Posts Tagged ‘Martin Luther King’

Reich, die Kennedys, King, Benno Ohnesorg und Moskau

15. Juni 2017

Je älter ich werde, desto mehr bin ich von der soziopolitischen Charakterologie überzeugt, die Elsworth F. Baker in Der Mensch in der Falle dargelegt hat. Und ich werde zunehmend zorniger, wenn diese mit rein politischen oder „verschwörungstheoretischen“ Argumenten beiseite gewischt bzw. zu einem Nichts relativiert wird.

Verschwörungstheorien, etwa über die „Illuminati“, sind Produkt des hilflosen kleinen Mannes, der zwar irgendwie spürt, daß hinter dem Weltgeschehen eine bioenergetisch und charakterologisch bestimmte „Macht“ steckt, die von Reich, Baker und Konia erstmals beschrieben wurde, doch kann er aufgrund seiner emotionalen Panzerung mit diesen Ahnungen nicht recht umgehen und setzt sie kurzschlußartig in irgendwelche wirren Verschwörungstheorien um, die er mit immer mehr angelesenem angeblichen Fachwissen untermauert.

Es hat zahllose Theorien darüber gegeben, wer John F. Kennedy umgebracht hat. Die meisten dieser Theorien beruhten auf dem Unverständnis von Laien, die beispielsweise nicht wissen, daß bei Schußverletzungen die Austrittswunde um vieles größer ist als die Eintrittswunde und daß ein Kopf nach hinten fliegt, wenn von hinten in ihn hineingeschoßen wird und die Kugel vorne wieder austritt. Auch konnten sie nicht verstehen, daß eine einzelne Kugel mehrere Menschen verletzen kann und dabei einen Zickzackkurs verfolgt. Zum Glück kann man heute solche Dinge in der Computergraphik simulieren, so daß jeder sehen kann, daß das scheinbar Unmögliche, eine „magic bullet“, eben doch möglich ist und angebliche „Widersprüche“ gar keine sind, wenn man den Sachverhalt mit Fachwissen betrachtet. (Genau dasselbe läßt sich zu den idiotischen Verschwörungstheorien über den 11. September sagen!)

Oswald konnte am 22. November 1963 der einzige Schütze gewesen sein. Oswald war zweifellos aktiver Kommunist und seine Verbindungen zu Kuba waren eindeutig. Die Behauptung ist demnach alles andere als abwegig, daß Kennedy vom langen Arm des KGB ermordet wurde. Das Motiv ist offensichtlich: man bringt eine gemäßigt linke Hoffnungsfigur um, um die Linke weiter nach links zu treiben. Und es hat hervorragend funktioniert. Viele Amerikaner sind bis heute überzeugt, daß Kennedy vom CIA und „Nazis“ ermordet wurde. Man sehe sich nur mal Oliver Stones idiotischen Film JFK an!

Es folgte am 4. April 1968 die Ermordung von Martin Luther King, der in der letzten Periode seines Lebens immer weiter nach links gedriftet war und anfing, gegen den Vietnam-Krieg und das Wirtschaftssystem der USA zu wettern. Die Umstände seines Todes waren mehr als fragwürdig. Verschwörungstheoretiker gehen davon aus, daß er nicht von einem rassistischen Einzeltäter, sondern von einer großangelegten Verschwörung weißer Rassisten, vielleicht sogar vom FBI (J. Edgar Hoover) ermordet worden war.

Es gibt ein Detail in der Geschichte, das nicht recht ins Bild passen will. Der vermeintliche Attentäter James Earl Ray wurde nach eigener Aussage von einem angeblichen Waffenschmuggler namens „Raoul“ angewiesen, eine Waffe zu kaufen und in jenes Hotel in Memphis zu bringen, von dem aus King erschossen wurde. Welcher amerikanische weiße Rassist würde sich „Raoul“ nennen?! Heute ist Raúl Castro Staatschef Kubas. Es ist gut möglich, daß kubanische Agenten den Vornamen des damaligen Chefs des kubanischen Geheimdienstes verwendet haben.

Robert Kennedy wurde am 6. Juni 1968 von dem christlichen Palästinenser Sirhan B. Sirhan ermordet. In den darauffolgenden Jahren plante die PLO und die Drahtzieher vom KGB, die hinter der PLO standen, Sirhan durch die Entführung amerikanischer Diplomaten freizupressen.

Der Student Benno Ohnesorg wurde nicht von dem durch die rechte Springer-Presse fanatisierten „Nazi“ Karl-Heinz Kurras, sondern von dem Stasi-Agenten Karl-Heinz Kurras ermordet.

Das Neue Deutschland berichtete am 5. Juni 1967 über den „antidemokratischen Polizeiterror“ im Westen:

Dieser tödliche Schuß war nicht Notwehr, und es war kein unglücklicher Zufall. Auf diesen Höhepunkt des politischen Terrors war die Hetze der Springer-Presse seit Wochen angelegt.

Es ist sinnlos bei diesen vier traurigen Morden jeweils groß ins Detail zu gehen. Ich möchte mich nicht in die Reihe der erwähnten Verschwörungstheoretiker einreihen, die sich von einer Abstrusität in die nächste hangeln. Immerhin zeichnet sich ein Szenario ab, das klassischem leninistischen Macht-Zynismus entspricht:

Schaffe linke Märtyrer, indem du linke Gallionsfiguren, die nach der Machtergreifung eh als erste vor den Erschießungskommandos der Tscheka landen würden, ermorden läßt und schiebe diese Taten den Stützen des Regimes zu. Du beseitigst so unsichere, da idealistische Kantonisten im eigenen Lager und deslegitimierst das feindliche Lager. Die Rebellionen und Aufstände, die Folge dieser Morde sein werden, machen die „inneren Widersprüche“ des feindlichen Lagers deutlich und könnten sogar Initialzündung für Aufstände sein, die Wegmarken auf dem Weg zur Weltrevolution sein können. Die Ermordeten waren stets Linke, die, wie etwa der Republikaner (sic!) King, Moskau potentiell mehr Probleme machen konnten als jeder Rechtskonservative.

Die Linke und beispielsweise die Wahl von Obama sind ohne die vorangegangenen Morde kaum vorstellbar!

Advertisements

Der orgonomische Bibelforscher (Teil 4): Das Reichianische Evangelium

14. September 2015

Man soll das Christentum als historischen Realität nicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfalls-Gebilde und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und „christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen. Was hat Christus verneint? – Alles, was heute christlich heißt. (Nietzsche)

Erst vor zwei Menschaltern war Galiläa gewaltsam rejudaisiert worden. In diesem heidnischen (Mt 4,15) Galiläa zog Jesus mit seinen Jüngern und den Frauen umher. Er konnte nicht ins rechtgläubige Judäa, denn er mußte befürchten, von der jüdischen Obrigkeit als galiläischer Aufwiegler den Römern überantwortet zu werden. Doch in Jerusalem stand ein hohes jüdisches Fest bevor und seine Verwandten und Freunde bedrängten ihn, mit ihnen nach Judäa zu ziehen, denn: „Wenn jemand in der Öffentlichkeit Ansehen erlangen will, versteckt er sich nicht hier auf dem Lande.“ Jesus weigerte sich, doch als sie gegangen waren, reute es ihn und er folgte ihnen nach Jerusalem.

Und tatsächlich wurde ihm überall Aufmerksamkeit geschenkt und ganze Volksscharen sammelten sich um ihn. Es schien ein wahrhafter Triumphzug zu werden. Die Schriftgelehrten ärgerten sich, daß das ungebildete Landvolk und insbesondere die Frauen diesem Galiläer zuliefen und daß sich überhaupt ein Rabbi mit solchem Gesindel abgab.

Ja, Jesus stellte sogar die direkt von Gott kommenden Kinder über die in das Gesetz Gottes eingeweihten Erwachsenen: Die Umstehenden wollten Kinder zu ihm bringen, auf daß er sie segne. Aber die Jünger versuchten die Leute davon abzuhalten. Da sagte Jesus zu ihnen zornig: „Warum laßt ihr die Kinder nicht zu mir kommen. Stellt euch nicht in den Weg, denn ihnen steht das Reich Gottes offen. Und ich sage euch: Wenn ihr nicht so werdet wie diese Kinder, gelangt ihr nie ins Reich Gottes“ (Mt 18,3; siehe auch 19,13-15 und 21,15f.). Daraufhin schloß er die Kinder liebevoll in seine Arme.

Daß Jesus Christus in seiner geheimen, für die „auferstandenen“ bestimmten Lehre, die für die Außenstehenden durch Gleichnisse verschleiert wurde (Mk 4,11), sich gegen die eheliche Treue und für die unschuldige , engelhafte Freiheit ausgesprochen hat, zeigt Mk 12,18-24: „Wenn die Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden Leben wie die Engel im Himmel.“

Jesus versprach ausgerechnet denen das Himmelreich, die weder das Gesetz kannten, noch als Gerechte von Gott mit Reichtum belohnt worden waren. Jesus versprach den geistig und materiell Armen, was im alten Israel ein und dasselbe war, das Himmelreich und verwehrte es den frommen Reichen: Ein frommer und reicher Mann lief auf den „guten Meister“ zu und fragte, was er denn tun solle, um das ewige Leben zu erlangen. Jesus antwortete: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die zehn Gebote Mose.“ Aber der Mann sagte, das Gesetz habe er von Jugend an gehalten. Da sah ihn Jesus etwas genauer an und er sprach zu ihm: „Eines fehlt dir noch. Gehe und verkaufe alles, was du hast und gebe es den Armen, so hast du einen unzerstörbaren Schatz im Himmel. Wenn du das getan hast, dann folge mir.“ Als der Mann, der doch seinen Reichtum als Gottes Belohnung für seine Gesetzestreue erachtete, dies hörte, kratzte er sich am Kopf und es wollte ihm nicht gefallen. Da sagte Jesus zu ihm: „Wie kannst du Gottes Gesetz gehalten haben, das doch sagt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Aber was tust du für deine armen Brüder?“

Jesus wandte sich nun seinen Jüngern zu und sprach: „Wie schwer doch werden die Reichen in das Reich Gottes kommen.“ Diese Worte erschreckten die Jünger sehr, aber Jesus setzte noch eins drauf: „Wie schwer ist es doch ins Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein reicher ins Reich Gottes kommt.“ Jetzt gerieten die Jünger ganz außer sich und sie sprachen untereinander: „Aber wer kann denn dann überhaupt gerettet werden?“ Jesus hörte das und sagte: „Menschen können das nicht vollbringen, aber Gott kann das Unmögliche vollbringen, denn Gott kann alles vollbringen.“ Daraufhin erwiderte Petrus: „Aber wir, Rabbi, wir haben doch alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Und Jesus sprach: „Oh ja, niemand hat sein Haus, seine Geschwister, Mutter, Vater, Kinder und seine Äcker verlassen um der frohen Botschaft willen, der nicht hundertfachen Lohn erhalten wird. All jenes unter all den Verfolgungen. Und in der Zukunft das ewige Leben. Denn viele, die jetzt die Letzten sind wie wir, werden eines Tages die Ersten sein.“

Weiter sagte er: „Ihr wißt, daß die Herrscher und die Großen ihre Völker unterdrücken. Aber so soll es unter euch nicht sein. Denn wer der Erste sein will, soll der Letzte sein und Diener von allen.“ Daraufhin nahm er ein Kind, stellte es mitten unter sie und herzte es. „Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Und wer einem dieser Kleinen Leid zufügt, dem hätte man lieber einen Mühlstein um den Hals gehängt und ihn im tiefsten Meer ersäufen sollen!“

Sie zogen weiter nach Jericho, wo Jesus Vertraute Salome auf ihn wartete. (Sie taucht bei Mk 15,40 und 16,1 auf. In den späteren Evangelien wurde dieser Name nicht übernommen [vgl. Mk 15,40 mit Mt 27,56 und Joh 19,25], offensichtlich weil er kompromittierend war.)

Er ging in ihr Haus und teilte mit ihr Tisch und Bett (Thomasevangelium 61). Und Jesus sprach zu ihr: „Ich stamme von dem, der eins ist. Du gabst mir von dem, was meines Vaters ist. Darum sage ich dir: Wenn einer vereint ist, wird er voll des Lichtes werden, wenn er geteilt ist, wird er voll der Finsternis werden.“

Als Jesus durch die Straßen Jerichos ging, wollten ihn viele Menschen sehen. Da war auch ein verachteter Zöllner, ein reicher Kollaborateur der Römer, der den Leuten das Geld abknöpfte und den größten Teil in die eigene Tasche steckte. Auch er wollte Jesus unbedingt sehen, aber da er klein war und sich alle voll Verachtung von ihm abwandten, kletterte er auf einen Maulbeerbaum. Jesus sah ihn und rief: „Steig schnell herab, denn ich will dein Gast sein.“ Nun schlug die Begeisterung plötzlich in blankes Entsetzen um: „Bei einem Sünder ist er Gast.“ Doch Jesus antwortete: „Ich rufe nicht die Gerechten, sondern die Sünder, denn ihnen gehört das Reich Gottes.“

Als Jesus am nächsten Tag aus Jericho hinauszog, um auf Drängen von Salome weiter nach Jerusalem zu ziehen, folgte ihm neben seinen Jüngern auch eine beträchtliche Volksschar. Am Wegesrand saß Bartimäus, ein blinder Bettler. Und da er hörte, daß der Nazarener an ihm vorbeizog, fing er an zu schreien: „Sohn Davids erbarme dich meiner!“ Aber er wurde angeherrscht, er solle gefälligst schweigen. Bartimäus aber schrie von neuem. Da blieb Jesus stehen und sie sagten zu dem Blinden: „Faß Mut, richte dich auf! Er ruft dich.“ Der Bettler warf seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus. „Rabbi, mach mich wieder sehend!“ Da spuckte ihm Jesus in die Augen (denn Speichel wurde insbesondere bei Augenkrankheiten Heilkraft zugeschrieben) und legte ihm die Hände auf. „Kannst du etwas erkennen?“ Der Blinde blickte auf und sagte: „Ja, ich sehe Menschen, aber sie sehen aus wie Bäume, die sich bewegen.“ Noch einmal legte Jesus seine Hände auf die Augen und da konnte der Blinde wieder sehen. Jesus befahl ihm und den Umstehenden streng, niemanden davon zu erzählen. Aber Bartimäus machte das Wunder in der ganzen Umgebung bekannt und ließ sich feiern.

Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (– von den Kindern wird gesagt „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und Tags vorher nicht: sondern es ist eine „Sinnes Änderung im Einzelnen“, etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist… (Nietzsche)

Durch seine Predigten und Taten war dieser Wunderrabbi den Judäern schon lange ein Dorn im Auge, hatte er doch verkündigt: „Wenn ich aber mit Hilfe von Gottes Geist die bösen Geister austreibe, so könnt ihr daran sehen, daß Gott schon angefangen hat, mitten unter euch seine Herrschaft aufzurichten“ (Mt 12,28). Als sie aber nun sahen, wie Jesus sich in Betanien, das nur noch drei Kilometer von Jerusalem entfernt lag, anmaßte bei Lazarus Gottes Werk der Auferstehung zu tun, waren sie endgültig entsetzt. Erst in den letzten Jahrhunderten war im Judentum der Gedanke der Auferstehung aufgetaucht. Die führende Adelsschicht, die Sadduzäer, leugneten sie sogar ganz und die Pharisäer dachten sich die Auferstehung als ausschließlich endzeitliches Ereignis.

Die Jenseitsvorstellung der Juden entwickelt sich in drei Stufen:

  1. Bei Moses gibt es noch keinerlei Hinweis auf ein Leben nach dem Tod. Der Mensch lebt einzig in seinem Volk und in seinen Nachkommen weiter. Allenfalls gab es im Volk die Vorstellung einer Fortexistenz als kraftloser Schattengeist, den die Lebenden heraufbeschwören können.
  2. Zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft wurde dann aus dem persischen Kulturkreis die Vorstellung der leiblichen Wiederauferstehung beim Jüngsten Gericht übernommen.
  3. Erst in den letzten zwei Jahrhunderten vor Jesus kam dazu zusätzlich der Gedanke des Weiterlebens der Seele unmittelbar nach dem Tode. Diese Vorstellung wurde wohl aus dem griechischen Kulturkreis übernommen. Die Geschichte von Lazarus und dem Reichen (sicherlich keine zufällige Namensgleichheit zu „unserem“ Lazarus) zeigt, daß auch Jesus den Glauben teilte (Lk 16,22f). In die gleiche Richtung weist Lk 20,37f und insbesondere die Worte, die Jesus an den mit ihm zusammen gekreuzigten Verbrecher richtet: „Ich sage dir, du wirst noch heute mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).

Von den allerersten Christen wissen wir, daß im Umkreis Jesu die Vorstellung existierte, man könne sogar schon zu Lebzeiten in den Himmel gelangen. So berichtet Paulus von einem „bestimmten Christen, der vor vierzehn Jahren in den dritten Himmel versetzt wurde“ (2 Kor 12,2).

Hier ist es dann m.E. nur ein konsequenter Schritt, wenn man davon ausgeht, daß Jesus auch von einer Auferstehung der „Toten“ im Hier und Jetzt ausging. Jesu Schritt ist konsequent, weil er die oben skizzierte Entwicklungslinie jüdischen Denkens fortführt, in der Gott und das Heilsgeschehen dem Menschen immer näher rückt, bis Jesus verkündet der Ort und der Tag des Heils wäre hier und jetzt.

Natürlich war Jesus und seinen Anhängern zu jeder Zeit klar, daß die Welt in ihrer Gesamtheit noch nicht erlöst war. Wie sie mit diesem Wiederspruch umgegangen sind, hat sich wahrscheinlich in der Offenbarung 20,1-6 niedergeschlagen. Hier taucht die merkwürdige Idee eines „Tausendjährigen Reiches“ auf, das dem wirklichen Himmelreich der Endzeit und der allgemeinen Auferstehung vorausgehe. In diesem tausendjährigen „Vorreich“ sind nur die Heiligen auferstanden, um zusammen mit Christus zu herrschen. Mir scheint diese Vorstellung eine Übertragung des realen jesuanischen Umfeldes in eine irreale ferne Zukunft zu sein – wie alles nachösterlich eine solche „Übertragung“ ist. Jedenfalls gibt es im Judentum und auch sonst nirgendwo eine Quelle aus der sich die Vorstellung eines „Vorreiches“ hätte entwickeln können.

Vor diesem Hintergrund beschlossen die Hohepriester und Schriftgelehrten, daß Jesus des Todes sei. Die Anklage vor dem jüdischen Rat beruhte auf Jesu vorgeblicher Äußerung: „Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und ihn in drei Tagen wieder aufbauen!“ (Mt 26,61 und 27,40). Sozio- und psychoökonomisch war dies ein radikaler Angriff auf wirklich alles, was den Sadduzäern (der Opferkult, der mit dem Aufkommen des Reiches Gottes erlöschen würde) und den Pharisäern (das Gesetz, das für die Auferstandenen nicht gilt) heilig war.

Die Historizität der Anklagepunkte wird dadurch unterstrichen, daß der Prozeß gegen den ersten christlichen Märtyrer, Stephanus unter genau den gleichen Vorzeichen ablief. Staphanus soll die beiden Grundpfeiler des damaligen Judentums in Frage gestellt haben: „Dieser Mann hält unaufhörlich Reden gegen unseren heiligen Tempel und gegen das Gesetz. Wir haben selbst gehört, wie er sagte: ‚Jesus von Nazareth wird den Tempel einreißen und die Gebote abschaffen, die uns Mose gegeben hat!‘“ (Apg 6,13). Gegen Paulus lief der Prozeß genauso ab.

Er wurde der römischen Obrigkeit überantwortet und von ihr ans Kreuz geschlagen. Sein Leben endete mit einem grauenhaften Fluch von Seiten der Frommen: „Wer am Kreuz hängt, ist von Gott verflucht“ (Gal 3,13 und Dtn 21,23).

Jesus mußte sterben, weil er versucht hatte, die toten Wüstenkreaturen wieder zu ihrem lebendigen Ursprüngen zurückzuführen. Aber die Kinder Satans wollten nicht. Selbst Jesus‘ eigene Jünger wandten sich von ihm ab. Judas führte die römischen Soldaten und jüdischen Tempelwächter zu Jesus, Petrus verleugnete ihn und alle ließen ihn im Stich. Schon vorher hatte Jesus einen seiner Jünger als Satan bezeichnet (Mk 8,33) und damit „seine“ ganze spätere Kirche verflucht (vgl. Mk 11,12-14). So sollte denn auch die gesamte Kirchengeschichte eine einzige Abfolge von Christusmorden werden. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,1). Jesus war nicht der letzte Christus, der dem Satan (nicht etwa Gott, wie Jesus‘ perverse Jünger glauben) geopfert wurde – der von „Rom“ ermordet wurde.