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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 2)

18. Juni 2016

Während seiner illegalen Tätigkeit in Norwegen war Willy Brandt (alias Felix Franke, alias Flamme) Berufsaktivist der SAP. Sommer 1933 kam seine 19jährige Freundin Gertrud („Trudel“) Meyer aus Lübeck, der Heimatstadt von Brandt. Ihre Aufenthaltsgenehmigung erhielt sie durch eine Scheinehe mit dem norwegischen Studenten Gunnar Gaasland. Brandt traf, so sein Biograph Rudolf Schröck den Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der, eine bahnbrechende Analyse des Nationalsozialismus, die Massenpsychologie des Faschismus, verfaßt hatte. Reich wäre, so Schröck, von der KPD wegen seiner „sexual-politischen Abweichung“ ausgeschlossen worden. Später sei er ein „sexueller Doktrinär“ geworden und habe über „die Funktion des Orgasmus“ geschrieben, dem er energetische Superkräfte zusprach (Schröck: Brandt, München 1991).

Schröck spiegelt in vieler Hinsicht Brandts eigene Einstellung zu Reich wider. Die Experimente Reichs kamen Brandt nach eigener Aussage zunehmend obskurer vor. In seiner Autobiographie beschreibt er die weitere Entwicklung Reichs im Stil von Mildred Brady und Christopher Turner. Reich war geisteskrank! (Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Über Mot Dag kam Brandt in Kontakt mit vielen Schriftstellern und Künstlern, insbesondere Sigurd Hoel, ein frühes Mitglied von Mot Dag und enger Mitarbeiter Reichs. Der außergewöhnlich begabte Poet Arnulf Överland, ebenfalls eng mit Reich verbunden, war politisch sehr engagiert und schreckte nicht einmal davor zurück, mit der deutschen Besatzungsmacht in Konflikt zu geraten. Brandt traf ihn am Ende des Krieges wieder, als Överland entkräftet und verbittert aus Sachsenhausen zurückkehrte. Er bewegte sich später weit weg von seinen ursprünglichen radikalen Überzeugungen (ebd.). 1960 als Brandt Bürgermeister von West Berlin war, war er immer noch mit Hoel und Överland befreundet (Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Letztendlich war dem jungen Marxisten Brandt der „Klassenkampf“ wichtiger als die „sexuelle Frage“. Zusammen mit dem Historiker Johan Vogt, einem späteren ordentlichen Professor, übersetzte Brandt zum allerersten Mal überhaupt Marx‘ Kapital ins Norwegische. Schröck schreibt, daß Brandt das mehr oder weniger als Beleg für seine „richtige Einstellung“ tat, aber ich glaube, daß Brandt die Übersetzung auf sich nahm, um dem Einfluß Reichs in Norwegen entgegenzuwirken: Vergessen Sie das Sexualproblem, die Wirtschaftsprobleme sind der wahre Knackpunkt! Da Vogt vom allerersten Augenblick ein Mitglied von Mot Dag war, kann man die Übersetzung als Mot Dag-Projekt betrachten (Einhart Lorenz: Brandt in Norwegen. Die Jahre des Exils 1933 bis 1940, Kiel 1989).

Trotz allem: Brandt wäre nicht Brandt, wenn er sich nicht auch als Freund der Reichschen Sache präsentieren würde! Er habe viel dumme Spöttelei und idiotische schmutzige Witze über Reichs Sexualökonomie gehört. Brandts eigene Beschreibung der Sexualökonomie ist sowohl zustimmend als auch orgonomisch korrekt. Einige von Reichs Patienten und Schülern, die sich als enge Gemeinschaft betrachteten, gehörten dem engeren Freundeskreis von Brandt an. Reich selbst war in den ersten Jahren in Oslo für Brandt ein anregender und fantasievoller Gesprächspartner über Themen wie Politik, Literatur und sexuelles Verhalten. Brandt beschreibt Reich wie folgt: rötliches Gesicht, graues Haar, braune Augen, eine das Gegenüber bezwingende Art des Sprechens. Brandts Freundin Gertrud wurde Sekretärin Reichs. So kam es, daß sich Brandt und Reich häufig mit Freunden aus der Jugendbewegung trafen, in Schweden manchmal sogar mit illegalen Besuchern aus Deutschland. Als Gertrud 1939 in die USA ging, war ursprünglich geplant, daß sie einige Zeit später nach Norwegen zurückkehre, aber der Krieg verhinderte das. Dennoch arbeitete sie nicht lange für Reich, weil sie seinem Konzept der Arbeitsdemokratie nicht folgen konnte (Brandt: Links und Frei).

Bereits Dezember 1938, anläßlich von Brandts 25. Geburtstag (siehe Jenseits der Psychologie, S. 278f), hatten Brandt und Reich eine Auseinandersetzung über die Arbeitsdemokratie. Reich bestand darauf, daß eine Regierung, die die besten Wissenschaftler und Experten umfaßt, der Massendemokratie mit allen ihren Schwächen vorzuziehen sei. Brandt wandte dagegen ein, ob nicht ein „fachidiotisches Chaos“ das Resultat sein würde (Brandt: Links und Frei).

Brandt war gegenüber der reformistischen Norwegischen Arbeiterpartei (NAP) sehr kritisch eingestellt, da sie nicht mehr Marxistisch war. Anfang der 1920er Jahre war die NAP Mitglied der Kommunistischen Internationale gewesen, wurde dann aber langsam so reformistisch wie die deutsche SPD. Durch die radikale Kritik und die rhetorische Brillanz ihres Führers, Erling Falk, übte Mot Dag eine große Anziehungskraft auf Brandt aus. Andererseits mochte Brandt Erling Falk auf persönlicher Ebene nicht. Falk hatte offensichtlich Angst vor Frauen, während Brandt selbst ein berüchtigter Schürzenjäger war. Falk war eine Art „Hohepriester des Intellektualismus“. Die Mitglieder von Mot Dag verehrten ihn wie die Anhänger eines mittelalterlichen Ordens. Studenten, Akademiker, Schriftsteller, Wissenschaftler bildeten diesen Orden einer sozialistischen Elite. Über viele Jahre hinweg dominierten sie das politische Leben der aufstrebenden Generationen. Der Kreis war mit zahllosen Veröffentlichungen präsent. Brandt distanzierte sich schließlich von dieser Gruppe, weil sie alle in ihren intellektuellen Bestrebungen aufgingen, anstatt sich der praktischen Politik zuzuwenden (Brandt: Mein Weg nach Berlin).

Mot Dag wurde von Falks Persönlichkeit geformt. Falk stammte aus Nordnorwegen, war 10 Jahre lang in den Vereinigten Staaten gewesen, wo er von der revolutionär-syndikalistischen Industrial Workers of the World beeinfluß worden war. Später studierte er den Marxismus. Er war, so Brandt, ein schlaksiger, gebrechlicher, häßlicher Mann mit dem Hals eines Geiers und dem Kopf eines gerupften Vogels, den Augen eines Adlers. Er hatte die absolute Macht über seine Jünger. Er war der „intellektuelle Hohepriester“ und „asketische Guru“ – sehr neurotisch, was man an seiner verklemmten und verdrehten Beziehung zum anderen Geschlecht ersehen kann. Das gleiche Problem hatte der Vorsitzende der norwegischen Arbeiterpartei Martin Tranmäl, obwohl Tranmäl und Falk einander nicht ausstehen konnten. Brandt sah damals, daß die sadistischen Neigungen in einer politischen Gruppe sublimiert werden und masochistische Wünsche ihre Erfüllung finden. Ihm zufolge scheinen sexuelle Hemmungen der Nährboden für begnadete Hasser und Intriganten zu sein. Politik als Ersatz für Liebe maskiere sich als altruistische Unbedingtheit (Brandt: Links und Frei).

1936 schloß sich Mot Dag der Norwegischen Arbeiterpartei an, jedoch mußte Falck draußen vor bleiben. Die Gruppe war in der Zwischenzeit seiner Kontrolle entglitten, weil er unter gesundheitlichen Problemen litt. Brandt sah Falk zum letzten Mal kurz vor dessen Tod 1940 in einem Krankenhaus in Stockholm. Angesichts der Weltkatastrophe hatte sich Falk mit seinen Widersachern in der sozialistischen Bewegung arrangiert (Brandt: Mein Weg nach Berlin). Der allerletzte Rat, den Falk Brandt auf seinem Sterbebett in Schweden gab: da ganz Europa dem Faschismus anheimfallen wird, sollte eine Elitegruppe skandinavischer Sozialisten in die USA gehen um zu überleben, so daß sie eines Tages die sozialistische Idee zurück nach Europa bringen können (Brandt: Links und Frei).

Reich war weniger ein Marxist („Theorie“), als weit eher Leninist („Praxis“). 1932 wurde Reich denn ja auch von Siegfried Bernfeld nicht als Marxist, sondern als Leninist angegriffen. In gleiche Richtung läuft die Kritik an Reich, die 1976 im Vorowrt zur vom Verlag O in Faksimile veröffentlichten Was ist Klassenbewußtsein? geäußert wurde: Reich,

der jahrelang gegen die autoritäre Erstarrung kämpfte, die in dem leninistischen Organisationskonzept der Kommunistischen Parteien (…) von allem Anfang an enthalten ist, ist selbst zu sehr Leninist, als daß er konsequent für eine antiautoritäre Revolutionierung der Revolutionäre und ihrer Organisationen einzutreten vermöchte. Er hält an der Lenin’schen Unterscheidung von Führung und Masse, von Bewußtsein der Avantgarde und tradeunionistischem Bewußtsein immer noch (…) fest.

„Reichianer“, die mich immer wieder von neuem auf die ungeheure Bedeutung von Karl Marx für Reichs Werk hinweisen, bringe ich gerne mit einer Frage und einem Hinweis aus dem Konzept.

  1. Zwar spricht Reich selbst von diesem Einfluß, insbesondere in Menschen im Staat, aber ich könne ihn jenseits dieser Behauptung nirgends ausmachen. Wo schlägt sich denn der Historische Materialismus Marxens genau in der Orgonomie nieder? Erst recht die Arbeitswertlehre?! Reichs sozialpsychologische Konzepte und das Konzept der Arbeitsdemokratie haben sich entwickelt, weil die Marxschen Voraussagen hinsichtlich des Verhältnisses von „Unterbau“ und „Überbau“ sich in keinem einzigen Punkt bewahrheitet haben. (Die Bedeutung von Friedrich Engels und dem Dialektischen Materialismus wollen wir hier draußen vor lassen!)
  2. Ein ganz anderer Denker hat unübersehbare Spuren in Reichs Werk hinterlassen. Ein Mann, dessen Erwähnung die besagten „Reichianer“ ganz und gar nicht goutieren, den sie teilweise sogar verabscheuen: Lenin! Werke wie Die Massenpsychologie des Faschismus („subjektiver Faktor in der Geschichte“!) und Was ist Klassenbewußtsein? sind ohne ihn schlicht undenkbar. Insbesondere zeigt sich aber der ungeheure Einfluß Lenins auf das Reichsche Werk anhand der organisatorischen Struktur der Orgonomie angefangen bei der „Sexpol“ bis zur heutigen Orgonomie.

Das ist mir bei der Lektüre des wirklich sehr empfehlenswerten Buches Karl Motesiczky 1904-1943 von Christiane Rothländer von neuem aufgegangen.

Rothländer zufolge war der erste Schritt zum Aufbau einer internationalen Sexpol-Organisation die Gründung der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie im April 1934 (ebd., S. 161). Dabei orientierte sich Reich an Lenins Schrift Womit beginnen? von 1901:

  1. muß jede revolutionäre Partei zunächst eine Zeitschrift ins Leben rufen.
  2. dient dieses Kampforgan der Propaganda nach außen und dem organisatorischen Aufbau und Zusammenhalt nach innen.
  3. dient es einerseits der politischen Erziehung der Massen und bietet diesen gleichzeitig ein Forum, um auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam zu machen.
  4. bildet das Kampforgan das Gerüst der sich entwickelnden Organisation, anhand dessen sie sich „entwickeln, vertiefen und erweitern“ kann.
  5. bildet das Kampforgan die ideologische Führung der Organisation, hinter ihr steht eine engumgrenzte zentrale Gruppe, der Führungskader.
  6. wird ein Netz „örtlicher Vertrauensleute“ aufgebaut, die mit dem Führungskader in persönlicher Verbindung stehen (ebd., S. 167f).

Nach diesem Muster formierte sich Mitte der 1930er Jahre in Skandinavien die Sexpol als geschlossene Organisation – und 30 Jahre später das American College of Orgonomy (ACO) in Amerika.

Rothländer führt aus (ebd., S. 172-177), daß zwei Besonderheiten die Sexpol vom originalen Konzept Lenins abhoben:

  1. versuchte sie so weit wie möglich unbürokratisch zu sein (in Reichs späterer Begrifflichkeit „arbeitsdemokratisch“) und verzichtete deshalb weitgehend auf Statuten, formale Hierarchien, „Parteigerichtsverfahren“, etc.
  2. entsprach es der Natur der Reichschen Arbeit, die sich aus der Psychoanalyse heraus entwickelt hatte, daß jeder, der im Namen der Organisation sprechen und agieren wollte, nicht nur eine entsprechende Schulung durchlaufen haben mußte, sondern vor allem auch eine Therapie. Es reichte nicht, daß die besagte Therapie („Umstrukturierung“, wie es schon damals hieß) bei irgendeinem Psychoanalytiker (inklusive ehemaligen Schülern Reichs!) durchgeführt wurde. Vielmehr mußte der Kandidat zu Reich selbst oder einem der gegenwärtig von Reich selbst ausdrücklich anerkannten Schüler gehen.

Beides führte, wie Rothländer überzeugend ausführt, zur Erstarrung und Isolierung der Sexpol.

  1. Ein geregeltes Parteileben hätte zwar, so Rothländer, eine gewisse Bürokratisierung mit sich gebracht, aber so wären auch die Voraussetzungen für eine innerparteiliche Demokratie, „Fraktionsbildung“ und eine „ideologische“ Weiterentwicklung, die nur aus solchen innerparteilichen Kämpfen hervorgehen kann, gegeben gewesen. Gerade wegen der Vermeidung von „Bürokratie“ („Gesetzlichkeit“) entwickelte sich eine auf Willkür beruhende autoritäre Organisation, in der alles auf Reich persönlich ausgerichtet war.
  2. Weiter verschärft wurde dies durch das Patient-Therapeut-Verhältnis und nicht zuletzt die dadurch sehr begrenzte Aufnahmekapazität der Organisation. Schulungen können schnell und weitgehend ohne Rücksicht auf die Person erfolgen. Die „charakterliche Umstrukturierung“ war auf wenige beschränkt, von denen wiederum nur einige die Therapie erfolgreich abschließen konnten und dafür einen ungeheuren (nicht zuletzt finanziellen) persönlichen Aufwand betreiben mußten.

Gewisserweise hat Reich Lenins Konzept weiter zugespitzt.

Wenn man die Geschichte des ACO verfolgt, hat sich hier alles so wiederholt, wie Rothländer es für die Sexpol ausführlich beschreibt. Elsworth F. Baker, der Ende der 1940er Jahre von Reich damit beauftragt worden war, eine neue Generation von Medizinischen Orgonomen auszubilden, erkannte als Ausbildung nur die Therapie bei ihm selbst bzw. bei dazu von ihm ausdrücklich dazu autorisierten Therapeuten an. Zunächst wurde das Journal of Orgonomy ins Leben gerufen, erst dann das ACO. Das ACO war eine arbeitsdemokratische Organisation, wurde aber letztendlich einzig und allein von Baker dominiert. „Abweichungen“ wurden nicht ausdiskutiert, sondern führten unmittelbar zum Verlassen der Gruppe. „Fraktionsbildungen“ endeten zwangsläufig in einer sofortigen Spaltung. Der Tod Bakers führte zu weiteren Mitgliederverlusten.

Und dies obwohl der Gründer des ACO, ein selbst für amerikanische Verhältnisse erzkonservativer Mann, denkbar weit von jedem linken, gar „Leninistischen“ Gedankengut entfernt war. Er hat einfach das weitergeführt, was ihm Reich mit seinem „Orgone Institute“, der „Wilhelm Reich Foundation“, etc. vorgelebt und in seinen Schriften festgelegt hatte. Kritiker des ACO wissen zumeist gar nicht, was sie da eigentlich kritisieren. Das, weniger der Inhalt ihrer Anwürfe, macht es so schwer sie ernst zu nehmen, wenn sie etwa an die „Arbeitsdemokratie“ (bzw. das, was sie dafür halten!) appellieren oder entsetzt sind, wenn die Therapie bei „irgendeinem“ Orgontherapeuten nicht als solche anerkannt wird. (So als wenn das zu Reichs Zeiten anders gewesen wäre!)

Was ist die Alternative? Nach Reichs Tod hat es diverse mehr oder weniger informelle, d.h. dezidiert „nicht-Leninistische“ „orgonomische Gruppen“ gegeben, die sich parallel, teilweise in ausgesprochener Opposition zum ACO gebildet haben. Deren Grundproblem war und ist, daß sie, wenn man so sagen kann, „gar nicht existieren“. In der Öffentlichkeit, selbst der „orgonomischen Öffentlichkeit“, sind sie so gut wie gar nicht präsent. Das, was sie vertreten, ist teilweise mehr als fragwürdig, denn sie haben die Tendenz die Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit zu verwässern. Sie sind damit in doppelter Hinsicht ein Beispiel für das, was Reich und Baker mit ihren „Leninistischen“ Organisationsprinzipien vermeiden wollten: den Wärmetod der Orgonomie.

Es geht m.E. kein Weg an drei Elementen vorbei, ohne die die Orgonomie sozusagen als „Signal“ im „allgemeinen Rauschen“ untergehen wird:

  1. ohne Organisation ist die Orgonomie nur „ein Konzept von vielen“, nur ein weiterer „alternativer Ansatz“.
  2. eine solche Organisation kann nur aus einem regelmäßig erscheinenden Organ hervorgehen und von diesem getragen werden.
  3. das Organ und damit die Organisation muß Sprachrohr einer zentralen Führungsgruppe sein.

Die Gefahr einer „Erstarrung“ sehe ich nicht. Ganz im Gegenteil: mit ein oder zwei Ausnahmen kann ich mich an überhaupt keine wie auch immer geartete Weiterentwicklung der Orgonomie außerhalb des ACO erinnern. Die Gefahr liegt ganz woanders: ein pestilenter Charakter (Emotionelle Pest) könnte sich an die Spitze der Orgonomie setzen. Immerhin ist es jedoch so gut wie ausgeschlossen, daß ein solcher eine Orgontherapie anfängt, geschweige denn erfolgreich durchläuft (ich spreche hier nicht unbedingt von orgastischer Potenz, sondern von der Meisterung eines Großteils der persönlichen neurotischen Probleme!), und außerdem wird es mit Sicherheit nach Reich und Baker keine „zentrale Persönlichkeit“ mehr in der Orgonomie geben. Angesichts des Wesens der Orgonomie (bzw. des Wesens ihres Forschungsgegenstandes, der organismischen und kosmischen Orgonenergie) ist eine „Formalisierung“, „Bürokratisierung“ keine Option.

Selbstverständlich ist das alles „abstrakt betrachtet“ suboptimal, aber leider bewegt sich die Orgonomie in Feindesland. Die gepanzerte Gesellschaft will die Orgonomie nicht – und die Orgonomie will diese gepanzerte Gesellschaft nicht. Unter solchen Umständen die Orgonomie anders „betreiben“ zu wollen, als Reich und Baker es getan haben, nämlich „liberal und offen“, ist naiv, selbstmörderisch – und letztendlich pestilent, weil so die Kinder der Zukunft keinerlei Chance haben. Die Orgonomie befindet sich in der gleichen Situation wie die Sozialdemokratie in Rußland Anfang des letzten Jahrhunderts.

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 1)

17. Juni 2016

Walter Löwenheim alias Miles war Gründer der Widerstandsgruppe Neu Beginnen. Jahrgang 1896 war Löwenheim nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in der „Freien Sozialistischen Jugend“ tätig, danach in der KPD. Er war Schüler des legendären Kommunisten Paul Levi. Aufgrund von Stalins desaströser linksextremer und sektiererischer Politik verließ er die KPD, schloß sich jedoch nicht, wie es Levi bereits 1922 getan hatte, der SPD an (Kurt Klotzbach [Hrsg]: Drei Schriften aus dem Exil, Berlin 1974 und Hartmut Soell: Fritz Erler, Berlin 1976).

1928/29 kam Löwenheim zu dem Schluß, daß Stalins Planwirtschaft, die die „Neue Wirtschaftspolitik“ Lenins ersetzte, eine Katastrophe für die gesamte sozialistische Bewegung darstellte. Eine Erneuerung der Arbeiterbewegung betrachtete er nur als möglich durch Überwindung einerseits des linksextremistischen Sektierertums der Kommunisten und andererseits der reformistischen Politik der Sozialdemokraten. Diese Erneuerung sollte von einer konspirativen Gruppe von Berufsrevolutionären ausgehen.

Löwenheim sammelte eine kleine Gruppe von jungen KPD-Mitgliedern, Leuten der KPD(O), d.h. Kommunisten vom rechten Flügel, und revolutionären SPD-Mitgliedern vom linken Flügel um sich. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise formte diese Gruppe „die Organisation“ (kurz „Org.“).

Hinter der Org. (auch als „Leninistische Organisation“ oder „O“ bekannt) stand die Theorie, daß

  1. es nichts bringt eine sektiererische Splitterpartei nach der anderen zu gründen;
  2. die quasi-revolutionäre faschistische Bewegung der Hauptfeind ist, nicht die „Sozialfaschisten“ und nicht einmal die Großindustrie; und
  3. die alten Methoden der illegalen Arbeit wertlos sind, stattdessen müssen längerfristige Strategien ausgearbeitet werden.

Die organisatorische Struktur der Org. gestaltete Löwenheim nach Lenins Konzept einer Kaderpartei. Das bedeutete strikter Zentralismus, das Zentrum hat die Autorität Direktiven auszugeben und die Arbeit erfolgt nach den Gesetzen der Konspiration. Löwenheim war „der deutsche Lenin“.

Die Org. weigerte sich, einen Namen anzunehmen, der ihr den Charakter einer Partei verliehen hätte. Sie betrachtete sich als den „subjektiven Faktor“ innerhalb der Arbeiterbewegung, als eine bewußt handelnde Minderheit, die in den vorhandenen Parteien arbeitet, um den Graben innerhalb der Arbeiterbewegung zu schließen. Deshalb war die Existenz der Org. streng geheimzuhalten. Lokale Zentren waren Berlin und Frankfurt.

1931 füllten zwei Gruppen die Ränge der Org.: zunächst die „Kommunistische Studentenfraktion“ („Kostrufa“) in Deutschland (mit der Österreichischen Kostrufa haben wir uns bereits befaßt), die 1929 aus der KPD ausgeschlossen worden war (Leute wie Richard Löwenthal [alias Paul Sering] und Stefan Eliasberg), und zweitens der Berliner Regionalvorstand der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). (Das waren so ziemlich jene Gruppen, deren Wiener Entsprechungen sich für die Ideen Reichs begeistern konnten: potentiell Reichsches Klientel.)

Anfang 1933 hatte die Org. vielleicht 100 Kader, während etwa 200 Personen der Peripherie der Org. zugeordnet werden konnten. Die einzige Organisation, die bis dahin von der Org. erfolgreich „erobert“ worden war, war die SAJ. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahen, mußte die Org. einsehen, daß ihr langfristig angelegter Plan die beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD zu unterwandern und schließlich zu übernehmen, zunächst ad acta gelegt werden mußte. Die Org. ging in den Untergrund und versuchte eine eigene unabhängige Identität in der internationalen Öffentlichkeit anzunehmen. Beispielsweise warb sie um Anerkennung bei der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (der Nachfolgerin der Zweiten Internationale). In Prag wurde ein Auslandsbüro eingerichtet, das seit Mai 1933 von Dr. Karl Frank geleitet wurde.

Im Frühsommer 1933 schrieb Löwenheim das Programm der Org., die bald „Neu Beginnen“ genannt wurde, als Löwenheims Broschüre September 1933 unter dem Titel Neu Beginnen von der SPD in Prag veröffentlicht wurde (Miles: Neu beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands, Karlsbad 1933. In: Probleme des Sozialismus, Sozialdemokratische Schriftenreihe, Heft 2). Die Schrift wurde viel beachtet.

Im Unterschied zu allen anderen sozialdemokratischen und kommunistischen Theorien der Zeit betrachtete Löwenheim den Faschismus nicht als ein instabiles Phänomen, das schnell verschwinden würde. Stattdessen war für ihn der Faschismus eine politische Revolution, die aus tiefreichenden sozialen Ursachen und Kräften hervorgegangen sei. Der faschistische Staat sei ein durchorganisiertes System, so daß der antifaschistische Kampf ein langfristiges Projekt sein müsse. Da der Faschismus ein monolithischer Block sei und jede Möglichkeit dagegenzuhalten verunmögliche (keine freie Presse, keine Gewerkschaften, etc.), wäre mit der Verschärfung der ökonomischen Krise die gesamte Zivilisation gefährdet, weil in der ökonomischen Krise die Massen ihren bourgeoisen Führern folgten!

Diese Analyse war einzigartig, wenn man von Reichs Faschismus-Theorie absieht, die der von Löwenheim, jedenfalls oberflächlich betrachtet, ziemlich ähnlich ist. Soell deutet übrigens an, direkt sagen tut er es nicht, daß der Name „Neu Beginnen“ tatsächlich von Reich inspiriert sein könnte. Siehe Charakteranalyse (KiWi, S. 267), wo Reich über den intensiven Wunsch des Zwangscharakters spricht, das Leben „neu zu beginnen“.

Die Ereignisse in Deutschland seien, so Löwenheim weiter, unvermeidlich, wenn man sie aus machtpolitischer Warte aus betrachte. Sie seien das Ergebnis der universellen Tendenz zu einem zentralistischen Parteistaat. Löwenheim vergleicht die Sowjetunion sogar mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien: alle drei seien zentralisierte Parteistaaten. Solch ein Staat sei unvermeidlich, aber seine sozialistische Natur sollte sichergestellt werden.

Löwenheim lehnt den traditionellen Determinismus der sozialistischen Bewegung ab, d. h. daß der Sozialismus historisch unvermeidlich ist. Während die bürgerliche Revolution ein natürlicher sozialer Prozeß war, sei die proletarische Revolution nur eine historische Chance. Die proletarische Revolution müsse durch die historische schöpferische Kraft des fortgeschrittensten Teils der Gesellschaft bewußt geplant werden; durch den historisch bewußten Kopf der Arbeiterklasse (d. h. durch bürgerliche Intellektuelle wie Löwenheim!). Am Ende des langen Kampfes müsse der sozialistische Staat stehen mit der gesamten Staatsmacht in den Händen der Sozialistischen Partei.

Unmittelbares Ziel ist ein enges Zusammengehen aller sozialistischen Kräfte unter der Schirmherrschaft der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) und die Zerschlagung der Komintern, da die Komintern Illusionen über die spontane revolutionäre Kraft des Proletariats verbreite. Auch habe die Komintern den Graben, der die Arbeiterbewegung spaltet, verbreitert. Natürlich kritisiert Löwenheim auch die Sozialdemokraten. Weil diese nicht mehr auf eine Marxistische Revolution ausgerichtet seien, fordert er, daß seine eigene Organisation die Führung der sozialistischen Bewegung auf der Grundlage dieser Druckschrift übernimmt.

Löwenheim forderte die Einheitsfront mit allen antifaschistischen Kräften innerhalb der Bourgeoisie. Seit Ende 1933 unternahm Neu Beginnen Anläufe in diese Richtung mit der Bildung „gesellschaftlicher Arbeitsgemeinschaften“ (Gesag). Schon vor 1933 hatten einige Mitglieder der Org. Kontakte mit dem Management der Großindustrie geknüpft.

Die meisten emigrierten Führer der Arbeiterparteien reagierten negativ auf Löwenheims Forderungen. Die stärkste Reaktion kam von der KPD, da sie im Gefolge ihrer „Sozialfaschismus“-Kampagne insbesondere den linken Flügel der Sozialdemokratie bekämpfte. Entsprechend war für sie Neu Beginnen das Böse schlechthin. Für die SPD in Prag wies der alte Karl Kautsky offiziell fast alles zurück, was Löwenheim geschrieben hatte, insbesondere dessen Ablehnung des historischen Determinismus und dessen Plädoyer für eine zentralisierte Parteidiktatur. Kautsky bezeichnete dieses Konzept als „faschistisches Kuckucksei“ im sozialistischen Nest. 1934 wurde Miles‘ Pamphlet übersetzt und in England, Frankreich, und den USA veröffentlicht.

Im Sommer 1935 versuchte das Auslandsbüro von Neu Beginnen eine bessere Beziehung zur Exil-SPD herzustellen. Dies führte zum Beispiel zu einer Zusammenarbeit mit der von der Exil-SPD herausgegebenen Zeitschrift für Sozialismus. Möglich wurde das wegen der Revision von Hauptpunkten im Programm von Löwenheim, die den Anspruch auf die Führung und die zentralistische Parteidiktatur betrafen. Diese Annäherung fand ein Ende, als sich Neu Beginnen im März 1941 der „Vereinigung deutscher sozialistischer Organisationen“ in Großbritannien anschloß. Nach dem Krieg traten viele Mitglieder von Neu Beginnen der SPD bei.

In der Ende Juli 1934 erschienenen Broschüre Was ist Klassenbewußtsein? (S. 9f) schrieb Reich:

In der vor kurzem erschienenen Broschüre Neu beginnen wird sehr richtig die Forderung nach einer „revolutionären Partei“, nach einer im vollen Sinne des Wortes revolutionären Führung gestellt, das Vorhandensein von Klassenbewußtsein im Proletariat jedoch geleugnet:

„Die Grundlage aller ihrer (der II und III. Internationale) Einsichten und Handlungen bildet der Glaube an eine dem Proletariat innewohnende revolutionäre Spontaneität … Wie aber, wenn eine solche revolutionäre Spontaneität nur in den Köpfen der sozialistischen Parteien, aber nicht in der Wirklichkeit existierte? — Wenn das Proletariat von sich aus, also von natürlichen gesellschaftlichen Kräften, gar nicht zum ‚sozialistischen Endkampf‘ getrieben würde … Unfähig anders zu denken als in ihren Dogmen und Thesen, glauben sie mit geradezu religiöser Inbrunst an spontane Revolutionskräfte…“ (S. 6)

Der beispiellos heroische Kampf der österreichischen Arbeiter vom 12.— 16. Februar 1934 beweist, daß es sehr wohl revolutionäre Spontaneität ohne ein Bewußtsein vom „sozialistischen Endkampf“ geben kann. Revolutionäre Spontaneität und Bewußtsein vom „Endkampf“ sind zwei verschiedene Dinge.

Die Führung muß also, so lautet die Konsequenz, das revolutionäre Bewußtsein in die Masse tragen. Zweifellos muß sie das! Aber wie, fragen wir nun, wenn wir noch gar nicht genau Bescheid wüßten über das, was wir revolutionäres Bewußtsein nennen?

Man sieht, daß bei Löwenheim einige Elemente des Reichschen Denkens anklingen – und wie gleichzeitig dessen auf den Staat fixierte Vorstellungen und dessen Konzept einer Konspiration einer Kaderorganisation, die wie ein Nachrichtendienst organisiert ist, all dem zuwiderläufen, wofür Reichs sich damals zu entwickeln beginnendes Konzept der Arbeitsdemokratie steht. Es ist nicht übertrieben Löwenheim als „Roten Faschisten“ zu bezeichnen!

Und das ist mehr als bloße Theorie, denn Nachkriegsdeutschland wurde in entscheidenden Bereichen von der Ideologie und sogar den Kadern Neu Beginnens geprägt, wie bereits in Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3) erläutert. Heute, wo „Wissenschaft“, Medien und Politik flächendeckend vom linken Geist durchdrungen sind, leben wir mehr in einer „Neu-Beginnen-Welt“ als je zuvor. Es ist eine zutiefst totalitäre Welt, die instinktiv Reich-feindlich ist.

Reich war von sozialistischen Geheimorganisationen nach Art von Neu Beginnen geradezu eingekreist. Er selbst war nie Mitglied eines dieser Kulte, wenn man mal von der sektiererischen KPÖ absieht. Mit der genannten kurzzeitigen Ausnahme hat Reich nie einen Hehl aus seinen Ansichten gemacht, während er von Leuten umgeben war, die fast durchweg eine Maske aufgesetzt hatten und geheimen Agenden folgten. Den Grundunterschied zwischen der Orgonomie und der „Neu-Beginnen-Mimikry“ hat Theodore P. Wolfe in einem ganz anderen Zusammenhang beschrieben:

Auch hört man oft das Argument, daß Theorie und Praxis nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind; daß man die eine Art von theoretischem Konzept und eine andere Art von Praxis haben kann. Das ist ein gefährlicher Irrtum und Selbstbetrug. (Translator’s Preface to Second Edition, Character-Analysis, New York 1949, S. XIV)

Reich hätte niemals ein Mitglied dieser Politkulte sein können, aber seine damaligen Anhänger waren es, zumindest Sympathisanten. Betrachten wir Willy Brandt als Beispiel:

Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich das SAP-Mitglied Jacob Walcher in den USA auf, wo aus ihm ein Kommunist wurde. Nach Ende des Krieges ging er in die sowjetisch besetzte Zone und war dort Herausgeber einer Gewerkschaftszeitung. Einige Jahre später fiel er in Ungnade. Schon 1931 war Walcher als „Rechtsabweichler” aus der KPD ausgeschlossen worden. 1932 trat er der Führungsriege der SAP bei und leitete die Auslandsabteilung der Partei. Aber bereits aus seiner Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen, die sich in Opposition zu Moskau befanden („Kommunistische Opposition“), kannte Walcher die norwegische Gruppe „Mot Dag“.

Mot Dag war ein Unikum. Die ordensartige Organisation entstand kurz nach dem Ersten Weltkrieg als eine Gruppe von Studenten und jungen Akademikern, die Mitglied der Norwegischen Arbeiterpartei waren. 1923 verließ Mot Dag die Komintern zusammen mit der Mehrheit der Norwegischen Arbeiterpartei. Zwei Jahre später wurde Mot Dag jedoch von der Norwegischen Arbeiterpartei ausgeschlossen und schloß sich für einige Zeit der KP an. Im Sommer 1933, also gleich nach seiner Ankunft in Norwegen, brachte Walcher Brandt mit Erling Falk in Kontakt, dem Leiter von Mot Dag (Willy Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Brandt war bei Mot Dag sehr aktiv und ab Juni 1934 gehörte er sogar dem Vorstand an, wurde u.a. Vorsitzender und Verkaufsleiter. Er hatte viele Funktionen in den Unterorganisationen von Mot Dag inne. Außerdem gehörte er der Redaktion der Zeitschrift Mot Dag an. Falk und sein innerer Zirkel hatte den Willen und die Fähigkeit Leute an sich zu binden. Brandt brauchte mehr als ein Jahr, um sich wieder zu befreien. Er hatte der Mot Dag mitzuteilen, was im Jugendverband der Norwegischen Arbeiterpartei vor sich ging. Dergestalt wurde er in etwas verstrickt, was ihm zuwider war, vor allem, weil sie aus allem ein so großes Geheimnis machten, auch wußte er nicht, was Sinn und Zweck des ganzen sein sollte (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Von allen Organisationen in Norwegen kam Mot Dag einer Kaderorganisation am nächsten. Die elitäre Gruppe war wie eine Sekte organisiert. Sie hatte in Oslo etwa 100 Mitglieder, einige Dutzend in Trondheim und einige andere in anderen Städten. Die Mitglieder waren Intellektuelle, die fast durchweg aus bürgerlichen Familien stammten. Es waren Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten, Gymnasiallehrer, wissenschaftliche Mitarbeiter, etc. Ursprünglich war Mot Dag eine reine Männergruppe, erst später traten ein paar Frauen bei. Einen nicht geringen Anteil ihres Einkommens hatten die Mitglieder abzutreten. Wer zusätzliches Geld benötigte, mußte einen entsprechenden Antrag stellen. Es war eine Selbstverständlichkeit sein Erbe zu überschreiben und Mitglieder mußten sich in fragwürdigen Wirtschaftsaktivitäten von Mot Dag engagieren. Brandt war ein Sonderfall, da er aus der Arbeiterklasse kam. Aus diesem Grund fiel er nicht lange auf den Elitismus und die Losgelöstheit Mot Dags von der gesellschaftlichen Realität herein. Im Frühjahr 1935 trennte er sich von der Gruppe. Brandt vergleicht ihren Elitismus mit dem der Bolschewisten und ihrer französischen Vorgänger und auch so manchen Ideologen der Neuen Linken Ende der 1960er Jahre (ebd.).

Es wurde auf strikte Disziplin gehalten. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe. Führende Mitglieder hatten Schlüsselpositionen in Frontorganisationen inne. Mot Dag hatte eine Büroetage mit einer Bibliothek und einer Küche, wo viele Mot Dagisten aßen, sogar frühstückten. Die Freizeit wurde gemeinsam verbracht. Unter Falks autoritärer aber auch inspirierender Führung konnte eine verhältnismäßig kleine Gruppe sehr viel erreichen. Sie gab die bereits erwähnte Zeitschrift Mot Dag heraus (1933-1936), führte ein Verlagshaus, stellte eine sechsbändige „Arbeiter-Enzyklopädie“ zusammen, beherrschte wichtige Studentenbünde, hielt eine Abendschule aufrecht. Pionierarbeit wurde geleistet mit einer Zeitschrift für Sexualerziehung. (ebd.) (Wahrscheinleich meint Brandt die Populärt tidsskrift for seksuell oplysning.)

Mot Dag hatte großen Einfluß auf das akademische Leben Norwegens, weniger auf die Politik. Das änderte sich erst als ihre Mitglieder der norwegischen Arbeiterpartei beitraten und in höchste Positionen aufstiegen.

„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 1)

2. März 2015

Einwürfe bzw. Einwände gegen meine „kapitalistische“ Interpretation der Arbeitsdemokratie sind nur allzu berechtigt, wenn man objektiv Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie betrachtet, das in der frühen Phase wirklich kaum von anarcho-syndikalistischen und räte-kommunistischen Konzepten, wie sie beispielsweise Rudolf Rocker und Anton Pannekoek ausgearbeitet haben, zu unterscheiden war, mal abgesehen davon, daß bei Reich das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ fehlt. Phillip Bennet hat das sehr schön gezeigt: „Wilhelm Reich’s Early Writings on Work Democracy: A Theoretical Basis for Challenging Fascism Then and Now“ im öko-sozialistischen Magazin Capitalism Nature Socialism (Vol. 21, No. 1, March 2010).

Aber betrachten wir einmal Reichs „politische“ Entwicklung:

  • 1919-1927: ein linker Sozialdemokrat in der ohnehin sehr linken „austro-marxistischen“ Sozialdemokratischen Partei Österreichs.
  • 1928-1933: Anschluß an die KPÖ, eine linksradikale direkt von Moskau gesteuerte Politsekte, danach an die Massenpartei KPD, die (ebenfalls von Moskau instruiert) gerade ihre linksradikale Phase durchmacht: bereits Sozialdemokraten sind Nazis („Sozialfaschisten“).
  • 1934-1937: im Exil Annäherung an Kräfte, die sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu den Kommunisten (die sich beide in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ näherkommen) in kritischer Opposition stehen: Trotzkisten, SAP (Willy Brandt, etc.), Neu Beginnen, Mot Dag, etc.
  • 1938-1941: wie eingangs erwähnt eine quasi „anarcho-syndikalistische“ Phase (ohne jeden Kontakt zu tatsächlichen Anarcho-Syndikalisten).
  • 1942-1947: wie aus dem 1942 verfaßten Schlußkapitel der Massenpsychologie des Faschismus  deutlich wird, verflüchtigen sich aus dem Konzept der Arbeitsdemokatie alle „links-utopischen“ Vorstellungen und das Konzept wird im Vergleich mit den vorangehenden Ausformulierungen etwas konturlos. Trotzdem bleibt Reich nach außen hin eher „ein Linker“ im Sinne von Roosevelt (heute etwa mit Obama vergleichbar).
  • 1948-1957: mit der Hetze der linken Presse (Mildred Brady, etc.) und seiner Enttäuschung darüber, wie seine linksliberalen Anwälte mit der Kampagne umgehen, entwickelt sich Reich zunehmend nach rechts.

Liest man die von einer linksliberalen Herausgeberin kommentierte und (wie sich leicht nachweisen läßt) teilweise zensierte Korrespondenz Reichs mit A.S. Neill (Zeugnisse einer Freundschaft) zeichnet sich seit etwa 1942, eindeutig aber ab etwa 1948, ein Reich ab, der langsam aber sicher ziemlich genau die Haltung der heutigen Orgonomie annimmt. Vor dem Hintergrund dieser Briefe wird auch klar, daß Reichs negative Äußerungen über „Liberale“ (d.h. Linke) und positive über Konservative in Christusmord nicht nur oberflächliche Reflexionen sind, wie linke „Reichianer“ es gerne hinstellen, sondern erste Ansätze einer soziopolitischen Charakterologie im Sinne Elsworth F. Bakers darstellen, die sich im übrigen bereits im 1942 geschriebenen Vorwort zu Massenpsychologie des Faschismus (das Dreischichten-Model) und dem 1947 verfaßten Äther, Gott und Teufel (Mechanisten gegen Mystiker) abzeichnen.

In diesem charakterologischen Rahmen sieht die Orgonomie heute die Arbeitsdemokratie.

Dazu muß gesagt werden, daß für Reich „Ökonomie“ mehr bedeutet hat als nur „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“, also Maschinen, Know How, Arbeit, Kapital, Einkommens- und Machtverteilung, sondern in erster Linie die gegenseitige unlösbare Abhängigkeit der einzelnen Produzenten und Konsumenten voneinander – die inhärent Rationalität aufzwingt. Entsprechend war für Reich das ökonomische Elend nur eine sekundäre Funktion der politischen Pest (Brief an Neill vom 8. Juli 1953).

Betrachten wir dazu das folgende Schema, mit dem Reich seine wissenschaftliche Entwicklung von der Psychoanalyse (Psychologie) über den Marxismus (Soziologie) zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Biologie) beschrieb:

Die Ökonomie umfaßt (genauso wie die Sexualität) offensichtlich alle drei Bereiche, wobei der biologische Bereich der umfassendste und tiefste ist. Die biophysikalische Charakterstruktur ist wichtiger als alle soziologischen (inklusive konventionell „ökonomischen“) und rein psychologischen Überlegungen.

Es geht darum, wie „die Pest“ (die Emotionelle Pest) von außen her einbrach, die arbeitsdemokratischen Beziehungen zerstörte und die Menschen charakterlich verformte, was dann von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Es geht darum, wie dieser Teufelskreis wieder aufgehoben werden kann, d.h. wie man die Menschen wieder freiheits- und verantwortungsfähig macht. Reichs Antwort war: indem man

  1.  die politische Pest bekämpft;
  2. den Menschen die rationale Arbeitsdemokratie nahebringt;
  3. ihnen Selbstverantwortung „aufbürdet“, anstatt sie zu „befreien“; und
  4. indem man die Kinder von vornherein so aufzieht, daß sie die Falle gar nicht erst betreten.

Das hat ihn zu einem Gegner aller linken und rosaroten Volksbeglücker gemacht.

Für das Individuum in der Orgontherapie bedeutet das mit abnehmender Bedeutung:

  1. die biologische, bio-physische Therapie, die direkt die organismische Orgonenergie einwirkt, indem die Panzerung systematisch beseitigt wird, die die Energie in Schach hält (BIOLOGIE).
  2. die Befreiung des Patienten (wenn nötig) von seiner Familie („Familitis“) und (wenn nötig) Ermutigung zu ökonomischer Unabhängigkeit, was allein schon einen heilenden Effekt hat (SOZIOLOGIE).
  3. Aufklärungsarbeit über realitätswidrige Annahmen (PSYCHOLOGIE).

In der (wenn man so will) „gesellschaftskritischen Arbeit“ mit den Massen sieht es genau umgekehrt aus:

  1. Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Fallstricke mechanistischen und mystischen Denkens (PSYCHOLOGIE).
  2. die Bekämpfung der sozialistischen (euphemistisch: „sozialstaatlichen“) Entmündigung der Massen (SOZIOLOGIE).
  3. das „Projekt Kinder der Zukunft“ (BIOLOGIE).

Das „Projekt Kinder der Zukunft“ steht hier an letzter Stelle (obwohl es „an und für sich“ am wichtigsten ist!), weil es naturgegeben erst nach einer Generation (30 Jahre!) oder noch später wirklich im gesellschaftlichen Maßstab greifen kann.

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

Der Rote Faden: Exil in Norwegen

21. September 2012

Einhart Lorenz: Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943, Baden-Baden 1992

Die folgenden Norwegischen Psychoanalytiker hatten in Berlin studiert und waren entsprechend von Reich beeinflußt: Trygve Braatöy, Johannes Landmark, Ola Raknes, Hjordis Simonsen, Astri Bruun und Nic Waal. 1933 wurde Otto Fenichel Lehrer der Psychoanalytiker Braatöy, Landmark, Raknes und Waal. Aber er war nicht in der Lage, in Norwegen einen dauerhaften Kreis von Anhängern um sich zu scharren. Das lag, so Lorenz, an Reich. Ein Jahr nachdem Reich in Oslo angekommen war, ging Fenichel 1935 nach Prag.

Von allen Emigranten war Reich der Intellektuelle, der, zumindest für eine kurze Zeit, die tiefsten Spuren in Norwegen hinterlassen sollte. Gleichzeitig wurde er zu einem der kontroversesten Emigranten und der „Fall Reich“ wurde zu einem der wichtigsten kulturellen Debatten im Norwegen der Zwischenkriegszeit. (Siehe Arni Stai: Norsk kultur- og moraldebatt i 1930-ärene, Oslo 1954.)

Reich wurde mit verhaltenem Interesse von politischen Kreisen wie der SAP beobachtet, während die Kommunisten auch Anschuldigungen gegen Reich vorbrachten. Lorenz fand in den Archiven der Exil-KPD einen Bericht vom Februar 1937. Demzufolge wurden die KPD-Emigranten nicht klug aus Reichs Sexualforschung. Sie kamen zu dem Schluß, daß diese von bestimmten Individuen als Tarnung für Trotzkistische Machenschaften genutzt werde!

Sigurd Hoel, der ursprünglich Mot Dag nahestand, war 2 1/2 Jahre bei Reich in Behandlung. Zum Kreis um Reich gehörten Hoel, Arnulf Overland, Helge Krog und Lars Berg, auch Harald Schjelderup. Zu seinen engeren Freunden gehörten auch der Historiker und spätere Außenminister Halvard Lange und dessen Bruder August Lange, die Historikerin Ingrid Semmingsen, der Reformpädagoge Olav Storstein, die „Textilkünstlerin“ Gerd Bergersen und die Schauspielerin Gerda Ring. Im Februar 1936 gründete Reich zusammen mit skandinavischen Freunden und Kollegen das der KPD so verdächtige „Institut für sexualökonomische Lebensforschung“, mit 9 Mitgliedern aus Oslo, Kopenhagen und England.

Die medizinische Fakultät der Universität von Oslo beschloß einstimmig, daß es keine wissenschaftliche Begründung für eine Verlängerung von Reichs Aufenthaltsgenehmigung in Norwegen gäbe. Das Ministerium für Gesundheits- und Sozialwesen schrieb an das zentrale Paßamt, daß die Öffentlichkeitsarbeit für Reichs Sexuallehre eingeschränkt werden müsse und sie insbesondere bei Laien und Jugendlichen aufzuhören habe.

Die Angriffe auf Reich in Norwegen beeinflußten sogar die Nazi-Behörden. Angesichts der norwegischen Reich-Debatte schrieb die deutsche Botschaft in Oslo am 23. April 1938 an das deutsche Außenministerium in Berlin und empfahl die Beschleunigung der Ausbürgerung Reichs, weil die Gefahr bestünde, daß Reich als ehemaliger österreichischer Staatsbürger eines Tages nach Deutschland repatriiert werden könnte. Fälschlicherweise wurde in diesem Schreiben behauptet, daß Reich Mitglied der KPD sei. Dieses Argument für eine beschleunigte Ausbürgerung wurde vom SS-Reichssicherheitshauptamt in einem Schreiben vom 6. Oktober 1939 übernommen.

Ein Einschub: Diese kleine, vollkommen unbedeutende Episode zeigt, daß man mit „Logik“ in der Reich-Biographik vorsichtig sein muß. Es ist natürlich vollkommen absurd, daß Nazideutschland Angst davor hatte, der Jude Reich könne nach Deutschland zurückkehren oder das Renommee des „Dritten Reiches“ gefährden. Absurd ist auch, daß sich in der Diktatur die Ausbürgerung so lange hinzog, daß schließlich sogar das Büro Heinrich Himmlers beim Außenministerium vorstellig wurde. Das sind schlicht die Absurditäten der Bürokratie und ihre institutionalisierte Dummheit. Später in Amerika wurde der gleiche Reich als Naziagent verdächtigt und andere Verrücktheiten von Seiten einer schlichtweg durchgeknallten Bürokratie verbrochen. Wer da mit „Logik“ vorankommen will, wird schließlich selbst zum Kandidaten für die Klapsmühle!

Lorenz sagt, die regierende norwegische Arbeiterpartei habe im „Fall Reich“ der öffentlichen Meinung, die von den norwegischen Konservativen dominiert worden sei, nachgegeben und vergleicht Reichs Probleme mit dem „Fall Trotzki“. Die Norweger benahmen sich in beiden Fällen wirklich extrem schlecht.

An dieser Stelle frage ich mich, ob nicht Moskau hinter der norwegischen Kampagne gegen den vermeintlichen „Trotzkisten“ Reich stand. (In Amerika sollte es ja ein Jahrzehnt später auch nicht anders aussehen: oberflächlich konservativer „McCarthyismus“, doch tatsächlich „Moskau“!) Im Fall Trotzki wurde der Druck direkt ausgeübt. Das ist bei Reich nicht der Fall, aber vielleicht war die norwegische Pressekampagne ja genauso sowjetisch inspiriert wie später die Brady-Kampagne. Lorenz berichtet, Reich sei von den Kommunisten in Nordahl Griegs Zeitschrift Veien Frem angegriffen worden (Ivar Digernes: „Medisinmenn“, Veien Frem, 4. Juni 1937, S. 17ff). Tatsächlich gehörten Trotzki und Reich zu den ganz wenigen Emigranten, die aus Norwegen vertrieben wurden.

Hier Stimmen, die schlaglichtartig die Bedrängnis Reichs von psychoanalytischer Seite beleuchten:

In Otto Fenichels „Rundbrief” vom 3. August 1938 berichtet der Psychoanalytiker Georg Gerö über Norwegen:

In den Zeitungen tobt seit Monaten eine Kampagne für und gegen Reich. Er, d.h. seine elektrischen Narrheiten, wurden von wissenschaftlichen Kreisen als ärgste Charlatanerie entlarvt, von manchen Seiten auch die Nicht-Verlängerung seiner Aufenthalts-Bewilligung gefordert. Verteidigt wurde er vor allem von den Narren des inneren Kreises Sigurd Hoel, Nic Hoel (= Nic Waal), Ola Raknes, Havrevold. Schjelderup ist vollständig abgefallen. Er sagt jetzt die gleichen Wahrheiten über Reich, die er von Dir und mir schon vor Jahren gehört und damals höhnisch abgelehnt hat. Er gab mir gegenüber zu, daß Reich die Psychoanalyse in Norwegen fürchterlich geschädigt hat. Trotzdem haben sowohl er wie Braatöy ein Gesuch unterschrieben, das für die Verlängerung von Reichs Aufenthalts-Bewilligung eintritt, weil sie sehr anständig den Standpunkt vertreten, daß man verhindern soll, daß die Ausweisung Reichs einen Präzedenzfall gegen das Asylrecht schafft. (Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt 1998, S. 951)

Im „Rundbrief“ vom 3. Mai 1939 wird von einem Vortrag berichtet, den Braatöy vor der Studentenforeening in Kopenhagen gehalten hatte. Fenichels Korrespondent berichtet:

Es ist interessant, wie diese Norweger, selbst Braatöy, der nie ganz die Distanz verloren hat, von Reich und der Sex.Pol.-Ideologie verdummt worden sind. Eine an sich wünschenswerte Kulturkritik an dem heutigen Erziehungssystem verliert ihre Berechtigung und Überzeugungskraft wegen unklarer Gesichtspunkte und falscher Verallgemeinerungen. Denn Braatöy hat nicht klar unterschieden zwischen der affektiven Lebendigkeit des unneurotischen Menschen und dem neurotischen Affektausbruch, so daß die Karikatur, die ich Dir beilege, ihn ganz treffend ironisiert. Danach, was er (Braatöy) gesagt hat, könnte man annehmen, hysterische Affektausbrüche wären der Idealzustand für den Normalen. (…) In Oslo ist jetzt glücklicherweise zwischen Reichisten und Analytikern jede Verbindung abgebrochen. Zu Reich halten jetzt nur mehr Raknes und die Hoel (Nic Waal). (ebd., S. 1107f)

Reichs zunehmende Isolation und das Ausmaß des persönlichen Verrats an ihm wird auch dadurch beleuchtet, daß sein engster Freund und zeitweiliger Herausgeber der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, Sigurd Hoel, 1944 einen Aufsatz schrieb, „Dybdepsykologi og diktning“, in dem zwar von „vegetativ energi“ and „genitale karakter“ die Rede ist, aber Reich, im Gegensatz zu beispielsweise Freud und Braatöy, an keiner Stelle erwähnt wird (Hoel: Essays i utvalg, Gyldendal, Oslo, 1962 und 1968).

Der Rote Faden: Max Seydewitz

7. August 2011

Karl Frank (1893-1969) alias Willi Müller alias Paul Hagen, auch bekannt als „Josef“ oder „Maria“, ist eine der geheimnisvollsten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Ihn umgab die Aura eines gutaussehenden, sehr intelligenten, mutigen und abenteuerlichen Mannes. Er wurde durch die Kadettenschule und sein späteres revolutionäres Leben geprägt. Wie Reich war auch er Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen. Zwischen 1920 und 1928 bekleidete er leitende Funktionen zunächst in der KPÖ (bis 1924 war er dort Mitglied), dann in der KPD. 1928 wurde er wegen seiner internen Oppositionsarbeit aus der Partei ausgeschlossen.

1929 schließt er sich der „rechten“ Opposition der KPD an, der KPD(O). Seit 1929/30 wird er Geheimmitglied der Kaderorganisation „Org.“. 1932 schließt er sich der kleinen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an und wird sofort in den Vorstand gewählt. Zum Vorstand der SAP gehörten 24 Mitglieder, neben Frank beispielsweise Jacob Walcher, der ebenfalls aus der KPD(O) kam. Frank wird Mitglied der Redaktion der Sozialistischen Arbeiter-Zeitung, dem Organ der SAP, und Leiter der paramilitärischen Schutzstaffel der SAP, dem „Sozialistischen Schutzbund“. Nachdem er schon bald darauf wieder ausgeschlossen wird, tritt er Ende 1932 der SPD bei. Er bleibt dabei natürlich geheimes Mitglied der „Org.“, zu deren Hauptzielen es gehört, dem Sektierertum in der linken Bewegung ein Ende zu setzen.

Das betraf vor allem Gebilde wie die SAP, die zwischen der Komintern, mit deren irrationalen Radikalismus, und der Sozialdemokratie, mit deren Kompromißlertum, standen. Die SAP war im September 1931 von zwei Mitgliedern des Reichstags gegründet worden, Max Seydewitz (1892-1987) und Kurt Rosenfeld (1877-1943). Sie waren zuvor aus der SPD ausgeschlossen worden wegen ihrer Veröffentlichungen und ihrer Organisationsarbeit. Es kam zu einer Solidarisierung anderer SPD-Mitglieder mit dem Ergebnis der Bildung einer neuen Partei links von der SPD und rechts vom KPD, der SAP. Zu den Sympathisanten gehörten Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Lion Feuchtwanger und Albert Einstein. Nach dem Reichstagsbrand versuchten Seydewitz und Rosenfeld, die SAP aufzulösen. Zu diesem Anlaß gab Rosenfeld kund, daß er sich der KPD anschließe. Er vollzog diesen Schritt aber erst, als er 1938 nach New York ging, wo er während des Krieges starb. Seydewitz sagte zwar, daß er sich der SPD wieder anschließen werde und gab sich in Prag entsprechend als linksgerichteter Sozialdemokrat aus, aber im Geheimen war er 1934 der KPD beigetreten. Zu den Mitgliedern des ursprünglichen Vorstandes der SAP gehörte auch Edith Baumann, die nach dem Krieg Leiterin der FDJ war und Frau Erich Honeckers wurde, sowie Hans Seigewasser, der in der „DDR“ Staatssekretär für Kirchenfragen wurde (Einhart Lorenz: Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943, Baden-Baden 1992).

Seydewitz erinnert sich, daß Frank im Spätherbst 1934 in Prag auftauchte, wo er sich „Willi Müller“ nannte und von sich behauptete, er sei Mitglied der SPD und Führer einer Widerstandsgruppe in Deutschland, die er „Neu Beginnen“ und „Milesgruppe“ nannte. Er wollte eine engere Anbindung an Seydewitz‘ Exilgruppe „Revolutionäre Sozialisten“ jedoch traute ihm Seydewitz nicht. Bald darauf verließ Frank Prag und ging in die Schweiz, dann nach Paris und schließlich in die USA. In den USA nannte sich Frank „Paul Hagen” und gab sich als einflußreicher Führer des deutschen Widerstandes aus. Während Treffen mit US-Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen habe er „aus Sicherheitsgründen“ stets eine schwarze Maske getragen. Dort sammelte er Spenden, die angeblich für den deutschen Widerstand bestimmt waren. Er war auch als Psychoanalytiker tätig, um Geld zu verdienen, schließlich heiratete er eine wohlhabende Frau. Er und Neu Beginnen hatten viele SPD-Funktionäre beeinflußt, die nach dem Krieg zu Einfluß gelangten: Waldemar von Knoeringen, Erwin Schoettle, Fritz Erler, Willy Brandt und andere sozialdemokratische Mitglieder des Bundestags (Max Seydewitz: Es hat sich gelohnt. Lebenserinnerungen eines alten Arbeiterfunktionärs, [Ost-] Berlin 1976).

Seydewitz berichtet, daß Frank sich in Berlin von einem alten Freund in Psychoanalyse ausbilden ließ, der ursprünglich aus Wien kam (ebd.). Die von Verachtung und Haß geprägte Art und Weise wie der spätere Stalinist Seydewitz „den Freund von Frank“ beschreibt, läßt fast an Reich denken. Dieser Psychoanalytiker schlage, so Seydewitz, einen guten Gewinn daraus reiche bürgerliche Damen und Herren zu behandeln. Nun, eine solche Anschuldigung paßt auf jeden Psychoanalytiker, so daß Seydewitz wohl eher einen „pseudosozialistischen“ Psychoanalytiker gemeint haben muß.

Ich tippe auf den „Laienanalytiker“ (d.h. im damaligen Sprachgebrauch „Nichtmediziner“) Siegfried Bernfeld. Damals lebte Frank in Berlin einige Monate bei Bernfeld und dessen damaliger Frau, der Schauspielerin Elisabeth Neumann, bis Bernfeld im Herbst 1932 zurück nach Wien ging. Elisabeth Neumann-Bernfeld hatte eine Affäre mit dem Frauenliebling Frank (Jim Martin: Wilhelm Reich and the Cold War, Fort Bragg, Ca., 2000).

Seydewitz begann Frank zu mißtrauen, als während der Machtübernahme Frank ihm sagte, daß er das Ehepaar Seydewitz in deren Wohnung an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit sehen wolle. Als sie etwas zu spät eintrafen, sahen sie zufällig, wie genau zu diesem Zeitpunkt ihre Wohnung von zwölf SA-Männern gestürmt wurde. Später sagte Frank, daß er die Wohnung aufgesucht hatte, aber die SA hätte ihn wieder gehenlassen, weil er ihnen eine entsprechende Geschichte auftischte. Die Seydewitzes waren ob dieser Umstände etwas irritiert, vertrauten ihm nie wieder und warnten andere (Seydewitz: Es hat sich gelohnt). Anderen Quellen zufolge wurde Frank von der SA festgesetzt, später aber wieder freigelassen, weil er Ausländer (Österreicher) war (Martin: Wilhelm Reich and the Cold War).

Auch Willy Brandt, im Exil eine der Hauptfiguren des SAP, traute Frank nicht, und er hatte Gründe dafür, hatte sich doch Frank aus rein taktischen Gründen in den Vorstand der SAP wählen lassen, um dann im Herbst 1932 für den Übertritt zur SPD zu werben (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Gertrud Meyer (später Gaasland, Jahrgang 1914) war sechs Monate jünger als Brandt (1913-1992), ein offenes, willensstarkes, blondes Mädchen aus Lübeck. Politisch wach und von seltener Hilfsbereitschaft. Sie stammte aus der Arbeiterschaft und kam genau wie Brandt aus der Arbeiter-Jugendbewegung. Als Brandt nach Norwegen floh, versprach Gertrud ihm bald zu folgen. Wegen ihrem Engagement für die SAP wurde sie im Mai 1933 verhaftet. Nach 5 Wochen wieder frei, entkam sie nach Norwegen. Sie zogen zusammen, nachdem Gertrud einen Monat in einem Vorort von Oslo als Dienstmädchen gearbeitet hatte (ebd.).

Danach arbeitete sie im Haushalt von Erling Falk, dem Chef der sozialistischen Gruppe Mot Dag und dessen Schwester Dagny, dann für Otto Fenichel und schließlich für Reich. Sie ging eine Scheinehe mit dem Universitätsstudenten und Mot Dag-Mitglied Gunnar Gaasland ein, um die norwegische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Während dessen arbeitete sie mit Brandt für die SAP, beispielsweise war sie der Vertreter der Osloer Gruppe bei der SAP-Tagung „Kattowitzer Konferenz“ in der Tschechoslowakei Ende 1936. Mehrere Male stellte sie ihr Leben aufs Spiel, als sie illegal nach Deutschland einreiste, um illegales Material zu verteilen und sich mit SAP-Kontakten in Norddeutschland und Köln in Verbindung zu setzen. Während der vielen Wochen und sogar Monate, die Brandt durch Europe reiste, leitete sie, neben ihrer Vollzeitstellung bei Reich, die SAP-Gruppe in Oslo, betrieb Jugendarbeit und war im Vorstand der deutschen Emigranten-Gemeinschaft tätig. Als sie Norwegen 1939 verließ, um Reichs Emigration nach New York vorzubereiten, hinterließ sie in der SAP eine große Lücke (Einhart Lorenz: Willy Brandt in Norwegen. Die Jahre des Exils 1933 bis 1940, Kiel 1989).

Zurück zu Seydewitz: 1937 schrieb Seydewitz das Buch Stalin oder Trotzki (London 1938), in dem er offen einen Stalinistischen Standpunkt einnahm. 1938 ging er nach Oslo, wo er als SPD-Mitglied auftrat und für die Einheitsfront von Sozialisten und Kommunisten warb, er wurde jedoch von Neu Beginnen und der SAP, die er mitbegründet hatte, bekämpft. Seine positive Haltung zum Hitler-Stalin-Pakt verschärfte seine Isolation (Lorenz: Exil in Norwegen). Nur drei Mitglieder des Politbüros der KPD und der KPD-Vertreter in Skandinavien, Hermann Matern, wußten von seiner wahren politischen Identität. Als das Ehepaar Ruth und Max Seydewitz nach Oslo kam, lebte es zunächst im Haus von Brandt und Gaasland, während Brandt in Frankreich weilte. Während des Krieges lebten die Seydewitzs in Schweden. Nach dem Krieg wurde Seydewitz Ministerpräsident Sachsens (Brandt: Links und Frei).

Das bedeutet, daß kurz vor der Entdeckung des Orgons zwei Komintern-Agenten mit der wichtigsten Mitarbeiterin Reichs, seiner persönlichen Sekretärin und Leiterin des Labors, Gertrud Gaasland, zusammenlebten.