Posts Tagged ‘Paul Federn’

Der Rote Faden: Rassenhygiene

26. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Der Rote Faden: Sozialdemokraten (Teil 2)

15. Juni 2016

Ich habe Siegfried Bernfeld bereits als Beispiel für Reichs Gegner in der Sozialdemokratie vorgestellt. Er war ein Marxistischer Sozialdemokrat und damit ein Gegner jener, die dem, wie er glaubte, Pseudo-Marxismus russischer Provenienz anhingen. Bernfeld betrachtete Reich als Pseudo-Marxisten, wegen dessen angeblich „romantischen“ unmarxistischen Vorstellungen von einer sexuellen Revolution. Auf der andern Seite hatte Reich nur Verachtung für Linksintellektuelle wie Bernfeld übrig, die nur redeten und den Marxismus wie eine Philosophie studierten, aber tatsächlich nie wie Marxisten agierten: politisch engagiert in revolutionären Organisationen, bei Straßendemonstrationen aktiv, Flugblätter verteilen, sich mit Polizisten herumschlagen, sich als aktive Kader auf den Bürgerkrieg vorbereiten, etc.

Heimlich war Bernfeld jedoch 1932/33 durchaus aktiv und zwar in der „Org.“ Walter Löwenheims. Löwenheim hat in seinem Herbst 1935 verfaßten Manuskript Geschichte der Org (Neu Beginnen) 1929-1935 (Eine zeitgenössische Analyse, Berlin 1995, S. 116-118) über die „Konspirations-Debatte“ und die „Psychoanalyse-Debatte“ innerhalb der Org. 1932 berichtet. Die letztere habe eine zentrale Stellung in der Geschichte der Org. vor 1933 eingenommen. Neben Bernstein waren Psychoanalytiker wie Edith Jacobson und Anhänger der Psychoanalyse wie Sergei Feitelberg (konspirativer Name Werber) Mitglieder der Org. Feitelberg bildete den Mittelpunkt von Intellektuellen innerhalb der Org., die über Psychoanalyse und Ideologiebildung diskutierten. Bald ging jedoch die Führung der Org. gegen diesen sich bildenden Kristallisationspunkt einer Fraktionsbildung innerhalb der Org. vor. Sie war gegen Feitelbergs angeblich „fraktionsbildende“ Aktivitäten wegen theoretischer Abweichungen, der Gefahr, die die psychoanalytische Therapie für die „Konspiration“ darstellte, und auch wegen, so Löwenheim, den unerfreulichen moralischen Einfluß der Psychoanalyse auf Revolutionäre. Im übrigen macht sich Löwenheim über Feitelbergs theoretische Position lustig.

Während Feitelberg im Mittelpunkt der „Psychoanalyse-Debatte“ stand, bildete Bernfeld 1932 das Zentrum der „Konspirations-Debatte“ in der Org. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die bereits im eingangs verlinkten Blogeintrag Sozialdemokraten zitierte Stelle aus Bernfelds „Entgegnung an Reich“, in der seine intensive Beschäftigung mit Nachrichtendiensten und Techniken der Konspiration durchscheint.) Es war eine Debatte über den Charakter der Org. und die Art der konspirativen Methoden, die von ihr angewandt werden sollten. Genosse Bernfeld forderte strengste Konspiration und Illegalität, d.h. „Konspiration“ nicht nur gegenüber den Arbeiterparteien (die es zu unterwandern galt), sondern auch gegenüber dem bürgerlichen Weimarer Staat und Vorbereitung auf die vorhersehbare Illegalität in einem faschistischen oder nationalsozialistisch Staat. Dazu sollten Genossen der Org. in faschistischen Organisationen untergebracht werden, um nach der faschistischen Machtübernahme als Maulwürfe arbeiten zu können.

Die Vorschläge des Genossen Bernfeld wurden vom Vorstand der Org. nicht angenommen. Dieser war der Meinung, daß Konspiration kein Ziel in sich sei, zumal in Deutschland immer noch eine Demokratie herrsche und die Arbeiterbewegung frei agieren könne. Konspiration beziehe sich deshalb hauptsächlich auf die Beziehung der Org. zu den anderen sozialistischen und kommunistischen Parteien, jedoch nicht auf den Weimarer Staatsapparat an sich.

Konspirativ nicht nur ausschließlich gegenüber den sozialistischen und kommunistischen Parteien zu arbeiten, sondern auch gegenüber dem Weimarer Staat, würde die gesamte durchaus notwendige Konspiration der Org. der Lächerlichkeit preisgeben. Org.-Kader sollen konspirativ innerhalb der verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Parteien arbeiten, um eine wahrhaftig vereinigte Arbeitereinheitsfront zu bilden. Es hätte nichts mit der Herangehensweise der Org. zu tun, wenn man Kader in faschistische und bürgerliche Organisationen entsandte. Bernfeld gab klein bei und schloß sich der Ansicht des Org.-Vorstands an. (Später sollte Neu Beginnen doch auf Bernfelds ursprüngliche Linie einschwenken!)

Die zweite Org.-Psychoanalytikerin war Edith Jacobsohn. Sie war, ähnlich wie Bernfeld, eine strikte politische Gegnerin Reichs. Dazu merkt Otto Fenichel in einem seiner „Rundbriefe” vom August 1934 an: „In politischer Hinsicht haben z.B. Annie Reich und Edith Jacobsohn mehr kritische Bedenken gegen Reich als ich, und dennoch möchte ich ihre Mitarbeit in unserer Gruppe nicht missen“ (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 119). Wie sehr Edith Jacobsohn (oder Jacobson – sie verwendete beide Varianten ihres Namens!) gegen Reich eingestellt war, zeigt ihr Brief an Fenichel vom März 1935, wo sie ihre Kollegin Lotte Liebeck als „fürchterlich ver’reicht’“ beschreibt (ebd., S. 208).

Jacobsohn, Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft seit 1928, schloß sich Anfang 1933 Neu Beginnen an. Ihr Kampfname war „John“. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft und die Internationale Psychoanalytische Vereinigung wußten nichts von ihrer Mitgliedschaft bei Neu Beginnen. Durch ihre Tätigkeit für Neu Beginnen war sie in der Folgezeit in eine politisch schwierige Situation geraten und war deshalb nach Kopenhagen gegangen. Sie wartete dort, bis sie glaubte, die Gefahr sei vorbei. Als gegen Ende September 1935 Fenichel Oslo verließ und nach Prag ging, hatte er in Kopenhagen vergeblich versucht sie davon zu überzeugen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Sie kehrte nach Berlin zurück, um ihre Widerstand-Arbeit fortzusetzen. Prompt wurde sie und andere Neu Beginnen-Mitglieder während einer Verhaftungswelle am 24. Oktober 1935 in Berlin durch die Gestapo verhaftet (ebd., S. 166f, 283). Das war der erste erfolgreiche Schlag gegen die konspirative Gruppe überhaupt.

Ernest Jones wurde am 30. Oktober 1935 über die Verhaftung in Kenntnis gesetzt. Er setzte sich sofort mit Anna Freud in Wien und Otto Fenichel in Prag in Verbindung. Nic Hoel, obwohl Norwegerin seit 1934 Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, konnte via Wien und Prag von London nach Berlin reisen, um für Jones die Lage zu erkunden. Der deutsche Psychoanalytiker Felix Boehm unterband jedoch alle Aktivitäten Jones‘, da Boehm befürchtete, daß so eine Beziehung zwischen Jacobsohns illegalen Aktivitäten und der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft hergestellt werden könnte. Ende 1937 erkrankte sie in der Haft und wurde Anfang 1938 frühzeitig entlassen, da sie dringend eine Operation benötigte. Daraufhin konnte sie via Prag nach New York entkommen.

Es will mir nicht gelingen herauszufinden, was Reich sagen wollte, als er später schrieb:

Aus Berlin kam unsere Freundin Dr. Edith Jacobson, deren eifrige Mitarbeit in der Bewegung und späteres Unglück – sie mußte zwei Jahre in einem deutschen Gefängnis verbüßen – ich ebenfalls auf dem Gewissen habe. (Menschen im Staat, S. 238)

Es war wohl eher Reich, dem von Jacobson böse mitgespielt worden war. Boehm beschrieb die Ereignisse in der deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in seinem Bericht vom 21. August 1934 (Karen Brecht et al. (Hrsg.): „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter“. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland, Hamburg 1985, S. 99-109).

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch Hitler habe der Psychoanalytiker Dr. Eitingon Reich darum gebeten, nicht mehr die Räumlichkeiten der Gesellschaft zu betreten, so daß im Falle einer Verhaftung seiner Person sich dies nicht in ihren Räumen zutrage. (Es wurde also von Reich ein „solidarisches“ Verhalten eingefordert, daß man umgekehrt ihm auf krasseste Weise verweigerte!) Boehm besuchte Wien und traf sich, in Begleitung von Reichs altem Intimfeind Paul Federn, am 17. April 1933 mit Freud. Dieser äußerte u.a. die Bitte: „Befreien Sie mich von Reich!“

Boehm erklärte Freud, er versuche die Psychoanalyse akademischen Kreisen vergeblich nahezubringen, weil beispielsweise einer seiner Bekannten, ein Nationalsozialist in amtlicher Stellung, die Psychoanalyse als „jüdisch-marxistischen Dreck“ bezeichnet hatte. Boehm fuhr fort, jeder wisse, daß Reich häufig in der Öffentlichkeit als Kommunist in Erscheinung getreten sei, wo er seine Meinungen mit denen der Psychoanalyse vermengte. Gegen das so erzeugte Vorurteil habe er, Boehm, gegenüber den Nationalsozialisten ankämpfen müssen.

Im Sommer 1933 beschloß man deshalb in einer Vorstandssitzung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Reich nicht länger als Mitglied zu führen. Das habe man Reich aber nicht direkt mitteilen wollen, weil es inopportun gewesen wäre direkten Kontakt mit Reich, der sich im Ausland aufhielt, aufzunehmen. In einer späteren Vorstandsitzung Anfang 1934 habe man jedoch Jacobsohn darum gebeten, Reich dies während einer Zusammenkunft in Oslo mitzuteilen, was sie dann jedoch unterlassen habe. Wie nannte Reich sie: „unsere Freundin“…

Im „Rundbrief“ vom 15. Oktober 1939 berichtet Otto Fenichel aus den USA, wohin er inzwischen immigriert war:

Als ich in der zweiten Augusthälfte San Francisco besuchte, hatte ein dortiger „linker”, für Psychoanalyse interessierter Physik-Professor, der jenem „Stammtisch” in Pasadena beigewohnt hatte, von dem ich hier berichtet hatte, infolge eines Mißverständnisses angekündigt, daß ich einen Vortrag über „Psychoanalyse und Marxismus” halten würde. Bernfeld hatte, damit die Sache nicht ohne ihn geschehe, daraufhin Analytiker und Soziologen zu sich eingeladen, und ich stand vor der Aufgabe, manuskriptlos einen englischen Vortrag zu improvisieren. – Es ging verhältnismäßig gut, ich sprach über „Psychoanalyse und Soziologie“ ungefähr im Sinne meines Basler Vortrages mit dem gleichen Titel, und es gab eine angeregte Diskussion. (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 1207)

Hier haben wir gleich drei Todfeinde Reichs an einem Ort: die drei Freudo-Marxisten Fenichel, Bernfeld und Oppenheimer! Ja, Robert Oppenheimer, der Vater der Atombombe, der später in einem Brief vom 15. Januar 1951 an Eleanor Roosevelt das ORANUR-Experiment als „schlechten Scherz“ bezeichnen sollte (Wilhelm Reich: Record Appendix to Briefs for Appellants, Vol. III: Suppressed Documentary Evidence, United States Court of Appeals for the First Circuit, No. 5160, Wilhelm Reich, et al., Defendants-Appellants, v. United States of America, Appellee, 1956).

Apropos Bernfeld und die Physik: 1929 versuchten Bernfeld und sein bereits eingangs erwähnter Freund und spätere Neu Beginnen-Genosse Sergei Feitelberg (1905-1967), der nicht nur Mediziner, sondern auch Ingenieur war, in Berlin der Psychoanalyse mittels ihrer „Libidometrie“ ein naturwissenschaftliches Fundament zu verpassen. Ausgangspunkt war der versuchte Nachweis, daß es keine spezifische „psychische Energie” gäbe, genausowenig wie es eine „Gruppenenergie” gibt, die das Zusammenspiel in Fußballteams bestimmte. Ein weiteres Postulat war, daß das Seelenleben den Gesetzen der mechanischen Energie folge, beispielsweise setzten sie den Todestrieb hypothetisch mit dem Entropiegesetz gleich. Tatsächlich haben Bernfeld und Feitelberg 1931 einen Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „The Principle of Entropy and the Death Instinct“ veröffentlicht. (All dies unterschied sich offensichtlich grundlegend von der späteren Orgonomie, lief geradezu auf deren Gegenteil hinaus!) Als Bernfeld 1932 nach Wien zurückkehrte, setzte er seine Forschungen mit Hilfe des Physiologen Hans Lampl (1889-1958) und des Physikers Franz Urbach (1902-1969) fort. 1935 wurden diese Bemühungen ergebnislos eingestellt (Karl Fallend, Johannes Reichmayr (Hrsg.): Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse. Materialien zu Leben und Werk, Frankfurt a.M. 1992). Das war genau zu der Zeit, als Reich in Oslo mit seinen bioelektrischen Experimenten begann.

Ich frage mich, ob dieser Feitelberg, der gegen die Orgonenergie kämpfte, bevor sie überhaupt entdeckt worden war, auch eine Rolle in der Unterdrückung der Entdeckung des Orgons in den Vereinigten Staaten gespielt hat! Erstens muß er sich wegen seiner eigenen Forschung über die Libido für das Orgon, bzw. die „pseudowissenschaftliche Orgon-Quacksalberei“, interessiert haben. Und zweitens, war er eine bedeutende Figur in der amerikanischen Nuklearmedizin.

Hier ein Link zu einer kurzen Beschreibung seiner Tätigkeit in der US-Zeitschrift Popular Science 1949. Er war in jeder Hinsicht der „Gegen-Reich”.

Feitelberg stammte aus Moskau, kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, schloß 1928 ein Ingenieursstudium in Berlin ab und fing danach ein Medizinstudium an. 1934 ging er nach Österreich, 1937 in die Schweiz, wo er 1939 einen Posten als Mediziner in Lausanne annahm. Im selben Jahr ging er in die Vereinigten Staaten. 1939-1967 Mitglied des Mt. Sinai Krankenhauses. Im Zweiten Weltkrieg schloß er sich der US-Armee an. 1942-1967 Mitglied der University of Columbia. Seine Forschung drehte sich um radioaktive Isotope. Als Experte war er Mitglied von mehreren Kommissionen der amerikanischen Atombehörde AEC und der Strahlenschutzbehörde (ebd.).

Bei all dem darf nicht vergessen werden, daß Reich und Bernfeld sehr alte Bekannte waren und Reich anfangs Bernfeld viel verdankte. Am 14. Oktober 1925 schrieb Reich an Bernfeld hinsichtlich dessen soeben erschienenen Buches Sisyphos oder Die Grenzen der Erziehung, es sei

das erste Buch seit Jahren, das mich erschüttert hat. Eine solche Art, dieser erbärmlich-jämmerlichen Welt mit Eleganz und Liebenswürdigkeit Fußtritte zu versetzen, hat die Literatur sicher nicht ein zweites Mal aufzuweisen.

Zwischen den Zeilen scheine bei Bernfeld „die todernste Empörung des Geistes wider die Borniertheit“ durch. Er, Reich, entschuldige sich bei Bernfeld, dessen erzieherischen „Skeptizismus“ und dessen „Realpolitik“, was Kindererziehung beträfe, er falsch eingeschätzt habe, weil er ihn, Bernfeld, nicht verstanden habe (Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaftler, Wien 1988, S. 231)

Sechs Jahre zuvor hatte Bernfeld einige Einblicke in Reichs persönliches Leben, denn Reich gehörte in einer Art verspäteter Jugendzeit (in seiner eigentlichen Jugend war er Offizier an der Italienfront!) damals dem Jungwandervogel an, zu deren Leitfiguren Bernfeld gehörte. Außerdem freundete er sich mit einer der Kindergärtnerinnen aus dem von Bernfeld geleiteten kurzlebigen jüdischen „Kinderheim Baumgarten“ an, die 19jährige Lore Kahn. Der Kindergarten existierte nur im Winter 1919/20. Zu dieser Zeit war sie Reichs zweite Patientin. Sie wollte ihr Verhältnis zu Karl Frank, dem späteren Leiter von Neu Beginnen, aufarbeiten. Dieser hatte sich gerade von ihr getrennt, um in Berlin für die Komintern zu arbeiten. Mit einem Abstand von einigen Monaten wurde sie schließlich Reichs Geliebte, bis sie nach einer Liebesnacht in einem unterkühlten Zimmer überraschend krank wurde und starb. Es kam auch zu einer starken Bindung ihrer Mutter an Reich. Als sich diese von ihm zurückgestoßen fühlte, beging sie Selbstmord. Reich fühlte sich so für die Auslöschung einer ganzen Familie verantwortlich… – und Bernfeld erlebt all dies aus nächster Nähe mit! (Reich beschreibt diese Geschehnisse ausführlich in Leidenschaft der Jugend.)

Der psychoanalytische Gemeinschaft in Wien blieb das tragische Geschehen, das alles andere als ein gutes Licht auf Reich warf, nicht verborgen. Freud schrieb 1923 an Sandor Ferenczi, daß Reich offen den Fehler eingestehe, den er vier Jahre zuvor gemacht hatte und daß er, Freud, ihm diese „Jugendsünde“ verzeihe. In einer Anmerkung geben die Herausgeber an, daß diese „Jugendsünde“ wahrscheinlich Reichs Beziehung zu seiner Patientin Lore Kahn war (Sigmund Freud – Sándor Ferenczi. Briefwechsel 1920-1924, Hrsg. Ernst Falzeder und Eva Brabant, Köln 2003).

Hier Bernfeld links, Lore Kahn rechts im Profil:

Der Rote Faden: Otto Fenichel (Teil 3)

2. Februar 2014

Fenichels erster amerikanischer Rundbrief (Los Angeles, 25. Juni 1938) handelt u.a. von seiner Reise durch Amerika von der Ost- zur Westküste. Erste Station war New York: Er bezeichnet Rado als den wichtigsten Intriganten von New York. „Rado ist der Diktator von New York“ (119 Rundbriefe, S. 879). Diese New Yorker Psychoanalytiker waren diejenigen, die Reich später zerstören sollten. Von New York ging Fenichel zu den Psychoanalytikern in New Haven (Connecticut) und weiter nach Boston, gefolgt von Chicago, der Menninger Clinic in Topeka, nach San Francisco und schließlich nach Los Angeles (ebd., S. 889ff).

In seinem Rundbrief vom 25. Juni 1938, unter Berufung auf seinen Abschiedsvortrag in Prag vom 29. April 1938, gibt es die folgende Anspielung auf Reich: „Ich glaube auch nicht, daß man dem faschistisch-antiwissenschaftlichen Geist dadurch entgehen kann, daß man seine Prinzipien einfach in das entgegengesetzte Extrem überträgt und ‚linke‘ Politik innerhalb der Psychoanalyse mit Unlogik, historischen Fälschungen und ‚alles oder nichts‘-Forderungen betreibt, wie wir hören, daß es im Norden Europas geschehe“ (ebd., S. 931). Das ist Otto Fenichel – die Fleischwerdung des genauen Gegenteils von Wilhelm Reich!

In seinem Rundbrief vom 23. Nov. 1939 präsentiert Fenichel, was er über Reich aus New York erfahren hat. Ihm wurde geschrieben:

Reich wohnt in Queens. Er kam her mit Hilfe einer Organisation, die eine Schule betreibt, etwa vom Range einer Volkshochschule [gemeint ist die New School of Social Research]. Soll dort „medizinische Psychologie“ lesen. Erforscht „Krebs“, hat herausgefunden, daß es sich nicht um ein abnormes Zellwachstum handelt, sondern um Neuentstehung von Zellen aus Abfallsubstanz, genau wie bei den Bionen. Hat irgendwelche großartigen Apparate mitgebracht, mit denen er exhibiert (sic!). Bis jetzt noch kein Stunk in der Öffentlichkeit. (ebd., S. 1235)

Einige Kommentare von Fenichel über München September 1938, wo er nicht nur Chamberlain kritisiert, sondern auch die europäischen Sozialisten (S. 979), machen erneut deutlich, daß Fenichel weit links stand und orthodoxer Marxist war. Siehe dazu Punkt 3 von Reichs „Basic Tenets on Red Fascism“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1995, S. 213f): Fenichel hat nie offen gesagt, wo er politisch stand und verbarg systematisch seine grundlegenden Charakterzüge.

In der redaktionellen Einleitung zu den Rundbriefen von 1939 lesen wir:

Er (Fenichel) berichtete von seiner Teilnahme an einem „Stammtisch“ kalifornischer Professoren der Technischen Hochschule in Pasadena. Der Physiker Robert Oppenheimer organisierte anschließend den von Fenichel in der zweiten Augusthälfte (1939) in San Francisco gehaltenen Vortrag „Psychoanalyse und Soziologie“. (ebd., S. 1043f)

Na also! 1939 hatte Fenichel engen Kontakt zu kommunistischen moskau-hörigen Physikern, die sich für die Psychoanalyse interessierten. Ich bin sicher, daß Fenichel ihnen gegenüber Reich erwähnte.

Der letzte Punkt von Fenichels Rundbrief vom 15. Juli 1939:

Von einem Kollegen, der mein Referat (im Rundbrief) über Bartlett gelesen hat [Francis H. Bartlett: „The Limitations of Freud“ Science and Society. A Marxian Quarterly 3, 1939], wurde ich eingeladen, an einem sog. „Stammtisch“ von Professoren des „Caltec“ [technische Hochschule in Pasadena] teilzunehmen. Es handelt sich um regelmäßige Zusammenkünfte zur zwanglosen Besprechung akuter wissenschaftlicher Themen. Es fand eine ex abrupto Diskussion über das Gebiet „Psychoanalyse und Soziologie“ statt, die im allgemeinen erfreulich war, aber daran litt, daß die Teilnehmer meist zu wenig über Psychoanalyse wußten. Immerhin fand ich wieder einmal den alten Satz bestätigt, daß Naturwissenschaftler unvergleichlich mehr Verständnis für Psychoanalyse haben als Ärzte. – Das Resultat war, daß ich einem marxistischen Physik-Professor von Berkeley, Robert Oppenheimer, meine Arbeit „Die Psychoanalyse als Keim…“ [Fenichels „Über die Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-materialistischen Psychologie“ war 1934 in Reichs Zeitschrift erschienen] zu lesen gab, worauf er mir u.a. schrieb: „Vielen Dank für das Übersenden Ihres Artikels ‚Über die Psychoanalyse als Keim usw.‘ Ich war begeistert über die vielen durchdachten und prägnanten Punkte, aber vor allem über die offensichtliche und seltene Aufrichtigkeit, Ihre Wertschätzung der Analyse und des Marxismus. Ich denke, daß es ein äußerst wertvoller Anfang wäre, diesen Artikel in Science and Society [die bereits erwähnte „Marxistische Vierteljahresschrift“] veröffentlicht zu bekommen; Ich denke, es gibt einige Änderungen und nur ein paar Ergänzungen, die Sie nun vornehmen möchten. Mein Vorschlag wäre dies: daß ich versuche, die Veröffentlichung des Artikels vorzubereiten und eine Übersetzung zu erstellen.“ (ebd., S. 1180f)

Eine Übersetzung von Fenichels Artikel wurde nicht veröffentlicht.

Wußten Sie, daß Fenichel 1930 oder 1931 die UdSSR besucht hatte, wie zuvor Reich 1929? Laut Russel Jacoby (Die Verdrängung der Psychoanalyse, Kapitel 3) gab es mehrere Besuche von Fenichel in der Sowjetunion. Jacoby nennt Fenichel unverblümt einen „Fellow Traveler”. Nun, in seinem Rundbrief vom 15. August 1940 erwähnt Fenichel seinen alten Artikel über seine Reise in die UdSSR: „Die offene Arbeitskolonie Bolschewo“ (Imago 17, 1931, S. 526-530). In der Zeitschrift Psychiatry (November 1939) findet sich ein Artikel von Nathan Berman „Individual Therapy and Socialized Living in the Soviet Union“, der ebenfalls von der Arbeitskolonie Bolschewo handelt. Fenichel ist erfreut über gute Veränderungen in Bolschewo: sie wächst, ist wirtschaftlich autark, usf. Aber es gibt auch unangenehme Neuigkeiten: „Die Familie ist inzwischen anerkannt als die treibende Kraft, die das Leben des Kindes bestimmt“ (ebd., S. 1356), d.h. all die Dinge, die Reich in Die sexuelle Revolution moniert.

Am 13. Mai 1945 (ebd., S. 1943) kommt er auf seinen Aufsatz von 1931 zurück. Er stehe zu dem, was er damals geschrieben habe. Es sei eine Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft gewesen und habe deshalb funktioniert. Kurze Zeit nachdem der Artikel erschienen war, hätten sie Nikolaj Ekks Film Der Weg ins Leben (1931) gesehen, auf den sich auch Reich bezogen hatte. Man hätte damals enttäuscht die mangelnde Ernsthaftigkeit kritisiert, mit der die Sexualnot angegangen wurde und hörte von der Sowjetunion nur die, so Fenichel, unsinnige Antwort: „Neurosen und sexuelle Probleme gibt es nur in kapitalistischen Gesellschaften.“

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Fenichel kommt 14 Jahre später auf dieses Thema zu sprechen, wegen Nathan Bermans Artikel „The Making of the Soviet Citizen“ von (Psychiatrie 8, 1945, 35-48). Als Begründer der Offenen Arbeitskolonien wird nicht Dscherschinski, der Gründer der Tscheka, genannt, sondern ein Ukrainer namens Makarenko, der wie kein anderer, natürlich außer Stalin, die sowjetische Jugend geprägt habe. Seine Theorie? „Kultivierung des Gefühls für Pflicht, Ehre und Zielstrebigkeit, eng verbunden mit der Bildung eines starken Willens, von Mut und von Disziplin ist eine der Grundlagen des pädagogischen Systems Makarenkos.“ Was ist seine Psychologie? „Das anti-soziale Selbst besteht aus mehreren Schichten, darunter das Stehlen.“ Dazu Fenichel: „Nach diesen Zitaten ist es kein Wunder, daß der Leser ein Körnchen Skepsis behält, auch wenn der Autor die Stärke der Menschen in diesem [Zweiten Welt-] Krieg mit der gewaltigen Kraft des Dnjeprostroj vergleicht.“ (Anspielung auf das damals größte Wasserkraftwerk der Welt, das zwischen 1927 und 1932 erbaut wurde.)

In seinem Rundbrief vom 1. März 1941 zitiert Fenichel aus einem Brief aus New York: „Gestern tagte unsere neue Diskussionsgemeinschaft (die sich privat bei Hermann Nunberg traf), (die) Krisens (Ernst Kris und seine Frau), (die) Wälders (Robert Wälder und seine Frau), Nunberg, Heinz Hartmann, Annie (Reich-Rubinstein), (Eduard) Kronengold, (Ludwig) Eidelberg (…), (Otto) Isakower, Bertl Bornstein, Edith Buxbaum, (Margaret) Mahler(-Schönberger), (Yela) Löwenfeld und Edith Jacobsohn“ (ebd., S. 1423). Reichs alte Freunde = Feinde aus Wien. Was diese Gruppe Reich antat, findet sich in Reichs Dokumentensammlung Conspiracy: am 10. Nov. 1948 berichtete Reichs Schüler R. Singer, daß Nunberg und Annie Rubinstein im Hillside Psychiatric Hospital das Gerücht verbreitet hätten, Reich masturbiere seine Patienten.

Fenichel bespricht einen Artikel von Edith Weigert-Vorwinckel: „The Cult and Mythology of the Magna Mater from the Standpoint of Psychoanalysis“ und schließt, daß Reich vollkommen falsch lag, was das matriarchale Zeitalter als Goldes Zeitalter vor dem Einbruch der Sexualmora betrifft: Kastration, Menschenopfer, orale Fixierung, etc. (ebd., S. 1096).

Nicht nur der Kommunismus, sondern auch der pseudowissenschaftliche Kult Psychoanalyse ist die organisierte Emotionelle Pest! Die Rundbriefe machen zwar deutlich, daß Fenichel und seine Gruppe keine Freunde von Reichs Todfeinden Paul Federn und Sandor Rado waren. Fenichel macht sich ständig über sie lustig und bringt seine Verachtung für ihre verrückten pseudowissenschaftlichen Ideen zum Ausdruck. Er stimmt auch nicht mit den trieb-unterdrückerischen Theorien von Anna Freud überein. Aber es ist auch wahr, und sagt alles über Fenichel, daß seine Gruppe akzeptierte, daß Reichs Tochter Eva mit Anna Freuds verbrecherisch quacksalberischer Kinderpsychoanalyse gefoltert wurde. Was haben sie Eva Reich angetan! Was haben sie zu ihren anderen Patienten angetan! Was haben sie der amerikanischen Kultur angetan! Ich glaube, es gab zwei schreckliche Tragödien in der amerikanischen Geschichte: die Ankunft der englischen Puritaner und die Ankunft der deutsch-österreichischen Psychoanalytiker. Seelisch gestörter Abschaum!

Nach dem Studium dieser Rundbriefe, die sehr gut von Russel Jacoby zusammengefaßt wurden, muß ich gegen Richard Blasbands Besprechung von Jacobys Die Verdrängung der Psychoanalyse im Journal of Orgonomy protestieren (18, Nov. 1984, 238-247). Dort präsentiert Blasband Fenichel als eine Art Held und Märtyrer. Fenichel war in Wirklichkeit nichts als ein Ärgernis. Ich erinnere mich auch an Blasbands Besprechung von George Frankles The Failure of the Sexual Revolution (Journal of Orgonomy, 14, Nov. 1980, 240-244). Er stellt Frankle neben Reich und Baker – liest man das Buch aber selbst, sieht man, daß Frankle nichts anderes als ein Freudo-Marxist im Stile Fenichels war.

In der Regel erinnert mich Fenichels psychoanalytische Kritik an Reich an Chester M. Raphael’s Kritik an Elsworth F. Baker (Wilhelm Reich, Mis-construed, Mis-esteemed). Manchmal ist es fast wortwörtlich das gleiche. Eine weitere Parallele, an die ich oft denken mußte, ist die Abspaltung des Institute for Orgonomic Science von Bakers American College of Orgonomy. Auf die gleiche Weise emanzipierten sich Fenichel und seine Freunde von dem autoritären Reich. Die Rundbriefe ähneln den Annals of the Institute of Orgonomic Science mit ihren „Notes from Afield“ und „Clinical Symposium“, herablassenden Besprechungen, etc.

fenichel

Chronik der Orgonomie (Teil 1)

28. Dezember 2013

ChronikderOrgonomie

Ich habe den ersten Teil meiner 400seitigen Reich-Biographie überarbeitet:

CHRONIK DER ORGONOMIE 1897-1939

Mit Sri Sri Ravi Shankar zum Weltfrieden!

22. Oktober 2013

Der Yogi erstrebt vollkommene Stille im Schädel. Das ständige Geschnatter der Gedanken soll aufhören. Dies wird durch „Fokussierung“ erreicht. Etwa durch das ständige Wiederholen von „Mantras“ (ursprünglich Zaubersprüche wie unser „Abrakadabra“) oder durch das detaillierte Visualisieren irgendwelcher Götter oder die Konzentration auf das Ein- und Ausatmen, etc. Er tut auf systematische Weise genau das, was jeder Neurotiker spontan tut, wenn er mit Zwangsgrübeleien und irgendwelchen „Ritualen“ und vor allem Kontrolle der Atmung versucht, seinen Erregungs-, also Angstpegel zu senken, der durch die Energiestauung so hoch ist, die auf chronischer orgastischer Impotenz beruht.

Seine Heiligkeit Sri Sri Ravi Shankar (nicht zu verwechseln mit dem kürzlich verstorbenen Sitar-Spieler!) will der Welt Frieden bringen mit Atemübungen. Er ist heute einer der größten „Gurus“, die uns Indien beschert. Was einst Maharishi oder Osho waren, ist heute Sri Sri:

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=lHdgcPSSgO8%5D

Wer und was sind Leute wie seine Heiligkeit? Sie sind das reaktionäre Gegenteil der Orgonomie. Sie vertreten exakt das gleiche Gedankengut, das Beispielsweise Reichs Gegenspieler in der Psychoanalyse, Paul Federn (der später von Reich ausdrücklich als „Modju“ gebrandmarkt wurde), 1928 zum Durchsetzen einer konsequenten Enthaltsamkeit vorschlug. Es sei gut, so Federn,

wenn man gewürzte Kost und Alkohol völlig meidet, wenig Eier, Fleisch und Milch, namentlich abends, zu sich nimmt, viel Sport und körperliche Tätigkeit treibt und ein geregeltes, inhaltsvolles Leben führt. (…) Kühles, nicht zu hartes und nicht zu weiches Bett ist nützlich. Sexuelle Erregung kann durch kaltes Baden und Schwimmen herabgesetzt, wirkliche Reizzustände und Schlafstörungen können durch Arzneimittel bekämpft werden. Die spontane Erektion, die den Anlaß zur Onanie gibt und die das Einschlafen hindert, hört auf, wenn man solange als möglich den Atem anhält und das einige Male wiederholt. (z.n. Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? , Gießen 2013, S. 63f)

Yogis, wie Sri Sri, haben nie etwas anderes gepredigt: fleischlose Kost, Körperertüchtigung, kalte Duschen und – Atemanhalten, als alternativer Weg zu Glück und Seelenruhe, die ein befriedigendes Liebesleben schenkt. Wie das Federnsche Atmen konkret im Yoga aussieht, kann man beispielsweise hier nachlesen. Wer eine Orgontherapie möglichst effektiv konterkarieren will, sei dieses Einüben der orgastischen Impotenz wärmstens empfohlen!

Wie Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus ausgeführt hat, geht diese Art von „Züchtigkeit“ immer mit „Züchtigung“ (= Faschismus) einher. Dazu ein Leserbrief eines ehemaligen Mitgliedes von Ravi Shankars Organisation Art of Living (AOL):

Ich war über zehn Jahre hinweg Trainer in der AOL und habe viel Zeit mit ihm [Sri Sri Ravi Shankar] verbracht. Jahre rang ich mit der Frage, ob das AOL ein Kult sei oder nicht. Schließlich tendierte ich dazu, das AOL als Kult zu betrachten. Einer der Hauptgründe, der mich zu diesem Schluß brachte, war die Unehrlichkeit, die den Organisationen zugrundeliegt.

Das AOL ist auf eine sehr grundlegende Art und Weise unredlich. Es stellt sich selbst öffentlich als eine wunderbar humanitäre, pädagogische Organisation dar, die spirituell orientiert ist, aber frei von den Dogmen und Regeln der Religionen. Sri Sri wird entsprechend als ein visionärer spiritueller und humanitärer Führer angesehen, der die Inspiration hinter den wunderbaren Hilfsprojekten ist, die das AOL auf der ganzen Welt durchführt. Sobald du jedoch in der AOL bist, wird eine ganz andere Lesart propagiert (aber es wird nie offen propagiert).

Diese Lesart läuft ungefähr darauf hinaus, daß Sri Sri eines der höchsten spirituellen Wesen auf Erden sei. Er sei in früheren Leben vermutlich Buddha, Jesus oder Krishna (oder alle drei) gewesen. Er sei ein vollkommen erleuchtetes Wesen, dem keine Fehler unterlaufen könnten. Wenn er einen Fehler zu machen scheint, ist es entweder eine Prüfung seiner Jünger oder es seien nur die geheimnisvollen Wege des Guru. Sri Sri weiß alles und seine Gnade kann alles erreichen. Alle Dinge sind möglich, wenn jemand nur an den Guru glaubt und voll und ganz seiner allgegenwärtigen Gnade offensteht. Er wird seine Jünger über das Meer der Täuschung zur Erleuchtung tragen. Ich erinnere mich, wie mir gesagt wurde, daß Buddha 50 von seinen Jüngern und Jesus nur 12 oder so erleuchtet habe, aber Sri Sri Hunderte erleuchten werde.

Unausgesprochenes Ziel des AOL ist es, den Menschen zu der Erkenntnis zu verhelfen, wie groß Sri Sri ist und den Glauben an ihn zu fördern. Es geht darum, sie in echte Jünger von Sri Sri zu verwandeln. Ich habe in meinen Jahren im AOL bemerkt, daß das Hauptziel der Hilfsprojekte darin besteht, Jünger, wahre Gläubige zu produzieren. Es reichte nicht, daß Sudarshan Kriya [d.h. Yoga-Atmung] oder Meditation erlernt wird oder daß irgendwie bei einem Hilfsprojekt geholfen wurde und daß es das war. Es gab immer eine sanfte (und wenn du DSN [ich komme darauf zurück, PN] machtest nicht so sanfte) Ermutigung dazu, daß die Leute echte Jünger wurden.

Ich dachte, daß diese Mythenbildung um Sri Sri nichts mit ihm zu tun hatte. Er selbst sagte nicht, daß er perfekt und ein Avatar Gottes sei. Es gehöre nur zu spirituellen Organisationen, ihre Gründer zu idealisieren. Ich glaube das nicht mehr. Wenn ich zurück blicke, sehe ich, daß Sri Sri reichlich Gelegenheit hatte, seine Vergöttlichung zu dämpfen, aber er tat es nie. Er kann einige bescheidene Aussagen tätigen wie: „Ich bin nicht anders als ihr. Ich bin genau wie ihr“, aber niemand hat ihm das wirklich abgekauft, weil die eigentliche Botschaft das genaue Gegenteil ist. Ich war mit ihm im gleichen Raum und sah, wie er Leute täuschte. Die Leute kamen zu ihm mit allen möglichen Problemen und Sri Sri schien auf magische Weise alles über ihre Probleme zu wissen. Derjenige war dann über Sri Sris Allwissenheit erstaunt. Sri Sri unterließ es dabei zu erwähnen, daß er über die Probleme dieser Person von jemand anderem unterrichtet worden war. Er ließ sie in dem Glauben, daß er allwissend sei.

Sri Sri ließ die Vergöttlichung zu und förderte sie auf subtile Weise. Er war darin sehr geschickt. Dieser Mythos vom Guru ist einer der Hauptgründe, warum ich glaube, daß das AOL eine Sekte und keine Religion ist. Religionen sind sehr offen hinsichtlich ihres Glaubenssystems. Das AOL hält sich sehr bedeckt. Das versteckte Glaubenssystem unterhalb der offiziellen Parteilinie ist nicht so offensichtlich und würde nie in ihren Marketing-Broschüren auftauchen. Du wirst nie in einem AOL-Grundkurs hören, daß Sri Sri der größte erleuchtete Meister aller Zeiten ist, daß der schnellste Weg zur Erleuchtung darin besteht, an ihn zu glauben, ihm zu dienen und ihm zu folgen, und daß du dich so glücklich schätzen kannst, auch nur von ihm gehört zu haben, geschweige denn von ihm zu lernen und ihm zu dienen. Wenn du diese Chance nicht nutzt und ihm nicht folgst, vertust du eine Möglichkeit, die sich dir nur selten in vielen, vielen Lebenszeiten bietet. Das ist, woran im inneren Kreis um ihn herum geglaubt wird.

Und so jemanden, der nach christlichem Verständnis nichts anderes als der Antichrist ist, präsentieren die scheiß Liberalen in der Evangelischen Kirche als eine Art Ersatz-Jesus! Der Abgesandte Satans thront in der Kirche des Herrn! Man schaue sich nur mal die seligen Gesichter der grenzdebilen Kirchentagbesucher an, wenn sie diese leere Witzfigur vergöttern!

„DSN“ steht für Divya Samaaj ka Nirmaan, ein Kurs zur Persönlichkeitsbildung, der alle Blockaden beseitigt. Das eigene Ego, der „Charakter“, wird zerstört und an seine Stelle das Ego von Sri Sri gesetzt!

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