Posts Tagged ‘Martin Luther’

Blogeinträge Mai/Juni 2012

21. November 2017

Charles Konias Orgonsoziologie. Angesichts des gestrigen Beitrags zur Ökonomie möchte ich insbesondere auf seinen Blogeintrag „Wieso ‚Konjunkturpakete‘ nicht funktionieren“ verweisen:

Blogeinträge Mai/Juni 2012

  • Aus der Geschichte der Emotionellen Pest: Die Lösung des Christentums
  • Wieso „Konjunkturpakete“ nicht funktionieren
  • Kommunismus/Sozialismus ist der Krebs des Gesellschaftskörpers
  • Aus der Geschichte der Emotionellen Pest: Die Lösung des Liberalismus
  • Aus der Geschichte der Emotionellen Pest: Die Lösung des Konservatismus
  • Der schwindende Kern-Kontakt bei den Menschen
  • Das Robin-Hood-Syndrom
  • Eines der Hauptsymptome eines emotionell pestkranken Charakters
  • Die Auswirkungen der sozio-politischen Rotverschiebung auf das Denken der Menschen

 

Kommentar zu „Aus der Geschichte der Emotionellen Pest: Die Lösung des Christentums“:

Robert (Berlin) schrieb 2013:

Dieser Artikel ist ausgesprochen gut, leider aber sein Lösungsansatz sehr utopisch. Das deswegen, weil durch den Einbruch der islamischen Pest seine Lösung immer unwahrscheinlicher wird, abgesehen auch davon, dass es nie genügend Therapeuten geben wird. Man müsste eine freie „Insel“ schaffen, diese gut schützen und darin ungepanzerte Kinder aufwachsen lassen (unter der Aufsicht von Orgontherapeuten) und diese erziehen dann wiederum als Erwachsene weitere ungepanzerte Kinder.

O.:

„Die Emotionelle Pest ist eine medizinische Erkrankung und muß wie jede andere Infektionskrankheit behandelt werden.“ (laut Konia)
Dies würde sagen, EP sei keine psychische Erkrankung und könne nicht mit Psychotherapie behandelt werden.
Daher mein Gegenargument: Emotionelle Pest ist eine psychische Erkrankung und muss mit Psychotherapie behandelt werden.
Genauer betrachtet ist sie aber ein soziales Phänomen einer Masse psychisch Kranker (definiert nach Reich). Mit Einzeltherapie wird dem keiner beikommen können. Vielleicht wäre eine Kombination aus Grupen- und Einzeltherapie sinnvoll?
_______________
@ Robert: Ich möchte nicht auf der Insel leben, wo Orgontherapeuten die Aufsicht haben.

Zu „Wieso „Konjunkturpakete“ nicht funktionieren“:

David:

Die wirtschaftlichen Empfehlungen von Seiten der politischen Rechten, verantwortungsvolle Haushaltspolitik durch Ausgaben- und Steuerkürzungen und den Markt sich selbst regulieren lassen, kommt den aktuellen wirtschaftlichen Problemen der gepanzerten Menschheit näher als all die „Lösungen“ der heutigen linken Ideologen.

Richtig, die Deregulierung ist im Prinzip großartig.

Jedoch: de facto wird einseitig zugunsten der Konzerne und Firmen dereguliert, während – gegenwärtiger Berichterstattung zufolge – etwa ein Mini-Jobber sich mit Vertragswerken konfrontiert sieht, die bis oben voll gestopft sind mit Klauseln zugunsten des Stärkeren – für ihn gibt es also nicht weniger, sonder mehr Regulierung!

Das, was ich „Bürokratie westlichen Typs“ nenne, breitet sich immer mehr aus.

Knebelverträge nennt man sowas umgangssprachlich.

Es gibt – unter der Vortäuschung von Deregulierung von konservativer Seite her – eine gewaltige Verschärfung der Regulierung.

Und was kann Mann / Frau sonst machen, als sich verschärft ausbeuten zu lassen??

Mann / Frau braucht ja unbedingt das wenige Geld.

Diese ganze Freiheitsideologie und Dereguliererei ist genau so ein Lügengebäude wie der Marxismus, nur in entgegengesetzter Richtung .So sehe ich das.

David

—-

Übrigens hat der Autor dieser Zeilen online beim Deutschen Bundestag eine Petition eingereicht, die Leiharbeit – so genannte „Zeitarbeit“ – zu verbieten und unter Strafe zu stellen.

Auch als es die noch nicht gab, konnten dennoch die Firmen auf Auftragsspitzen reagieren:

Sie mussten eben zu den Treffpunkten der Gelegenheitsarbeiter gehen, wie etwa bei Haltestelle „Brendle“ am Stuttgarter Großmarkit, wo auch die „Servis“ des Arbeitsamtes war – die es heute nicht mehr gibt, und sie mussten sich dort Leute holen.

Das war keine Zeitarbeits-Einrichtung, sondern eine Vermittlung, d.h. der Arbeiter wurde nicht verliehen sondern vermittelt. Das muss wieder eingeführt werden.

Es ging also ohne weiteres, nur war es für die Firmen nicht so bequem.

Für die Firmen gab es auch nicht die Haftungs-Abwälzung, die man heutzutage um jeden Preis will – vielleicht wegen der amerikanischen Unsitte, dass übermäßig hoher Schadenersatz-Prozesse üblich sind.

Zu „Kommunismus/Sozialismus ist der Krebs des Gesellschaftskörpers“:

Robert (Berlin):

Ein anderer Krebs ist der Überwachungsapparat, der immer gigantischere Züge annimmt

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/steve-watson/senator-rand-pauls-botschaft-an-obama-genug-ist-genug-wir-wollen-unsere-freiheiten-zurueck-.html

David:

Wie bitte?

der Verzicht auf Rückzahlung der Darlehen für College-Studenten …

dieser Verzicht soll schlecht sein??

Hiermit bezieht sich Konia meines Erachtens auf eine Gesetzes-Änderung, die es erlaubt, von den Studienkredit-Schulden im Falle einer Privatinsolvenz genau so befreit zu werden wie von anderen Schulden auch.

Vorher waren Studienkredit-Schulden von der Privatinsolvenz ausgenommen, das heißt sie mussten auf jeden Fall bedingungslos – und mit Zins und Zinseszins – bis zum letzten Cent zurückgezahlt werden.

Bekanntermaßen stehen die jungen Menschen in Nordamerika – gehört habe ich es von Kanada aber USA ist vermutlich genauso – unter einem GEWALTIGEN sozialen Druck – verschuldet durch die Bildungs-Inflation die wiederum auf das Konto des Modern-Liberalen Charkters geht und zwar:

Kein College-Abschluss – keine Arbeitsstelle.

Die Personalchefs wollen College-Abschlüsse sehen heutzutage.

Glaubt hier etwa immer noch irgend jemand, dass die jungen – nicht besonders privilegierten – Kanadier und US-Bürger sich zum Spass so hoch verschulden??

Und wie könnte man die Bildungs-Inflation wieder zurückdrehen?

Robert (Berlin) schrieb 2016:

Gulag – Der lautlose Tod

GULAG – DER LAUTLOSE TOD
Kriegsdrama von Waris Hussein aus dem Jahr 1982.
Mit: John Savage, Willie Nelson, Francesca Annis, Ben Cross
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren

INHALTSANGABE:
Als Abenteurer geht er nach Russland, wo er drei Jahre verbringen wollte. Doch Victors Leben wird zum Drama. Als angeblicher Spion verhaftet und in eine überfüllte Zelle eingesperrt, will man den amerikanischen Staatsbürger zu einer Unterschrift zwingen. In endlosen Verhören wird er brutal zusammengeschlagen und Tag für Tag fast leblos in das feuchte Rattenloch zurückgeschleift … bis er endlich unterschreibt sein eigenes Todesurteil. Denn die Antwort heißt 10 Jahre Gulag zehn Jahre lautloser Tod. Nur sein ungebrochener Stolz gibt dem US Bürger die Kraft, die grausame Zeit der Quälerei in Kälte und Eis zu überleben. Ausgezehrt und entkräftet wird Victor in ein abgelegenes Dorf verbannt. Jeglicher Kontakt zur Außenwelt ist abgeschnitten. Ständig überwacht und kontrolliert, findet sein kurzes Glück mit einer jungen Frau aus dem Dorf über Nacht ein jähes Ende. Russische Soldaten holen ihn ab und verschleppen den von Folter gekennzeichneten Mann in den Norden Sibiriens. Victors Alptraum beginnt erneut…

Zu „Aus der Geschichte der Emotionellen Pest: Die Lösung des Liberalismus“:

Robert (Berlin) schrieb 2013:

Ein bestechender Artikel zu Obama

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_gott_der_keiner_war

O.:

Was unterscheidet Obama von seinem Vorgänger: Eigentlich nur seine vielen (falschen) Versprechen … ansonsten führt er im Einklang mit allen anderen Präsidenten die gleiche (eben konservative) Politik fort.
Seine Fassade scheint einem „liberalen Charakter“ entsprechen, sein Handeln ist „konservativ“. Wie seine Vorgänger spielt er eine Rolle, die des Präsidenten. Ihn als liberal-kommunistisch zu titulieren ist sicherlich eine gute Beleidigung für Linke, aber er tut was Globalisten tun. Hier blicke ich eher auf das Verhalten, woraus ich keinen liberalen Charakter ableiten würde. – Es mag ja sein, das ich hiervon auch gar nichts verstehe.

Zu „Aus der Geschichte der Emotionellen Pest: Die Lösung des Konservatismus“:

Robert (Berlin):

Im schwarzen Faschismus müsste es dementsprechend auch pseudo-konservative Typen aus der roten Ecke gegeben haben; sozusagen alles spiegelbildlich.

David:

Goebbels?

Robert (Berlin):

Ich merke gerade, dass ich quatsch geschrieben habe. Der Pseudo-Konservative wäre ja der schwarze Faschist, der in der Demokratie „als ob“ auf Konservativ macht, wenn der Trend zum Rechten stark ist. Das wären dann Konservative, die z.B. in der Weimarer Republik im Stahlhelm oder ähnlichem gewesen ist. aber in Wirklichkeit nur auf dem Nationalsozialismus warteten.

O.:

Konias späte Konstruktion des konservativen Gutmenschentum mag nachkommende Generationen überzeugen und ablenken von dem 80er Globalisierungskapitalismus (der nichts mit den Linken zu tun hatte). Hierzu haben die Konservativen geschwiegen und rein gar nichts gemacht, sie haben abgewartet oder Beifall geklatscht als Typen wie Schröder ihre Politik auch noch reaktionär übertrafen.
Konservative haben in den 60- bis 80-er gegen den Kommunismus gewettert mit Parolen „Lieber tot als rot!“.
Wer jetzt „aufsteht“ und eine konservative „Revolution“ fordert, hat den Zug lange verpasst und sorgt dafür, dass alles so weiterläuft. „Linke Geister“ werden beschworen, konstruiert, in Szene gesetzt und von „Konservativen“ neu geschaffen. Jedes Aufbegehren (z. B. gegen Globalisierung und für mehr Basisdemokratie oder Arbeitsdemokratie, für eine leistungsgerechte Bezahlung) wird in die linke Ecke gestellt. So wird sich nichts ändern, die Bevölkerung bleibt gespalten, gelähmt und nehmen ihr Schicksal nicht in die eigene Hand. Alle Selbstregulationsansätze fallen bei Konia unter die „linke Fahne“ und somit wird die emotionelle Pest weiterregieren, die sich Konia eigentlich wegwünscht.
Ich habe mir den Beleg erspart, wonach es in den 70ern eben keine „anti-autoritäre“ Entwicklung gab und die Konservativen zweifelsohne alles im Griff hatten. Mit dem Chaos kämpfen wir heute.
Ich glaube nicht, dass wir mit einer erneuten politisierenden Rechts-Links-Debatte ein Problem lösen werden, wir entfernen uns von jedem arbeits-(demokratisch-)orientierten Ansatz.
First of all – no politics.

Zu „Das Robin-Hood-Syndrom“:

David:

Zitat aus New York Times:

Was jetzt gebraucht wird, ist noch mehr Unterstützung, einschließlich Ausgaben der Zentralregierung für Bildung und öffentliche Bauvorhaben zur Schaffung von Arbeitsplätzen …

Und es wird – im Entwicklungshilfesektor – immer mehr in Ausbildungsplätze gesteckt, deren Fehlen jedoch nicht das Hauptproblem ist.

Zitat Muhammad Yunus, Die Armut besiegen, S. 139:

Die politischen Entscheidungsträger, die internationalen Berater und viele NGO … glauben, die Menschen seien arm, weil es ihnen an Kenntnissen mangle. Ausgehend von dieser Annahme leiten sie Maßnahmen zur Armutsbekämpfung ein, in deren Mittelpunkt umfassende Ausbildungsprogramme stehen

… dass die meisten Experten gute Absichten verfolgen. Sie geben der Ausbildung den Vorzug, weil sich diese Vorgehensweise folgerichtig aus ihren irrigen Annahmen ergibt.

Zitat Ende. Yunus relativiert dies ein wenig, indem er später sagt, dass doch Ausbildung in vielen Fällen hilfreich ist. Jedoch habe werde der Arme ausgebeutet, habe nicht die Möglichkeit, die Früchte seiner Arbeit selbst zu ernten, weil er dekapitalisiert ist. Er hat kein Kapital, das hat im Dorf nur der Zwischenhändler, Mittler, Geldverleiher, der dem Armen die Bedingungen diktiert.

Abgesehen von Aubildungsplätzen hat für Yunus auch das Schaffen von Arbeitsplätzen (Arbeitsstellen für abhängige Beschäftigung) nicht sehr hohe Priorität.

Zitat: Aber es ist falsch, anzunehmen, die Menschen müssten darauf warten, dass ihnen jemand einen Arbeitsplatz gibt,

Hervorhebung hier von mir, und weiter:

… die Menschen sollen zwischen verschiedenen Optionen wählen können, darunter abhängige und selbständige Erwerbstätigkeit.

… Der beschriebene Einschätzungsfehler geht mit einem weiteren blinden Fleck der herkömmlichen Wirtschaftstheorie einher. Gemeint ist die Annahme, das „Unternehmertum“ sei eine seltene Eigenschaft.

Den Lehrbüchern zufolge haben nur wenige Menschen das Talent, wirtschaftliche Chancen zu erkennen, und den Mut, ihr Kapital zu riskieren, um solche Chancen zu nutzen.

Zitat Ende, Hervorhebung von mir. Genau das hat man auch mir ein Leben lang immer gesagt.

… gibt man den Menschen geeignete Werkzeuge in die Hand, so werden die meisten von ihnen bereitwillig die Gelegenheit beim Schopf packen.

Zitat Ende.

Zurück aus der „Dritten Welt“ in unser Land zu unseren Hartz-Behörden.

Auch hier werden Bildungsprogramme groß geschrieben: die Abhängigen müssen gehorchen; immer noch eine Bildungsmaßnahme und immer noch eine (Blome / Augstein zufolge oft dieselbe mehrmals hintereinander), sonst ist ja die Stütze weg.

Einen Systemzusammenbruch möchte man fast wünschen. Erst dann können Zustände eintreten, in welchen die Armen (in Deutschland sind die Armen Relativ Arme) sich selber helfen können.

Zu „Eines der Hauptsymptome eines emotionell pestkranken Charakters“:

Robert (Berlin):

http://www.barack-obama-infos.de/

Zu „Die Auswirkungen der sozio-politischen Rotverschiebung auf das Denken der Menschen“:

O. schrieb 2014:

Welchen Beleg gibt es für diese Annahme: „Die Democratic Party in Amerika wurde in den 1960er Jahren, zu der Zeit, als sich die sozio-politische Rotverschiebung zutrug, von knallharten kommunistischen Charakteren unterwandert und erfolgreich übernommen.“?

Peter:

http://www.breitbart.com/Big-Journalism/2013/11/12/Horowitz-blasts-left-Heritage

Peter schrieb 2016:

Die Rotverschiebung hat mittlerweile selbst die CSU verfaßt, die heute in den wichtigen (!) Fragen eine linksradikale Haltung angenommen hat: http://www.pi-news.net/2016/01/csu-will-weitere-millionen-ins-land-lassen/

Wer die Blockparteien, die Volkszertreter, wählt, ist in meinen Augen ein Schwein!

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Individuum und Masse

8. September 2017

In traditionellen Gesellschaften, wie etwa dem europäischen Mittelalter, gingen die Menschen ganz in der Gemeinschaft, etwa den Gilden, auf. Ein „Ich“ gab es kaum. Literaturwissenschaftlich läßt sich das „Ich“ im heutigen Sinne erstmals bei Michel de Montaigne (1533-1592) nachweisen. Als „Massenphänomen“ trat das Ich erst im Gefolge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Erscheinung. Man denke etwa an die klassische Musik, die zunehmend individuelle „Seelenlandschaften“ abbildete, bis sich im Verlauf der Romantik die alten „objektiven“ Kompositionsstrukturen vollständig zugunsten des rein subjektiven „individuellen Ausdrucks“ auflösten. Ähnliches ereignete sich in der Malerei, die ebenfalls zunehmend subjektive „Seelenlandschaften“ darstellte.

Gleichzeitig kam es zur Entwicklung der Massengesellschaft und des Kollektivismus. Ausgerechnet mit der Emanzipation des Ichs in der Aufklärung soll der Kollektivismus seinen Anfang genommen haben? Das Problem taucht schon früher auf, nämlich in der Reformation, die das kritische Bibelstudium, die individuelle Meinungsbildung förderte. Aber mit der Befreiung von der menschlichen Autorität ist eine viel erdrückendere Autorität aufgekommen: die unbedingte Autorität „der Schrift“. Luther hat sozusagen eine „lslamisierung“ des Christentums eingeleitet und das Walten des Heiligen Geistes durch das tote „Wort Gottes“ ersetzt. Thomas von Aquin hatte noch sagen können: „Die Wahrheit ist immer die Wahrheit. Sie kommt vom Heiligen Geist, egal wer sie ausspricht.“ An die Stelle der strukturierten Ständegesellschaft trat eine Massengesellschaft aus „Individuen“.

Luther war ein Unglück für das Christentum, u.a. auch deshalb, weil er die Gegenreformation verursacht hat, die zu einer Erstarrung des Katholizismus geführt hat, aus der er sich erst heute langsam löst. Und genauso war die „Aufklärung ein Unglück für die Aufklärung“ weil das Individuum nur befreit wurde, um erst recht Knecht des „Volkes“, der „Nation“, gar der „Vernunft“ zu werden. Dezentrale Autoritäten wurden „antiautoritär“ durch eine zentrale Autorität ersetzt. Besonders schön sieht man das heute in Afrika, wo die „Ureinwohner“ von ihren feudalen Strukturen „befreit” werden, nur um einem diktatorischen Regime in die Hände zu fallen, das sie restlos knechtet und ihnen doch keine emotionale Heimat liefert.

Der Kollektivismus geht ideologisch davon aus, daß alle Menschen gleich sind (einige sind sogar noch gleicher als andere!). Im Katholizismus ist das anders. Der eine ist zum Priesteramt berufen, der andere nicht, der eine zum Klosterleben, der andere zum Leben in der Welt, der eine zum dienen, der andere zum herrschen, etc. Das ist ungefähr so wie in einer Armee, die man auch nicht gerade kollektivistisch nennen kann.

Vielleicht kann man den Kollektivismus am besten am Problem der Kreativität fassen. Beispielsweise fiel Besuchern von DDR-Kindergärten immer wieder auf, daß den Kindern ein „richtiges“ Zeichnen beigebracht wurde und daß man sie davon abhielt sich selbst kreativ zum Ausdruck zu bringen. Das gleiche ist mir selber auch Anfang der 1970er Jahre passiert, als Lehrer die frisch von den linken Universitäten kamen mir ernsthaft vorwarfen, ich wäre „krankhaft originell“ und würde mich nicht in die Gemeinschaft einpassen. Und das ging über den ganz gewöhnlichen Druck von neurotischen Lehrern in neurotischen Schulen hinaus – das war geradezu ein religiöser bzw. ideologischer Verfolgungswahn. Baker zitiert in seinem Buch Der Mensch in der Falle Nietzsche: die modernen Liberalen seien „allesamt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigene Einsamkeit“ – ohne Originalität (Baker 1967). Das mag mit ihrer Rebellion gegen die Vaterautorität zusammenhängen und mit einer existentiellen Angst: ihre Trennung vom eigenen Wesenskern macht sie wurzellos und das erzeugt eine Todesangst vor dem „existentiellen Schock“ der eigenen „Geworfenheit in die Welt“.

Vielleicht kann man das so ausdrücken: der moderne Liberale ist oberflächlich ein Kollektivist, weil er innerlich ein von allem abgetrennter Existentialist ist (Prototyp Sartre). Der Konservative ist demgegenüber äußerlich ein bis ins Extrem gehender aristokratischer Individualist, weil er innerlich fest verankert ist.

Der orgonomische Bibelforscher (Teil 3): Jesus und Christus

13. September 2015

Von allen Büchern Reichs hat mir Christusmord stets am wenigsten zugesagt und am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Einfach weil er da eine Gestalt als letztgültige Verkörperung der Orgonomie hingestellt hat, die mir bis zu dieser Lektüre stets widerlich war. Jahrelang habe ich dann als „Reichianer“ versucht, in Jesus das zu sehen, was Reich in ihm sah, aber irgendwann ist dieser krampfhafte Versuch kollabiert und mein alter Widerwillen ist durchgebrochen.

Nun, Ambivalenz bleibt bestehen, allein schon weil Reich nun mal den Begriff „Christus“ als Symbol in die Orgonomie eingeführt hat – und er wird ewig drin bleiben, genauso wie in der Physik nach einem Anfangsfehler der Strom in alle Ewigkeit idiotischerweise vom Minus- zum Pluspol fließen wird.

Das Problem wäre nicht so groß, wenn Reich tatsächlich nur ganz subjektiv von „seinem“ Jesus (bzw. Christus) gesprochen hätte und ihn als rein literarische, fiktive Gestalt behandelt hätte, aber tatsächlich ist es (trotz mancher Aussagen Reichs, die in diese Richtung gehen) so, daß er durchaus von der historischen Figur Jesus sprechen wollte. Reich erwähnt zwar, daß es egal sei, ob Jesus wirklich gelebt hat oder nicht: die Geschichte wäre auch dann „wahr“. Leider ist das aber nicht so einfach, denn an vielen Stellen, z.B. wenn er Ernest Renan zitiert, wird deutlich, daß Reich die eine und einzige „historischen Wahrheit“ über Jesus entschlüsseln wollte.

In Der verdrängte Christus wollte ich zeigen, daß Reich vielleicht im großen und ganzen ins Schwarze getroffen hat – Christus also eine „bioenergetische“ Gestalt war, daß man aber trotzdem Jesus negativ sehen kann. Mein Aufsatz stellt einen Befreiungsschlag dar. Es soll wieder alles in Fluß geraten. Mythen, wie sie Reich mit seinem Buch ungewollt in die Orgonomie getragen hat, können gefährlich sein. Ich denke da z.B. an:

Von anderen Neo-Reichianern ausgebildete christliche Reichianer, passenderweise mit Reproduktionen eines arischen Jesus an ihren Bürowänden oder von Jesus, der am Kreuz blutet, tauchen hier und da auf. (James DeMeo: Pulse of the Planet, No. 4, S. 124)

Aber zurück zur Frage nach dem historischen Jesus: Wenn wir heute die vier Evangelien betrachten, sagen wir uns, daß dies offenbar keine Biographien sind. Aber genau das sind sie: antike Biographien. Vergleicht man nämlich die zeitgenössischen Biographien der römischen Kaiser und Geistesgrößen (die unzweifelhaft als Biographien gemeint waren) fällt auf, daß die Evangelien im damaligen Verständnis vollkommen normale Biographien sind. Sie sind genauso aufgebaut wie Kaiser-Biographien, die gleichen Proportionen (ein die Person charakterisierendes Ereignis ist für unser heutiges Empfinden grotesk überproportional aufgebläht, während das restliche Leben kurz abgehandelt wird mit großen Lücken), die gleichen legendären und „theologischen“ Ausschmückungen, etc. pp.

Übrigens hat Hans Conrad Zander, eine meiner Hauptquellen für Der verdrängte Christus, den gleichen Gegenargumenten gegenübergestanden: Wie er denn angesichts der Quellenlage eine solche imgrunde naive Interpretation geben könne, denn genaues wisse man nun mal nicht. Worauf er antwortete, daß dies typisches, nörgelndes Schriftgelehrtentum sei! In der wirklichen Welt sehe es so aus, daß wir über kaum einen antiken Menschen mehr wissen als über Jesus und das sogar noch aus vier unterschiedlichen Quellen! (Übrigens: Wenn die Schriftrollen vom Toten Meer doch von Jesus oder zumindest von seiner Zeit reden sollten, was eine Frage der Chronologie ist, würden die Gegenargumente ganz verpuffen – und übrigens Zander mehr recht behalten als Reich, was die Einschätzung von Jesus betrifft.)

Der Philosoph Hermann Schmitz führt in seinem die gesamte abendländische Kulturgeschichte Revue passierendem Buch Adolf Hitler in der Geschichte (Bonn: Bouvier Verlag, 1999, S. 40) aus, daß der Jesus der synoptischen Evangelien durchaus negative Aspekte hat. Man nehme nur einmal das Gebet, das Teil eines sadomasochistischen Machtspiels zwischen Gott und Mensch ist:

Dabei handelt es sich um göttliche Machtwirkungen, denen der Mensch unterworfen ist: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Körper töten, die Seele aber nicht töten können; fürchtet vielmehr den, der die Seele und den Körper in der Hölle verderben kann.“ (Mt 10,28) Andererseits garantiert diese Frömmigkeit dem Menschen die Chance indirekter Machtausübung durch Zugang zum Machthaber Gott im Immediatvortrag des Gebetes mit von Christus äußerst weitherzig verheißener Aussicht auf Wunscherfüllung. (Mt 7,7-11; 18,19; 21,22; Mk 11,24; Lk 11,8f; 18,1-8; Joh 14,13; 15,7; 16,23) Besonders bedeutsam als Anreiz zur Machtausübung sind die Stellen bei Lukas (ebd.), wo Jesus dem Frommen zu keineswegs bescheidenem, sondern aggressivem Beten Mut macht: Er soll Gott in den Ohren liegen und mit unverschämten Drängen lästig werden, dann wird er Erfolg haben, z.B. für die strafende Vergeltung an Widersachern, die ihm übel mitgespielt haben. Tauler empfiehlt diese Methode (Johannes Tauler: Predigten), die wohl auch deshalb bei Gott gut ankommt, weil dieser den Menschen zum Beten provoziert, indem er ihn in Not bringt (ebd.) oder von ihm Unmögliches verlangt. (Augustinus, De gratia et libero arbitrio 32 (XVI)) Calvin geht so weit, die durch unverschämte Zudringlichkeit erlangte Gebetserfüllung als ein Danaergeschenk des erzürnten Gottes an den Beter zu verdächtigen. (Ioannes Calvinus, Institutiones Religioni Christianae, Auflage von 1559) Ein berühmtes Beispiel so hemdsärmeligen Umgangs mit Gott im Gebet ist die von Luther auf robuste Weise erreichte Rettung Melanchthons von einer schweren Krankheit, in die dieser aus Scham über seinen die Bigamie des Landgrafen von Hessen begünstigenden Rat gefallen war. (Julius Köstlin: Martin Luther. Sein Leben und seine Schriften, Berlin 1903) Nach Luthers früher Meinung ist das Gebet als Gewalt des mit reißender Strömung zu Gott erhobenen Geistes allmächtig; es tut dem Himmelreich Gewalt an und reißt es an sich. (Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief 1515/16)

Jesus bindet den Menschen ins „Heilsgeschehen“ so ein, daß er (Jesus) wahrhaftig als Vorläufer Hitlers betrachtet werden kann:

Zur Bündelung des affektiven Betroffenseins – statt der Zerstreuung in Sorgen und Mühen – mahnt der synoptische (in den synoptischen Evangelien sich darstellende) Jesus mit dem Ausruf: „Eines ist not!“ (Lukas 10,41) Dieser Brennpunkt alles Interesse ist ihm die Herausforderung durch das nach seiner Meinung nah bevorstehende Weltgericht, das vor dem Thron des Richters, auf dem er selbst als der Menschensohn sitzen wird, die zusammengetrommelten Völker heulen und zittern lassen wird; dazu gehört seine schneidend scharfe Aufforderung zur Parteinahme für ihn mit vorweggenommenen vernichtendem Urteil über alle, die sich dafür nicht aufgeschlossen zeigen. Das ist die Quelle der Gerichts- und Höllenangst, die das Selbstverständnis der abendländischen Christen viele Jahrhunderte lang geprägt hat. Auf die Spitze getrieben wird die Bedrohung durch Jesu Ankündigung, daß nur Wenige von den Vielen, die er einberuft, Aussicht auf eine gnädige Entscheidung haben. (Matthäus 22,14) Diese alarmierende, von Augustinus eifrig aufgegriffene und von Thomas von Aquin bestätigte These durchzieht die katholische Lehre, bis sich ihr 1762 ein Jesuit (Gravina) widersetzt, und stellt noch im 17. Jahrhundert die Prediger vor die schwierige Frage, ob sie so etwas Schreckliches den Leuten sagen sollen. Über jedem gläubigen Christen der Westkirche schwebt demnach das Damoklesschwert der nicht nur möglichen, sondern – außer in Sonderfällen – statistisch wahrscheinlichen Auslieferung an ewiges Elend und fürchterliche Dauerqual. (ebd. S. 43f)

Freud behauptete, unsere „Kultur“ sei auf der Unterdrückung der sexuellen Triebe aufgebaut und entsprechend die Rebellion der Heroen der Kultur eben gegen diese Kultur von vornherein angelegt sei. Er führt aus, daß derjenige, der, dank einer „unbeugsamen Konstitution“, seine Triebe nicht unterdrücken könne, entweder als Verbrecher ende oder, wenn er eine entsprechende soziale Position einnimmt oder hervorragende Fähigkeiten besitzt, sich als „großer Mann“, als „Held“ durchsetzen werde (Freud, S.: „Die ‚kulturelle’ Sexualmoral und die moderne Nervosität“, In: Studienausgabe, Bd. 9, Frankfurt 1974, S. 18).

Eine sinnvollere Unterscheidung wäre die zwischen pestilentem Charakter (Verbrecher, Gewaltmensch, Tyrann) und genitalem Charakter (Kulturheros), wie sie von Reich herausgearbeitet wurde (Charakteranalyse).

Napoleon war für Reich beispielsweise alles andere als ein „Kulturheros“, sondern einfach ein Schwerstverbrecher, der nur von Idioten verehrt werden könne. („Napoleon, that stupid ass!“ [American Odyssey, S. 179].) Ein, oder vielmehr der, wirkliche Held war für Reich Christus. Sein Erscheinen war ein Durchbruch von Genitalität, das ausgesprochen sexualfeindliche Christentum entsprechend eine mißglückte biologische Revolution. Die innere Logik dieser Ausführungen legt jedoch nahe, in Christus ebenso sehr den „pestilenten Verbrecher“, von dem Freud spricht, zu sehen: Cäsar, Napoleon und Hitler.

Leider hat Reich diesen Aspekt in seinem Buch über Christus, Christusmord, ausgeblendet und ein einseitiges, geschöntes Christus-Bild gezeichnet. (Ähnliches machte vor ihm Freud mit Moses, wie wir in Teil 1 gesehen haben.)

Mit dem bereits in Teil 1 zitierten Buch Adolf Hitler in der Geschichte (Bonn: Bouvier Verlag, 1999) von Hermann Schmitz kann man sagen, daß der Jesus, mit dem sich Reich identifiziert, nicht der Paulinische des Lukas-Evangeliums und der anderen synoptischen Evangelien ist, sondern der des Johannes-Evangeliums. Darauf deutet auch hin, daß Reich stets von „Christus“ statt „Jesus“ spricht.

(…) Jesus (…) versteht sich als Vorkämpfer in einem Krieg, der mit räuberischer Gewalt beiderseits zwischen dem Himmels- und Teufelsreich geführt wird: Er deutet seine Teufelsaustreibungen als Raubüberfälle auf den mächtigen Oberteufel, den er heimsucht, fesselt und ausraubt. (Mt 12,28f; L 11,21f) (…) Diese alarmierende Lage treibt ihn zu strenger Polarisierung und totaler Mobilmachung: Er ist gekommen (…), um das Schwert zu bringen, in Gestalt der Entzweiung unter den Hausgenossen: der Empörung des Sohnes gegen den Vater, der Tochter gegen die Mutter, der Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter. (Mt 10,34-36; L 12,51-53) Neutralität gibt es nicht: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. (Mt 12,30; L 11,23) Alle gewachsenen Lebensbezüge werden zerrissen: Wer als Jünger zu Jesus kommt, muß Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern und sogar sein eigenes Leben hassen (L 14,26); gefordert wird der Haß rücksichtslos entschlossener Fanatiker. Zwar gibt es auch eine zahme Moral Jesu, z.B. in der Bergpredigt, und von der Liebe zu den Nächsten, ja gar zu den Widersachern ist die Rede, aber das ist nur eine provisorische Moral, die bald – sogar in unmittelbar bevorstehender Zukunft – durch einen vernichtenden Schlag gegen die Widersacher Jesu beim bevorstehenden Endgericht abgelöst werden wird. Ebenso grausig wie großartig malt der synoptische Jesus das Gericht aus, das er demnächst als imposanter Weltenrichter namens „der Menschensohn“ (…) über die (…) Völker der Erde halten wird, seine auserwählten Lieblinge in ein seit Anbeginn der Welt für sie vorbereitetes Freudenreich aufnehmend, die übrigen Menschen aber ins ewige Feuer werfend. (Mt 24,29-34; 25,31-46) Zwar gibt er einen moralischen Urteilsgrund an – Hilfe oder Hartherzigkeit gegen Hilfsbedürftige von Seiten der Begünstigung bzw. der Verurteilten (Mt 25,35-45) –, aber dabei bleibt es nicht: Zu den Verdammten werden auch die provisorisch geliebten Widersacher gehören, nicht wegen Hartherzigkeit gegen Hilfsbedürftige, sondern weil sie auf die Kraftakte oder Machterweise Jesu nicht mit der gehörigen Umbesinnung reagiert oder die von ihm ausgesandten Jünger nicht wohlwollend aufgenommen haben; den betreffenden Orten soll es am Tage des Gerichtes schlimmer ergehen als Sodom und Gomorrha, sie (speziell Kapernaum) kommen (samt Bewohnern natürlich) in die Hölle. (Mt 10,12-15: 11,20-24; L 10,5-16) Die Liebe zum Widersacher rechnet also beim synoptischen Jesus wie bei Paulus (Römer 12,19; 1. Thessaloniker 2,16) auf den aufgesparten Zorn beim folgenden Gericht. Bis dahin dauert es nicht mehr lange: Das lebende Geschlecht wird keine Zeit haben, vorher auszusterben (Mt 24,34); seinem Bekenntnis, Gottes Sohn zu sein, läßt der verhaftete Jesus im Verhör vor dem hohen Priester die feierliche Ankündigung folgen, daß es jetzt los geht (Mt 26,64). Dann werden, seiner Voraussage nach, die Übeltäter von ausschwärmenden Engeln gegriffen und wie Unkraut ins Feuer geworfen werden, von wo ihr Heulen und Zähneklappern zu hören sein wird (Mt 13,40-42, 49f.). Dadurch werden intim zusammengehörige Menschen auseinandergerissen: Von je zwei, die im selben Bett schlafen, die zusammen auf dem Feld oder in der Mühle arbeiten, wird der Eine zum Heil, der Andere zur Verdammnis entführt werden (L 17,34-36; Mt 24,40f.). Wieder setzt sich beim synoptischen Jesus das Wüten gegen gewachsene Bindungen durch.

Hinter der zahmen Moral, der Liebe zum Nächsten und zum Widersacher, steht beim synoptischen Jesus ein maßloser Machtanspruch und haßerfüllter Vernichtungswille. Den Kapitalisten, der in dem Gleichnis L 19,11-27 Gott bedeutet, läßt er ausrufen: „Die Widersacher, die nicht wollen, daß ich über sie herrsche, führt hierher und schlachtet sie vor meinen Augen.“ (L 19,27) So hätte der Assyrerkönig sprechen können. Die rücksichtslose Willkür dieses Gottes, den Jesus seinen oder euren Vater nennt, bei der Ausübung seiner Herrschermacht feiert das Gleichnis von der Hochzeit mit sonderbar zusammengewürfelter Gästeschar, dessen beide Versionen (Mt 22,2-14; L 14,16-23) je einen verhängnisvollen Stachel in das Fleisch des Christentums getrieben haben: die Matthaeus-Version das Prädistinations- und Reprobationsmotiv der wenigen Auserwählten, die Lukas-Version die Gewaltanwendung bei Bekehrung der Heiden und Ketzer, das von Augustin gegen die Donatisten ausgespielte und in die Kirchenmoral eingeführte „coge intrare“. In diesem Gleichnis entlädt sich abermals, wie in Jesu Flüchen auf die ihn und seine Jünger nicht willig und ergeben aufnehmenden Städte, sein Haß gegen solche Verweigerer: Die Geladenen, die sich nach der Matthaeus-Version an den ladenden Boten vergehen, statt zur Hochzeit zu kommen, werden daraufhin nicht nur selbst getötet, sondern auch ihre Stadt – wie jene Städte, denen es schlimmer als Sodom und Gomorrha gehen soll – wird angezündet; in der Lukas-Version begnügt sich der Veranstalter mit Zorn und Ausschluß der Geladenen, die sich ohne Gewalttat mit Angabe von Gründen entschuldigt hatten, vom künftigen Heil der Auserwählten. Die Herrenrolle bleibt zudem nicht dem göttlichen Despoten und seinem Agenten, dem Menschensohn Jesus als Menschheitsrichter, vorbehalten, sondern etwas von ihr geht auf den nächsten Rang über und verträgt sich da sehr gut mit der Bescheidenheit des Dienens im gleichen Rang: In allen drei synoptischen Evangelien kommt die Geschichte von den Jüngern vor, die von Jesus zur wechselseitigen Dienstbarkeit aufgerufen und so zurechtgewiesen werden, als sie sich um einen Vorrang vor den Genossen beim künftigen Regiment im Himmelreich bemühen (L 22,24-30; Mt 20,20-28; Marcus 10,35-45), aber die Lukas-Version fügt noch einen Trost hinzu: Die eifersüchtig um den Rang streitenden Jünger werden wie verkleinerte Menschensöhne im Himmelreich auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.

Dem Machtanspruch des synoptischen Jesus kommt sein enormes Machtbewußtsein gleich, das sich auf seine magischen Kraftakt stützt, die sogenannten Wunder, wobei ihm zum Erstaunen der Zeitgenossen das Meer und die Winde gehorchen (Mt 8,26f), aber auch ein unschuldiger Feigenbaum mit über ihn verhängtem Verdorren dafür zahlen muß, daß seine Früchte noch nicht reif sind, als der hungrige Jesus sie essen will. (Mt 21,18-20; Marcus 11,12-14) Diesen Vorfall nimmt Jesus zum Anlaß, seinen Adepten die Allmacht des Glaubens, der Berge versetzen könne, einzuschärfen. (Mt 21,21 und 17,20, Marcus 9,23, ähnlich L 17,6) Dabei handelt es sich nicht um religiösen Glauben, sondern um absolute, von keinem Zweifel angefochtene Selbstsicherheit im Vertrauen auf die eigene Macht, bei Jesus freilich kraft einer von Gott ausgestellten Vollmacht, deren Ursprung er, zur Rede gestellt, aber nicht zugibt (Mt 21,23-27; L 20,1-8; Marcus 11,27-33). Eine phänomenologisch begreifliche Quelle dieser Zauberkraft, wenigsten bei Heilungen, deutet die Geschichte von der Heilung einer an Blutfluß leidenden Frau (L 8,43-49; Marcus 5,30) (…).

Der Machtanspruch des synoptischen Jesus entlädt sich nicht nur in isolierten Akten, sondern hat eine ansteigende, häufende Tendenz, die in dem Gleichnis deutlich wird, das Gott als Kapitalisten darstellt (Mt 25,14-30; L 19,11-27). (…) den ängstlichen, nun verarmten Knecht läßt er in die Finsternis werfen, wo Heulen und Zähneklappern sind (Mt 25,30), d.h. in die Hölle. (Mt 13,40 und 22,13) Lukas, statt dieses Schicksal des armen Kerls zu schildern, läßt den Herrn in den schon erwähnten verallgemeinerten Vernichtungsbefehl nach Art eines Assyrerkönigs ausbrechen (19,27). (S. 115-117)

Die Massenpsychologie der Neoscholastik

5. April 2012

Funktionalistisches Denken ist imgrunde nichts anderes als einfach nur klares Denken, d.h. Denken ohne okulare und letztendlich ohne jede Panzerung. Diese Art von Denken führt mit unerbittlicher Konsequenz zu Schlußfolgerungen, vor denen der mechanistische und mystische Denker Angst hat. Diese Angst ist identisch mit Orgasmusangst. Mechanismus und Mystizismus sind nicht etwa schlichtweg „falsch“, sondern drücken jeweils nur Teilwahrheiten aus. Diese zerrissene Wahrnehmung ist Funktion der Panzerung. Der Funktionalist kann diese Teilwahrheiten aufnehmen und zur vollen Wahrheit zusammenfügen. Letztendlich gibt es wohlverstanden also überhaupt kein Denken, das nicht zum orgonomischen Funktionalismus gehört.

Wann begann die Moderne? Am sinnvollsten kann man den Anfang vielleicht an Martin Luther und Galileo Galilei festmachen, die sich jeder auf seine Weise von der Tradition emanzipierten. Luther befreite das Christentum von krausen Überwucherungen, wie Marienverehrung, Heiligenkult, Purgatorium, Ablaßhandel, etc. Galilei befreite die Naturforschung von der aristotelischen Philosophie: das einzige Buch, das es zu lesen galt, war „das Buch der Natur“. Das ganze kulminierte schließlich in Newton und Kant.

Die „Postmoderne“ ist ein Thema für Bindestrich-„Wissenschaften“. Das ganze Blablabla, das diesen Begriff umgibt, kondensiert sich zu der ach so welterschütternden These, daß auch die Moderne nichts anderes sei als eine Tradition. Die Moderne sei deshalb eine Lüge, es gelte konsequent zu sein und die Tradition im Kern zu zerstören. Entsprechend gelte es alles „grundsätzlich“ infrage zu stellen, etwa die Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter oder den Mythos von der Objektivität der Wissenschaft.

Seit den 1960er Jahren beherrscht dieses Gedankengut die Universitäten. Die Gelehrten in der Tradition von Deleuze, Derrida und Foucault haben es kurioserweise soweit gebracht, daß die Universitäten heute zweigeteilt sind wie in der Renaissance: genauso wie damals in der einen Fakultät der pure Schwachsinn (Scholastik) gelehrt wurde, während in der anderen die moderne Wissenschaft Gestalt annahm, ist es heute so, daß im einen Seminarraum in „Gender Studies“ und ähnlichem gerührt wird, während nebenan ganz „naiv“ Wissenschaft betrieben wird. Die Postmoderne wollte die Moderne vollenden, ist jedoch ins tiefste Mittelalter zurückgekehrt.

Bereits an anderer Stelle habe ich darauf hingewiesen, daß sich die postmoderne „Wissenschaft“ in nichts von der nationalsozialistischen „Wissenschaft“ unterscheidet. Sogar der Fanatismus ist gleich. Man versuche doch einmal mit einem dieser Leute in einen „Diskurs“ zu treten!

Das absolut Erschreckende ist, daß mittlerweile ganze Generationen von Journalisten und anderen „Intellektuellen“ durch (steuerfinanzierte!) Studiengänge geschleust wurden, die ungefähr das geistige Niveau der Koranschulen in Pakistan haben. Man erinnere sich doch nur an die Sarrazin-„Debatte“, in der dem naiven Mann an sich nur eins vorgeworfen wurde: er habe sich auf Teufelszeug wie Statistik und Biologie berufen! Dabei gelte es doch derlei Dinge als westlich-imperialistische Machtinstrumente zu dekonstruieren!

Was mit den Postmodernen in den Medien, Universitäten und im Staatsapparat machen? Wie mit ihnen umgehen?

  • Erst einmal sollte man es sich ein für allemal verbeten, daß sie wie einst die Scholastiker „in Latein“ mit einem reden! Mit anderen Worten darauf bestehen, daß Begriffe wie „Migranten“, „Gender“, „Identitätsräume“, „Community Organizing“, etc. gefälligst ins Deutsche übersetzt werden. Allein schon dadurch zerfällt ein Großteil des grandiosen neoscholastischen Gedankengebäudes, das auf nichts anderem beruht als vollständiger Kontaktlosigkeit. Wobei die integrierte Vernetzungsterminierung eine programmierte Flexibilitätsproblematik mit manipulativen Prozeßtendenzen impliziert, welche, jedenfalls aus poststrukturalistischer Sicht, wiederum die Funktionalität irreversibler Interaktivierungsstrategien zumindest tendenziell präjudiziert.
  • Wie einst die Inquisition lebt die Neoscholastik von der Skandalisierung des gesunden Menschenverstandes. Ihr Problem ist, daß es einer ungeheuren Kraftanstrengung bedarf, um die Lüge aufrechtzuerhalten. Die Wahrheit ist einfach gegeben, die Lüge muß kreiert und mühsam aufrechterhalten werden. Deshalb ist die Terrorherrschaft dieser Leute (zeige mir einen Sarrazin-Gegner und du zeigt auf einen von ihnen!) dem baldigen Untergang geweiht.
  • Ein zentrales Thema, wenn nicht das Thema des Postmodernismus ist die Relativierung der geistigen Gesundheit, weshalb seine Vertreter auch Wilhelm Reich bis aufs Messer hassen. Die Emotionelle Pest kann nur überleben, wenn sie klares Denken einschränkt und schließlich ganz vom sozialen Schauplatz verbannt. So haben die Religionen überlebt, so wuchert noch heute der Islam, so hat der Real- und der Nationalsozialismus herrschen können. So wurde beispielsweise auch Reichs Lebenswerk systematisch zerstört. Man lese ein beliebiges „Reichianisches“ Pamphlet! – Die mittelalterliche Reaktion läßt sich nur mit kompromißlos klarem, autoritätskritischem, d.h. „modernem“ Denken überwinden.
  • Heute sind ganze Universitätsbibliotheken mit Schriften gefüllt, die dem Studenten systematisch das logische, folgerichtige Denken austreiben. Der offensichtliche Unsinn kann nur mit einem Mittel aufrechterhalten werden, da normalerweise jeder, der auch nur ein wenig bei Verstand ist in schallendes Gelächter ausbrechen würde, – dieses eine Mittel ist die Autorität oder, mit anderen Worten, die Tradition. Die Neoscholastiker berufen sich stets auf irgendwelche Gurus des Postmodernismus, deren vermeintliche Weisheiten unantastbar sind. Das ganze erinnert fatal an die Kulturrevolution, bei der der greise Kaiser von China (Mao) die Jugend aufforderte, die gesamte materielle und geistige Infrastruktur der Nation zu zerstören. Heute heißt so ein Mao beispielsweise „Jean Baudrillard“, für den die Matrix des Urbanen nicht mehr die der Realisierung einer Kraft (der Arbeitskraft) ist, sondern die Realisierung einer Differenz (der Operation des Zeichens). Oder diese Type hier, der die Ignoranz ins Gesicht gemeißelt ist – und wie sich die scholastischen Labereiexperten spreizen:
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