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Der Rote Faden: Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

1. Juni 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Ein Beispiel für einen pestilenten Charakter

15. Oktober 2016

Er ist kein Mensch, sondern ein Typ, der in fast keinem Wilhelm-Reich-Seminar fehlt.

Er sitzt da, die verkörperte Abwehr: verschränkte Arme und stets ein Anflug von Verachtung im Gesicht. Läuft bei der Präsentation mal etwas nicht rund, hört man im Hintergrund seine spitze Bemerkung: „Das ist aber schlecht organisiert!“ Und man spürt seinen abschätzigen Blick, als wolle er sagen: „Dieser unsichere Knilch soll also die Verkörperung von sexueller Gesundheit sein!“

Er wartet nur darauf, endlich die Aufklärung zu Wort kommen zu lassen: Reichs gesamte Theorie sei die Verarbeitung seiner, Reichs, eigenen Krankengeschichte. Er sei ein Sex-Maniak gewesen, der unfähig war Spannung zu ertragen und zu sublimieren.

Bei anderer Gelegenheit suggeriert er, Malinowski hätte wohl alle seine Ergebnisse über die Trobriander getürkt.

Oder beispielsweise: Von wegen Faschismusanalyse! Reich sei ja selbst Antisemit gewesen und dann zitiert die Pestbeule die „betreffende“ Stelle aus Reich Speaks of Freud.

Nachdem er sachlich aber scharf abgewiesen worden ist, sitzt die Pestbeule den Rest des Seminars mit sooooo einem Gesicht da. Zu weiteren Terminen erscheint er nicht. Am Seminar selbst war er ja eh nicht wirklich interessiert.

Sein Leben ist leer und ohne Hoffnung. Um es erträglich zu machen, untermauert er es mit einer „nüchternen Lebensanschauung“. Etwa, daß wir von Natur aus gewalttätige Schimpansen seien, die dem Prozeß der Zivilisation unterworfen werden müßten. Oder er ist Freudianer, der vom „Todestrieb“ ganz besonders fasziniert ist. Oder er glaubt mit Adorno, daß es eh kein Wahres im Falschen geben könne. Oder er feiert mit Foucault die sadomasochistische Nichtung des Ich.

Das sind alles nur Rationalisierungen seiner Resignation und seines tiefsitzenden Hasses gegen alles Lebendige.

Er ist kein Mensch, sondern nur ein Sack voll übelriechender Luft.

Reich und Nietzsche

26. April 2015

Eine Nachbildung von Nietzsches Totenmaske hing an prominenter Stelle in Reichs Arbeitszimmer in Wien.

Also sprach Zarathustra war eines von Reichs „10 Büchern“. Nietzsche stand er in mancher Beziehung näher als Freud, z.B. sagte er in Reich Speaks of Freud ein Strindberg, Ibsen oder Nietzsche hätten keine Angst vor jenen intensiven Gefühlen des Lebens, wo „Freud anscheinend in seinem eigenen Bedürfnis zu ’sublimieren‘ befangen war.“

Für Reich stand Nietzsche mit Marx gegen den Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts, als die Schuldidee und die absolute Moralität in den Vordergrund geschoben wurden. Nietzsches Kritik an der Moral öffnete den Weg „in den Bereich des unbewußten Seelenlebens, das von Freud erfaßt und erforscht wurde“ (Äther, Gott und Teufel).

Den Begriff „Es“ hatte Freud bei Georg Groddeck und dieser bei Nietzsche entliehen.

Reich schreibt in Der triebhafte Charakter:

„Im Manne ist ein Kind verborgen, welches spielen will.“ Mit diesen Worten hatte Nietzsche die klassische Formel Freuds über den neurotischen Konflikt antizipiert.

Reichs erster größerer Aufsatz über „Libidokonflikte und Wahngebilde in Ibsens Peer Gynt“ (Frühe Schriften) fängt mit einem Nietzsche-Zitat an, welches wohl auf die Leiden des Menschen an seinen inzestuösen Bindungen anspielen soll:

Ich lehre Euch den Übermenschen. Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau. Und ebenso soll der Mensch für den Übermenschen sein: Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau.

Das Genie ist seinen orgonotischen Strömungen gewahrer als Homo normalis, er empfindet die gepanzerte Agonie stärker. Nietzsche war ein solch zutiefst kranker Mensch – der gleichzeitig gesünder war. Reich schreibt:

Die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne enttäuscht in die Erstarrung zu flüchten, geht einher mit der Fähigkeit, Glück zu nehmen und Liebe zu geben. Um mit Nietzsche zu reden: Wer das „Himmel-hoch-Jauchzen“ lernen will, muß sich auch für das „Zum-Tode-betrübt“ bereithalten.“ (Die Funktion des Orgasmus)

Als zu viel zu ertragen war, brach der „Wissende“ schließlich doch an seiner Gesund-/Krankheit psychotisch (siehe Charakteranalyse, KiWi, S. 583).

Der homo normalis, der seinen ersten Sinn verloren hat, macht das Leben für derartige Individuen zu schwer und unerträglich.

Nietzsche wurde gebrochen, indem man ihn isolierte, ihn in die Einsamkeit abdrängte. (Reich Speaks of Freud)

In seiner Autobiographie (Die Funktion des Orgasmus) kommt Reich auf seine Beschäftigung mit der Ibsenfigur zurück und beschreibt sie als einen Menschen, der „aus der marschierenden Reihe dieser Menschen herausspringt. Man verlacht ihn, wenn er harmlos ist, man versucht ihn zu vernichten, wenn er kräftig ist.“ Was sie aber nicht davon abhielt den Peer Gynt zu einem Teil ihres „Kultur“gutes zu machen.

Reich hat die Popularisierer seines Werkes schon in Nietzscheanischer Gewandung durchschaut:

Es gibt geistreichelnde junge Leute, die man in ernsten Kreisen in Europa als „Kulturschmöcke“ zu bezeichnen pflegte. Sie waren klug, aber ihre Intelligenz diente einer Art Kunstbetätigung um ihrer selbst willen, ohne die todernsten Probleme eines Goethe oder Nietzsche je praktisch begriffen oder erlebt zu haben, lieben sie es, einander Klassik vorzuzitieren. Gleichzeitig ist ihr Wesen von Visionen geprägt. Sie betrachten sich als moderne, freisinnige von keiner Konvention belastete Lebewesen. Da sie ernsten Erlebnissen unfähig sind, ist ihnen die Geschlechtsliebe eine Art Kinderspiel. (Charakteranalyse)

Reich und Nietzsche ist es nicht gelungen, die Schweine und Schwärmer aus ihren sauberen Gärten zu halten. Doch trägt Nietzsche ohne Zweifel selber beträchtliche Schuld an dem was später kam. Reich schreibt:

Es hat wenig Sinn (…) sich einen Übermenschen zu erträumen, der sich von den Menschen in der Falle total unterscheidet, wie es Nietzsche getan hat, bis er, selbst in der Falle eines Irrenhauses gefangen, endlich die volle Wahrheit über sich selber schrieb – zu spät… (Christusmord)

So geht es den meisten, die nicht stillehalten, und die anderen wollen sich gar nicht erst blamieren. Sie sind von vornherein klug und überlegen gewesen. (Die Funktion des Orgasmus)

Dem deutschen Orgontherapeuten Walter Hoppe zufolge verband Schopenhauer seinen Begriff des Willens, der eine zentrale Bedeutung in der Philosophie Nietzsches erlangen sollte,

mit der Sexualenergie, die er [Schopenhauer] als identische Kraft mit der Natur schlechthin zur Darstellung bringt. Der Wille schreibt er, ist ebenso wie die Sexualität eine Kraft, der der gesamten Natur zugrunde liegt, die Kraft, die Liebhaber und Planeten anzieht. (Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984)

So ist auch Nietzsches „Wille zur Macht“ zu verstehen, als Ausdruck des orgonomischen Potentials, das Energie vom niedrigeren zum höheren Niveau fließen läßt. Er schreibt 1888:

Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch als Wille zur Akkumulation der Kraft –: alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: Nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden. (Umwertung aller Werte, der gesammelte Nachlaß)

Und „sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen Ordnung?“

Im Nachlaß sind auch Anklänge an den spezifisch orgonomischen Bewegungsbegriff zu finden:

Die Bewegungen sind nicht „bewirkt“ von einer „Ursache“ (das wäre wieder der alte [aristotelische, PN] Seelenbegriff!) – sie sind der Wille selber, aber nicht ganz und völlig!

1881 oder 82 hat Nietzsche seinen folgenden „Hauptgedanken“ formuliert, der zeigt, wie er wohl den anthropoiden „theistisch patriarchalen Gott“ für tot erklärte, aber gleichzeitig die Entdeckung des wirklichen „Gottes“ als Ausdruck der Vereinigung von organismischer und kosmischer Orgonenergie ohne „mystische Abweichung“ vorwegnahm (der große Mittag und die Ewigkeit“, „das kosmische Ich“, etc.) und damit nach Kopernikus, Bruno und Darwin das letzte illusionäre Zentrum (das Ich) aufhob:

Hauptgedanke! Nicht die Natur täuscht (…) die Individuen (…), sondern die (…) legen sich alles Dasein nach individuellen, das heißt, falschen Maßen zurecht (…) In Wahrheit gibt es keine individuellen Wahrheiten, sondern lauter individuelle Irrtümer – das Individuum selber ist ein Irrtum. (…) Wir sind Knospen an einem Baume, – was wissen wir von dem, was im Interesse des Baumes aus uns werden kann! Aber wir haben ein Bewußtsein, als ob wir alles sein wollten und sollten, eine Phantasterei von „Ich“ und allem „Nicht-Ich“. Aufhören, sich als solches phantastisches Ego zu fühlen! (…) Den Egoismus als Irrtum einsehen! Als Gegensatz ja nicht Altruismus zu verstehen! das wäre die Liebe zu den anderen vermeintlichen Individuen. Nein! Über „mich“ und „dich“ hinaus! Kosmisch empfinden! (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 442f)

Wo Nietzsche 1875 schrieb: „auf immer trennt uns von der alten Kultur, daß ihre Grundlage durch und durch für uns hinfällig geworden ist“ und bis auf die Vorsokratiker zurückging, schrieb Reich: „der orgonomische Funktionalismus steht von vornherein außerhalb des Rahmens der maschinell-mystischen Zivilisation“ der letzten 6000 Jahre (Äther, Gott und Teufel).

Beide hatten jenen „Durst nach großen und tiefen Seelen – und immer nur dem Herdentier zu begegnen!“ (Nietzsche) – Reichs „Kleiner Mann“. Beide sind schließlich an gebrochenem Herzen gestorben „alone, like a dog“ (Reich); im Bewußtsein des Kleinen Mannes, der es schon immer besser wußte, in Scham und Schmach verreckt. Nietzsche nannte sich in einer, einen Tag nach seinem endgültigen Zusammenbruch verfaßten, Postkarte „Der Gekreuzigte“.

Wie etwa ein Goethe mußten sie sich in ihrer Einsamkeit mit Christus identifizieren, als Gebende denen ewig die Lust des Nehmens verwehrt sein würde, als Werkzeug einer höheren Macht, unfreiwillig sich opfernd für die Sache des „Übermenschen“ – dem „Kind der Zukunft“.

Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nichts zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren. (Also sprach Zarathustra)

Ich könnte auch viel Schlechtes über Nietzsche schreiben – ich laß es:

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen willl, blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist – und verrät sich selbst damit. (Jenseits von Gut und Böse, S. 228)

Robert hat diesen Aphorismus dahin interpretiert, daß „die Schwächen des anderen auch meine Schwächen (sind) und lehne ich dessen Schwächen ab, so lehne ich auch mich ab – verrate mich also selbst“. Ich hab das anders verstanden: Wer bei den Großen, etwa Freud oder Reich, wie heute in Biographien üblich, das sucht, was die Großen klein („niedrig“) und unbedeutend („Vordergrund“) macht, zeigt nur, „verrät“ nur, daß er selbst klein und unbedeutend ist. Die „Entlarver“ entlarven sich selbst!

Ein Jahr vor der Geburt des fanatischen Wagnerianers Hitler hat Nietzsche in seiner Beschreibung des Wagnerianertums praktisch schon alles über den Nationalsozialismus gesagt:

Dazu gehört bloss Tugend – will sagen Dressur, Automatismus, „Selbstverleugnung“. Weder Geschmack, noch Stimme, noch Begabung: die Bühne Wagner’s hat nur Eins nöthig – Germanen!.. Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine… Es ist voll tiefer Bedeutung, dass die Heraufkunft Wagner’s zeitlich mit der Heraufkunft des „Reichs“ zusammenfällt: beide Thatsachen beweisen Ein und Dasselbe – Gehorsam und lange Beine. – Nie ist besser gehorcht, nie besser befohlen worden. Die Wagnerischen Kapellmeister in Sonderheit sind eines Zeitalters würdig, das die Nachwelt einmal mit scheuer Ehrfurcht das klassische Zeitalter des Kriegs nennen wird. (Der Fall Wagner, A 11)

Trotzdem wurde immer wieder versucht, Nietzsches „Übermenschen“ mit für den rassistischen Nationalsozialismus verantwortlich zu machen. Nun, Hitler hat in Mein Kampf Nietzsches Namen, wie den jeder anderen deutschen Geistesgröße auch, nur als Mythus ausgenutzt und später in den Tischgesprächen gar nicht erwähnt. Wahrscheinlich hat er ihn nie gelesen, denn diesen Autor konnte Hitler nicht durchfliegen, wie es seine Art war, um ein ideologisches Destillat herauszuziehen. Der sich jeder Festlegung verweigernde Nietzsche eignet sich denkbar schlecht für die Verwurstung zur „fanatischen“ Weltanschauung:

Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie. (Jenseits von Gut und Böse, A. 154)

Es stimmt, daß Nietzsches Schwester (mit ihrem unseligen Machwerk Der Wille zur Macht) und der Philosoph Alfred Baeumler versuchten, Nietzsche zum reaktionären „soziobiologischen“ Philosophen zu verkürzen. Doch der Versuch ihn zum neuen offiziellen Staatsphilosophen zu machen, war alles andere als erfolgreich. Die Nazis stoppten sogar die offizielle Kritische Gesamtausgabe, denn Nietzsche verkörperte all das, was die Nationalsozialisten haßten: Freigeist, Abweichler, Verächter der Volksgemeinschaft, Staats- und insbesondere Reichsfeind, Sympathisant der Judenheit und Frankreichs, etc. Man konnte beim vermeintlichen philosophischen Urvater der nationalsozialistischen Ideologie nachlesen, daß die Deutschen eine Mischrasse mit überwiegend vorarischen Anteilen seien (Jenseits von Gut und Böse, A 244), und was ihre „rassische Verbesserung“ betraf, fand Nietzsche die Juden als „Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich“ (Studienausgabe Bd. 11, S. 457).

Neben Baeumler beriefen sich die beiden deutschtümelnden Existentialisten Karl Jaspers und Martin Heidegger auf Nietzsche. Aber beide zeigten in ihren Vorlesungen über Nietzsche auf, daß er so ungefähr das Gegenteil der Nazi-Ideologie vertrat. Georg Picht (Nietzsche, Stuttgart 1988) hält Heideggers Vorlesungen sogar für eine der mutigsten und wichtigsten Widerstandshandlungen in Hitlerdeutschland, denn Heidegger habe sich konsequent gegen jede oberflächliche Politisierung von Nietzsche, gegen jede biologistische Fehlinterpretation gewandt, das Gerede vom „wotanischen Archetypus der Macht“ verworfen und den Machtbegriff der Nazis verhöhnt.

Hatte Heidegger anfangs angenommen, „die Bewegung“ würde die Logik des von Nietzsche diagnostizierten Nihilismus überwinden und sich ihr zugewandt, weil sie scheinbar eine „grüne“ antitechnokratische Politik vertrat, sozusagen das Gegenteil der Tötungsfabrik Auschwitz, erkannte er in ihr schließlich die Vollendung des Nihilismus. Heidegger führt Nietzsches Diktum an, daß jeder Versuch, dem unvollständigen Nihilismus, in dem wir leben, zu entgehen, das Gegenteil des Erstrebten hervorrufen wird, nämlich den vollständigen Nihilismus, wenn bei diesem Versuch nicht alle bisherigen Werte umgewertet werden (Holzwege, Pfullingen 1963, S. 208).

Allenfalls kann man Nietzsche mit dem italienischen Faschismus in Zusammenhang bringen, denn Mussolini war in der Tat Nietzscheaner. Betrachtet man Nietzsches Schriften aus diesem Blickwinkel, findet sich dort ohne Zweifel faschistisches Gedankengut. Gleichzeitig hat Nietzsche aber auch die Psychoanalyse (sowohl Freud als auch Adler) vorweggenommen – und manchmal muß man sich beim Lesen die Augen reiben, wenn man über eine der vielen schlechthin orgonomischen Stellen bei Nietzsche stolpert. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Am Ende seines bewußten Lebens wollte Nietzsche eine „Partei des Leben“ gründen und sie gegen die Kräfte des Nihilismus mobilisieren, die das unschuldige Leben „jenseits von Gut und Böse“ unterminieren. Diese Kräfte sind der nihilistische Mystizismus und der nihilistische Sozialismus, d.h. die Entwertung des konkreten Lebens durch eine fiktive ideale Welt. Die „Partei des Lebens“ macht „die Physiologie zur Herrin über alle anderen Fragen“, das bedeutet Höherzüchtung der Menschheit und das Ausrotten alles „Entarteten und Parasitischen“, das sich in der „Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathenen, An-sich-selber-Leidenden“ findet.

Diese zweite Partei, die mystische und utopische Partei, wolle Rache am Leben nehmen und das Leben auslöschen, wenn die Partei des Lebens ihr nicht zuvorkommen würde (so Nietzsche in seinen letzten Notizen, Studienausgabe Bd. 13, S. 638 und im Ecce homo Bd. 6, S. 374).

Bereits 1882 hatte er sich notiert:

Wir als die Erhalter des Lebens. Unvermeidlich entstehend die Verachtung und der Haß gegen das Leben. Buddhismus. Die europäische Thatkraft wird zum Massen-Selbstmord treiben. (…) Wenn wir nicht uns selber erhalten, geht alles zu Ende. Uns selber durch eine Organisation. Die Freunde des Lebens. (Studienausgabe Bd. 10, S. 43)

Reich hat mit seiner „Partei des Lebens“ Nietzsches Differenzierung zwischen dem neurotischen Mystiker, der das Leben nihilistisch abtötet, und dem freien, gewissenlosen Menschen aufgenommen. Aber Reich unterschied in der letzteren Gruppe weiter zwischen den freien Menschen, die ihre sekundären Triebe leben, und den freien Menschen, die ihre primären Triebe leben (Emotionelle Pest und Genitalität, die in Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen noch eins waren), zwischen Faschismus und Arbeitsdemokratie. Ganz entsprechend hatte sich schon der Nietzscheanismus in zwei Gruppen aufgespalten: Vertreter des faschistischen Herrenmenschentums auf der einen und Verteidiger des Lebendigen auf der anderen Seite.

Die faschistischen Nietzscheaner haben nicht nur primäre und sekundäre Triebe miteinander vermengt (was ja auch Nietzsche selbst getan hatte), sondern überhaupt Nietzsche und „die Partei des Leben“ verraten, indem sie sie von neuem mit der nihilistischen, christlichen Moral vergifteten. Nietzsche wurde von all dem eingeholt, was er überwunden hatte. Dieses national-christliche Gedankengebäude faßte Nietzsches Schwester Elisabeth, die spätere Hohepriesterin des nationalsozialistischen Nietzsche-Kults, noch zu Nietzsches Lebzeiten zusammen, als sie schrieb, gemeinsam mit den Wagnerianer Bernhard Förster, ihrem späteren Ehemann, würde sie „schwelgen“ in „Mitleid, heroischer Selbstverleugnung, Christentum, Heldentum, Vegetarismus, Ariertum, südliche Kolonien“ (Peters: Zarathustras Schwester, München 1983, S. 108).

So ebnete sich der Weg für den nationalsozialistischen Mißbrauch Nietzsches. Hermann Josef Schmidt schreibt dazu:

Auch nationalsozialistische „Nietzsche“interpretation wäre ohne vorherige „christliche“ Nietzscheverkleisterungen, beginnend spätestens 1895 mit der opportunistischen „großen“ Nietzschebiographie seiner Schwester – und ohne eine Serie von Textstellen, die, aus ihrem Zusammenhang gerissen, sich schaurig lesen (z.B. das geklitterte Buch Der Wille zur Macht, PN) – zumindest in ihrer Breitenwirkung nicht möglich gewesen. Auch hier hat deutsches Christentum – man lese nur die Reden und „Abschiedsworte“, die am 28.8.1900 an Nietzsches Grab gehalten bzw. vorgetragen wurden (…) – dem Nationalsozialismus glänzend vorgearbeitet. (Nietzsche absconditus, Berlin 1991, S. 274)

Der radikale Nietzsche darf nicht verwässert werden, wenn man nicht alles zerstören und in sein Gegenteil verkehren will, vielmehr muß man, wie Reich es getan hat, Nietzsche weiter radikalisieren. Dies ist der einzige gangbare Weg. Es gibt keinen Weg zurück.

Man betrachte nur die gegenwärtige moralistische Kampagne in Deutschland gegen den „Fremdenhaß“. Von der äußersten Linken bis zum Papst sind sich, unterstützt von den neusten soziobiologischen Erkenntnissen, alle einig, daß man das teuflische „Tier im Menschen“ mit seinem „angeborenen Rassismus“ überwinden müsse. Es ist kaum etwas gegen das wissenschaftliche Fundament dieses Konzeptes zu sagen, zumal Malinowski sogar bei den Trobriandern rassistische Ressentiments gegen angrenzende Stämme und gegen Polen (Malinowski) festgestellt hat. Müssen wir uns also auf unsere humanistische Wertewelt besinnen, diese steinzeitlichen Triebe durch unsere zivilisatorische Energie überwinden und dergestalt die archaischen Sümpfe trockenlegen? Oder haben wir mit Nietzsche die „Partei des Lebens“ zu ergreifen? Die Orgonomie, die mindestens so weitreichende humanitäre Ziele hat wie die Humanisten, will die Sümpfe nicht in eine Wüste verwandeln, aber auch nicht das Gesetz des Dschungels in die Städte tragen, sondern für einen geregelten Abfluß sorgen, so daß sich eine schöne Auenlandschaft ausbilden kann.

Das Matriarchat im Judentum und Christentum

27. Oktober 2014

In unserer Kultur ist zutiefst verankert, daß das Weibliche die passive Rolle einnimmt. Selbst radikale „Feministinnen“ stellen Gegensatzpaare auf wie: „Erde und Himmel, Mond und Sonne, Nacht und Tag, Frau und Mann“ (Göttner-Abendroth: Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 24). Dabei merken sie gar nicht, daß sie einem uralten patriarchalischen, wenn nicht sogar dem faschistischen Mythos schlechthin huldigen. Es ist der lichte Mann, der „Sonnenheros“, der in die dunkle Frau eindringt, als Lichtbringer die „Mond- und Erdgöttin“ befruchtet. Er, das lichte Yang; sie, das dunkle Yin.

Der patriarchale „Mann“ kann es nicht ertragen, daß die Frau über ihm ist, daß sie nicht die Erde, sondern der Himmel ist: nicht der Mond, sondern die (!) Sonne. Er bildet sich ein, wie ein Bauer mit seinem Pflug die Erde zu befruchten, von oben her wie der Regen Fruchtbarkeit zu bescheren. Er ist das Oben, sie das Unten. Alles deutet jedoch darauf hin, daß die patriarchale Welt die verkehrte Welt ist. Im Megalithikum herrschte die Vorstellung vor,

bei der das Weib den Himmel und der Mann die Erde verkörperte. Dieses Bild ist uns etwa in der sehr altertümlichen ägyptischen Vorstellung des Paares Geb (Erdmann) und Nout (Himmelsweib) erhalten geblieben. Es gibt in der Tat ikonographische Darstellungen aus alten Epochen, in denen anscheinend das Weib über dem passiv liegenden Mann kauert, sein Glied in den Körper aufnehmend und beim Koitus den „aktiven Part“ ausübend, wobei die Frau den Zeitpunkt des Orgasmus bestimmt. (Hans Biedermann: Die Großen Mütter, München 1989, S. 210)

Biedermann bringt die entsprechende bildliche Darstellung mit der „Heiligen Hochzeit“ in Verbindung, bei der das segenspendende Verhältnis zwischen der Himmelsfrau und dem Erdmann nachvollzogen wurde. Mit dem Übergang zum Patriarchat habe sich dann die Konfiguration umgekehrt und die Großen Göttinnen „wurden bloß zum Nährboden des männlichen Aktes“ (ebd., S. 212).

Mir will es aber eher so scheinen, daß die Heilige Hochzeit an sich, auch die in der matriarchalen Variante, eine Verfallsform darstellt. Von einer mit Sex nur so gesättigten Mythologie darf man nicht auf eine sexualbejahende Gesellschaft schließen – ganz im Gegenteil. So fand denn z.B. auch Malinowski in der Mythologie der Trobriander so gut wie keine sexuellen Anspielungen. Nur sexuell frustrierte Gesellschaften sind vom Sex derartig besessen, daß er sogar in ihre religiösen Vorstellungen Eingang findet.

Die Sexualität wurde kultisch gegen Verfall und Tod mobilisiert, der langsam aus den sich bildenden Wüsten die Kulturvölker bedrängte. Bis zum endgültigen Abwürgen, bzw. „Sublimieren“ aller Sexualität durch die Moral der Großreligionen war es die Heilige Hochzeit, die den Bestand des Lebens sichern sollte; die durch Fruchtbarkeit den um sich greifenden Tod in Schach halten sollte. Es war die oberste Priesterin und der König, die durch den Vollzug des Geschlechtsaktes auf magische Weise das Land befruchten sollten. Später degenerierte das ganze zur Tempelprostitution und schließlich zur gewerblichen Prostitution.

Bei der himmlischen Zeugung Jesu wurde es dann vollends zur Karikatur:

(…) du hast Gnade bei Gott gefunden! Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. (…) Gottes Geist wird über dich kommen, seine Kraft wird es bewirken. (Lk 1,30f.35)

So wie Gabriel Maria heterosexuell den Christus brachte, brachte er später Mohammed den Koran, diesmal mit homoerotischen Untertönen, wie Salman Rushdie in seinen Satanischen Versen gezeigt hat.

Im 6. Jahrhundert beschrieb der christlich-lateinische Dichter und Bischof Fortunas Venantius die Affäre zwischen Gott und Maria, und allen Frauen, die ihr nachtun, als Heilige Hochzeit:

Wie selig ist die Jungfräulichkeit, die würdig befunden wurde, Gott ein Kind zu gebären. Die keuschen Jungfrauen sind Gottes Tempel schlechthin. Dort fühlt er sich heimisch. Mit großer Freude betritt er die Pfade, die von keinem anderen [Mann] begangen wurden. Ihre Gliedmaßen sind sein Eigentum, unbesudelt und ungeteilt mit irgendeinem [anderen] Mann. Voll Zuneigung küßt er ihre Brust. Nur in einem Haus mit Jungfrauen will er verweilen. Dort ist er König.

Maria wird mit der Gemeinde gleichgesetzt. Genauso wie der Heilige Geist einst über Maria kam, wird zu Pfingsten der Heilige Geist ausgeschüttet (Apg 2,1-13), um die Gemeinde in „Verzückung“ zu versetzen. So schmierig und degoutant das religiöse Leben im allgemeinen und der Marienkult im besonderen auch sein mag, scheint doch verborgen die alte, ursprüngliche matriarchale Rangordnung wieder durch.

Es besteht kein Anlaß aufgrund einer oberflächlich männlich dominierten Welt auf die Postulierung eines allgemeingültigen Matriarchats zu verzichten. Zumal man mit Reich einräumen muß, daß,

wo immer Mutterrecht in Vaterrecht überging, es langer Zeiträume der Überleitung aller ökonomischen und sozialen Institutionen und Gebräuche bedurfte. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral)

„Graue“ Übergänge können aber nie Grundlage einer Klassifikation sein.

Wörtlich bedeutet Matriarchat „Herrschaft der Mütter“. Der Standardeinwand gegen die Existenz eines historischen Matriarchats ist nun, daß eine solche Herrschaft nicht allgemein belegbar sei und fast immer die Männer, immer die Könige im Vordergrund standen. Es läßt sich aber nachweisen, daß überall hinter diesen im Vordergrund stehenden Männern Frauen wirkten, die den Männern die Macht entlehnten, so daß die Männer nur sozusagen Exekutivorgan einer weiblichen Legislative waren, unter deren Würde es war sich auf die Ebene der Politik hinabzubegeben, beispielsweise in der Neuzeit „Weiße“ zu empfangen. Infolge mußte der betreffende Stamm als patriarchal organisiert erscheinen.

Entsprechend gab es im alten Israel das Amt der „Gebira“ (siehe Gerda Weiler: Das Matriarchat im Alten Israel, Stuttgart 1989). Das wird mit „Königsmutter“ übersetzt, doch die Gebira konnte Tochter, Ehefrau, Mutter oder Großmutter des herrschenden Königs sein, bis nach ihrem Tod (bzw. noch zu ihren Lebzeiten, für die Heilige Hochzeit) eine neue Gebira eingesetzt wurde. Hanna scheint eine solche Gebira gewesen zu sein. Hanna war ursprünglich Priesterin in Silo. Sie war nicht Mutter von Samuel, sondern von Saul, d.h. „dem Erbetenen“ (vgl. 1 Sam 1,20). Die Geschichte seiner himmlischen Empfängnis diente nicht ohne Grund zur Vorlage der entsprechenden Empfängnis Christi durch den Heiligen Geist. Saul war (über Hanna) der Christus, der Gesalbte der Rahel (vgl. 1 Sam 10,1f), so wie Christus der Gesalbte der Frauen war (Mk 14,3-9). Bezeichnenderweise wird im Koran (z.B. Sure 5) Jesus nicht als „Sohn Gottes“, sondern als „Sohn der Maria“ bezeichnet. In Mk 6,3 wird er nicht wie damals (und noch heute in Israel) üblich als Sohn seines Vaters, sondern für damalige Verhältnisse ungeheuerlicherweise als Sohn Marias bezeichnet.

Mit Sicherheit war auch Jesu angeblicher Stammvater David (1004-965) nicht Sohn Gottes (2 Sam 7,14), sondern Sohn der Himmelskönigin, was dann natürlich das Christentum in seinen Grundlagen verändert. Der Usurpator David legitimierte seine Macht quasi matriarchal, weniger durch seine militärischen Erfolge, sondern erst durch die so möglich gemachten Heiraten mit Königinnen und Töchtern aus den Herrschaftshäusern der eroberten Gebiete, die ihm als Königsmütter die Macht verleihten. Mit nur zwei Ausnahmen werden alle Namen der späteren judäisch-davidischen Könige aus dem Hause Davids zusammen mit ihren „Königsmüttern“ überliefert.

Davids Sohn Abschalom „besteigt“ den Thron des Vaters, indem er mit dessen Frauen öffentlich die Heilige Hochzeit ausführt (2 Sam 16,22). Auf Davids Sohn Salomo (965-926) bezieht sich der Satz:

Ihr Frauen von Zion, kommt her, den König zu sehen und die Krone, mit der seine Mutter ihn schmückte. (Hld 3,11)

Beim Regieren stand die Königsmutter zur Rechten des Königs (Ps 45,10; siehe insbesondere auch Jer 13,18). Wenn Jesus vom Kreuz herab seiner Mutter Johannes übergibt, klingt die Königsmutter-Tradition an: „Er ist jetzt dein Sohn!“ (Joh 19,26).

Das Christentum konnte sich u.a. deshalb so schnell ausbreiten, weil es perfekt in die matriarchale Matrix der antiken Welt hineinpaßte. Der Katholizismus bewältigte und integrierte die noch teilweise spätmatriarchalen Kulte Europas, indem er die Große Muttergöttin mit Maria gleichsetzte und ihr die diversen Götter als „fürsprechende Heilige“ beigesellte. Womit an sich die Kirche wieder die ursprünglichen matriarchalen Proportionen hergestellt hatte!

Die Vergöttlichung Marias begann schon sehr früh und auf mannigfache Weise. So wurde Maria z.B. mit dem Erzengel Michael gleichgesetzt. Er wird eines Tages als Schutzengel zu Gunsten Israels eingreifen und es erretten (Dan 12,1). Eine Vorstellung, die auch ins Christentum eingegangen ist (Jud 9, Offb 12,7). Dem judenchristlich-gnostischen Hebräerevangelium zufolge, ist nun aber Michael mit Maria identisch:

Als Christus auf die Erde zu den Menschen kommen wollte, erwählte der Vatergott eine gewaltige Kraft im Himmel, welche Michael hieß, und vertraute Christus ihrer Fürsorge an. Und die Kraft kam in die Welt, und sie wurde Maria genannt, und Christus war sieben Monate in ihrem Leib.

Läßt man den „Vatergott“ weg, gewinnt Maria wieder den Status der souveränen matriarchalen Himmelskönigin, der ein Heros (Christus) zugeordnet ist. Im Hebräerevangelium findet sich auch folgende Stelle, wo Christus ganz in diesem Sinne spricht:

Sogleich ergriff mich meine Mutter, der Heilige Geist (vgl. Mt 4,1) an meinen Haaren und trug mich weg (vgl. Ez 8,3) auf einen großen Berg Tabor (vgl. Mt 4,8).

In der volkskirchlichen Form der Trinität als Vater-Gott, Mutter-Maria und Sohn-Jesus ist eine Rückkehr zur kanaanitischen Vorstellung gegeben mit dem Hauptgott El, seiner Gattin Anat und derem Bruder (-Gatten-Sohn) Baal. Die kanaanitische Göttertrias findet sich noch nach dem 6. Jh.v.Chr. im Judentum. In dieser Zeit besiedelten israelitische Kolonisten das ägyptische Elefantine. Sie verehrten die Göttertrias Jahu (Jahwe), Anat-Bethel, die kanaanitische Liebes- und Kriegsgöttin, und ihren Sohn Aschim-Bethel. „Dennoch bestand eine kultische Abhängigkeit von Jerusalem“ (Reclams Bibellexikon). Was natürlich die Frage aufwirft, wie alt der strenge jüdische Monotheismus, der ausschließlich den Vatergott kennt, wirklich ist!

Auch im Koran gibt es Hinweise auf eine „familiäre Dreieinigkeit“, denn Mohammed glaubte anscheinend, die christliche Dreieinigkeit würde sich aus Gott, Maria und Jesus zusammensetzen. Diese Vorstellung Mohammeds entspricht

zweifellos der Ansicht einiger schlecht unterrichteter Christen, die darauf beruhte, daß das Wort für „Geist“ in einigen Sprachen des Nahen Ostens ein Femininum ist. (Watt/Wech: Der Islam, Bd. 1, Stuttgart 1980, S. 127)

Viel eher wird sich Mohammed jedoch ganz spezifisch auf die christliche Sekte der „Kollyridianerinnen“ bezogen haben. Der letzte direkte Hinweis auf diese somit noch im siebten Jahrhundert bestehende Mariensekte könnte tatsächlich die Sure 5,116f darstellen, in der Allah seinen Propheten Jesus fragt, ob dieser gesagt habe: „Nehmt euch außer Gott mich und meine Mutter zu Göttern!“ Entsprechend direkte Hinweise auf Marianiten aus christlichen Quellen fallen in die erste Hälfte des sechsten Jahrhunderts. Später wurde in kirchlichen Annalen behauptet, schon auf dem Konzil in Nicäa (325) hätte es Bischöfe gegeben, „die behaupteten, Christus und seine Mutter seien zwei Götter neben Gott: das waren Barbaren, und man nannte sie Marianiten“ (z.n. F.J. Dölger: Antike und Christentum, Bd. 1 (1929), 1974, S. 116).

Bereits im Alten Testament taucht diese weibliche Opposition gegen den rein männlichen Vatergott auf. Am prägnantesten ist hier die Stelle Jer 44,16-19, wo die Verehrerinnen der Himmelskönigin zu Worte kommen. Als diese noch allgemein verehrt wurde, hätten sie nicht unter Mangel gelitten und es hätte Brot genug gegeben, da man der Himmelskönigin Brot und Trankspenden dargebracht habe. Dölger zufolge waren auch sonst Brot- und Kuchenopfer für die Verehrung des Großen Göttin in der Antike gang und gäbe. So versöhnte man z.B. die römische Weisheitsgöttin Minerva durch Brotbereitung und Brotopfer. Auch in den griechischen Kulten der Artemis, Hekate, Selene, Demeter und Persephone wurden Kuchenopfer dargebracht (ebd., S. 107).

In Juda zur Zeit Jeremias, der von 627 bis 587 v.Chr. wirkte, „kneteten die Frauen Teig und backten Kuchen als Opfer für die Himmelskönigin“ (Jer 7,18). Zu Jeremia sagten sie:

Unsere Männer sind ganz damit einverstanden, daß wir der Himmelskönigin Räucheropfer und Trankopfer darbringen und ihr die Opferkuchen backen, die nach ihrem Bild geformt sind. (Jer 44,19)

Ende des 4. Jh.n.Chr. ist belegt, daß die Kollyridianerinnen genau dasselbe Brotopfer (kollyris) zu Ehren Marias ausführten! (Übrigens bedeutet „Bethlehem“ übersetzt „Haus des Brotes“.) Sie setzten, wie 367 der zypriotische Bischof Epiphanius schrieb, Maria „an Stelle Gottes“.

Diese Frauen erneuern wieder der Glücksgöttin den Mischtrank und bereitem dem Dämon, nicht aber Gott den (Altar-) Tisch (…). Nicht sollen sie sagen: Wir verehren die Himmelskönigin. (z.n. Dölger, S. 108f)

Des weiteren schreibt Dölger:

Die Kollyrianerinnen werden von Arabien her gemeldet. In Arabien aber wurde von alten Zeiten her die Urania, die Himmelskönigin verehrt. Es wäre daher sehr wohl möglich, daß die genannten Marienverehrer gerade in Arabien sich einem bodenständigen alten heidnischen Brauch anbequemt hätten. Das war aber der gleiche Kult, der sogar in dem benachbarten Palästina bei Juden Eingang gefunden hat.

Wie man aus der betreffenden Stelle bei Jeremia ersehen könne (ebd., S. 135).

Wie verzweifelt noch die triumphierenden Christen gegen diese altertümlichen Vorstellungen ankämpfen mußten, zeigt Epiphanius:

Dieser (Christus) hat wie ein Bildner und Herr des Geschehens sich aus der Jungfrau wie von der Erde gebildet, indem er als Gott vom Himmel herab kam und als Logos aus der heiligen Jungfrau Fleisch annahm; sicherlich aber nicht, damit die Jungfrau angebetet würde, nicht damit er sie zu Gott mache, nicht damit wir auf ihren Namen opfern, nicht damit er Weiber nach so vielen Generationen zu Priesterinnen mache.

So „hurte“ das Volk über die Jahrhunderte weiter und bekannte sich zu alten matriarchalen Religionsformen. In dem betreffenden Bekenntnis Jer 44,17f ist auch von den Königen die Rede. Die Fruchtbarkeitskulte waren so verbreitet, daß die Könige aus staatspolitischen Gründen diese Kulte tolerierten, wenn sie nicht selbst, wie noch Saul, an ihnen teilhatten. Deshalb kommen die Könige in der Bibel fast durchweg schlecht weg. Asa von Juda (908-868) war einer der wenigen Könige, der von der Bibel nicht kritisiert wird. Er beseitigte die matriarchale Opposition und ging dabei soweit, ein ungeheuerliches Sakrileg zu begehen, nämlich seine Großmutter, die Königsmutter Maacha, abzusetzen, „weil sie ein verabscheuungswürdiges Götzenbild der Göttin Aschera aufgestellt hatte“ (1 Kön 15,13). So emanzipierten sich die Könige gegenüber den Königsmüttern langsam mit Hilfe eines patriarchalen Kults: „Steig von deinem Thron herunter (…) du feine Dame.“ (Jes 47,1)

Orgonkitsch

11. Februar 2013

Wenn ich so zurückblicke (und es überhaupt noch selbst überblicken kann!), stehe ich weitgehend zu allem, was ich hier und auf www.orgonomie.net verzapft habe. Es gibt nur zwei Bereiche, die wirklich eine Revision benötigten: der quasi „feministische“ Blick auf die menschliche Frühgeschichte frei nach Bachofen und die Reduzierung der Natur auf den „Äther“ und dessen Bewegung ebenfalls frei nach dem 19. Jahrhundert.

Man kann beide „Weltanschauungen“ mit jeder Menge an „Reich-Zitaten“ „untermauern“, aber wie ich jeweils anderswo (hier und hier) ausgeführt habe, entsprechen sie nicht dem Geist des Reichschen Oeuvres. Reich war weder ein „besserer Erich Fromm“, noch wollte er die Physik rehabilitieren, so wie sie vor Planck, Einstein und Heisenberg war. Reich war in erster Linie ein Naturforscher, der natürlich von den „weltanschaulichen Kämpfen“ seiner Zeit und durch den überkommenen Zeitgeist geprägt wurde, dessen eigentlicher Beitrag aber außerhalb dieses Rahmens zu verorten ist.

Reich hat den Panzer entdeckt. Was das wirklich ist, kann man nur erfahren, wenn in der Orgontherapie Kontakt mit dem Panzer hergestellt wird. Schließlich kann man die fremd gewordene Panzerung ablegen, wie man etwa stark behindernde Kleidung ablegt, um sich besser bewegen zu können. Diese Behinderung ist nicht angeboren, sondern geht auf unsere Erziehung zurück. Der Rest ist Spekulation. Es ist nur folgerichtig, daß die Menschheit in ihren Anfängen genauso ungepanzert war, wie der Mensch ungepanzert ist, wenn er zur Welt kommt. Es müßte aber im einzelnen erforscht werden, wie sich das abgespielt hat. Reich hat das am Beispiel der Trobriander, einer der dank Malinowski ethnologisch am besten erforschten Ethnien überhaupt (und das gilt bis heute!), versucht durchzuexerzieren. Daraus aber ein umspannendes System machen zu wollen („Engels, Morgan, Bachofen“, „Matriarchat → Patriarchat“) ist Weltanschauung, keine Wissenschaft.

Ähnlicher „Orgon-Kitsch“ ist die Sache mit der „Äther-Energie“, die fließt, gestaut werden kann, wabert und wabbelt und so alle physikalischen, ja überhaupt alle Phänomene erklären soll. Es ist nur allzu verständlich, daß jene, die diesem „orgonomischen“ Weltbild verfallen sind, schließlich wieder ausbrechen hin zum „Tao der Physik“ und anderem mystischen Quatsch. Denn das, was gerne als „Orgonomie“ verkauft wird, ist nichts anderes als eine Art dröger „Hydromechanik“, mit deren Hilfe man vieles vielleicht am bequemsten beschreiben kann, die aber die orgonotischen Funktionen in ihrer Gesamtheit nicht annähernd adäquat widergibt.

Es ist letztendlich eine Frage des Kontakts. Für den gepanzerten Menschen gibt es „Kontakt“ nur im Sinne eines mechanischen Kontakts, etwa wenn eine Billardkugel gegen die andere prallt und so einen Impuls überträgt. Im Sinne dieser „Nahwirkungstheorie“ stellt man sich dann auch das Funktionieren des Orgons vor. Tatsächlich bedeutet orgonotischer Kontakt jedoch primär, daß etwas als Ganzheit funktioniert. Nur so ist etwa das Phänomen „Bewußtsein“ überhaupt begreiflich.

Ein weiterer Bereich des Orgon-Kitsches, dem ich mich aber kaum schuldig gemacht habe, ist die Biographie Reichs. Insbesondere geht es um Reich als „Antifaschisten“. Freud hätte sich von Reich getrennt, da dieser sich im Kampf gegen das aufkommende nationalsozialistische Regime zu sehr exponiert habe. Bernd Laska hat ausgeführt, daß Reichs politisches Engagement nur ein willkommener Anlaß für Freud war, Reich loszuwerden, ohne sich in eine inhaltliche Diskussion verwickeln lassen zu müssen. In Amerika sei der „Antifaschist“ Reich dann dem „McCarthy-Regime“ zum Opfer gefallen. Eine Räuberpistole, die jetzt beispielsweise in dem filmischen Machwerk Der Fall Wilhelm Reich fröhliche Urstände feiert. Reich wird auf diese Weise zu einem Herold der „liberalen Kultur“ gemacht. Erneut ein „besserer Erich Fromm“. Es ist ein elender Kitsch, der Reichs gesamtes Anliegen negiert.

Das irregeleitete Publikum wird erstaunt sein, daß, wenn es die Originalliteratur liest, Reich den Nationalsozialismus als Fortschritt betrachtet hat (das berühmte „Blutwallen), der jedoch im Rassenmystizismus versumpfte. Ähnlich war er, mal abgesehen von den Methoden, für den „McCarthyismus“, da er den „Progressismus“ der damaligen Zeit als Maske und Instrument des roten Faschismus einschätzte.

dreifünfkitsch

Leben nach dem Tod? (Teil 2)

8. Juli 2012

Daß, was Reich „DOR“ nannte, entspricht bei den Trobriandern dem „bwaulo“. Es bezeichnet, so Bronislaw Malinowski,

eine Art stofflicher Ausdünstung (…), die dem Körper des Toten entströmt und die Luft vergiftet. (…) dieser Ausdruck bezeichnet auch die Rauchwolke, die eine Siedlung besonders an dunstigen, stillen Tagen umgibt. Das todbringende bwaulo ist für gewöhnliche Augen unsichtbar, erscheint aber Hexen und Zauberern als eine schwarze, das Dorf umhüllende Wolke. (Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, Frankfurt 1983)

An anderer Stelle schreibt Malinowski:

Böse Hexen (mulukwausi) sollen einen exkrementähnlichen Geruch ausströmen, der sehr gefürchtet ist, besonders von Leuten auf hoher See – denn Hexen sind auf dem Wasser besonders gefährlich. Ganz im allgemeinen gilt der Geruch von Kot und verwesendem Zeug als gesundheitsschädlich. Nach dem Glauben der Eingeborenen entströmt dem Körper eines Toten ein besonderer Stoff, der zwar für das gewöhnliche Auge unsichtbar ist, aber von Zauberern wahrgenommen wird und ihnen etwa wie die Rauchwolke (bwaulo) über einem Dorf erscheint. (ebd.)

Der Hades der Griechen und die schattenhafte Totenwelt der altisraelitischen Religion sind solche DOR-Sphären. Sie sind m.E. das metaphysische Korrelat zur Trockenheit und Wüste, was sich im Christentum dann bis zur Gluthitze der Hölle steigerte. Im Alten Testament ist der Abgrund noch wertneutral der Aufenthaltsort der Toten, während im Neuen Testament daraus das Gefängnis des Teufels und der abtrünnigen Geister wird oder einfach die „Hölle“. Der Altphilologe Nietzsche sah im Hades die nochmalige Steigerung des Greisenalters, „auch mit der unwürdigen Gier nach Leben wie sie alte Leute haben“ (Studienausgabe, Bd. 9, S. 41). Aus dieser Ecke Europas kommt ja auch die Vorstellung von den „untoten“ Vampiren.

Im Vergleich fiel Malinowski bei den Trobriandern das vollständige Fehlen jeder Furcht vor Gespenstern auf. Danach kennen sie kaum

jene unheimlichen Empfindungen, mit denen wir der Vorstellung einer möglichen Rückkehr der Toten gegenüberstehen. Alle Ängste und aller Schrecken der Eingeborenen sind der schwarzen Magie, den fliegenden Hexen, boshaften und krankheitsbringenden Wesen, vor allem aber den Zauberern und Hexen vorbehalten. (Argonauten des westlichen Pazifik, Frankfurt 1984)

Hinter dem Spiritismus, der sich mit dem beschäftigt, was den Toten entströmt, verbirgt sich eine tiefsitzende Nekrophilie. Genauso wie der dröge Historiker das Leben in sich abtöten und den Tod nachahmen muß, um in das Reich der Toten eintreten zu können, muß erst recht auch der Spiritist sich abtöten, um in die andere Welt überzuwechseln. Man schaue sich nur die Spiritisten, Theosophen, Thanatologen und Leute an, die sich mit Geistererscheinungen beschäftigen: man bekommt das kalte Grausen. Nicht nur die Sache, auch die Menschen ekeln: sie haben stets etwas von Verwesung und „Mumie“ an sich. Erich Fromm hat dies in seiner Anatomie der menschlichen Destruktivität am Beispiel von C.G. Jung und anderen nekrophilen Spökenkiekern analysiert.

Heutzutage geriert sich diese Nekrophilie sogar als Aufklärung gegen unsere irrationale Verdrängung des Todes, wogegen man mit Nietzsche ausrufen möchte:

Es macht mich glücklich, zu sehen, daß die Menschen den Gedanken an den Tod durchaus nicht denken wollen! Ich möchte gern Etwas dazu tun, ihnen den Gedanken an das Leben noch hundertmal denkenswerter zu machen. (Fröhliche Wissenschaft, A 278)

Leben ist die Apotheose der kosmischen Orgonenergie und die Religionen des bewußten Lebens sollten nichts anderes als die Apotheose des Lebens sein. Religion hat die Funktion, Stimulanz des Lebens zu sein, die wie das Pinup Girl im Spind des Soldaten hilft, „den Traum vom Leben aufrechtzuerhalten“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 302). Reich hat zugegeben, geirrt zu haben, als er die Religion für das menschliche Elend verantwortlich machte. „Ich wußte nicht, daß der religiöse Irrtum ein Symptom und nicht die Ursache der menschlichen Biopathie ist“ (Äther, Gott und Teufel, S. 48). Und, wie dargelegt, sind wir zu Illusion, „Idealismus“ und Lüge verdammt und werden deshalb niemals in der Lage sein, vollkommen frei von Religion zu leben. Wobei natürlich nicht vergessen werden darf, daß im Glauben selbst die Seligkeit liegt, während sein Objekt an sich gleichgültig ist.

Religion entdeckt keine Realität, wie sie von sich selber behauptet, sondern sie produziert Realität. Es ist eine Fortführung der schöpferischen Funktion der kosmischen Orgonenergie. Der Glaube, z.B. an ein „Leben nach dem Tod“, ist möglicherweise in der Lage, ein entsprechendes „Feld“ (oder so) zu simulieren, das einer gewissen funktionellen Realität entspricht, die sogar meßbare Daten hervorrufen kann, z.B. auf Videobändern dokumentierte „Erscheinungen“ und Tonbandstimmen „aus dem Reich der Toten“.

Michael Shallis berichtet über ein parapsychologisches Experiment, bei dem ein Geist, dem man den Namen „Phillip“ gab, erschaffen wurde. Die Teilnehmer des Experiments erdachten zunächst seine Geschichte und seine Persönlichkeit und versuchten dann, diese rein fiktive Wesenheit in Séancen heraufzubeschwören. Nach einem Jahr erhielten sie die ersten Botschaften von Phillip und er war schließlich in der Lage, seine Anwesenheit auch durch physikalische Effekte zu zeigen. Shallis schreibt dazu, daß dies Experiment die Möglichkeit verdeutliche, jenseits bloßer Imagination, wenn auch aus Imagination, eine „höhere“ Wesenheit zu erschaffen. Einerseits könne man nun schlußfolgern, daß bei Séancen nur Gedanken und Gefühle externalisiert werden, also keine äußere Realität offenbar wird, andererseits könne der Fall Phillip aber auch der Idee Glaubwürdigkeit verleihen, daß man etwas durch bloße Willenskraft materialisieren kann (Elektroschock, Frankfurt 1992, S. 247). Und wenn eine Milliarde Menschen an den lebendigen Christus Jesus glaubt, erzeugt dieses Kraftfeld sicherlich eine entsprechende Realität, die sich vielleicht sogar autonom machen kann. Jesus lebt! Aber wenn sie an Donald Duck glauben würden, könnte auch Donald Duck leben!

So verfehlt die Frage, ob die Glaubensobjekte „wirklich“ existieren, vollkommen den Punkt. Und, was das betrifft, ist der „wissenschaftliche“ Atheismus, der vorgibt, über das absolute Wissen zu verfügen, zumindest so lächerlich wie der religiöse Glaube. Ein schönes Beispiel sind die professionellen „Skeptiker“, wenn sie ihre Heiligen Schriften hervorkramen. Wissenschaftliche „Wahrheit“ oder vielmehr „Wahrheitskrämerei“ ist nicht alles und ich will religiöse Konzepte nicht einfach rationalistisch wegerklären – denn man kann schlechtweg alles wegerklären. Auf der anderen Seite ist es jedoch absurd, die Religiösen allzu ernst zu nehmen, und vollkommen sinnlos mit diesen „Wirklichkeitskrämern“ zu diskutieren, da ihr Funktionsbereich (verglichen mit dem Bereich der Wissenschaft) so weit vom Gemeinsamen Funktionsprinzip (CFP) der Natur entfernt und auf diese Weise so vielgestaltig in seinen zahllosen Ausdrücken ist (all die Religionen und Weltanschauungen, während es nur eine Wissenschaft gibt), daß es uns nur noch weiter vom wirklichen Kontakt mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean wegführt – d.h. von Gott.

Das abgrundtief Böse an diesen „Wirklichkeitskrämern“ ist, daß sie für ihre krankhafte Ersatzbefriedigung Himmel und Hölle mobilisieren und so bereits unendliches Leid über die Welt gebracht haben. Prinzipiell sind sie Sozialschädlinge wie Heroinabhängige – nur daß ihre Beschaffungskriminalität diffiziler ist. Anstatt unser Leben zu bereichern, verwandeln die von ihnen propagierten höheren und oberflächlicheren Wirklichkeitsebenen das lebendige Leben in eine Hölle, indem sie wie bei Süchten ein parasitäres Eigenleben entwickeln und sich anmaßen in die tiefere Ebene des lebendigen Lebens einzugreifen. Der Geist wird zum Vampir, der vom Lebendigen lebt. Dergestalt nimmt der Mystizismus Rache am Leben. Ketzer wie Giordano Bruno werden verbrannt, die Seelen von Kindern mit lächerlichen Horrorgeschichten zerstört oder ihre Gefühle mit Ritualen und Meditation abgetötet.

So ist Religion zumeist alles andere als Apotheose des Lebens, sondern ganz im Gegenteil eine schwarze DOR-Wolke, die über dem Lebenden hängt. Insbesondere das Christentum ist mit einem dezenten Leichengeruch durchsättigt. Hinzu kommt diese pestilente Gehässigkeit, die z.B. auch den Buddhismus auszeichnet: „Der Zufall ist um seine Unschuld gebracht; das Unglück mit dem Begriff ‚Sünde‘ beschmutzt“ (Nietzsche Der Antichrist, A 25). Man kann sich einfach nichts Widerwärtigeres, Gemeineres vorstellen als diesen Schandfleck der Menschheitsgeschichte.