Christus im besonderen war. Die Angriffe Brunos gegen Jesus Christus treten nirgendwo deutlicher hervor als in jener Passage eines seiner Dialoge, die auf die Frage Neptuns, was mit Orion (Brunos Name für „Christus“) geschehen solle, folgende Antwort des Momus wiedergibt:

Dieser versteht es ja, allerlei Wunderwerke zu verrichten, und wie Neptun weiß, kann er über die Wogen des Meeres hinwandeln, ohne einzusinken, ja ohne sich die Füße zu benetzen, und deshalb wird er auch noch viele andere schöne Kunststücke aufführen können; so laß uns ihn unter die Menschen senden und diesen durch ihn begreiflich machen, was uns irgend gut und genehm anmutet, indem er sie glauben läßt, daß weiß schwarz ist, daß der menschliche Verstand, gerade wo er am Klarsten zu sehen glaubt, nur Blindheit, daß demnach alles, was der Vernunft vortrefflich, gut oder als das Beste erscheint, nur gemein, verwerflich und äußerst böse ist, daß die Natur nur eine feile Dirne, das Naturrecht nur eine Schurkerei ist, daß Gott und die Natur niemals zu ein und demselben Endzweck zusammenwirken können und daß die Gerechtigkeit der einen nicht der Gerechtigkeit des andern untergeordnet, sondern ganz und gar entgegengesetzt ist wie die Finsternis dem Licht“ (Vertreibung der triumphierenden Bestie, übersetzt von L. Kuhlenbeck, 2. Aufl., Leipzig 1904, S. 242; z.n. Jochen Winter: Giordano Bruno. Eine Einführung, Düsseldorf: Parerga, 1999, S. 116).

Ein härterer und kompromißloserer Angriff auf das Christentum ist kaum denkbar! Bruno wirft Jesus und dem Christentum vor, das Naturrecht negiert, die natürliche Ordnung auf den Kopf gestellt und sich damit gegenüber Gott versündigt zu haben, der sich in der Natur offenbart. Tatsächlich hat sich das Christentum immer wieder als Verhängnis für alles Gute, Wahre und Schöne erwiesen, da es jede natürliche Regung, etwa das eigene Territorium gegenüber anstürmenden „Hilfesuchende“ zu schützen, negiert und in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Oder wie jetzt der katholische Bischof Franz-Josef Overbeck gesagt hat: „Deutschland darf nicht für Selbstbehauptung stehen!“

Für Nietzsche war das Christentum ein fluchwürdiger Pesthauch aus der Hölle: „Dächte man sich das Christentum, in seiner ganzen Stärke aufgefaßt, als herrschend, dächte man sich, daß keine Kräfte dagegen wirken, so würde es in kurzer Zeit den Untergang des Menschengeschlechts herbeiführen“ (Studienausgabe Bd. 9, S. 76). Man mache das Fernsehen an und man wird sehen, daß Nietzsche ein Prophet war! „Wir finden im Gefolge des Buß- und Erlösungstraining (…) jene todsüchtigen Massen-Delirien, deren entsetzlicher Schrei ‚evviva la morte‘ über ganz Europa weg gehört wurde (…)“ (Studienausgabe Bd. 5, S. 391f). Im christlichen Gott sieht er „das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heiliggesprochen!“ (Studienausgabe Bd. 6, S. 185). Man geht zum Hauptbahnhof und klatscht verzückt Beifall, wenn die Vernichtung des eigenen Volkes aus den Zügen steigt – und Margot Käßmann lächelt milde, weil das gesellschaftliche Immunsystem ausgeschaltet ist…

Das Christentum ist eine verhängnisvoll mißglückte Biologische Revolution:

Reich hat die Psychoanalyse als den Vater und den Marxismus als die Mutter der Sexualökonomie bezeichnet. Beide Doktrinen beinhalten eine radikale Kritik der Religion, die als Herrschaftsinstrument entlarvt wird. Aber ausgerechnet beim Christentum, bzw. bei Jesus zielt diese Kritik ins Leere.

Es ist gerade Jesus, der die schwere Last des Vaters, das Über-Ich, von den Menschen nehmen will:

Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben. Kommt doch zu mir; ich will euch die Last abnehmen! Ich quäle euch nicht und sehe auf keinen herab. Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung. Was ich anordne, ist gut für euch, und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last. (Mt 11,28-30)

Für Jesus ist Gott „mehr ein Geschehen als ein Sein, mehr eine Bewegung als ein Begriff, mehr Wille als Idee, und eben dieser göttlichen Dynamik entspricht der geheimnisvolle Wachstumsprozeß zwischen Aussaat und Ernte“ auf den Jesus in seinen Gleichnissen anspielt (Heinz Zahrnt: Jesus aus Nazareth, München 1987).

Und was nun den Marxismus betrifft, möchte ich nur Ernst Bloch zitieren:

Als Menschensohn, als herrschaftsfreier Mensch, ist Jesus Atheist. Jesus ist der Mensch, der den autoritären Himmelsgott entthront und sich an die Stelle Gottes setzt. Die Wiederkunft des Menschensohns Christus ist die Heraufkunft des neuen Menschen, der sich von Gott und allen anderen Herren befreit hat. Der Menschensohn und Mensch ersetzt den Herrengott. (z.n. Horst Georg Pöhlmann: Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988)

Ein Gutteil dieser ursprünglichen, „anarchokommunistischen“, libertinistischen Lehre Jesu, hat wohl die gnostische Sekte der Karpokratianer noch einige Zeit am Leben erhalten können. Hierzu verweise ich auf den marxistischen Artikel von Karl Muster unten.

THEOLOGIE – SPOTET IHRER SELBST UND WEISS NICHT WIE
Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie Band I, Heft 3, 1934

Äußerungen, wie die folgende stehen in der Antike nicht vereinzelt da (vgl. Platon Staat, Aristophanes Ekklesiazusen). Erinnerungen an das mutterrechtliche Zeitalter, das ja noch gar nicht so lange verflossen war, mögen in ihnen mitgeschwungen haben. Doch derartige Kritiken an Eigentums- und Sexualordnung mußten Utopien bleiben, da die antike Produktionsweise die Herausbildung eines Proletariats als seiner geschichtlichen Rolle bewußter Klasse nicht gestattete.

Epiphanes, der Sohn des Häretikers Karpokrates, so berichtet der Kirchenvater Clemens Alexandrinus (Stromateis Buch 3, Cap. 2, verfaßt etwa 190 n.Chr.) schreibt in seinem Buch „Über die Gerechtigkeit“:

Die Gerechtigkeit Gottes ist eine Art Gemeinschaft mit Gleichberechtigung. Denn gleichmäßig und nach allen Seiten hin ausgespannt umfaßt der Himmel im Kreise die Erde, gleichmäßig zeigt die Nacht die Gestirne. Und die Sonne, die den Tag bewirkt und das Licht zeugt, … sehen alle gemeinsam, da Gott darin nicht Reich und Arm, Volk und Fürsten, Unbesonnene und Besonnene, Frauen und Männer, Freie und Sklaven unterschieden hat …
Die Gesetze der Menschen aber konnten die Unwissenheit nicht bändigen und lehrten Unrecht tun. Die Beschränkung durch die Gesetze zerschnitt und zernagte die Gemeinschaft. Das „Mein“ und das „Dein“ ist durch das Gesetz hereingekommen, da die Menschen nicht mehr zu gemeinsamen Genuß von Erde und von Besitz Gebrauch machen konnten und auch nicht mehr von der Ehe.
Denn gemeinsam für alle hat Gott die Weingärten gemacht, die keinen Sperling und keinen Dieb abweisen. Doch der Rechtsbruch an der Gemeinschaft schuf den Dieb an Vieh und Früchten …
… Die Aber so gezeugt sind, verleugnen die Gemeinschaft, der sie ihre Geburt verdanken und sagen: Wer eine Frau genommen hat, soll sie besitzen – wo doch alle an ihr teilnehmen könnten, wie bei den übrigen Lebewesen …
Daher: Wie lächerlich ist das Wort des Gesetzgebers von: „Du sollst nicht begehren“ angefangen bis zu dem noch lächerlicheren „alles was Deinem Nächsten gehört.“ Denn derselbe, der die Begierde als etwas Angeborenes gab, befiehlt nun, daß wir uns ihrer entledigen sollen, wo er sie doch keinem Tier wegnimmt. Doch dies „Deines Nächsten Weib“ zwingt die Gemeinschaft in die Vereinzelung und ist darum noch lächerlicher.

Unser Kirchenvater ist natürlich auf’s tiefste empört über die Ketzerei, mit der hier die theologische Betrachtung durch ihre eigenen Widersprüche ad absurdum geführt wird. Auch ist er sogleich mit einem Bericht über den wahllosen Geschlechtsverkehr bei der Hand, der die Gelage der Karpokratianer angeblich abschließe. Also: Wer die herrschende Sexualordnung angreift, der predigt und praktiziert „das sexuelle Chaos“: Im zweiten Jahrhundert genau wie im zwanzigsten. Wahr wird er wahrscheinlich damals so wenig gewesen sein wie heute.

Jesus war ein gewissenloser Libertinist, ein antinomistischer Nihilist wie nur LaMettrie oder Max Stirner. Dazu gehörten z.B. Amalrich von Bena (um 1200) und die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ (13. und 14. Jahrhundert), des weiteren die „Reformation der Reformation“, wie z.B. Sebastian Franck (1499-1543). Sie lehnten die 10 Gebote und alle kirchlichen Institutionen ab. Wahre Christen bräuchten kein Gesetz.

Jesus war kein Jude mehr, sondern Sohn des Menschen. Alfons Rosenberg (Jahrgang 1902) der, nachdem er 1935 in die Schweiz geflüchtet war, 1942 vom Judentum zu Christentum übertrat, legt dies in seinem Fragment Jesus der Mensch (München 1987) eindringlich dar. Jesus befreite sich vom Judentum als Menschensohn, den Jesus

weder nur innerlich noch nur eschatologisch verstanden wissen wollte, sondern ontologisch. Er muß gespürt haben, daß in ihm die lebendige Substanz, der göttliche Kern des Menschseins durch alle Schalen durchgebrochen ist (…) Wie begreiflich ist es, daß einem so fremden, unbegreiflichen Wesen gegenüber die einen zwar in Erstaunen, die anderen aber in Furcht und Zorn gerieten. Wie kann es da anders gewesen sein, als wie Johannes sagt: „Er kam in das Seine, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)

Ein gläubiger Jude könnte jetzt mit Recht einwenden, der Kern des Judentums sei das Gebot der Nächstenliebe und alles andere nur sekundärer Zusatz – und das sei ja auch die Meinung des frommen Juden Jesus gewesen, der sich dabei ausdrücklich auf die Thora berufen hätte (Mt 22,34-40). Der Witz bei der Sache ist nur, daß dies die einzige Stelle in den Evangelien ist, wo Jesus überhaupt von Nächstenliebe spricht!

Paulus ist derjenige, der ständig von ihr predigt. Jesus gibt nur die pharisäische Lehrmeinung von sich – und das war’s dann auch schon. Auf die Frage seiner Jünger nach den Speisevorschriften, Fasten, Beten und dem Gebot des Almosengebens, antwortet Jesus lapidar: „Lügt nicht, und tut nicht was ihr haßt!“ (Th 6). Demgemäß paßt auch das Hauptgebot seine Mitmenschen so zu lieben, wie man sich selbst liebt, einfach nicht zu seiner frohen Botschaft der Freiheit – die uns frei macht unsere Mitmenschen zu lieben – eben weil wir nicht mehr verpflichtet sind, „Liebe“ zu heucheln.

Wie der Gott Stirner in Der Einzige und sein Eigentum (Reclam, S. 324) schrieb:

Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber ich liebe sie mit dem Bewußtsein des Egoismus; Ich liebe sie, weil die Liebe Mich glücklich macht, Ich liebe, weil Mir das Lieben natürlich ist, weil Mir’s gefällt. Ich kenne kein „Gebot der Liebe.“

Hier spricht Christus! Man hat sich oft darüber lustig gemacht, daß Stirner sein Buch, „das extremste, das wir überhaupt kennen“ (F.A. Lange), ausgerechnet seinem „Liebchen“ Marie gewidmet hat, so als wäre die Liebe nicht die letzte Konsequenz des Einzigen. Das werden „gute Menschen“ wie Paulus oder Erich Fromm mit ihren widerwärtigen „Hoheliedern der Liebe“ (1 Kor 13) nie verstehen.

Die letzte Konsequenz des Gebots der Nächstenliebe ist der Haß. Das wird jeder bestätigen, der Opfer dieser Art von „Liebe“ geworden ist, etwa Menschen, die katholische Heimerziehung genossen haben. Genauso ist auch die affektierte „Liebe“ der weitaus meisten Pärchen nichts weiter als Haß, Angst und Verachtung (E.F. Baker).

Nach 5000 Jahren moralischer Bearbeitung des Menschen ist die Welt eine einzige große Hölle, die sich mit jedem Gebot weiter verfinstert. Es geht nicht um bessere Gesetze, bessere Ideologien oder bessere Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller konservativen und „fortschrittlichen“ Ideologien und Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller Moral, aller Ethik und aller Sittlichkeit. Selbst ein „guter Mensch“ wie Alfons Rosenberg hat hier Jesus teilweise verstanden, wenn er schreibt:

Indem Jesus feststellte, daß ein Teil, pars pro toto, des jüdischen (…) Gesetzes nur Menschenwerk sei, hat er das ganze System fragwürdig gemacht. Eine solche Relativierung muß aber unweigerlich (…) auch zur Relativierung der „Religion“ schlechthin führen. Dies betrifft auch jene „Religion“, die in seinem Namen (…) geschaffen wurde (…)

Fragen wir doch, warum sich denn ausgerechnet die Botschaft Jesu im von religiösen Angeboten übersättigten Römischen Reich hat durchsetzen können. Weil es eine Botschaft der Befreiung war! Die „Frohe Botschaft“, die den Menschen aus dem spätantiken Schicksalsglauben befreite. Von Astrologie und Magie, die jede Lebensäußerung zu ersticken drohte. Genauso wie es bei den Juden „das Gesetz“ tat. Das Christentum befreite von derartigen „gesetzlichen“ Verstrickungen. Dies erklärt zum Teil auch heute noch die Missionserfolge in Weltgegenden wie z.B. Zentral-Neuguinea, wo die Menschen von Dämonenglauben, Stammessatzungen und Tabus geradezu zerdrückt werden.

In dieses alles zermalmende Räderwerk schien das befreiende Licht Christi und verkündete, daß kein Schicksal, keine Gestirne, kein Gesetz, kein Karma uns bindet, denn Gott ist unser unmittelbarer Vater, der uns bedingungslos auch ohne Opfer und gute Taten annimmt. Wir sind frei. In der Reformation bahnte sich dies Licht dann einen breiteren Weg, der unmittelbar zur eigentlichen Aufklärung führen sollte. Und gerade heute, 200 Jahre später, wo das Mittelalter und das Schicksal wieder an die Tür klopfen, ist die Frohe Botschaft aktueller denn je.

Zuerst löst sich Jesus radikal von seinen Familienbanden (Mt 12,46f), er überwindet die „Familitis“ (Reich). Danach befreit er sich von der „Sozialistis“ (Reich), transzendiert sein Menschentum und wird er selbst. Dies ist auch schon daran ersichtlich, daß Jesus vielleicht als erster das Individuum entdeckt hat. Dazu schreibt der Theologe Pfarrer Horst Georg Pöhlmann:

Wie sehr Jesus den Einzelmenschen aufgewertet hat, erhellt sich nicht nur aus seiner Parteinahme für die Ausgestoßenen der Gesellschaft, sondern auch aus seiner Unabhängigkeit von seiner Sippe und Verwandtschaft (Mk 3,31-35). Im damaligen Judentum hatte der Mensch nur einen Stellenwert als Glied seiner Sippe, von der er in allem abhängig war. Man könnte fast sagen: Jesus hat den Einzelnen entdeckt. Wenn er eine Gruppe gegründet hat, dann nicht als Kollektiv, sondern als Gemeinschaft unverwechselbarer Einzelner. (Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988, S. 97f)

Dazu muß man sich sein Umfeld vergegenwärtigen:

Der Mensch (…) wird in der hebräischen Anthropologie so sehr in seine Gemeinschaften einbezogen gesehen, daß höchstens der Sippe oder dem Volk als Groß-Ich das Prädikat „Person“ zugeschrieben werden kann. Erst in der neutestamentarischen Religion wird der Kollektivbezug der Religion völlig gebrochen und insofern jedes Individuum vor Gott zur Person. (Reclams Bibellexikon, Stuttgart 1978)

Dies erklärt auch die Renaissance des Christentums in Osteuropa und die geradezu sensationellen Missionserfolge im konfuzianischen Korea, neuerdings auch in China und sogar in islamischen Ländern wie dem Iran.

Vergleicht man alle Hochkulturen miteinander, wird man feststellen, daß ausschließlich im christlich geprägten Abendland das Individuum sich emanzipiert hat. Nur hier hat es so etwas wie die Reformation und die Aufklärung gegeben. Hier finden wir die Phylogenese von Max Stirners „Einzigen“. Und deshalb macht es auch einen tiefen Sinn, daß unsere Zeitrechnung mit Jesus anfängt. Diese Zeitrechnung hat eine ähnliche Bedeutung, wie jene, die vor 200 Jahren die französischen Revolutionäre einsetzen wollten. Damit will ich sagen, daß wir nicht nur den 200sten, sondern auch den 2000sten Jahrestag der Revolution feiern: Wir feiern sozusagen den Geburtstag von Stirners „Einzigem“!

Wir könnten den Geburtstag des Einzigen feiern, hätte man nicht alle wahren Christen als Ketzer verfolgt und wären nicht in der Neuzeit die einzig wahren Aufklärer (LaMettrie, Stirner, Reich) in Acht und Bann getan worden. Hören wir, wie nah sich doch die wahren Christen und die wahren Aufklärer stehen:

In seinem Buch der Ketzer (Frankfurt 1962, S. 223) beschreibt Walter Nigg das Denken der mittelalterlichen Sekte der „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ wie folgt:

Der Christ müsse Gott werden wollen, und dann werde er zuletzt auch wie Gott. Wenn der Mensch aus der Äußerlichkeit in die Innerlichkeit sich wendet, Gott und Gottes willen läßt, dann wird er Gott gleich, Gottselbst und bedarf Gottes nicht mehr; dann ist er auch über die Liebe hinausgekommen und hat den Zustand erreicht, in welchem Gott alles in ihm wirkt. (…) Nach Auffassung der gottleidenden Menschen ist der Christ bei der Erreichung dieser Stufe über alle Verdienste der Heiligen und Marias hinausgelangt und hat sogar Christus übertroffen.

Schon auf der Erde habe er den vollkommenen Zustand der Auferstehung und die absolute Freiheit erlangt.

In seinem „Gegenwort eines Mitgliedes der Berliner Gemeinde“ (Parerga) meinte fünf Jahrhunderte später Max Stirner weit weniger radikal:

Gott ist der Mensch, das ist die Lehre Christi; wer sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum seines eigenen Wesens eingedrungen, wer bei sich ist, der ist beim Vater.

Und weiter:

Erkennt euch, so erkennt ihr Gott und die Welt, liebt euch, so liebt ihr alle, sucht euch, so sucht ihr Gott, habt euch, so habt ihr alles, trachtet im höheren Sinn zuerst nach euch, so fällt euch alles andere zu. Nichts ist euch so verborgen, als ihr euch selbst, nichts kann euch aber auch so offenbar werden, als euer Selbst und auch darin offenbart sich Gott eurem suchenden Geiste.

Übrigens meint auch der Neutestamentler Herbert Braun, daß der, der sich annimmt, damit gleichzeitig auch Gott annimmt (Jesus der Mann aus Nazareth, Gütersloh 1988, S. 129).

Bei der Gleichsetzung des eigenen Selbst mit Christus steht Stirner in einer deutschen Tradition zwischen Goethe und Nietzsche. So schreibt Goethe 1787 aus Rom

mit einer Anspielung auf Lukas [2,49] die wieder einmal, wie früher ähnliche Stellen in der Umgebung des Werther, auf einen leisen Versuch, sich Christus gleichzusetzen, schließen läßt: „So lebe ich denn glücklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist.“ (Emil Staiger: Goethe, Bd. 2, Zürich 1962)

Und wenn Nietzsche alle Werte umwertet, tut er dies mit der gleichen „unerhörten Souveränität“, mit der Jesus in der Bergpredigt Gottes Gebote aufhebt: „Gebote Gottes aufheben kann nur einer, der mit Gott identisch ist“ (Pöhlmann, S. 28).

Die Entstellung funktioneller Wahrheiten durch den Kleinen Mann am Beispiel „Kinder der Zukunft“

26. Februar 2015

Ich habe manchmal ein ziemlich schlechtes Gewissen, wenn ich etwas über Reichs Konzept „Kinder der Zukunft“ schreibe. Reich selbst sah es als größtes Hindernis seines Projekts, daß Frauen unerfüllbare Ansprüche an sich stellen. Alles muß perfekt sein: eine Schwangerschaft, die das Embryo nicht belastet, eine „natürliche“ Geburt, ein perfekter Kontakt zum Baby, eine glückliche Kindheit, perfekte Selbstregulation und eine geradlinig verlaufenden Pubertät. Ein solch übermenschlicher Druck muß jede Mutter geradezu zermalmen, wenn sie das alles denn ernst nimmt.

Auf diese Weise trägt die Orgonomie (oder das, was sich dafür hält) zur allgegenwärtigen Versklavung der Frau bei. Sie muß wie ein gestylter Filmstar aussehen, eine „Sexgöttin“ sein, eine erfolgreiche Karriere vorweisen, unabhängig sein und schließlich soll sie noch „gesunde“ Kinder großziehen.

Tatsächlich zerstört das überwunden geglaubte Patriarchat heute die Frau mehr als jemals zuvor. Man denke nur mal an all die Ratgeber, nach denen sich Frauen richten sollen.

Die Generation meiner Mutter brauchte einfach nur Frau und Mutter zu sein, der Rest hat sich ergeben. Sie hat sich nicht von einem erdrückenden Perfektheitswahn tyrannisieren lassen.

Das Kern dieser Art von Tyrannei ist der Wahn des Frühen: je früher die Schädigung eintritt, desto schlimmer für das Kind. „Man kann einen einmal krumm gewachsenen Baum nicht mehr geraderichten.“ Was nichts anderes heißt, als daß man Fehler nicht wieder gut machen kann. Kinderkriegen und Kindererziehung als halsbrecherischer Drahtseilakt!

Der Psychologe Thomas O’Connor (University of Rochester, New York) hat gezeigt, daß Überbelastung in der Schwangerschaft zwar negative Folgen für die spätere Lern- und Denkfähigkeit des Säuglings hat, doch eine intensive Betreuung bis zur Krabbelphase die Beeinträchtigung wieder wettmachen kann.

Die Ungeborenen, die in einem hohen Maß durch die Mutter dem Streßhormon Cortisol ausgesetzt waren, zeigten im Alter von 17 Monaten bei einem Test ihrer kognitiven Fähigkeiten deutliche Schwächen. Die Beeinträchtigungen traten aber nicht auf, wenn die Mütter eine sehr intensive Beziehung zu ihrem Säugling aufgebaut hatten.

O’Connor sagt zu seinen Forschungsergebnissen:

Das ist eine ermutigende Nachricht für Mütter, denn die Schwangerschaft ist eine emotionale Erfahrung mit vielen Sorgen. Es ist sicher eine Erleichterung zu wissen, daß eine gute Elternschaft die Babys im Nachhinein gegen mögliche schädliche Folgen schützt.

Es ist sicherlich keine unzulässige Verallgemeinerung, wenn ich etwas schreibe, was an sich jeder selbst aus seiner eigenen Lebenserfahrung bestätigen wird können: in einem gewissen Umfang kann man wirklich alles wieder geraderichten. Nichts ist verloren!

Vor allem sollten wir aufhören, junge Mütter zu tyrannisieren. Ich jedenfalls schäme mich für den einen oder anderen verbalen Dolchstoß, den ich der einen oder anderen Mutter versetzt habe, deren Schwangerschaft eine Tortur war, die einen Kaiserschnitt hatte, das Baby mit der Flasche großgezogen hat, etc.pp.

Je besser es diese Mütter meinen, desto größer ist die Last, die sie erdrückt – und desto mehr Fehler machen sie.

Es gibt dazu ein eindeutiges mechanisches Äquivalent, dem Forscher in den USA in einer Studie nachgegangen sind:

Angesichts der enormen Anforderungen in der heutigen Gesellschaft haben viele Eltern Angst, ihrem Kind nicht genügend Anregungen zu bieten. Unter anderem deshalb gibt es inzwischen immer mehr Angebote zur Frühförderung von Kindern – von Babymassage und Babyschwimmen über PeKiP-Gruppen bis hin zu Babysprachkursen und Musik für Säuglinge. Vor allem in den USA werden solche Angebote von jungen Eltern zunehmend angenommen. „Die kognitive Stimulation der Säuglinge durch bestimmte Spielzeuge, Vorlesen und anderes, ist hier sehr stark ausgeprägt“, berichtet Koautorin Maria Gartstein von der Washington State University in Seattle. In einigen europäischen Ländern wie den Niederlanden ist dies dagegen weniger ausgeprägt.

Die Forscher fanden, daß in den USA die Babys zwar aktiver und stärker auf Reize reagierten, dafür aber auch häufiger ängstlich, frustriert und traurig waren. Sie brauchten länger, sich nach dem Schreien oder nach Streß wieder zu beruhigen. Niederländische Säuglinge waren zufriedener und sie waren leichter und schneller zu beruhigen.

Nach Ansicht von Gartstein und ihren Kollegen spiegelt die größere Zufriedenheit und Gelassenheit der niederländischen Kinder möglicherweise die andere Kultur im Umgang mit Säuglingen wider. „Für niederländische Eltern sind zwei Dinge besonders wichtig: Ihre Kinder nicht überzustimulieren und von Beginn an regelmäßige Zeiten für den Schlaf einzuhalten“, erklärt Gartstein. So wählen die Eltern die Zeiten für Besuchseinladungen von Freunden oder Familie meist so, dass der Schlafrhythmus der Kinder nicht gestört wird. „Mir fiel auch auf, daß die niederländische Eltern im Umgang mit ihren Kindern sehr viel weniger Spielzeug nutzten als die US-Eltern“, so Gartstein.

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Wie wissenschaftlich ist die orgonomische Medizin?

9. Juni 2012

Um den Zustand eines Patienten zu bestimmen, tut der Arzt kaum mehr, als dessen Reflexe zu überprüfen. Und das gilt nicht nur für den Neurologen, der mit einem Gummihammer aufs Knie schlägt. Hausärzte der alten Schule sind mit dem Fingernagel über die Haut gestrichen, um zu sehen, wie schnell der weiße Streifen, der sich aufgrund des ausgeübten Druckes auf der Haut ausgebildet hat, verschwindet und sich die peripheren Blutgefäße wieder mit Blut füllen. Selbst „Laborwerte“ geben nur an, wie gut „die Drüsen“ funktionieren. Die Frage ist schlicht, wie schnell (oder ob überhaupt) der Organismus auf von außen kommende Störungen die Homöostase wiederherstellt. Die klassische Definition von „Selbstregulation“! Selbst in der Psychotherapie dreht sich alles um die gestörte „Selbsthomöostase“ der Patienten.

Es geht schlichtweg um eine freie oder behinderte Pulsation. Reichs Beitrag bestand nur darin, daß er einen Zusammenhang zwischen all den diversen Pulsationen sowohl im somatischen als auch im „psychischen“ Bereich sah und die Pulsation auf ein „Substrat“ zurückführte: die „bioenergetische Pulsation“. Ein Phänomen, das im übrigen auch in der Umwelt außerhalb des Menschen anzutreffen sei, was beispielsweise den Zusammenhang zwischen Krankheitsverlauf und Witterung zwanglos erklärt.

Wenn man die Frage von Gesundheit und Krankheit grundsätzlich von der Pulsation her sieht, ist es erstaunlich, sehen zu müssen, wieviel Pathologie („Nichtpulsation“) die Medizin einfach übersieht. Es stellen sich Fragen wie: Wie einfach sind die verschiedenen Muskelgruppen und Gelenke (etwa die Kopfhaut und der Kiefer) aktiv und passiv beweglich? Wie schnell reagiert die Iris auf Veränderungen der Lichtintensität? Wie einfach ist der Würgereflex auslösbar? Wie beweglich ist das Becken? etc.pp.

In der Allgemeinmedizin und Psychotherapie wird so etwas als idiosynkratrische Persönlichkeitszüge abgetan. Man hat halt „Persönlichkeit“, wenn man stets den Kiefer verkrampft. Oder der Körper „reagiert halt träge“, wenn die Iris sich bei Helligkeit nicht schnell zusammenzieht. Aus Sicht des medizinischen Orgonomen jedoch sind das Anzeichen schwerer Pathologie. Charakter selbst ist Krankheit!

Man ahnt, warum sich eine solche Auffassung vom Menschen in der Medizin nicht durchsetzen kann. Es ist nicht die Frage, ob derartige Behauptungen „zu allgemein“ gehalten sind, sich „nicht operationalisieren lassen“ und nicht ausreichend klinische Studien für „derartig weitreichende Behauptungen“ vorgelegt werden. Das Problem liegt ganz woanders: Ärzte und Psychotherapeuten behandeln Symptome, „die Niere im Zimmer 23“ bzw. „die Panikattacken von Herrn Soundso“. Es ist ungefähr so wie bei Insektenforschern, die Schmetterlinge fangen: mit einem selbst, seiner Lebensphilosophie, politischen Einstellung, Religion, etc. hat das Forschungsobjekt nichts, aber auch rein gar nichts zu tun.

Ganz anders sieht es aus, wenn man die bioenergetische Pulsation in den Mittelpunkt stellt, dann rückt nämlich unvermeidlich der wunderliche, ritalin-schluckende Chefarzt der Inneren selbst in den Fokus des Interesses, was natürlich „nicht wissenschaftlich“ wäre! Die absonderlichen ideologischen Hintergründe mancher Krankenhausträger würden plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit treten und relevant werden, was natürlich ebenfalls „nicht wissenschaftlich“ wäre. Und zahllose weitere solcher „unwissenschaftlichen“ Verwicklungen.

Klinische Forschung? Reich wollte von Anfang an immer traditionelle klinische Forschung. Sei es im „technischen Seminar“ in Wien, bei seiner „sexualökonomischen Lebensforschung“ in Skandinavien oder hinsichtlich der geplanten Orgone Energy Clinic auf Orgonon. Nichts, wirklich nichts, entspricht dem Grundimpetus der Orgonomie mehr als klinische Forschung!

Aber dazu benötigt man Geld, sehr viel Geld, qualifizierte Ärzte und anderes Personal, etc. Aus den angedeuteten Gründen gibt es das nicht. Und schon gar nicht nach der Rufmordkampagne gegen Reich, die 1947 ihren Anfang nahm und seitdem regelmäßig immer wieder von neuem aufgelegt wird.

Man kann mit Recht einwenden, daß Reich doch nicht von seinen paar Fällen in der Privatpraxis darauf schließen konnte, daß (nur als Beispiel) Kennzeichen der Schizophrenie ein Fehlen von Brustpanzerung sei. Doch in Charakteranalyse (KiWi, S. 529) schreibt er zu dieser seiner Beobachtung:

Diese Annahme wurde durch Untersuchungen bestätigt, die Dr. Elsworth Baker am Marlboro State Hospital, New Jersey, an Schizophrenen durchgeführt hat.

Baker war zu der Zeit seit zehn Jahren Chef der Frauenabteilung an der staatlichen psychiatrischen Klinik von New Jersey.

Selbstverständlich wären Wirksamkeitsnachweise orgonomischer Theorien und Methoden in kontrollierten, randomisierten Studien wünschenswert. (Schließlich traut der gepanzerte Mensch sich und seinesgleichen nicht über den Weg!) Doch aufgrund der begrenzten Ressourcen… Auch kann man der Orgonomie kaum vorhalten, daß sie den jeweils gültigen Stand der Forschung ignoriert. Ganz im Gegenteil! Seit Reichs Tod finden dessen Theorien durch unabhängige Forschungen eine Bestätigung nach der anderen. Das ist das tägliche Brot dieses Blogs.

Grundsätzlich stellt sich auch die Frage von Mechanismus gegen Funktionalismus. Der Mechanist sucht für jede einzelne Erscheinung eine je eigene Kausalkette, die er möglichst früh unterbrechen will. Der Funktionalist sieht in den Erscheinungen bestimmte Äußerungsformen umfassenderer Funktionen. Heilt man z.B. ein chronisches Darmleiden, entwickelt sich eine Gürtelrose und ist diese geheilt, kommt es plötzlich zu Asthmaanfällen und sind die medikamentös beseitigt, entwickelt sich eine unerträgliche Angst vor freien Plätzen, was eine verhaltenstherapeutische Intervention erfordert. Für den Mechanisten sind das separate Erkrankungen, deren jeweilige Genese wissenschaftlich erforscht und deren Behandlung wissenschaftlich gesichert ist. Für den Funktionalisten sind es nur oberflächliche Symptome einer reaktiven Vagotonie, der eine chronische Sympathikotonie zugrunde liegt, die letztendlich auf orgastischer Impotenz beruht.

Der eine betrachtet die Herangehensweise des anderen als jeweils imgrunde unwissenschaftlich!