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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Reich und Hegel

23. Januar 2017

Ausgangspunkt von Hegels Philosophie ist die Frage, wie Bewegung überhaupt möglich ist. Zenons Paradoxon ist allgemein bekannt: ein Pfeil kann sich vom „philosophischen“ Standpunkt her nicht bewegen, denn in jedem Moment, an dem wir den Pfeil mit unserem „philosophischen Auge“ betrachten, steht er still. Es ist wie bei den Einzelbildern einer Filmrolle. Hegel zufolge ist Bewegung nur möglich, weil zwei sich gegenseitig ausschließende Tatsachen (der Pfeil ist entweder hier oder dort) koexistieren können (der Pfeil bewegt sich). Diese Einheit von „hier“ und „dort“ ist die synthetische Funktion des Geistes, und so ist alles um uns herum eigentlich nichts als Geist oder vielmehr die Entfremdung des „reinen Geistes“, d.h. der Logik und ihrer Bewegungsgesetze jenseits von Raum und Zeit. Dieser „Geist“ ist autonom, d.h. weder mein Verstand („hier“) noch dein Verstand („dort“), sondern der allgemeine Geist. Der „reine Geist“ wird zum „absoluten Geist“, wenn er sich in Kunst und Musik, Religion und Philosophie manifestiert, wo sich der Geist seiner selbst bewußt wird. Der „absolute Geist“ ist die höhere Synthese des „subjektiven Geistes“ des Individuums und des „objektiven Geistes“ der Ethik (Familie, Gesellschaft, Staat). Dieser „objektive Geist“ manifestiert sich in der Geschichte der Welt, und die Geschichte der Welt ist nichts anderes als die Geschichte von Staaten, Reichen und Dynastien. Das endgültige Ziel dieser Entwicklung ist, wie angedeutet, der „absolute Geist“. Daher muß das egoistische Individuum, das die Entwicklung des „objektiven Geistes“ behindert, unterjocht, d.h. vollkommen der Ethik unterworfen werden. Der Staat ist alles, denn der Staat ist die Manifestation Gottes, oder vielmehr führt der Staat zur endgültigen Manifestation Gottes als „absoluter Geist“. Dergestalt waren „Staaten mit einem philosophischen Ziel“, also kommunistische (und faschistische) Staaten die höchsten Manifestationen des Hegelschen Denkens. Marx war die Fortsetzung von Hegel: die vollständige Unterwerfung des egoistischen Individuums unter die Idee „Menschheit“ (heute „Globalismus“). Max Stirner war das Gegenteil von Hegel: die „subjektive“, „unethische“ Selbstregulierung.

Reich hat sich von Anfang an auf die Seite von Stirner gestellt. Warum er dann als „Marxist“ galt und sich auch selbst mehr oder weniger bis zum Schluß als solcher betrachtete? Weil er Anhänger der Dialektik war, d.h. glaubte, daß es bestimmte „Bewegungsgesetze“ gibt. Der Unterschied ist nicht nur, daß die „Reichsche Dialektik“ nach zur Zukunft hin offen ist. Er wurde aus der KPD geworfen, weil er behauptet hatte, daß die Kommunisten, auf der Seite doch „die Geschichte“ stand, verloren hatten. Er glaubte nicht an die Rationalität des bisherigen „eisernen“ Geschichtsablaufs. Aber vor allem: Reich vertrat nicht die „Vergesellschaftung des Menschen“, die „Ethik“, d.h. das Verinnerlichen der Vorgaben jener, die dich in der Hand haben. Stalin war die Verkörperung des Über-Ichs schlechthin, der Stalinismus die denkbar brutalste Vorführung, wie das Über-Ich installiert wird: werde wie ich oder stirb.

rational/irrational bis zur Seekrankheit

21. Juli 2016

Der folgende Auszug aus einem Aufsatz über „Selbstinteresse“ exemplifiziert die ganze Nichtigkeit der Philosophie. Es ist durchweg nur alles Gerede, weil die bioenergetische Verankerung fehlt:

Das Selbstinteresse für sich gebietet schon ein rationales, wenn auch noch nichtsittliches Handeln. Da der Mensch jedoch selbst Verantwortung für Leib, Leben und Wohlbefinden trägt, ist die Vernachlässigung dieser Aufgaben nicht sittlich, das Selbstinteresse, sofern es die Aufgaben übernimmt, sittlich. Nur eine (schon durch Butler und vom Standpunkt der Psychoanalyse durch E. Fromm kritisierte) falsche Gegenüberstellung von Selbstinteresse und Nächsten-Liebe oder Wohlwollen hält das Selbstinteresse für schlechthin unsittlich. Unsittlich ist es allerdings, das Selbstinteresse zum letzten Maßstab allen Handelns zu machen und es ohne Rücksicht auf die Interessen und Rechte der Mitmenschen zu verfolgen (Egoismus). Stirner behauptet, das einzig Reale sei das Ich und alles habe nur insoweit Wert, wie es dem Ich dient. Wenn alle ausschließlich ihrem Selbstinteresse folgen, kommt es in der (prinzipiell nicht vermeidbaren) Situation, daß verschiedene Individuen dieselben Mittel der Befriedigung ihrer Wünsche beanspruchen, zu einem durch keine verbindlichen Regeln begrenzten Streit, zu „einem Krieg aller gegen alle“ (Hobbes): Das zum allgemeinen Gesetz gewordene Selbstinteresse gefährdet seinen eigenen Zweck, das persönliche Glück. Die Gefährdung wird aufgehoben durch die Errichtung eines Rechtszustandes (…) (Otfried Höffe (Hrsg.): Lexikon der Ethik, München 1997, S. 261)

Dies ist alles vollkommen richtig, soweit es um sekundäre Triebe, beispielsweise die Rachsucht geht, die vom Rechtsstaat aufgefangen werden muß, damit wir nicht in einem blutigen Chaos versinken. Das ist die einzige Rechtfertigung für dieses imgrunde irrationale philosophische Geschwafel, das davon ausgeht, daß Sittlichkeit irrational in Bezug auf das Selbstinteresse ist und umgekehrt Selbstinteresse irrational in Bezug auf die Sittlichkeit. Entweder vernachlässigt man sich selbst oder die anderen. Um diese beiden der Sache angeblich intrinsischen Konflikte zu lösen, bedarf es der Vernunft, d.h. der Philosophie in Gestalt von „Lebensmaximen“ und vor allem in Gestalt des Rechts.

Tatsächlich sind aber sowohl Selbstinteresse als auch Sittlichkeit in sich rational! Im „Selbstinteresse“ und „sittlich“ zu handeln, bedeutet nämlich aus dem Kern heraus handeln, d.h. man ist im Kontakt mit sich selbst und damit mit der Umwelt: man handelt rational, d.h. in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit! Wer im Selbstinteresse handelt, wird auch sittlich handelt und wer sittlich handelt, handelt gleichzeitig auch im Selbstinteresse.

Der „Rechtszustand“, der den vermeintlichen Gegensatz von Selbstinteresse und Sittlichkeit aufheben soll, untergräbt hingegen die Rationalität. Jeder kennt aus seinem Alltag, wie das ausufernde „Recht“ ständig Orwellsche bzw. Kafkaeske Momente schafft, die es fast unmöglich machen im Kontakt zu bleiben und d.h. „sittlich“ zu handeln. Das gleiche gilt auch für irgendwelche situationsunabhängigen, abstrakten „Maximen“, etwa „Lüge nie!“, die in bestimmten Situationen für einen selbst und/oder für andere einfach nur fatale Konsequenzen zeitigen können.

Was „das Recht“ manchmal an Unsittlichkeit mit sich bringt, ist kaum zu fassen. Tatsächlich ist es eine direkte Entsprechung dessen, was es bekämpfen soll! Es soll die sekundären Triebe einschränken, die auf die Panzerung der Massenindividuen zurückgehen, ist aber selbst funktionell betrachtet „gesellschaftliche Panzerung“. Oder wie Reich es ausdrückte: die Moral erzeugt genau jene Unmoral, die sie bekämpfen will. Das ist so, weil nicht zwischen primären und sekundären Trieben unterschieden wird.

Würden die primären Triebe „herrschen“, d.h. gäbe es eine Selbststeuerung, wären die im oben zitierten Aufsatz vorgebrachten Gegensätze zwischen „Egoismus“ und „Ethik“ null und nichtig. Aber auch so ist derartiges Herumphilosophieren ein Skandal, da dieses Gedankengut die Unsittlichkeit zementiert. Oder mit anderen Worten: es ist gemeingefährliches „Geschwafel“, weil es nicht zwischen primären und sekundären Trieben unterscheidet.

Die Welt ist so ein elender Ort, weil nicht paßgenau gehandelt wird. Statt spezifisch die Emotionelle Pest zu bekämpfen, werden unterschiedslos alle Regungen des Lebendigen eingeschränkt – was selbst nichts anderes als Emotionelle Pest ist.

In der antiautoritären Gesellschaft kommt es schließlich sogar zu einer regelrechten Umkehr: die sekundären Triebe werden gefördert, während die primären Triebe bekämpft werden. Nichts anderes ist die Political Correctness! Man denke nur an die Kontrollen an Flughäfen, wo streng darauf geachtet wird, doch ja nicht die kostbaren Gefühle jener Mohammedaner zu verletzen, die das ganze erst notwendig gemacht haben, während umgekehrt die Allerunverdächtigsten geradezu demonstrativ ganz besonders gepiesakt und schikaniert werden.

Oder hier zwei selbst beobachtete Beispiele: Kinder bewerfen Enten mit Steinen, um sie zu töten, die Mutter sitzt auf der Parkbank daneben und lacht. Ein Elternpaar geht mit dem kleinen Sohn spazieren, der auf dem Weg einen Sägemehl-Pfeil für eine Schnitzeljagd mit dem Fuß wegwischt, die Eltern ignorieren es.

Sekundäre Triebe und Kontaktlosigkeit (Rücksichtslosigkeit) werden heute aus reiner Bequemlichkeit und schlichter Gleichgültigkeit nicht mehr sanktioniert, während andererseits die Kinder emotional verhungern, ihre primären Antriebe nicht befriedigt werden. Und dann wird ihnen irgendwann Moral nahegebracht und man fragt sich, warum denn diese kleinen Monster trotz des Ethik-Unterrichts, wo das oben zitierte Blablabla gelehrt wird, so grausam und rücksichtslos sind.

Als Gegenmittel wird im Namen der „Sittlichkeit“ bereits im Kindergarten gegen die „Selbstinteresse“ gekämpft, etwa indem Zärtlichkeiten zwischen Kindern unterbunden, wenn nicht sogar sanktioniert werden, so als handele es sich um „sexuelle Übergriffe“. Dabei liegt genau hier und nur hier der Schlüssel, um aller „Philosophie“ und „Ethik“ ein Ende zu bereiten:

In der kindlichen Sexualregung, in der kindlichen sinnlichen Liebesbeziehung liegt unendlich mehr Sittlichkeit, Echtheit, Kraft und Lebenswillen als in Tausenden ledernen Analysen und Thesen. Hier, in der Lebendigkeit des kindlichen Wesens, liegt die Garantie für den Aufbau einer Gesellschaft wirklich freier Menschen, nur hier. (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 260)

Wer satt ist, stiehlt nicht. Wer sexuell glücklich ist, braucht keinen „moralischen Halt“ und hat sein naturwahrstes „religiöses Erleben“. Das Leben ist so einfach wie diese Tatsachen. Es wird nur kompliziert durch die lebensängstlich gewordene menschliche Struktur. (ebd., S. 269)

Orgonomie und Anthroposophie

2. Juni 2016

Steiner und Reich sind in ihrer jeweiligen Jugend (jedenfalls in entscheidenden Teilbereichen) von identischen Positionen ausgegangen – um am Ende diametral entgegengesetzte Theorien zu vertreten. Beide gingen von einer strengen naturwissenschaftlichen Orientierung aus und von einer aufklärerischen Partei, die durch die Namen Max Stirner, Ibsen und Nietzsche gekennzeichnet ist. Ihre Fragestellung war in etwa: Was macht den Kern des autonomen Individuums aus? Sein Geist, der sich von der Tyrannei der Triebe befreit? Oder ist es der von aller irrationalen „Vernunft“ befreite, in sich vernünftige Trieb?

Geht man diesen Fragen nach, fällt einerseits auf, daß sowohl der Geist als auch der Trieb bei Steiner und Reich jeweils zu etwas Überindividuellem, „Kosmischen“ wurden (wodurch sich Steiner und Reich von ihren Ursprüngen entfernten), und andererseits Steiner eine inhärent gespaltene, dualistische Weltsicht entwickelt hat, während Reich dem naturwissenschaftlichen Monismus treu blieb.

Steiner behauptete, daß er in seiner Jugend einen ungenannten okkulten Lehrer hatte; eine offensichtliche Lüge, um seinen Lehren überhaupt irgendeine originäre Substanz zu geben, schöpfte er doch „seine“ Einsichten zu einem sehr späten Zeitpunkt seines Lebens aus der rosenkreuzerischen und theosophischen Literatur. Tatsächlich steht überhaupt keinerlei persönliche Erfahrung hinter der Anthroposophie. Steiner hat, als typischer Ideologe, alle Elemente der Anthroposophie gestohlen, zurechtgestutzt, vereinfacht und als seine eigene Schöpfung verkauft. Sozusagen eine deutsche Vorgängerversion der amerikanischen Scientology.

Seine gesamte metaphysische Philosophie, zusammen mit seinen pädagogischen Theorien, hat er von Johann Friedrich Herbart (1776-1841). Herbarts Schüler Robert Zimmermann (1824-1898) war einer von Steiners Universitätslehrern gewesen. Zimmermann hatte 1882 ein Buch über Anthroposophie veröffentlicht! Eine weitere Quelle von „Steiners“ Anthroposophie ist der romantische Naturphilosoph und Arzt Ignaz P.V. Troxler (1789-1830), der im Anschluß an Schelling eine spekulative Anthropologie und „Biosophie“ begründet hatte. „Steiners“ Theologie stammte vom russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjow. Der Rest der Anthroposophie, wie z.B. der „biodynamische“ Anbau, entstammt „germanischen“ Traditionen, Hahnemanns Homöopathie und natürlich Goethe.

So ist die Anthroposophie nichts weiter als chaotischer Eklektizismus, der nur zusammengehalten wird von psychotischem Primärprozeßdenken (z.B. sind die Afrikaner so ahrimanisch heißblütig, weil ihre ahrimanische Hautfarbe die Sonnenenergie absorbiert), trivialen Analogieschlüssen (z.B. vom Universum als großer Mensch auf den Menschen als kleines Universum und umgekehrt), „mystischem Materialismus“ (Funktionen werden in Substanzen verwandelt, daher die vielen „Äther“ anstatt dem einen Äther und seinen vielen Funktionen) und „mystischem Mechanismus“ (z.B. die rigide Einteilung des Lebens in Siebenjahrs-Etappen).

Steiner berief sich auf die mechanistische Naturwissenschaft, um mit deren Methodik eine „Geisteswissenschaft“ zu begründen. Beispielsweise ist das ganze anthroposophische Konzept vier unterschiedlicher Äther von den vier Aggregatzuständen der Materie abgeleitet. Steiner:

Der Geheimwissenschaftler erforscht die geistigen Gesetze gerade in der Art, wie der Physiker oder der Chemiker die materiellen Gesetze erforscht. (z.n. Friedrich Heyer Anthroposophie – ein Stehen in höheren Welten?, Konstanz 1993, S. 60).

Mechano-Mystizismus ist stets mit Sadismus verknüpft:

Man sollte den okkulten „Gehalt“ des Nationalsozialismus nicht überbewerten, aber ein gewisser christlich-gnostischer Einschlag ist unverkennbar, der sehr stark an die christlich-gnostische Anthroposophie erinnert. Hitler selbst wurde entscheidend durch den „arisch-christlichen“ Ordo Novi Templi (ONT) des Zisterziensers Lanz von Liebenfels (der übrigens, genauso wie Hitler, nie aus der Kirche ausgetreten ist oder ausgeschlossen wurde). Zeichen des ONT war das Hakenkreuz, das das christliche Kreuz zum arisch-christlichen Symbol vervollkommnen sollte. Für Lanz von Liebenfels war das Christentum in seinem Kerngehalt „arischer Ahnen- und Rassenkult“. Jesus Christus ist „Frauja-Jesus“, bzw. der germanische Gott Fro. Die „Reinheit“ wird durch die Emanzipation der Frauen, mit ihrem „Hang zu Niederrassigen“, und durch die Emanzipation der ebenso triebhaften Juden gefährdet. Der Jude sei gefährlich und gleichzeitig sexuell faszinierend. Er ist hinterhältig (intellektuell), feige (weibisch) und grausam (tierisch). Wie Steiner wollte auch Lanz von Liebenfels eine „Johanneskirche“, „eine Kirche des heiligen Grals“ begründen. Später sollte Himmler soweit gehen, als geheime Kommandosache Expeditionen nach Südfrankreich zu entsenden, die dort im Gebiet der Albigenser, bzw. Katharer nach dem Heiligen Gral suchen sollten.

Die untergründige Verbundenheit von Hitlers und Steiners „Glaubensgut“ kann man sich wohl am besten Anhand Richard Wagners vergegenwärtigen. Wagner behauptete, sein Parsifal stelle „die höchsten Mysterien des christlichen Glaubens“ auf der Bühne dar. Wagner, der ohne Zweifel die physische Ausrottung aller Juden wollte. Parsifal vertritt ein vom Judentum gereinigtes Christentum: „Erlösung dem Erlöser“, Erlösung Christi von den Juden. Dieses „Johanneische Christentum“ bezieht sich auf biblische Aussagen, wonach die Juden „zum Gefolge Satans gehören“ (Offb 2,9) und „Kinder des Teufels“ (Joh 8,44) sind. Die Nazis kämpften gegen Satan, d.h. die egoistische, machthungrige geistige Blindheit, die durch die jüdische Rasse verkörpert werde, die den arischen Erlöser Jesus Christus ermordet habe. Hitler war von der Johanneischen Materie- und Leibfeindlichkeit beseelt, und wollte als vergeistigter, vegetarischer Reinheitsfanatiker die „materiellen Juden“ buchstäblich wie Ungeziefer vertilgen und Christus gleich die jüdischen Geldwechsler aus dem Tempel vertreiben.

In der hellenistischen Gnosis gab es einen Erlöser, der aus der antiweltlichen Lichtzone herabstieg, um die Menschen aus der sündigen Welt zu erretten. Im christlich-gnostischen Mythos wurde diese Welt aber von den Juden symbolisiert, die zum „Herren dieser Welt“ beteten. Genauso war für Hitler „der Weltjude“ „der Widersacher“. Das besondere am Wagnerianertum und infolge am Nationalsozialismus war nun die Naturalisierung dieses manichäischen Reinheitswahns, die Biologisierung des Grals-Christentums: die Idee des reinen „unbefleckten“ Blutes und der gewalttätigen darwinistischen Durchsetzung dieses reinen Blutes gegen die degenerativen dunklen Mächte des Bösen. Für Hitler war der arische Christus kein defensiver Mensch, sondern ein heroischer Kämpfer des Lichts gegen die verräterischen Juden.

Dem Antisemitismus-Forscher Robert Wistrich zufolge ist das „Entweder-Oder“ der innerste Kern der Hitlerschen Weltanschauung. Sie

korrespondiert mit einer im Grunde religiösen Weltauffassung, die an bestimmte manichäische und gnostische Häresien zur Zeit des frühen Christentums erinnert. Hitler begriff den Kampf gegen die Juden tatsächlich als einen endzeitlichen Krieg der Kräfte des Lichts gegen einen teuflischen Feind. (Der antisemitische Wahn, Ismaning, 1987, S. 60)

Das Erschreckende ist, daß diese „gnostische“ Geistesart bis heute von „Esoterikern“ gepflegt wird – und tatsächlich immer populärer wird. Gleichzeitig verbindet sie sich mit Verschwörungstheorien, etwa um den 11. September herum, die faktisch identisch mit jenen „Theorien“ sind, die Hitler und Himmler bewegt haben.

Mit der Anthroposophie beschäftige ich mich aus dem gleichen Grund, aus dem ich mich mit dem Buddhismus beschäftigt habe: als Gegenwehr gegen die Unterwanderung der Orgonomie durch mystische und faschistische Ideologien.

Zu Steiners Zeiten gab es im deutschsprachigen Raum eine quasi funktionelle „orgonomische“ Naturwissenschaft: die „Energetiker“ und „Monisten“, mit ihrer Art von „vitalistischem Materialismus“, wie Ernst Haeckel, Wilhelm Ostwald, und Paul Kammerer. Steiner nahm diese „Proto-Orgonomie“ auf und machte sie sich zu eigen, indem er sie nach dem Muster „vergeistigte“, mit dem er schon mit Goethe verfahren war. Steiners Annäherung an die Natur, die bei ihm zum bloßen Spiegelbild der „reinen“ Ideen wurde, ist bei aller vordergründigen „Goetheanität“ in Wirklichkeit das genaue Gegenteil von Goethes protofunktionellem Ansatz. Dahinter steckt Steiners Charakterstruktur.

Nichts kam Steiner auf natürliche Weise, es wurde alles vom Willen erzwungen, und dann zwang er dies kontaktlos anderen auf, unabhängig von jeder Realität. Obwohl sich die Anthroposophie als Wissenschaft geriert, gibt es keinerlei Weg zur intersubjektiven Auseinandersetzung mit Steiners „Geisteswelt“. Niemand, nicht einmal Anthroposophen, sehen, was Steiner sah (oder vielmehr behauptete zu sehen). Zum Beispiel das Lesen der ursprünglichen „Akasha-Chronik“. Die Anthroposophie ist ein scholastisches Dogma, das jede eigenständige Erfahrung untergräbt. Es ist etwas für Menschen, die innere Bewegung und Entwicklung fürchten und sich nach vollständiger ideologischer Panzerung sehnen, nach „Versteinerung“.

Bereits zu Lebzeiten Steiners stellte der russische Philosoph Nikolai Berdjajew fest:

Einige Anthroposophen machten auf mich den Eindruck von Besessenen. Sie standen im Banne einer fixen Idee. Wenn sie die Worte sprachen: „Der Doktor (d.h. Steiner) sagt…“, so änderte sich der Ausdruck ihrer Augen, das Gesicht wurde anders, und es war dann nicht mehr möglich, das Gespräch fortzusetzen. Gläubige Anthroposophen sind viel dogmatischer, viel autoritätsgebundener als die orthodoxesten Orthodoxen oder Katholiken. (z.n. Friedrich Heyer: Anthroposophie – ein Stehen in Höheren Welten?, Konstanz 1993: S. 41)

Nach Steiners Tod ist die Anthroposophie vollends zu einem sterilen, dogmatischen System erstarrt, dessen Dreh- und Angelpunkt die Unterdrückung aller kritischen Distanz und die vollständige Identifikation mit dem Führer ist.

Die energetische Funktion der Steinerity ist die komplette Konfusion, um genuinen Kontakt zu vermeiden. Das Ziel des Anthroposophen ist die „Dreigliederung“ seines eigenen inneren Lebens in Denken, Fühlen und Wollen. Diese drei Elemente sollen voneinander unabhängig werden. Die innere Einheit des Menschen löst sich auf, so daß ein Anhänger Steiners „neben sich selbst“ tritt. Diese schizophrene Spaltung ist für jede mystische Tradition charakteristisch, aber die synkretistische Anthroposophie fügt dieser Konfusion noch ein weiteres Element hinzu, da Steiners Konzept von der Dreigliederung des Menschen mit seinem Konzept der viergliedrigen Organisation des Menschen unvereinbar ist (die vier Äther-Körper: materiell-emotional, imaginativ, inspirativ und intuitiv). Dieses spezielle Gefühl von prekärer Balance und Konfusion wird unmittelbar von der typischen anthroposophischen Architektur vermittelt, die den Gleichgewichtssinn stört und tatsächlich in einen schizophrenie-artigen Geisteszustand versetzt.

Steiner war eine zutiefst entfremdete Persönlichkeit. Seinen Erinnerungen zufolge lernte er Glück das erste Mal mit zehn Jahren beim Studium der Geometrie kennen. Er hatte nie persönliche Freunde, geschweige denn sexuelle Beziehungen. Er heiratete mit 35 eine viel ältere Frau und seine zweite Heirat mit Marie von Sivers war mehr ein politisches Manöver. Steiner zufolge werden wir durch unsere Emotionen von der kosmischen Einheit getrennt, während wir durch das Denken alles durchdringen und eins mit dem Universum werden. Man vergleiche dies nur mit Nietzsches Aussage: „Unsere Instinkte sind besser als ihr Ausdruck in Begriffen. Unser Leib ist weiser als unser Geist!“ (Studienausgabe, Bd. 11, S. 244).

Anthroposophie versucht die Überlegenheit des Geistes über die Materie zu beweisen, deren „Vergeistigung“ der Zweck des Lebens sei. Sie schreitet stets von oben nach unten, von der Idee zum Stoff, von der Doktrin zur Realität vor und kreuzigt so das Lebendige. Man betrachte nur die Kinderzeichnungen in Waldorf-Schulen; es ist alles nach einem Schema gefertigt, ohne persönlichen Ausdruck und Spontanität. Auch hat Marie von Sivers „Ausdruckstanz“, die Eurhythmie, nichts mit bioenergetischem Ausdruck zu tun, sondern ist rein vom Kopf her gesteuert. Anthroposophen leben nur in ihren Köpfen und streben danach jeden zu vernichten, der unterhalb seines Kopfes lebt, also „verworfen“ das lebt, was die Anthroposophen so krampfhaft verdrängen.

Diese Emotionelle Pest-Reaktion aus Projektion stammt direkt von Steiner selbst: es ist verblüffend, wie alle Charakteristiken „Ahrimans“ (dem materialistischen Teufel der spirituellen Anthroposophie) am besten auf Steiner selbst passen. Man muß nur Fotos von Steiner mit seinen Zeichnungen Ahrimans vergleichen, um zu sehen, daß Ahriman nichts weiter war als Steiners eigenes verhaßtes Selbst. (Im Vergleich trifft dasselbe auf das Verhältnis Wagners und Hitlers gegenüber den Juden zu.)

Der britische Anthroposoph Trevor Ravenscroft legt ungewollt diese geheime Identität offen, wenn er auf Seite 275 von The Spear of Destiny eine angebliche „Triumphhymne der bösen Mächte“ präsentiert, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil ist: es ist Steiners persönliches „Kosmisches Vaterunser“! So identifiziert ein herausragender Anthroposoph durch einen erhellenden Fehlgriff unbewußt Steiner mit Ahriman!

Es ist nur natürlich, daß Steiner die Psychoanalyse haßte und bekämpfte und daß die Anthroposophie stets ein fanatischer Gegner der Vorstellung von einem Unbewußten war. Nach der Aussage eines zeitgenössischen Anthroposophen ist die Psychoanalyse „Blendwerk Satans“. Ich nehme an, daß die Orgonomie noch härter beurteilt werden würde, da sie von der bioenergetischen Einheit des Menschen spricht, während die Anthroposophie von einem universellen psycho-physiologischen Parallelismus ausgeht, einer kosmischen Spaltung, der zufolge der Mensch zwei Wesen in einem Organismus ist. Auf der einen Seite die biologische Evolution, der wir unseren Körper verdanken, auf der anderen die davon vollkommen unabhängige Entwicklung unserer Seele von Inkarnation zu Inkarnation. Zum Beispiel erklärt die Anthroposophie die gegenwärtige Überbevölkerung wie folgt: im 20. Jahrhundert ist Christus in seinem „Ätherkörper“ zurückgekehrt, um das New Age zu bringen, all die einzelnen Seelen wollen an dieser Erfahrung Anteil haben und reinkarnieren sich deshalb nun auf der Erde.

Ursprünglich war Steiner gegen derartige Theorien, da er vorher ein atheistischer Monist und „Individualanarchist“ in Anlehnung an Max Stirner und Nietzsche war. Es gibt eine profane Erklärung für Steiners plötzlichen Wechsel zur Theosophie im Jahre 1902: er war in einer verzweifelten Lage, da er keinen Beruf hatte und die Theosophie seine allerletzte Chance war, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (in dieser Hinsicht erinnert er an L. Ron Hubbard). Ich nehme an, daß dieser Umschwung zu einem festgelegten mystischen System diesen Schizophrenen in engeren Kontakt mit der Realität brachte, indem es ihn einen Orientierungsrahmen bot. Vielleicht hatte dies einen heilenden Einfluß auf seine Schizophrenie und ermöglichte es ihm später in seinen sozialen Unternehmungen so produktiv zu sein. Marie von Sivers, ein pestilenter, sadistischer Charakter, war der Antrieb hinter Steiners Weg in den sozialen Erfolg. Wie sehr er von ihr dominiert wurde, zeigt die Tatsache, daß nach seinem Tod Marie von Sivers seine von ihr veröffentlichten Vorträge so manipulierte, daß er geistig nicht allzu angeschlagen wirkte. Aber schon Steiner selbst hatte die neuen Ausgaben seiner frühen Bücher vollkommen umgeschrieben, um den Bruch in seinem Leben zu kaschieren.

Wegen seiner persönlichen rassistischen Überzeugungen, die sogar noch rigider waren als die der angelsächsischen Theosophen, spaltete sich Steiner 1913 von der Theosophie ab. Er konnte die „Absurdität“ nicht ertragen, daß das braune Hindukind Jiddu Krishnamurthi zur Reinkarnation Christi erklärt wurde. 1917 wandte er sich dann von seiner dualistischen gnostischen Abgeschiedenheit ab und all seinen sozialen Aktivitäten rund um die „Dreigliederung“ zu. Aber trotzdem blieb hinter Steiners Konzepten der grundlegende Manichäische Dualismus zwischen einer höheren und einer niederen Welt, zwischen Geist und Körper. Zum Beispiel steckt hinter Steiners angeblich „arbeitsdemokratischem“ Konzept von der gesellschaftlichen „Dreigliederung“ das Konzept einer Dichotomie zwischen den höheren geistigen Menschen und den niederen materialistischen. Steiners Gesellschaftssicht ist nicht demokratisch, sondern „hierarchisch-hierokratisch“. Seine „Dreigliederung“ der Gesellschaft in die vollständig unabhängigen Sphären des Staates (Justiz), der Ökonomie und der Kultur, ist weit davon entfernt arbeitsdemokratisch zu sein und bedeutet in Wirklichkeit eine Art von Kastensystem mit den Anthroposophen (Kultur) an der Spitze als der Erziehungs-Elite, die die beiden anderen Sphären bestimmt, während die Anthroposophie selbst von allen ökonomischen und rechtlichen Eingriffen frei bleibt. Es ist ein rigides patriarchalisches totalitäres System hinter einer liberalen Maske von Freiheit und „Unabhängigkeit“. Für einige Nazis war und ist es die Blaupause ihrer Staatsutopie.

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.13.

27. Mai 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

Weihnachtliches über die inneren Hierarchien

25. Dezember 2015

Max Stirner sah sich als Vollender der Aufklärung. So wie einst die äußere Welt zu bloßem Material wurde, muß auch die innere Welt, die Welt der Gedanken und Ideen, sich ganz meiner Macht unterwerfen (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1981, S. 402).

„Hatten die ‚Ergebenen‘ eine unbezwungene Macht zu ihrer Herrin erhoben und angebetet, hatten sie Anbetung von Allen verlangt, so kam ein solcher Natursohn, der sich nicht ergeben wollte, und jagte die angebetete Macht aus ihrem unersteiglichen Olymp. Er rief der laufenden Sonne sein ‚Stehe‘ zu, und ließ die Erde kreisen: die Ergebenen mußten sich’s gefallen lassen; er legte an die heiligen Eichen seine Axt, und die ‚Ergebenen‘ staunten , daß kein himmlisches Feuer ihn verzehre; er warf den Papst vom Petersstuhle, und die ‚Ergebenen‘ wußten’s nicht zu hindern; er reißt die Gottesgnadenschaft nieder, und die ‚Ergebenen‘ krächzen, um endlich erfolglos zu verstummen“ (Der Einzige, S. 183).

„Das Denken wird so wenig als das Empfinden aufhören. Aber die Macht der Gedanken und Ideen, die Herrschaft der Theorien und Prinzipien, die Oberherrlichkeit des Geistes, kurz die – Hierarchie währt so lange, als die Pfaffen, d.h. Theologen, Philosophen, Staatsmänner, Philister, Liberale, Schulmeister, Bedienten, Eltern, Kinder, Eheleute, Proudhon, George Sand, Bluntschli usw., usw. das große Wort führen: die Hierarchie wird dauern, solange man an Prinzipien glaubt, denkt, oder auch sie kritisiert: denn selbst die unerbittlichste Kritik, die alle geltenden Prinzipien untergräbt, glaubt schließlich doch an das Prinzip“ (Der Einzige, S. 392f).

„Wem die Grundsätze der Moral gehörig eingeprägt wurden, der wird von moralischen Gedanken niemals wieder frei, und Raub, Meineid, Übervorteilung u.dgl. bleiben ihm fixe Ideen, gegen die ihn keine Gedankenfreiheit schützt. Er hat seine Gedanken ‚von oben‘ und bleibt dabei“ (Der Einzige, S. 383). „Wäre die Hierarchie nicht so ins Innere gedrungen, daß sie den Menschen allen Mut benahm, freie, d.h. Gott vielleicht mißfällige Gedanken zu verfolgen, so müßte man Gedankenfreiheit für ein ebenso leeres Wort ansehen, wie etwa eine Verdauungsfreiheit“ (Der Einzige, S. 385).

„Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Der Einzige, S. 254).

Was bei Reich die Panzerung ist, ist bei Stirner die Welt der Begriffe, die eine Art Eigenleben führen. Ähnlich wie Reich mit der Beseitigung des Panzers den authentischen Menschen unter der Charaktermaske freisetzt, befreit Stirner mit dem Ruf „Komm zu Dir!“ (Der Einzige, S. 180) das Individuum aus dem „Reich der absoluten Gedanken“ (Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken, Nürnberg 1986, S. 151).

„Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (Der Einzige, S. 256). Entweder ist man selbst bestimmt oder von „sittlichen Rücksichten“ (Der Einzige, S. 261).

„Denke nicht, daß ich scherze oder bildlich rede, wenn Ich die am höheren hängenden Menschen, und weil die ungeheuere Mehrzahl hierher gehört, fast die ganze Menschenwelt für veritable Narren, Narren im Tollhause ansehe“ (Der Einzige, S. 46).

Während ein Tier sich „realisiert“, „indem es sich auslebt, d.h. auflöst, vergeht“, versucht der Mensch Begriffe zu „realisieren“, z.B. indem er bestrebt ist „Mensch“ zu sein (Der Einzige, S. 372). Der Mensch hält an sich und vertut so sein Leben, das nichts anderes ist als „Auflösen“, „wie die Zeit alles auflöst“ (Der Einzige, S. 373; vgl. auch ebd., 366). Der Mensch entschließt sich in einer bestimmten Situation zu etwas, der Wille „erstarrt“ quasi – so daß, selbst wenn sich die Situation grundlegend geändert hat, dieser zurückliegende Willensäußerungen Tribut gezahlt wird. Der Mensch macht sich zum Deppen seiner selbst: „Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt“ (Der Einzige, S. 215).

Imgrunde steckt hinter dem Gegensatz zwischen „Begriff“ und „Leben“ der Gegensatz zwischen Raum und Zeit. Wenn Stirner eine Philosophie hat, dann ist es diese quasi „Bergsonianische“ Dialektik von Denken („Raum“) und Leben („Zeit“). Die räumliche Vorstellungswelt hat natürlicherweise die Qualität des Statischen, während das Lebendige dadurch gekennzeichnet ist, daß es sich in einem ständigen Fluß befindet. Denken, das nichts anderes ist als die „rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken“ (Der Einzige, S. 342), ist nur dadurch möglich, daß man jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wird (Der Einzige, S. 389). Deshalb sind die vermeintlich „Denkenden“, d.h. jene die alles in Begriffssysteme pressen, in Wirklichkeit Dummköpfe. Entsprechend sieht die gegenwärtige Welt aus (Der Einzige, S. 371). Sie sind blind gegen die Unmittelbarkeit der Dinge und unfähig sie zu meistern. Deshalb erscheinen sie Stirners bereits erwähnten „kräftigen Natursohne“ als unbeholfene närrische Käuze (Der Einzige, S. 381), die kontaktlos in ihrer eigenen Traumwelt leben (Der Einzige, S. 30). Sie sind irrational, da sie sich nicht als Ganzheit wahrnehmen. Um rational zu sein, muß der Mensch sich ganz vernehmen, d.h. sowohl den Geist als auch das „Fleisch“, denn „nur, wenn er sich ganz vernimmt ist er vernehmend oder vernünftig“ (Der Einzige, S. 68)

Bei Stirner ist soviel Reich vorweggenommen: funktionalistisches Denken; die Erstarrung versus das Lebendige, sich Hingebende und Fließende; das Abstrakte und Kontaktlose versus das handelnde und sich entfaltende Leben; fast die ganze Menschheit irre.

Wohin könnte man blicken, ohne Opfern der Selbstverleugnung zu begegnen? Da sitzt Mir gegenüber ein Mädchen, das vielleicht schon seit zehn Jahren seiner Seele blutige Opfer bringt. Über der üppigen Gestalt neigt sich ein todmüdes Haupt, und bleiche Wangen verraten die langsame Verblutung ihrer Jugend. Armes Kind, wie oft mögen die Leidenschaften an Dein Herz geschlagen, und die reichen Jugendkräfte ihr Recht gefordert haben! Wenn Dein Haupt sich in die weichen Kissen wühlte, wie zuckte die erwachende Natur durch Deine Glieder, spannte das Blut Deine Adern, und gossen feurige Phantasien den Glanz der Wollust in Deine Augen. Da erschien das Gespenst der Seele und ihrer Seligkeit. Du erschrakst, Deine Hände falteten sich, Dein gequältes Auge richtete den Blick nach oben, Du – betetest. Die Stürme der Natur verstummten, Meeresstille glitt hin über den Ozean Deiner Begierden. Langsam senkten sich die matten Augenlider über das unter ihnen erloschene Leben, aus den strotzenden Gliedern schlich unvermerkt die Spannung, in dem Herzen versiegten die lärmenden Wogen, die gefalteten Hände selbst lasteten entkräftet auf dem widerstandslosen Busen, ein leises, letztes Ach stöhnte noch nach, und – die Seele war ruhig. Du entschliefst, um am Morgen zu neuem Kampfe zu erwachen und zu neuem – Gebete. Jetzt kühlt die Gewohnheit der Entsagung die Hitze Deines Verlangens und die Rosen Deiner Jugend erblassen in der – Bleichsucht Deiner Seligkeit. Die Seele ist gerettet, der Leib mag verderben! O Lais, o Ninon, wie tatet Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern!“ (Der Einzige, S. 66f).

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Marx und die Orgonbiophysik (Teil 1)

30. Oktober 2015

Es ist traurig, aber kaum überraschend, daß Marx nach wie vor aktuell ist. Beispielsweise neulich in meinem Beisein ein Gespräch zwischen drei Polizeibeamten aus dem höheren Dienst: Es könne doch nicht angehen, daß man selbst als überdurchschnittlich gut Verdienender seinen drei Kindern kaum etwas bieten könne. Daran schloß sich dann eine kurze Diskussion über die Ungerechtigkeiten der Einkommensverteilung an, bis schließlich einer der drei einwirft, er habe neulich in Marx‘ Das Kapital gelesen und es müsse doch möglich sein, die Gesellschaft gerechter zu organisieren.

Reich wurde bei seinem Denken über die Arbeitsenergie entscheidend von Karl Marx beeinflußt. Noch 1953 veröffentlichte er in seiner politischen Autobiographie Menschen im Staat einen 1936 verfaßten Aufsatz über „Die lebendige Produktivkraft – Arbeitskraft – bei Karl Marx“. Also war er, was sich auch aus einer Erwähnung von Marx in seiner Petition ans Oberste Gericht von 1956 schließen läßt, bis ans Ende seines Lebens von der Marxschen Arbeitswert- und Mehrwerttheorie überzeugt. Er glaubte, daß Marx‘ Theorie vom „lebendigen Charakter der menschlichen Produktivkraft“ als „eine der größten Taten, die je vom menschlichen Denken vollbracht wurde“, bestehenbleiben werde, sie sei nämlich identisch mit der „’Arbeitsfunktion der biologischen Energie‘ der Orgonbiophysik“.

Nichts kann weiter von der Wahrheit entfernt sein, denn Marx‘ Arbeitswertlehre ist ein krudes mechano-mystisches Konstrukt. Zwar rechnete Reich schließlich auch Marx das zu, was er 1943 als „biologischen Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“ bezeichnet hat, aber Reich irrte sich, als er behauptete, dies wäre zwangsläufig so gewesen, weil zu Marx‘ Zeiten Freuds spätere Entdeckungen noch unbekannt gewesen seien. Hier sei nur an die von Bernd Laska im Rahmen des LSR-Projekts eruierte Verdrängung der Einsichten Stirners durch Marx erinnert, die um das Problem der psycho-strukturellen Freiheitsunfähigkeit des Menschen kreiste: das, was Freud später „Über-Ich“ und Reich „Panzerung“ nennen sollte.

Woher kam eigentlich der Marxismus und warum wurde er formuliert? Die erste Auseinandersetzung findet sich in Die deutsche Ideologie, in der es in erster Linie um eine Auseinandersetzung mit Max Stirner ging. Stirner hatte behauptet, daß alles, wirklich alles, vom Individuum abhängt. Marx versucht zu zeigen, daß es von wirtschaftliche Zwängen und vor allem Klasseninteressen bestimmt wird. Damit wird auch Stirners eigentlicher Hauptpunkt obsolet, nämlich daß mein Ich gar nicht mein richtiges Ich ist, sondern von „verinnerlichten Hierarchien“ bestimmt wird, von denen es sich zu befreien gilt.

Marx setzte gegen diesen (vermeintlichen) Idealismus die ehernen Gesetze der Ökonomie und die Zwänge des Klassenkampfes. Sie würden den Menschen derartig bestimmen, daß für Stirners Konzept nicht nur kein Platz bleibt, sondern Stirner selbst als Spielball dieser Kräfte und letztendlich als Klassenfeind entlarvt wird.

Marx‘ Lösung der menschlichen Malaise war es, den Klassenkampf des produzierenden Proletariats gegen die akkumulierende Bourgeoise bis zum Ende durchzufechten. Am diesem Ende stünde eine Gesellschaft, die nicht vom komplizierten Geflecht der Warenproduktion bestimmt wird, sondern in der die Menschen unmittelbar die Früchte ihrer Arbeit genießen könnten. Zunächst werden Bezugsscheine nach erbrachten Arbeitsstunden verteilt, später, wenn sich die Menschen endgültig vom kapitalistischen Ungeist befreit haben, nach den Bedürfnissen des Einzelnen. Daß bei diesem „Emanzipationsprozeß“ nichts vom Individuum übrigbleibt, sondern es vollständig in der Gesellschaft aufgeht, d.h. von verinnerlichten Hierarchien bestimmt wird, ist offensichtlich. Genauso offensichtlich ist, daß Stirner und Reich funktionell eins sind!

Die Unvereinbarkeit von Reich und Marx wird insbesondere deutlich, wenn man Marx direkt von einer sexualökonomischen Warte aus betrachtet:

Der Sozialismus in England und auf dem Kontinent scheint die bürgerliche Respektabilität eher unterstützt als angegriffen zu haben. Während Marx und Engels zwar die patriarchalische Familienstruktur ihrer Zeit durch eine Familie ersetzen wollten, die auf Liebe und größere Gleichheit gegründet war, achteten sie doch zugleich darauf, die Grenzen der Respektabilität zu wahren. Beispielsweise verwarfen sie ausdrücklich die libertäre Sexualmoral des Anarchisten Max Stirner. (George L. Mosse: Nationalismus und Sexualität. Bürgerliche Moral und sexuelle Normen, München 1985, S. 230)

Was Reichs angeblichen „Marxismus“ betrifft, meint der Marxist Helmut Kentler:

Mit seiner „Naturphilosophie“ brachte sich Reich nicht nur in Gegensatz zu Freud, sondern auch zu Marx. Für Freud wie für Marx nämlich war die Inadäquatheit von Mensch und äußerer Natur eine Grundtatsache, und darum konnte für sie immer nur die Geschichte die wahre Naturgeschichte des Menschen sein. (Sexualwesen Mensch, Hamburg 1984)

Man denke in diesem Zusammenhang etwa an Reichs Rede von der „Entdeckung der natürlichen biologischen Arbeitsdemokratie“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 26).

Reichs Gegensatz zu Marx dokumentiert Kentler, indem er die beiden Fassungen von Reichs Einbruch der sexuellen Zwangsmoral von 1935 und 1952 (in Großschrift) miteinander vergleicht:

  • Marxsche Soziologie – ÖKONOMISCHE SCHRIFTEN VERSCHIEDENER RICHTUNGEN ANGEHÖRENDER AUTOREN
  • während die materielle Not nur die beherrschte Klasse erfaßt – WÄHREND DIE WIRTSCHAFTLICHE NOT NUR EINEN KLEINEN TEIL DER GESELLSCHAFT ERFASST
  • im Proletariat – UNTER DEN VERARMTEN
  • die privatwirtschaftliche Gesellschaft – DIE AUF DER HERRSCHAFT DES GEPANZERTEN MENSCHEN BASIERTE GESELLSCHAFT
  • kapitalistisch – PATRIARCHALISCH-AUTORITÄR
  • urkommunistisch – UR-ARBEITSDEMOKRATIE
  • privatwirtschaftlich – AUF ARBEIT ALS HANDELSWARE BASIERT
  • Privat- und Warenwirtschaft – MENSCHLICHE ABHÄNGIGKEIT
  • das Kapital und seine Ordnung – DIE GROSSUNTERNEHMER UND DER STAAT
  • proletarische Revolution – UMSTRUKTURIERUNG DER MASSEN
  • Kapital – PFEILER DER REAKTIONÄREN GESELLSCHAFT DER HIERARCHIE IN STAAT, KIRCHE UND UNTERNEHMERTUM
  • bürgerliche Sozialpolitiker – REAKTIONÄRE SOZIALPHILOSOPHEN
  • Interesse am Privatbesitz im Anfang der Klassengesellschaft – SOZIALE STRATIFIZIERUNG
  • Wegfall der Warenwirtschaft – ENTWICKLUNG IM 20. JAHRHUNDERT

Ich selbst habe die ersten Kapitel der beiden Fassungen der Massenpsychologie des Faschismus miteinander verglichen (Reichs Berichtigungen von Anfang der 1940er Jahre in Großschrift):

  • in einer ökonomisch zur Sprengung der kapitalistischen Produktionsweise reif gewordenen Phase – IN EINER, WIE DIE MARXISTEN BEHAUPTETEN, „ÖKONOMISCH ZUR…“
  • die junge sexualpolitische Bewegung – DIE JUNGE BEWEGUNG DER ARBEITSDEMOKRATISCHEN SEXUALÖKONOMIE
  • wirtschaftspolitische Ziele der Arbeiterbewegung – WIRTSCHAFTSPOLITISCHE ZIELE DER NATÜRLICHEN ARBEITSDEMOKRATIE
  • Antikapitalisten – REVOLUTIONÄRE
  • wissenschaftlicher Sozialismus – WIRTSCHAFTSLEHRE DES SOZIALISMUS
  • bürgerliche Erfassung der Wirklichkeit – REAKTIONÄRE ERFASSUNG DER WIRKLICHKEIT
  • revolutionäre Praxis – BEWÄLTIGUNG DES REAKTIONÄREN
  • sozialistische Praxis – REVOLUTIONÄRE PRAXIS
  • marxistische Forschung – SOZIOLOGISCHE FORSCHUNG
  • Klassensituation – ARBEITSSITUATION
  • Hemmung der Entwicklung des revolutionären Bewußtseins – HEMMUNG DER SOZIALEN BEWUSSTHEIT
  • Klassenbewußtsein – SOZIALES VERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN
  • bürgerliche Gesellschaft – AUTORITÄRE GESELLSCHAFT
  • bürgerliche Wissenschaft – KONSERVATIVE LEBENSANSCHAUUNG
  • privatwirtschaftliche Gesellschaft – PATRIARCHALISCH-AUTORITÄRE GESELLSCHAFT
  • kapitalistische Interessen – AUTORITÄRE INTERESSEN

Reich zufolge wird der besagte biologische Rechenfehler, der auch Marx unterlaufen ist, durch folgende Maximen gekennzeichnet:

„Weg vom Tier; weg von der Sexualität!’ sind die Leitsätze aller menschlichen Ideologiebildung. Gleichgültig, ob es ein Faschist in die Form des rassisch reinen „Übermenschen“, ein Kommunist in die Form der proletarischen Klassenehre, ein Christ in die Form der „spirituell-moralischen Natur“ des Menschen oder ein Liberaler in die Form der „höheren moralischen Werte“ kleidet. (Massenpsychologie des Faschismus, S. 300)

In Menschen im Staat (Stroemfeld 1995, S. 72) konstatiert Reich bei Marx konkret ein „Unverständnis für die biologische Verwurzelung des Menschen, für seine Triebbestimmtheit.“

Nachdem Reich diese entscheidende Lücke bei Marx beklagt, setzt er auf eine kaum nachvollziehbare Weise dessen „lebendige Arbeitskraft“ mit der „‘Arbeitsfunktion der biologischen Energie’ der Orgonbiophysik“ gleich! Reichs Mißgriff ist allzu offensichtlich, denn einerseits ist am Marxschen Arbeitsbegriff nichts biologisch. Ganz im Gegenteil hat Marx wie kaum ein anderer die Arbeit von der Biologie des Menschen und der „natürlich biologischen Arbeitsdemokratie“ der Gesellschaft getrennt. Und zweitens liegt bei Marx keine Aufwertung, sondern im Gegenteil eine Abwertung der menschlichen Arbeit vor.

Am Anfang stand der Neuplatonismus

9. Oktober 2015

Zwischen 200 und 500 entwickelte sich der „Neuplatonismus“. In diesem mystischen System wurde alles in stufenweiser Abfolge aus dem letzten Urgrund abgeleitet. Durch Emanation gehen aus ihm zunächst die Platonischen Ideen hervor, aus diesen die Weltseele, die schließlich die Materie erschafft. In der Materie sind die Einzelseelen gefangen, indem sich aber jede bewußt wird, daß in ihr die ganze Weltseele gegenwärtig ist – daß also jeder Einzelne das ganze All in sich trägt und es erschaffen hat – kehrt sich der Prozeß der Emanation um. Die Seele kehrt in die Weltseele zurück, um letztlich wieder eins mit dem jenseitigen Gott zu werden.

Die Affinität des Neuplatonismus zum Christentum ist offensichtlich. So gab es zwischen den beiden immer wieder Überschneidungen, bis um 500 ein nicht weiter identifizierbarer syrischer Gelehrter unter dem Pseudonym „Dionysius Areopagita“ die neuplatonische Philosophie systematisch mit dem Christentum verband. In seiner „mystischen Theologie“ sollte der Mensch sich von seiner Anhänglichkeit an den Dingen „reinigen“, um vom Logos „erleuchtet“ zu werden, d.h. zu den reinen platonischen Ideen durchzudringen. Da diese aber noch einer Vielheit entsprechen, muß unser Geist noch einen letzten Schritt der „Einigung“ vollziehen, um wieder mit dem All-Einen zu verschmelzen. Aus dieser Sichtweise erkennen wir, daß wir Gott nicht fassen können, ihm keinen Namen geben können, daß alle Benennung auf Unterscheidung beruht, Gott aber das unvergleichliche All-Eine ist. Dem entspricht eine „negative Theologie“, die alle Aussagen von Gott fernhält und sogar alle negativen Aussagen, z.B. das Gott nicht existiert, verneint.

Hier sei kurz erwähnt, daß die Lehre vom Zusammenfall aller Gegensätze im absoluten Einen und die „negative Annäherung“ an das Eine, sowohl in abstrakter Weise Reichs orgonometrische Denkmethode als auch in mystischer Form Stirners solipsistischen Nihilismus vorwegnimmt. Ohne den Pseudo-Dionysius wäre die Entwicklung, die zu diesen beiden Männern führte, undenkbar gewesen.

Wenn Reich in Christusmord (Freiburg 1978, S. 200) schreibt, Bruno hätte sich in dem Hauptstrom des menschlichen Denkens bewegt, „der vierhundert Jahre später zur konkreten Formulierung der funktionellen orgonometrischen Gleichung führte“, bestätigt dies meine Einschätzung, denn Brunos unmittelbarer Geistesahn Nikolaus von Kues (Cusanus) schöpfte direkt aus dem Pseudo-Dionysius. Und was Stirner betrifft, möchte ich an dieser Stelle nur die beiden abschließenden Absätze seines Der Einzige und sein Eigentum zitieren:

Man sagt von Gott: „Namen nennen Dich nicht“. Das gilt von Mir: kein Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angibt, erschöpft Mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein von Mir. Eigner bin ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins. Stell’ ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt und Ich darf sagen: Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt.

Der ungeheure Einfluß der vier areopagitischen Schriften auf das abendländische Denken verdankt sich der Tatsache, daß man sie, nach Apg 17,34, dem Apostelschüler und ersten Bischof von Athen zuschrieb. So kam im Mittelalter die Lehre des Pseudo-Dionysius gleich nach den Aposteln. Albertus Magnus glaubte sogar, sie wäre vom Heiligen Geist selbst verfaßt worden.

Bevor Dionysius seine nicht zu überschätzende Wirkungsgeschichte im Abendland entfalten konnte, mußte er erst aus dem damals so gut wie unbekannten Griechischen ins Lateinische übersetzt werden. Dies leistete der irische Mönch Johannes Scottus Eriugena (ca. 810 – ca. 880) am Hofe Karls des Kahlen in Paris. Mitten im finstersten Mittelalter brachte es Eriugena sogar fertig die areopagitische Philosophie weiterzuentwickeln. Dazu möchte ich zunächst noch einmal auf Christusmord zurückkommen, wo Reich schreibt: „Bruno kannte das Gesetz der gleichzeitigen funktionellen Identität und Gegensätzlichkeit, wenn auch nur in abstrakter Form.“ Dieses geht aber ursprünglich auf Eriugena zurück:

Er konnte (…) Einheit denken als bewegte Einheit von Gegensätzen; damit bereitete er den Weg für Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, [Georg] Hamann und Hegel. Er ließ Koinzidenzphänomene gelten, so die Einheit von Aufstieg und Abstieg, von Ruhe und Bewegung, von Offenbaren und Verbergen. (Kurt Flasch: Das philosophische Denken des Mittelalters, Stuttgart 1986, S. 175)

In seinem fünfbändigen Werk „Über die Einteilung der Natur“ Periphyseon nahm Eriugena in seinem Bestreben Philosophie und Theologie in Übereinstimmung zu bringen geradezu Hegel vorweg. (Wie wir noch sehen werden, sollte Eriugena sogar seine eigenen „Stirner“ bekommen). Und Hegel wäre ohne die mittelalterliche deutsche Mystik undenkbar, die wiederum ohne Eriugena kaum vorstellbar ist.

Für die Neuplatoniker war die Materie das schlechthin böse, was sich natürlich mit der jüdisch-christlichen Lehre von der guten Schöpfung Gottes biß. Deshalb formte Eriugena den neuplatonischen Akosmismus in etwas um, was jederzeit in Pantheismus abgleiten konnte (was noch unvereinbarer mit der jüdisch-christlichen Lehre wäre), denn für Eriugena sind Gott und Welt wohl nicht formell aber substantiell identisch (weshalb es für Eriugena auch kein substantiell Böses geben konnte). Gott ist überall und in allem und hört doch nicht auf über allem zu stehen.

Nach Eriugena geht die Welt wie folgt aus Gott hervor:

  1. Gott ist die unverursachte Ursache für alles, er ist die schaffende aber nicht geschaffene Wirklichkeit, die
  2. die Entstehungsgründe für jedes einzelne hervorbringt, die Platonischen Ideen als geschaffene und schaffende Wirklichkeit, welche
  3. die einzelnen Dinge hervorbringt; dies ist die geschaffene aber nicht schaffende Wirklichkeit, welche
  4. im menschlichen Geist als nicht schaffende und (wie Gott) nicht geschaffene Wirklichkeit zu Gott zurückkehrt.

Eriugena zufolge sind im menschlichen Denken die Dinge wahrer als in sich selbst und indem der Mensch sie vereinigend in ihren Ursprung zurückführt, zeigt er seine Ebenbildlichkeit mit Gott. Der Mensch faßt die Welt zusammen und vergöttlicht sie so. So bekommt der Mensch bei Eriugena eine ganz eigentümliche Würde verliehen, die fast schon an Nietzsche gemahnt. Im Gegensatz zu Pseudo-Dionysius sah Eriugena den Menschen also nicht nur passiv der sich durch die Hierarchie vermittelnden Erleuchtung hingebend, sondern als aktiv tätigen Geist, mit einem unmittelbaren Bezug auf Gott. Implizit bedeutete dies natürlich eine Infragestellung der „kirchlichen Hierarchie“.

Gegenüber dem rein mystischen Dionysius bekam bei Eriugena die Vernunft einen hohen Stellenwert. Diese rationalistische Herangehensweise zeigt sich z.B. daran, daß Eriugena Himmel und Hölle nicht als reale Orte, sondern als Bewußtseinszustände betrachtete, demnach war der Mensch zeitlich auch nie im Paradies. Trotzallem galt Eriugena drei Jahrhunderte nicht als häretisch. Erst 1210 wurden seine Werke verurteilt und verbrannt.

Die Schuld daran trug der Theologe Amalrich von Bena (gestorben etwa 1206), der Dozent an der Pariser Universität war. Amalrich griff Eriugenas Ideen wieder auf und formte sie zu einem konsequenten Pantheismus um. 1204 wurde er von seinen theologischen Kollegen verklagt und daraufhin vom Papst zum Widerruf gezwungen, obwohl er sich ständig auf Paulus berief: Wie alle einschließlich unserer Körper seien Teile vom Leibe Christi (Eph 5,30; 1 Kor 6,15 und 12,27). Gottes Allgegenwart und Identität mit dem All sollte die Aussage von Paulus belegen, Gott habe alle Dinge geschaffen. „Sie bestehen durch ihn und haben in ihm ihr Ziel“ (Röm 11,36). Gott allein sei der Herr, „der alles und in allem wirkt“ (1 Kor 15,28). Alles im Himmel und auf Erden wurde durch Christus geschaffen und alles habe in ihm sein Ziel (Joh 1,3-4 und Kol 1,16).

Amalrichs pantheistische Anschauungen mußten natürlich mit der Vorstellung in Konflikt geraten, daß sich beim Abendmahl das Brot in den Leib Christi und der Wein in sein Blut umwandle. Überhaupt machten Sakramente angesichts einer solchen Weltheiligung und ihres „Pansakramentalismus“ keinen Sinn mehr. Und selbst die Moral und Ethik der Kirche mußten zu nichts werden, denn schließlich sei ja aller Wille letztlich göttlicher Wille und deshalb Gewissensbisse unnötig. Ganz paulinisch wurde bei Amalrich die göttliche Gerechtigkeit restlos von der göttlichen Gnade verdrängt. Die Liebe würde alles heiligen und alles was in Liebe geschehe, sei keine Sünde. Zumal ja schon Eriugena gelehrt hatte, daß es substantiell Böses gar nicht geben könne.

Eriugena hatte den weltflüchtigen, mystischen Neuplatonismus in einen rationalistischen Pantheismus (mit allen oben erwähnten Einschränkungen) „verwestlicht“. Diesen hatte Amalrich konsequent in eine Seinslehre der Weltheiligung umgeformt. Bis sie 1210 von der Inquisition verbrannt oder lebenslänglich eingekerkert wurden, wandelten nun Amalrichs Schüler, die Amalrikaner, diese Seinslehre in eine Lebenslehre. Ja, indem sie pantheistische Philosophie und paulinische Theologie mit der theologischen Geschichtsspekulation von Joachim von Fiore verbanden, riefen sie sogar eine neue Heilslehre ins Leben.

Christentum und die Biologische Revolution (Teil 1)

22. September 2015

Zum Beispiel heute im IC: eine Blonde, leicht ins Rötliche gehend, „nordischer“ kann man gar nicht sein, mit einer Goldkette um den Hals, – an der ebenfalls in Gold der afrikanische Kontinent hing. Sie war mir vorher, d.h. bevor mir die Kette ins Gesicht gesprungen war, aufgefallen, weil sie den Neger, der Snacks verteilte und zu dem sie zu keiner Zeit Blickkontakt hatte, d.h. vollkommen anlaßlos, so auffallend wohlwollend und freundlich angeschaut hatte. Es ging nicht um seine Person, sondern einzig und allein um seine Rasse! Hitler, bzw. der Kampf gegen Hitler, hat uns dazu gebracht alles Eigene zu verachten und zu hassen und alles Fremde auf rassistische Weise, d.h. ohne das Individuum zu sehen, zu verehren und zu lieben.

Diese Perversion geht jedoch tiefer. Wir sind so, weil wir Christen sind, d.h. „dem Fremden“ unser letztes Hemd geben.

Es wird fast universell verkannt, daß Giordano Bruno ein Todfeind des Christentums im allgemeinen und von Jesus Christus im besonderen war. Die Angriffe Brunos gegen Jesus Christus treten nirgendwo deutlicher hervor als in jener Passage eines seiner Dialoge, die auf die Frage Neptuns, was mit Orion (Brunos Name für „Christus“) geschehen solle, folgende Antwort des Momus wiedergibt:

Dieser versteht es ja, allerlei Wunderwerke zu verrichten, und wie Neptun weiß, kann er über die Wogen des Meeres hinwandeln, ohne einzusinken, ja ohne sich die Füße zu benetzen, und deshalb wird er auch noch viele andere schöne Kunststücke aufführen können; so laß uns ihn unter die Menschen senden und diesen durch ihn begreiflich machen, was uns irgend gut und genehm anmutet, indem er sie glauben läßt, daß weiß schwarz ist, daß der menschliche Verstand, gerade wo er am Klarsten zu sehen glaubt, nur Blindheit, daß demnach alles, was der Vernunft vortrefflich, gut oder als das Beste erscheint, nur gemein, verwerflich und äußerst böse ist, daß die Natur nur eine feile Dirne, das Naturrecht nur eine Schurkerei ist, daß Gott und die Natur niemals zu ein und demselben Endzweck zusammenwirken können und daß die Gerechtigkeit der einen nicht der Gerechtigkeit des andern untergeordnet, sondern ganz und gar entgegengesetzt ist wie die Finsternis dem Licht“ (Vertreibung der triumphierenden Bestie, übersetzt von L. Kuhlenbeck, 2. Aufl., Leipzig 1904, S. 242; z.n. Jochen Winter: Giordano Bruno. Eine Einführung, Düsseldorf: Parerga, 1999, S. 116).

Ein härterer und kompromißloserer Angriff auf das Christentum ist kaum denkbar! Bruno wirft Jesus und dem Christentum vor, das Naturrecht negiert, die natürliche Ordnung auf den Kopf gestellt und sich damit gegenüber Gott versündigt zu haben, der sich in der Natur offenbart. Tatsächlich hat sich das Christentum immer wieder als Verhängnis für alles Gute, Wahre und Schöne erwiesen, da es jede natürliche Regung, etwa das eigene Territorium gegenüber anstürmenden „Hilfesuchende“ zu schützen, negiert und in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Oder wie jetzt der katholische Bischof Franz-Josef Overbeck gesagt hat: „Deutschland darf nicht für Selbstbehauptung stehen!“

Für Nietzsche war das Christentum ein fluchwürdiger Pesthauch aus der Hölle: „Dächte man sich das Christentum, in seiner ganzen Stärke aufgefaßt, als herrschend, dächte man sich, daß keine Kräfte dagegen wirken, so würde es in kurzer Zeit den Untergang des Menschengeschlechts herbeiführen“ (Studienausgabe Bd. 9, S. 76). Man mache das Fernsehen an und man wird sehen, daß Nietzsche ein Prophet war! „Wir finden im Gefolge des Buß- und Erlösungstraining (…) jene todsüchtigen Massen-Delirien, deren entsetzlicher Schrei ‚evviva la morte‘ über ganz Europa weg gehört wurde (…)“ (Studienausgabe Bd. 5, S. 391f). Im christlichen Gott sieht er „das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heiliggesprochen!“ (Studienausgabe Bd. 6, S. 185). Man geht zum Hauptbahnhof und klatscht verzückt Beifall, wenn die Vernichtung des eigenen Volkes aus den Zügen steigt – und Margot Käßmann lächelt milde, weil das gesellschaftliche Immunsystem ausgeschaltet ist…

Das Christentum ist eine verhängnisvoll mißglückte Biologische Revolution:

Reich hat die Psychoanalyse als den Vater und den Marxismus als die Mutter der Sexualökonomie bezeichnet. Beide Doktrinen beinhalten eine radikale Kritik der Religion, die als Herrschaftsinstrument entlarvt wird. Aber ausgerechnet beim Christentum, bzw. bei Jesus zielt diese Kritik ins Leere.

Es ist gerade Jesus, der die schwere Last des Vaters, das Über-Ich, von den Menschen nehmen will:

Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben. Kommt doch zu mir; ich will euch die Last abnehmen! Ich quäle euch nicht und sehe auf keinen herab. Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung. Was ich anordne, ist gut für euch, und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last. (Mt 11,28-30)

Für Jesus ist Gott „mehr ein Geschehen als ein Sein, mehr eine Bewegung als ein Begriff, mehr Wille als Idee, und eben dieser göttlichen Dynamik entspricht der geheimnisvolle Wachstumsprozeß zwischen Aussaat und Ernte“ auf den Jesus in seinen Gleichnissen anspielt (Heinz Zahrnt: Jesus aus Nazareth, München 1987).

Und was nun den Marxismus betrifft, möchte ich nur Ernst Bloch zitieren:

Als Menschensohn, als herrschaftsfreier Mensch, ist Jesus Atheist. Jesus ist der Mensch, der den autoritären Himmelsgott entthront und sich an die Stelle Gottes setzt. Die Wiederkunft des Menschensohns Christus ist die Heraufkunft des neuen Menschen, der sich von Gott und allen anderen Herren befreit hat. Der Menschensohn und Mensch ersetzt den Herrengott. (z.n. Horst Georg Pöhlmann: Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988)

Ein Gutteil dieser ursprünglichen, „anarchokommunistischen“, libertinistischen Lehre Jesu, hat wohl die gnostische Sekte der Karpokratianer noch einige Zeit am Leben erhalten können. Hierzu verweise ich auf den marxistischen Artikel von Karl Muster unten.

THEOLOGIE – SPOTET IHRER SELBST UND WEISS NICHT WIE
Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie Band I, Heft 3, 1934

Äußerungen, wie die folgende stehen in der Antike nicht vereinzelt da (vgl. Platon Staat, Aristophanes Ekklesiazusen). Erinnerungen an das mutterrechtliche Zeitalter, das ja noch gar nicht so lange verflossen war, mögen in ihnen mitgeschwungen haben. Doch derartige Kritiken an Eigentums- und Sexualordnung mußten Utopien bleiben, da die antike Produktionsweise die Herausbildung eines Proletariats als seiner geschichtlichen Rolle bewußter Klasse nicht gestattete.

Epiphanes, der Sohn des Häretikers Karpokrates, so berichtet der Kirchenvater Clemens Alexandrinus (Stromateis Buch 3, Cap. 2, verfaßt etwa 190 n.Chr.) schreibt in seinem Buch „Über die Gerechtigkeit“:

Die Gerechtigkeit Gottes ist eine Art Gemeinschaft mit Gleichberechtigung. Denn gleichmäßig und nach allen Seiten hin ausgespannt umfaßt der Himmel im Kreise die Erde, gleichmäßig zeigt die Nacht die Gestirne. Und die Sonne, die den Tag bewirkt und das Licht zeugt, … sehen alle gemeinsam, da Gott darin nicht Reich und Arm, Volk und Fürsten, Unbesonnene und Besonnene, Frauen und Männer, Freie und Sklaven unterschieden hat …
Die Gesetze der Menschen aber konnten die Unwissenheit nicht bändigen und lehrten Unrecht tun. Die Beschränkung durch die Gesetze zerschnitt und zernagte die Gemeinschaft. Das „Mein“ und das „Dein“ ist durch das Gesetz hereingekommen, da die Menschen nicht mehr zu gemeinsamen Genuß von Erde und von Besitz Gebrauch machen konnten und auch nicht mehr von der Ehe.
Denn gemeinsam für alle hat Gott die Weingärten gemacht, die keinen Sperling und keinen Dieb abweisen. Doch der Rechtsbruch an der Gemeinschaft schuf den Dieb an Vieh und Früchten …
… Die Aber so gezeugt sind, verleugnen die Gemeinschaft, der sie ihre Geburt verdanken und sagen: Wer eine Frau genommen hat, soll sie besitzen – wo doch alle an ihr teilnehmen könnten, wie bei den übrigen Lebewesen …
Daher: Wie lächerlich ist das Wort des Gesetzgebers von: „Du sollst nicht begehren“ angefangen bis zu dem noch lächerlicheren „alles was Deinem Nächsten gehört.“ Denn derselbe, der die Begierde als etwas Angeborenes gab, befiehlt nun, daß wir uns ihrer entledigen sollen, wo er sie doch keinem Tier wegnimmt. Doch dies „Deines Nächsten Weib“ zwingt die Gemeinschaft in die Vereinzelung und ist darum noch lächerlicher.

Unser Kirchenvater ist natürlich auf’s tiefste empört über die Ketzerei, mit der hier die theologische Betrachtung durch ihre eigenen Widersprüche ad absurdum geführt wird. Auch ist er sogleich mit einem Bericht über den wahllosen Geschlechtsverkehr bei der Hand, der die Gelage der Karpokratianer angeblich abschließe. Also: Wer die herrschende Sexualordnung angreift, der predigt und praktiziert „das sexuelle Chaos“: Im zweiten Jahrhundert genau wie im zwanzigsten. Wahr wird er wahrscheinlich damals so wenig gewesen sein wie heute.

Jesus war ein gewissenloser Libertinist, ein antinomistischer Nihilist wie nur LaMettrie oder Max Stirner. Dazu gehörten z.B. Amalrich von Bena (um 1200) und die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ (13. und 14. Jahrhundert), des weiteren die „Reformation der Reformation“, wie z.B. Sebastian Franck (1499-1543). Sie lehnten die 10 Gebote und alle kirchlichen Institutionen ab. Wahre Christen bräuchten kein Gesetz.

Jesus war kein Jude mehr, sondern Sohn des Menschen. Alfons Rosenberg (Jahrgang 1902) der, nachdem er 1935 in die Schweiz geflüchtet war, 1942 vom Judentum zu Christentum übertrat, legt dies in seinem Fragment Jesus der Mensch (München 1987) eindringlich dar. Jesus befreite sich vom Judentum als Menschensohn, den Jesus

weder nur innerlich noch nur eschatologisch verstanden wissen wollte, sondern ontologisch. Er muß gespürt haben, daß in ihm die lebendige Substanz, der göttliche Kern des Menschseins durch alle Schalen durchgebrochen ist (…) Wie begreiflich ist es, daß einem so fremden, unbegreiflichen Wesen gegenüber die einen zwar in Erstaunen, die anderen aber in Furcht und Zorn gerieten. Wie kann es da anders gewesen sein, als wie Johannes sagt: „Er kam in das Seine, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)

Ein gläubiger Jude könnte jetzt mit Recht einwenden, der Kern des Judentums sei das Gebot der Nächstenliebe und alles andere nur sekundärer Zusatz – und das sei ja auch die Meinung des frommen Juden Jesus gewesen, der sich dabei ausdrücklich auf die Thora berufen hätte (Mt 22,34-40). Der Witz bei der Sache ist nur, daß dies die einzige Stelle in den Evangelien ist, wo Jesus überhaupt von Nächstenliebe spricht!

Paulus ist derjenige, der ständig von ihr predigt. Jesus gibt nur die pharisäische Lehrmeinung von sich – und das war’s dann auch schon. Auf die Frage seiner Jünger nach den Speisevorschriften, Fasten, Beten und dem Gebot des Almosengebens, antwortet Jesus lapidar: „Lügt nicht, und tut nicht was ihr haßt!“ (Th 6). Demgemäß paßt auch das Hauptgebot seine Mitmenschen so zu lieben, wie man sich selbst liebt, einfach nicht zu seiner frohen Botschaft der Freiheit – die uns frei macht unsere Mitmenschen zu lieben – eben weil wir nicht mehr verpflichtet sind, „Liebe“ zu heucheln.

Wie der Gott Stirner in Der Einzige und sein Eigentum (Reclam, S. 324) schrieb:

Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber ich liebe sie mit dem Bewußtsein des Egoismus; Ich liebe sie, weil die Liebe Mich glücklich macht, Ich liebe, weil Mir das Lieben natürlich ist, weil Mir’s gefällt. Ich kenne kein „Gebot der Liebe.“

Hier spricht Christus! Man hat sich oft darüber lustig gemacht, daß Stirner sein Buch, „das extremste, das wir überhaupt kennen“ (F.A. Lange), ausgerechnet seinem „Liebchen“ Marie gewidmet hat, so als wäre die Liebe nicht die letzte Konsequenz des Einzigen. Das werden „gute Menschen“ wie Paulus oder Erich Fromm mit ihren widerwärtigen „Hoheliedern der Liebe“ (1 Kor 13) nie verstehen.

Die letzte Konsequenz des Gebots der Nächstenliebe ist der Haß. Das wird jeder bestätigen, der Opfer dieser Art von „Liebe“ geworden ist, etwa Menschen, die katholische Heimerziehung genossen haben. Genauso ist auch die affektierte „Liebe“ der weitaus meisten Pärchen nichts weiter als Haß, Angst und Verachtung (E.F. Baker).

Nach 5000 Jahren moralischer Bearbeitung des Menschen ist die Welt eine einzige große Hölle, die sich mit jedem Gebot weiter verfinstert. Es geht nicht um bessere Gesetze, bessere Ideologien oder bessere Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller konservativen und „fortschrittlichen“ Ideologien und Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller Moral, aller Ethik und aller Sittlichkeit. Selbst ein „guter Mensch“ wie Alfons Rosenberg hat hier Jesus teilweise verstanden, wenn er schreibt:

Indem Jesus feststellte, daß ein Teil, pars pro toto, des jüdischen (…) Gesetzes nur Menschenwerk sei, hat er das ganze System fragwürdig gemacht. Eine solche Relativierung muß aber unweigerlich (…) auch zur Relativierung der „Religion“ schlechthin führen. Dies betrifft auch jene „Religion“, die in seinem Namen (…) geschaffen wurde (…)

Fragen wir doch, warum sich denn ausgerechnet die Botschaft Jesu im von religiösen Angeboten übersättigten Römischen Reich hat durchsetzen können. Weil es eine Botschaft der Befreiung war! Die „Frohe Botschaft“, die den Menschen aus dem spätantiken Schicksalsglauben befreite. Von Astrologie und Magie, die jede Lebensäußerung zu ersticken drohte. Genauso wie es bei den Juden „das Gesetz“ tat. Das Christentum befreite von derartigen „gesetzlichen“ Verstrickungen. Dies erklärt zum Teil auch heute noch die Missionserfolge in Weltgegenden wie z.B. Zentral-Neuguinea, wo die Menschen von Dämonenglauben, Stammessatzungen und Tabus geradezu zerdrückt werden.

In dieses alles zermalmende Räderwerk schien das befreiende Licht Christi und verkündete, daß kein Schicksal, keine Gestirne, kein Gesetz, kein Karma uns bindet, denn Gott ist unser unmittelbarer Vater, der uns bedingungslos auch ohne Opfer und gute Taten annimmt. Wir sind frei. In der Reformation bahnte sich dies Licht dann einen breiteren Weg, der unmittelbar zur eigentlichen Aufklärung führen sollte. Und gerade heute, 200 Jahre später, wo das Mittelalter und das Schicksal wieder an die Tür klopfen, ist die Frohe Botschaft aktueller denn je.

Zuerst löst sich Jesus radikal von seinen Familienbanden (Mt 12,46f), er überwindet die „Familitis“ (Reich). Danach befreit er sich von der „Sozialistis“ (Reich), transzendiert sein Menschentum und wird er selbst. Dies ist auch schon daran ersichtlich, daß Jesus vielleicht als erster das Individuum entdeckt hat. Dazu schreibt der Theologe Pfarrer Horst Georg Pöhlmann:

Wie sehr Jesus den Einzelmenschen aufgewertet hat, erhellt sich nicht nur aus seiner Parteinahme für die Ausgestoßenen der Gesellschaft, sondern auch aus seiner Unabhängigkeit von seiner Sippe und Verwandtschaft (Mk 3,31-35). Im damaligen Judentum hatte der Mensch nur einen Stellenwert als Glied seiner Sippe, von der er in allem abhängig war. Man könnte fast sagen: Jesus hat den Einzelnen entdeckt. Wenn er eine Gruppe gegründet hat, dann nicht als Kollektiv, sondern als Gemeinschaft unverwechselbarer Einzelner. (Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988, S. 97f)

Dazu muß man sich sein Umfeld vergegenwärtigen:

Der Mensch (…) wird in der hebräischen Anthropologie so sehr in seine Gemeinschaften einbezogen gesehen, daß höchstens der Sippe oder dem Volk als Groß-Ich das Prädikat „Person“ zugeschrieben werden kann. Erst in der neutestamentarischen Religion wird der Kollektivbezug der Religion völlig gebrochen und insofern jedes Individuum vor Gott zur Person. (Reclams Bibellexikon, Stuttgart 1978)

Dies erklärt auch die Renaissance des Christentums in Osteuropa und die geradezu sensationellen Missionserfolge im konfuzianischen Korea, neuerdings auch in China und sogar in islamischen Ländern wie dem Iran.

Vergleicht man alle Hochkulturen miteinander, wird man feststellen, daß ausschließlich im christlich geprägten Abendland das Individuum sich emanzipiert hat. Nur hier hat es so etwas wie die Reformation und die Aufklärung gegeben. Hier finden wir die Phylogenese von Max Stirners „Einzigen“. Und deshalb macht es auch einen tiefen Sinn, daß unsere Zeitrechnung mit Jesus anfängt. Diese Zeitrechnung hat eine ähnliche Bedeutung, wie jene, die vor 200 Jahren die französischen Revolutionäre einsetzen wollten. Damit will ich sagen, daß wir nicht nur den 200sten, sondern auch den 2000sten Jahrestag der Revolution feiern: Wir feiern sozusagen den Geburtstag von Stirners „Einzigem“!

Wir könnten den Geburtstag des Einzigen feiern, hätte man nicht alle wahren Christen als Ketzer verfolgt und wären nicht in der Neuzeit die einzig wahren Aufklärer (LaMettrie, Stirner, Reich) in Acht und Bann getan worden. Hören wir, wie nah sich doch die wahren Christen und die wahren Aufklärer stehen:

In seinem Buch der Ketzer (Frankfurt 1962, S. 223) beschreibt Walter Nigg das Denken der mittelalterlichen Sekte der „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ wie folgt:

Der Christ müsse Gott werden wollen, und dann werde er zuletzt auch wie Gott. Wenn der Mensch aus der Äußerlichkeit in die Innerlichkeit sich wendet, Gott und Gottes willen läßt, dann wird er Gott gleich, Gottselbst und bedarf Gottes nicht mehr; dann ist er auch über die Liebe hinausgekommen und hat den Zustand erreicht, in welchem Gott alles in ihm wirkt. (…) Nach Auffassung der gottleidenden Menschen ist der Christ bei der Erreichung dieser Stufe über alle Verdienste der Heiligen und Marias hinausgelangt und hat sogar Christus übertroffen.

Schon auf der Erde habe er den vollkommenen Zustand der Auferstehung und die absolute Freiheit erlangt.

In seinem „Gegenwort eines Mitgliedes der Berliner Gemeinde“ (Parerga) meinte fünf Jahrhunderte später Max Stirner weit weniger radikal:

Gott ist der Mensch, das ist die Lehre Christi; wer sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum seines eigenen Wesens eingedrungen, wer bei sich ist, der ist beim Vater.

Und weiter:

Erkennt euch, so erkennt ihr Gott und die Welt, liebt euch, so liebt ihr alle, sucht euch, so sucht ihr Gott, habt euch, so habt ihr alles, trachtet im höheren Sinn zuerst nach euch, so fällt euch alles andere zu. Nichts ist euch so verborgen, als ihr euch selbst, nichts kann euch aber auch so offenbar werden, als euer Selbst und auch darin offenbart sich Gott eurem suchenden Geiste.

Übrigens meint auch der Neutestamentler Herbert Braun, daß der, der sich annimmt, damit gleichzeitig auch Gott annimmt (Jesus der Mann aus Nazareth, Gütersloh 1988, S. 129).

Bei der Gleichsetzung des eigenen Selbst mit Christus steht Stirner in einer deutschen Tradition zwischen Goethe und Nietzsche. So schreibt Goethe 1787 aus Rom

mit einer Anspielung auf Lukas [2,49] die wieder einmal, wie früher ähnliche Stellen in der Umgebung des Werther, auf einen leisen Versuch, sich Christus gleichzusetzen, schließen läßt: „So lebe ich denn glücklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist.“ (Emil Staiger: Goethe, Bd. 2, Zürich 1962)

Und wenn Nietzsche alle Werte umwertet, tut er dies mit der gleichen „unerhörten Souveränität“, mit der Jesus in der Bergpredigt Gottes Gebote aufhebt: „Gebote Gottes aufheben kann nur einer, der mit Gott identisch ist“ (Pöhlmann, S. 28).

Reich und die Linke (Teil 1)

5. August 2015

Man kann die orgonomische soziopolitische Theorie im folgenden Schema zusammenfassen (dabei handelt es sich um eine, hier geringfügig modifizierte, orgonometrische Gleichung von Paul Mathews, die dieser wiederum auf Grundlage von Reichs Massenpsychologie des Faschismus ausgearbeitet hat):

Der rechteckige eingerahmte Teil entspricht dann der ausführlicheren Tabelle der soziopolitische Charakertypen in Elsworth F. Bakers Der Mensch in der Falle (S. 232).

Reichs Auseinandersetzung mit dem falschen Liberalen, den später Baker als „modernen Liberalen“ bzw. „Kollektivisten“ bezeichnen sollte, läßt sich sehr weit zurückverfolgen. So richtete sich Reich schon 1920 in seinem Tagebuch gegen die kollektivistische Haltung seines Freundes William S. Schlamm:

Aber in einem gebe ich ihm auch affektiv nicht recht: daß jeder Einzelne ein Teil eines Ganzen zu sein verpflichtet sei, um dem objektiven Geist zu dienen.

Vielmehr nehme er Stirners Standpunkt ein: „ich will nicht dienen, ich will den Geist in mir aufrichten“ (Leidenschaft der Jugend, Köln 1994, S. 139).

Schon aus den ersten rein privaten „politischen“ Aufzeichnungen Reichs kann man praktisch alle Elemente seines späteren Konzepts der „Arbeitsdemokratie“ auf der Grundlage selbstregulierter Individuen entnehmen: aus der Freiheit der Einzelnen entwickelt sich eine freie Gesellschaft. Ständig ist in Reichs damaligen privaten Aufzeichnungen von „Individualismus“ die Rede, während Leute wie Siegfried Bernfeld nur in Kollektiven leben könnten. Reich spricht vom „kommunistischen Geschwafel“ und stellt ihm die „egoistische Realität“ gegenüber. Er verweist dabei auf den „Gott“ Max Stirner, der 1844 mehr gesehen habe, als „wir 1921“. Reich fühlt sich abgestoßen von kommunistischen Sympathisanten und „Altruisten“, wie Alfred Adler, die nur kontaktlos „intellektuell revolutionär“ reden, ohne persönliche Konsequenzen zu ziehen. „Idealisten“, die für das ferne Rußland agitieren, das sie nichts angeht, während sie für das Elend in ihrer unmittelbaren Nähe blind sind und hilflos reagieren, wenn man sie auf es aufmerksam macht – sie planen aber die Weltregierung… (vgl. Leidenschaft der Jugend).

Willy Schlamm wandte sich Ende der 20er Jahre vom Kommunismus ab und entwickelte sich zum pessimistischen Konservativen, während sich zur selben Zeit Reich der kommunistischen Bewegung anschloß. In seinem Buch Wilhelm Reich in Wien (Wien 1988) beschreibt Karl Fallend den Elan und die Radikalität, die Reich dabei an den Tag legte. Bei einem politischen Engagement, das Reich nicht nur später mehr oder weniger zu vertuschen trachtete, um seinen Lebensweg gradliniger erscheinen zu lassen und diese Emotionelle Pest-Reaktion (auf seine eigene Entdeckung der Funktion des Oragsmus?) „einzuebnen“.

Reich war damals ganz dem sozialistischen Aufklärungsideal verpflichtet: Kläre die „Massen“ über ihre Lage auf und sie werden mechanisch, rationalistisch ihren Interessen gemäß handeln. Er mußte schmerzlich miterleben, daß man in der Tat die Menschen nicht erziehen kann. So sagte er rückblickend 1952 in einem Interview mit dem Psychoanalytiker Kurt Eissler:

Nun, ich kann Ihnen versichern, daß ich seinerzeit viele Fehler gemacht habe. Beispielsweise war es ein Fehler zu glauben, daß man mit den Leuten nur über die Neurose und dann über Glück zu sprechen braucht und daß sie dann fähig wären, zu verstehen und sich zu ändern. Ich wußte, daß die Leute krank waren, aber ich wollte Freiheit für sie. Aber die Fähigkeit zur Freiheit, die strukturelle, charakterologische Fähigkeit, war irgendwie nicht ganz da. Gerade hier, in der Frage der strukturellen Unfähigkeit, waren Freuds [konservative] Einwände gegen meine Arbeit korrekt.

Die Berechtigung konservativer Zurückhaltung zeigte sich Reich auch, als er bei seiner sexualpolitischen Arbeit mit der zügellosen Freiheitskrämerei des falschen Liberalismus konfrontiert wurde. So erinnert er sich 1946 in seiner Rede an den Kleinen Mann (S. 60):

Ein künftiger, derzeit noch verhinderter Führer, voll begeistert für die Diktatur des Proletariats, war auch für die Sexualökonomie begeistert. Er kam zu mir und sagte: „Sie sind wunderbar! Karl Marx hat den Menschen gesagt, wie sie ökonomisch frei sein können. Und Sie haben den Menschen gesagt, wie sie sexuell frei sein können. Sie haben gesagt: „Geht hin und vögelt nach Belieben.“

Genauso wie die Moralisiererei des reaktionären Konservativen in der totalen menschenverachtenden Amoralität des Nazismus endete, führt auch diese Zügellosigkeit des falschen Liberalismus in die kommunistische Prüderie. Reich wurde von den Roten Faschisten nur benutzt, um die Menschen in die Falle zu locken:

Ich belebe die Massen, kleiner Revolutionär, zeige ihnen die Misere ihres kleinen Lebens. Sie horchen meinen Worten, glühen vor Begeisterung und Hoffnung, rennen in deine Organisationen, weil sie glauben, mich dort zu finden. Du aber, was tust du? „Die Sexualität ist eine kleinbürgerliche Verirrung“, sagst du, „auf die ökonomischen Faktoren kommt es an.“ (ebd., S. 42)

Reich paßte einfach in keiner Hinsicht zum linken Spektrum und wurde nur zynisch ausgenutzt. Außerdem war seine Adaption des Marxismus so geartet, daß nichts von einer linken, kollektivistischen, gegen das Leben gerichteten Ideologie übrigblieb. So korrigierte Reich 1932 in seinem Buch zur „Geschichte der sexuellen Ökonomie“, Der Einbruch der Sexualmoral eine der fundamentalen Thesen, wenn nicht die fundamentale These, des Marxismus. Ging Engels noch kollektivistisch von der Produktion aus, davon, daß der Mensch durch die Produktion von Gütern und Menschen (Fortpflanzung) zum Menschen wird und beide Arten der Produktion die Gesellschaftsform bestimmen, betrachtete Reich individualistisch den Menschen vom Standpunkt der Konsumtion her: Nahrungstrieb (Konsum) und Sexualbedürfnis (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, S. 130). Dies ist schlicht das Gegenteil des Marxismus, unabhängig davon, daß sich Reich zu dieser Zeit noch als „Marxist“ betrachtete!

Reichs Schüler und Mitarbeiter Elsworth F. Baker schreibt in Der Mensch in der Falle (München 1980), daß sowohl der Konservatismus (Ordnung) als auch der Liberalismus (Freiheit)

in ihrer einfachsten Form (…) legitime Einstellungen zur Welt [sind], und wenn sie von gleich vielen Menschen vertreten werden, schaffen sie ein gutes Gleichgewicht im Fortschritt von Gesellschaft und Regierung. Übertreibungen und Verzerrungen der einen oder der anderen Einstellung bringen soziales und politisches Chaos mit sich.

Es hängt von den gesellschaftlichen Umständen ab, welche Seite von der Orgonomie in einer gegebenen Zeitperiode unterstützt wird. Beispielsweise hatte der „wissenschaftliche Sozialismus“ anfangs eine unmittelbare Relevanz für den Reichschen Ansatz „Sexualökonomie“.

In August Bebels 1883 erschienenem Buch Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden sich sexualökonomische Stellen wie folgende:

(…) weil besonders für das Weib sich die meisten Hemmungen ergeben, seine heftigsten Naturtriebe in natürlicher Weise zu befriedigen. Dieser Widerspruch zwischen Naturbedürfnis und Gesellschaftszwang führt zur Unnatur, zu geheimen Lastern und Ausschweifungen (…).

So ist es nur natürlich, daß Reich sich dieser Marxistischen Tradition zuwandte, die von Anfang an sexualökonomische Elemente in sich trug.