Posts Tagged ‘Libido’

Leserbrief an Paul Ritters Zeitschrift ORGONOMIC FUNCTIONALISM (1959)

13. Juni 2018

von Paul Mathews*

Sehr geehrter Herr Ritter,

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um einige Kritikpunkte vorzubringen. In früheren Nummern [von Orgonomic Functionalism] haben Sie dazu eingeladen.

Erlauben Sie mir zunächst Ihre Hartnäckigkeit und Ihre Bemühungen zu würdigen, über die Jahre eine Zeitschrift herauszugeben, die zumindest zur Verbreitung von Informationen über Wilhelm Reich und die orgonomische Bewegung beigetragen, aber auch anregende und kreative Ideen eingebracht hat, die einer orgonomischen Ausrichtung entstammen. Dies ist heute um so wichtiger, wo die gesamte orgonomische Forschungs- und Veröffentlichungsarbeit eingestellt wurde – hoffentlich nur vorübergehend.

Auf der negativen Seite betrifft meine Kritik Bereiche, in denen ich glaube, daß Sie zu eifrig waren und zu weit gegangen sind. Ich glaube nicht, daß Sie oder irgendeiner Ihrer „Auszubildenden“ Orgontherapie praktizieren oder Berichte über Ihre Behandlungen im Orgonomic Functionalism veröffentlichen sollten. Die Gründe sind einfach: Im Gegensatz zur Praxis der heutigen Psychoanalyse, die sich für eine „laien-analytische Therapie“ anbietet, ist die Orgontherapie eine streng medizinische Disziplin. Reich selbst legte Richtlinien für die Anforderungen an einen Orgontherapeuten fest. Alle Therapeuten müssen Ärzte sein (d.h. M.D. [Dr. med.] oder das Äquivalent – vgl. „The Founding of the American Association for Medical Orgonomy“, S. 77f – OEB, Vol. 1, No. 2, April 1949), mit einer Ausbildung in klassischer Psychiatrie und einer Phase der orgonomischen Umstrukturierung bei einem qualifizierten ärztlichen Trainingstherapeuten. Die verschiedenen Prozesse in der Orgontherapie sind zwar funktioneller Natur und variieren mit dem Individuum, sie sind jedoch auf einen systematischen Ansatz ausgerichtet, bei dem der Therapeut weiß, was vor sich geht, warum es geschieht und wohin es geht. Tiefe und Kraft der Orgontherapie ist so groß, daß die Gefahr möglicher physiologischer Reaktionen und ihrer funktionell identischen psychischen Komponenten hoch ist, außer in den Händen derer, die die strengsten Anforderungen erfüllt und eine entsprechende medizinische Ausbildung erfahren haben. In dieser Hinsicht wurden von Zeit zu Zeit Warnungen in den verschiedenen orgonomischen Zeitschriften herausgegeben.

Abgesehen von pragmatischen medizinischen Überlegungen gibt es das soziale (und rechtliche) Problem, die bereits bestehenden Lügen und Verdrehungen hinsichtlich der „pseudowissenschaftlichen“ Natur der Orgonomie und der Etikettierung ihrer legitimen Praktizierenden als „Quacksalber“ weitere Nahrung zu geben. Die Emotionelle Pest sucht immer nach Wegen, die orgonomische Arbeit weiter zu diffamieren, zu stören und zu zerstören bzw. das, was davon übriggeblieben ist. Sie erinnern sich vielleicht an einen Brief, den Dr. Baker einmal an das American College of Physicians (OEB, Vol. 2, No. 1, Januar 1950, S. 45) senden mußte, aus dem ich teilweise zitiere:

Ich wünschte, Sie würden dem College erklären, daß ich keinem Kult angehöre. Die American Association for Medical Orgonomy setzt sich aus Mitgliedern zusammen, die Ärzte einer medizinischen Fakultät der Klasse A mit einem Jahr Berufspraktikum sind, mindestens einem Jahr Psychiatrie, einer kompletten Umstrukturierung durch eine persönliche Orgontherapie und drei Jahren Orgon-Biophysik-Ausbildung in Klinik, Seminar und Labor.

Man kann die Versuchung verstehen, therapeutisches Wissen in einem Land anzuwenden, in dem es keinen Zugang zu qualifizierten Orgontherapeuten gibt. Es ist jedoch sehr zweifelhaft, daß dies den beteiligten Patienten und dem Fach im Allgemeinen gerecht wird. Wäre es nicht besser diese Munition dem Feind vorzuenthalten und zu warten, bis qualifizierte Hilfe verfügbar wird (was unter letzterer Bedingung wahrscheinlicher ist)? Andernfalls gehen Sie möglicherweise ungerechtfertigte ernste Risiken ein, die andere Menschen betreffen. Es gibt natürlich keinen ernsthaften Einwand gegen eine Form von Counseling , Beratung oder Oberflächenanalyse einer verbalen Natur, die orgonomisch orientiert ist.

Nur noch eine Sache. Ihre Bezugnahme auf Alexander Lowens Buch PHYSICAL DYNAMICS OF CHARACTER STRUCTURE [1958, deutsche Übersetzung: Körperausdruck und Persönlichkeit, München 1981] als für die Orgonomie wichtig, ist meines Erachtens ungerechtfertigt. Dr. Lowen identifiziert sich nicht mit der Orgonomie und hat sich Techniken angeeignet, mit denen Reich und andere Orgonomen nicht übereinstimmen. Lowen verwendet nicht den Begriff „Orgon“, obwohl es offensichtlich ist, was er mit dem Ausdruck „Bioenergie“ meint. Meine eigene Lektüre des Buches zeigt keinen signifikanten Beitrag zum orgonomischen Wissen und weist in einigen Fällen auf eine Regression zu einigen der früheren vegetotherapeutischen Techniken hin. Am bedeutsamsten scheint mir jedoch der Versuch Lowens zu sein, mit den Psychoanalytikern irgendwie einen Vergleich zu finden und (wo Reich es nicht vermochte und zwar mit viel größerer Erfahrung, Wissen und Genialität als er) ihnen zu beweisen und sie zu überzeugen, daß die Lücke zwischen Freuds früheren Libido-Konzepten der Psychoanalyse (die die meisten von ihnen heute nicht akzeptieren) und den Energiekonzepten Reichs nicht existent ist. Ich wünsche ihm dabei viel Glück – er wird’s brauchen.

Mit freundlichen Grüßen,

Paul Mathews

* Aus der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 6 (1959), Nos. 2&3, S. 83f.

Advertisements

Der genitale Charakter und die genitale Welt

13. April 2018

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

acologo

Peter liest Peter Gays Freud-Biographie

13. Februar 2018

Freud warf Jung vor, die Libido zu einer „universalen Energie“ zu verwässern. Adler habe die Libido durch eine „universale aggressive Kraft“ („Wille zur Macht“) ersetzt. Freud beharrte auf seinem explizit dualistischen Ansatz, da die „psychologische Aktivität im wesentlichen von Konflikten geprägt sei“ (Peter Gay: Freud, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 447). „Seine Schriften sind voll von Gegenüberstellungen wie aktiv und passiv, männlich und weiblich, Liebe und Hunger und (…) Leben und Tod“ (S. 447).

Gay erwähnt Stefan Zweig: „Zweig mit seiner Begabung für die Übertreibung und die auffälligen Antithesen hat eine Strähne, eine sehr bunte Strähne, aus einem wirren Gewebe von Druck und Gegendruck herausgegriffen“ (S. 574). Das ist genau jene Fruchtbarmachung von Antithesen, die Reich in der Charakteranalyse vorexerzierte, zu der Freud aber weitgehend unfähig war.

Am nächsten kommt Freud dem „Universalen“ vielleicht mit seinem Konzept des Es, das er bei Groddeck entlehnt hatte. Groddeck über Das Ich und das Es: „Dabei hat (Freuds) Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt in das Organische nur heimlich, mit Hilfe eines von Stekel und Spielrein genommenen Todes- oder Destruktionstriebes. Das Aufbauende meines Es läßt er beiseite, vermutlich um es das nächstemal einzuschmuggeln“ (z.n. Gay, S. 461). Freuds „Es“ bringt, so Freud am Ende von Das Ich und das Es „keinen einheitlichen Willen zustande“, weil in ihm Eros und Todestrieb miteinander ringen (S. 462).

Das „Aufbauende“, dessen Fehlen Groddeck monierte, kam beispielsweise in den Schlußworten zu Das Unbehagen in der Kultur zum tragen. Freud: „Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ‚himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten“ (z.n. Gay, S. 621).

Freud bezeichnete die Analytiker, sich selbst eingeschlossen, „als „im Grunde unverbesserliche Mechanisten und Materialisten“ (S. 498), doch immer wieder scheint das imgrunde mystische Grundwesen der Psychoanalyse durch. Von wegen „himmlische Mächte“!

Freud sprach stets von „die Wissenschaft“, doch was meinte er damit eigentlich konkret? Er, der sich spätestens seit 1900 kaum noch mit der Wissenschaft beschäftigte und vollkommen in einer „Psychologie“ aufging, die sich in Deutungen erschöpfte („Tiefenpsychologie“). Man denke nur an seinen Lamarckismus, der bei ihm einen dezidiert mystischen Charakter annahm („Geist über Materie“). Dazu Gays folgende Anmerkung:

Während des Krieges spielte er, wie er Abraham schrieb, mit der Möglichkeit, Lamarck für die Sache der Psychoanalyse zu rekrutieren, indem er zeigt, daß Lamarcks Idee des „Bedürfnisses“ nichts anderes ist als „die Macht der Vorstellung über den eigenen Körper. Wovon wir Reste bei der Hysterie sehen, kurz die ‚Allmacht der Gedanken‘“. (S. 414)

Andererseits: in seinem Dialog mit Romain Rolland, wo dieser von „ozeanischen Gefühlen“ sprach, die Grundlage des religiösen Empfindens seien, konnte Freud nur konstatieren, daß er dieses Gefühl nicht kenne (S. 612).

Die Psychoanalyse sei, so Gay über Freud, „die Kunst und Wissenschaft des geduldigen Zuhörens“ (S. 293). Immerhin hier konnte Reich Freud folgen: die Natur nicht im Kantschen Sinne „foltern“, sondern sie sprechen lassen.

Und was schließlich den orgonomischen Funktionalismus betrifft: In Gays Worten ist es „ein Gemeinplatz der psychoanalytischen Lehre, daß die dramatischten Unterschiede, wie weit auseinanderstehende Äste aus demselben Stamme entspringen können“ (S. 632). Beispielsweise schrieb Freud über die Gefühlskonflikte des „Rattenmanns“, sie seien „nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt“ (S. 302).

Anmerkung zu Teil 6 von DER ORGONENERGIE-AKKUMULATOR (nachrichtenbrief97)

15. Dezember 2017

Auf S. 13 von The Orgone Energy Accumulator (The Wilhelm Reich Foundation, 1951) schreibt Reich:

Wärme selbst ist ein subjektives Gefühl, keine Energie oder eine objektive Tatsache. Objektiv ist nur die Ausdehnung von Quecksilber in einem Thermometer.

Was für eine merkwürdige Aussage! Aber bei näherer Betrachtung ist Reichs Feststellung gar nicht so daneben, denn Wärme (im Original „heat“) wird zwar definiert als Energie – aber Energie, die von einem wärmeren zu einem kühleren Gegenstand fließt. Oder wie Wikipedia es ausdrückt:

Wärme ist in der Physik die Energie, die zwischen zwei thermodynamischen Systemen lediglich aufgrund eines Temperaturunterschieds übertragen wird. (…) Wärme fließt stets vom Ort höherer Temperatur zum Ort tieferer Temperatur. Der Wärmetransport kann durch Wärmeleitung, Wärmestrahlung oder ein strömendes Medium (Konvektion) erfolgen.

Wir befinden uns in der Welt der Auseinandersetzungen zwischen Reich und Einstein über die Thermodynamik des Orgonenergie-Akkumulators. Oder mit anderen Worten: wer von Reich verlangt, unkritisch die Begrifflichkeit der gängigen Physik zu übernehmen, der führt von Anfang an die Orgonphysik ad absurdum. Buchstäblich: wenn man unhinterfragt den Begriff „Wärme“ im üblichen Sinne gebraucht, hat man bereits „Nein“ zum Orgon gesagt!

Genauso sieht das, nach dem Thermometer, mit dem zweiten „Orgonometer“ aus, dem Elektroskop. Reich schrieb 1942 in seiner Autobiographie darüber, daß wir nichts über das Wesen der Elektrizität wissen können. Wie konnte Reich so einen Unsinn schreiben, wo doch jeder von den Atomen, Ionen und Elektronen weiß? Wer sich auf diese Begrifflichkeit der Elektrophysik einläßt, läßt von Anfang an keinen Platz für das Orgon!

Reich hatte Freuds Libidotheorie so interpretiert, daß

der Trieb selbst nicht bewußt sein kann, denn er ist dasjenige, was uns regiert und beherrscht. Wir sind sein Objekt. Denken wir an die Elektrizität. Wir wissen nicht, was und wie sie ist. Wir erkennen sie nur an ihren Äußerungen, am Licht und am elektrischen Schlag. Die elektrische Welle kann man wohl messen, doch auch sie ist nur eine Eigenschaft dessen, was wir Elektrizität nennen und eigentlich nicht kennen. So wie die Elektrizität meßbar wird durch ihre Energieäußerungen, so sind die Triebe nur durch Affektäußerungen erkennbar. Die „Libido“ Freuds (…) ist nicht dasselbe wie die „Libido“ der vorfreudschen Forschung. Diese meint das bewußte Sexualverlangen, das man spürt. Freuds „Libido“, ist und kann nichts anderes sein als die Energie des Sexualtriebes. Sie könnte vielleicht einmal zu messen sein. Ich gebrauchte das Gleichnis der Elektrizität und ihrer Energie völlig unbewußt, ohne zu ahnen, daß ich sechzehn Jahre später das Glück haben würde, die Identität von bioelektrischer und sexueller Energie nachzuweisen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 33)

nachrichtenbrief86

7. November 2017

nachrichtenbrief79

20. Oktober 2017

Der Rote Faden: Otto Fenichel und seine „Rundbriefe“

18. Oktober 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Agenten des Roten Terrors

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

d. Der Kalte Krieger Nr. 1

e. Der Warmduscher

3. Mentalhygiene

a. Sexpol

b. Die sexuelle Revolution in der Sowjetunion

c. Psychoanalyse und Kommunismus

d. Otto Fenichel und seine „Rundbriefe“

 

 

nachrichtenbrief78

17. Oktober 2017

Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 2)

12. Oktober 2017

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Paul Mathews: Der genitale Charakter und die genitale Welt

acologo

Der Rote Faden: Psychoanalyse und Kommunismus

8. Oktober 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Agenten des Roten Terrors

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

d. Der Kalte Krieger Nr. 1

e. Der Warmduscher

3. Mentalhygiene

a. Sexpol

b. Die sexuelle Revolution in der Sowjetunion

c. Psychoanalyse und Kommunismus