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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Die sexuelle Revolution

7. Januar 2017

Als Reich aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrte und nach einem Semester Jura anfing Medizin zu studieren, organisierte er zusammen mit seinem damaligen Freund Otto Fenichel ein privates Studentenseminar über eine Leerstelle im offiziellen Lehrplan: die Sexologie. Über dieses Seminar kam er in Kontakt mit Freud und wurde sehr schnell Psychoanalytiker. Was ihm bereits damals auffiel, war, wie imgrunde fremd ihm die Herangehensweise der damaligen Sexologen und Psychoanalytiker war, die sich detailversessen an allen möglichen Perversionen abarbeiteten, das eigentliche Thema aber verfehlten: die gewöhnliche Sexualität des Menschen bzw. das, was sich die meisten Menschen als erfüllende Liebe ersehnen. Entsprechend lebte er als Sexualaufklärer in einer vollkommen anderen Welt als etwa Magnus Hirschfeld. Es gab praktisch keinerlei Berührungspunkte. Man muß auch daran denken, daß zu der Zeit, als Reich in Berlin tätig war, Berlin als die „Sexhauptstadt“ der Welt galt. Nichts davon ist in seinem persönlichen Leben oder in seiner „Sexpol“-Arbeit zu finden. Entsprechend verband ihn in Amerika so gut wie nichts mit Leuten wie Henry Miller oder Alfred Kinsey. Vielmehr galt er wegen seines Beharrens auf der Genitalität als prüde und außerdem betrachteten ihn beispielsweise die damaligen Anarchisten, die für „sexuelle Freiheit“ fochten, als eine Gefahr, weil sie befürchteten mit seiner „Pseudowissenschaft“ in einen Topf geworfen zu werden.

In seiner Sexpol-Arbeit beschäftigte er sich natürlich auch mit Perversionen, Hermaphroditen, etc. doch dies nie in seinen öffentlichen Vorträgen, sondern nur in Einzelgesprächen, wo es darum ging, daß das ganze kein Problem der Moral sei, daß sich der betreffende nicht schämen müsse, wo er weitere Hilfe finde, etc. Das kontrastiert auffallend zur „modernen“ Herangehensweise, Minderheitenprobleme in den Mittelpunkt zu stellen und das, was „die Massen“ angeht, an den Rand zu schieben.

Kurioserweise wurde von Anfang an versucht Reich mit der „sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre in Verbindung zu bringen, allein schon wegen des gleichnamigen Buchtitels von Reichs Mitte der 1940er Jahre erschienenen Buches. Doch ist es vollständig abwegig Reich in irgendeine Beziehung etwa zum Playboy oder anderen Vermarktern von „Sex“ zu setzen. Man schaue sich nur den Film What‘s New Pussycat aus dem Jahre 1965 an. Nichts verband ihn mit den Hippies und selbst in der Studentenbewegung, man denke nur an Cohn-Bendit, wurde eindeutig Herbert Marcuse bevorzugt und Reich der „Fetischisierung der Genitalität“ geziehen.

Die wahre „sexuelle Revolution“ hatte für Reich verschiedene Aspekte. Zunächst einmal ging es um die Herstellung einer grundsätzlich sexualpositiven, lebensfreundlichen und das hieß für Reich anfangs vor allem antireligiösen Atmosphäre. Diese stellte er etwa auf den Massenversammlungen der Sexpol in Wien und Berlin her. Heute kann man kaum sagen, daß die gesellschaftliche Atmosphäre „sexualpositiv“ ist, vielmehr ist sie von Angst geprägt nicht irgendwelchen Kriterien zu genügen und ständig wird Angst vor Geschlechtskrankheiten, insbesondere HIV eingeflößt. Hinzu kommt, daß heute „Sex“ weitgehend als Ersatz für familiäre Wärme und emotionalen Kontakt herhalten muß. Bei Migranten herrschen heutzutage ähnliche Verhältnisse wie damals im erzkatholischen Österreich oder in der damaligen deutschen Provinz und selbst die Deutschen sind alles andere als „antireligiös“, vielmehr greift eine „Spiritualität“ um sich, die die Menschen erst recht von ihrer Sexualität entfremdet.

Einer der Hauptgegensätze zwischen Reich und Freud war die Natur des Ödipuskomplexes. Für Freud war er eine biologische Gegebenheit, aus der sich die Kultur entwickelt hat, die deshalb untrennbar mit der Neurose verknüpft sei. Für Reich war er ein Kunstprodukt der patriarchalen Familienstruktur und würde sich, zusammen mit der Neurose, mit dem Verschwinden der Familie, wie wir sie kennen, in Luft auflösen. Er schaute dabei hoffnungsvoll nach Rußland und dessen Experimenten mit „kollektiver Erziehung“. Reich dachte dabei vor allen an von den Kindern selbstgesteuerte „Kinderrepubliken“, in denen kindliche Sexualität ausschließlich zwischen etwa gleichaltrigen Kindern stattfindet. Gleichzeitig erkannte Reich im Laufe der Zeit aber immer deutlicher, wie sehr das Kind vom Augenblick der Geburt an die körperliche und vor allem emotionale Nähe seiner Mutter braucht, um gesund heranzuwachsen. In der sogenannten „sexuellen Revolution“ kam es jedoch, nicht zuletzt durch den Einfluß der orthodoxen Psychoanalyse, die bei zu engem Kontakt zwischen Kindern und Eltern immer eine „Aktivierung des Ödipuskomplexes“ witterte, zu einem Wegbrechen dieses Urvertrauens. Für Kinder und Jugendliche wurde „Sex“ zu einem Ersatz für diese Nähe und Menschen mit pädophilen Tendenzen sahen sich berufen, die Sexualität von Kindern „zu befreien“, wobei sie sich irrwitzigerweise teilweise sogar auf Reich beriefen.

Durch den Zerfall der alten triebgehemmten autoritären Ordnung und ihre schrittweise Ersetzung durch eine triebenthemmte antiautoritäre „Unordnung“ ist es infolge der „sexuellen Revolution“ zu einer grundlegenden Veränderung der Panzerstruktur des Durchschnittsmenschen gekommen, nicht zuletzt auch durch die Verbreitung legaler und illegaler Drogen, insbesondere Marihuana: muskuläre Panzerung wurde weitgehend durch okulare (Augen-) Panzerung ersetzt, was zu einem Zustand allgemeiner Kontaktlosigkeit, einem höheren Angstpegel und allgemeiner Orientierungslosigkeit führt, die die Augenpanzerung immer weiter verstärkt.

Der Hintergrund der deutschen Orgonomie

1. November 2016

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Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Der Hintergrund der deutschen Orgonomie

Peglau: Unpolitische Wissenschaft? (2013)

4. September 2016

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Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Peglau: Unpolitische Wissenschaft? (2013)
 
 

2009 schrieb David: „Im Neuheidentum des deutschen Nationalsozialismus brach sich das vegetative Leben abermals Bahn. Der vegetative Wellengang wurde von der faschistischen Ideologie besser erfaßt als von der Kirche.“

… und besser als von den Kommunisten / Sozialisten, deren Bewegung wie ich glaube ebenfalls „abgebogen“ wurde. Nicht erst Stalin, schon Lenin verbreitete die Ansicht, die „Arbeiter“ seien dumm und sie selber, die Bolschewiki, seien ihnen intellektuell – „Kopf“ – weit überlegen, sie seien die Elite, sie müssten daher die Arbeiter führen, müssten ihnen das kommunistische Bewusstsein injizieren anstatt des gewerkschaftlichen „trade-unionistischen“ Bewusstseins, das sie von sich aus hätten.

Dazu Peter: Man muß noch weiter zurück bis zu den Quellen. Ich zitiere aus meinem Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie:

Nicht von ungefähr war „Zentralisation“ der Leitbegriff des Kommunistisches Manifests. Aus dem Wahn heraus der Geist, also ein Geist, könne alles überblicken, mußte sich logisch der Personenkult um das zentrale „Superhirn“ entwickeln (Marx, Lenin, Stalin, Mao, Castro, Abimael Guzman, etc.). Bereits in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von 1844 sagt Marx in seinem typischen verquasten Stil, „der Kopf“ der „menschlichen Emanzipation“ sei „die Philosophie, ihr Herz das Proletariat“. „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen (…) Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie“ (z.n. 26:93). Der „Masse“ fehle völlig, so Marx im Kommunistischen Manifest, die theoretische Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate ihrer Befreiung.

Das ist einer der Gründe, warum ich bei kommunistischer „Antifa“ säuerlich aufstoßen muß.

David: Theoretisch hatte z.B. Mao eine ganz gute Idee, nämlich die Sache mit den Dorf-Hochöfen. Eisen bzw. Stahl sollte dezentral hergestellt werden.
Tatsächlich ist dann etwas Unerwartetes geschehen. Es konnte nicht die gleiche Qualität hergestellt werden wie in den Stahl- und Hüttenwerken der Sowjetunion oder des Westens.
Hier kommen wir in ein Gebiet was möglicherweise allein mit der herkömmlichen Wissenschaft nicht so leicht erklärt werden kann. Gewisse Prozesse sind nur im Großen möglich, oder nur im Großen gelingen sie so gut wie wir sie kennen. So kann zum Beispiel Ammoniumnitrat im Labormaßstab nicht zur Explosion gebracht werden; es zerfällt bei Erhitzen LANGSAM zu Distickstoffoxyd (Lachgas). Dieselbe Reaktion aber trat in den zwanziger Jahren bei einem großen Chemieunfall bei der BASF explosionsartig ein.
Also muss jede / jeder, die / der die Welt verändern will, den Armen helfen will, usw., mit der Realität in Kontakt bleiben, wozu Kommunisten normalerweise nicht willens und vielleicht auch nicht fähig sind.
Eine Ausnahme mag vielleicht die Einführung der „Neuen Ökonomischen Politik“, das Wieder-Erlauben von privaten Kleinunternehmen durch Lenin sein. Offenbar begriff Lenin, dass mit einer reinen Zentralverwaltungswirtschaft eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung und anderen wichtigen Dingen nicht möglich ist.
Wie, wann und warum die NEP wieder abgeschafft wurde, ist mir nicht ganz klar, ich glaube aber es ist noch vor Übernahme der Macht durch Stalin, also noch unter Lenin gemacht worden. Offenbar ging Lenins Bereitschaft, sich nach der Realität zu richten, wieder verloren.

Peter: Mao hatte auch die gute Idee, alle Vögel in Peking von den Roten Garden töten zu lassen. Seine Überlegung war, daß sie zu viel Getreide aufpicken. Ergebnis war eine Insektenplage. Reich hat gegen derartigen Wahnsinn sein Konzept der Arbeitsdemokratie gesetzt: jene Leute bestimmen, die wirklich im Arbeitsprozeß drinstecken und deshalb abschätzen können, was passieren wird, wenn man eine Maßnahme ergreift. Lenin hat die NEP durchgesetzt, und die Maoisten haben später entsprechendes getan, weil das Land schlichtweg vor dem ökonomischen Kollaps stand. Man hat die Fachleute (die „Kapitalisten“) wieder gewähren lassen – und dann nach getaner Arbeit erschossen. Das wird in China und im modernen Rußland nicht mehr geschehen, vielmehr geht das ganze System in einem undurchdringlichen Gewirr von Wirtschaftskriminalität auf.

Robert 2013: Gustav Hans Graber war später einer der Pioniere der pränatalen Psychologie, er vertrat so etwas wie eine Misch-Typenpsychologie von Jung und Freud. Seine Bücher sind heute noch lesenswert.

O.: Das „Fremde“ muss hier wohl eher als „Nicht-Ich“ als identifiziertes Elternteil aufgefasst werden und das Selbst soll diesen Teil des Ich abspalten. Das wäre inhaltlich an der Charakteranalyse orientiert mit einem anderen Lösungsansatz als Reich es vorschlug. –
Das Selbst könnte den Kern „psychisch repräsentieren“. Das wäre natürlich alles nur Psycho-Gefasel, aber immer hin an Reich angelehnt.

David 2013: Kontaktlosigkeit – ist da auch folgendes gemeint:
Wenn beispielsweise ein Vater befürchtet, er könne vielleicht auf seine Tochter einen inzestuösen Übergriff begehen – oder falls er tief unbewusst soger wünscht, das zu tun, könnte es dazu kommen, dass er jede, auch jede anständige freundschaftliche Berührung der Tochter vermeidet.
Der Schweizer Arzt Samuel Widmer hat über diese Dinge geforscht und er hat das den „Ehrbaren Inzest“ genannt. Samuel Widmer ist auch als Halluzinogen-Forscher bekannt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Widmer#Das_Inzest-Tabu

O.: Welches Problem hinter einem „Inzestwunsch oder -gedanken“ steht, wird regelmäßig unbeachtet gelassen oder nicht erkannt.
Hier wird zumindest einmal Freuds (für mich) falsche These des Ödipuskonfliktes richtig gestellt. Nicht die Tochter begehrt den Vater, sondern umgekehrt.
__________________
Konia folgt dem Tenor der „modernen“ Körperpsychotherapeuten, die eine Zunahme der frühen Ströungen zu erkennen glauben. Letztere begründen dies mit ihrerer „Narzissmustheorie“, Konia mit „Kontaktlosigkeit“ (ouklare Blockierung).

Sebastian 2013: Helmut Dahmer wiederholt seit Jahrzehnten seine fruchtlose Kritik. Das Einzige, was er zu sagen hat, ist, dass Reich weder Freud noch Marx ist, was Reich aber selbst stets betonte. Worin liegt also der Erkenntnisgewinn seines Schreibens? Zudem stellt er die Theorie Reichs negativ dar, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu geben, das sachlich zu begründen. Die Frage, die Dahmer unbeantwortet lässt, lautet: WAS für FAKTEN sprechen gegen diesen „naturalisierenden“, „technisierenden“ Ansatz?
Seine Botschaft ist, dass Reich weder Freud noch Marx verstanden hat und sein (Reichs) eigener Ansatz sich ideologisch im Technizismus und Naturalismus verrannt hat. Er will Reich restlos zerstören. Warum darf so jemand die Einleitung von Peglau’s Buch schreiben?

Peter: Dahmer ist halt Experte in Psychoanalysegeschichte und Peglau ist stolz darauf, mit Leuten fruchtbar („arbeitsdemokratisch“) zusammengearbeitet zu haben, die seiner Einschätzung Reichs teilweise diametral entgegengesetzt sind.

O.: Nun wenn Prof. Dr. H. Dahmer (bekannt geworden unter Mitscherlich) einen Herrn Peglau kennt, ist dies schon eine Ehre, folglich geht es um „Anerkennung“ (!), die Mutter aller falschen Motive. Damit ist er auch für die „Reichszene“ attraktiv und er kann sich mit ihnen schmücken und umgekehrt.
Außerdem verlegt er im Psychosozial Verlag Gießen, was nach Beziehungen aussieht, die er sich wohl erarbeitet haben wird.

Sebastian: Ich habe mir nochmal den Aufsatz des Soziologen Helmut Dahmer in Birgit Johlers „Wilhelm Reich Revisited“ durchgelesen und möchte den kurz besprechen.
Dahmer kritzelt seit 40 Jahren irrational über Reich herum. Eine gewisse Genugtuung scheint es ihm zu bereiten, dass die Faszination für Reich seit der Studenten- und Jugendbewegung erloschen ist und seine „skurrilen Züge deutlicher präsent“ sind, obwohl er sich wundert, dass immernoch Reich-Biografien und -Monographien erscheinen. Dahmer versucht Reich nicht durch Klatsch und Tratsch über sein Privatleben zu zerstören, wie zB Christopher Turner, sondern durch die Beurteilung seines Werkes, vor allem seiner „Metatheorie“ aus Psychoanalyse und Marxismus.
Dabei überschreitet Dahmer erstens immer wieder die Grenze seines soziologischen Fachgebietes, was ja nicht schlimm wäre, wenn er sachliche Argumente dafür hätte. Da man sich in der wissenschaftlichen Gemeinde etabliert hat, hat man es aber zweitens nicht nötig sich mit lästigen Fakten herumzuschlagen. So werden Fakten zu „glücklichen Einfällen“ und „vorschnellen Generalisierungen“ und technische Weiterentwicklungen und soziale Konsequenzen aufgrund neuer Faktenlage zu quasi aus der Luft gegriffenen „Erfindungen“ oder „faszinierend einfachen Lösungen“, die anschließend „dogmatisiert“ werden.
Diese unwissenschaftliche Vorgehensweise praktiziert Dahmer seit 40 Jahren, ohne den geringsten Skrupel. Wer nicht mit sachlichen Argumenten überzeugen kann, der muss mit Plakaten um sich schmeißen. Reich hätte zwar dies und jenes „versucht“, aber sei daran letztendlich „verzweifelt“. Was übrig bleibe, sei ein „revolutionärer Arzt“ und „wunderlicher Naturforscher“, auf theoretischem Feld ein „Pamphletist und Säbelfechter“, ein „Sexualutopist“ und „Naturromantiker“, der über die „kosmische Lebensenergie Orgon“ „spekulierte“ bzw. „quacksalberte“.
Sein ganzer Hass richtet sich ganz offen gegen die Orgasmustheorie. Reich „überhöhe“ bzw. „fetischisiere“ die genitale Sexualität zu einem „naturgegebenen Ziel“ und hätte damit die „gegenwärtige Sexualökonomie“ vorweggenommen. Die Realität hätte ihn widerlegt. Für Dahmer ist Genitalität unnatürlich bzw. „pseudonatürlich“, weil das, was vergesellschaftet ist, niemals Natur sein kann. Ein rotes Tuch beim Orgasmus ist für ihn die Bewusstseinsverdunkelung, die reflexionslose Ungehemmtheit, die vergleichbar mit dem Schlaf ist. Dagegen sieht er gerade in der Reflexion in Verbindung mit Arbeit und Klassenkampf die Lösung der Probleme unseres Zeitalters. Die gegenwärtige Sexualökonomie nennt er gemäß Herbert Marcuse „repressive Entsublimierung“, dh, dass sozusagen keine Energie mehr für Sublimierung bzw. Kultur bzw. Gegenkultur übrig ist, wenn man ständig Sex hat.
Wenn man sein bisheriges Wirken oberflächlich anguckt, ist sein gesamtes Werk ein Gegenan gegen alles und jeden. Abweichen („Divergieren“) um jeden Preis in seiner prägenitalen, emotionslosen, intellektuell hypertrophierten Welt.
Worin hat Dahmer recht? Er sieht genauso wie die ACO Orgonomen (und wie Reich es auch gesehen hätte), dass die gegenwärtige Sexualökonomie Mist ist. Er übersieht, dass es sich bei der gegenwärtigen um eine ungeordnete Sexualökonomie handelt und er hat vor 40 Jahren wie heute nicht den Unterschied zwischen Prägenitalität und Genitalität verstanden.
Außerdem kritisiert er an Reich, dass sich seine Theorie „wenig zur Analyse der Entwicklung sozialer Systeme“ eignet. Dabei hat er die 60er Jahre vor Augen, die Reich tatsächlich nicht vorschwebte. Allerdings finden sich genug Hinweise verstreut in seinem Werk, die eine solche Transformation erklärbar machen. Das haben seine Nachfolger vom ACO überzeugend getan.

Peter: Was will Dahmer eigentlich? Er “betont die Bedeutung der angestrebten »Freien Assoziation« bei Marx (der Individuen) und Freud (der Gedanken)“ http://www.jungewelt.de/2013/08-03/015.php
Auf so etwas muß man erstmal kommen! Die freie Assoziation bei Marx und Freud!
Mein Gott, mit Kategorienfehlern fängt Wissenschaft vielleicht an („Inspiration“ durch Verknüpfung von Dingen, die zuvor niemand verknüpft hat), aber bei Dahmer endet sie so. „Die freie Assoziation bei Marx und Freud“! Lol.

Peter: Hier, so sieht die freie Assoziation nach Marx und Freud konkret aus:

Eines meiner Lieblingslieder. DAS waren noch Schlager!

O. 2013: Wie es allen bekannt sei müsste, die sich mit der Geschichte der Psychologie auseinandergesetzt haben, hat C. G. Jung sich schon 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers zum Führer schriftlich bekannt. Er unschied die arische (Psychologie) von der jüdischen Psychoanalyse und übernahm die führende Rolle (mit anderen) für die Psychologie im Nationalsozialismus. Freud und Reich wurden so verdrängt. Dennoch wurden gerade Freud und Reich bis ins Detail von den´Nationalsozialisten gelesen und verstanden! – Diese Haltung gilt ungebrochen bis in die Adenauerzeit und bis heute in der Psychologie, jedoch spricht man heute weder von Jung oder Reich, auch Freud wird mit Naserümpfen erwähnt. Der angebliche Positivismus und die „objektive, wissenschaftliche“ Haltung habe mit der Verhaltensmedizin (VT) eine „politische Psychologie“ (auch bezugnehmend auf Reich oder den Nationalsozialismus) überwunden und mit ihr quasi nichts mehr zu tun.
Das Bekenntnis zu Jung – und damit unweigerlich zum Nationalsozialismus – kommt in der psychologischen Literatur in Form von harmlosen Jungzitaten vor. Hiermit hisst man die NS-Fahne, ohne sich hierzu öffentlich bekennen zu müssen und kann Karriere machen. Die Verhaltenstherapie lehnt die (jüdische) Psychoanalyse kategorisch ab, trennt sich aber nicht und äußert sich nie kritisch gegenüber Jungs arischer Psychologie/ „Analyse“.
Die neuere Generation von Wissenschaftler weiß hierum selbstverständlich und versucht Jung nicht mehr die Bühne und Ehre zu geben, um eben nicht in denselben Verdacht zu geraten, aber ihre geistigen Väter sind natürlich dieser Tradition verbunden.
Es wundert also gar nicht das Deutschland gemäß dem 3. Reich in der Psychologie wieder einen eigenen Weg geht und alle anderen (jüdisch anmutenden) Methoden verdrängt, sagen wir es offen ausmerzt.
Dies müsste auch so bei Peglau stehen, wenn er nicht hierzu zu feige wäre.

Der Rote Faden: Sozialdemokraten (Teil 2)

15. Juni 2016

Ich habe Siegfried Bernfeld bereits als Beispiel für Reichs Gegner in der Sozialdemokratie vorgestellt. Er war ein Marxistischer Sozialdemokrat und damit ein Gegner jener, die dem, wie er glaubte, Pseudo-Marxismus russischer Provenienz anhingen. Bernfeld betrachtete Reich als Pseudo-Marxisten, wegen dessen angeblich „romantischen“ unmarxistischen Vorstellungen von einer sexuellen Revolution. Auf der andern Seite hatte Reich nur Verachtung für Linksintellektuelle wie Bernfeld übrig, die nur redeten und den Marxismus wie eine Philosophie studierten, aber tatsächlich nie wie Marxisten agierten: politisch engagiert in revolutionären Organisationen, bei Straßendemonstrationen aktiv, Flugblätter verteilen, sich mit Polizisten herumschlagen, sich als aktive Kader auf den Bürgerkrieg vorbereiten, etc.

Heimlich war Bernfeld jedoch 1932/33 durchaus aktiv und zwar in der „Org.“ Walter Löwenheims. Löwenheim hat in seinem Herbst 1935 verfaßten Manuskript Geschichte der Org (Neu Beginnen) 1929-1935 (Eine zeitgenössische Analyse, Berlin 1995, S. 116-118) über die „Konspirations-Debatte“ und die „Psychoanalyse-Debatte“ innerhalb der Org. 1932 berichtet. Die letztere habe eine zentrale Stellung in der Geschichte der Org. vor 1933 eingenommen. Neben Bernstein waren Psychoanalytiker wie Edith Jacobson und Anhänger der Psychoanalyse wie Sergei Feitelberg (konspirativer Name Werber) Mitglieder der Org. Feitelberg bildete den Mittelpunkt von Intellektuellen innerhalb der Org., die über Psychoanalyse und Ideologiebildung diskutierten. Bald ging jedoch die Führung der Org. gegen diesen sich bildenden Kristallisationspunkt einer Fraktionsbildung innerhalb der Org. vor. Sie war gegen Feitelbergs angeblich „fraktionsbildende“ Aktivitäten wegen theoretischer Abweichungen, der Gefahr, die die psychoanalytische Therapie für die „Konspiration“ darstellte, und auch wegen, so Löwenheim, den unerfreulichen moralischen Einfluß der Psychoanalyse auf Revolutionäre. Im übrigen macht sich Löwenheim über Feitelbergs theoretische Position lustig.

Während Feitelberg im Mittelpunkt der „Psychoanalyse-Debatte“ stand, bildete Bernfeld 1932 das Zentrum der „Konspirations-Debatte“ in der Org. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die bereits im eingangs verlinkten Blogeintrag Sozialdemokraten zitierte Stelle aus Bernfelds „Entgegnung an Reich“, in der seine intensive Beschäftigung mit Nachrichtendiensten und Techniken der Konspiration durchscheint.) Es war eine Debatte über den Charakter der Org. und die Art der konspirativen Methoden, die von ihr angewandt werden sollten. Genosse Bernfeld forderte strengste Konspiration und Illegalität, d.h. „Konspiration“ nicht nur gegenüber den Arbeiterparteien (die es zu unterwandern galt), sondern auch gegenüber dem bürgerlichen Weimarer Staat und Vorbereitung auf die vorhersehbare Illegalität in einem faschistischen oder nationalsozialistisch Staat. Dazu sollten Genossen der Org. in faschistischen Organisationen untergebracht werden, um nach der faschistischen Machtübernahme als Maulwürfe arbeiten zu können.

Die Vorschläge des Genossen Bernfeld wurden vom Vorstand der Org. nicht angenommen. Dieser war der Meinung, daß Konspiration kein Ziel in sich sei, zumal in Deutschland immer noch eine Demokratie herrsche und die Arbeiterbewegung frei agieren könne. Konspiration beziehe sich deshalb hauptsächlich auf die Beziehung der Org. zu den anderen sozialistischen und kommunistischen Parteien, jedoch nicht auf den Weimarer Staatsapparat an sich.

Konspirativ nicht nur ausschließlich gegenüber den sozialistischen und kommunistischen Parteien zu arbeiten, sondern auch gegenüber dem Weimarer Staat, würde die gesamte durchaus notwendige Konspiration der Org. der Lächerlichkeit preisgeben. Org.-Kader sollen konspirativ innerhalb der verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Parteien arbeiten, um eine wahrhaftig vereinigte Arbeitereinheitsfront zu bilden. Es hätte nichts mit der Herangehensweise der Org. zu tun, wenn man Kader in faschistische und bürgerliche Organisationen entsandte. Bernfeld gab klein bei und schloß sich der Ansicht des Org.-Vorstands an. (Später sollte Neu Beginnen doch auf Bernfelds ursprüngliche Linie einschwenken!)

Die zweite Org.-Psychoanalytikerin war Edith Jacobsohn. Sie war, ähnlich wie Bernfeld, eine strikte politische Gegnerin Reichs. Dazu merkt Otto Fenichel in einem seiner „Rundbriefe” vom August 1934 an: „In politischer Hinsicht haben z.B. Annie Reich und Edith Jacobsohn mehr kritische Bedenken gegen Reich als ich, und dennoch möchte ich ihre Mitarbeit in unserer Gruppe nicht missen“ (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 119). Wie sehr Edith Jacobsohn (oder Jacobson – sie verwendete beide Varianten ihres Namens!) gegen Reich eingestellt war, zeigt ihr Brief an Fenichel vom März 1935, wo sie ihre Kollegin Lotte Liebeck als „fürchterlich ver’reicht’“ beschreibt (ebd., S. 208).

Jacobsohn, Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft seit 1928, schloß sich Anfang 1933 Neu Beginnen an. Ihr Kampfname war „John“. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft und die Internationale Psychoanalytische Vereinigung wußten nichts von ihrer Mitgliedschaft bei Neu Beginnen. Durch ihre Tätigkeit für Neu Beginnen war sie in der Folgezeit in eine politisch schwierige Situation geraten und war deshalb nach Kopenhagen gegangen. Sie wartete dort, bis sie glaubte, die Gefahr sei vorbei. Als gegen Ende September 1935 Fenichel Oslo verließ und nach Prag ging, hatte er in Kopenhagen vergeblich versucht sie davon zu überzeugen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Sie kehrte nach Berlin zurück, um ihre Widerstand-Arbeit fortzusetzen. Prompt wurde sie und andere Neu Beginnen-Mitglieder während einer Verhaftungswelle am 24. Oktober 1935 in Berlin durch die Gestapo verhaftet (ebd., S. 166f, 283). Das war der erste erfolgreiche Schlag gegen die konspirative Gruppe überhaupt.

Ernest Jones wurde am 30. Oktober 1935 über die Verhaftung in Kenntnis gesetzt. Er setzte sich sofort mit Anna Freud in Wien und Otto Fenichel in Prag in Verbindung. Nic Hoel, obwohl Norwegerin seit 1934 Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, konnte via Wien und Prag von London nach Berlin reisen, um für Jones die Lage zu erkunden. Der deutsche Psychoanalytiker Felix Boehm unterband jedoch alle Aktivitäten Jones‘, da Boehm befürchtete, daß so eine Beziehung zwischen Jacobsohns illegalen Aktivitäten und der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft hergestellt werden könnte. Ende 1937 erkrankte sie in der Haft und wurde Anfang 1938 frühzeitig entlassen, da sie dringend eine Operation benötigte. Daraufhin konnte sie via Prag nach New York entkommen.

Es will mir nicht gelingen herauszufinden, was Reich sagen wollte, als er später schrieb:

Aus Berlin kam unsere Freundin Dr. Edith Jacobson, deren eifrige Mitarbeit in der Bewegung und späteres Unglück – sie mußte zwei Jahre in einem deutschen Gefängnis verbüßen – ich ebenfalls auf dem Gewissen habe. (Menschen im Staat, S. 238)

Es war wohl eher Reich, dem von Jacobson böse mitgespielt worden war. Boehm beschrieb die Ereignisse in der deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in seinem Bericht vom 21. August 1934 (Karen Brecht et al. (Hrsg.): „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter“. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland, Hamburg 1985, S. 99-109).

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch Hitler habe der Psychoanalytiker Dr. Eitingon Reich darum gebeten, nicht mehr die Räumlichkeiten der Gesellschaft zu betreten, so daß im Falle einer Verhaftung seiner Person sich dies nicht in ihren Räumen zutrage. (Es wurde also von Reich ein „solidarisches“ Verhalten eingefordert, daß man umgekehrt ihm auf krasseste Weise verweigerte!) Boehm besuchte Wien und traf sich, in Begleitung von Reichs altem Intimfeind Paul Federn, am 17. April 1933 mit Freud. Dieser äußerte u.a. die Bitte: „Befreien Sie mich von Reich!“

Boehm erklärte Freud, er versuche die Psychoanalyse akademischen Kreisen vergeblich nahezubringen, weil beispielsweise einer seiner Bekannten, ein Nationalsozialist in amtlicher Stellung, die Psychoanalyse als „jüdisch-marxistischen Dreck“ bezeichnet hatte. Boehm fuhr fort, jeder wisse, daß Reich häufig in der Öffentlichkeit als Kommunist in Erscheinung getreten sei, wo er seine Meinungen mit denen der Psychoanalyse vermengte. Gegen das so erzeugte Vorurteil habe er, Boehm, gegenüber den Nationalsozialisten ankämpfen müssen.

Im Sommer 1933 beschloß man deshalb in einer Vorstandssitzung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Reich nicht länger als Mitglied zu führen. Das habe man Reich aber nicht direkt mitteilen wollen, weil es inopportun gewesen wäre direkten Kontakt mit Reich, der sich im Ausland aufhielt, aufzunehmen. In einer späteren Vorstandsitzung Anfang 1934 habe man jedoch Jacobsohn darum gebeten, Reich dies während einer Zusammenkunft in Oslo mitzuteilen, was sie dann jedoch unterlassen habe. Wie nannte Reich sie: „unsere Freundin“…

Im „Rundbrief“ vom 15. Oktober 1939 berichtet Otto Fenichel aus den USA, wohin er inzwischen immigriert war:

Als ich in der zweiten Augusthälfte San Francisco besuchte, hatte ein dortiger „linker”, für Psychoanalyse interessierter Physik-Professor, der jenem „Stammtisch” in Pasadena beigewohnt hatte, von dem ich hier berichtet hatte, infolge eines Mißverständnisses angekündigt, daß ich einen Vortrag über „Psychoanalyse und Marxismus” halten würde. Bernfeld hatte, damit die Sache nicht ohne ihn geschehe, daraufhin Analytiker und Soziologen zu sich eingeladen, und ich stand vor der Aufgabe, manuskriptlos einen englischen Vortrag zu improvisieren. – Es ging verhältnismäßig gut, ich sprach über „Psychoanalyse und Soziologie“ ungefähr im Sinne meines Basler Vortrages mit dem gleichen Titel, und es gab eine angeregte Diskussion. (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 1207)

Hier haben wir gleich drei Todfeinde Reichs an einem Ort: die drei Freudo-Marxisten Fenichel, Bernfeld und Oppenheimer! Ja, Robert Oppenheimer, der Vater der Atombombe, der später in einem Brief vom 15. Januar 1951 an Eleanor Roosevelt das ORANUR-Experiment als „schlechten Scherz“ bezeichnen sollte (Wilhelm Reich: Record Appendix to Briefs for Appellants, Vol. III: Suppressed Documentary Evidence, United States Court of Appeals for the First Circuit, No. 5160, Wilhelm Reich, et al., Defendants-Appellants, v. United States of America, Appellee, 1956).

Apropos Bernfeld und die Physik: 1929 versuchten Bernfeld und sein bereits eingangs erwähnter Freund und spätere Neu Beginnen-Genosse Sergei Feitelberg (1905-1967), der nicht nur Mediziner, sondern auch Ingenieur war, in Berlin der Psychoanalyse mittels ihrer „Libidometrie“ ein naturwissenschaftliches Fundament zu verpassen. Ausgangspunkt war der versuchte Nachweis, daß es keine spezifische „psychische Energie” gäbe, genausowenig wie es eine „Gruppenenergie” gibt, die das Zusammenspiel in Fußballteams bestimmte. Ein weiteres Postulat war, daß das Seelenleben den Gesetzen der mechanischen Energie folge, beispielsweise setzten sie den Todestrieb hypothetisch mit dem Entropiegesetz gleich. Tatsächlich haben Bernfeld und Feitelberg 1931 einen Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „The Principle of Entropy and the Death Instinct“ veröffentlicht. (All dies unterschied sich offensichtlich grundlegend von der späteren Orgonomie, lief geradezu auf deren Gegenteil hinaus!) Als Bernfeld 1932 nach Wien zurückkehrte, setzte er seine Forschungen mit Hilfe des Physiologen Hans Lampl (1889-1958) und des Physikers Franz Urbach (1902-1969) fort. 1935 wurden diese Bemühungen ergebnislos eingestellt (Karl Fallend, Johannes Reichmayr (Hrsg.): Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse. Materialien zu Leben und Werk, Frankfurt a.M. 1992). Das war genau zu der Zeit, als Reich in Oslo mit seinen bioelektrischen Experimenten begann.

Ich frage mich, ob dieser Feitelberg, der gegen die Orgonenergie kämpfte, bevor sie überhaupt entdeckt worden war, auch eine Rolle in der Unterdrückung der Entdeckung des Orgons in den Vereinigten Staaten gespielt hat! Erstens muß er sich wegen seiner eigenen Forschung über die Libido für das Orgon, bzw. die „pseudowissenschaftliche Orgon-Quacksalberei“, interessiert haben. Und zweitens, war er eine bedeutende Figur in der amerikanischen Nuklearmedizin.

Hier ein Link zu einer kurzen Beschreibung seiner Tätigkeit in der US-Zeitschrift Popular Science 1949. Er war in jeder Hinsicht der „Gegen-Reich”.

Feitelberg stammte aus Moskau, kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, schloß 1928 ein Ingenieursstudium in Berlin ab und fing danach ein Medizinstudium an. 1934 ging er nach Österreich, 1937 in die Schweiz, wo er 1939 einen Posten als Mediziner in Lausanne annahm. Im selben Jahr ging er in die Vereinigten Staaten. 1939-1967 Mitglied des Mt. Sinai Krankenhauses. Im Zweiten Weltkrieg schloß er sich der US-Armee an. 1942-1967 Mitglied der University of Columbia. Seine Forschung drehte sich um radioaktive Isotope. Als Experte war er Mitglied von mehreren Kommissionen der amerikanischen Atombehörde AEC und der Strahlenschutzbehörde (ebd.).

Bei all dem darf nicht vergessen werden, daß Reich und Bernfeld sehr alte Bekannte waren und Reich anfangs Bernfeld viel verdankte. Am 14. Oktober 1925 schrieb Reich an Bernfeld hinsichtlich dessen soeben erschienenen Buches Sisyphos oder Die Grenzen der Erziehung, es sei

das erste Buch seit Jahren, das mich erschüttert hat. Eine solche Art, dieser erbärmlich-jämmerlichen Welt mit Eleganz und Liebenswürdigkeit Fußtritte zu versetzen, hat die Literatur sicher nicht ein zweites Mal aufzuweisen.

Zwischen den Zeilen scheine bei Bernfeld „die todernste Empörung des Geistes wider die Borniertheit“ durch. Er, Reich, entschuldige sich bei Bernfeld, dessen erzieherischen „Skeptizismus“ und dessen „Realpolitik“, was Kindererziehung beträfe, er falsch eingeschätzt habe, weil er ihn, Bernfeld, nicht verstanden habe (Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaftler, Wien 1988, S. 231)

Sechs Jahre zuvor hatte Bernfeld einige Einblicke in Reichs persönliches Leben, denn Reich gehörte in einer Art verspäteter Jugendzeit (in seiner eigentlichen Jugend war er Offizier an der Italienfront!) damals dem Jungwandervogel an, zu deren Leitfiguren Bernfeld gehörte. Außerdem freundete er sich mit einer der Kindergärtnerinnen aus dem von Bernfeld geleiteten kurzlebigen jüdischen „Kinderheim Baumgarten“ an, die 19jährige Lore Kahn. Der Kindergarten existierte nur im Winter 1919/20. Zu dieser Zeit war sie Reichs zweite Patientin. Sie wollte ihr Verhältnis zu Karl Frank, dem späteren Leiter von Neu Beginnen, aufarbeiten. Dieser hatte sich gerade von ihr getrennt, um in Berlin für die Komintern zu arbeiten. Mit einem Abstand von einigen Monaten wurde sie schließlich Reichs Geliebte, bis sie nach einer Liebesnacht in einem unterkühlten Zimmer überraschend krank wurde und starb. Es kam auch zu einer starken Bindung ihrer Mutter an Reich. Als sich diese von ihm zurückgestoßen fühlte, beging sie Selbstmord. Reich fühlte sich so für die Auslöschung einer ganzen Familie verantwortlich… – und Bernfeld erlebt all dies aus nächster Nähe mit! (Reich beschreibt diese Geschehnisse ausführlich in Leidenschaft der Jugend.)

Der psychoanalytische Gemeinschaft in Wien blieb das tragische Geschehen, das alles andere als ein gutes Licht auf Reich warf, nicht verborgen. Freud schrieb 1923 an Sandor Ferenczi, daß Reich offen den Fehler eingestehe, den er vier Jahre zuvor gemacht hatte und daß er, Freud, ihm diese „Jugendsünde“ verzeihe. In einer Anmerkung geben die Herausgeber an, daß diese „Jugendsünde“ wahrscheinlich Reichs Beziehung zu seiner Patientin Lore Kahn war (Sigmund Freud – Sándor Ferenczi. Briefwechsel 1920-1924, Hrsg. Ernst Falzeder und Eva Brabant, Köln 2003).

Hier Bernfeld links, Lore Kahn rechts im Profil:

Der Rote Faden: Der Reichsverband für proletarische Sexualpolitik

6. Juni 2016

Heute ist der deutschsprachige Student der Orgonomie in der Lage Reichs Lebensweg im Detail in weitgehend kritischen und objektiven Studien zu verfolgen: Die Zeit bis 1922 wird durch das selbstkritische und schonungslose Leidenschaft der Jugend abgedeckt, die Wiener Zeit von Karl Fallend (Reich in Wien, Wien-Satzburg 1988), Berlin von Marc Rackelmann und neuerdings extrem ausführlich von Andreas Peglau, Skandinavien von Christiane Rothländer (Karl Motesiczky (1904-1943): Eine biographische Rekonstruktion, Wien 2010), die Zeit von der Ankunft in New York bis zum Auftauchen von Mildred Brady kann man in den entsprechenden Abschnitten der Reich-Biographie seiner damaligen Ehefrau Ilse Ollendorff verfolgen und schließlich die letzten zehn Jahre in USA gegen Wilhelm Reich (Frankfurt 1995) von Jerome Greenfield.

Im folgenden beziehe ich mich weitgehend auf Marc Rackelmann: Der Konflikt des „Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik“ (Sexpol) mit der KPD Anfang der dreißiger Jahre. Zur Rolle Wilhelm Reichs bei Entstehung und Arbeit des kommunistischen Sexualreformverbandes, Dissertation, Freie Universität Berlin, 1992 (siehe auch hier).

In Berlin war Reich Mitglied des Vereins sozialistischer Ärzte und schrieb in deren Organ Der sozialistische Arzt. 1924 aus dem sozialdemokratischen Ärzteverein hervorgegangen, war der Verein eine gesundheitspolitische Plattform für Linke, die parteipolitisch offen waren. In der Vereinigung waren 50% Mitglieder bei der SPD, 20% bei der KPD und 30% nicht parteipolitisch gebundene. Viele Aktivisten der Sexualreform-Bewegung waren Mitglied wie etwa Martha Ruben-Wolf, Richard Schmincke (der kommunistische Stadtrat von Berlin-Neukölln), Max Hodann, Otto Fenichel, Wilhelm Reich und viele andere.

Im Mitteilungsblatt des Vereins Sozialistischer Ärzte Der sozialistische Arzt veröffentlichte Reich ein Referat, das er am 16. Januar 1931 vor der Ortsgruppe Groß-Berlin des Vereins Sozialistischer Ärzte gehalten hatte (Bd. 7, Nr. 4, S. 111-115 und Bd. 7, Nr. 5, S. 161-165). Nach Reichs Erfahrung sind etwa 90% der Frauen und etwa 60% der Männer genitalgestört und befriedigungsunfähig. Diese mangelhafte Regulierung des sexuellen Haushalts ist für die Neurosen verantwortlich. Allein schon äußere Einwirkungen auf das Individuum, wie mangelnde Empfängnisverhütung, Wohnungsnot, insbesondere der Jugend, und die Ehemisere, hintertreiben eine befriedigende Sexualität. Zu diesem unmittelbaren kommt der mittelbare Einfluß der Gesellschaftsordnung, die durch sexuelle Unterdrückung der Kinder und Jugendlichen den Charakter formt. Da Neurosen Sexualerkrankungen sind, kann die Neurosenprophylaxe nur in sexueller Befreiung bestehen, die wiederum in der kapitalistischen Gesellschaft unmöglich ist. Deshalb kann sich die Bewältigung des Neurosenproblems nicht auf die ärztliche Privatpraxis beschränken, sondern ist nur im politischen Raum möglich.

Reich betrachtete seine politische Tätigkeit nur als konsequente Fortführung seiner Arbeit als Psychoanalytiker, genauso wie er seine Orgasmustheorie nur als konsequente Fortführung der Freudschen Libidotheorie betrachtete.

Die Komintern war 1919 als Kommunistische Weltpartei gegründet worden, die von einem Exekutivkomitee geleitet wurde. Seit Mitte der 1920er Jahre wurde sie von der KPdSU dominiert, d.h. streng in Moskau zentralisiert. Die innerparteiliche Demokratie wurde in den KPs mehr und mehr eingeschränkt. Sogar die Parteien selbst verloren ihre Unabhängigkeit und wurden zu bloßen Anhängseln der KPdSU. Zu der Zeit als Reich die kommunistische Szene betrat, war die Zentralisation fast abgeschlossen. Auf dem 12. Parteitag im Juni 1929 war die Stalinisierung der KPD offiziell vollendet, d.h. jede innerparteiliche Opposition zerstört. Die Tätigkeit innerhalb der Partei konzentrierte sich nun hauptsächlich auf die Anwerbung neuer Mitglieder. Aus diesem Grund wurden verschiedene Massenorganisationen eingerichtet, um eine vereinigte Arbeiterfront von unten gegen die „sozialfaschistische“ Führung der SPD zu mobilisieren. Offiziell waren diese Massenorganisationen parteipolitisch ungebunden, standen aber tatsächlich unter vollständiger kommunistischer Kontrolle. Der ursprüngliche Zweck einer solchen Massenorganisation war nur Fassade. Die KPD war nicht im geringsten an wirklichen gesellschaftlichen Problemen interessiert, sondern ausschließlich an der politischen Organisation der Arbeiterklasse, insbesondere aber am Kampf gegen die SPD.

Eine dieser Massenorganisationen war Reichs Sexpol. Sie trug jedoch nicht den Namen, den Reich gewählt hatte und den er auch später stets angab („Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“), sondern offiziell „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz”. Der Name „Einheitsverband” spiegelt auch genau die wahren Intentionen der Komintern wider. Seine Bildung kann man direkt auf die Politik der KPD während ihrer ultralinken Phase am Ende der 1920er und frühen 1930er Jahre zurückführen. Der Einheitsverband war der Versuch der KPD, die von der SPD dominierte Sexualreformbewegung der Weimarer Republik hinter der Fahne der KPD zu vereinigen. Das widersprüchliche Bild, das der Einheisverband uns bietet, stammte vom Konflikt zwischen den straffen Organisationsprinzipien der KPD und Reichs Herangehensweise: „Entwicklung sozialer Anschauungen aus der praktischen Erfüllung menschlicher Bedürfnisse statt Mißbrauch menschlicher Bedürfnisse zur Gewinnung politischer Macht“ (Menschen im Staat, S. 154).

Als loyaler Leninist war Reich anfangs willens sich den organisations-politischen Vorgaben der KPD unterzuordnen, doch im Verlauf der praktischen Arbeit zeichneten sich die Unterschiede zwischen den beiden Herangehensweisen immer deutlicher ab und führten zum Bruch und dem Ausschluß aus der KP.

Es begann mit:

Ich belebe deine Massen, kleiner Revolutionär, zeige ihnen die Misere ihres kleinen Lebens. Sie horchen meinen Worten, glühen vor Begeisterung und Hoffnung, rennen in deine Organisationen, weil sie glauben, mich dort zu finden. (Rede an den kleinen Mann, S. 42)

Und endete mit der Drohung von Seiten der Kommunisten:

Wenn ich meine Führer aller Proletarier aller Länder in Deutschland zur Macht schwingen werde, werde ich ihn (Reich) an die Wand stellen! Er verdirbt die Ehre unserer proletarischen Jugend! (…) Er macht Bordelle aus meinen Jugendkampfesorganisationen. (…) Er zerstört mein Klassenbewußtsein! (ebd., S. 81)

In die Bildung des Einheitsverbandes waren zwei kommunistische Schirmorganisationen involviert: die „Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen“ (ASO) und die „Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur“ (ifa). Zur Führung der ASO gehörten Schröter und Rädel, die neben anderen mit Reich zu tun hatten. Der ASO waren Unterorganisationen wie beispielsweise „Rote Hilfe“ und „Internationale Arbeiterhilfe“ angeschlossen. Sie gab die Zeitschrift Proletarische Sozialpolitik heraus. Alle Organisationen innerhalb der ASO und ihre Funktionäre waren verpflichtet, diese Zeitschrift zu beziehen.

Zur ifa gehörte beispielsweise die Marxistische Arbeiterschule MASCH, in der Reich aktiv war. Die ifa gab die Zeitschrift ifa-Rundschau heraus.

Zur Vorbereitung eines für April 1931 geplanten Vereinigungs-Kongresses der sexualreformerischen Bewegung hielt die ASO Ende 1930 zwei Konferenzen mit den größten deutschen Sexualreform-Vereinigungen ab, eine in Berlin und eine in Leipzig.

In Berlin fanden sich einige Verbände in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die provisorisch von Hans Hexel (Liga für Mutterschutz und soziale Familienhygiene), Wilhelm Kauffmann (World League for Sex-Reform), Karl Klein (Reichsverband für Geburtenregelung) und Felix Theilhaber (Gesellschaft für Sexualreform) geleitet wurde. Sie machte sich die Richtlinien der KPD zur Geburtenkontrolle eigen.

In Leipzig war nach einigen Auseinandersetzungen Martha Arendsee, Funktionärin der ASO, als Hauptrednerin in der Lage den größten Teil der teilnehmenden sexualreformerischen Organisationen zu überzeugen. Der geplante Vereinigungskongreß wurde zunächst vom April in den Mai und schließlich in den Juni 1931 verlegt.

Der nationale Vereinigungskongreß in Berlin am 20. und 21. Juni gestaltete sich dann auch schwieriger als gedacht. Er stand von Anfang an unter dem unheilverkündenden Vorzeichen von Machtquerelen zwischen den großen Reichs-Verbänden. Es gab Widerstand gegen eine Gleichschaltung durch die KPD vom „Reichsverband für Geburtenregelung“ und der „Liga für Mutterschutz und soziale Familienhygiene“. Der Kongreß scheiterte schließlich daran, daß der „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ mit seinen etwa 3000 Mitgliedern den anderen Organisationen mit ihren zusammen etwa 50 000 Mitgliedern ein Ultimatum stellte in ihn aufzugehen.

Der „Einheitsverband“ war in Westdeutschland entstanden. Im Mai 1931 hatte die ASO-Funktionärin Luise Dornemann in Düsseldorf die Sexual-Reform-Verbände der nordrheinischen Region im „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ zusammengeführt. Die bereits existierende Zeitschrift Die Warte wurde ihr offizielles Organ, in dem auch Reich veröffentlichte.

Unter dem Pseudonym Ernst Roner führte Reich in Die Warte, dem „Kampforgan für proletarische Sexualpolitik und für die Herstellung der Einheit aller sexualpolitischer Organisationen“ des „Einheitsverbandes für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ u.a. aus, es gelte den Massen neben ihrer materiellen auch die unlösbar damit verknüpfte sexuelle Not vor Augen zu führen. Reich ging es dabei darum, den Menschen ihre Bedürfnisse bewußt zu machen, deren Befriedigung sie dann erkämpfen sollten.

Zu dieser Zeit war ihm noch nicht bewußt, daß die KPD zwar an einer Mobilisierung der Massen interessiert war, weshalb sie Reich anfangs gewähren ließ, aber diese Massen sollten altruistisch-bedürfnislos, militärisch form- und von oben herab dirigierbar sein. Während Menschen, die an ihren eigenen individuellen Bedürfnissen ausgerichtet waren, den „kleinbürgerlichen Anarcho-Syndikalismus“ oder den reformerischen „Sozialfaschismus“ verkörperten. Reich war demnach kein Kommunist, und wurde als solcher auch nie anerkannt, aber auch kein „Anarchist“ und alles andere als ein kompromißlerischer „Liberaler“: Reich war Charakteranalytiker, der die verdrängten Leiden und Bedürfnisse bewußt macht, damit das Individuum wieder Verantwortung übernehmen und sich selbst regulieren kann.

In dem Artikel „Auflösung der Familie?“ führt Reich in Die Warte aus, daß mit der Entwicklung der Produktivkräfte nicht nur die Produktionsverhältnisse in eine Krise geraten, sondern es kommt auch, trotz der verzweifelten ideologischen Gegenwehr der Reaktion, zu einer fortschreitenden Zersetzung der Familie. Man kann sich nicht mehr hinter der Privatheit verschanzen, wenn man diesen Prozeß bewußt fördern und lenken will, so daß es zu einer befriedigenden Regelung des Sexuallebens kommt, genauso wie die ökonomische Umwälzung dank der bewußten Lenkung durch die KP die soziale Misere aufheben wird. Dazu braucht es eines detaillierten Wissens über die sexual-politische Rolle der Familie.

Die provisorische Führung des Einheitsverbandes lud für den 14. Juni 1931 zu einem Vereinigungskongreß in Barmen, im heutigen Nordrhein-Westfalen ein. Das war typische KP-Strategie: die Organisation von unten, von der Provinz her, um die sozialdemokratische Führung der meisten Sexualreform-Verbände zu unterminieren. Der Vereinigungskongreß in Barmen wurde durch einen großen Vortrag des „Genossen Dr. Reich“ eröffnet, der die Beziehung zwischen Sexualnot und Kapitalismus aufzeigte. Der regionale Vereinigungskongreß hatte Erfolg.

Diese Organisation, die von Reich beherrscht wurde, versuchte nun vergebens den im ersten Teil erwähnten nationalen Vereinigungs-Kongreß vom 20. und 21. Juni 1931 in Berlin zu dominieren. Eine kleine Minderheit versuchte der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen – ganz entsprechend Reichs politischen Manövern zuvor in Wien.

Zwei Wochen zuvor, am 9. Juni 1931 hatte die ifa in Berlin Reichs sexualpolitische Plattform eines geplanten „Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik“ herausgegeben. Dazu müssen wir kurz zurück nach Wien blicken:

Im September 1930 hielt der seit kurzem in Berlin lebende Reich in Wien einen Vortrag vor der Weltliga für Sexualreform. Der 4. Kongreß der Weltliga dauerte vom 16. bis 23. September 1930 und stand unter dem Motto „Sexualnot und Sexualreform”. Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen als internationales sexualwissenschaftliches Diskussionsforum von den berühmten Sexualforschern Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel und Helene Stöcker, dem Engländer Havelock Ellis, den Russen Alexandra Kollontai und Pasche-Oserski und dem Schweizer Ehepaar Brupbacher gegründet worden. In seinem letzten öffentlichen Auftreten in Wien verlaß Reich seinen radikal kommunistischen Aufsatz „Die Sexualnot der werktätigen Massen und die Schwierigkeiten der Sexualreform“, der 1931 in Sexualnot und Sexualreform (Verhandlungen der Weltliga für Sexualreform, Elbemühl-Verlag, Wien) veröffentlicht wurde.

Nach seinem Referat wurde Reich von einem Komitee der Weltliga gebeten, für sie eine sexualpolitische Plattform auszuarbeiten. Doch das Komitee lehnte sie dann als zu kommunistisch ab. Schon vorher hatte Reich die Plattform beim ZK der KPD vorgelegt. Nach Genehmigung durch die „Ärztefraktion der KPD“ schlug Reich vor, sie zur Plattform eines sexualpolitischen Einheitsverbandes der in viele Organisationen zersplitterten deutschen Sexualreformbewegung zu machen. Am 9. Juni 1931 verschickte, wie bereits erwähnt, die ifa Reichs Plattform und lud zum 17. Juni zu einer Diskussion darüber ein. Nach Reichs Vorschlag sollte der sexualpolitische Einheitsverband „Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“ heißen. Man gab in einer Auflage von 100 000 eine bereits nach einer Woche vergriffene Broschüre heraus, die weiter für die Einheit der sexualpolitischen Organisationen unter dem „Einheitsverband“ warb.

In der Broschüre Liebe verboten (Verlag für Arbeiterkultur, Berlin 1931) wurde über den gescheiterten Berliner Kongreß berichtet und für eine Lösung der Sexualnot nach sowjetischem Vorbild geworben, außerdem enthielt sie die Auseinandersetzung mit einer Papstenzyklika. Ihr Kern bildete aber eindeutig Reichs Plattform.

Reich wurde langsam bewußt, daß es der KPD bei dieser ja auch von ihm getragenen Machtpolitik in keinster Weise um Sexualreform oder gar um Reichs Theorien ging, sondern nur um die Einbindung weiterer Massen in ihre Unterorganisationen. In dieser Erfahrung, daß es hinter einer „sozialen“ Fassade dem Kommunismus ausschließlich um schiere Macht geht, er nichts weiter als „organisierte Emotionelle Pest“ ist, die letztendlich „die Liebe verbieten“ will, ist der Ursprung des unerbittlichen, von niemandem zu übertreffenden Antikommunismus der Orgonomie zu suchen.

Nach dem Scheitern des Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik konzentrierte sich Reich auf seine eigene im Sommer 1931 ins Leben gerufene Sexualberatungs- und Schutzmittelstelle (bzw. „Arbeitersexualklinik“) in Berlin-Charlottenburg. Als Reich im Einheitsverband mit Anschauungen, die der Sexualökonomie widersprachen, konfrontiert und er von KP-Funktionären zunehmend behindert wurde, entschloß er sich aus Hörern seiner Kurse an der „Marxistischen Arbeiterschule“ eine Mustergruppe zu gründen (die man in der KPD „Reichwehr“ nannte), nach deren Erfahrungen sich der Einheitsverband hätte ausrichten können. Die im Organ des „Einheitsverbandes“ Die Warte angekündigten regelmäßigen Informationsabende sollten die sexualpolitische Arbeit neu von „unten nach oben“ strukturieren und so dem lebensfremden Einfluß der Funktionäre entgegenarbeiten, die von der Basis vollkommen isoliert sind. Reich beschreibt die Abende in Was ist Klassenbewußtsein? Diese praktische Arbeit sollte seine Trennung von der KP einläuten. In einer Rückschau von 1944 sollte Reich noch immer empört darüber sein, wie die politischen Funktionäre in die Facharbeit der Sexpol eingriffen (Wilhelm Reich: „Work Democracy in Action“, Annals of the Orgone Institute, Vol. 1, S. 19).

Es kam nur zu drei Informationsabenden, der geplante vierte wurde von den Parteivertretern nicht mehr einberufen, da es im Oktober 1932 zum faktischen Bruch der KPD mit Reich kam. Zum Beispiel nannte Die Warte unter der Rubrik „Literatur die Du brauchst“ in der Oktober-Ausgabe noch drei Schriften von Wilhelm und Annie Reich. Im Heft des folgenden Monats fehlten sie in der Bücherliste. Auf dem Jugend-ZK-Plenum am 14. und 15. November 1932 wurde Reich der Verbreitung bürgerlicher Ideologien bezichtigt; die sexuelle Frage in den Vordergrund zu stellen, wie er es tut, würde die Jugend vom wirklichen Kampf ablenken. In der Fichte-Zeitung Rot-Sport vom 5. Dezember, fand sich die Notiz, der Vertrieb der Reichschen Schriften aus Reichs „Verlag für Sexualpolitik“ werde eingestellt.

Aus vollkommener Interesselosigkeit am Kern von Reichs sexualpolitischer Arbeit und weil er ein effektiver Anwerber neuer Mitglieder war, ließ ihn die KPD zwei Jahre lang ziemlich frei gewähren, erst als er die hierarchische Machtstruktur und das Wahrheitsmonopol der Führung gefährdete war Schluß.

In ihren „Erinnerungen einer Kommunistin in Deutschland 1920-1933“ schreibt die Zeitzeugin Rosa Meyer-Leviné, daß ein Symptom des Niedergangs der KPD am Ende der Weimarer Republik das rasche Überhandnehmen der Promiskuität gewesen sei. Karl Radek habe ihr erzählt, daß im Gegensatz zu allen Vorurteilen die ersten Jahre der russischen Revolution durch außerordentliche sexuelle Zurückhaltung gekennzeichnet waren, insbesondere innerhalb der Partei. Er habe ihr gesagt, daß dies ein Hinweis auf die Gesundheit der Revolution war, daß sie noch immer im Aufwind gewesen sei, denn alle waren vollkommen von der großen Aufgabe in Beschlag genommen. Meyer-Leviné zufolge war die Schlußfolgerung naheliegend: Eine gut funktionierende Partei wird in Zeiten wie denen am Ende der Weimarer Republik vollkommen von der großen Sache beherrscht, so daß es keinen Raum für „sexuelle Exzesse“ gebe (Rosa Meyer-Leviné: Im inneren Kreis, Köln 1979. S. 282f).

Das ist „Stalinismus” auf den Punkt gebracht: in Zeiten des sich verschärfenden Klassenkampfes – und der Klassenkampf wird auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft natürlicherweise immer schärfer – kann es keinen Platz für die schönen Dinge des Lebens geben. So wandelt sich das Versprechen der „Befreiung“ in das Nonplusultra von Tyrannei. Reich sollte das später als „Roten Faschismus“ bezeichnen und vom Grunde seines Herzens hassen.

100 000 000 Millionen Ermordete und das zerstörte Lebensglück von Milliarden mahnen uns.

Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3)

14. Mai 2015

William Siegmund Schlamm (1904 bis 1978) wurde in Przemysl, Galizien geboren. Sein Vater war wohlhabender Geschäftsmann. Schlamms Pazifismus und sozialistischer Idealismus brachte ihn dazu als Wiener Gymnasiast der Kommunistischen Jugend-Internationale (KJI) beizutreten. 1920, gerade mal 16, besuchte er Moskau. Nach dem Abitur 1922 wurde er Redaktionsmitglied des zentralen KPÖ-Parteiorgans Rote Fahne in Wien, 1925 Chefredakteur.

Auf dem 9. Parteitag 1927 wurde er zum Mitglied des Zentralkomitees. 1928, dem Jahr, in dem sich Reich der KPÖ anschloß, rechtfertigte Schlamm den sich abzeichnenden Stalinismus, der damals vor allem um die „Sozialfaschismustheorie“ kreiste, voller Vehemenz: die Sozialdemokratie war der Hauptgegner und mußte mit allen Mitteln bekämpft werden. Doch schon ein Jahr später brach er mit der Partei.

In seinem Buch Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918-1933 (Wien: Europa Verlag, 1968) führt Herbert Steiner aus, daß vor dem 10. Parteitag im Januar 1929 zwei Fraktionen innerhalb der KPÖ auszumachen waren. Es ging um die Frage, ob die Stabilisierung des Kapitalismus in Österreich im Verlauf der letzten 10 Jahre dauerhaft sei oder nur vorübergehend. Als Kopf der Internationale hatte Stalin verkündet, die gegenwärtige Konsolidierung des Kapitalismus in der westlichen Welt sei bald vorbei, es stehe eine große Krise des Kapitalismus unmittelbar vor der Tür und damit der Sieg des Kommunismus – wenn die verräterischen Sozialdemokraten mit ihrem Kompromißlertum den Kapitalismus nicht wieder retten würden, wie es der Faschist Mussolini (immerhin ursprünglich Sozialist) bereits in Italien getan hatte. Die kleine Minderheitsfraktion, darunter Schlamm, lehnte diese Sichtweise ab und opponierte generell gegen den unrealistischen Linksradikalismus der Partei, etwa den Versuch, den Reich in Menschen im Staat (Frankfurt 1995, S. 92-98) ausführlich beschreibt, einzig ausgerüstet mit den eigenen revolutionären Überzeugungen einen Heimwehraufmarsch in der Wiener Neustadt zu verhindern.

Schlamm vertrat die Position des „Rechtsabweichlers“ Bucharin, während man m.E. Reich zum damaligen Zeitpunkt durchaus als „Stalinisten“ bezeichnen könnte.

Schlamm blieb vorerst Sozialist und begann ab 1929 in München für die beiden Magazine Jugend und Simplicissimus zu arbeiten. 1932 übernahm er die Wiener Ausgabe von Carl von Ossietzkys Weltbühne. Als die Gestapo Ossietzky 1933 verhaftete, wurde Schlamm Leiter der nun in Prag erscheinenden Weltbühne, mußte den Posten aber auf Druck der Komintern aufgeben, nachdem er Artikel von Trotzki veröffentlicht hatte. Daraufhin gab er zwischen 1934 und 1937 in Prag sein eigenes Magazin heraus, die Europäischen Hefte.

1937 veröffentlichte er sein Buch Diktatur der Lüge über den Stalinismus. Es wurde im September des gleichen Jahres in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie besprochen. Am Inhalt des Buches sei nichts auszusetzen, da es viel über den reaktionären Hintergrund des Stalinismus enthülle, zu kritisieren sei jedoch Schlamms polemischer, rhetorischer, geistreichelnder und moralistischer Ton.

1938 immigrierte Schlamm in die USA, wo er 1941 das Buch This Second War of Independence über Hitlers Siege über die westlichen Demokratien schrieb. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Zwischen 1944 und 1950 war er die rechte Hand von Henry Luce, dem die Zeitschriften Life, Time und Fortune gehörten. 1949 kam er nach Europa zurück als Korrespondent der Fortune. 1951 gehörte er zu den Gründern des bedeutenden konservativen Magazins National Review. Mit der Zeitschrift unterstützte er McCarthy nach Kräften. McCarthy war, so Schlamm, das Opfer einer Schmierenkampagne, die für dessen frühen Tod verantwortlich gewesen sei. Für Schlamm war der Kommunismus der Antichrist.

Beiträge von ihm erschienen auch in American Mercury, Nation, Freeman und der New York Times.

1957 kam er nach Deutschland und schrieb das Buch Die Grenzen des Wunders (Ein Bericht über Deutschland) mit einer Auflage von 100 000. Er wurde schnell berühmt als „Kalter Krieger Nr. 1“. Später kritisierte er beispielsweise die Kennedy-Administration, weil sie gegenüber dem Kommunismus zu weich sei. 1966 kam sein Buch Vom Elend der Literatur (Pornographie und Gesinnung) auf den Markt. Wie in Teil 1 erläutert, schrecke der Schriftsteller, nach Schlamms Meinung, vor der gescheiterten gesellschaftlichen Revolution zurück und fliehe in die „Sexuelle Revolution“.

Im 1959 erschienenen Die Grenzen des Wunders hatte Schlamm ausgeführt, daß der Schriftsteller ein überpersönliches Prinzip benötige, die seine Schöpfung „binden, verpflichten und erlösen“ könnte. Einst sei dies Gott gewesen, dann der Übermensch. Beide seien tot. Wir lebten nun in der Welt des, so Schlamm, „kleinen Mannes”, in der der Sex dieses umfassende Prinzip sei. Beispielsweise ertrinke Tennessee Williams geradezu in sexueller Perversion.

Oder mit anderen Worten: wir haben Gott verlassen und sind prompt in die Jauchegrube gefallen. Entsprechend ist Reich der Teufel, der größte Schmutzfink schlechthin.

Im folgenden referiere ich kurz jene Jugenderinnerungen Schlamms aus dem 1962 erschienenen Buch Die jungen Herren der alten Erde, die für die Reich-Biographik von Bedeutung sind.

Schlamm war zwischen 1917 und 1922 im Wiener „Jungwandervogel“. Er erinnert sich, wie Siegfried Bernfeld zu ihnen sprach. Diese Bewegung sei ganz und gar nicht mystisch oder weltabgewandt gewesen. Zwar waren die romantischen Wanderungen durch Wälder und Gebirge schön, aber es war die Zeit der Russischen Revolution. Alles war extrem politisiert, hoch intellektualisiert, man las extrem viel.

Es gab aufgeregte Debatten im „Jungwandervogelheim“ in der Augustinergasse. Beispielsweise waren jene, die nicht Otto Weiningers Geschlecht und Charakter gelesen hatten, Außenseiter. Freud und Schopenhauer zu lesen war Pflicht. „Männerbündelei“ und Antifeminismus, wie sie von Leuten wie Weiningerund Schopenhauer gepredigt wurden, waren zwar Leitideen, aber im Jungwandervogel gab es nichtsdestotrotz jede Menge Liebesaffären mit Mädeln.

Hauptthema war jedoch die Revolution. Alle betrachteten sich als Kommunisten. Die einzige Frage war, ob man auch wirklich der kommunistischen Jugendorganisation beitrat. Schlamm zufolge hatten die meisten den guten Geschmack nicht beizutreten: Schlamm trat bei.

Gustav Wyneken (1875-1964) sei die Verkörperung der damaligen Jugendkultur gewesen. (Der Schulreformer und Kulturpolitiker hatte 1906 die Freie Schulgemeinde Wickersdorf gegründet. Er träumte von einer Jugendrevolte gegen die bürgerliche Gesellschaft.) Der starke Einfluß, der von Karl Kraus ausging, habe den Jungwandervogel vor der Avantgarde a la Johannes R. Becher, Arnolt Bronnen und Bertold Brecht gerettet. Die Expressionisten der 20er beeindruckten sie nicht, weil sie alle Dostojewskij lasen. Sie sehnten sich nach Ordnung, Rationalität, gutem Geschmack, ethischer und intellektueller Disziplin – was sie für Ideologien anfällig machte. Und sie waren unfaßbar altklug. Glaubten schon mit 16 bedeutende Literatur erschaffen zu können. Es war einfach eine Selbstverständlichkeit in jungen Jahren Schopenhauer und andere Philosophen gelesen zu haben. Der meistgelesene Autor war Dostojewskij.

Man lauschte größtenteils der Musik von Gustav Mahler und Anton Bruckner, liebte Bach und Mozart. Bereits mit 16 war Schlamm (wie zur gleichen Zeit auch Reich) ein regelmäßiger Gast in Arnold Schönbergs „Verein für Privataufführungen“. Und dann war da natürlich der Einfluß der Stadt Wien selbst: die großartige Architektur, der Barock. Allgegenwärtig war ein Sinn für Maß und Gestalt. Und der Jungwandervogel hatte Stil. Schlamm wurde „Willi mit der Bügelfalte“ genannt. Sie waren schließlich die Kinder eines einst großen, großartigen Reiches.

Durch die Inflation waren sie zwar unglaublich arm, aber nichtsdestotrotz hatte man viel Spaß. 1920 kam der Jazz nach Wien und statt der Volkstänze begann der Jungwandervogel nun Shimmy und Foxtrott zu tanzen. Es gab viel Freude und Vergnügen. Gleichzeitig studierte man wie wild, mehr als das Gymnasium und die Universität einem abverlangten. Während der Ausflüge diskutierte man Riccardo, Boehm-Bawerk, Simmel und Darwin.

Was diese Generation auszeichnete war ihr starkes Engagement. Jedweder nihilistische Zynismus war ihr fremd. Diese Hingabe hatte aber auch böse Seiten. Beispielsweise blieben manche dem Ersatzgott verhaftet: der Kommunistischen Partei. Schlamm befreite sich selbst von dieser Kinderkrankheit im Jahre 1929 und entfremdete sich so von jenen Kameraden aus dem einstigen Jungenwandervogel, die länger brauchten, um sich wieder zu befreien.

In der in Teil 1 behandelten Kolumne von 1970 führt Schlamm aus, daß er Reich 1919 im Wiener Jugendwandervogel begegnet sei. Reich, der Sohn eines Gutsbesitzers, war gerade als junger Leutnant aus dem Großen Krieg zurückgekehrt, körperlich unversehrt, aber emotional zutiefst verletzt. Er war einige Jahre älter als Schlamm, aber beide suchten zunächst im Jungwandervogel und dann in der Revolutionären Bewegung einen Weg, um diese absurde Welt zu überwinden, in der der schmutzige und sinnlose Krieg möglich geworden war.

In den späten 20er Jahren habe sich ihre anfangs ziemlich unpersönliche Bekanntschaft zu einer warmen Freundschaft entwickelt. Aber ausgerechnet zu dieser Zeit brach Schlamm mit dem Kommunismus, während Reich der Partei beitrat. Schlamm habe damals aber nicht den geringsten Zweifel gehegt, daß Reich sie bald wieder verlassen würde, denn er sei viel zu intelligent und anständig gewesen, um es lange im Ghetto des Fanatismus aushalten zu können.

Aus dem Wiener Jungwandervogel gingen einige Psychoanalytiker hervor wie Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel und andere, Reich sei aber einer der wenigen Schüler Freuds gewesen, um die sich Freud mit herzlicher Anteilnahme kümmerte. Nichts als Reich selbst stand einer großen Berufskarriere Reichs entgegen.

Reich, der, Schlamm zufolge, den Mut des ehemaligen Offiziers besaß und als Sohn eines Millionärs tiefe Verachtung für Geld hegte, gab eines Tages plötzlich seine außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere auf. Der brillante Mann, der vor seinem 30. Geburtstag ein Standardwerk der Psychologie geschrieben hatte, der einzige junge Psychoanalytiker, den Freud ernstnahm, ging nach Berlin…

Obwohl Schlamm in den 1930er Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr zu Reich hatte, während Reich seinen alten Freund beispielsweise etwas konsterniert in der Massenpsychologie des Faschismus erwähnte, kann er uns auch über diese Zeit einiges sagen, was zum Verständnis der Reich-Biographie beiträgt.

In Die jungen Herren der alten Erde beschreibt Schlamm diese Jahre wie folgt: Hitler war an die Macht gekommen und plötzlich war die Sowjetunion, die seit 1923 fast ihre gesamte Faszination für Intellektuelle verloren hatte, wieder die einzige Hoffnung der Menschheit. (Ich möchte hinzufügen, daß damit Reich in seiner Haltung zur KP sich entgegengesetzt zum Zeitgeist bewegte.) Schlamm führt weiter aus, daß in einer Art haßerfülltem linkem „McCarthyismus“ jeder gnadenlos niedergemacht wurde, der es wagte die Sowjetunion zu kritisieren. Stalin war der neue unantastbare Gott, die einzige Hoffnung.

Eine Gruppe von sozialistischen Intellektuellen (wenn man mal von den Trotzkisten absieht), darunter auch Psychoanalytiker, blieben der Sowjetunion gegenüber kritisch bis feindlich eingestellt, obwohl sie linke Sozialisten und Marxisten waren: die nach Leninistischen Prinzipien organisierte Geheimorganisation „Neu Beginnen“.

Schlamm beschrieb sie 1972 in einer Kolumne für die Zeitbühne (Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder. Ausgewählt von Kristin von Philipp, München: Georg Müller Verlag, 1977, S. 324-327). Seine Ausführungen sind wohl karikaturhaft überzeichnet und hier und da schlichtweg falsch, aber er war Zeitzeuge und hat in Prag bis 1938 in diesen Kreisen verkehrt.

Schlamm hat die persönliche Entwicklung von Willy Brandt verfolgt und betrachtet ihn als den hilfreichsten Unterstützer einer bestimmten geschichtlichen Bewegung sozialistischer Revolutionäre. Ihr politisches Programm sei die Verstellung. Kanzler Brandt führe nur das aus, was er in den 30er Jahren in der Gruppe „Neu Beginnen” gelernt habe. Bereits vor Hitlers Machtergreifung fanden sich dort die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), bei der Brandt Mitglied war, enttäuschte Kommunisten und einige Marxistische Gelehrte zusammen. Dr. Karl Frank (alias Paul Hagen, alias Willi Müller), ein Freund aus Schlamms Wiener Jugendzeit, war einer der beiden Führer der Geheimgruppierung (neben Walter Loewenheim alias Miles).

Ihr Ziel war die Durchdringung von und schließliche Machtübernahme in allen Parteien links von Hitler. Das versuchte Neu Beginnen mit Hilfe von „Mimikry“ zu bewerkstelligen. Statt die beschränkten Kräfte des revolutionären Sozialismus mit den kindischen und gefährlichen Strategien der Kommunisten zu verschwenden, wollte Neu Beginnen zunächst die eigene Machtübernahme in allen existierenden linken Parteien orchestrieren und dann mit genau derselben Strategie die Macht in der gesamten Gesellschaft übernehmen. „Revolution durch Anpassung“, Sozialismus in Allianz mit der Großindustrie. Damals habe Schlamm seinem Freund Karl Frank erklärt, daß dies ein ziemlich absonderliches Programm sei.

Frank war ein sehr tatkräftiger und faszinierender Mann und Brandt wurde einer seiner engsten und ergebensten Anhänger. In den 30er Jahren sei der Erfolg von Neu Beginnen phänomenal gewesen: Agenten von Neu Beginnen saßen im Vorzimmer von Kanzler Brüning, im englischen Unterhaus, in der Norwegischen Arbeiterpartei, im Büro des amerikanischen Präsidenten, in der Zentrale von Himmlers Gestapo, im Sekretariat der SPD im Exil und im Sekretariat des Völkerbundes. Die Leitung von Neu Beginnen (mit Karl Frank und seinem hingebungsvollen Mitarbeiter Willy Brandt) blieb jedoch eine in sich geschlossene, abgeschottete Geheimorganisation mit einer festen sozialistischen Identität trotz all der Verstellung und „Mimikry“.

Nach Hitlers Fall kehrten die gut ausgebildeten Kader von Neu Beginnen nach Deutschland zurück. Die meisten schlossen sich der SPD an, unter ihnen Fritz Erler, stellvertretender Vorsitzender der SPD, und natürlich Willy Brandt. Andere wurden Gewerkschaftsfunktionäre oder kamen in der Sozialversicherungs-Bürokratie unter, bei den Volksbanken, wurden Redakteure der Parteipresse – alle Institutionen, die von der SPD dominiert wurden. Sie wurden Universitätsprofessoren, Bundestagsabgeordnete oder Staatssekretäre. Schlamm schätzt, daß gegenwärtig (also 1972) ein Viertel des deutschen Establishments (Staatsmaschinerie, Presse, Öffentlicher Rundfunk, Universitäten, Parteien) direktes Erbe von Neu Beginnen ist.

Der größte Erfolg von Neu Beginnen war jedoch Willy Brandt, der hingebungsvollste und aufnahmewilligste Schüler von Karl Frank. Frank selbst war jedoch enttäuscht vom Resultat seiner Lebensarbeit. In den 60ern, als Brandt deutscher Außenminister wurde, hatte Frank schon längst seinen Glauben an das Konzept von Neu Beginnen verloren. Er wurde melancholisch und zog sich in die Psychoanalyse zurück. Als er in New York starb, schickte Außenminister Brandt ein Beileidsschreiben.

Brandt selbst blieb Neu Beginnen und ihrem Kader treu. 1972 sind seine Regierungsberater und die Führung der SPD fast ausschließlich aus alten Mitgliedern von Neu Beginnen zusammengesetzt. Brandt glaube, so Schlamm, noch immer an die Allmacht der Verstellung, der Infiltration und schließlichen Machtübernahme. Im Beisein der Bourgeoisie sei er ein Bourgeoise, im Beisein von Genossen Genosse, bei Patrioten ein Patriot, bei Staatsmännern ein Staatsmann und im Beisein von Revolutionären sei Brandt ebenfalls Revolutionär. Das mache die ganze Kunst von Neu Beginnen aus. Dieser Epigone Karl Franks (zu dem sich Schlamm im übrigen persönlich immer hingezogen fühlte) sei der neue Meister der Mimikry, der legitime Erbe von Neu Beginnen.

Brandt sei entschlossen den Sozialismus mit Hilfe der Großindustrie aufzubauen, in Zusammenarbeit mit den USA mit der Sowjetunion gute Beziehungen aufzunehmen, die Massen vom „Opium für das Volk“ mit Hilfe der Protestantischen Kirche zu befreien, die deutsche Einheit durch Aufteilung Deutschlands in Westdeutschland, Ostdeutschland und Westberlin zu erreichen und die Pressefreiheit in Kooperation mit den Verlegern zu beseitigen. All dies könne Brandt erreichen, da Brandt das Leben und die Politik als ein Spiel mit einstudierten Rollen betrachtet. Ein Spiel, das von Intellektuellen ersonnen und von Schauspielern gespielt wird. Brandt selbst sei der größte Schauspieler.

Edgar Allen Poe habe eine Detektivgeschichte geschrieben, in der ein gestohlenes Dokument von der Geheimpolizei nicht gefunden wird, weil es ganz offen auf dem Tisch liegt und von jedem gesehen werden kann. Dies sei der geheime Trick aller Verschwörungen: sie sind immer öffentlich. Genauso sei auch die Verschwörung von Neu Beginnen eine öffentliche Darbietung.

Soweit Schlamm. Welche Rolle Neu Beginnen im Leben Reichs spielte, werde ich an anderer Stelle näher ausführen. Es läßt sich aber schon jetzt sagen, daß Reich mit diesen „Leninistischen“ Verschwörungen und der sektiererhaften Politisiererei (die etwa Otto Fenichel zur gleichen Zeit mit seinen „Rundbriefen“ in die Psychoanalyse trug) nichts aber auch rein gar nichts zu tun haben wollte und als Gegenentwurf das Konzept „Arbeitsdemokratie“ entwickelte.

Der Rote Faden: Reich in Skandinavien (Teil 2)

15. Dezember 2014

Am 29. Oktober 1933 schrieb eine dänische Zeitung, daß man Leute wie Reich, diese sexuellen Schweine, aus dem Land entfernen sollte. Bereits am 3. Oktober hatte das dänische Innenministerium beschlossen, daß Reichs befristete vorläufige Aufenthaltsgenehmigung nach Ablauf der sechs Monate nicht verlängert werde, so daß er am 1. Dezember das Land verlassen müßte. Er reiste nach London, weiter nach Paris, Zürich, Tirol, um dort Weihnachten mit seinen Kindern zu verbringen. Weiter nach Wien und Prag. Über Deutschland zurück nach Skandinavien. Nimmt seine Lebensgefährtin Elsa Lindenberg aus Berlin mit, die inzwischen ihre Freunde und Familie besucht hatte. Anfang 1934 kommen Willi und Elsa in Malmö, Schweden an. Reich führt den Begriff „Sex-Pol“ ein und veröffentlicht als „Ernst Parell“ die Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie. Am 3. und 4. April Treffen der linken Psychoanalytiker in Oslo: Reich, George Gerö, Nic Hoel, Edith Jacobsohn. Zurück nach Malmö. Ende Mai läuft erneut seine sechsmonatige vorläufige Aufenthaltserlaubnis (diesmal für Schweden) aus und er zieht illegal nach Sletten, Dänemark. Am 1. Juli 1934 Treffen von Reich, Fenichel, Gerö, Nic Hoel in Humlebäk, Dänemark. Seine beiden Töchter besuchen ihn. Die Gruppe reist über Deutschland zur psychoanalytischen Konferenz in Luzern, Schweiz, 26. bis 31. August. Danach Camping in der Schweiz. Über Frankreich zurück nach Dänemark. In Kopenhagen wohnt er bei Freunden.

Ende Oktober 1934 zieht er nach Oslo, wo er bis 1939 ansässig bleibt. Zunächst wohnt er in einer Pension, dann am 14. November schreibt er in sein Tagebuch: „Nach 1 3/4 Jahren Wanderung wieder eine Wohnung.“ Januar 1935 beginnt er seine Vorlesungen an der Universität Oslo. 24. März 1935: der Oszillograph ist bereit. Mai bis Dezember 1935 die bioelektrischen Experimente. 1936: im Sommer reist Reich nach Grundlsee, Österreich, um die Kinder zu sehen. Den gesamten August über (2.8. bis 5.9.1936) reist er allein durch Europa: Norwegen, Dänemark, Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Schweiz, Frankreich, England, Dänemark, Norwegen. Am 4. Oktober 1936 besucht Malinowski Reich in Oslo. 1. Mai 1937: das Labor für Lebensforschung wird eröffnet. DuTeil vom 26. Juli bis 7. August in Oslo. Am 22. September beginnt die konservative Aftenposten mit der norwegische Pressekampagne. 1938: im Juli ist Reich campen, im August erste Notizen über die Arbeitsdemokratie. Am 18. August 1939 verläßt Reich Norwegen.

Die Kopenhagener Ortsgruppe der Sexpol wurde 1936 geschlossen. Dr. med. Leunbach mußte eine dreimonatige Haftstrafe wegen illegaler Abtreibung absitzen. Das gleiche passierte Dr. med. Tage Philipson, dem vorgeworfen wurde, Patienten vernachlässigt zu haben. Darüber hinaus wurde Leunbach (Jahrgang 1884) das Recht zur Berufsausübung für fünf Jahre entzogen, außerdem wurde er durch den Verlust seiner Bürgerrechte bestraft. Philipson wurde das Recht zu praktizieren für drei Jahre entzogen. Auch wurde die Krankenschwester Frau Perlmutter verurteilt. Wegen des Mangels an Unterstützung für Leunbach und Philipson durch die Sexpol-Mitglieder stellte Reich die Sexpol ein: seine „politische Arbeit“ hatte ein Ende gefunden.

zeitschrift2In Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (Band 3, Doppel-Heft 3/4(10/11) 1936) findet sich unter der Rubrik „Die internationale Sexpol-Diskussion“ das folgende von Interesse:

In der deutsche Emigrantenpresse in Frankreich besprachen im Januar und Februar 1934 deutsche Trotzkistische Zeitschriften Reichs Massepsychologie ziemlich positiv, jedoch änderten sie ihre Ansicht offenbar sehr bald. Es gab eine abfällige Schmähung der Sexualpolitik (ohne sich speziell auf Reich und seine Gruppe zu beziehen). Im März 1936 veröffentlichte die Trotzkistische Unser Wort ein komplette Ablehnung und verständnislose Kritik von Karl Tschitz‘ Sexpol-Buch Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland. Die Besprechung enthielt auch scharfe Schmähungen gegen die Sexualökonomie generell (S. 157f).

Am 17. Mai 1936 veröffentlichte Mot Dag, die Zeitschrift der Marxistischen norwegischen Gruppierung Mot Dag, einen Artikel von Hanns Vogt: „Wer regiert Deutschland?“. Dort diskutiert er auch, sich auf Reichs Massepsychologie beziehend, die sexual-psychologischen Wurzeln der NS-Idologie. Dies ist um so bemerkenswerter, als Mot Dag zuvor der Sex-Pol ablehnend gegenübergestanden hatte (S. 159). (Zu Vogt siehe Der Rote Faden: Willy Brandt und Mot Dag (Teil 2)).

Die Zeitschrift der norwegischen Arbeiterpartei Kamp og Kultur veröffentlicht das Kulturprogramm der Sex-Pol gefolgt von einen furiosen Angriff von Digernes in dem kommunistische Parteiorgan Arbeideren am 22. und 25. Mai 1936. Digernes sei, so heißt es in der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, nicht in der Lage, zwischen den subjektiven Inhalten und der objektiven Funktion einer Ideologie zu unterscheiden, was ihn – offenbar bewußt bösartig – zu Mißverständnissen führt. Zum Beispiel bestreitet die Sex-Pol nicht die psychologische Realität der Religion, findet darin sogar eine verschleierte Lebensbejahung, was Digernes so interpretiert, daß die Sex-Pol die Religion verteidige (S. 159). (Reich ist ein „Psycho-Faschist“!)

Diese Notizen über Trotzkisten, linke Sozialisten und Kommunisten werfen ein Licht auf Reichs politische Position zu dieser Zeit und seine politische Entwicklung:

  1. Desillusioniert durch den Großen Krieg wird Reich, wie alle um ihn herum, ein Sozialdemokrat (1919-1927).
  2. In Österreich war die Sozialdemokratie verbal sehr radikal, aber ihre tatsächliche Politik wurde immer defätistischer, so daß sich Reich der damals extrem linken Komintern zuwendet (1927-1933).
  3. Trennung von der Komintern (1932-34).
  4. Reich wendet sich mehr und mehr den Trotzkisten zu, gefolgt von einer ähnlichen Trennung weg von den Trotzkisten (1933-36).
  5. Reich nähert sich den linken sozialistischen Organisationen wie Brandts SAP (z.B. auf dem Innencover seiner Zeitschrift druckt Reich 1937 eine Anzeige für das Organ der SAP ab) und der Mot Dag (1935-39) an.
  6. Er formuliert das Konzept seiner Arbeitsdemokratie zunächst ganz ähnlich wie linke „Sozialdemokratie“, distanziert sich dann aber zunehmend von der Linken (1937-46).
  7. Nachdem er sieht, daß selbst der neue, der zweite „Große Krieg“ nicht ausreicht, um Bewegung „in den Massen“ zu tragen, wendet er sich der Rechten zu: aus einem Roosevelt-Fan wird ein Eisenhower-Fan (1946-57).
  8. Der nächste logische Schritt wäre gewesen, alle veralteten theoretischen Verbindungen zu Marx und Lenin zu kappen, was aber erst die ACO-Orgonomen taten.

Mittlerweile in Amerika ansässig, zitiert Otto Fenichel in einem seiner Rundbriefe (3. August 1938) einen Bericht von Gerö über Norwegen:

In den Zeitungen tobt seit Monaten eine Kampagne für und gegen Reich. Er, d.h. seine elektrischen Narrheiten, wurden von wissenschaftlichen Kreisen als ärgste Charlatanerie entlarvt, von manchen Seiten auch die Nicht-Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung gefordert. Verteidigt wurde er vor allem von den Narren des inneren Kreises Sigurd Hoel, Nic Hoel, Ola Raknes, Havrevold. Schjelderup ist vollständig abgefallen. Er sagt jetzt die gleichen Wahrheiten über Reich, die er von Dir (Fenichel) und mir schon vor Jahren gehört und damals höhnisch abgelehnt hat. Er gab mir gegenüber zu, daß Reich die Psychoanalyse in Norwegen fürchterlich geschädigt hat. Trotzdem haben sowohl er wie Braatöy ein Gesuch unterschrieben, das für die Verlängerung von Reichs Aufenthaltsbewilligung eintritt, weil sie sehr anständig den Standpunkt vertreten, daß man verhindern soll, daß die Ausweisung Reichs einen Präzedenzfall gegen das Asylrecht schafft. (119 Rundbriefe, Bd. 2 (Amerika), S. 951f)

Im Rundbrief vom 6. Februar 1939 zitiert Fenichel aus einem Brief aus Skandinavien:

Aus Oslo hört man, daß dort die Sex.Pol. immer mehr einschrumpft. Sigurt Hoel scheint bereits zu schwanken, dagegen Raknes und Nic Hoell keineswegs. … Die Zeitschrift erscheint nicht mehr. … Eine Tratschgeschichte ist bezeichnend für den Geist der Sex.Pol.: Bei Raknes ziehen sich die Patienten Trainingsanzüge an, bevor sie die „vegeto-therapeutische“ Seance beginnen. (ebd., S. 1065)

Punkt 3 des Rundbriefs vom 3. Mai 1939 handelt von Skandinavien: vor einiger Zeit hielt der norwegische Psychoanalytiker Braatöy einen Vortrag vor der Studenterforeening in Kopenhagen. Fenichels Berichterstatter:

Es ist interessant, wie diese Norweger, selbst Braatöy, der nie ganz die Distanz verloren hat, von Reich und der Sex.Pol.-Ideologie verdummt worden sind. Eine an sich wünschenswerte Kulturkritik an dem heutigen Erziehungssystem verliert ihre Berechtigung und Überzeugungskraft wegen unklarer Gesichtspunkte und falscher Verallgemeinerungen. Denn Braatöy hat nicht klar unterschieden zwischen der affektiven Lebendigkeit des unneurotischen Menschen und dem neurotischen Affektausbruch, so daß die Karikatur, die ich Dir beilege, ihn ganz treffend ironisiert. Danach, was er gesagt hat, könnte man annehmen, hysterische Affektausbrüche wären der Idealzustand für den Normalen. (…) In Oslo ist jetzt glücklicherweise zwischen Reichisten und Analytikern jede Verbindung abgebrochen. Zu Reich halten jetzt nur mehr Raknes und die Hoel. (ebd., S. 1107f)

Der Rote Faden: Kommunismus und Psychoanalyse (Teil 2)

20. April 2014

Zu seiner Überraschung erfährt Otto Fenichel Mitte 1938, daß der New Yorker Psychoanalytiker Monroe A. Meyer (1892-1939) ein Kommunist ist (119 Rundbriefe, Bd. 2, S. 884). Meyer war Mitbegründer des New York Psychoanalytic Institute und starb1939. Es gab offensichtlich Kommunisten in der New Yorker Gruppe von Sandor Rado. Ende 1938 zitiert Fenichel einen Brief aus New York: „Es gibt hier eine Reihe von Ärzten in der Analyse oder analytisch interessierte, links orientiert, die sich innerhalb der (New Yorker Psychoanalytischen) Vereinigung organisieren möchten. Sie interessieren sich für Sie (Fenichel).“ Fenichel fragt: „Sollte es sich um den stalinistischen M. (onroe) M. (eyer) handeln?“ (ebd., S. 993).

Mehr über die Fraktion der linken Psychoanalytiker in New York: „An der Spitze der Gruppe steht ein Psychiater (PN: Monroe Meyer?) – Analysand von Ophuijsen, Linienmensch (PN: „Parteilinie“ – bezieht sich dies auf die KP oder die Psychoanalyse?). Unlängst haben sie eine Sitzung mit einem Referat über Fenichels ‚Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-materialistischen Psychologie‘ (PN: Erstveröffentlichung in Reichs Zeitschrift!) gehabt.“ (ebd., S. 1070).

Schließlich erhält Fenichel endlich einen Brief (der Autor wird Monroe Meyer sein) von der besagten Gruppe:

Seit einiger Zeit bin ich sehr interessiert an der Beziehung der Psychoanalyse zu sozialen Problemen. Etliche junge Psychiater, Analytiker und andere teilen dieses Interesse und wir haben eine Diskussionsgruppe organisiert, die sich von Zeit zu Zeit trifft. Unser letztes Treffen vor etwa einem Monat war einer Diskussion der Punkte gewidmet, die in Ihrer Antwort auf Glover über den Krieg und Ihren Artikel über Dialektischen Materialismus und Psychoanalyse aufgeworfen worden sind. Ein Mitglied der Gruppe übersetzte Ihre Artikel (die ich von Edith Buxbaum geliehen hatte), las sie der Gruppe vor und es folgte eine lebhafte Diskussion.

Unsere Situation im Hinblick auf das Problem der Formulierung der Beziehung zwischen einer dialektisch-materialistischen Psychologie, welche die Psychoanalyse tatsächlich ist, und einer dialektisch-materialistischen Soziologie ist sehr komplex. Wie Sie wissen, betrachten die meisten progressiven linken Gruppen die Psychoanalyse mit Argwohn. Sie sehen sie in ihren Konsequenzen als reaktionär. Diese Sichtweise wird natürlich angeregt von Werken wie denen Glovers über das Problem des Krieges und ähnliche „Erklärungen“, daß der Verrat in München durch eine homosexuelle Panik, die Hitler bei Chamberlain geweckt habe, verursacht wurde. Neben Unsinn dieser Art, die auch in der Formulierung zum Ausdruck kommt, daß alle progressive politische Tätigkeit eine Neurose ist, die durch Psychoanalyse geheilt werden müsse, haben wir ein noch größeres Problem.

Es gibt eine Reihe von Psychoanalytikern in New York mit einer progressiven politischen Sichtweise, die versuchen, eine linke Perspektive für die Gesellschaft mit der Psychoanalyse zu verbinden. Leider haben sie gleichzeitig drastische Veränderungen in ihrer [Form von] Psychoanalyse vorgenommen, daß ich ernsthafte Zweifel habe, daß das, was nach der Revision übrigbleibt, noch Psychoanalyse ist. Die Hauptvertreter dieser Ansichten sind Karen Horney und Kardiner. Das Ergebnis ihrer Tätigkeit war, daß viele Leute zu glauben anfangen, daß es eine wesentliche Verbindung zwischen diesen drastischen Überarbeitungen der Psychoanalyse und einer progressiven Sicht gibt. Es hat die Menschen, die eine linke Anschauung haben und zur gleichen Zeit an die Freudsche Psychoanalyse glauben, in die Defensive versetzt. Die Situation wird weiter durch die Tatsache erschwert, daß das New York Psychoanalytic Institute von Radó kontrolliert wird, der eine tiefe Feindschaft zu Freud und zur Psychoanalyse hat, obwohl er noch diesen Begriffen anhängt. (…)

Ich kenne einige der Schriften von William (PN: sic!) Reich über die Beziehung der Psychoanalyse zum Marxismus. Seine anschließende Entwicklung ist, sowohl aus analytischer als auch aus marxistischer Sicht, natürlich sehr bedauerlich gewesen. Allerdings habe ich von einem seiner Artikel, der in Unter dem Banner des Marxismus unter dem Titel „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ erschienen ist, eine Menge gelernt. Ich habe Ihre Artikel, die wir auf unserer letzten Sitzung besprochen haben, sehr genossen. Am durchweg hilfreichsten und anregendsten fand ich aber Ihren Artikel im Psychoanalytic Quarterly über „The Drive to Amass Wealth“ (PN: 1938, 69-95). Ich hatte den Eindruck, daß dies ein perfektes Beispiel für die Art und Weise ist, mit einem Phänomen aus der Trieb- und gleichzeitig aus der sozialen Perspektive umzugehen. Ich freue mich sehr, weitere Artikel von Ihnen in dieser Richtung zu lesen. (ebd., S. 1081-1083)

Nach einer Anmerkung der Herausgeber der 119 Rundbriefe war unser stalinistischer Psychoanalytiker Meyer 1938 Mitglied der Redaktion des Psychoanalytic Quarterly (ebd., S. 1184).

Schwerpunkt des Rundbriefs vom 12. März 1939 ist eine Besprechung von Francis H. Bartlett: „The Limitation of Freud“ (Science and Society, A Marxian Quarterly, III/1, Winter 1939). Wichtig ist, daß Bartlett eine hingebungsvolle Stalinistin war, die gleichzeitig sehr an der Psychoanalyse interessiert war und die die UdSSR als ein Paradies ohne Notwendigkeit eines Über-Ich und der Unterdrückung der Triebe beschreibt. Fenichel kritisiert diese Haltung als unwissenschaftlich. Interessant ist auch, daß sie nie Reich zitiert, Fenichel jedoch glaubt, sie habe Reich tatsächlich studiert. Ihre Analyse des Über-Ich und des Verhaltens der unterdrückten Klassen, sowie ihre Analyse des Todestriebes, mache es ganz offensichtlich, daß sie Reich gelesen habe (ebd., S. 1070-1081).

In seinem Artikel „The Biological Revolution from Homo Normalis to the Child of the Future“, den Reich 1950 geschrieben haben muß, beschreibt er das Bündnis zwischen dem Roten Faschismus und der Psychoanalyse:

Im kommunistischen Lager entdeckte Homo normalis die psychoanalytische kulturelle Anpassung, nachdem Homo normalis im psychoanalytischen Lager die sexuelle Theorie getötet und sie dem Vergessen anheim gegeben hatte. Nun, da die Idee der menschlichen Emanzipation genauso tot ist wie die Lehre von der Sexualbiologie des Kleinkindes, finden sich die Homines normales beider Lager vereinigt im gemeinsamen Kampf gegen die Sexualökonomie, die ihre Aktivitäten bedroht. Biopathische alte Jungfern der Linken schlossen sich mit den alten Jungfern der kulturellen Front zusammen.

In diesem Zusammenhang verweist Reich auf die Veröffentlichung des Brady-Artikels im Bulletin der renommierten Menniger-Klinik im Jahre 1948. Er fährt fort:

Dennoch setzte sich der Kampf für die Rechte des gesunden Kindes fort. Nachdem die Orgonbiophysik innerhalb der Vereinigten Staaten immer mehr Boden und Vertrauen gewonnen hatte, begannen wirklich lebendige und mutige Amerikaner ab ca. 1945 sich in der Tagespresse zugunsten natürlicher infantiler Genitalität zu Wort zu melden. Dies war ein großer Schritt vorwärts. Während die linken Retter der Menschheit nach einer roten oder rosafarbenen Revolution riefen, spielte sich die wahre soziale Revolution, die Revolution, die Auswirkungen auf die Erziehung der Kinder hat, hier vor den Augen der Menschen ab. Diese Revolution wurde von Marxisten und Psychoanalytikern gleichermaßen bekämpft. Sie lief ab ohne Marschmusik und Salutschüsse. Glücklicherweise nahm niemand, der sich selbst als Vater aller proletarischen Völker bezeichnet, daran teil. Stattdessen waren die Teilnehmer motivierte, lebendige Männer und Frauen aus den Bereichen Bildung und Medizin, die ihre Pflicht taten. (Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 37)

russueberich

Der Rote Faden: Otto Fenichel (Teil 3)

2. Februar 2014

Fenichels erster amerikanischer Rundbrief (Los Angeles, 25. Juni 1938) handelt u.a. von seiner Reise durch Amerika von der Ost- zur Westküste. Erste Station war New York: Er bezeichnet Rado als den wichtigsten Intriganten von New York. „Rado ist der Diktator von New York“ (119 Rundbriefe, S. 879). Diese New Yorker Psychoanalytiker waren diejenigen, die Reich später zerstören sollten. Von New York ging Fenichel zu den Psychoanalytikern in New Haven (Connecticut) und weiter nach Boston, gefolgt von Chicago, der Menninger Clinic in Topeka, nach San Francisco und schließlich nach Los Angeles (ebd., S. 889ff).

In seinem Rundbrief vom 25. Juni 1938, unter Berufung auf seinen Abschiedsvortrag in Prag vom 29. April 1938, gibt es die folgende Anspielung auf Reich: „Ich glaube auch nicht, daß man dem faschistisch-antiwissenschaftlichen Geist dadurch entgehen kann, daß man seine Prinzipien einfach in das entgegengesetzte Extrem überträgt und ‚linke‘ Politik innerhalb der Psychoanalyse mit Unlogik, historischen Fälschungen und ‚alles oder nichts‘-Forderungen betreibt, wie wir hören, daß es im Norden Europas geschehe“ (ebd., S. 931). Das ist Otto Fenichel – die Fleischwerdung des genauen Gegenteils von Wilhelm Reich!

In seinem Rundbrief vom 23. Nov. 1939 präsentiert Fenichel, was er über Reich aus New York erfahren hat. Ihm wurde geschrieben:

Reich wohnt in Queens. Er kam her mit Hilfe einer Organisation, die eine Schule betreibt, etwa vom Range einer Volkshochschule [gemeint ist die New School of Social Research]. Soll dort „medizinische Psychologie“ lesen. Erforscht „Krebs“, hat herausgefunden, daß es sich nicht um ein abnormes Zellwachstum handelt, sondern um Neuentstehung von Zellen aus Abfallsubstanz, genau wie bei den Bionen. Hat irgendwelche großartigen Apparate mitgebracht, mit denen er exhibiert (sic!). Bis jetzt noch kein Stunk in der Öffentlichkeit. (ebd., S. 1235)

Einige Kommentare von Fenichel über München September 1938, wo er nicht nur Chamberlain kritisiert, sondern auch die europäischen Sozialisten (S. 979), machen erneut deutlich, daß Fenichel weit links stand und orthodoxer Marxist war. Siehe dazu Punkt 3 von Reichs „Basic Tenets on Red Fascism“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1995, S. 213f): Fenichel hat nie offen gesagt, wo er politisch stand und verbarg systematisch seine grundlegenden Charakterzüge.

In der redaktionellen Einleitung zu den Rundbriefen von 1939 lesen wir:

Er (Fenichel) berichtete von seiner Teilnahme an einem „Stammtisch“ kalifornischer Professoren der Technischen Hochschule in Pasadena. Der Physiker Robert Oppenheimer organisierte anschließend den von Fenichel in der zweiten Augusthälfte (1939) in San Francisco gehaltenen Vortrag „Psychoanalyse und Soziologie“. (ebd., S. 1043f)

Na also! 1939 hatte Fenichel engen Kontakt zu kommunistischen moskau-hörigen Physikern, die sich für die Psychoanalyse interessierten. Ich bin sicher, daß Fenichel ihnen gegenüber Reich erwähnte.

Der letzte Punkt von Fenichels Rundbrief vom 15. Juli 1939:

Von einem Kollegen, der mein Referat (im Rundbrief) über Bartlett gelesen hat [Francis H. Bartlett: „The Limitations of Freud“ Science and Society. A Marxian Quarterly 3, 1939], wurde ich eingeladen, an einem sog. „Stammtisch“ von Professoren des „Caltec“ [technische Hochschule in Pasadena] teilzunehmen. Es handelt sich um regelmäßige Zusammenkünfte zur zwanglosen Besprechung akuter wissenschaftlicher Themen. Es fand eine ex abrupto Diskussion über das Gebiet „Psychoanalyse und Soziologie“ statt, die im allgemeinen erfreulich war, aber daran litt, daß die Teilnehmer meist zu wenig über Psychoanalyse wußten. Immerhin fand ich wieder einmal den alten Satz bestätigt, daß Naturwissenschaftler unvergleichlich mehr Verständnis für Psychoanalyse haben als Ärzte. – Das Resultat war, daß ich einem marxistischen Physik-Professor von Berkeley, Robert Oppenheimer, meine Arbeit „Die Psychoanalyse als Keim…“ [Fenichels „Über die Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-materialistischen Psychologie“ war 1934 in Reichs Zeitschrift erschienen] zu lesen gab, worauf er mir u.a. schrieb: „Vielen Dank für das Übersenden Ihres Artikels ‚Über die Psychoanalyse als Keim usw.‘ Ich war begeistert über die vielen durchdachten und prägnanten Punkte, aber vor allem über die offensichtliche und seltene Aufrichtigkeit, Ihre Wertschätzung der Analyse und des Marxismus. Ich denke, daß es ein äußerst wertvoller Anfang wäre, diesen Artikel in Science and Society [die bereits erwähnte „Marxistische Vierteljahresschrift“] veröffentlicht zu bekommen; Ich denke, es gibt einige Änderungen und nur ein paar Ergänzungen, die Sie nun vornehmen möchten. Mein Vorschlag wäre dies: daß ich versuche, die Veröffentlichung des Artikels vorzubereiten und eine Übersetzung zu erstellen.“ (ebd., S. 1180f)

Eine Übersetzung von Fenichels Artikel wurde nicht veröffentlicht.

Wußten Sie, daß Fenichel 1930 oder 1931 die UdSSR besucht hatte, wie zuvor Reich 1929? Laut Russel Jacoby (Die Verdrängung der Psychoanalyse, Kapitel 3) gab es mehrere Besuche von Fenichel in der Sowjetunion. Jacoby nennt Fenichel unverblümt einen „Fellow Traveler”. Nun, in seinem Rundbrief vom 15. August 1940 erwähnt Fenichel seinen alten Artikel über seine Reise in die UdSSR: „Die offene Arbeitskolonie Bolschewo“ (Imago 17, 1931, S. 526-530). In der Zeitschrift Psychiatry (November 1939) findet sich ein Artikel von Nathan Berman „Individual Therapy and Socialized Living in the Soviet Union“, der ebenfalls von der Arbeitskolonie Bolschewo handelt. Fenichel ist erfreut über gute Veränderungen in Bolschewo: sie wächst, ist wirtschaftlich autark, usf. Aber es gibt auch unangenehme Neuigkeiten: „Die Familie ist inzwischen anerkannt als die treibende Kraft, die das Leben des Kindes bestimmt“ (ebd., S. 1356), d.h. all die Dinge, die Reich in Die sexuelle Revolution moniert.

Am 13. Mai 1945 (ebd., S. 1943) kommt er auf seinen Aufsatz von 1931 zurück. Er stehe zu dem, was er damals geschrieben habe. Es sei eine Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft gewesen und habe deshalb funktioniert. Kurze Zeit nachdem der Artikel erschienen war, hätten sie Nikolaj Ekks Film Der Weg ins Leben (1931) gesehen, auf den sich auch Reich bezogen hatte. Man hätte damals enttäuscht die mangelnde Ernsthaftigkeit kritisiert, mit der die Sexualnot angegangen wurde und hörte von der Sowjetunion nur die, so Fenichel, unsinnige Antwort: „Neurosen und sexuelle Probleme gibt es nur in kapitalistischen Gesellschaften.“

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Fenichel kommt 14 Jahre später auf dieses Thema zu sprechen, wegen Nathan Bermans Artikel „The Making of the Soviet Citizen“ von (Psychiatrie 8, 1945, 35-48). Als Begründer der Offenen Arbeitskolonien wird nicht Dscherschinski, der Gründer der Tscheka, genannt, sondern ein Ukrainer namens Makarenko, der wie kein anderer, natürlich außer Stalin, die sowjetische Jugend geprägt habe. Seine Theorie? „Kultivierung des Gefühls für Pflicht, Ehre und Zielstrebigkeit, eng verbunden mit der Bildung eines starken Willens, von Mut und von Disziplin ist eine der Grundlagen des pädagogischen Systems Makarenkos.“ Was ist seine Psychologie? „Das anti-soziale Selbst besteht aus mehreren Schichten, darunter das Stehlen.“ Dazu Fenichel: „Nach diesen Zitaten ist es kein Wunder, daß der Leser ein Körnchen Skepsis behält, auch wenn der Autor die Stärke der Menschen in diesem [Zweiten Welt-] Krieg mit der gewaltigen Kraft des Dnjeprostroj vergleicht.“ (Anspielung auf das damals größte Wasserkraftwerk der Welt, das zwischen 1927 und 1932 erbaut wurde.)

In seinem Rundbrief vom 1. März 1941 zitiert Fenichel aus einem Brief aus New York: „Gestern tagte unsere neue Diskussionsgemeinschaft (die sich privat bei Hermann Nunberg traf), (die) Krisens (Ernst Kris und seine Frau), (die) Wälders (Robert Wälder und seine Frau), Nunberg, Heinz Hartmann, Annie (Reich-Rubinstein), (Eduard) Kronengold, (Ludwig) Eidelberg (…), (Otto) Isakower, Bertl Bornstein, Edith Buxbaum, (Margaret) Mahler(-Schönberger), (Yela) Löwenfeld und Edith Jacobsohn“ (ebd., S. 1423). Reichs alte Freunde = Feinde aus Wien. Was diese Gruppe Reich antat, findet sich in Reichs Dokumentensammlung Conspiracy: am 10. Nov. 1948 berichtete Reichs Schüler R. Singer, daß Nunberg und Annie Rubinstein im Hillside Psychiatric Hospital das Gerücht verbreitet hätten, Reich masturbiere seine Patienten.

Fenichel bespricht einen Artikel von Edith Weigert-Vorwinckel: „The Cult and Mythology of the Magna Mater from the Standpoint of Psychoanalysis“ und schließt, daß Reich vollkommen falsch lag, was das matriarchale Zeitalter als Goldes Zeitalter vor dem Einbruch der Sexualmora betrifft: Kastration, Menschenopfer, orale Fixierung, etc. (ebd., S. 1096).

Nicht nur der Kommunismus, sondern auch der pseudowissenschaftliche Kult Psychoanalyse ist die organisierte Emotionelle Pest! Die Rundbriefe machen zwar deutlich, daß Fenichel und seine Gruppe keine Freunde von Reichs Todfeinden Paul Federn und Sandor Rado waren. Fenichel macht sich ständig über sie lustig und bringt seine Verachtung für ihre verrückten pseudowissenschaftlichen Ideen zum Ausdruck. Er stimmt auch nicht mit den trieb-unterdrückerischen Theorien von Anna Freud überein. Aber es ist auch wahr, und sagt alles über Fenichel, daß seine Gruppe akzeptierte, daß Reichs Tochter Eva mit Anna Freuds verbrecherisch quacksalberischer Kinderpsychoanalyse gefoltert wurde. Was haben sie Eva Reich angetan! Was haben sie zu ihren anderen Patienten angetan! Was haben sie der amerikanischen Kultur angetan! Ich glaube, es gab zwei schreckliche Tragödien in der amerikanischen Geschichte: die Ankunft der englischen Puritaner und die Ankunft der deutsch-österreichischen Psychoanalytiker. Seelisch gestörter Abschaum!

Nach dem Studium dieser Rundbriefe, die sehr gut von Russel Jacoby zusammengefaßt wurden, muß ich gegen Richard Blasbands Besprechung von Jacobys Die Verdrängung der Psychoanalyse im Journal of Orgonomy protestieren (18, Nov. 1984, 238-247). Dort präsentiert Blasband Fenichel als eine Art Held und Märtyrer. Fenichel war in Wirklichkeit nichts als ein Ärgernis. Ich erinnere mich auch an Blasbands Besprechung von George Frankles The Failure of the Sexual Revolution (Journal of Orgonomy, 14, Nov. 1980, 240-244). Er stellt Frankle neben Reich und Baker – liest man das Buch aber selbst, sieht man, daß Frankle nichts anderes als ein Freudo-Marxist im Stile Fenichels war.

In der Regel erinnert mich Fenichels psychoanalytische Kritik an Reich an Chester M. Raphael’s Kritik an Elsworth F. Baker (Wilhelm Reich, Mis-construed, Mis-esteemed). Manchmal ist es fast wortwörtlich das gleiche. Eine weitere Parallele, an die ich oft denken mußte, ist die Abspaltung des Institute for Orgonomic Science von Bakers American College of Orgonomy. Auf die gleiche Weise emanzipierten sich Fenichel und seine Freunde von dem autoritären Reich. Die Rundbriefe ähneln den Annals of the Institute of Orgonomic Science mit ihren „Notes from Afield“ und „Clinical Symposium“, herablassenden Besprechungen, etc.

fenichel