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Der Rote Faden: Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

1. Juni 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 1)

2. März 2015

Einwürfe bzw. Einwände gegen meine „kapitalistische“ Interpretation der Arbeitsdemokratie sind nur allzu berechtigt, wenn man objektiv Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie betrachtet, das in der frühen Phase wirklich kaum von anarcho-syndikalistischen und räte-kommunistischen Konzepten, wie sie beispielsweise Rudolf Rocker und Anton Pannekoek ausgearbeitet haben, zu unterscheiden war, mal abgesehen davon, daß bei Reich das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ fehlt. Phillip Bennet hat das sehr schön gezeigt: „Wilhelm Reich’s Early Writings on Work Democracy: A Theoretical Basis for Challenging Fascism Then and Now“ im öko-sozialistischen Magazin Capitalism Nature Socialism (Vol. 21, No. 1, March 2010).

Aber betrachten wir einmal Reichs „politische“ Entwicklung:

  • 1919-1927: ein linker Sozialdemokrat in der ohnehin sehr linken „austro-marxistischen“ Sozialdemokratischen Partei Österreichs.
  • 1928-1933: Anschluß an die KPÖ, eine linksradikale direkt von Moskau gesteuerte Politsekte, danach an die Massenpartei KPD, die (ebenfalls von Moskau instruiert) gerade ihre linksradikale Phase durchmacht: bereits Sozialdemokraten sind Nazis („Sozialfaschisten“).
  • 1934-1937: im Exil Annäherung an Kräfte, die sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu den Kommunisten (die sich beide in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ näherkommen) in kritischer Opposition stehen: Trotzkisten, SAP (Willy Brandt, etc.), Neu Beginnen, Mot Dag, etc.
  • 1938-1941: wie eingangs erwähnt eine quasi „anarcho-syndikalistische“ Phase (ohne jeden Kontakt zu tatsächlichen Anarcho-Syndikalisten).
  • 1942-1947: wie aus dem 1942 verfaßten Schlußkapitel der Massenpsychologie des Faschismus  deutlich wird, verflüchtigen sich aus dem Konzept der Arbeitsdemokatie alle „links-utopischen“ Vorstellungen und das Konzept wird im Vergleich mit den vorangehenden Ausformulierungen etwas konturlos. Trotzdem bleibt Reich nach außen hin eher „ein Linker“ im Sinne von Roosevelt (heute etwa mit Obama vergleichbar).
  • 1948-1957: mit der Hetze der linken Presse (Mildred Brady, etc.) und seiner Enttäuschung darüber, wie seine linksliberalen Anwälte mit der Kampagne umgehen, entwickelt sich Reich zunehmend nach rechts.

Liest man die von einer linksliberalen Herausgeberin kommentierte und (wie sich leicht nachweisen läßt) teilweise zensierte Korrespondenz Reichs mit A.S. Neill (Zeugnisse einer Freundschaft) zeichnet sich seit etwa 1942, eindeutig aber ab etwa 1948, ein Reich ab, der langsam aber sicher ziemlich genau die Haltung der heutigen Orgonomie annimmt. Vor dem Hintergrund dieser Briefe wird auch klar, daß Reichs negative Äußerungen über „Liberale“ (d.h. Linke) und positive über Konservative in Christusmord nicht nur oberflächliche Reflexionen sind, wie linke „Reichianer“ es gerne hinstellen, sondern erste Ansätze einer soziopolitischen Charakterologie im Sinne Elsworth F. Bakers darstellen, die sich im übrigen bereits im 1942 geschriebenen Vorwort zu Massenpsychologie des Faschismus (das Dreischichten-Model) und dem 1947 verfaßten Äther, Gott und Teufel (Mechanisten gegen Mystiker) abzeichnen.

In diesem charakterologischen Rahmen sieht die Orgonomie heute die Arbeitsdemokratie.

Dazu muß gesagt werden, daß für Reich „Ökonomie“ mehr bedeutet hat als nur „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“, also Maschinen, Know How, Arbeit, Kapital, Einkommens- und Machtverteilung, sondern in erster Linie die gegenseitige unlösbare Abhängigkeit der einzelnen Produzenten und Konsumenten voneinander – die inhärent Rationalität aufzwingt. Entsprechend war für Reich das ökonomische Elend nur eine sekundäre Funktion der politischen Pest (Brief an Neill vom 8. Juli 1953).

Betrachten wir dazu das folgende Schema, mit dem Reich seine wissenschaftliche Entwicklung von der Psychoanalyse (Psychologie) über den Marxismus (Soziologie) zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Biologie) beschrieb:

Die Ökonomie umfaßt (genauso wie die Sexualität) offensichtlich alle drei Bereiche, wobei der biologische Bereich der umfassendste und tiefste ist. Die biophysikalische Charakterstruktur ist wichtiger als alle soziologischen (inklusive konventionell „ökonomischen“) und rein psychologischen Überlegungen.

Es geht darum, wie „die Pest“ (die Emotionelle Pest) von außen her einbrach, die arbeitsdemokratischen Beziehungen zerstörte und die Menschen charakterlich verformte, was dann von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Es geht darum, wie dieser Teufelskreis wieder aufgehoben werden kann, d.h. wie man die Menschen wieder freiheits- und verantwortungsfähig macht. Reichs Antwort war: indem man

  1.  die politische Pest bekämpft;
  2. den Menschen die rationale Arbeitsdemokratie nahebringt;
  3. ihnen Selbstverantwortung „aufbürdet“, anstatt sie zu „befreien“; und
  4. indem man die Kinder von vornherein so aufzieht, daß sie die Falle gar nicht erst betreten.

Das hat ihn zu einem Gegner aller linken und rosaroten Volksbeglücker gemacht.

Für das Individuum in der Orgontherapie bedeutet das mit abnehmender Bedeutung:

  1. die biologische, bio-physische Therapie, die direkt die organismische Orgonenergie einwirkt, indem die Panzerung systematisch beseitigt wird, die die Energie in Schach hält (BIOLOGIE).
  2. die Befreiung des Patienten (wenn nötig) von seiner Familie („Familitis“) und (wenn nötig) Ermutigung zu ökonomischer Unabhängigkeit, was allein schon einen heilenden Effekt hat (SOZIOLOGIE).
  3. Aufklärungsarbeit über realitätswidrige Annahmen (PSYCHOLOGIE).

In der (wenn man so will) „gesellschaftskritischen Arbeit“ mit den Massen sieht es genau umgekehrt aus:

  1. Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Fallstricke mechanistischen und mystischen Denkens (PSYCHOLOGIE).
  2. die Bekämpfung der sozialistischen (euphemistisch: „sozialstaatlichen“) Entmündigung der Massen (SOZIOLOGIE).
  3. das „Projekt Kinder der Zukunft“ (BIOLOGIE).

Das „Projekt Kinder der Zukunft“ steht hier an letzter Stelle (obwohl es „an und für sich“ am wichtigsten ist!), weil es naturgegeben erst nach einer Generation (30 Jahre!) oder noch später wirklich im gesellschaftlichen Maßstab greifen kann.

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

Der Rote Faden: Exil in Norwegen

21. September 2012

Einhart Lorenz: Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943, Baden-Baden 1992

Die folgenden Norwegischen Psychoanalytiker hatten in Berlin studiert und waren entsprechend von Reich beeinflußt: Trygve Braatöy, Johannes Landmark, Ola Raknes, Hjordis Simonsen, Astri Bruun und Nic Waal. 1933 wurde Otto Fenichel Lehrer der Psychoanalytiker Braatöy, Landmark, Raknes und Waal. Aber er war nicht in der Lage, in Norwegen einen dauerhaften Kreis von Anhängern um sich zu scharren. Das lag, so Lorenz, an Reich. Ein Jahr nachdem Reich in Oslo angekommen war, ging Fenichel 1935 nach Prag.

Von allen Emigranten war Reich der Intellektuelle, der, zumindest für eine kurze Zeit, die tiefsten Spuren in Norwegen hinterlassen sollte. Gleichzeitig wurde er zu einem der kontroversesten Emigranten und der „Fall Reich“ wurde zu einem der wichtigsten kulturellen Debatten im Norwegen der Zwischenkriegszeit. (Siehe Arni Stai: Norsk kultur- og moraldebatt i 1930-ärene, Oslo 1954.)

Reich wurde mit verhaltenem Interesse von politischen Kreisen wie der SAP beobachtet, während die Kommunisten auch Anschuldigungen gegen Reich vorbrachten. Lorenz fand in den Archiven der Exil-KPD einen Bericht vom Februar 1937. Demzufolge wurden die KPD-Emigranten nicht klug aus Reichs Sexualforschung. Sie kamen zu dem Schluß, daß diese von bestimmten Individuen als Tarnung für Trotzkistische Machenschaften genutzt werde!

Sigurd Hoel, der ursprünglich Mot Dag nahestand, war 2 1/2 Jahre bei Reich in Behandlung. Zum Kreis um Reich gehörten Hoel, Arnulf Overland, Helge Krog und Lars Berg, auch Harald Schjelderup. Zu seinen engeren Freunden gehörten auch der Historiker und spätere Außenminister Halvard Lange und dessen Bruder August Lange, die Historikerin Ingrid Semmingsen, der Reformpädagoge Olav Storstein, die „Textilkünstlerin“ Gerd Bergersen und die Schauspielerin Gerda Ring. Im Februar 1936 gründete Reich zusammen mit skandinavischen Freunden und Kollegen das der KPD so verdächtige „Institut für sexualökonomische Lebensforschung“, mit 9 Mitgliedern aus Oslo, Kopenhagen und England.

Die medizinische Fakultät der Universität von Oslo beschloß einstimmig, daß es keine wissenschaftliche Begründung für eine Verlängerung von Reichs Aufenthaltsgenehmigung in Norwegen gäbe. Das Ministerium für Gesundheits- und Sozialwesen schrieb an das zentrale Paßamt, daß die Öffentlichkeitsarbeit für Reichs Sexuallehre eingeschränkt werden müsse und sie insbesondere bei Laien und Jugendlichen aufzuhören habe.

Die Angriffe auf Reich in Norwegen beeinflußten sogar die Nazi-Behörden. Angesichts der norwegischen Reich-Debatte schrieb die deutsche Botschaft in Oslo am 23. April 1938 an das deutsche Außenministerium in Berlin und empfahl die Beschleunigung der Ausbürgerung Reichs, weil die Gefahr bestünde, daß Reich als ehemaliger österreichischer Staatsbürger eines Tages nach Deutschland repatriiert werden könnte. Fälschlicherweise wurde in diesem Schreiben behauptet, daß Reich Mitglied der KPD sei. Dieses Argument für eine beschleunigte Ausbürgerung wurde vom SS-Reichssicherheitshauptamt in einem Schreiben vom 6. Oktober 1939 übernommen.

Ein Einschub: Diese kleine, vollkommen unbedeutende Episode zeigt, daß man mit „Logik“ in der Reich-Biographik vorsichtig sein muß. Es ist natürlich vollkommen absurd, daß Nazideutschland Angst davor hatte, der Jude Reich könne nach Deutschland zurückkehren oder das Renommee des „Dritten Reiches“ gefährden. Absurd ist auch, daß sich in der Diktatur die Ausbürgerung so lange hinzog, daß schließlich sogar das Büro Heinrich Himmlers beim Außenministerium vorstellig wurde. Das sind schlicht die Absurditäten der Bürokratie und ihre institutionalisierte Dummheit. Später in Amerika wurde der gleiche Reich als Naziagent verdächtigt und andere Verrücktheiten von Seiten einer schlichtweg durchgeknallten Bürokratie verbrochen. Wer da mit „Logik“ vorankommen will, wird schließlich selbst zum Kandidaten für die Klapsmühle!

Lorenz sagt, die regierende norwegische Arbeiterpartei habe im „Fall Reich“ der öffentlichen Meinung, die von den norwegischen Konservativen dominiert worden sei, nachgegeben und vergleicht Reichs Probleme mit dem „Fall Trotzki“. Die Norweger benahmen sich in beiden Fällen wirklich extrem schlecht.

An dieser Stelle frage ich mich, ob nicht Moskau hinter der norwegischen Kampagne gegen den vermeintlichen „Trotzkisten“ Reich stand. (In Amerika sollte es ja ein Jahrzehnt später auch nicht anders aussehen: oberflächlich konservativer „McCarthyismus“, doch tatsächlich „Moskau“!) Im Fall Trotzki wurde der Druck direkt ausgeübt. Das ist bei Reich nicht der Fall, aber vielleicht war die norwegische Pressekampagne ja genauso sowjetisch inspiriert wie später die Brady-Kampagne. Lorenz berichtet, Reich sei von den Kommunisten in Nordahl Griegs Zeitschrift Veien Frem angegriffen worden (Ivar Digernes: „Medisinmenn“, Veien Frem, 4. Juni 1937, S. 17ff). Tatsächlich gehörten Trotzki und Reich zu den ganz wenigen Emigranten, die aus Norwegen vertrieben wurden.

Hier Stimmen, die schlaglichtartig die Bedrängnis Reichs von psychoanalytischer Seite beleuchten:

In Otto Fenichels „Rundbrief” vom 3. August 1938 berichtet der Psychoanalytiker Georg Gerö über Norwegen:

In den Zeitungen tobt seit Monaten eine Kampagne für und gegen Reich. Er, d.h. seine elektrischen Narrheiten, wurden von wissenschaftlichen Kreisen als ärgste Charlatanerie entlarvt, von manchen Seiten auch die Nicht-Verlängerung seiner Aufenthalts-Bewilligung gefordert. Verteidigt wurde er vor allem von den Narren des inneren Kreises Sigurd Hoel, Nic Hoel (= Nic Waal), Ola Raknes, Havrevold. Schjelderup ist vollständig abgefallen. Er sagt jetzt die gleichen Wahrheiten über Reich, die er von Dir und mir schon vor Jahren gehört und damals höhnisch abgelehnt hat. Er gab mir gegenüber zu, daß Reich die Psychoanalyse in Norwegen fürchterlich geschädigt hat. Trotzdem haben sowohl er wie Braatöy ein Gesuch unterschrieben, das für die Verlängerung von Reichs Aufenthalts-Bewilligung eintritt, weil sie sehr anständig den Standpunkt vertreten, daß man verhindern soll, daß die Ausweisung Reichs einen Präzedenzfall gegen das Asylrecht schafft. (Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt 1998, S. 951)

Im „Rundbrief“ vom 3. Mai 1939 wird von einem Vortrag berichtet, den Braatöy vor der Studentenforeening in Kopenhagen gehalten hatte. Fenichels Korrespondent berichtet:

Es ist interessant, wie diese Norweger, selbst Braatöy, der nie ganz die Distanz verloren hat, von Reich und der Sex.Pol.-Ideologie verdummt worden sind. Eine an sich wünschenswerte Kulturkritik an dem heutigen Erziehungssystem verliert ihre Berechtigung und Überzeugungskraft wegen unklarer Gesichtspunkte und falscher Verallgemeinerungen. Denn Braatöy hat nicht klar unterschieden zwischen der affektiven Lebendigkeit des unneurotischen Menschen und dem neurotischen Affektausbruch, so daß die Karikatur, die ich Dir beilege, ihn ganz treffend ironisiert. Danach, was er (Braatöy) gesagt hat, könnte man annehmen, hysterische Affektausbrüche wären der Idealzustand für den Normalen. (…) In Oslo ist jetzt glücklicherweise zwischen Reichisten und Analytikern jede Verbindung abgebrochen. Zu Reich halten jetzt nur mehr Raknes und die Hoel (Nic Waal). (ebd., S. 1107f)

Reichs zunehmende Isolation und das Ausmaß des persönlichen Verrats an ihm wird auch dadurch beleuchtet, daß sein engster Freund und zeitweiliger Herausgeber der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, Sigurd Hoel, 1944 einen Aufsatz schrieb, „Dybdepsykologi og diktning“, in dem zwar von „vegetativ energi“ and „genitale karakter“ die Rede ist, aber Reich, im Gegensatz zu beispielsweise Freud und Braatöy, an keiner Stelle erwähnt wird (Hoel: Essays i utvalg, Gyldendal, Oslo, 1962 und 1968).

Der Rote Faden: Max Seydewitz

7. August 2011

Karl Frank (1893-1969) alias Willi Müller alias Paul Hagen, auch bekannt als „Josef“ oder „Maria“, ist eine der geheimnisvollsten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Ihn umgab die Aura eines gutaussehenden, sehr intelligenten, mutigen und abenteuerlichen Mannes. Er wurde durch die Kadettenschule und sein späteres revolutionäres Leben geprägt. Wie Reich war auch er Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen. Zwischen 1920 und 1928 bekleidete er leitende Funktionen zunächst in der KPÖ (bis 1924 war er dort Mitglied), dann in der KPD. 1928 wurde er wegen seiner internen Oppositionsarbeit aus der Partei ausgeschlossen.

1929 schließt er sich der „rechten“ Opposition der KPD an, der KPD(O). Seit 1929/30 wird er Geheimmitglied der Kaderorganisation „Org.“. 1932 schließt er sich der kleinen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an und wird sofort in den Vorstand gewählt. Zum Vorstand der SAP gehörten 24 Mitglieder, neben Frank beispielsweise Jacob Walcher, der ebenfalls aus der KPD(O) kam. Frank wird Mitglied der Redaktion der Sozialistischen Arbeiter-Zeitung, dem Organ der SAP, und Leiter der paramilitärischen Schutzstaffel der SAP, dem „Sozialistischen Schutzbund“. Nachdem er schon bald darauf wieder ausgeschlossen wird, tritt er Ende 1932 der SPD bei. Er bleibt dabei natürlich geheimes Mitglied der „Org.“, zu deren Hauptzielen es gehört, dem Sektierertum in der linken Bewegung ein Ende zu setzen.

Das betraf vor allem Gebilde wie die SAP, die zwischen der Komintern, mit deren irrationalen Radikalismus, und der Sozialdemokratie, mit deren Kompromißlertum, standen. Die SAP war im September 1931 von zwei Mitgliedern des Reichstags gegründet worden, Max Seydewitz (1892-1987) und Kurt Rosenfeld (1877-1943). Sie waren zuvor aus der SPD ausgeschlossen worden wegen ihrer Veröffentlichungen und ihrer Organisationsarbeit. Es kam zu einer Solidarisierung anderer SPD-Mitglieder mit dem Ergebnis der Bildung einer neuen Partei links von der SPD und rechts vom KPD, der SAP. Zu den Sympathisanten gehörten Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Lion Feuchtwanger und Albert Einstein. Nach dem Reichstagsbrand versuchten Seydewitz und Rosenfeld, die SAP aufzulösen. Zu diesem Anlaß gab Rosenfeld kund, daß er sich der KPD anschließe. Er vollzog diesen Schritt aber erst, als er 1938 nach New York ging, wo er während des Krieges starb. Seydewitz sagte zwar, daß er sich der SPD wieder anschließen werde und gab sich in Prag entsprechend als linksgerichteter Sozialdemokrat aus, aber im Geheimen war er 1934 der KPD beigetreten. Zu den Mitgliedern des ursprünglichen Vorstandes der SAP gehörte auch Edith Baumann, die nach dem Krieg Leiterin der FDJ war und Frau Erich Honeckers wurde, sowie Hans Seigewasser, der in der „DDR“ Staatssekretär für Kirchenfragen wurde (Einhart Lorenz: Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943, Baden-Baden 1992).

Seydewitz erinnert sich, daß Frank im Spätherbst 1934 in Prag auftauchte, wo er sich „Willi Müller“ nannte und von sich behauptete, er sei Mitglied der SPD und Führer einer Widerstandsgruppe in Deutschland, die er „Neu Beginnen“ und „Milesgruppe“ nannte. Er wollte eine engere Anbindung an Seydewitz‘ Exilgruppe „Revolutionäre Sozialisten“ jedoch traute ihm Seydewitz nicht. Bald darauf verließ Frank Prag und ging in die Schweiz, dann nach Paris und schließlich in die USA. In den USA nannte sich Frank „Paul Hagen” und gab sich als einflußreicher Führer des deutschen Widerstandes aus. Während Treffen mit US-Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen habe er „aus Sicherheitsgründen“ stets eine schwarze Maske getragen. Dort sammelte er Spenden, die angeblich für den deutschen Widerstand bestimmt waren. Er war auch als Psychoanalytiker tätig, um Geld zu verdienen, schließlich heiratete er eine wohlhabende Frau. Er und Neu Beginnen hatten viele SPD-Funktionäre beeinflußt, die nach dem Krieg zu Einfluß gelangten: Waldemar von Knoeringen, Erwin Schoettle, Fritz Erler, Willy Brandt und andere sozialdemokratische Mitglieder des Bundestags (Max Seydewitz: Es hat sich gelohnt. Lebenserinnerungen eines alten Arbeiterfunktionärs, [Ost-] Berlin 1976).

Seydewitz berichtet, daß Frank sich in Berlin von einem alten Freund in Psychoanalyse ausbilden ließ, der ursprünglich aus Wien kam (ebd.). Die von Verachtung und Haß geprägte Art und Weise wie der spätere Stalinist Seydewitz „den Freund von Frank“ beschreibt, läßt fast an Reich denken. Dieser Psychoanalytiker schlage, so Seydewitz, einen guten Gewinn daraus reiche bürgerliche Damen und Herren zu behandeln. Nun, eine solche Anschuldigung paßt auf jeden Psychoanalytiker, so daß Seydewitz wohl eher einen „pseudosozialistischen“ Psychoanalytiker gemeint haben muß.

Ich tippe auf den „Laienanalytiker“ (d.h. im damaligen Sprachgebrauch „Nichtmediziner“) Siegfried Bernfeld. Damals lebte Frank in Berlin einige Monate bei Bernfeld und dessen damaliger Frau, der Schauspielerin Elisabeth Neumann, bis Bernfeld im Herbst 1932 zurück nach Wien ging. Elisabeth Neumann-Bernfeld hatte eine Affäre mit dem Frauenliebling Frank (Jim Martin: Wilhelm Reich and the Cold War, Fort Bragg, Ca., 2000).

Seydewitz begann Frank zu mißtrauen, als während der Machtübernahme Frank ihm sagte, daß er das Ehepaar Seydewitz in deren Wohnung an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit sehen wolle. Als sie etwas zu spät eintrafen, sahen sie zufällig, wie genau zu diesem Zeitpunkt ihre Wohnung von zwölf SA-Männern gestürmt wurde. Später sagte Frank, daß er die Wohnung aufgesucht hatte, aber die SA hätte ihn wieder gehenlassen, weil er ihnen eine entsprechende Geschichte auftischte. Die Seydewitzes waren ob dieser Umstände etwas irritiert, vertrauten ihm nie wieder und warnten andere (Seydewitz: Es hat sich gelohnt). Anderen Quellen zufolge wurde Frank von der SA festgesetzt, später aber wieder freigelassen, weil er Ausländer (Österreicher) war (Martin: Wilhelm Reich and the Cold War).

Auch Willy Brandt, im Exil eine der Hauptfiguren des SAP, traute Frank nicht, und er hatte Gründe dafür, hatte sich doch Frank aus rein taktischen Gründen in den Vorstand der SAP wählen lassen, um dann im Herbst 1932 für den Übertritt zur SPD zu werben (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Gertrud Meyer (später Gaasland, Jahrgang 1914) war sechs Monate jünger als Brandt (1913-1992), ein offenes, willensstarkes, blondes Mädchen aus Lübeck. Politisch wach und von seltener Hilfsbereitschaft. Sie stammte aus der Arbeiterschaft und kam genau wie Brandt aus der Arbeiter-Jugendbewegung. Als Brandt nach Norwegen floh, versprach Gertrud ihm bald zu folgen. Wegen ihrem Engagement für die SAP wurde sie im Mai 1933 verhaftet. Nach 5 Wochen wieder frei, entkam sie nach Norwegen. Sie zogen zusammen, nachdem Gertrud einen Monat in einem Vorort von Oslo als Dienstmädchen gearbeitet hatte (ebd.).

Danach arbeitete sie im Haushalt von Erling Falk, dem Chef der sozialistischen Gruppe Mot Dag und dessen Schwester Dagny, dann für Otto Fenichel und schließlich für Reich. Sie ging eine Scheinehe mit dem Universitätsstudenten und Mot Dag-Mitglied Gunnar Gaasland ein, um die norwegische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Während dessen arbeitete sie mit Brandt für die SAP, beispielsweise war sie der Vertreter der Osloer Gruppe bei der SAP-Tagung „Kattowitzer Konferenz“ in der Tschechoslowakei Ende 1936. Mehrere Male stellte sie ihr Leben aufs Spiel, als sie illegal nach Deutschland einreiste, um illegales Material zu verteilen und sich mit SAP-Kontakten in Norddeutschland und Köln in Verbindung zu setzen. Während der vielen Wochen und sogar Monate, die Brandt durch Europe reiste, leitete sie, neben ihrer Vollzeitstellung bei Reich, die SAP-Gruppe in Oslo, betrieb Jugendarbeit und war im Vorstand der deutschen Emigranten-Gemeinschaft tätig. Als sie Norwegen 1939 verließ, um Reichs Emigration nach New York vorzubereiten, hinterließ sie in der SAP eine große Lücke (Einhart Lorenz: Willy Brandt in Norwegen. Die Jahre des Exils 1933 bis 1940, Kiel 1989).

Zurück zu Seydewitz: 1937 schrieb Seydewitz das Buch Stalin oder Trotzki (London 1938), in dem er offen einen Stalinistischen Standpunkt einnahm. 1938 ging er nach Oslo, wo er als SPD-Mitglied auftrat und für die Einheitsfront von Sozialisten und Kommunisten warb, er wurde jedoch von Neu Beginnen und der SAP, die er mitbegründet hatte, bekämpft. Seine positive Haltung zum Hitler-Stalin-Pakt verschärfte seine Isolation (Lorenz: Exil in Norwegen). Nur drei Mitglieder des Politbüros der KPD und der KPD-Vertreter in Skandinavien, Hermann Matern, wußten von seiner wahren politischen Identität. Als das Ehepaar Ruth und Max Seydewitz nach Oslo kam, lebte es zunächst im Haus von Brandt und Gaasland, während Brandt in Frankreich weilte. Während des Krieges lebten die Seydewitzs in Schweden. Nach dem Krieg wurde Seydewitz Ministerpräsident Sachsens (Brandt: Links und Frei).

Das bedeutet, daß kurz vor der Entdeckung des Orgons zwei Komintern-Agenten mit der wichtigsten Mitarbeiterin Reichs, seiner persönlichen Sekretärin und Leiterin des Labors, Gertrud Gaasland, zusammenlebten.