Posts Tagged ‘SAP’

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Die Guten…

4. Dezember 2016

Ich habe mich eingehend mit der „Widerstandsarbeit“ der Sozialisten und Kommunisten gegen das Dritte Reich auseinandergesetzt. Am Ende fragt man sich, was das eigentlich alles sollte, welchen Sinn die teilweise lebensgefährlichen Unternehmungen hatten. All das Gezänk zwischen den verschiedenen Fraktionen und Parteien „des Widerstands“, das sich in ganzen Bibliotheken voller leerem politischen Geschwafel und tödlich langweilig ausgewalzten Parteiinterna niedergeschlagen hat. Schließlich ist mir aber doch der Sinn in diesem Nonsens aufgegangen, als ich von der Rechtfertigung von Jacob Walcher, Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) im Ausland erfuhr. Bei Kriegsende, „wertete er den Erfolg vor allem darin, daß die Gastländer durch die Presse-, Publikations- und Öffentlichkeitsarbeit der SAP über die nationalsozialistische Diktatur aufgeklärt wurde, die es dem englischen Premierminister Neville Chamberlain und dem französischen Premier Eduard Daladier unmöglich gemacht habe, vollends vor Hitler zu kapitulieren, was sie letztlich gezwungen habe, Deutschland den Krieg zu erklären“ (Gertrud Lenz: Gertrud Meyer, Paderborn 2013, S. 110).

Angesichts der zig Millionen Kriegsopfer und der vielleicht 3000 Toten, die auf das Konto des Nationalsozialismus vor dem Krieg gingen, hält sich meine Begeisterung für die Aufklärungsarbeit in Grenzen. (Der Ku-Klux-Klan, ein Organ der Demokratischen Partei, hat genausoviel Menschen ermordert.) Oder mit anderen Worten: an den Händen dieser „Öffentlichkeitsarbeiter“ klebt Blut und hat seit jeher Blut geklebt. Sie haben den Sieg der Bolschewiki herbeigeschrieben, genauso wie den von Mao Tse Tung oder Fidel Castro, drei der mörderischten Regime der Weltgeschichte. Sie haben den Sieg Nordvietnams herbeigeschrieben (bzw. „herbeigesendet“) und standen knapp davor, den Sieg des Weltkommunismus im Kalten Krieg zu erreichen. Beinahe hätten sie Hillary Clinton an die Macht gebracht und damit den Dritten Weltkrieg zu verantworten. Die Exemplare der New York Times kann man, nachdem sie sich 100 Jahre mit dem Blut der 100 Millionen Opfer vollgesogen hat, auswringen.

Reich hat sich 1937, mit der Entwicklung seines Konzepts der Arbeitsdemokratie, spätestens aber 1947, mit dem Angriff Mildred Bradys, von diesem „antifaschistischen“ Milieu losgesagt und es schließlich aktiv bekämpft.

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 2)

18. Juni 2016

Während seiner illegalen Tätigkeit in Norwegen war Willy Brandt (alias Felix Franke, alias Flamme) Berufsaktivist der SAP. Sommer 1933 kam seine 19jährige Freundin Gertrud („Trudel“) Meyer aus Lübeck, der Heimatstadt von Brandt. Ihre Aufenthaltsgenehmigung erhielt sie durch eine Scheinehe mit dem norwegischen Studenten Gunnar Gaasland. Brandt traf, so sein Biograph Rudolf Schröck den Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der, eine bahnbrechende Analyse des Nationalsozialismus, die Massenpsychologie des Faschismus, verfaßt hatte. Reich wäre, so Schröck, von der KPD wegen seiner „sexual-politischen Abweichung“ ausgeschlossen worden. Später sei er ein „sexueller Doktrinär“ geworden und habe über „die Funktion des Orgasmus“ geschrieben, dem er energetische Superkräfte zusprach (Schröck: Brandt, München 1991).

Schröck spiegelt in vieler Hinsicht Brandts eigene Einstellung zu Reich wider. Die Experimente Reichs kamen Brandt nach eigener Aussage zunehmend obskurer vor. In seiner Autobiographie beschreibt er die weitere Entwicklung Reichs im Stil von Mildred Brady und Christopher Turner. Reich war geisteskrank! (Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Über Mot Dag kam Brandt in Kontakt mit vielen Schriftstellern und Künstlern, insbesondere Sigurd Hoel, ein frühes Mitglied von Mot Dag und enger Mitarbeiter Reichs. Der außergewöhnlich begabte Poet Arnulf Överland, ebenfalls eng mit Reich verbunden, war politisch sehr engagiert und schreckte nicht einmal davor zurück, mit der deutschen Besatzungsmacht in Konflikt zu geraten. Brandt traf ihn am Ende des Krieges wieder, als Överland entkräftet und verbittert aus Sachsenhausen zurückkehrte. Er bewegte sich später weit weg von seinen ursprünglichen radikalen Überzeugungen (ebd.). 1960 als Brandt Bürgermeister von West Berlin war, war er immer noch mit Hoel und Överland befreundet (Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Letztendlich war dem jungen Marxisten Brandt der „Klassenkampf“ wichtiger als die „sexuelle Frage“. Zusammen mit dem Historiker Johan Vogt, einem späteren ordentlichen Professor, übersetzte Brandt zum allerersten Mal überhaupt Marx‘ Kapital ins Norwegische. Schröck schreibt, daß Brandt das mehr oder weniger als Beleg für seine „richtige Einstellung“ tat, aber ich glaube, daß Brandt die Übersetzung auf sich nahm, um dem Einfluß Reichs in Norwegen entgegenzuwirken: Vergessen Sie das Sexualproblem, die Wirtschaftsprobleme sind der wahre Knackpunkt! Da Vogt vom allerersten Augenblick ein Mitglied von Mot Dag war, kann man die Übersetzung als Mot Dag-Projekt betrachten (Einhart Lorenz: Brandt in Norwegen. Die Jahre des Exils 1933 bis 1940, Kiel 1989).

Trotz allem: Brandt wäre nicht Brandt, wenn er sich nicht auch als Freund der Reichschen Sache präsentieren würde! Er habe viel dumme Spöttelei und idiotische schmutzige Witze über Reichs Sexualökonomie gehört. Brandts eigene Beschreibung der Sexualökonomie ist sowohl zustimmend als auch orgonomisch korrekt. Einige von Reichs Patienten und Schülern, die sich als enge Gemeinschaft betrachteten, gehörten dem engeren Freundeskreis von Brandt an. Reich selbst war in den ersten Jahren in Oslo für Brandt ein anregender und fantasievoller Gesprächspartner über Themen wie Politik, Literatur und sexuelles Verhalten. Brandt beschreibt Reich wie folgt: rötliches Gesicht, graues Haar, braune Augen, eine das Gegenüber bezwingende Art des Sprechens. Brandts Freundin Gertrud wurde Sekretärin Reichs. So kam es, daß sich Brandt und Reich häufig mit Freunden aus der Jugendbewegung trafen, in Schweden manchmal sogar mit illegalen Besuchern aus Deutschland. Als Gertrud 1939 in die USA ging, war ursprünglich geplant, daß sie einige Zeit später nach Norwegen zurückkehre, aber der Krieg verhinderte das. Dennoch arbeitete sie nicht lange für Reich, weil sie seinem Konzept der Arbeitsdemokratie nicht folgen konnte (Brandt: Links und Frei).

Bereits Dezember 1938, anläßlich von Brandts 25. Geburtstag (siehe Jenseits der Psychologie, S. 278f), hatten Brandt und Reich eine Auseinandersetzung über die Arbeitsdemokratie. Reich bestand darauf, daß eine Regierung, die die besten Wissenschaftler und Experten umfaßt, der Massendemokratie mit allen ihren Schwächen vorzuziehen sei. Brandt wandte dagegen ein, ob nicht ein „fachidiotisches Chaos“ das Resultat sein würde (Brandt: Links und Frei).

Brandt war gegenüber der reformistischen Norwegischen Arbeiterpartei (NAP) sehr kritisch eingestellt, da sie nicht mehr Marxistisch war. Anfang der 1920er Jahre war die NAP Mitglied der Kommunistischen Internationale gewesen, wurde dann aber langsam so reformistisch wie die deutsche SPD. Durch die radikale Kritik und die rhetorische Brillanz ihres Führers, Erling Falk, übte Mot Dag eine große Anziehungskraft auf Brandt aus. Andererseits mochte Brandt Erling Falk auf persönlicher Ebene nicht. Falk hatte offensichtlich Angst vor Frauen, während Brandt selbst ein berüchtigter Schürzenjäger war. Falk war eine Art „Hohepriester des Intellektualismus“. Die Mitglieder von Mot Dag verehrten ihn wie die Anhänger eines mittelalterlichen Ordens. Studenten, Akademiker, Schriftsteller, Wissenschaftler bildeten diesen Orden einer sozialistischen Elite. Über viele Jahre hinweg dominierten sie das politische Leben der aufstrebenden Generationen. Der Kreis war mit zahllosen Veröffentlichungen präsent. Brandt distanzierte sich schließlich von dieser Gruppe, weil sie alle in ihren intellektuellen Bestrebungen aufgingen, anstatt sich der praktischen Politik zuzuwenden (Brandt: Mein Weg nach Berlin).

Mot Dag wurde von Falks Persönlichkeit geformt. Falk stammte aus Nordnorwegen, war 10 Jahre lang in den Vereinigten Staaten gewesen, wo er von der revolutionär-syndikalistischen Industrial Workers of the World beeinfluß worden war. Später studierte er den Marxismus. Er war, so Brandt, ein schlaksiger, gebrechlicher, häßlicher Mann mit dem Hals eines Geiers und dem Kopf eines gerupften Vogels, den Augen eines Adlers. Er hatte die absolute Macht über seine Jünger. Er war der „intellektuelle Hohepriester“ und „asketische Guru“ – sehr neurotisch, was man an seiner verklemmten und verdrehten Beziehung zum anderen Geschlecht ersehen kann. Das gleiche Problem hatte der Vorsitzende der norwegischen Arbeiterpartei Martin Tranmäl, obwohl Tranmäl und Falk einander nicht ausstehen konnten. Brandt sah damals, daß die sadistischen Neigungen in einer politischen Gruppe sublimiert werden und masochistische Wünsche ihre Erfüllung finden. Ihm zufolge scheinen sexuelle Hemmungen der Nährboden für begnadete Hasser und Intriganten zu sein. Politik als Ersatz für Liebe maskiere sich als altruistische Unbedingtheit (Brandt: Links und Frei).

1936 schloß sich Mot Dag der Norwegischen Arbeiterpartei an, jedoch mußte Falck draußen vor bleiben. Die Gruppe war in der Zwischenzeit seiner Kontrolle entglitten, weil er unter gesundheitlichen Problemen litt. Brandt sah Falk zum letzten Mal kurz vor dessen Tod 1940 in einem Krankenhaus in Stockholm. Angesichts der Weltkatastrophe hatte sich Falk mit seinen Widersachern in der sozialistischen Bewegung arrangiert (Brandt: Mein Weg nach Berlin). Der allerletzte Rat, den Falk Brandt auf seinem Sterbebett in Schweden gab: da ganz Europa dem Faschismus anheimfallen wird, sollte eine Elitegruppe skandinavischer Sozialisten in die USA gehen um zu überleben, so daß sie eines Tages die sozialistische Idee zurück nach Europa bringen können (Brandt: Links und Frei).

Reich war weniger ein Marxist („Theorie“), als weit eher Leninist („Praxis“). 1932 wurde Reich denn ja auch von Siegfried Bernfeld nicht als Marxist, sondern als Leninist angegriffen. In gleiche Richtung läuft die Kritik an Reich, die 1976 im Vorowrt zur vom Verlag O in Faksimile veröffentlichten Was ist Klassenbewußtsein? geäußert wurde: Reich,

der jahrelang gegen die autoritäre Erstarrung kämpfte, die in dem leninistischen Organisationskonzept der Kommunistischen Parteien (…) von allem Anfang an enthalten ist, ist selbst zu sehr Leninist, als daß er konsequent für eine antiautoritäre Revolutionierung der Revolutionäre und ihrer Organisationen einzutreten vermöchte. Er hält an der Lenin’schen Unterscheidung von Führung und Masse, von Bewußtsein der Avantgarde und tradeunionistischem Bewußtsein immer noch (…) fest.

„Reichianer“, die mich immer wieder von neuem auf die ungeheure Bedeutung von Karl Marx für Reichs Werk hinweisen, bringe ich gerne mit einer Frage und einem Hinweis aus dem Konzept.

  1. Zwar spricht Reich selbst von diesem Einfluß, insbesondere in Menschen im Staat, aber ich könne ihn jenseits dieser Behauptung nirgends ausmachen. Wo schlägt sich denn der Historische Materialismus Marxens genau in der Orgonomie nieder? Erst recht die Arbeitswertlehre?! Reichs sozialpsychologische Konzepte und das Konzept der Arbeitsdemokratie haben sich entwickelt, weil die Marxschen Voraussagen hinsichtlich des Verhältnisses von „Unterbau“ und „Überbau“ sich in keinem einzigen Punkt bewahrheitet haben. (Die Bedeutung von Friedrich Engels und dem Dialektischen Materialismus wollen wir hier draußen vor lassen!)
  2. Ein ganz anderer Denker hat unübersehbare Spuren in Reichs Werk hinterlassen. Ein Mann, dessen Erwähnung die besagten „Reichianer“ ganz und gar nicht goutieren, den sie teilweise sogar verabscheuen: Lenin! Werke wie Die Massenpsychologie des Faschismus („subjektiver Faktor in der Geschichte“!) und Was ist Klassenbewußtsein? sind ohne ihn schlicht undenkbar. Insbesondere zeigt sich aber der ungeheure Einfluß Lenins auf das Reichsche Werk anhand der organisatorischen Struktur der Orgonomie angefangen bei der „Sexpol“ bis zur heutigen Orgonomie.

Das ist mir bei der Lektüre des wirklich sehr empfehlenswerten Buches Karl Motesiczky 1904-1943 von Christiane Rothländer von neuem aufgegangen.

Rothländer zufolge war der erste Schritt zum Aufbau einer internationalen Sexpol-Organisation die Gründung der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie im April 1934 (ebd., S. 161). Dabei orientierte sich Reich an Lenins Schrift Womit beginnen? von 1901:

  1. muß jede revolutionäre Partei zunächst eine Zeitschrift ins Leben rufen.
  2. dient dieses Kampforgan der Propaganda nach außen und dem organisatorischen Aufbau und Zusammenhalt nach innen.
  3. dient es einerseits der politischen Erziehung der Massen und bietet diesen gleichzeitig ein Forum, um auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam zu machen.
  4. bildet das Kampforgan das Gerüst der sich entwickelnden Organisation, anhand dessen sie sich „entwickeln, vertiefen und erweitern“ kann.
  5. bildet das Kampforgan die ideologische Führung der Organisation, hinter ihr steht eine engumgrenzte zentrale Gruppe, der Führungskader.
  6. wird ein Netz „örtlicher Vertrauensleute“ aufgebaut, die mit dem Führungskader in persönlicher Verbindung stehen (ebd., S. 167f).

Nach diesem Muster formierte sich Mitte der 1930er Jahre in Skandinavien die Sexpol als geschlossene Organisation – und 30 Jahre später das American College of Orgonomy (ACO) in Amerika.

Rothländer führt aus (ebd., S. 172-177), daß zwei Besonderheiten die Sexpol vom originalen Konzept Lenins abhoben:

  1. versuchte sie so weit wie möglich unbürokratisch zu sein (in Reichs späterer Begrifflichkeit „arbeitsdemokratisch“) und verzichtete deshalb weitgehend auf Statuten, formale Hierarchien, „Parteigerichtsverfahren“, etc.
  2. entsprach es der Natur der Reichschen Arbeit, die sich aus der Psychoanalyse heraus entwickelt hatte, daß jeder, der im Namen der Organisation sprechen und agieren wollte, nicht nur eine entsprechende Schulung durchlaufen haben mußte, sondern vor allem auch eine Therapie. Es reichte nicht, daß die besagte Therapie („Umstrukturierung“, wie es schon damals hieß) bei irgendeinem Psychoanalytiker (inklusive ehemaligen Schülern Reichs!) durchgeführt wurde. Vielmehr mußte der Kandidat zu Reich selbst oder einem der gegenwärtig von Reich selbst ausdrücklich anerkannten Schüler gehen.

Beides führte, wie Rothländer überzeugend ausführt, zur Erstarrung und Isolierung der Sexpol.

  1. Ein geregeltes Parteileben hätte zwar, so Rothländer, eine gewisse Bürokratisierung mit sich gebracht, aber so wären auch die Voraussetzungen für eine innerparteiliche Demokratie, „Fraktionsbildung“ und eine „ideologische“ Weiterentwicklung, die nur aus solchen innerparteilichen Kämpfen hervorgehen kann, gegeben gewesen. Gerade wegen der Vermeidung von „Bürokratie“ („Gesetzlichkeit“) entwickelte sich eine auf Willkür beruhende autoritäre Organisation, in der alles auf Reich persönlich ausgerichtet war.
  2. Weiter verschärft wurde dies durch das Patient-Therapeut-Verhältnis und nicht zuletzt die dadurch sehr begrenzte Aufnahmekapazität der Organisation. Schulungen können schnell und weitgehend ohne Rücksicht auf die Person erfolgen. Die „charakterliche Umstrukturierung“ war auf wenige beschränkt, von denen wiederum nur einige die Therapie erfolgreich abschließen konnten und dafür einen ungeheuren (nicht zuletzt finanziellen) persönlichen Aufwand betreiben mußten.

Gewisserweise hat Reich Lenins Konzept weiter zugespitzt.

Wenn man die Geschichte des ACO verfolgt, hat sich hier alles so wiederholt, wie Rothländer es für die Sexpol ausführlich beschreibt. Elsworth F. Baker, der Ende der 1940er Jahre von Reich damit beauftragt worden war, eine neue Generation von Medizinischen Orgonomen auszubilden, erkannte als Ausbildung nur die Therapie bei ihm selbst bzw. bei dazu von ihm ausdrücklich dazu autorisierten Therapeuten an. Zunächst wurde das Journal of Orgonomy ins Leben gerufen, erst dann das ACO. Das ACO war eine arbeitsdemokratische Organisation, wurde aber letztendlich einzig und allein von Baker dominiert. „Abweichungen“ wurden nicht ausdiskutiert, sondern führten unmittelbar zum Verlassen der Gruppe. „Fraktionsbildungen“ endeten zwangsläufig in einer sofortigen Spaltung. Der Tod Bakers führte zu weiteren Mitgliederverlusten.

Und dies obwohl der Gründer des ACO, ein selbst für amerikanische Verhältnisse erzkonservativer Mann, denkbar weit von jedem linken, gar „Leninistischen“ Gedankengut entfernt war. Er hat einfach das weitergeführt, was ihm Reich mit seinem „Orgone Institute“, der „Wilhelm Reich Foundation“, etc. vorgelebt und in seinen Schriften festgelegt hatte. Kritiker des ACO wissen zumeist gar nicht, was sie da eigentlich kritisieren. Das, weniger der Inhalt ihrer Anwürfe, macht es so schwer sie ernst zu nehmen, wenn sie etwa an die „Arbeitsdemokratie“ (bzw. das, was sie dafür halten!) appellieren oder entsetzt sind, wenn die Therapie bei „irgendeinem“ Orgontherapeuten nicht als solche anerkannt wird. (So als wenn das zu Reichs Zeiten anders gewesen wäre!)

Was ist die Alternative? Nach Reichs Tod hat es diverse mehr oder weniger informelle, d.h. dezidiert „nicht-Leninistische“ „orgonomische Gruppen“ gegeben, die sich parallel, teilweise in ausgesprochener Opposition zum ACO gebildet haben. Deren Grundproblem war und ist, daß sie, wenn man so sagen kann, „gar nicht existieren“. In der Öffentlichkeit, selbst der „orgonomischen Öffentlichkeit“, sind sie so gut wie gar nicht präsent. Das, was sie vertreten, ist teilweise mehr als fragwürdig, denn sie haben die Tendenz die Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit zu verwässern. Sie sind damit in doppelter Hinsicht ein Beispiel für das, was Reich und Baker mit ihren „Leninistischen“ Organisationsprinzipien vermeiden wollten: den Wärmetod der Orgonomie.

Es geht m.E. kein Weg an drei Elementen vorbei, ohne die die Orgonomie sozusagen als „Signal“ im „allgemeinen Rauschen“ untergehen wird:

  1. ohne Organisation ist die Orgonomie nur „ein Konzept von vielen“, nur ein weiterer „alternativer Ansatz“.
  2. eine solche Organisation kann nur aus einem regelmäßig erscheinenden Organ hervorgehen und von diesem getragen werden.
  3. das Organ und damit die Organisation muß Sprachrohr einer zentralen Führungsgruppe sein.

Die Gefahr einer „Erstarrung“ sehe ich nicht. Ganz im Gegenteil: mit ein oder zwei Ausnahmen kann ich mich an überhaupt keine wie auch immer geartete Weiterentwicklung der Orgonomie außerhalb des ACO erinnern. Die Gefahr liegt ganz woanders: ein pestilenter Charakter (Emotionelle Pest) könnte sich an die Spitze der Orgonomie setzen. Immerhin ist es jedoch so gut wie ausgeschlossen, daß ein solcher eine Orgontherapie anfängt, geschweige denn erfolgreich durchläuft (ich spreche hier nicht unbedingt von orgastischer Potenz, sondern von der Meisterung eines Großteils der persönlichen neurotischen Probleme!), und außerdem wird es mit Sicherheit nach Reich und Baker keine „zentrale Persönlichkeit“ mehr in der Orgonomie geben. Angesichts des Wesens der Orgonomie (bzw. des Wesens ihres Forschungsgegenstandes, der organismischen und kosmischen Orgonenergie) ist eine „Formalisierung“, „Bürokratisierung“ keine Option.

Selbstverständlich ist das alles „abstrakt betrachtet“ suboptimal, aber leider bewegt sich die Orgonomie in Feindesland. Die gepanzerte Gesellschaft will die Orgonomie nicht – und die Orgonomie will diese gepanzerte Gesellschaft nicht. Unter solchen Umständen die Orgonomie anders „betreiben“ zu wollen, als Reich und Baker es getan haben, nämlich „liberal und offen“, ist naiv, selbstmörderisch – und letztendlich pestilent, weil so die Kinder der Zukunft keinerlei Chance haben. Die Orgonomie befindet sich in der gleichen Situation wie die Sozialdemokratie in Rußland Anfang des letzten Jahrhunderts.

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 1)

17. Juni 2016

Walter Löwenheim alias Miles war Gründer der Widerstandsgruppe Neu Beginnen. Jahrgang 1896 war Löwenheim nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in der „Freien Sozialistischen Jugend“ tätig, danach in der KPD. Er war Schüler des legendären Kommunisten Paul Levi. Aufgrund von Stalins desaströser linksextremer und sektiererischer Politik verließ er die KPD, schloß sich jedoch nicht, wie es Levi bereits 1922 getan hatte, der SPD an (Kurt Klotzbach [Hrsg]: Drei Schriften aus dem Exil, Berlin 1974 und Hartmut Soell: Fritz Erler, Berlin 1976).

1928/29 kam Löwenheim zu dem Schluß, daß Stalins Planwirtschaft, die die „Neue Wirtschaftspolitik“ Lenins ersetzte, eine Katastrophe für die gesamte sozialistische Bewegung darstellte. Eine Erneuerung der Arbeiterbewegung betrachtete er nur als möglich durch Überwindung einerseits des linksextremistischen Sektierertums der Kommunisten und andererseits der reformistischen Politik der Sozialdemokraten. Diese Erneuerung sollte von einer konspirativen Gruppe von Berufsrevolutionären ausgehen.

Löwenheim sammelte eine kleine Gruppe von jungen KPD-Mitgliedern, Leuten der KPD(O), d.h. Kommunisten vom rechten Flügel, und revolutionären SPD-Mitgliedern vom linken Flügel um sich. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise formte diese Gruppe „die Organisation“ (kurz „Org.“).

Hinter der Org. (auch als „Leninistische Organisation“ oder „O“ bekannt) stand die Theorie, daß

  1. es nichts bringt eine sektiererische Splitterpartei nach der anderen zu gründen;
  2. die quasi-revolutionäre faschistische Bewegung der Hauptfeind ist, nicht die „Sozialfaschisten“ und nicht einmal die Großindustrie; und
  3. die alten Methoden der illegalen Arbeit wertlos sind, stattdessen müssen längerfristige Strategien ausgearbeitet werden.

Die organisatorische Struktur der Org. gestaltete Löwenheim nach Lenins Konzept einer Kaderpartei. Das bedeutete strikter Zentralismus, das Zentrum hat die Autorität Direktiven auszugeben und die Arbeit erfolgt nach den Gesetzen der Konspiration. Löwenheim war „der deutsche Lenin“.

Die Org. weigerte sich, einen Namen anzunehmen, der ihr den Charakter einer Partei verliehen hätte. Sie betrachtete sich als den „subjektiven Faktor“ innerhalb der Arbeiterbewegung, als eine bewußt handelnde Minderheit, die in den vorhandenen Parteien arbeitet, um den Graben innerhalb der Arbeiterbewegung zu schließen. Deshalb war die Existenz der Org. streng geheimzuhalten. Lokale Zentren waren Berlin und Frankfurt.

1931 füllten zwei Gruppen die Ränge der Org.: zunächst die „Kommunistische Studentenfraktion“ („Kostrufa“) in Deutschland (mit der Österreichischen Kostrufa haben wir uns bereits befaßt), die 1929 aus der KPD ausgeschlossen worden war (Leute wie Richard Löwenthal [alias Paul Sering] und Stefan Eliasberg), und zweitens der Berliner Regionalvorstand der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). (Das waren so ziemlich jene Gruppen, deren Wiener Entsprechungen sich für die Ideen Reichs begeistern konnten: potentiell Reichsches Klientel.)

Anfang 1933 hatte die Org. vielleicht 100 Kader, während etwa 200 Personen der Peripherie der Org. zugeordnet werden konnten. Die einzige Organisation, die bis dahin von der Org. erfolgreich „erobert“ worden war, war die SAJ. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahen, mußte die Org. einsehen, daß ihr langfristig angelegter Plan die beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD zu unterwandern und schließlich zu übernehmen, zunächst ad acta gelegt werden mußte. Die Org. ging in den Untergrund und versuchte eine eigene unabhängige Identität in der internationalen Öffentlichkeit anzunehmen. Beispielsweise warb sie um Anerkennung bei der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (der Nachfolgerin der Zweiten Internationale). In Prag wurde ein Auslandsbüro eingerichtet, das seit Mai 1933 von Dr. Karl Frank geleitet wurde.

Im Frühsommer 1933 schrieb Löwenheim das Programm der Org., die bald „Neu Beginnen“ genannt wurde, als Löwenheims Broschüre September 1933 unter dem Titel Neu Beginnen von der SPD in Prag veröffentlicht wurde (Miles: Neu beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands, Karlsbad 1933. In: Probleme des Sozialismus, Sozialdemokratische Schriftenreihe, Heft 2). Die Schrift wurde viel beachtet.

Im Unterschied zu allen anderen sozialdemokratischen und kommunistischen Theorien der Zeit betrachtete Löwenheim den Faschismus nicht als ein instabiles Phänomen, das schnell verschwinden würde. Stattdessen war für ihn der Faschismus eine politische Revolution, die aus tiefreichenden sozialen Ursachen und Kräften hervorgegangen sei. Der faschistische Staat sei ein durchorganisiertes System, so daß der antifaschistische Kampf ein langfristiges Projekt sein müsse. Da der Faschismus ein monolithischer Block sei und jede Möglichkeit dagegenzuhalten verunmögliche (keine freie Presse, keine Gewerkschaften, etc.), wäre mit der Verschärfung der ökonomischen Krise die gesamte Zivilisation gefährdet, weil in der ökonomischen Krise die Massen ihren bourgeoisen Führern folgten!

Diese Analyse war einzigartig, wenn man von Reichs Faschismus-Theorie absieht, die der von Löwenheim, jedenfalls oberflächlich betrachtet, ziemlich ähnlich ist. Soell deutet übrigens an, direkt sagen tut er es nicht, daß der Name „Neu Beginnen“ tatsächlich von Reich inspiriert sein könnte. Siehe Charakteranalyse (KiWi, S. 267), wo Reich über den intensiven Wunsch des Zwangscharakters spricht, das Leben „neu zu beginnen“.

Die Ereignisse in Deutschland seien, so Löwenheim weiter, unvermeidlich, wenn man sie aus machtpolitischer Warte aus betrachte. Sie seien das Ergebnis der universellen Tendenz zu einem zentralistischen Parteistaat. Löwenheim vergleicht die Sowjetunion sogar mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien: alle drei seien zentralisierte Parteistaaten. Solch ein Staat sei unvermeidlich, aber seine sozialistische Natur sollte sichergestellt werden.

Löwenheim lehnt den traditionellen Determinismus der sozialistischen Bewegung ab, d. h. daß der Sozialismus historisch unvermeidlich ist. Während die bürgerliche Revolution ein natürlicher sozialer Prozeß war, sei die proletarische Revolution nur eine historische Chance. Die proletarische Revolution müsse durch die historische schöpferische Kraft des fortgeschrittensten Teils der Gesellschaft bewußt geplant werden; durch den historisch bewußten Kopf der Arbeiterklasse (d. h. durch bürgerliche Intellektuelle wie Löwenheim!). Am Ende des langen Kampfes müsse der sozialistische Staat stehen mit der gesamten Staatsmacht in den Händen der Sozialistischen Partei.

Unmittelbares Ziel ist ein enges Zusammengehen aller sozialistischen Kräfte unter der Schirmherrschaft der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) und die Zerschlagung der Komintern, da die Komintern Illusionen über die spontane revolutionäre Kraft des Proletariats verbreite. Auch habe die Komintern den Graben, der die Arbeiterbewegung spaltet, verbreitert. Natürlich kritisiert Löwenheim auch die Sozialdemokraten. Weil diese nicht mehr auf eine Marxistische Revolution ausgerichtet seien, fordert er, daß seine eigene Organisation die Führung der sozialistischen Bewegung auf der Grundlage dieser Druckschrift übernimmt.

Löwenheim forderte die Einheitsfront mit allen antifaschistischen Kräften innerhalb der Bourgeoisie. Seit Ende 1933 unternahm Neu Beginnen Anläufe in diese Richtung mit der Bildung „gesellschaftlicher Arbeitsgemeinschaften“ (Gesag). Schon vor 1933 hatten einige Mitglieder der Org. Kontakte mit dem Management der Großindustrie geknüpft.

Die meisten emigrierten Führer der Arbeiterparteien reagierten negativ auf Löwenheims Forderungen. Die stärkste Reaktion kam von der KPD, da sie im Gefolge ihrer „Sozialfaschismus“-Kampagne insbesondere den linken Flügel der Sozialdemokratie bekämpfte. Entsprechend war für sie Neu Beginnen das Böse schlechthin. Für die SPD in Prag wies der alte Karl Kautsky offiziell fast alles zurück, was Löwenheim geschrieben hatte, insbesondere dessen Ablehnung des historischen Determinismus und dessen Plädoyer für eine zentralisierte Parteidiktatur. Kautsky bezeichnete dieses Konzept als „faschistisches Kuckucksei“ im sozialistischen Nest. 1934 wurde Miles‘ Pamphlet übersetzt und in England, Frankreich, und den USA veröffentlicht.

Im Sommer 1935 versuchte das Auslandsbüro von Neu Beginnen eine bessere Beziehung zur Exil-SPD herzustellen. Dies führte zum Beispiel zu einer Zusammenarbeit mit der von der Exil-SPD herausgegebenen Zeitschrift für Sozialismus. Möglich wurde das wegen der Revision von Hauptpunkten im Programm von Löwenheim, die den Anspruch auf die Führung und die zentralistische Parteidiktatur betrafen. Diese Annäherung fand ein Ende, als sich Neu Beginnen im März 1941 der „Vereinigung deutscher sozialistischer Organisationen“ in Großbritannien anschloß. Nach dem Krieg traten viele Mitglieder von Neu Beginnen der SPD bei.

In der Ende Juli 1934 erschienenen Broschüre Was ist Klassenbewußtsein? (S. 9f) schrieb Reich:

In der vor kurzem erschienenen Broschüre Neu beginnen wird sehr richtig die Forderung nach einer „revolutionären Partei“, nach einer im vollen Sinne des Wortes revolutionären Führung gestellt, das Vorhandensein von Klassenbewußtsein im Proletariat jedoch geleugnet:

„Die Grundlage aller ihrer (der II und III. Internationale) Einsichten und Handlungen bildet der Glaube an eine dem Proletariat innewohnende revolutionäre Spontaneität … Wie aber, wenn eine solche revolutionäre Spontaneität nur in den Köpfen der sozialistischen Parteien, aber nicht in der Wirklichkeit existierte? — Wenn das Proletariat von sich aus, also von natürlichen gesellschaftlichen Kräften, gar nicht zum ‚sozialistischen Endkampf‘ getrieben würde … Unfähig anders zu denken als in ihren Dogmen und Thesen, glauben sie mit geradezu religiöser Inbrunst an spontane Revolutionskräfte…“ (S. 6)

Der beispiellos heroische Kampf der österreichischen Arbeiter vom 12.— 16. Februar 1934 beweist, daß es sehr wohl revolutionäre Spontaneität ohne ein Bewußtsein vom „sozialistischen Endkampf“ geben kann. Revolutionäre Spontaneität und Bewußtsein vom „Endkampf“ sind zwei verschiedene Dinge.

Die Führung muß also, so lautet die Konsequenz, das revolutionäre Bewußtsein in die Masse tragen. Zweifellos muß sie das! Aber wie, fragen wir nun, wenn wir noch gar nicht genau Bescheid wüßten über das, was wir revolutionäres Bewußtsein nennen?

Man sieht, daß bei Löwenheim einige Elemente des Reichschen Denkens anklingen – und wie gleichzeitig dessen auf den Staat fixierte Vorstellungen und dessen Konzept einer Konspiration einer Kaderorganisation, die wie ein Nachrichtendienst organisiert ist, all dem zuwiderläufen, wofür Reichs sich damals zu entwickeln beginnendes Konzept der Arbeitsdemokratie steht. Es ist nicht übertrieben Löwenheim als „Roten Faschisten“ zu bezeichnen!

Und das ist mehr als bloße Theorie, denn Nachkriegsdeutschland wurde in entscheidenden Bereichen von der Ideologie und sogar den Kadern Neu Beginnens geprägt, wie bereits in Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3) erläutert. Heute, wo „Wissenschaft“, Medien und Politik flächendeckend vom linken Geist durchdrungen sind, leben wir mehr in einer „Neu-Beginnen-Welt“ als je zuvor. Es ist eine zutiefst totalitäre Welt, die instinktiv Reich-feindlich ist.

Reich war von sozialistischen Geheimorganisationen nach Art von Neu Beginnen geradezu eingekreist. Er selbst war nie Mitglied eines dieser Kulte, wenn man mal von der sektiererischen KPÖ absieht. Mit der genannten kurzzeitigen Ausnahme hat Reich nie einen Hehl aus seinen Ansichten gemacht, während er von Leuten umgeben war, die fast durchweg eine Maske aufgesetzt hatten und geheimen Agenden folgten. Den Grundunterschied zwischen der Orgonomie und der „Neu-Beginnen-Mimikry“ hat Theodore P. Wolfe in einem ganz anderen Zusammenhang beschrieben:

Auch hört man oft das Argument, daß Theorie und Praxis nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind; daß man die eine Art von theoretischem Konzept und eine andere Art von Praxis haben kann. Das ist ein gefährlicher Irrtum und Selbstbetrug. (Translator’s Preface to Second Edition, Character-Analysis, New York 1949, S. XIV)

Reich hätte niemals ein Mitglied dieser Politkulte sein können, aber seine damaligen Anhänger waren es, zumindest Sympathisanten. Betrachten wir Willy Brandt als Beispiel:

Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich das SAP-Mitglied Jacob Walcher in den USA auf, wo aus ihm ein Kommunist wurde. Nach Ende des Krieges ging er in die sowjetisch besetzte Zone und war dort Herausgeber einer Gewerkschaftszeitung. Einige Jahre später fiel er in Ungnade. Schon 1931 war Walcher als „Rechtsabweichler” aus der KPD ausgeschlossen worden. 1932 trat er der Führungsriege der SAP bei und leitete die Auslandsabteilung der Partei. Aber bereits aus seiner Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen, die sich in Opposition zu Moskau befanden („Kommunistische Opposition“), kannte Walcher die norwegische Gruppe „Mot Dag“.

Mot Dag war ein Unikum. Die ordensartige Organisation entstand kurz nach dem Ersten Weltkrieg als eine Gruppe von Studenten und jungen Akademikern, die Mitglied der Norwegischen Arbeiterpartei waren. 1923 verließ Mot Dag die Komintern zusammen mit der Mehrheit der Norwegischen Arbeiterpartei. Zwei Jahre später wurde Mot Dag jedoch von der Norwegischen Arbeiterpartei ausgeschlossen und schloß sich für einige Zeit der KP an. Im Sommer 1933, also gleich nach seiner Ankunft in Norwegen, brachte Walcher Brandt mit Erling Falk in Kontakt, dem Leiter von Mot Dag (Willy Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Brandt war bei Mot Dag sehr aktiv und ab Juni 1934 gehörte er sogar dem Vorstand an, wurde u.a. Vorsitzender und Verkaufsleiter. Er hatte viele Funktionen in den Unterorganisationen von Mot Dag inne. Außerdem gehörte er der Redaktion der Zeitschrift Mot Dag an. Falk und sein innerer Zirkel hatte den Willen und die Fähigkeit Leute an sich zu binden. Brandt brauchte mehr als ein Jahr, um sich wieder zu befreien. Er hatte der Mot Dag mitzuteilen, was im Jugendverband der Norwegischen Arbeiterpartei vor sich ging. Dergestalt wurde er in etwas verstrickt, was ihm zuwider war, vor allem, weil sie aus allem ein so großes Geheimnis machten, auch wußte er nicht, was Sinn und Zweck des ganzen sein sollte (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Von allen Organisationen in Norwegen kam Mot Dag einer Kaderorganisation am nächsten. Die elitäre Gruppe war wie eine Sekte organisiert. Sie hatte in Oslo etwa 100 Mitglieder, einige Dutzend in Trondheim und einige andere in anderen Städten. Die Mitglieder waren Intellektuelle, die fast durchweg aus bürgerlichen Familien stammten. Es waren Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten, Gymnasiallehrer, wissenschaftliche Mitarbeiter, etc. Ursprünglich war Mot Dag eine reine Männergruppe, erst später traten ein paar Frauen bei. Einen nicht geringen Anteil ihres Einkommens hatten die Mitglieder abzutreten. Wer zusätzliches Geld benötigte, mußte einen entsprechenden Antrag stellen. Es war eine Selbstverständlichkeit sein Erbe zu überschreiben und Mitglieder mußten sich in fragwürdigen Wirtschaftsaktivitäten von Mot Dag engagieren. Brandt war ein Sonderfall, da er aus der Arbeiterklasse kam. Aus diesem Grund fiel er nicht lange auf den Elitismus und die Losgelöstheit Mot Dags von der gesellschaftlichen Realität herein. Im Frühjahr 1935 trennte er sich von der Gruppe. Brandt vergleicht ihren Elitismus mit dem der Bolschewisten und ihrer französischen Vorgänger und auch so manchen Ideologen der Neuen Linken Ende der 1960er Jahre (ebd.).

Es wurde auf strikte Disziplin gehalten. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe. Führende Mitglieder hatten Schlüsselpositionen in Frontorganisationen inne. Mot Dag hatte eine Büroetage mit einer Bibliothek und einer Küche, wo viele Mot Dagisten aßen, sogar frühstückten. Die Freizeit wurde gemeinsam verbracht. Unter Falks autoritärer aber auch inspirierender Führung konnte eine verhältnismäßig kleine Gruppe sehr viel erreichen. Sie gab die bereits erwähnte Zeitschrift Mot Dag heraus (1933-1936), führte ein Verlagshaus, stellte eine sechsbändige „Arbeiter-Enzyklopädie“ zusammen, beherrschte wichtige Studentenbünde, hielt eine Abendschule aufrecht. Pionierarbeit wurde geleistet mit einer Zeitschrift für Sexualerziehung. (ebd.) (Wahrscheinleich meint Brandt die Populärt tidsskrift for seksuell oplysning.)

Mot Dag hatte großen Einfluß auf das akademische Leben Norwegens, weniger auf die Politik. Das änderte sich erst als ihre Mitglieder der norwegischen Arbeiterpartei beitraten und in höchste Positionen aufstiegen.

Der Rote Faden: Reich und Trotzki

10. Juni 2016

Seit 1980 ist durch das Trotzki-Archiv eine kurze Korrespondenz zwischen Reich und Trotzki zugänglich (Karl Fallend: „Späte Kontakte: Reich-Trotzki-Briefe“, Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik., Jg. 4, Nr. 1/2, 1987, S. 75-84). Zusätzlich seit 1992 ein Brief von Heinz Epe (Walter Held) an Albert Glotzer über das Treffen von Reich und Trotzki Anfang 1936 in Oslo (Fritz Erik Hoevels: Wilhelm Reichs Beiträge zur Psychoanalyse, Ahriman, 2001, S. 286f)

In einem Brief vom Oktober 1933 bat Reich Trotzki um ein Treffen, um über Reichs Enttäuschung hinsichtlich der kommunistischen Bewegung und auch über seine sexualpolitische Arbeit und deren Beziehung zur revolutionären Politik zu sprechen. Reich legte ein Exemplar seiner soeben erschienenen Massenpsychologie des Faschismus bei.

Insbesondere ist interessant wie Reich auf seine Sexpol-Aktivitäten in Berlin zurückblickt: Er habe in Deutschland seit 1931 die kommunistische sexualpolitische Bewegung organisiert. In Westdeutschland sei die Zusammenfassung von 40 000 Mitgliedern (der insgesamt 300 000 Mitglieder umfassenden Sexualreformbewegung) gelungen. Er habe zwei Jahre einen aufreibenden Kampf gegen die Parteibürokratie gefochten, um eine genuin kommunistische sexualpolitische Linie auszuarbeiten. Er sei jedoch seiner Leitungsfunktion enthoben worden und die Bewegung brach in sich zusammen. Nun versuche er die Kräfte international zu bündeln. Es sei eine eigene sexualpolitische Massenorganisation vonnöten, doch dies ginge nicht ohne Anbindung an eine politische Partei. Aus diesem Grunde wende er sich nun an Trotzki.

Rein politisch habe ich mich von der grundsätzlichen Richtigkeit Ihrer Auffassungen überzeugt und verfolge aufmerksam die Arbeit der L.O. [d.h. der „Trotzkistischen“ linken Opposition in der kommunistischen Bewegung]. Obwohl ich selbst immer weniger an die Möglichkeit einer Wiederherstellung der kommunistischen Partei glaube, konnte ich mich noch nicht restlos mit der Frage der Gründung einer neuen Partei ins Klare bringen. Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß so groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden. Sollte ich ausgeschlossen werden oder aber die Politik der Komintern, wie etwa die Außenpolitik der SU, nicht mehr durch Mitgliedschaft mitverantworten können und selbst austreten, dann bliebe zunächst nur die Möglichkeit, eine Zeitlang parteilos weiterzuarbeiten und die neue parteiliche Bindung abzuwarten. Da meine Arbeit sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht ein neues, bisher brachliegendes Gebiet der revolutionären Front betrifft, muß ich mir einige Selbständigkeit bewahren, ohne Partisan sein zu wollen, solange, bis entweder die revolutionäre Partei grundsätzlich einverstanden ist [oder?].

Trotzki antwortete am 7. November 1933, daß er auf Reichs Gebiet nicht sonderlich bewandert sei, doch an einem weiteren Austausch durchaus interessiert sei.

Zwei Jahre später am 10. September 1935 schrieb Reich an Trotzki, um dessen Meinung über sein Manuskript Masse und Staat (das später in Die Massenpsychologie des Faschismus Eingang fand) einzuholen. Trotzkis Antwort vom 18. September 1935 war fast identisch mit seiner Antwort 1933.

Bemerkenswert ist, daß Trotzkis Buch Die verratene Revolution in Norwegen zu der Zeit geschrieben wurde, als er mit Reich in Kontakt stand und daß zuvor Reich seine eigene „Die verratene Revolution“ an Trotzki gesandt hatte: Masse und Staat. Reich hatte das Manuskript damals nicht veröffentlicht, sondern nur an einige „Genossen“ geschickt – inklusive Stalin. Eine revidierte Fassung wurde erstmals 1946 in The Masspsychology of Fascism veröffentlicht.

Es ist möglich, daß Trotzki Reichs Manuskript las und daß es Die verratene Revolution beeinflußt hat.

Die verratene Revolution hatte zwei Effekte. Indem das Buch Stalins Haß explodieren ließ:

  1. löste es unmittelbar die blutigen Säuberungen, die Moskauer Prozesse von 1937 und 1938 aus; und
  2. hatte Trotzki mit der Veröffentlichung dieses Buches sein endgültiges Todesurteil unterschrieben.

Mit seinem Manuskript hat demnach Reich vielleicht ungewollt zum Tod von Hunderttausenden beigetragen – und sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Nach der Veröffentlichung von The Masspsychology of Fascism wurde er von den amerikanischen Stalinisten als „Psychofaschist“ angegriffen – und ein Jahr später startete die Stalinistin Mildred Brady die Kampagne, die schließlich in Reichs Verhaftung und Tod im Gefängnis kulminierte.

Auf jeden Fall wird man in Moskau die Kontakte von Reich und Trotzki, bei denen es immerhin um organisatorische Fragen ging, mit äußerstem Interesse verfolgt haben! Wenn man etwa Dimitri Wolkogonows Buch über Trotzki (Das Janusgesicht der Revolution, Düsseldorf 1992) liest, wird es zur Gewißheit, daß in solchen Fällen Stalin höchstpersönlich informiert wurde. Er wurde ohnehin über alles, was im Umfeld Trotzkis geschah, auf dem Laufenden gehalten. Jede kleinste Einzelheit! Wolkogonow macht zwei bemerkenswerte Beobachtungen:

  1. Trotzki befand sich zwischen dem 18. Juni 1935 und dem 19. Dezember 1936 in Oslo – ein ziemlich langer Zeitraum! Agent „Gamma“ berichtete im November 1936 nach Moskau, daß aufgrund einer Übereinkunft zwischen Norwegen und der Sowjetunion die Korrespondenz Trotzkis geöffnet werde. Trotzki wurde nicht nur überwacht, es gab dabei auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Norwegen und der SU. Wurde Reichs Korrespondenz ebenfalls geöffnet? War er schon damals mehr im sowjetischen Netz gefangen, mit aktiver Unterstützung durch die Norweger, als er jemals zu denken gewagt hat?
  2. Wolkogonow beschreibt all die kleinen Parteien zwischen den stalinistischen KPs (Dritte Internationale) und den „revisionistischen“ SPs (Zweite Internationale). Parteien und Bewegungen wie Willy Brandts SAP oder Karl Franks Neu Beginnen (man könnte auch Reichs Sexpol nennen). Einige dieser „Zwischenparteien“ waren mit der Trotzkistischen „Vierten Internationalen“ verbunden. Wolkogonow, der seine Informationen aus den Geheimarchiven des KGB schöpfte, schreibt, daß diese Parteien nicht nur Mitglieder umfaßten, die (wie Reich) zuvor aus den KPs und SPs ausgeschossen worden waren, sondern auch eine ganze Reihe von GPU-Agenten, die alle Inforationen umgehend nach Moskau weiterleiteten. Als schließlich die Vierte Internationale am 3. September 1938 gegründet wurde (tatsächlich hatte sie seit 1933 funktioniert), gab es nur einen Trotzkistischen Repräsentanten für Rußland: Mark Sborowski, einer von Trotzkis engsten Mitarbeitern – und Agent der GPU.

Zur Verdeutlichung: die Zweite Internationale scheiterte am Ersten Weltkrieg, so daß sie mit einiger Berechtigung durch die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale abgelöst wurde. 1923 gründeten die Sozialdemokraten die Sozialistische Arbeiterinternationale, die bis 1940 bestand hatte. 1951 wurde die Sozialistische Internationale durch Kurt Schumacher ins Leben gerufen.

Mark Sborowski (1908-1990) war Sohn russischer Emigranten in Polen und dort Mitglied der KP. Er wanderte nach Frankreich aus und trat dort in den Dienst der GPU. Auf Wikipedia heißt es über ihn (hier „Zborowski“ genannt):

In Paris arbeitete Zborowski ab 1933 unter dem Namen Etienne als stalinistischer Spion in den Reihen der trotzkistischen Bewegung in Frankreich. Seine Berichte wurden von Stalin persönlich gelesen. Er gilt als Beteiligter an der Ermordung von Erwin Wolf und Ignaz Reiss 1937, sowie Leo Sedow [Trotzkis Sohn] und Rudolf Klement 1938. Nach Sedows Tod wurde Zborowski Herausgeber und Redakteur des „Bulletins der Opposition“. Im September 1938 machte er Ramón Mercader mit der Trotzkistin Sylvia Ageloff bekannt, was diesem 1940 Zugang zu Leo Trotzki verschaffte und das tödliche Attentat auf ihn ermöglichte. Zborowski erhielt an der Sorbonne ein Diplom als Fachmann für Ethnologie und betrieb erfolgreich anthropologische Forschung. 1941 emigrierte er in die USA, wo er seine Agententätigkeit gegen die Vierte Internationale fortsetzte. In den 1950ern wurde er enttarnt und mußte vor einem Senatsausschuß für Innere Sicherheit aussagen. 1962 wurde er wegen Meineids verurteilt und saß zwei Jahre in Haft.

Wolkogonow beschreibt das Schicksal von Sborowski in Amerika. Beispielsweise gaben Margaret Mead und Sborowski 1952 eine ethnologische Studie über Juden in Osteuropa heraus. Mead war mit Sborowski engbefreundet und sollte ihn stets unterstützen. William Steig, Reichs Mitarbeiter, war von 1936 bis 1949 mit Elizabeth Steig (1909–1983), der Schwester von Margaret Mead verheiratet.

Es ist ziemlich aufschlußreich Stalins Kampagne gegen Trotzki und wie die geradezu dämonische Schmierkampagne funktionierte (sogar wohlmeinende Linke fingen an Trotzki als den letzten Dreck zu betrachten), mit der Schmierkampagne gegen Reich zu vergleichen!

Es muß aber auch gesagt werden, daß Trotzki eine Art „Ur-Stalin“ war. Stalin führte eine rein „Trotzkistische“ Politik durch: erzwungene Industrialisierung, Militarisierung der Gesellschaft, extrem anti-kapitalistische Maßnahmen, sektiererische ideologische Vereinheitlichung, Dogmatismus, Zensur, etc.pp. Sie, Trotzki und Stalin, haßten einander so sehr, weil sie, bei allen z.T. krassen Unterschieden der Persönlichkeit, sich in mancher Hinsicht so sehr glichen. Es war Trotzki, der als erster die Idee hatte Gefangene als Arbeitssklaven für den „Aufbau des Sozialismus“ zu nutzen. Natürlich war Trotzki nicht solch ein psychopathologisches Monster wie Stalin, aber er war ein „ideologisches Monster“. Ein hervorragendes Beispiel für den pseudo-liberalen „modern-liberal character”. Bronstein sprach Deutsch und auf Deutsch klingt der Name „Trotzki“ wie „Trotz”. Ödipaler Trotz gegen das „Establishment“.

Stalin ließ aus persönlichen Gründen töten, Trotzki wegen der „historischen Notwenigkeit”. Ich würde soweit gehen, daß bis etwa 1928 Stalins Herangehensweise weit rationaler und humaner war als die Trotzkis. Genau aus diesem Grund wurde er auch von den Apparatschiks vorgezogen, die Angst vor dem „Bonaparte“ Trotzki hatten. Danach verwirklichte Stalin genau das, was Trotzki zuvor gepredigt hatte: erzwungene Industrialisierung, Ausbeutung der „kleinbürgerlichen“ Bauernschaft um die Industrialisierung voranzubringen, Militarisierung aller Lebensbereiche, „Proletarisierung“ der Kader, so daß mediokere Volldeppen wie Chruschtschow und Breschnew an die Macht gelangen konnten, „proletarische Erbarmungslosigkeit“, das für Trotzki so typische Sektierertum, etc.pp.

Selbst der Hang zu Verschwörungstheorien, beispielsweise die „Sozialfaschismus“-Theorie, war zunächst bei Trotzki zu finden. Circa 1924 peinigte diesen die Frage, wie es möglich sei, daß je höher eine kapitalistische Gesellschaft entwickelt ist, desto schwächer die KP in dem betreffenden Land ist. Seine Antwort: die Sozialdemokratie sei zu einem Erfüllungsgehilfen amerikanischer Kapitalinteressen geworden (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 90). Wenn etwas nicht nach Marxistischer Theorie lief, dann war nicht etwa die Theorie falsch, sondern Eingriffe von außen brachten die „historischen Gesetzmäßigkeiten“ durcheinander.

Und noch etwas zu Stalin: Wenn man Wolkogonows Buch über Stalin (Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1993) liest: Stalin gab eine perfekte „Charakteranalyse“ jedes einzelnen der alten hochintellektuellen Bolschewisten, die er einen nach dem anderen umbringen ließ. Stalin selbst legte die charakterologische Basis des Kommunismus offen!

Soweit zur „Ehrenrettung“ Reichs als „Anti-Stalinisten“.

In Reichs vom Kommunismus inspirierten Werken finden sich Aussagen, die allem widersprechen, wofür Reichs Konzept der „fachbewußten“ Arbeitsdemokratie steht. Zum Beispiel wollte Reich in den 1930er Jahren ganz nach kommunistischem Muster die Stellung des Industrieproletariats ausnutzen, um als „Gegengewicht gegen die eng zünftlerischen und eng berufsfachlichen Interessen, die der Kapitalismus unter den Arbeitern gezüchtet hat“, zu wirken (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 228, d.h. im „Trotzkistischen“ Kapitel „Masse und Staat“). Reichs reife Position hat wirklich rein gar nichts mehr mit derartigen Marxismen zu tun.

Im Juni 1922 befaßte sich das Politbüro auf Initiative Lenins mit den „antisowjetischen Gruppierungen“ innerhalb der Intelligenz. Der hierzu gefaßte Beschluß, der in erster Linie auf Unschlicht, Kurski und Kamenew zurückging, glich den Richtlinien der mittelalterlichen Inquisition. Unter anderem wurde angeordnet, eine „Aussonderung bei den Studenten“ vorzunehmen, mit dem Ziel einer „strengen Aufnahmebeschränkung für Studenten nicht-proletarischer Herkunft und politisch unzuverlässiger Elemente“. Zudem sollte „eine sorgfältige Überprüfung aller Presseorgane“ durchgeführt werden. Man verfügte weiterhin, „daß weder Kongresse noch sonstige Versammlungen diverser Spezialisten (Ärzte, Agronome, Ingenieure, Rechtsanwälte usw.) durchgeführt werden dürfen, die nicht durch den NKWD genehmigt worden sind. Örtliche Kongresse oder Versammlungen dieser Personengruppen werden durch die Exekutivkomitees des Gouvernements kontrolliert. Gewerkschaftliche Vereinigungen dieser speziellen Berufsgruppen werden gesondert behandelt und aufmerksam beobachtet. (Dimitri Wolkogonow: Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf 1994, S. 137f)

Aber zurück zum Thema: Im folgenden beziehe ich mich auf Natalja Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume: die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924 – 1938), Klinkhardt Verlag, 2005, S. 243 plus Dokument 20 und auf Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron (FS&G, 2011, S. 188f).

Otto Ernst Knobel (alias Brand), Jahrgang 1908, stammte aus Schwerin. 1922-1928 Besuch der Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln, Freundschaft mir Bruno Krömke. Mitglied des Sozialistischen Schüler-Bundes (SSB) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Schulkampf. Seit 1927 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland (KJVD), seit 1929 in der KPD, Redakteur der Zeitung Kommunistische Jugendinternationale. Er studierte fünf Semester an der Berliner Universität. 1933 Emigration nach Paris ohne die Partei um Einwilligung zu bitten. Er bekommt keinen offiziellen Emigrantenstatus zuerkannt. In Paris Kontakt mit Trotzkisten.

Zu dieser Zeit (1934) besuchte auch Reich die französische Hauptstadt und traf dort mit einigen Trotzkistischen Vertretern zusammen, die, nach seinen Angaben, alle Die Massenpsychologie des Faschismus gelesen hatten. Rückkehr Knobels nach Deutschland. 1935 Emigration nach Frankreich und Dänemark. In Kopenhagen arbeitet er in Reichs Verlagshaus. Das erwähnte Treffen in Paris sei vermutlich, so Christopher Turner, von Knobel arrangiert worden, der zu den Trotzkisten fand, bevor er zu Reich nach Dänemark ging. Er könnte es gewesen sein, der die Pariser Trotzkisten mit Exemplaren von Die Massenpsychologie des Faschismus versorgt hatte. Später gibt er an, mit Reich wegen persönlicher Konflikte gebrochen zu haben. Jedoch sagten andere Genossen bei den Verhören in Moskau aus, daß er mit Reichs Einwilligung zunächst nach Berlin ging und dann einen Monat später über Intourist in die UdSSR kam. Er habe Reich derartig nahegestanden, daß er dessen Briefe an Trotzki las und sogar selbst abgeschickt hatte.

Nachdem Knobel im Juni 1935 in der UdSSR ankommt, zeitweilige Arbeit am Moskauer Elektrotechnischen Institut für Nachrichtenwesen. Seit September 1935 unterrichtet er an der Karl-Liebknecht-Schule (Werken bzw. „Technologie“), ab September 1936 Klassenleiter und Biologielehrer, verantwortlich für das Biologiekabinett. Im Sommer 1936 einer der Leiter bei der Schulreise zum Sewan-See (Armenien). Im April 1936 informierte die Kaderabteilung die zuständigen Behörden über Knobels Vergangenheit. Er wird Anfang Oktober 1936 verhaftet und im Juni 1937 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Vermutlich ist er im Lager ums Leben gekommen.

Turner:

Das Komintern-Dokument das ihn stigmatisierte, ein Bericht von 1936 mit dem Titel „Trotzkisten und andere feindliche Elemente in der Emigrantengemeinde der deutschen KP“ [Dokument 20] beschuldigte Knobel Reich beim Verfassen und Übersenden seiner Briefe an Trotzki geholfen zu haben und behauptete, daß Reich „aus der KPD wegen Trotzkismus ausgeschlossen worden war“ (William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934-1939, New Haven: Yale University Press, 2001, S. 166). Wahrscheinlich haben Sowjetagenten Reichs [ersten] Brief an Trotzki abgefangen und möglicherweise hat das, ohne daß Reich dies ahnte, zu seinem Ausschluß aus der Dänischen Kommunisten Partei im darauffolgenden Monat beigetragen.

Turner zieht in Zweifel, daß Reich und Trotzki sich getroffen haben, obwohl sie in der gleichen Stadt lebten, Oslo. Sein überzeugendes Argument: es paßt einfach nicht zu Reichs Ego, daß er darüber für den Rest seines Lebens Schweigen gewahrt hätte. Aber Reich hat Trotzki tatsächlich im April 1936 zu einer eingehenden Unterredung getroffen. Siehe dazu Christiane Rothländers extrem wertvolles Buch Karl Motesiczky 1904-1943 (Wien 2010, S. 217f).

Beispielsweise hat auch Willy Brandt Trotzki nie getroffen, obwohl Trotzki 1935 und 1936 der bei weitem prominenteste politische Flüchtling in Norwegen war. Zwar wurde Brandt Anfang 1935 mitgeteilt, er könne Trotzki sehen, aber dann lehnte Trotzki ein Treffen ab wegen Brandts „opportunistischer Haltung in der ‚Norwegen-Frage‘“ (was immer diese „Norwegen-Frage“ auch gewesen sein mag). Brandt zufolge war Trotzki in ideologischer Hinsicht äußerst puristisch (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982). Er traf also Reich, weil dieser ausreichend „linientreu“ war. Im übrigen verlief das Gespräch Reich/Trotzki, nach Epes Erzählung, ziemlich ernüchternd: Die sexuellen Lockerungen am Anfang der Sowjetunion waren Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die üblichen Marxistischen Versatzstücke. – Reich war sicherlich „Leninist“, aber schlichtweg kein Marxist!

Ein weiterer Hinweis von Turner ist sehr interessant und wird angesichts des tatsächlich stattgefundenen Treffens in seiner Bedeutung nur nochmals unterstrichen. Es geht um Trotzkis bereits erwähntes 1936 veröffentlichtes Buch Verratene Revolution, dessen Einfluß auf Reichs politische Haltung, so Turner, „unermeßlich“ war:

Trotzki analysierte die Art und Weise in welcher die kommunistische Revolution seit Lenins Tod in die Hose gegangen war. Er glaubte, sie sei von Bürokraten gekapert worden und sagte als Ergebnis den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus: er rief zu einem weiteren reinigenden Aufstand auf. Trotzki kritisierte den neuen „Familienkult“, der in Rußland unterstützt wurde und den er als zynischen Trick zur „Disziplinierung der Jugend durch 40 Millionen Stützpunkte der Autorität und der Macht“ betrachtete. Das war genau die Strategie, die Reich Hitler in Die Massenpsychologie des Faschismus vorgeworfen hatte. Trotzki dokumentierte auch Stalins „sexuellen Thermidor“, der die Reformen der Oktoberrevolution, die Ehe und Sexualität betrafen, rückgängig machte; nun war Abtreibung verboten, Sodomie wieder ein Straftatbestand und die Ehescheidungsgesetze waren verschärft worden. Reich war von den Berichten über die Unterstützung sexueller Unterdrückung angewidert; sie zerschlugen ein für allemal seine rosigen Illusionen hinsichtlich des russischen Kommunismus. Nachdem er Trotzkis Streitschrift gelesen hatte, bezeichnete er Stalin als „den neuen Hitler“ und die Stalinisten als „rote Faschisten“.

Es ist zwar mehr als fraglich, ob es dazu Trotzkis Buch bedurft hatte, aber ohne Zweifel hat es den sicherlich immer noch schwankenden Reich bestärkt. Was Turner nicht erwähnt: die Beeinflussung war wechselseitig. Rothländer:

Daß die Diskussion mit Reich nicht ohne Wirkung auf Trotzki geblieben ist, läßt seine wenig später veröffentlichte Arbeit Verratene Revolution vermuten. Darin kam Trotzki in dem „Familie, Jugend, Kultur“ überschriebenen Kapitel auch auf jene Fragestellungen, die im oben erwähnten Brief [an Trotzki] bereits angeschnitten wurden, ausführlich zu sprechen und unterzog, wie auch Reich in seiner Arbeit Die Sexualität im Kulturkampf (1936), die Verschärfung der der Sexualgesetzgebung in der Sowjetunion einer kritischen Analyse.

Es ist nicht nur „anzunehmen“, sondern schlichtweg sicher, daß all dies den Sicherheitsbehörden in Moskau, die sich praktisch ausschließlich mit Trotzki und den „Trotzkisten“ beschäftigten, nicht entgangen ist. Dies zu Reichs „paranoider“ Angst vor den Roten Faschisten in Amerika!

Wie bereits angeschnitten: als Die Sexualität im Kulturkampf neun Jahre später in Amerika unter dem Titel Die sexuelle Revolution erschien, 1946 Die Massenpsychologie des Faschismus, wurde Reich von den Stalinistischen Fellow Travellers als „Psychofaschist“ gebrandmarkt. Ein Jahr später, 1947, trat Mildred Brady auf den Plan…

Der Rote Faden: Reichs politisches Umfeld

17. Mai 2016

Gerne wird kolportiert, daß Reich nicht nur Psychoanalytiker war, sondern auch „radikaler Kommunist“. Und, ja, es stimmt. Man nehme nur etwa sein Der sexuelle Kampf der Jugend. Wie weit Reichs Fanatismus Anfang der 1930er Jahre ging, zeigt sich an folgenden Äußerungen anläßlich einer Diskussion über die unglaublichen Zustände in der deutschen Fürsorgeerziehung:

Schuld allein war einzig und allein diese verruchte Ordnung, (…) in Form von über „Kultur“ und „Volkswohl“ schwätzenden Bestien (…). Und schuld sind alle jene hohen und überklugen Wissenschaftler (…), die Prediger der „Kulturpubertät“, die Schwätzer von Geistesgnaden, sämtlich eitle, unwissenschaftliche Knechte des Kapitals, die die Wissenschaft einzig und allein zur Ablenkung von der Wirklichkeit mißbrauchen und gerade deshalb in Rang und Ehren sind. Schuld sind die sozialdemokratischen Obrigkeiten mit ihrem von Gefühlsduselei triefendem Liberalismus, der den ganzen Schmutz raffinierter Volksverführung mit dem Glorienschein des Sozialismus umkränzen will. (…) Und die Lösung ist so einfach, wie die, die in der Sowjetunion getroffen wurde: Vernichtung des kapitalistischen Staatsapparates und Unschädlichmachung eines jeden, der sich gegen die Befreiung von diesen Verbrechen stemmt. (ebd., S. 97)

Ganz ähnlich klang wenig mehr als nur 30 Jahre später die RAF, – die sich am gleichen Thema abgearbeitet hat!

Interessant, wie die „realsozialistische“ Urform von Reichs „Liebe, Arbeit und Wissen“ von 1932 lautete: die Revolution erfülle

den Sinn der Vergesellschaftung der Menschen (…), die Befriedigung der Grundbedürfnisse des Hungers und der Liebe und der kulturellen Ansprüche der Massen zu sichern. (ebd., S. 65f)

Obwohl er es später selbst schöngeredet hat: Reich war von etwa 1928 bis 1933 beinharter Kommunist. Das kann man aber erst dann richtig bewerten, wenn man sich anschaut, in was für ein vielgestaltiges politisches Umfeld er in den 1920er und 1930er Jahren eingebunden war.

Allein schon die KPD hatte eine komplizierte Entwicklungsgeschichte mit immer neuen Abspaltungen. Neben den linken Trotzkisten sind vor allem die KPO und andere „rechte“ kommunistische Splittergruppen von Interesse.

In Skandinavien war Reich praktisch ausschließlich von SAP-Leuten und Mot Dag-Leuten umgeben, die einerseits in unversöhnlichem Widerspruch zu Stalin standen – andererseits aber imgrunde ihres Herzens noch immer Kommunisten und Freunde der Sowjetunion waren.

Zentraler Teil der „rechten Opposition“ innerhalb der kommunistischen Bewegung war die sogenannte „Leninistische Organisation“, kurz „Org“. Mit zentralen Figuren war Reich persönlich bekannt.

Reich wird vorgehalten, bizarre politische Vorstellungen vertreten zu haben, dabei wird nicht gesehen, daß Reich aus einer politischen Welt kam, die an Bizarrheit kaum zu überbieten war. Es läßt sich z.B. zeigen, daß der Aufbau des OSS, des Vorläufers der CIA, entscheidend von der Org inspiriert war: der Leninistischen Organisation, deren Endziel der Kommunismus war.

Willy Brandt war während seiner engen Bekanntschaft mit Reich (schließlich war Brandts Ehefrau Gertrud Gaasland Reichs persönliche Sekretärin!) Mitglied der krypto-kommunistischen Politsekte Mot Dag. Dergestalt war Reich in einem Netz von Geheimbünden, Politsektierern, Spinnern gefangen, die durchweg letztendlich doch auf der Seite Moskaus standen. Das reicht vom SAP-Funktionär Max Seydewitz, der heimlich Mitglied der KPD war, und zu jener Zeit bei Gaasland wohnte, als Reich das Orgon entdeckte, – bis zu Brandt selbst, der zur gleichen Zeit in Barcelona für die Stalinistische Einheitsfront warb.

Als Reich nach Amerika kam, war anfangs Reichs Haus in Forest Hills eine einzige Ansammlung von SAP-Funktionären. Reichs Biographen, etwa Myron Sharaf, sind darüber hinweggegangen und haben es so dargestellt, als wenn Reich irgendwie ein Tyrann war, als er seiner neuen Frau Ilse Ollendorff den Kontakt mit ihren alten Genossen verbot, den Bruch mit Gaasland provozierte, etc.

Bisher wurde noch nie dargelegt, auch von Reich selbst nicht, daß der Rote Faden der Verschwörung, der schließlich zu Reichs Inhaftierung und Tod im Gefängnis führte, in den Wiener Studenten-Cafes von 1919 anfing und lückenlos bis zum Ende (imgrunde bis zum heutigen Tag) verfolgt werden kann.

Man nehme als beliebiges Beispiel Brandt: Von sogenannten „Reichianern“ werden gerne Stellen zitiert, wo Brandt sich sehr freundlich und empathisch über Reichs sexualpolitische Ansichten äußerte, dabei werden aber andere Zitate unterschlagen bzw. verdrängt, wo Brandt über genau dieselben Ansichten Mildred Brady-haft herzog. Daß Brandt sich gegenüber Reichianern als quasi Mit-Reichianer gab, während derselbe Brandt sich gegenüber einem Reich-feindlichen Publikum als Anti-Reichianer gerierte, paßt zum Verhaltensmuster das generell im Umfeld der Org gang und gäbe war. Man kann sich dergestalt plastisch vorstellen, warum Reich mit diesem Polit-Gesindel nichts, aber auch rein gar nichts mehr zu tun haben wollte und warum er als grundehrliche Haut infolge seiner „politischen“ Sozialisation „paranoid“ werden mußte.

Nur ein Blick auf seine Anfänge in Wien:

Die Anfänge der „Kommunistischen Studentenfraktion“, kurz Kostufra an der Universität Wien liegen im Dunkeln (Beiträge zur Geschichte der Kommunistischen Jugendbewegung in Österreich, hrsg. von der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ, Wien 1981). Sie wird wohl 1919 gegründet worden sein. Zu ihr gehörten u.a. der Sohn des ermordeten deutschen Kommunistenführers Karl Liebknecht, Helmut Liebknecht, und die Brüder Hans und Fritz Glaubauf. Eines der Wohnquartiere dieser Studenten waren die „Grinzinger Baracken“, die zu den Treffpunkten der KPÖ gehörten. Viele leitende KPÖ-Funktionäre lebten dort, wie Johann Koplenig (der nach dem Zweiten Weltkrieg 20 Jahre KPÖ-Vorsitzender war) und Franz Honner (ebenfalls bedeutender KPÖ-Politiker der Nachkriegszeit). Ein weiterer Treffpunkt war die Mensa der sozialistischen Studenten in der D’Orsaygasse 5.

Um 1924 traten viele Mitglieder der Kostufra der damals gegründeten „Akademischen Legion“ (Aleg) bei, der Studentengruppe des paramilitärischen sozialistischen Republikanischen Schutzbunds. Aus ihren Reihen rekrutierten sich später Kämpfer für den spanischen Bürgerkrieg. Doch bereits im Mai 1925 wurden die kommunistischen Studenten wieder aus der Aleg ausgeschlossen.

Zu dieser Zeit hatte die Kostufra etwa 20 Mitglieder, darunter Arnold Reisberg und Alfred Klahr. Klahr war zusammen mit seinem Freund, dem Chemiestudenten Arnold Deutsch, in einer der drei Gruppen des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV) in Leopoldstadt aktiv. Er organisierte den Kreis der „Freiheitskämpfer“, wo er der Arbeiterjugend von den großen Revolutionären erzählte.

Die Kostufra wuchs langsam auf eine Mitgliederzahl von etwa 80 bis vielleicht 150 an. Die meisten wahren Medizinstudenten. Oft war der deutsche Schriftsteller Erich Weinert zu Gast. In Wien war er sehr populär und füllte die Hallen wie kaum einer. Dort trug er seine an Majakowski erinnernden revolutionären Kampfgedichte vor.

Von 1927 bis 1931 wurde die Kostrufa von dem Germanisten Hans Goldschmidt, geleitet. Zum Führungskreis gehörten Jenö Kostmann, Peter Edel, Roman Werfel und Fritz Jerusalem (alias Jensen). Die Mitgliederzahl sank wieder auf 20, aber zu den Vorträgen, die von der Kostrufa organisiert wurden, erschienen oft bis zu 80 Studenten.

Die populärste Vortragsreihe war die über „Psychoanalyse und Marxismus“ von Wilhelm Reich. Reich sei eine schillernde Persönlichkeit und ein brillanter Redner gewesen. Als er 1928 der KPÖ beitrat, war dies ein weithin beachtetes Ereignis. Vor der Kostrufa sprach er auch über sexuelle Themen genauso wie er es bei Betriebsversammlungen tat. Gemeinsam mit interessierten Medizinstudenten eröffnete Reich seine Sexualberatungsstellen in Wien.

Auch auf viele Studenten hatten die Ereignisse vom Juli 1927, die Reich radikalisiert und aus dem Sozialdemokraten einen Kommunisten gemacht hatten, ihren Einfluß. Für viele sozialdemokratisch orientierte Menschen waren sie der Anstoß sich der KPÖ anzuschließen.

Die aktiven Mitglieder empfanden die Kostrufa zunehmend als bloßen Debattierclub und gründeten deshalb eine richtige politische Organisation, den „Roten Studenten-Bund“.

Soweit die Ausführungen über die kommunistische Studentenschaft in Wien, bei denen Reich zeitweise eine einflußreiche Figur war. Der bemerkenswerteste Name, der in diesem Kreis aufgetaucht ist, ist der von Arnold Deutsch. Wie Jim Martin in seinem bahnbrechenden Buch Wilhelm Reich and the Cold War (Mendocino, CA, 2000) dargelegt hat, stand Deutsch hinter dem Münster-Verlag, Wien in dem Reich 1929 und 1930 seine Broschüren zur Sexualberatung herausbrachte:

  • Wilhelm Reich: Sexualerregung und Sexualbefriedigung. Schriften der Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien, Nr. 1, Wien: Münster-Verlag, 1929, 66 S. (drei Auflagen mit insgesamt 10 000 Exemplaren!)
  • Marie Frischauf und Annie Reich: Ist Abtreibung schädlich?. Schriften der Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien, Nr. 2, Wien: Münster-Verlag, 1930
  • Wilhelm Reich: Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral. Eine Kritik der bürgerlichen Sexualreform, Wien: Münster-Verlag, 1930, 182 S. (Später der erste Teil von Die sexuelle Revolution.)

Arnold Deutsch war jedoch weit mehr: der „Sexpol“-Aktivist der ersten Stunde, war derjenige, der später niemand geringeren als Kim Philby für den sowjetischen Geheimdienst anwerben und führen sollte. Man kann demnach ohne Übertreibung sagen, daß die Geschichte der Atomspionage im unmittelbaren Umkreis von Reich ihren Anfang nahm.

In der Wikipedia heißt es über Deutsch:

1923 trat er gemeinsam mit Alfred Klahr und Arnold Reisberg in den Kommunistischen Jugendverband ein, der sein Zentrum in der Blumauergasse in Wien-Leopoldstadt hatte. 1924 trat er in die KPÖ ein und begann an der Universität Wien Chemie und Physik zu studieren. Dort war er ein Kollege von Fritz Feigl (gemeinsamer Aufsatz) und promovierte im Jahr 1928.

Danach ging er nach Moskau, wo er 1931 auch der KPdSU beitrat. Auf Vorschlag der Komintern wurde er von der [GPU] angeworben. Er wurde zunächst als Kurier eingesetzt und reiste nach Griechenland, Rumänien, Syrien und Palästina. 1933 wird er nach Paris geschickt und erfüllt von dort aus unter dem Pseudonym „Otto“ Missionen in Belgien, den Niederlanden, Österreich und dem Deutschen Reich.

1933 wurde er kurz in Deutschland inhaftiert, konnte jedoch mit Hilfe von Willy Lehmann frei kommen. Im Jahr 1934 wurde er unter dem Pseudonym „Stephan“ nach London geschickt, wo er sich in die philosophische Fakultät der University of London einschrieb, mit dem Ziel diese zu unterwandern. In England rekrutierte er mehrere am Kommunismus interessierte britische Studenten, die später unter anderem auch im britischen Geheimdienst Karriere machten, darunter Kim Philby und dessen damalige, aus Wien stammende, Ehefrau Litzi Friedmann. Diesen hatte er auf Empfehlung von Edith Suschitzky, ebenfalls eine in London lebende Wienerin, kennengelernt. Von 1933 bis 1937 war er Leiter des später unter dem Namen Cambridge Five bekannt gewordenen Agentenrings. In dieser Zeit sollte er auch einen amerikanischen Rekruten evaluieren, Michael Whitney Straight, den er jedoch ablehnte. Lange Zeit später sollte dieser bei der Enttarnung der Gruppe eine wichtige Rolle spielen.

Meines Wissens deutet nichts darauf hin, daß Reich von Deutsch‘ späterer Tätigkeit gewußt hat.

jim martin cold war

„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 1)

2. März 2015

Einwürfe bzw. Einwände gegen meine „kapitalistische“ Interpretation der Arbeitsdemokratie sind nur allzu berechtigt, wenn man objektiv Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie betrachtet, das in der frühen Phase wirklich kaum von anarcho-syndikalistischen und räte-kommunistischen Konzepten, wie sie beispielsweise Rudolf Rocker und Anton Pannekoek ausgearbeitet haben, zu unterscheiden war, mal abgesehen davon, daß bei Reich das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ fehlt. Phillip Bennet hat das sehr schön gezeigt: „Wilhelm Reich’s Early Writings on Work Democracy: A Theoretical Basis for Challenging Fascism Then and Now“ im öko-sozialistischen Magazin Capitalism Nature Socialism (Vol. 21, No. 1, March 2010).

Aber betrachten wir einmal Reichs „politische“ Entwicklung:

  • 1919-1927: ein linker Sozialdemokrat in der ohnehin sehr linken „austro-marxistischen“ Sozialdemokratischen Partei Österreichs.
  • 1928-1933: Anschluß an die KPÖ, eine linksradikale direkt von Moskau gesteuerte Politsekte, danach an die Massenpartei KPD, die (ebenfalls von Moskau instruiert) gerade ihre linksradikale Phase durchmacht: bereits Sozialdemokraten sind Nazis („Sozialfaschisten“).
  • 1934-1937: im Exil Annäherung an Kräfte, die sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu den Kommunisten (die sich beide in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ näherkommen) in kritischer Opposition stehen: Trotzkisten, SAP (Willy Brandt, etc.), Neu Beginnen, Mot Dag, etc.
  • 1938-1941: wie eingangs erwähnt eine quasi „anarcho-syndikalistische“ Phase (ohne jeden Kontakt zu tatsächlichen Anarcho-Syndikalisten).
  • 1942-1947: wie aus dem 1942 verfaßten Schlußkapitel der Massenpsychologie des Faschismus  deutlich wird, verflüchtigen sich aus dem Konzept der Arbeitsdemokatie alle „links-utopischen“ Vorstellungen und das Konzept wird im Vergleich mit den vorangehenden Ausformulierungen etwas konturlos. Trotzdem bleibt Reich nach außen hin eher „ein Linker“ im Sinne von Roosevelt (heute etwa mit Obama vergleichbar).
  • 1948-1957: mit der Hetze der linken Presse (Mildred Brady, etc.) und seiner Enttäuschung darüber, wie seine linksliberalen Anwälte mit der Kampagne umgehen, entwickelt sich Reich zunehmend nach rechts.

Liest man die von einer linksliberalen Herausgeberin kommentierte und (wie sich leicht nachweisen läßt) teilweise zensierte Korrespondenz Reichs mit A.S. Neill (Zeugnisse einer Freundschaft) zeichnet sich seit etwa 1942, eindeutig aber ab etwa 1948, ein Reich ab, der langsam aber sicher ziemlich genau die Haltung der heutigen Orgonomie annimmt. Vor dem Hintergrund dieser Briefe wird auch klar, daß Reichs negative Äußerungen über „Liberale“ (d.h. Linke) und positive über Konservative in Christusmord nicht nur oberflächliche Reflexionen sind, wie linke „Reichianer“ es gerne hinstellen, sondern erste Ansätze einer soziopolitischen Charakterologie im Sinne Elsworth F. Bakers darstellen, die sich im übrigen bereits im 1942 geschriebenen Vorwort zu Massenpsychologie des Faschismus (das Dreischichten-Model) und dem 1947 verfaßten Äther, Gott und Teufel (Mechanisten gegen Mystiker) abzeichnen.

In diesem charakterologischen Rahmen sieht die Orgonomie heute die Arbeitsdemokratie.

Dazu muß gesagt werden, daß für Reich „Ökonomie“ mehr bedeutet hat als nur „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“, also Maschinen, Know How, Arbeit, Kapital, Einkommens- und Machtverteilung, sondern in erster Linie die gegenseitige unlösbare Abhängigkeit der einzelnen Produzenten und Konsumenten voneinander – die inhärent Rationalität aufzwingt. Entsprechend war für Reich das ökonomische Elend nur eine sekundäre Funktion der politischen Pest (Brief an Neill vom 8. Juli 1953).

Betrachten wir dazu das folgende Schema, mit dem Reich seine wissenschaftliche Entwicklung von der Psychoanalyse (Psychologie) über den Marxismus (Soziologie) zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Biologie) beschrieb:

Die Ökonomie umfaßt (genauso wie die Sexualität) offensichtlich alle drei Bereiche, wobei der biologische Bereich der umfassendste und tiefste ist. Die biophysikalische Charakterstruktur ist wichtiger als alle soziologischen (inklusive konventionell „ökonomischen“) und rein psychologischen Überlegungen.

Es geht darum, wie „die Pest“ (die Emotionelle Pest) von außen her einbrach, die arbeitsdemokratischen Beziehungen zerstörte und die Menschen charakterlich verformte, was dann von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Es geht darum, wie dieser Teufelskreis wieder aufgehoben werden kann, d.h. wie man die Menschen wieder freiheits- und verantwortungsfähig macht. Reichs Antwort war: indem man

  1.  die politische Pest bekämpft;
  2. den Menschen die rationale Arbeitsdemokratie nahebringt;
  3. ihnen Selbstverantwortung „aufbürdet“, anstatt sie zu „befreien“; und
  4. indem man die Kinder von vornherein so aufzieht, daß sie die Falle gar nicht erst betreten.

Das hat ihn zu einem Gegner aller linken und rosaroten Volksbeglücker gemacht.

Für das Individuum in der Orgontherapie bedeutet das mit abnehmender Bedeutung:

  1. die biologische, bio-physische Therapie, die direkt die organismische Orgonenergie einwirkt, indem die Panzerung systematisch beseitigt wird, die die Energie in Schach hält (BIOLOGIE).
  2. die Befreiung des Patienten (wenn nötig) von seiner Familie („Familitis“) und (wenn nötig) Ermutigung zu ökonomischer Unabhängigkeit, was allein schon einen heilenden Effekt hat (SOZIOLOGIE).
  3. Aufklärungsarbeit über realitätswidrige Annahmen (PSYCHOLOGIE).

In der (wenn man so will) „gesellschaftskritischen Arbeit“ mit den Massen sieht es genau umgekehrt aus:

  1. Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Fallstricke mechanistischen und mystischen Denkens (PSYCHOLOGIE).
  2. die Bekämpfung der sozialistischen (euphemistisch: „sozialstaatlichen“) Entmündigung der Massen (SOZIOLOGIE).
  3. das „Projekt Kinder der Zukunft“ (BIOLOGIE).

Das „Projekt Kinder der Zukunft“ steht hier an letzter Stelle (obwohl es „an und für sich“ am wichtigsten ist!), weil es naturgegeben erst nach einer Generation (30 Jahre!) oder noch später wirklich im gesellschaftlichen Maßstab greifen kann.

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

Der Rote Faden: Reich in Skandinavien (Teil 2)

15. Dezember 2014

Am 29. Oktober 1933 schrieb eine dänische Zeitung, daß man Leute wie Reich, diese sexuellen Schweine, aus dem Land entfernen sollte. Bereits am 3. Oktober hatte das dänische Innenministerium beschlossen, daß Reichs befristete vorläufige Aufenthaltsgenehmigung nach Ablauf der sechs Monate nicht verlängert werde, so daß er am 1. Dezember das Land verlassen müßte. Er reiste nach London, weiter nach Paris, Zürich, Tirol, um dort Weihnachten mit seinen Kindern zu verbringen. Weiter nach Wien und Prag. Über Deutschland zurück nach Skandinavien. Nimmt seine Lebensgefährtin Elsa Lindenberg aus Berlin mit, die inzwischen ihre Freunde und Familie besucht hatte. Anfang 1934 kommen Willi und Elsa in Malmö, Schweden an. Reich führt den Begriff „Sex-Pol“ ein und veröffentlicht als „Ernst Parell“ die Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie. Am 3. und 4. April Treffen der linken Psychoanalytiker in Oslo: Reich, George Gerö, Nic Hoel, Edith Jacobsohn. Zurück nach Malmö. Ende Mai läuft erneut seine sechsmonatige vorläufige Aufenthaltserlaubnis (diesmal für Schweden) aus und er zieht illegal nach Sletten, Dänemark. Am 1. Juli 1934 Treffen von Reich, Fenichel, Gerö, Nic Hoel in Humlebäk, Dänemark. Seine beiden Töchter besuchen ihn. Die Gruppe reist über Deutschland zur psychoanalytischen Konferenz in Luzern, Schweiz, 26. bis 31. August. Danach Camping in der Schweiz. Über Frankreich zurück nach Dänemark. In Kopenhagen wohnt er bei Freunden.

Ende Oktober 1934 zieht er nach Oslo, wo er bis 1939 ansässig bleibt. Zunächst wohnt er in einer Pension, dann am 14. November schreibt er in sein Tagebuch: „Nach 1 3/4 Jahren Wanderung wieder eine Wohnung.“ Januar 1935 beginnt er seine Vorlesungen an der Universität Oslo. 24. März 1935: der Oszillograph ist bereit. Mai bis Dezember 1935 die bioelektrischen Experimente. 1936: im Sommer reist Reich nach Grundlsee, Österreich, um die Kinder zu sehen. Den gesamten August über (2.8. bis 5.9.1936) reist er allein durch Europa: Norwegen, Dänemark, Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Schweiz, Frankreich, England, Dänemark, Norwegen. Am 4. Oktober 1936 besucht Malinowski Reich in Oslo. 1. Mai 1937: das Labor für Lebensforschung wird eröffnet. DuTeil vom 26. Juli bis 7. August in Oslo. Am 22. September beginnt die konservative Aftenposten mit der norwegische Pressekampagne. 1938: im Juli ist Reich campen, im August erste Notizen über die Arbeitsdemokratie. Am 18. August 1939 verläßt Reich Norwegen.

Die Kopenhagener Ortsgruppe der Sexpol wurde 1936 geschlossen. Dr. med. Leunbach mußte eine dreimonatige Haftstrafe wegen illegaler Abtreibung absitzen. Das gleiche passierte Dr. med. Tage Philipson, dem vorgeworfen wurde, Patienten vernachlässigt zu haben. Darüber hinaus wurde Leunbach (Jahrgang 1884) das Recht zur Berufsausübung für fünf Jahre entzogen, außerdem wurde er durch den Verlust seiner Bürgerrechte bestraft. Philipson wurde das Recht zu praktizieren für drei Jahre entzogen. Auch wurde die Krankenschwester Frau Perlmutter verurteilt. Wegen des Mangels an Unterstützung für Leunbach und Philipson durch die Sexpol-Mitglieder stellte Reich die Sexpol ein: seine „politische Arbeit“ hatte ein Ende gefunden.

zeitschrift2In Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (Band 3, Doppel-Heft 3/4(10/11) 1936) findet sich unter der Rubrik „Die internationale Sexpol-Diskussion“ das folgende von Interesse:

In der deutsche Emigrantenpresse in Frankreich besprachen im Januar und Februar 1934 deutsche Trotzkistische Zeitschriften Reichs Massepsychologie ziemlich positiv, jedoch änderten sie ihre Ansicht offenbar sehr bald. Es gab eine abfällige Schmähung der Sexualpolitik (ohne sich speziell auf Reich und seine Gruppe zu beziehen). Im März 1936 veröffentlichte die Trotzkistische Unser Wort ein komplette Ablehnung und verständnislose Kritik von Karl Tschitz‘ Sexpol-Buch Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland. Die Besprechung enthielt auch scharfe Schmähungen gegen die Sexualökonomie generell (S. 157f).

Am 17. Mai 1936 veröffentlichte Mot Dag, die Zeitschrift der Marxistischen norwegischen Gruppierung Mot Dag, einen Artikel von Hanns Vogt: „Wer regiert Deutschland?“. Dort diskutiert er auch, sich auf Reichs Massepsychologie beziehend, die sexual-psychologischen Wurzeln der NS-Idologie. Dies ist um so bemerkenswerter, als Mot Dag zuvor der Sex-Pol ablehnend gegenübergestanden hatte (S. 159). (Zu Vogt siehe Der Rote Faden: Willy Brandt und Mot Dag (Teil 2)).

Die Zeitschrift der norwegischen Arbeiterpartei Kamp og Kultur veröffentlicht das Kulturprogramm der Sex-Pol gefolgt von einen furiosen Angriff von Digernes in dem kommunistische Parteiorgan Arbeideren am 22. und 25. Mai 1936. Digernes sei, so heißt es in der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, nicht in der Lage, zwischen den subjektiven Inhalten und der objektiven Funktion einer Ideologie zu unterscheiden, was ihn – offenbar bewußt bösartig – zu Mißverständnissen führt. Zum Beispiel bestreitet die Sex-Pol nicht die psychologische Realität der Religion, findet darin sogar eine verschleierte Lebensbejahung, was Digernes so interpretiert, daß die Sex-Pol die Religion verteidige (S. 159). (Reich ist ein „Psycho-Faschist“!)

Diese Notizen über Trotzkisten, linke Sozialisten und Kommunisten werfen ein Licht auf Reichs politische Position zu dieser Zeit und seine politische Entwicklung:

  1. Desillusioniert durch den Großen Krieg wird Reich, wie alle um ihn herum, ein Sozialdemokrat (1919-1927).
  2. In Österreich war die Sozialdemokratie verbal sehr radikal, aber ihre tatsächliche Politik wurde immer defätistischer, so daß sich Reich der damals extrem linken Komintern zuwendet (1927-1933).
  3. Trennung von der Komintern (1932-34).
  4. Reich wendet sich mehr und mehr den Trotzkisten zu, gefolgt von einer ähnlichen Trennung weg von den Trotzkisten (1933-36).
  5. Reich nähert sich den linken sozialistischen Organisationen wie Brandts SAP (z.B. auf dem Innencover seiner Zeitschrift druckt Reich 1937 eine Anzeige für das Organ der SAP ab) und der Mot Dag (1935-39) an.
  6. Er formuliert das Konzept seiner Arbeitsdemokratie zunächst ganz ähnlich wie linke „Sozialdemokratie“, distanziert sich dann aber zunehmend von der Linken (1937-46).
  7. Nachdem er sieht, daß selbst der neue, der zweite „Große Krieg“ nicht ausreicht, um Bewegung „in den Massen“ zu tragen, wendet er sich der Rechten zu: aus einem Roosevelt-Fan wird ein Eisenhower-Fan (1946-57).
  8. Der nächste logische Schritt wäre gewesen, alle veralteten theoretischen Verbindungen zu Marx und Lenin zu kappen, was aber erst die ACO-Orgonomen taten.

Mittlerweile in Amerika ansässig, zitiert Otto Fenichel in einem seiner Rundbriefe (3. August 1938) einen Bericht von Gerö über Norwegen:

In den Zeitungen tobt seit Monaten eine Kampagne für und gegen Reich. Er, d.h. seine elektrischen Narrheiten, wurden von wissenschaftlichen Kreisen als ärgste Charlatanerie entlarvt, von manchen Seiten auch die Nicht-Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung gefordert. Verteidigt wurde er vor allem von den Narren des inneren Kreises Sigurd Hoel, Nic Hoel, Ola Raknes, Havrevold. Schjelderup ist vollständig abgefallen. Er sagt jetzt die gleichen Wahrheiten über Reich, die er von Dir (Fenichel) und mir schon vor Jahren gehört und damals höhnisch abgelehnt hat. Er gab mir gegenüber zu, daß Reich die Psychoanalyse in Norwegen fürchterlich geschädigt hat. Trotzdem haben sowohl er wie Braatöy ein Gesuch unterschrieben, das für die Verlängerung von Reichs Aufenthaltsbewilligung eintritt, weil sie sehr anständig den Standpunkt vertreten, daß man verhindern soll, daß die Ausweisung Reichs einen Präzedenzfall gegen das Asylrecht schafft. (119 Rundbriefe, Bd. 2 (Amerika), S. 951f)

Im Rundbrief vom 6. Februar 1939 zitiert Fenichel aus einem Brief aus Skandinavien:

Aus Oslo hört man, daß dort die Sex.Pol. immer mehr einschrumpft. Sigurt Hoel scheint bereits zu schwanken, dagegen Raknes und Nic Hoell keineswegs. … Die Zeitschrift erscheint nicht mehr. … Eine Tratschgeschichte ist bezeichnend für den Geist der Sex.Pol.: Bei Raknes ziehen sich die Patienten Trainingsanzüge an, bevor sie die „vegeto-therapeutische“ Seance beginnen. (ebd., S. 1065)

Punkt 3 des Rundbriefs vom 3. Mai 1939 handelt von Skandinavien: vor einiger Zeit hielt der norwegische Psychoanalytiker Braatöy einen Vortrag vor der Studenterforeening in Kopenhagen. Fenichels Berichterstatter:

Es ist interessant, wie diese Norweger, selbst Braatöy, der nie ganz die Distanz verloren hat, von Reich und der Sex.Pol.-Ideologie verdummt worden sind. Eine an sich wünschenswerte Kulturkritik an dem heutigen Erziehungssystem verliert ihre Berechtigung und Überzeugungskraft wegen unklarer Gesichtspunkte und falscher Verallgemeinerungen. Denn Braatöy hat nicht klar unterschieden zwischen der affektiven Lebendigkeit des unneurotischen Menschen und dem neurotischen Affektausbruch, so daß die Karikatur, die ich Dir beilege, ihn ganz treffend ironisiert. Danach, was er gesagt hat, könnte man annehmen, hysterische Affektausbrüche wären der Idealzustand für den Normalen. (…) In Oslo ist jetzt glücklicherweise zwischen Reichisten und Analytikern jede Verbindung abgebrochen. Zu Reich halten jetzt nur mehr Raknes und die Hoel. (ebd., S. 1107f)

Der Rote Faden: Volksfront in Norwegen

15. Oktober 2013

Eine Ergänzung zu Der Rote Faden: Volksfront und Detente:

In einem Brief von Willy Brandt an Reich („B. 16.4.37“, in: Der pech-rabenschwarze Anarcho-Kalender 1992, Karin Kramer, Berlin 1991, S. 125-129) bezieht sich Brandt auf umfangreiche Gespräche und Korrespondenz zwischen ihm und Reich. Hier beschreibt er die politische, soziale und militärische Lage in Barcelona, Katalonien, wo er zu dieser Zeit war, die Anarchisten, Stalinisten, POUM und so weiter. Reich direkt adressierend schreibt Brandt:

Dir hatte große Sorge gemacht, daß die Frauen aus den Milizen entfernt würden. Und du bist froh, nachdem Du gehört hast, daß viele Frauen sehr tapfer mitkämpfen. Ich muß Dich da wieder betrüben. Denn es ist tatsächlich so, daß man – zumindest in den mir bekannten Formationen die Frauen, soweit noch vorhanden, entfernt. Es gibt viele Gründe. a) [Buenaventura] Durruti hat sich gezwungen gesehen, zu Erschießungen zu greifen, als sich ganze Gruppen von Prostituierten in der Form von Milicianas [Frauenmilizen] an die Front geworfen hatten. b) Als wir das letzte Mal an der Front waren, kam dort ein Schweizer Genosse mit seiner Frau an, die nur einige Zeit als Journalistin dort bleiben wollte, nachdem sie vorher schon als Miliciana gedient hatte. Die Genossen nahmen aber den Standpunkt ein: Frauen können wir hier nicht gebrauchen. Länger als einen Tag kann sie nicht hierbleiben. Und sie mußte am nächsten Tag nach Barcelona zurückfahren. c) Als auf dem ZK-Plenum der J.C.I. die Genossin Santiago über die Mädelfrage zu referieren begann, begann gleichzeitig Gelächter, und es hat fast während der ganzen Behandlung des Punktes nicht aufgehalten. – Das nur, um einige Beispiele zu nehmen. Es gäbe viel dazu zu sagen. Aber wir stehen im Krieg. Und die hiesige Frauensektion ist vom Exerzieren (das sich auf den Bildern fand, die ich Dir neulich schickte) zum Nähen übergegangen. Und die Literatur über die Frauenfrage beschränkt sich auf „klassische“ Übersetzungen. An den Zeitungsständen mischen sich die Neukonjunktur der guten und schlechten Aufklärungsliteratur mit der alten Konjunktur (die bestimmten Pfaffen viel Geld brachte) der Pornographie. Das Publikum verwechselt leicht das eine mit dem andern.

Die Jugend hat insgesamt eine hervorragende Rolle in den Kämpfen gespielt. Aber sie wurde in den Partei- und Organisationsgrenzen gehalten. Nicht einmal über die sozialen Fragen sind manche „Jugendführer“ unterrichtet, viel weniger noch über die kulturellen. Die Anarchisten machen in diesen Fragen ernsthafte Versuche des Durchbruchs, während bei der Vereinigten Jugend Ansätze einer – wenn auch falsch ausgerichteten – Jugendbewegung da sind. Die Prostitution ist weiterhin die Form des Geschlechtslebens der Jugend. Die Macht der Kirche hält an, selbst da, wo schwarz-rote Fahnen über zu dem nützlichen Zweck des Materiallagers umdisponierten Kirchen wehen…

Brandt beherrschte also das Gedankengut der Sexpol fließend.

Nach seiner Rückkehr aus Spanien organisierten Brandts SAP und die deutsche KPD im norwegischen Exil eine Volksfront. Am 27. September 1937 wurde im Haus von Johan Vogt die gemeinsame SAP/KPD-Zeitschrift Det Skulte Tyskland gegründet. Das hochwertige Magazin erschien in norwegischer Sprache. Neben Vogt wurde es von vielen weiteren hochrangigen Vertretern der regierenden norwegischen Arbeiterpartei unterstützt. 1938 veröffentlichte sogar Reichs Mitarbeiterin Nic Hoel (Waal) Artikel in Det Skulte Tyskland. Die Zeitschrift existierte länger als zwei Jahre. Obwohl sie am Ende mehr oder weniger das Einmannunternehmen des KPD-Mitglieds Jacob Vogel war (der im März 1940 aus der KPD in Oslo ausgeschlossen wurde). Die letzte Ausgabe erschien im Mai 1939. Das Magazin kam zu einem Ende, weil sich die UdSSR mehr und mehr von der Volksfrontpolitik distanzierte, was drei Monate später im Hitler-Stalin-Pakt mündete.

Aber zwischen 1936 und 1939 war die politische Atmosphäre in Norwegen stark pro-sowjetisch. Ende 1936 verhandelte die norwegische Arbeiterpartei sogar mit der norwegischen KP, um mit ihr zu verschmelzen. Im Zuge davon unterdrückte die Arbeiterpartei die innerparteiliche, linkssozialistische Opposition, die sich als „Sosialistik Kulturfront“ um die Zeitschrift Kamp og Kultur sammelte. Die Arbeiterpartei betrachtete sie als „Trotzkistische Obstruktionspolitiker“ (Frank Meyer: „Interkulturelle Kommunikation im Exil. Zur Analyse der Exilpublizistik in Skandinavien“. In: Helga Grebing/Christl Wickert (ed.): Das „andere Deutschland“ im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Essen 1994).

Das wurde auch in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (Bd. 3, Nr. 3/4(10/11) 1936) im Abschnitt „Die Sexpol in der internationalen Diskussion“ diskutiert: Das Periodikum Kamp og Kultur veröffentlichte das „Kulturprogramm“ der Sex-Pol. Darauf folgte ein heftiger Angriff von Digenis (Digernes?) im kommunistischen Parteiorgan Arbeideren vom 22. und 25. Mai 1936. Digenis ist, so schreibt die Zeitschrift, unfähig, zwischen dem subjektiven Inhalt und der objektiven Funktion einer Ideologie zu unterscheiden, was ihn zu – offenbar bewußt niederträchtigen – Mißverständnissen führt. Zum Beispiel bestreitet die Sexpol nicht die psychologische Realität der Religion, und findet in ihr sogar verkleidet Lebensbejahung, was Digenis in seiner Interpretation zu der Behauptung führt, die Sexpol verteidige die Religion (S. 159).

Im Mai 1937 gab es einen Konflikt zwischen dem Zentralorgan der Arbeiterpartei Arbeiderbladet und dem Periodikum der „Intellektuellen“, Kamp og Kultur. Beispielsweise kritisierte ein führender Intellektueller aus dem Kamp og Kultur-Kreis die Ausweisung Trotzkis durch die Arbeiterregierung. Arbeiderbladet wiederum kritisierte die Eitelkeit der intellektuellen. Diese Eitelkeit sei mit ihrer Trotzkistischen Mentalität verbunden. Offen Stalinistisches Vokabular in einer sozialdemokratischen Zeitung!

Die Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (Vol. 4, No. 3(14) 1937), wieder unter der Überschrift „Die Sexpol in der internationalen Diskussion“, schreibt, daß dieser Hintergrund wichtig sei, um den Angriff von Dag Bryn auf die Sexpol in seiner Artikelserie „Arbeiterschaft, Kultur, Sexualität“ im Arbeiderbladet vom 1., 3. und 4. Juni, 1937 zu verstehen.

Bryn zufolge müssen Intellektuelle innerhalb der Arbeiterbewegung sich auf ihre spezialisierte Arbeit beschränken. Die Freunde Reichs werden von ihm einer dogmatisch-sektiererischen Betrachtungs- und Herangehensweise beschuldigt und der Überschreitung ihrer Zuständigkeit als spezialisierte Fachleute durch Einmischung in die politische Diskussion. „Man möchte von Trotzkismus sprechen, wenn das Wort nicht so abgebraucht wäre.“ (Stalinistische Angriffe gegen Reich im offiziellen Organ der soziademokratischen Regierungspartei Norwegens!) Reichs Anhänger würden die Rolle der sexuellen Unterdrückung im Proletariat übertreiben. In seiner Ausrichtung beabsichtigt Bryns Artikel eindeutig eine Anti-Sexpol-Stimmung hervorzurufen durch die Verknüpfung der folgenden Anschuldigungen: die Sexpol ist Trotzkismus, die Sexpol kritisiert die Sowjetunion, die Sexpol kritisiert die norwegische Arbeiterregierung und die Sexpol überschätzt die Rolle der Sexualität. Die Zeitschrift hält dem entgegen, daß Bryn der Sexpol Unrecht tut, indem er sie für die Aussagen des Kamp og Kultur-Kreises verantwortlich macht, einer Gruppe, die nichts mit der Sexpol zu tun hat (insbesondere im Hinblick auf die Kritik an der norwegischen Arbeiterregierung, die Bryn erwähnt).

Kurz davor erschien in der kommunistischen Veien Frem ein Angriff von Digernes (Digenis?) auf die „Psychologie“ (gemeint ist die Sexpol), die er als ideologische Abweichung neben den Machismus stellt (S. 223). Was ist „Machismus“? Lenin setzt sich mit Ernst Mach (1838–1916) in seinem Buch Materialismus und Empiriokritizismus auseinander, wo er Machs Betonung des subjektiven Empfindungen a la John Dewey angreift, seinen „subjektiven Idealismus“ a la George Berkeley, seinen „Positivismus“ und „Pragmatismus“ a la William James: d.h. Mach’s Proto-Funktionalismus a la Henri Bergson. Für die Stalinisten war Reich politisch ein Trotzkist, philosophisch ein Machist: ein Psycho-Faschist.

Das folgende als kleine Ergänzung:

Der „Verein Ernst Mach“ wurde 1928 vom „Wiener Kreis“, einer Diskussionsrunde „logischer Empiristen“, organisiert. Dort hielt Reich 1930 einen Vortrag über die psychoanalytische Triebtheorie. Er gehörte neben Josef K. Friedjung, Heinz Hartmann und Siegfried Bernfeld zum „Proponentenkomitee“ des Vereins. Reichs Vortrag war Bestandteil der Bemühungen des Vereins, das Modell einer „vereinigten Wissenschaft“ aufzubauen, in die auch die Psychoanalyse als eine naturwissenschaftliche Theorie integriert werden sollte. Zu diesem Unterfangen arbeiteten die genannten vier Psychoanalytiker mit dem Verein (Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaftler, Wien 1988; und Stadler: Vom Positivismus zur „Wissenschaftlichen Weltauffassung“ . Am Beispiel der Wirkungsgeschichte von Ernst Mach in Österreich von 1895 bis 1934, Wien 1982).

Der Rote Faden: Volksfront und Detente

7. Mai 2013

Während seines Aufenthalts in Spanien (Februar 1937 – Juni 1937) spielte Willy Brandt, zusammen mit anderen vom rechten Flügel der linkssozialistischen SAP (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) eine dubiose Rolle. Er warb für die Volksfront, d.h. die Einheit von Sozialisten und Stalinisten, und hat deshalb vehement gegen die Trotzkisten und den linken Flügel der POUM (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) gestritten (und deshalb muß er auch gegen Reich gekämpft haben, nicht weil Brandt „Stalinist“ war, sondern weil er Politiker war). Während des Stalinistischen Terrors in Barcelona (George Orwell war ein Zeuge dieses Terrors) war Brandt sehr anpassungsfähig und spielte den Ernst der Lage herunter, alles zum Wohle der Volksfront. Er protestierte nicht gegen die Stalinisten, sondern griff stattdessen die linke anti-Stalinistische Opposition innerhalb der SAP und der Jugendorganisation der POUM an. Die Stalinisten haßten die POUM, die sich sowohl an Trotzki als auch an Bucharin orientierte, wie kaum sonst etwas. Brandt arbeitete als SAP-Funktionär innerhalb der POUM – und vertrat eine „vereinigte antifaschistische Volksfront“, d.h. eine Stalinistische Politik. Wie einer von Brandts linken SAP-Genossen, Peter Blachstein, in einem Interview 1976 sagte, stand Brandt praktisch, natürlich kritisch distanziert, aber de facto auf Seite der Stalinisten.

Einige werfen Brandt sogar vor, an der Ermordung des österreichischen Kommunisten und Trotzki-Anhängers Kurt Landau (1903-1937) beteiligt gewesen zu sein. Als „Gunnar Gaasland“ ging Brandt von Oslo nach Barcelona, um dort die SAP zu repräsentieren. Nach dem Stalinistischen Mai-Massaker in Barcelona hatten die deutschen und österreichischen Freunde der POUM ein Treffen. Alle kamen außer Brandt. Kurt Landau bat die Genossin Ella König (ein „Brandleristin“, auch Reich wurde von der KPD beschuldigt ein KPO-Anhänger zu sein), seine Rede mitzuschreiben. Katja Landau erinnert sich, wie überrascht sie war, als sie bemerkte, daß auch ein junger SAP-Kamerad Kurt Landaus extrem anti-Stalinistische Rede mitschrieb. Von Mitgefangenen in GPU-Gefängnissen erfuhr sie, daß dieses Protokoll noch am selben Tag in den Händen der GPU war. Später teilte man ihr mit, daß der junge SAP-Genosse sein Protokoll Brandt gegeben hatte. Brandt war demnach entweder ein GPU-Agent oder ein GPU-Informant. Es war auch erstaunlich, daß Brandt von den Stalinistisch kontrollierten spanischen Behörden unbehelligt blieb und ohne Probleme ausreisen konnte (Hans Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau. Ein Österreichischer Kommunist als Opfer der stalinistischen Geheimpolizei, Wien 1988).

Am 1. Juli 1940 floh Brandt von Norwegen nach Schweden. Dort arbeitete er als Journalist, berichtete aber auch den Agenten unterschiedlicher Geheimdienste der Alliierten. Siehe dazu „Ein gern gesehener Agent“ von Axel Frohn und Klaus Wiegrefe im Spiegel 37/1999. Bereits im Juli 1939, also noch in Norwegen, trat er über die linke Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) mit dem britischen SIS in Kontakt. Die ITF versuchte den norwegischen Eisenerz-Export nach Deutschland zu unterbinden. Brandt war seit 1937 Leiter der Osloer Gruppe der ITF. Nach seiner Flucht arbeitete Brandt, zusammen mit dem späteren österreichischen Kanzler Bruno Kreisky, direkt mit den Briten im Pressebüro des British Special Operation Executive (SOE). Die Briten reichten Brandt später an die Amerikaner weiter.

Aus Das Schwarzbuch des KGB (Berlin 1999) von Christopher Andrew und Wassili Mitrochin geht hervor, daß Brandt 1942 für neun Monate auch für den NKWD in Stockholm tätig war. Der US-Diplomat Herschel Johnson telegraphierte am 31. August 1943 aus Stockholm, daß Brandt enge Kontakte zur sowjetischen Botschaft unterhalte. Gleichzeitig arbeitete er für den amerikanischen OSS (die Vorläuferorganisation der CIA). Nachdem er jedoch einen Artikel über den 20. Juli 1944 veröffentlicht hatte, betrachteten ihn die Amerikaner als zu indiskret und stellten jeden Kontakt ein.

Ende der 1960er verfaßte der Schriftsteller Howard Hunt mehr oder weniger im Auftrag der CIA Romane über Spionage, die die Arbeit der CIA in günstiges Licht stellten. In einem dieser Romane portraitierte er Brandt (natürlich unter einem anderen Namen) als Sowjetagenten, der versuche, den Westen dazu zu bringen mit dem Osten zusammenzuarbeiten. Als Auftragsschreiber der CIA muß er Zugang zu geheimem Material gehabt haben.

Wie dem auch sei: um1940 herum verteidigte Brandt den Hitler-Stalin-Pakt öffentlich: alle Sozialisten hätten die Pflicht mit der Sowjetunion zusammenzuarbeiten.

Als Brand 1946 nach Deutschland zurückkehrte, war er drauf und dran sich der KPD bzw. natürlich der SED anzuschließen. Hermann von Berg, seit 1962 Leiter der Abteilung für internationale Kontakte bei der Pressestelle des Vorsitzenden des Ministerrates der „DDR“, erinnert sich in seiner Autobiographie, daß Anfang oder Mitte der 1960er Jahre (d.h. zwischen 1962 und 1966) Albert Norden, der für Agitation zuständige Sekretär des Zentralkomitees der SED, ihm privat steckte, daß „wenn es in einigen Jahren paßt, geben wir Brandts potentiellem Nachfolger die Brandt-Akte im Auszug, wo der geile Sack, der sich von Schütz und Co. (Brandts Assistenten) nur Weiber zutreiben läßt, 1946 bei uns anfragt, was er werden kann, wenn er in der SED mitzieht“ (Hermann von Berg: Vorbeugende Unterwerfung, München 1988, S. 146f).

Es geht hier nicht darum, Brandt moralisch abzuqualifizieren, sondern ein Denken oder besser gesagt eine Einstellung dingfestzumachen, die viele von Reichs Gegnern vereinigte, während sie Reich zutiefst fremd war: ein strategisches Denken, das durchaus gemäßigte und „vernünftige“ Linke mit dem Machtfaktor Sowjetunion versöhnte. Sie legten Hoffnung in eine „Volksfront“, der „Trotzkisten“ und andere Linke, insbesondere solche „rätekommunistischer“ Provenienz, bedenkenlos geopfert wurden, nicht zuletzt Reich, dessen anfängliche „arbeitsdemokratische“ Überlegungen durchaus in eine „anarcho-syndikalistische“ und „rätekommunistische“ Richtung gingen. Zunächst waren es die Nationalsozialisten, gegen die eine Einheitsfront bzw. „Volksfront“ zu mobilisieren war, danach der „US-Imperialismus“, vom „McCartyismus“ bis zum „NATO-Doppelbeschluß“. Ein Mann wie Brandt spielte dabei stets eine wichtige Rolle. Dabei waren die meisten dieser gemäßigten Linken durchaus nicht großartig Fans des „sowjetischen Modells“, vielmehr ging es ihnen um „Realismus“, d.h. die Verhinderung eines Machtmonopols Hitlers in Europa und später der USA weltweit. Die Sowjetunion war hier jeweils das einzig denkbare Gegengewicht. Leute wie Reich störten dabei nur.

Reich hat eigentlich immer gestört. Zunächst, indem er die Ende der 1920er Jahre linksradikale Politik der Komintern in die Sozialdemokratie tragen und diese „von unten“ bolschewisieren wollte (Revolutionäre Sozialdemokraten). Wenige Jahre später machte er ähnliches in der KPD mit quasi „rätekommunistischen“ Ansätzen (Sexpol). Im Exil näherte er sich zeitweise „anarcho-kommunistischen“ Positionen an, um schließlich ganz die Politik hinter sich zu lassen. Er schwamm dabei jeweils gegen den Strom: Rebellion gegen die sozialdemokratischen, später die kommunistischen Apparatschiks, Bekämpfung des Volksfront-Gedankens und schließlich ein „Kalter Krieger“, selbst zu einer Zeit, als sogar amerikanische Konservative von „Uncle Joe“ schwärmten. Das setzte sich mit Reichs direkten Schülern in den 1970er und 1980er Jahren fort, als diese zum maßlosen Entsetzen europäischer „Reichianer“ im Roten Faschismus (und nicht im verbrecherischen „Konsumterror“ des Westens) den Hauptfeind ausmachten.

Es ist nicht gerade einfach Reichs gewundenen Weg von Linksaußen nach Rechtsaußen nachzuvollziehen und zu erkennen, daß er sich während dieser Wegstrecke kaum verändert hat und sich innerlich treu geblieben ist. Für ihn gab es keinen Kompromiß mit der „hakenkreuzlerischen“ Reaktion, wie für die aus seiner Sicht damals windelweichen Sozialdemokraten. Genauso sah es später hinsichtlich der Stalinistischen Großmacht aus.

Man kann nur auf eine einzige Art und Weise mit der organisierten Emotionellen Pest umgehen: nicht indem man sie „demokratisch einbindet“, sondern indem man ihr mit entschlossener Härte entgegentritt. Wie Reich schon damals beklagte, hatte die Sozialdemokratie alle Machtmittel in Österreich und Preußen, um dem Faschisten- und Nationalsozialisten-Spuk ein jähes Ende zu setzen. Entsprechend brach Jahrzehnte später prompt der rotfaschistische Spuk der Sowjetunion zusammen, kaum hatte Reagan ernst mit dem Kalten Krieg gemacht.

Leute wie Brandt haben einen biophysischen Horror vor derartiger Konsequenz, d.h. vor Bewegung. Sie schieben die angebliche „Vernunft“ vor, um für eine Situation zu sorgen, in der sich die jeweiligen „beiden Lager“ gegenseitig blockieren. Das kann nur dazu führen, daß die Emotionelle Pest über kurz oder lang triumphiert, denn die Kräfte des Lebendigen werden von den „Willy Brandts“ der Welt ständig beschnitten, während die Kräfte der Emotionellen Pest von ihnen beschwichtigt und sogar gefördert werden. Heute erleben wir das gleiche hinsichtlich „der Enkel Willy Brandts“ und ihrem Vorgehen gegen die „Islamkritik“. Natürlich wieder im Namen der Vernunft! Früher war es Brandts „Ost-West-Dialog“, heute ist es sein „Nord-Süd-Dialog“.

bradtrotreicg