Posts Tagged ‘Pädagogik’

nachrichtenbrief40

30. Juni 2017

Ein Leben in Zwangsjacke und Gummizelle

23. Juni 2017

Als Kind wäre ich in der Schule beinahe draufgegangen. Mich hat dieser ganze Müll an der Tafel nicht die Bohne interessiert. Ich wollte nur eins: den ganzen Tag die mit allen möglichen und unmöglichen exotischen Pflanzenkeimlingen aus dem nahen Hafen verwilderte Industriebrache durchkämmen und am Ufer des Tidekanals nach dem suchen, was aus der Nordsee bis nach Hamburg angespült wurde. Ich wollte mich BEWEGEN. Heute würde man mich vielleicht mit der Droge Ritalin vollpumpen. Ich kann jetzt noch spüren, wie die Energie in meinem Körper rebellierte und wütete. Und diese verlogenen Schweine regen sich über das Schicksal von Legehennen auf!

Dazu berichtet die ÄrzteZeitung für Neurologen und Psychiater (Juni 2017) über ein interessantes Projekt aus Bremen. Seit Februar stehen Heimtrainer in einer 5. Klasse. Sie sind mit hohen Tischen ausgestattet, so daß die Kinder ihre Schularbeiten machen können, während sie in die Pedale treten. Erstmals eingeführt wurden sie 2007 von einem Gymnasiallehrer und Sportwissenschaftler in Wien. Die Schüler können sich besser konzentrieren, die Noten und das Sozialverhalten verändern sich zum Besseren.

Die Idee ist so lächerlich einfach und naheliegend, daß man sich fragt, warum nicht schon längst jemand auf sie verfallen ist. Haben denn die Leute nie Jungtiere beobachtet, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ununterbrochen herumtollen? Und was machen wir! Wir wickeln („pucken“) Babys, Sperren Kinder in Zuchthäser („Schulen“) und haben selbst nichts besseres zu tun, als vor Bildschirmen zu hocken. Es ist ein schieres Wunder, daß es nicht öfter Schulmassaker und Amokläufe gibt!

nachrichtenbrief23

18. Mai 2017

Anti-Summerhill

21. März 2016

Anlaß dieses Blogeintrags ist meine zufällige Entdeckung eines Interviews zum Thema auf brightsblog Das ist unendlich besser, als alles, was ich verzapfen könnte. Bitte auch den unten verlinkten Vortrag anschauen! Anyway:

Als 1934 die Gefahr bestand, daß seine Waldorfschule geschlossen wurde, schrieb der anthroposophische Lehrer René Maikowski, ein ehemaliger Mitarbeiter Steiners, einen Brief an Hitler und pries die wahrhaft deutsche Willens- und Charaktererziehung an Waldorfschulen. Steiner sei immer für den gleichen Geist wie die Nazis eingetreten. Maikowski führt die „Opferfreudigkeit“ seines Bruders, des „Blutordensträgers“ Hans Maikowski, eines SA-Führers, der bei der Machtübernahme von Kommunisten erschossen worden war, auf dessen Waldorferziehung zurück. 1935 schrieb Maikowski an Rudolf Heß im Namen des „Bundes der Waldorfschulen“ über die Haltung der Waldorferziehung zum Judentum: da Waldorfschulen jeden einseitigen Intellektualismus ablehnten und wegen ihrer christlichen Grundhaltung gäbe es sowieso nur sehr wenige jüdische Schüler und die meisten würden ohnehin die Waldorfschulen nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Obwohl sie die ideologische Exklusivität der Nazis gefährdete, wurde die autoritäre, anti-intellektuelle und anti-materialistische (und deshalb anti-Marxistische) Ausrichtung der Waldorferziehung anerkannt. Viele ihrer Elemente wurden 1936 Teil der damals eingerichteten offiziellen Adolf-Hitler-Schulen und Napola-Schulen. Tatsächlich ähnelten die Erziehungskonzepte der Nazi-Pädagogin Magdalene von Tiling ziemlich denen Steiners. Der Nazi-Pädagoge Alfred Baeumler fand für die Waldorferziehung lobende Worte. (Dieses Mitglied der SS und Nazi-Interpret Nietzsches pries Steiners Buch Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit als das beste Buch über Nietzsche, das er jemals gelesen habe.)

Die ungebrochene Tradition wird in folgenden Büchern dargelegt, deren wesentlichen Inhalt ich im Anschluß kurz referieren werde. Ob sich seit dieser Zeit Entscheidendes geändert hat, vermag ich nicht zu sagen.

  • Beckmannshagen, F.: Rudolf Steiner und die Waldorfschulen, Wuppertal 1984
  • Kayser, M./Wagemann, P.A.: Wie frei ist die Waldorfschule?, Berlin 1991
  • Prange, K.: Erziehung zur Anthroposophie, Bad Heilbrunn 1985
  • Rudolph, Ch.: Waldorf-Erziehung, Darmstadt 1987
  • Ulrich, H.: Waldorfpädagogik und okkulte Weltanschauung, Weinheim 1986

Die Autoren führen aus, man könne zwar als positiv konstatieren, daß es in der Waldorfschule keinen Leistungsstreß durch eine rigide Benotung gäbe, dafür gäbe es aber statt dieser einigermaßen objektiven und nachvollziehbaren Noten, persönliche, moralisierende Anmerkungen, die als Zeugnisse dienen. Da werde dann nicht eine Teilfunktion bewertet, sondern gleich die ganze Persönlichkeit. Die Kinder, die nicht ins anthroposophische Entwicklungsschema paßten, z.B. sexuell aktiv seien oder ein gestörtes Verhältnis zu Führerfiguren hätten, würden moralisch runtergemacht. Als Schüler weiß ich, daß mit einer 5 oder 6 nicht ich selbst gemeint bin, sondern einfach nur ein Teilaspekt meines Tuns, während in der Waldorfpädagogik genau mein intimer Wesenskern bewertet und angegangen werde. Das sei totalitär.

Waldorflehrer lebten in einem geschlossenen ideologischen System, in das sie ihre Schüler preßten. Es gäbe die rigiden Schemata der vier „Äther-Körper“, Zyklen von sieben Jahren und die traditionellen Aristotelischen vier Temperamente. Steiner stahl die mehr spezifischen Elemente des letzteren Konzepts, das entscheidende Zentrum der Waldorferziehung, aus den, Ende des 19. Jahrhunderts, populären Erziehungsbüchern von Bernhard Hellwig, zusammen mit all ihren herabsetzenden volkstümlichen Vorstellungen von z.B. dem „phlegmatischen“ Temperament. Auch gäbe es das vom Waldorflehrer zu unterstützende „karmische Gesetz“, das jede Möglichkeit einer persönlichen Entwicklung hintertreibe. Aufgrund von Steiners Version des karmischen Gesetzes erhält jedes körperliche Merkmal moralische Bedeutung, da der Geist diesen besonderen Körper aufgrund der vorherigen karmischen Tätigkeiten zugeteilt bekam – eine Art von Mikro-Rassismus. Eine kleine Schülerin erzählte ihrer Waldorflehrerin, daß ihr Vater sie sexuell mißbrauche, die Lehrerin antwortete: „Du hast dir deine Eltern selber ausgesucht“ – was bedeutet, du bist verantwortlich, aufgrund des karmischen Gesetzes, so trage dein Kreuz.

Waldorflehrer seien Opfer der persönlichen Neurose Steiners, wie sie sich in der Anthroposophie Struktur widerfindet. Sie unterdrücken ihre Gefühle, da Steiner von seinen eigenen Gefühlen entfremdet war. Waldorflehrer, insbesondere die Frauen, sähen stets sehr unattraktiv aus, ohne Make-up, grau, ausgemergelt, „vergeistigt“. In ihrem Ausdruck und Verhalten wirkten die männlichen Lehrer wie Klone von Steiner: asketisch, moralistisch, ohne Humor, trocken, mumifiziert, tot unterhalb des Kopfes. Das Alltagsleben unter Waldorflehrern sei im allgemeinen erfüllt von Intrigen und Gehässigkeiten. Als Priester der Anthroposophie ist der Waldorflehrer eine absolute Autorität mit einem nicht reproduzierbaren absoluten okkulten Hintergrund – das perfekte moralische allwissende Über-Ich. Der Schüler solle dieser Imitation Steiners folgen und selber zu einem kleinen Steiner bzw. zu einer kleinen Marie von Sivers werden. (Ewald Althans, der schwule Neonazi aus dem Film Beruf Neonazi, ist Produkt eines Waldorfkindergartens.)

Waldorflehrer setzten ihre unterdrückte Sinnlichkeit in asexuelle „Übersinnlichkeit“ um. Je mehr die Sexualität unterdrückt werde, desto mehr seien sie an der Kindererziehung interessiert als Ventil für ihre fehlgeleitete, sadistisch gewordene Sexualität. Sie werde von Zeit zu Zeit in wilden hysterischen Ausbrüchen körperlicher Bestrafung ausgelebt und sogar in buchstäblichen Exorzismen von „bösen Geistern“! In seinem Tagebuch notierte sich Franz Kafka als besonderes Merkmal der Anthroposophen ihre starren, stechend moralistischen Augen. Waldorflehrer schauten stets tief in deine Augen, um ein schlechtes Gewissen hervorzurufen. Dieses typische hypnotische Starren ist eine unbewußte sexuelle Annäherung. Ganz allgemein arbeiteten sie nicht erzieherisch, sondern mit Moralurteilen, d.h. maskiertem Sadismus, der eine perverse sexuelle Äußerung ist. Alles werde aus moralistischer Sicht betrachtet. Sogar die künstlerischen Äußerungen des Kindes werden in Moral erstickt: keine Farbkontraste und keine scharfen Kanten sind erlaubt und allem wird eine ethische Bedeutung zugeordnet.

So kämpfe die Waldorfschule gegen alles, was unterhalb des Kopfes liegt. Der Blickwinkel von Waldorf sei patriarchalisch, moralistisch, antisexuell und konservativ. Die Märchenwelt des 19. Jahrhunderts werde den Kindern nahegebracht, mit all der Schuld und Angst. Ein kleines Mädchen, das keine Märchen mochte, wurde von Steiner als „Naturdämon“ bezeichnet, dem jedes Menschentum abgehe. Seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts wären menschliche Gestalten geboren worden, die überhaupt keine Inkarnationen von Menschen sind, „sondern wo die Menschenform ausgefüllt wird von einer Art Naturdämon.“

Der Hauptfeind der Waldorferziehung sei das masturbatorische Interesse des Kindes für den eigenen Körper. Es gelte als Hindernis für die gesunde Entwicklung des Kindes. Steiner zufolge, sind kleine Kinder nicht egoistisch, nicht aggressiv, nicht neugierig, nicht erotisch, nicht sexuell – wenn sie es sind, stehen ahrimanische Kräfte dahinter. Vor dem Alter von 20 oder 21 Jahren werde die Sexualität als etwas Pathologisches und Perverses betrachtet, so daß Kinder aus Waldorfschulen geworfen würden, wenn ihre Sexualität zu offensichtlich werde. Jugendliche sollten durch das Spirituelle von der Pubertät abgelenkt werden. Kinder würden geschlagen. Es gäbe einen Fall, wo eine Erzieherin im Waldorfkindergarten einen kleinen Jungen eine heftige Ohrfeige verpaßt habe, als er sich einem kleinen Mädchen nackt zeigte. Der Mund eines kleinen Jungen wäre mit Seife ausgewaschen worden, nachdem er schmutzige Wörter benutzt hatte.

In Waldorfsonderschulen würden unruhige Kinder an ihre Sitze festgebunden. Andere Methoden der anthroposophischen Erziehung seien das hundertfache Niederschreiben des gleichen Satzes, in der Ecke stehen oder Schläge – wie in der guten alten preußischen Schule. Noch raffinierter sei die Methode des Liebesentzugs. Tatsächlich sei er die hauptsächliche Erziehungstechnik des geliebten Waldorflehrers. Die Lehrer arbeiteten natürlich auch mit vernichtenden Moralpauken – und okkulten Flüchen!

Waldorflehrer machten regelmäßig Hausbesuche und zwängen die ganze Familie in einen anthroposophischen Lebensstil hinein. Das reiche vom Verzicht auf Coca Cola bis zu dem auf Kartoffel, weil diese indianische Nahrung unserem germanischen Wesen widerspräche. Und in der Schule würden die Kinder über das Familienleben ausgefragt. Es sei wie in einem totalitären Staat. Waldorf als „Freie Schule“ zu bezeichnen, sei dasselbe, als würde man katholische Privatschulen so nennen.

Die Anthroposophie sei ein vom Staat unterstützter destruktiver Kult und viele Entscheidungsträger im Staatsapparat und in der Politik seien selbst Anthroposophen, insbesondere in den Erziehungsministerien. Nur dies erkläre, wie die Waldorfschulen gedeihen und so viel staatliche Unterstützung erhalten konnten und so wenig Kontrolle ausgesetzt wären. Selbst Helmut Kohl schickte seine Kinder in Waldorfschulen. Waldorfschulen seien ein Weg um neue Anthroposophen zu rekrutieren. Selbst wenn nur die Hälfte oder ein Drittel der Schülerschaft sich zu gläubigen Anthroposophen entwickelt, macht dies angesichts der derzeitig 221 Waldorfschulen in Deutschland eine beträchtliche Masse aus.

Waldorfschüler lernten Zeugs wie: der Mensch stamme nicht von den Affen ab, vielmehr seien die Affen eine Degenerationsform des Menschen. Und selbst wenn, wie es der offiziellen Waldorfdoktrin entspricht, inhaltlich nichts indoktriniert wird, komme es doch durch die Bewertung der Gesamtpersönlichkeit des Schülers, durch die Schulstruktur selbst und durch die Entfremdung von der Realität zugunsten der „geistigen Welt“ zur kultischen Prägung.

1986 gründeten Opfer der Waldorferziehung die Selbsthilfeorganisation „Distel-Bund“ in Herne.

 

Sexueller Kindesmißbrauch

14. April 2015

Der deutsche Fernsehkrimi kennt nur zwei Themen: Neonazis und Kinderschänder! Das sind die beiden Feindbilder, mit denen man so gut wie jeden mobilisieren kann. Die heutige Diskussion um den angeblichen Kinderficker Werner Vogel, 1933 SA-Mann und 1980 Grüner der ersten Stunde, ist symptomatisch. Vogel ist das ultimative Faszinosum! Der Teufel schlechthin! Der viehische Haß auf ihn, hält die gepanzerte Gesellschaft zusammen. Das gleiche Pack frägt sich dann, wie es nur zum Holocaust kommen konnte…

Insbesondere der Vorwurf des sexuellen Kindesmißbrauchs ist der finale Stoß gegen den verhaßten Gegner. Die aufklärerischen Kräfte kühlen so ihren Mut an der Katholischen Kirche, während umgekehrt die Konservativen über Daniel Cohn-Bendit und die Odenwaldschule herziehen können.

Beide Lager verdrängen, daß es um die Grundlagen unserer Zivilisation geht. Solange wir hier nicht aufräumen, wird der Alptraum, der Mord an Kinderseelen immer weitergehen.

In den 1920er Jahren hat Reich dargelegt, daß der Erziehungszwang, der sich in der Unterdrückung der kindlichen Onanie äußert, auf der Sexualverdrängung der Erwachsenen beruht, die sie durch Unterdrückung ihrer Kinder aufrechterhalten müssen. Wobei die Erwachsenen selber aus ihren eigenen verdrängten Sexualwünschen heraus unbewußt das Kind durch Bewegungsspiele und Waschungen sexuell animieren. Schon das „Huckepackreiten“, das „Angstlust“ hervorrufende Angstmachen und das Beisein des Kindes im elterlichen Schlafzimmer erfüllen nach Reich den Tatbestand des sexuellen Kindesmißbrauchs. Triebtheorie und „Verführungstheorie“ sind demgemäß untrennbar miteinander verbunden (Wilhelm Reich: „Eltern als Erzieher – Teil II: Die Stellung der Eltern zur kindlichen Onanie“, Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Bd. 1, Nr. 7/8/9, 1927, S. 263-269).

Alice Miller (mit der ich mich bereits auseinandergesetzt habe) hat in ihre Kritik an Freud Reich ausdrücklich einbezogen. Siehe meine Ausführungen in Alice Miller und die Emotionelle Pest.

Groteskerweise vertritt Miller selbst eine Freudsche Position, die Reich kritisiert hat, nämlich die Schlußfolgerung, die die Psychoanalyse aus der Theorie des Ödipuskomplexes gezogen hatte: Freudianische Mütter mochten ihre Babys kaum berühren, weil sie ständig Angst vor inzestuösen Gefühlen hatten, sich also genau gegensätzlich zu den Unterstellungen von Miller verhielten.

Reich zufolge ergibt sich der Inzestwunsch der Kinder u.a. „und, gewiß nicht in letzter Linie, aus der sexuellen Bindung der Eltern an die Kinder“. Dies sei seinerseits „wieder bestimmt durch die sexuelle Unbefriedigtheit der Erwachsenen“ (Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, S. 28).

Reich selber hat eine Entwicklung durchgemacht. Seine Töchter zeigten in den 20er Jahren Nacktfotos ihrer Eltern (Nadine Hauer/Wolfram Ratz: „Wilhelm Reich in Österreich“, emotion 9, 1989, S. 54). Damals vertrat er noch etwas, was im Titel eines Aufsatzes von 1928 zum Ausdruck kommt „Wohin führt die Nackterziehung?“ (Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Bd. 3, Nr. 2/3, Nov./Dez. 1928, S. 44-50). In den 40er und 50er Jahren, d.h. vor dem Hintergrund besserer Einsichten in die Entwicklung der individuellen Panzerung, hat er sich selbst nie nackt, d.h. mit entblößtem Penis, vor seinem Sohn gezeigt (Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 58 und M. Glass: „Parental Nudity and Castration Anxiety“, Journal of Orgonomy, 15(1), May 1981, S. 79-82). Kein Orgonom wird jemals Nudist sein!

Wie entsteht ein Kinderschänder? Nach neueren Forschungen müssen drei Elemente zusammenkommen, um einen jungen Mann zu einem potentiellen Täter zu machen (Neuro-Depesche 4/2010):

  1. Angst vor Bindungen bei einem gleichzeitigen starken Bindungswunsch;
  2. „Hypersexualität“, die den Wunsch nach Intimität „sexualisiert“; und
  3. Angst von Gleichaltrigen als „wertlos“ zurückgewiesen zu werden.

Dies wurde durch eine Querschnittstudie von M.H. Miner (University of Minnesota) et al. von neuem bestätigt. Dazu wurden drei Gruppen von jugendlichen Straftätern untersucht: 107 Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergangen hatten, 49 an Gleichaltrigen und Erwachsenen und 122 mit nicht-sexuellen Delikten.

Die Ergebnisse deuten auf einen indirekten Effekt des Bindungsstils hin: Die signifikant höhere Bindungsangst beeinträchtigt die adäquate Beziehung zu Gleichaltrigen („Peers“) und den Selbstwert. Anhand dieser Merkmale – in Kombination mit einer ebenfalls signifikant häufigeren Hypersexualität und einer grundsätzlich positiven (!) Haltung gegenüber anderen (als Ausdruck eines starken Bindungswunsches) ließen sich pädophile Sexualstraftäter von den beiden Vergleichsgruppen unterscheiden.

Daß der in der Kindheit erworbene, unsicherheits-geprägte „Attachment style“ und die daraus folgende Isolation für den sexuellen Mißbrauch von Kindern eine maßgebliche Rolle spielt, stimmt mit den gängigen Urachentheorien überein.

Wollt ihr Kinder schützen, dann laßt Jungen in einer emotional stützenden Umgebung aufwachsen!

Wie ist die „Hypersexualität“ einzuordnen? Dieses Phänomen hat Reich bereits in seiner ersten großen psychoanalytischen Studie, in dem 1925 erschienenen Buch Der triebhafte Charakter untersucht. Triebhaftigkeit („Hypersexualität“) entsteht durch eine inkonsequente Erziehung, bei der auf unverantwortliche Nachgiebigkeit, um so stärkere abrupte Triebversagungen folgen.

In Der triebhafte Charakter und dem thematisch dazugehörenden Aufsatz „Eine hysterische Psychose in statu nascendi“ hat sich Reich bereits 1925 eingehend mit der sexuellen Kindesmißhandlung und ihren charakterologischen Folgen auseinandergesetzt (Frühe Schriften I, siehe z.B. die unterschiedlichen Fälle von sexuellem Kindesmißbrauch S. 233f, S. 296, S. 305 und S. 315).

In beiden Abhandlungen beschäftigt sich Reich unter der Bezeichnung „hysterische Spaltung“ mit der heute heißdiskutierten „multiplen Persönlichkeit“ infolge von sexueller Kindesmißhandlung.

Der möderische Haß auf das Lebendige (Teil 1)

18. Februar 2015

Stefan Müschenich hat in seinem Buch Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich (S. 246) darauf hingewiesen, daß das, was Reich in Charakteranalyse als „Emotionelle Pest“ beschrieben hat, zu einem Gutteil mit jenem Verhalten am Arbeitsplatz identisch ist, das heutzutage als „Mobbing“ bezeichnet wird.

Dieser Punkt findet Unterstützung durch eine psychologische Studie von Thomas Rammsayer und Kathrin Schmiga, Universität Göttingen.

Zuvor war man davon ausgegangen, daß vor allem psychisch weniger stabile, sensible Menschen der dauerhaften Boshaftigkeit ihrer „Kollegen“ ausgesetzt seien, doch dann fanden 2003 die beiden Forscher zur eigenen Überraschung, daß in der Arbeitswelt neugierige, kreative und „offene“ Menschen genauso leicht zu Mobbing-Opfern werden. Nicht nur der bekannte Risikofaktor „Neurotizismus“ mache angreifbar, sondern auch das Merkmal „Offenheit“. Das bedeutet, daß nicht nur Abweichungen nach „unten“ (also ängstliches, nervöses, „verdruckstes“ Verhalten), sondern auch nach „oben“ erbarmungslos eingeebnet werden. Wer nicht ins Mittelmaß paßt, wird ausgegrenzt, teilweise schlichtweg vernichtet.

Unter Kindern und Jugendlichen sind, so der Kinder- und Jugendpsychiater Josef Kirchner, insbesondere sensible, mitfühlende und aggressionsarme Schüler gefährdet, Mobbing-Opfer von Gleichaltrigen zu werden („Amokläufer von heute – Mobbingopfer von gestern“, Der Neurologe & Psychiater, DNP, 10/09).

Besonders fatale Folgen zeitigt jedoch die Ausgrenzung von „Grenzautisten“. Es handelt sich dabei zwar nicht um eigentliche Autisten, doch mangelt es auch ihnen an sozialer Wahrnehmung und an emotionaler Empathie.

In ihrer eigenen Altersgruppe werden sie von den meisten gemieden oder gar gemoppt, da sie durch ihre soziale Unbeholfenheit andere oft genervt haben, ohne es zu merken. Sie erleben nur ihre eigene emotionale Bedürftigkeit, ohne die des Gegenübers wahrnehmen zu können. Daher werden sie als rücksichtslos erlebt.

Der durch vollkommene Gefühlskälte gekennzeichnete Ablauf von Schulmassakern wäre klassisches Verhaltensmuster von Grenzautisten. Typisch sei beispielsweise das Fehlen von jedweder Lust an der Erniedrigung der Opfer. Es ist ein vollkommen mechanisch ablaufendes Geschehen, in dem nicht einmal das Gefühl sadistischer Lust auftritt. Und dies, obwohl Opfer gezielt ausgewählt und bestraft werden.

Was tun? Kirchner weist darauf hin, daß es schon immer Grenzautisten gegeben hat (er nennt Newton und Einstein als Beispiele). Er fordert dazu auf, die Unterschiede zwischen den Schülern zu akzeptieren und die unterschiedlichen Normvarianten nicht zu pathologisieren. Es sei ein Unding, wenn sogar Psychopharmaka hinzugezogen würden, nur um bestimmte Gruppen ans Schulsystem anzupassen.

Was diese Gesellschaft braucht, ist mehr Toleranz gegenüber jenen, die nicht ins Muster passen. Wir sind zwar stolz auf den angeblichen „Individualismus“ in dieser Gesellschaft, tatsächlich ist der Anpassungsdruck aber stärker als jemals zuvor. Wer nicht paßt, „wird passend gemacht“. Die Individuen werden in den Seelentod, teilweise sogar den physischen Tod getrieben. Manche treibt die Erniedrigung in den Amoklauf.

Die „Anpassung“ erfolgt mit den Mitteln des Terrors und der Verhaltensmodifikation (wobei sogar zur Chemie gegriffen wird). Die Folgen sieht man in der Wirtschaft und Politik, wo es kaum noch Führungsfiguren mit Ecken und Kanten gibt (ein Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß wäre heute schlichtweg undenkbar – stattdessen nur die leeren Gesichter von Sparkassenangestellten), in der Wissenschaft (die trotz des angeblich exponentiell ansteigenden Wissens zunehmend verflacht – Fach-Idioten) bis hin zum Alltag (wo es trotz der schreienden Neurosen und Perversionen immer weniger „Originale“ gibt).

Jedes Kind ist wißbegierig. Ich habe meinen Eltern Löcher in den Bauch gefragt und konnte es kaum abwarten, nach der Schule, diesem Totenhaus, nach Hause zu kommen, um Bildungsfernsehen zu sehen, das X-Magazin und Sachbücher zu lesen. Die Funktion der Schule in der gepanzerten Gesellschaft ist es, dieses Feuer zu ersticken, diese lebendige Expansion einzuschränken. Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Die Lehrerschaft verkörpert das genaue Gegenteil.

Eine Fernsehdokumentation regt zur Diskussion über Schüler, Schulen und Lehrer an. Folgender Absatz ist bezeichnend für den Zustand unserer Lernfabriken:

Sabine Czerny ist Grundschullehrerin in Bayern und überzeugt: „Alle Kinder können lernen.“ Sie kritisiert, daß viele ihrer Kollegen, statt die Freude am Lernen zu fördern und die Kinder für ihre Leistungen zu loben, in erster Linie Druck auf die Schüler aufbauen. Ihr selbst gelang es in ihrer Klasse, daß die Kinder plötzlich Spaß am Schulstoff hatten. Als jedoch damit die Noten der Schüler immer besser wurden, erklärte man Czerny, daß es auch in ihrer Klasse „Fünfer und Sechser“ geben müsse. Schließlich mußte die Lehrerin die Schule wechseln. Czerny macht deutlich, daß Kinder nicht an ihren Fähigkeiten und an ihrem Können scheitern, sondern am System.

Anläßlich seines 75. Geburtstages 2004 sagte der mittlerweile verstorbene Schriftsteller Walter Kempowski, einst selbst Dorfschullehrer in Niedersachsen, heutzutage würde er lieber Taxifahrer werden als Lehrer.

Die 68er haben die Pädagogik restlos zerstört. Das ganze Schulsystem, so wie es heute ist, ist menschenfeindlich geworden. (…) Es war ein großer Fehler, die kleinen Dorfschulen zu schließen. Jetzt beklagen sich dieselben Leute, die das veranlaßt haben, darüber, daß die Kinder sich im Schulbus prügeln. Was sollen die sonst tun?

Seiner Meinung nach müßte die Pädagogik wieder an die Reformbewegung der 1920er Jahre anknüpfen. „Damals waren wir weiter als heute.“

In Der politische Irrationalismus aus orgonomischer Sicht wird gezeigt, daß das Wirken der Sozialisten (beschönigend „Sozialdemokraten“ genannt) und „modern liberals“ (pseudo-liberale Kommunisten!) ein integraler Bestandteil der Ausbreitung der emotionalen Wüste ist. Mit maschinenhafter blinder Konsequenz ver-wüsten die kontaktlosen Sozialingenieure unsere letzte Hoffnung: die Kinder der Zukunft. Die „PISA-Katastrophe“, für die ihre „Bildungsreformen“ verantwortlich sind (man denke nur an die „Verwissenschaftlichung“ der Lehrerausbildung!), veranlaßt sie, alles zu mobilisieren, um noch mehr Schulzentren und Gesamtschulen zu errichten und die Kinder nicht nur am Vormittag, sondern in Zukunft ganztags „über einen Kamm zu scheren“.

tryingtomakethemnormallikeyourself

Die wirkliche Ursache der „Bildungskatastrophe“ wird jedoch auch von Konservativen nie angeschnitten (für Linke ist sie eh ein absolutes Tabu!). Jeder weiß aus eigener Erfahrung, daß Lehrer im allgemeinen weitaus neurotischer strukturiert sind als der Rest der Bevölkerung. Ich wage sogar die Generalisierung, daß die Sprößlinge von Lehrern fast ausnahmslos psychisch extrem auffällig sind. Jaja, man darf nicht generalisieren – aber man frage einen beliebigen Psychotherapeuten, der seit einigen Jahren im Geschäft ist. Außerdem sind wir ja alle Experten, was Lehrer betrifft – und unsere Kinderaugen waren unbestechlich.

Die Hauptqualifikation für einen Lehrer sollte ein erfülltes Liebesleben sein, um fähig zu sein, mit den Kindern emotional mitzuschwingen. Die Lage wäre dann jedoch vollkommen hoffnungslos, denn an sich dürften nur Leute Lehrer werden, die in Orgontherapie sind und einen Kurs in sozialer Orgonomie abgeschlossen haben. Vollkommen utopisch und selbst in einer Million Jahren nicht realisierbar. Das bringt mich zurück zu meinem Helden Walter Kempowski:

Ein funktionelles Leben erzwingt ein funktionelles Verhalten. Lehrer in kleinen „Dorfschulen“ haben gar keine Chance ihre Neurose auszuleben, weil sie sich nicht hinter einer Institution verstecken können. Sie müssen auf die Schüler eingehen, ständig in Kontakt sein. Die Arbeit selbst wird zur „Therapie“.

Dieses Land benötigt eine konservative Revolution im Sinne eines Kempowski oder eines Joachim Fest. Beide waren fast schon archetypische Verkörperungen des „konservativen Charakters“, der von allen Charaktertypen innerhalb der gepanzerten Gesellschaft dem genitalen Charakter noch am nächsten kommt. Um was es geht, zeigt der Titel von Fests 2006 erschienenen Beschreibung der ersten zweieinhalb Jahrzehnte seines Lebens: Ich nicht.

Der konservative Charakter hat so viel „Restkontakt“ zum eigenen bioenergetischen Kern, daß er sich den irrationalen Massen, den „modernen Ideen“, dem Anpassungsdruck an die schwachsinnigen Normen des angeblichen „Fortschritts“ nicht unterwerfen muß. Er ist der einzige vernunftbegabte Erwachsene in einem Meer von verzogenen Kindern, die wie Lemminge ihrem sicheren Untergang entgegentrotten.

Die Kinder der Zukunft und die Genetik (Teil 1)

28. November 2013

Reich war ein Todfeind der Genetik, die für ihn kaum mehr war als „Naziwissenschaft“, da sie Menschen als „erblich belastet“ stigmatisiert, und pseudowissenschaftlicher Humbug, da zu seiner Zeit, also vor Entdeckung der DNA, „Gene“ kaum mehr waren als ein Wort. Er wehrte sich vehement dagegen, in der Biologie unveränderbares „Schicksal“ zu sehen:

Die meisten krankhaften Charaktereigenschaften ließen sich [in seiner Forschung] eindeutig auf Frühwirkung der Erziehung durch Identifizierung und frühe Sexualstauung zurückführen. Die „Vererbung“ von biopathischen Charaktereigenschaften ist also postnatale Wirkung. (Der Krebs, Fischer TB, S. 294)

Ohnehin sei die Genetik die Antwort schuldig geblieben, „an welchen biologischen Funktionen [die Vererbung] abläuft. Mit den Heinzelmännchen der ‚Gene’ können wir allen Ernstes doch weder theoretisch noch praktisch das geringste anfangen“ (ebd., S. 293f).

Die Entwicklung seit den 1940er Jahren hat Reich auf spektakuläre Weise unrecht gegeben. Andererseits kann die Genetik eine zentrale Rolle in Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“ spielen, d.h. in der weitestgehenden Beseitigung „krankhafter Charaktereigenschaften“ auf Massenbasis.

Reichs Konzept zufolge haben alle Kinder ungefähr die gleichen Grundbedürfnisse, die erfüllt werden müssen, damit am Ende eine weitgehend un-neurotische Gesellschaft steht. Die Genetik hat nun gezeigt, daß jedes Kind mit festumrissenen Schwachstellen, etwa einen Hang zum Drogenmißbrauch, „erblich belastet“ ist – und daß man entsprechend jedes Kind individuell und auf sehr spezifische Weise fördern kann.

Man könnte natürlich auch an eine futuristische „Gentherapie“ denken, doch spätestens hier greift Reichs Kritik an der Genetik tatsächlich, denn es zeigt sich zunehmend, daß das Funktionieren der Gene viel zu verwickelt ist, als daß sie sich ungestraft mechanisch manipulieren ließen. Beispielsweise kann ein Gen mehrere Funktionen haben. Gene sind nur sehr entfernt mit der Software eines Computers vergleichbar, wo die Veränderung auch nur eines Kommazeichens klar definierte Konsequenzen hat.

Eine Studie der University of Georgia, die erste Langzeituntersuchung in diesem Bereich überhaupt, konnte nachweisen, daß Jugendliche mit einer bestimmten Genvariante zwar signifikant anfälliger für Drogenkonsum sind, dies aber durch einen unterstützenden Erziehungsstil der Eltern wettgemacht werden kann. Umgekehrt steigt die Anfälligkeit für Drogenkonsum von erblich nicht belasteten Jugendlichen leicht an, wenn sie dem gleichen Erziehungsstil ausgesetzt waren. (Vielleicht fühlten sich diese Kinder eingeschränkt und bevormundet.)

Bei dem Gen handelt es sich um das „Serotonin-Transporter-Gen 5HTT“. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung verfügt über eine kurze und eine lange oder sogar nur über zwei kurze Kopien von 5HTT, während zwei lange Kopien nötig sind, um eine optimale Serotonin-Versorgung des Gehirns zu garantieren. Serotonin-Mangel wird mit höherer Streßanfälligkeit und einem größeren Hang zu Depressionen in Zusammenhang gebracht.

Man stelle sich einmal vor, wir könnten eines Tages durch Gentherapie die 40 Prozent vermeintlich „Erbkranker“ heilen! Es könnte sein, daß damit die Menschheit sozusagen geistig kastriert wird, weil vielleicht genau jene „genetische Disposition“ beseitigt wurde, die uns Michelangelo oder Einstein geschenkt hat; Menschen, die mit dem Status Quo unzufrieden sind und deshalb unermüdlich neuen Horizonten zustreben.

KdFdNa

Alice Miller und die Emotionelle Pest

7. Juni 2013

Ein besonders trauriges Kapitel der Orgonomie ist Reich und Alice Miller. Fast jeder wird schockiert sein, daß ich es wage, diese Ikone des Gutmenschentums anzugreifen. Was, um alles in der Welt habe ich gegen diese Frau?

Sie geht mir seit jeher dermaßen auf die Nerven, schon als ich ihr Bild sah, bevor ich überhaupt irgendetwas genaueres von ihr wußte. Da ist zunächst einmal diese Lizenz zur Asozialität: Man habe ein Recht seine Eltern zu hassen und sich wie ein gestörtes Kleinkind aufzuführen. Lebenslang hat man das Recht eines „Opfers“! Und da wir ja, dank unserer kaputten Kindheit, alle „Opfer“ sind, kann sich jeder die asoziale Hölle vorstellen, die dieses ach so lebensbejahende Gejammer für uns alle miteinander bedeutet.

Beispielsweise berichtet Millers amerikanische Verlegerin, wie Miller zunächst dem von der Verlegerin vorgeschlagenen amerikanischen Buchtitel zustimmte, um dann kurzfristig doch ihre Meinung zu ändern und auf der wörtlichen und entsprechend holprigen Übersetzung des deutschen Originals bestand. Auf den Einwand, daß es dafür nun zu spät sei, reagierte Miller mit einem indignierten: „Sie behandeln mich wie ein psychotisches Kind!“

Miller untergräbt auch in anderer Hinsicht die Grundlagen der Arbeitsdemokratie, indem sie uns von unseren Eltern und den Vorfahren, denen wir wirklich alles verdanken, ohne die wir noch auf Bäumen hocken würden, nicht nur entfremdet, sondern zwischen ihnen und uns geradezu eine Feuerwand des Hasses errichtet. Sie ist die perfekte Prophetin der antiautoritären Gesellschaft!

Die entsprechende Pädagogik ist die antiautoritäre Form der einstigen schwarzen Pädagogik. Den Kindern wird die Vergangenheit genommen und dann auch noch die Zukunft vermiest. Es ist alles der gleiche hysterische Geist der „Empörung“, den Miller wie keine andere verkörperte. Wolfgang Röhl hat diese Atmosphäre sehr gut beschrieben:

Wenn, möglicherweise, deutsche Pubertierende trauriger sind als andere – nicht viel, aber ein bißchen -, könnte das auch an einem Umstand liegen, den weder Unicef noch die Zeit auf dem Zettel haben? Es gibt, glaube ich als ziemlich Gereister sagen zu dürfen, wohl kein anderes Industrieland, in dem die altersbedingt für jeden Mist anfälligen Jugendlichen von Medien und Erziehern (was in Deutschland auf dasselbe rauskommt) derart mit Horrorszenarien über ihre Zukunft belästigt, permanent verängstigt, von Kika-Tagen an verunsichert und mit Risikobetrachtungen zugemüllt werden. So heftig, so tendenziös, so faktenfrei, daß zum Beispiel den Jungs und Deerns von der Waterkant schon der Bau eines hoch modernen Kohlekraftwerks in Hamburg-Moorburg als nahende Apokalypse erscheinen muß.

In Psychologie heute vom April 1987 sagte Miller über Reich:

Heute (…) kann ein Vater sein Kind sexuell mißbrauchen und sich auf Freud oder Reich berufen, in deren Büchern über die infantile Sexualität er die Legitimation für seine inzestuösen Angriffe findet.

Belege für diese absurden Behauptungen kann Miller natürlich nicht beibringen! Aber lassen wir sie fortfahren:

Ich bin erstaunt darüber, wie viele Reichianer nicht wissen, daß Wilhelm Reich sehr früh und konstant als Sexualobjekt von Erwachsenen mißbraucht wurde und daher eine Theorie entwickelt hat, die ihm helfen sollte, den Schmerz des mißhandelten Kindes abzuwehren und sagen zu können: das habe ich selber gewollt, das habe ich gebraucht, das braucht jedes Kind. Statt zu fühlen, wie weh das tut, wenn man von den Erwachsenen, denen man vertraut, betrogen wird und dies wehrlos hinnehmen muß. Auch Sigmund Freud wurde sehr früh von seiner Kinderfrau sexuell stimuliert. Die beobachtbare Reaktion der Kinder auf solche Stimulierung ist aber nicht Ausdruck eines primären kindlichen Bedürfnisses.

Warum Miller ausgerechnet Reich zum Feindbild erkoren hat, wird wohl ewig ein Rätsel ihrer persönlichen Psychopathologie bleiben. Reich war der erste überhaupt, der den erschreckend verbreiteten sexuellen Kindesmißbrauch dokumentiert und angeklagt hat: 1925 in dem Buch Der triebhafte Charakter (wiederveröffentlicht im Sammelband Frühe Schriften I).

Und was Reichs eigene Kindheit angeht, hat Reich sie in Leidenschaft der Jugend ausführlich dokumentiert. Es ist wie bei allen psychologischen Erklärungsmodellen – was vorher harmlos wirkte, muß sich einer willkürlichen, dummdreist kurzschlüssigen Deutungsmacht fügen und gewinnt eine ominöse pathologische Bedeutung. Letztendlich ist es egal, was Miller in Reichs Lebensgeschichte und Theorien hineinphantasiert. Jeder kann selbst nachlesen und so sehen, daß diese Frau die Wirklichkeit nur bizarr verzerrt wahrnehmen konnte. Der Spaß hört auf, wenn man daran denkt, was die von ihr beeinflußten Psychotherapeuten in ihre Patienten hineinlesen und ihnen aufdrängen!

Es gibt kaum einen Menschen, der dermaßen viel Unheil angerichtet hat, wie Miller. Wie viele „Erwachsene“ hintertreiben ihr gegenwärtiges Funktionieren, indem sie versuchen „ihre Kindheit zu bewältigen“? Alles ist gerechtfertigt! Jeder hat eine Ausrede. Jeder darf „anklagen“! Ja, deine Kindheit war schrecklich, aber das ist 40 Jahre her, Du Arschloch!! Wie viele Familien wurden zerrüttet, weil sich Töchter und Söhne an angeblichen Mißbrauch „erinnert“ haben? Wie viele Menschen wurden von „Millerschen“ Psychotherapeuten zerstört, indem ihnen suggeriert wurde, sie seien Opfer von Mißbrauch durch die eigenen Eltern? Therapeuten, die sich dann selbst als „neue Eltern“ präsentieren und ihre Patienten von sich abhängig machen. Wie viele Eltern haben ihre Kinder zerstört, weil sie in ihnen partout „hochbegabte Kinder“ sehen wollten? Wie viele Kinder sind seelisch verwahrlost, weil die Eltern sich nicht trauten, mit Anforderungen an sie heranzutreten? Was kommt bei einer solchen „Anti-Erziehung“ heraus? Triebhafte Charaktere!

Was zunehmend verschwindet, ist die Unbefangenheit. Früher konnte man einem Kind die Windeln wechseln oder es baden, ohne jeden Hintergedanken, heute ist das unmöglich. Das Kind spürt natürlich diese Hemmung und bezieht sie auf sich selbst. Und diese Hemmung ist universell. Kaum je wurde dermaßen auf die wirklichen und vermeintlichen Bedürfnisse der Kinder eingegangen. Die logische Folge sind restlos verunsicherte Kinder. Früher waren nur die Kinder von Lehrern und anderen „Experten der Pädagogik“ betroffen. Heute fast alle.

Nochmals: Was habe ich gegen Alice Miller? Man höre sich das folgende an…

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Aus orgonomischer Sicht klingt das alles hervorragend. Aber ganz nebenbei werden antiautoritäre Gefühle befriedigt. Miller hätte ihr ganzes Leben dazu gebraucht, um zu sich selbst zu finden und auf sich selbst zu hören, „ohne auf Erlaubnis zu warten von Personen, die meine Eltern symbolisieren“. Und dann unerträgliches Kurzschluß-„Denken“ wie: Dostojewski habe an Epilepsie gelitten, weil er nie wissen durfte, daß er als Kind Opfer der unbeschreiblichen Brutalität seines Vaters gewesen sei. Nur durch die Liebe der Mutter sei er dem Schicksal entgangen, selbst zum Mörder zu werden, auch wenn sie ihn nicht von seiner Epilepsie bewahren konnte. Leeres Psychogeschwafel jenseits aller Wissenschaft! Überhaupt dieser Kurzschluß auf die Kindheit entgegen aller charakteranalytischen Kunst. – Und so im ganzen Werk Millers: die Wahrheit wird mit einem schier unerträglichen Mist verquirlt, so daß das Werk in seiner Gesamtheit wirklich nur Schaden anrichten kann.

Selbstregulierung – ein grundlegendes Mißverständnis

17. November 2012

1977 sagte Ilse Ollendorff in einem Interview mit der orgonomischen Psychologin Jacqueline Carleton:

Eines der Dinge, die mich immer wieder „schaffen“, ist, daß die Leute denken, Selbstregulierung sei das gleiche wie Permissivität. Sie ist es nicht. Unsere Vorstellung von Selbstregulierung hatte mit den Körperfunktionen, physiologischen Funktionen zu tun, die sich selbst regulieren sollten: Ernährung, Fütterung, Reinlichkeitserziehung, Zugang zu allen Teilen des Körpers. Das war Selbstregulierung. Was das Verhalten anging, haben wir, ich würde nicht sagen konventionelle Methoden angewandt, aber es gab Einschränkungen. Es wurde sehr früh klargestellt, daß die Erwachsenen Rechte haben. Daß das Kind ganz bestimmt auch Rechte hat, aber die Erwachsenen haben auch Rechte; daß du in einem Familienverbund lebst. Jeder hat Rechte, muß aber an andere Menschen denken, auf sie Rücksicht nehmen.

Das antiautoritäre Mißverständnis, unter dem unsere Gesellschaft zu zerbrechen droht, lautet, daß genau umgekehrt zu gewichten sei. Aus Bequemlichkeit („Freiheit“) werden die körperlichen Bedürfnisse des Kindes eingeschränkt, während (ebenfalls aus Bequemlichkeit) die Erziehung zur Rücksichtnahme vernachlässigt wird. Ergebnis dieser Art von vermeintlicher „Selbststeuerung“ sind hochneurotische Haustyrannen, die dann als lebende Beweise dafür gelten, daß an Reichs Erziehungstheorien nichts dran sein kann…

Im Presseclub der ARD vom 11.11.12, wo es um das „Betreuungsgeld“ (sic!) ging, wurde die Email der 20jährigen Andrea verlesen, die aufgrund ihrer Erfahrung davon Abstand genommen hatte, sich zur Krippenerzieherin ausbilden zu lassen:

Erlebnisse wie dieses haben mich davon abgehalten: Babys (und wir reden hier über Babys und Kleinstkinder von 0-3 Jahren) wurden in meiner Kinderkrippe weder getröstet, noch frisch gewickelt, sondern wurden stundenlang in der vollen Windel belassen aufgrund Personalmangels. Kurz vor der Abholung wurden die Kinder frisch gewindelt und dann freudestrahlend der Mutter übergeben: „Heute hatte er/sie einen schönen Tag.“

Diese in die „Betreuung“ (sic!) abgeschobenen Kinder, deren körperlich-emotionale Bedürfnisse in den Krippen selbst beim besten Willen nie adäquat erfüllt werden können, kommen dann nach Hause und sollen sich „frei entfalten“!

Hier zwei typische Beispiele aus der antiautoritären Gesellschaft:

„Ich mache nur, was mir Spaß macht. Mir kann keiner was befehlen!“ Die 15-jährige Linda sagte weiter: „Mein Vater erfüllt mir jeden Wunsch!“ Ihre Eltern leben getrennt, kümmern sich aber beide engagiert um Linda und wollen stets das Beste für ihr Kind. Beim Vater, von Beruf Psychiater, bestimmen Grenzenlosigkeit und Verwöhnen den Alltag, die Mutter, als Apothekerin tätig, sieht in der Tochter eine gleichberechtigte Partnerin. Linda schwänzte bereits mit zwölf Jahren die Schule, blieb nachts fort, war respektlos und verhaltensauffällig. Die Situation eskalierte, als sie ihre Mutter tätlich angriff und dabei verletzte.

Annik und Tessa bestimmen den Tagesablauf komplett. (…) Erlaubt ist, was Spaß macht, Grenzen oder Regeln gibt es nicht. „Meine Kinder werden als gleichberechtigte Partner behandelt. Wir diskutieren über alles. Mit guten Argumenten dürfen sie alles bestimmen.“ Annik und Tessa aber werden immer aggressiver, verweigern sich in der Schule. Die Situation eskaliert.

Und so in zahllosen gutsituierten Familien in diesem Land, die sich alle der „Selbststeuerung“ verschrieben haben. Was bei dieser Art von „Liberalismus“, der vollständig in der sozialen Fassade aufgeht, stets vernachlässigt wird, ist die bioenergetische Fundierung der Selbststeuerung. Beispielsweise der Kontakt zwischen Mutter und Säugling, das Stillen, keine forcierte „Reichlichkeitserziehung“, etc. – alles Dinge, die etwa durch „Krippenbetreuung“ hintertrieben werden.