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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

nachrichtenbrief5

1. April 2017

Svoboda et al.: Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? (2009) & Der Fall Wilhelm Reich (2012) (Filme)

24. Januar 2017

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Svoboda et al.: Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? (2009) & Der Fall Wilhelm Reich (2012) (Filme)

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 1)

17. Juni 2016

Walter Löwenheim alias Miles war Gründer der Widerstandsgruppe Neu Beginnen. Jahrgang 1896 war Löwenheim nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in der „Freien Sozialistischen Jugend“ tätig, danach in der KPD. Er war Schüler des legendären Kommunisten Paul Levi. Aufgrund von Stalins desaströser linksextremer und sektiererischer Politik verließ er die KPD, schloß sich jedoch nicht, wie es Levi bereits 1922 getan hatte, der SPD an (Kurt Klotzbach [Hrsg]: Drei Schriften aus dem Exil, Berlin 1974 und Hartmut Soell: Fritz Erler, Berlin 1976).

1928/29 kam Löwenheim zu dem Schluß, daß Stalins Planwirtschaft, die die „Neue Wirtschaftspolitik“ Lenins ersetzte, eine Katastrophe für die gesamte sozialistische Bewegung darstellte. Eine Erneuerung der Arbeiterbewegung betrachtete er nur als möglich durch Überwindung einerseits des linksextremistischen Sektierertums der Kommunisten und andererseits der reformistischen Politik der Sozialdemokraten. Diese Erneuerung sollte von einer konspirativen Gruppe von Berufsrevolutionären ausgehen.

Löwenheim sammelte eine kleine Gruppe von jungen KPD-Mitgliedern, Leuten der KPD(O), d.h. Kommunisten vom rechten Flügel, und revolutionären SPD-Mitgliedern vom linken Flügel um sich. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise formte diese Gruppe „die Organisation“ (kurz „Org.“).

Hinter der Org. (auch als „Leninistische Organisation“ oder „O“ bekannt) stand die Theorie, daß

  1. es nichts bringt eine sektiererische Splitterpartei nach der anderen zu gründen;
  2. die quasi-revolutionäre faschistische Bewegung der Hauptfeind ist, nicht die „Sozialfaschisten“ und nicht einmal die Großindustrie; und
  3. die alten Methoden der illegalen Arbeit wertlos sind, stattdessen müssen längerfristige Strategien ausgearbeitet werden.

Die organisatorische Struktur der Org. gestaltete Löwenheim nach Lenins Konzept einer Kaderpartei. Das bedeutete strikter Zentralismus, das Zentrum hat die Autorität Direktiven auszugeben und die Arbeit erfolgt nach den Gesetzen der Konspiration. Löwenheim war „der deutsche Lenin“.

Die Org. weigerte sich, einen Namen anzunehmen, der ihr den Charakter einer Partei verliehen hätte. Sie betrachtete sich als den „subjektiven Faktor“ innerhalb der Arbeiterbewegung, als eine bewußt handelnde Minderheit, die in den vorhandenen Parteien arbeitet, um den Graben innerhalb der Arbeiterbewegung zu schließen. Deshalb war die Existenz der Org. streng geheimzuhalten. Lokale Zentren waren Berlin und Frankfurt.

1931 füllten zwei Gruppen die Ränge der Org.: zunächst die „Kommunistische Studentenfraktion“ („Kostrufa“) in Deutschland (mit der Österreichischen Kostrufa haben wir uns bereits befaßt), die 1929 aus der KPD ausgeschlossen worden war (Leute wie Richard Löwenthal [alias Paul Sering] und Stefan Eliasberg), und zweitens der Berliner Regionalvorstand der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). (Das waren so ziemlich jene Gruppen, deren Wiener Entsprechungen sich für die Ideen Reichs begeistern konnten: potentiell Reichsches Klientel.)

Anfang 1933 hatte die Org. vielleicht 100 Kader, während etwa 200 Personen der Peripherie der Org. zugeordnet werden konnten. Die einzige Organisation, die bis dahin von der Org. erfolgreich „erobert“ worden war, war die SAJ. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahen, mußte die Org. einsehen, daß ihr langfristig angelegter Plan die beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD zu unterwandern und schließlich zu übernehmen, zunächst ad acta gelegt werden mußte. Die Org. ging in den Untergrund und versuchte eine eigene unabhängige Identität in der internationalen Öffentlichkeit anzunehmen. Beispielsweise warb sie um Anerkennung bei der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (der Nachfolgerin der Zweiten Internationale). In Prag wurde ein Auslandsbüro eingerichtet, das seit Mai 1933 von Dr. Karl Frank geleitet wurde.

Im Frühsommer 1933 schrieb Löwenheim das Programm der Org., die bald „Neu Beginnen“ genannt wurde, als Löwenheims Broschüre September 1933 unter dem Titel Neu Beginnen von der SPD in Prag veröffentlicht wurde (Miles: Neu beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands, Karlsbad 1933. In: Probleme des Sozialismus, Sozialdemokratische Schriftenreihe, Heft 2). Die Schrift wurde viel beachtet.

Im Unterschied zu allen anderen sozialdemokratischen und kommunistischen Theorien der Zeit betrachtete Löwenheim den Faschismus nicht als ein instabiles Phänomen, das schnell verschwinden würde. Stattdessen war für ihn der Faschismus eine politische Revolution, die aus tiefreichenden sozialen Ursachen und Kräften hervorgegangen sei. Der faschistische Staat sei ein durchorganisiertes System, so daß der antifaschistische Kampf ein langfristiges Projekt sein müsse. Da der Faschismus ein monolithischer Block sei und jede Möglichkeit dagegenzuhalten verunmögliche (keine freie Presse, keine Gewerkschaften, etc.), wäre mit der Verschärfung der ökonomischen Krise die gesamte Zivilisation gefährdet, weil in der ökonomischen Krise die Massen ihren bourgeoisen Führern folgten!

Diese Analyse war einzigartig, wenn man von Reichs Faschismus-Theorie absieht, die der von Löwenheim, jedenfalls oberflächlich betrachtet, ziemlich ähnlich ist. Soell deutet übrigens an, direkt sagen tut er es nicht, daß der Name „Neu Beginnen“ tatsächlich von Reich inspiriert sein könnte. Siehe Charakteranalyse (KiWi, S. 267), wo Reich über den intensiven Wunsch des Zwangscharakters spricht, das Leben „neu zu beginnen“.

Die Ereignisse in Deutschland seien, so Löwenheim weiter, unvermeidlich, wenn man sie aus machtpolitischer Warte aus betrachte. Sie seien das Ergebnis der universellen Tendenz zu einem zentralistischen Parteistaat. Löwenheim vergleicht die Sowjetunion sogar mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien: alle drei seien zentralisierte Parteistaaten. Solch ein Staat sei unvermeidlich, aber seine sozialistische Natur sollte sichergestellt werden.

Löwenheim lehnt den traditionellen Determinismus der sozialistischen Bewegung ab, d. h. daß der Sozialismus historisch unvermeidlich ist. Während die bürgerliche Revolution ein natürlicher sozialer Prozeß war, sei die proletarische Revolution nur eine historische Chance. Die proletarische Revolution müsse durch die historische schöpferische Kraft des fortgeschrittensten Teils der Gesellschaft bewußt geplant werden; durch den historisch bewußten Kopf der Arbeiterklasse (d. h. durch bürgerliche Intellektuelle wie Löwenheim!). Am Ende des langen Kampfes müsse der sozialistische Staat stehen mit der gesamten Staatsmacht in den Händen der Sozialistischen Partei.

Unmittelbares Ziel ist ein enges Zusammengehen aller sozialistischen Kräfte unter der Schirmherrschaft der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) und die Zerschlagung der Komintern, da die Komintern Illusionen über die spontane revolutionäre Kraft des Proletariats verbreite. Auch habe die Komintern den Graben, der die Arbeiterbewegung spaltet, verbreitert. Natürlich kritisiert Löwenheim auch die Sozialdemokraten. Weil diese nicht mehr auf eine Marxistische Revolution ausgerichtet seien, fordert er, daß seine eigene Organisation die Führung der sozialistischen Bewegung auf der Grundlage dieser Druckschrift übernimmt.

Löwenheim forderte die Einheitsfront mit allen antifaschistischen Kräften innerhalb der Bourgeoisie. Seit Ende 1933 unternahm Neu Beginnen Anläufe in diese Richtung mit der Bildung „gesellschaftlicher Arbeitsgemeinschaften“ (Gesag). Schon vor 1933 hatten einige Mitglieder der Org. Kontakte mit dem Management der Großindustrie geknüpft.

Die meisten emigrierten Führer der Arbeiterparteien reagierten negativ auf Löwenheims Forderungen. Die stärkste Reaktion kam von der KPD, da sie im Gefolge ihrer „Sozialfaschismus“-Kampagne insbesondere den linken Flügel der Sozialdemokratie bekämpfte. Entsprechend war für sie Neu Beginnen das Böse schlechthin. Für die SPD in Prag wies der alte Karl Kautsky offiziell fast alles zurück, was Löwenheim geschrieben hatte, insbesondere dessen Ablehnung des historischen Determinismus und dessen Plädoyer für eine zentralisierte Parteidiktatur. Kautsky bezeichnete dieses Konzept als „faschistisches Kuckucksei“ im sozialistischen Nest. 1934 wurde Miles‘ Pamphlet übersetzt und in England, Frankreich, und den USA veröffentlicht.

Im Sommer 1935 versuchte das Auslandsbüro von Neu Beginnen eine bessere Beziehung zur Exil-SPD herzustellen. Dies führte zum Beispiel zu einer Zusammenarbeit mit der von der Exil-SPD herausgegebenen Zeitschrift für Sozialismus. Möglich wurde das wegen der Revision von Hauptpunkten im Programm von Löwenheim, die den Anspruch auf die Führung und die zentralistische Parteidiktatur betrafen. Diese Annäherung fand ein Ende, als sich Neu Beginnen im März 1941 der „Vereinigung deutscher sozialistischer Organisationen“ in Großbritannien anschloß. Nach dem Krieg traten viele Mitglieder von Neu Beginnen der SPD bei.

In der Ende Juli 1934 erschienenen Broschüre Was ist Klassenbewußtsein? (S. 9f) schrieb Reich:

In der vor kurzem erschienenen Broschüre Neu beginnen wird sehr richtig die Forderung nach einer „revolutionären Partei“, nach einer im vollen Sinne des Wortes revolutionären Führung gestellt, das Vorhandensein von Klassenbewußtsein im Proletariat jedoch geleugnet:

„Die Grundlage aller ihrer (der II und III. Internationale) Einsichten und Handlungen bildet der Glaube an eine dem Proletariat innewohnende revolutionäre Spontaneität … Wie aber, wenn eine solche revolutionäre Spontaneität nur in den Köpfen der sozialistischen Parteien, aber nicht in der Wirklichkeit existierte? — Wenn das Proletariat von sich aus, also von natürlichen gesellschaftlichen Kräften, gar nicht zum ‚sozialistischen Endkampf‘ getrieben würde … Unfähig anders zu denken als in ihren Dogmen und Thesen, glauben sie mit geradezu religiöser Inbrunst an spontane Revolutionskräfte…“ (S. 6)

Der beispiellos heroische Kampf der österreichischen Arbeiter vom 12.— 16. Februar 1934 beweist, daß es sehr wohl revolutionäre Spontaneität ohne ein Bewußtsein vom „sozialistischen Endkampf“ geben kann. Revolutionäre Spontaneität und Bewußtsein vom „Endkampf“ sind zwei verschiedene Dinge.

Die Führung muß also, so lautet die Konsequenz, das revolutionäre Bewußtsein in die Masse tragen. Zweifellos muß sie das! Aber wie, fragen wir nun, wenn wir noch gar nicht genau Bescheid wüßten über das, was wir revolutionäres Bewußtsein nennen?

Man sieht, daß bei Löwenheim einige Elemente des Reichschen Denkens anklingen – und wie gleichzeitig dessen auf den Staat fixierte Vorstellungen und dessen Konzept einer Konspiration einer Kaderorganisation, die wie ein Nachrichtendienst organisiert ist, all dem zuwiderläufen, wofür Reichs sich damals zu entwickeln beginnendes Konzept der Arbeitsdemokratie steht. Es ist nicht übertrieben Löwenheim als „Roten Faschisten“ zu bezeichnen!

Und das ist mehr als bloße Theorie, denn Nachkriegsdeutschland wurde in entscheidenden Bereichen von der Ideologie und sogar den Kadern Neu Beginnens geprägt, wie bereits in Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3) erläutert. Heute, wo „Wissenschaft“, Medien und Politik flächendeckend vom linken Geist durchdrungen sind, leben wir mehr in einer „Neu-Beginnen-Welt“ als je zuvor. Es ist eine zutiefst totalitäre Welt, die instinktiv Reich-feindlich ist.

Reich war von sozialistischen Geheimorganisationen nach Art von Neu Beginnen geradezu eingekreist. Er selbst war nie Mitglied eines dieser Kulte, wenn man mal von der sektiererischen KPÖ absieht. Mit der genannten kurzzeitigen Ausnahme hat Reich nie einen Hehl aus seinen Ansichten gemacht, während er von Leuten umgeben war, die fast durchweg eine Maske aufgesetzt hatten und geheimen Agenden folgten. Den Grundunterschied zwischen der Orgonomie und der „Neu-Beginnen-Mimikry“ hat Theodore P. Wolfe in einem ganz anderen Zusammenhang beschrieben:

Auch hört man oft das Argument, daß Theorie und Praxis nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind; daß man die eine Art von theoretischem Konzept und eine andere Art von Praxis haben kann. Das ist ein gefährlicher Irrtum und Selbstbetrug. (Translator’s Preface to Second Edition, Character-Analysis, New York 1949, S. XIV)

Reich hätte niemals ein Mitglied dieser Politkulte sein können, aber seine damaligen Anhänger waren es, zumindest Sympathisanten. Betrachten wir Willy Brandt als Beispiel:

Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich das SAP-Mitglied Jacob Walcher in den USA auf, wo aus ihm ein Kommunist wurde. Nach Ende des Krieges ging er in die sowjetisch besetzte Zone und war dort Herausgeber einer Gewerkschaftszeitung. Einige Jahre später fiel er in Ungnade. Schon 1931 war Walcher als „Rechtsabweichler” aus der KPD ausgeschlossen worden. 1932 trat er der Führungsriege der SAP bei und leitete die Auslandsabteilung der Partei. Aber bereits aus seiner Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen, die sich in Opposition zu Moskau befanden („Kommunistische Opposition“), kannte Walcher die norwegische Gruppe „Mot Dag“.

Mot Dag war ein Unikum. Die ordensartige Organisation entstand kurz nach dem Ersten Weltkrieg als eine Gruppe von Studenten und jungen Akademikern, die Mitglied der Norwegischen Arbeiterpartei waren. 1923 verließ Mot Dag die Komintern zusammen mit der Mehrheit der Norwegischen Arbeiterpartei. Zwei Jahre später wurde Mot Dag jedoch von der Norwegischen Arbeiterpartei ausgeschlossen und schloß sich für einige Zeit der KP an. Im Sommer 1933, also gleich nach seiner Ankunft in Norwegen, brachte Walcher Brandt mit Erling Falk in Kontakt, dem Leiter von Mot Dag (Willy Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Brandt war bei Mot Dag sehr aktiv und ab Juni 1934 gehörte er sogar dem Vorstand an, wurde u.a. Vorsitzender und Verkaufsleiter. Er hatte viele Funktionen in den Unterorganisationen von Mot Dag inne. Außerdem gehörte er der Redaktion der Zeitschrift Mot Dag an. Falk und sein innerer Zirkel hatte den Willen und die Fähigkeit Leute an sich zu binden. Brandt brauchte mehr als ein Jahr, um sich wieder zu befreien. Er hatte der Mot Dag mitzuteilen, was im Jugendverband der Norwegischen Arbeiterpartei vor sich ging. Dergestalt wurde er in etwas verstrickt, was ihm zuwider war, vor allem, weil sie aus allem ein so großes Geheimnis machten, auch wußte er nicht, was Sinn und Zweck des ganzen sein sollte (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Von allen Organisationen in Norwegen kam Mot Dag einer Kaderorganisation am nächsten. Die elitäre Gruppe war wie eine Sekte organisiert. Sie hatte in Oslo etwa 100 Mitglieder, einige Dutzend in Trondheim und einige andere in anderen Städten. Die Mitglieder waren Intellektuelle, die fast durchweg aus bürgerlichen Familien stammten. Es waren Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten, Gymnasiallehrer, wissenschaftliche Mitarbeiter, etc. Ursprünglich war Mot Dag eine reine Männergruppe, erst später traten ein paar Frauen bei. Einen nicht geringen Anteil ihres Einkommens hatten die Mitglieder abzutreten. Wer zusätzliches Geld benötigte, mußte einen entsprechenden Antrag stellen. Es war eine Selbstverständlichkeit sein Erbe zu überschreiben und Mitglieder mußten sich in fragwürdigen Wirtschaftsaktivitäten von Mot Dag engagieren. Brandt war ein Sonderfall, da er aus der Arbeiterklasse kam. Aus diesem Grund fiel er nicht lange auf den Elitismus und die Losgelöstheit Mot Dags von der gesellschaftlichen Realität herein. Im Frühjahr 1935 trennte er sich von der Gruppe. Brandt vergleicht ihren Elitismus mit dem der Bolschewisten und ihrer französischen Vorgänger und auch so manchen Ideologen der Neuen Linken Ende der 1960er Jahre (ebd.).

Es wurde auf strikte Disziplin gehalten. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe. Führende Mitglieder hatten Schlüsselpositionen in Frontorganisationen inne. Mot Dag hatte eine Büroetage mit einer Bibliothek und einer Küche, wo viele Mot Dagisten aßen, sogar frühstückten. Die Freizeit wurde gemeinsam verbracht. Unter Falks autoritärer aber auch inspirierender Führung konnte eine verhältnismäßig kleine Gruppe sehr viel erreichen. Sie gab die bereits erwähnte Zeitschrift Mot Dag heraus (1933-1936), führte ein Verlagshaus, stellte eine sechsbändige „Arbeiter-Enzyklopädie“ zusammen, beherrschte wichtige Studentenbünde, hielt eine Abendschule aufrecht. Pionierarbeit wurde geleistet mit einer Zeitschrift für Sexualerziehung. (ebd.) (Wahrscheinleich meint Brandt die Populärt tidsskrift for seksuell oplysning.)

Mot Dag hatte großen Einfluß auf das akademische Leben Norwegens, weniger auf die Politik. Das änderte sich erst als ihre Mitglieder der norwegischen Arbeiterpartei beitraten und in höchste Positionen aufstiegen.

Der Rote Faden: Reichs politisches Umfeld

17. Mai 2016

Gerne wird kolportiert, daß Reich nicht nur Psychoanalytiker war, sondern auch „radikaler Kommunist“. Und, ja, es stimmt. Man nehme nur etwa sein Der sexuelle Kampf der Jugend. Wie weit Reichs Fanatismus Anfang der 1930er Jahre ging, zeigt sich an folgenden Äußerungen anläßlich einer Diskussion über die unglaublichen Zustände in der deutschen Fürsorgeerziehung:

Schuld allein war einzig und allein diese verruchte Ordnung, (…) in Form von über „Kultur“ und „Volkswohl“ schwätzenden Bestien (…). Und schuld sind alle jene hohen und überklugen Wissenschaftler (…), die Prediger der „Kulturpubertät“, die Schwätzer von Geistesgnaden, sämtlich eitle, unwissenschaftliche Knechte des Kapitals, die die Wissenschaft einzig und allein zur Ablenkung von der Wirklichkeit mißbrauchen und gerade deshalb in Rang und Ehren sind. Schuld sind die sozialdemokratischen Obrigkeiten mit ihrem von Gefühlsduselei triefendem Liberalismus, der den ganzen Schmutz raffinierter Volksverführung mit dem Glorienschein des Sozialismus umkränzen will. (…) Und die Lösung ist so einfach, wie die, die in der Sowjetunion getroffen wurde: Vernichtung des kapitalistischen Staatsapparates und Unschädlichmachung eines jeden, der sich gegen die Befreiung von diesen Verbrechen stemmt. (ebd., S. 97)

Ganz ähnlich klang wenig mehr als nur 30 Jahre später die RAF, – die sich am gleichen Thema abgearbeitet hat!

Interessant, wie die „realsozialistische“ Urform von Reichs „Liebe, Arbeit und Wissen“ von 1932 lautete: die Revolution erfülle

den Sinn der Vergesellschaftung der Menschen (…), die Befriedigung der Grundbedürfnisse des Hungers und der Liebe und der kulturellen Ansprüche der Massen zu sichern. (ebd., S. 65f)

Obwohl er es später selbst schöngeredet hat: Reich war von etwa 1928 bis 1933 beinharter Kommunist. Das kann man aber erst dann richtig bewerten, wenn man sich anschaut, in was für ein vielgestaltiges politisches Umfeld er in den 1920er und 1930er Jahren eingebunden war.

Allein schon die KPD hatte eine komplizierte Entwicklungsgeschichte mit immer neuen Abspaltungen. Neben den linken Trotzkisten sind vor allem die KPO und andere „rechte“ kommunistische Splittergruppen von Interesse.

In Skandinavien war Reich praktisch ausschließlich von SAP-Leuten und Mot Dag-Leuten umgeben, die einerseits in unversöhnlichem Widerspruch zu Stalin standen – andererseits aber imgrunde ihres Herzens noch immer Kommunisten und Freunde der Sowjetunion waren.

Zentraler Teil der „rechten Opposition“ innerhalb der kommunistischen Bewegung war die sogenannte „Leninistische Organisation“, kurz „Org“. Mit zentralen Figuren war Reich persönlich bekannt.

Reich wird vorgehalten, bizarre politische Vorstellungen vertreten zu haben, dabei wird nicht gesehen, daß Reich aus einer politischen Welt kam, die an Bizarrheit kaum zu überbieten war. Es läßt sich z.B. zeigen, daß der Aufbau des OSS, des Vorläufers der CIA, entscheidend von der Org inspiriert war: der Leninistischen Organisation, deren Endziel der Kommunismus war.

Willy Brandt war während seiner engen Bekanntschaft mit Reich (schließlich war Brandts Ehefrau Gertrud Gaasland Reichs persönliche Sekretärin!) Mitglied der krypto-kommunistischen Politsekte Mot Dag. Dergestalt war Reich in einem Netz von Geheimbünden, Politsektierern, Spinnern gefangen, die durchweg letztendlich doch auf der Seite Moskaus standen. Das reicht vom SAP-Funktionär Max Seydewitz, der heimlich Mitglied der KPD war, und zu jener Zeit bei Gaasland wohnte, als Reich das Orgon entdeckte, – bis zu Brandt selbst, der zur gleichen Zeit in Barcelona für die Stalinistische Einheitsfront warb.

Als Reich nach Amerika kam, war anfangs Reichs Haus in Forest Hills eine einzige Ansammlung von SAP-Funktionären. Reichs Biographen, etwa Myron Sharaf, sind darüber hinweggegangen und haben es so dargestellt, als wenn Reich irgendwie ein Tyrann war, als er seiner neuen Frau Ilse Ollendorff den Kontakt mit ihren alten Genossen verbot, den Bruch mit Gaasland provozierte, etc.

Bisher wurde noch nie dargelegt, auch von Reich selbst nicht, daß der Rote Faden der Verschwörung, der schließlich zu Reichs Inhaftierung und Tod im Gefängnis führte, in den Wiener Studenten-Cafes von 1919 anfing und lückenlos bis zum Ende (imgrunde bis zum heutigen Tag) verfolgt werden kann.

Man nehme als beliebiges Beispiel Brandt: Von sogenannten „Reichianern“ werden gerne Stellen zitiert, wo Brandt sich sehr freundlich und empathisch über Reichs sexualpolitische Ansichten äußerte, dabei werden aber andere Zitate unterschlagen bzw. verdrängt, wo Brandt über genau dieselben Ansichten Mildred Brady-haft herzog. Daß Brandt sich gegenüber Reichianern als quasi Mit-Reichianer gab, während derselbe Brandt sich gegenüber einem Reich-feindlichen Publikum als Anti-Reichianer gerierte, paßt zum Verhaltensmuster das generell im Umfeld der Org gang und gäbe war. Man kann sich dergestalt plastisch vorstellen, warum Reich mit diesem Polit-Gesindel nichts, aber auch rein gar nichts mehr zu tun haben wollte und warum er als grundehrliche Haut infolge seiner „politischen“ Sozialisation „paranoid“ werden mußte.

Nur ein Blick auf seine Anfänge in Wien:

Die Anfänge der „Kommunistischen Studentenfraktion“, kurz Kostufra an der Universität Wien liegen im Dunkeln (Beiträge zur Geschichte der Kommunistischen Jugendbewegung in Österreich, hrsg. von der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ, Wien 1981). Sie wird wohl 1919 gegründet worden sein. Zu ihr gehörten u.a. der Sohn des ermordeten deutschen Kommunistenführers Karl Liebknecht, Helmut Liebknecht, und die Brüder Hans und Fritz Glaubauf. Eines der Wohnquartiere dieser Studenten waren die „Grinzinger Baracken“, die zu den Treffpunkten der KPÖ gehörten. Viele leitende KPÖ-Funktionäre lebten dort, wie Johann Koplenig (der nach dem Zweiten Weltkrieg 20 Jahre KPÖ-Vorsitzender war) und Franz Honner (ebenfalls bedeutender KPÖ-Politiker der Nachkriegszeit). Ein weiterer Treffpunkt war die Mensa der sozialistischen Studenten in der D’Orsaygasse 5.

Um 1924 traten viele Mitglieder der Kostufra der damals gegründeten „Akademischen Legion“ (Aleg) bei, der Studentengruppe des paramilitärischen sozialistischen Republikanischen Schutzbunds. Aus ihren Reihen rekrutierten sich später Kämpfer für den spanischen Bürgerkrieg. Doch bereits im Mai 1925 wurden die kommunistischen Studenten wieder aus der Aleg ausgeschlossen.

Zu dieser Zeit hatte die Kostufra etwa 20 Mitglieder, darunter Arnold Reisberg und Alfred Klahr. Klahr war zusammen mit seinem Freund, dem Chemiestudenten Arnold Deutsch, in einer der drei Gruppen des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV) in Leopoldstadt aktiv. Er organisierte den Kreis der „Freiheitskämpfer“, wo er der Arbeiterjugend von den großen Revolutionären erzählte.

Die Kostufra wuchs langsam auf eine Mitgliederzahl von etwa 80 bis vielleicht 150 an. Die meisten wahren Medizinstudenten. Oft war der deutsche Schriftsteller Erich Weinert zu Gast. In Wien war er sehr populär und füllte die Hallen wie kaum einer. Dort trug er seine an Majakowski erinnernden revolutionären Kampfgedichte vor.

Von 1927 bis 1931 wurde die Kostrufa von dem Germanisten Hans Goldschmidt, geleitet. Zum Führungskreis gehörten Jenö Kostmann, Peter Edel, Roman Werfel und Fritz Jerusalem (alias Jensen). Die Mitgliederzahl sank wieder auf 20, aber zu den Vorträgen, die von der Kostrufa organisiert wurden, erschienen oft bis zu 80 Studenten.

Die populärste Vortragsreihe war die über „Psychoanalyse und Marxismus“ von Wilhelm Reich. Reich sei eine schillernde Persönlichkeit und ein brillanter Redner gewesen. Als er 1928 der KPÖ beitrat, war dies ein weithin beachtetes Ereignis. Vor der Kostrufa sprach er auch über sexuelle Themen genauso wie er es bei Betriebsversammlungen tat. Gemeinsam mit interessierten Medizinstudenten eröffnete Reich seine Sexualberatungsstellen in Wien.

Auch auf viele Studenten hatten die Ereignisse vom Juli 1927, die Reich radikalisiert und aus dem Sozialdemokraten einen Kommunisten gemacht hatten, ihren Einfluß. Für viele sozialdemokratisch orientierte Menschen waren sie der Anstoß sich der KPÖ anzuschließen.

Die aktiven Mitglieder empfanden die Kostrufa zunehmend als bloßen Debattierclub und gründeten deshalb eine richtige politische Organisation, den „Roten Studenten-Bund“.

Soweit die Ausführungen über die kommunistische Studentenschaft in Wien, bei denen Reich zeitweise eine einflußreiche Figur war. Der bemerkenswerteste Name, der in diesem Kreis aufgetaucht ist, ist der von Arnold Deutsch. Wie Jim Martin in seinem bahnbrechenden Buch Wilhelm Reich and the Cold War (Mendocino, CA, 2000) dargelegt hat, stand Deutsch hinter dem Münster-Verlag, Wien in dem Reich 1929 und 1930 seine Broschüren zur Sexualberatung herausbrachte:

  • Wilhelm Reich: Sexualerregung und Sexualbefriedigung. Schriften der Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien, Nr. 1, Wien: Münster-Verlag, 1929, 66 S. (drei Auflagen mit insgesamt 10 000 Exemplaren!)
  • Marie Frischauf und Annie Reich: Ist Abtreibung schädlich?. Schriften der Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien, Nr. 2, Wien: Münster-Verlag, 1930
  • Wilhelm Reich: Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral. Eine Kritik der bürgerlichen Sexualreform, Wien: Münster-Verlag, 1930, 182 S. (Später der erste Teil von Die sexuelle Revolution.)

Arnold Deutsch war jedoch weit mehr: der „Sexpol“-Aktivist der ersten Stunde, war derjenige, der später niemand geringeren als Kim Philby für den sowjetischen Geheimdienst anwerben und führen sollte. Man kann demnach ohne Übertreibung sagen, daß die Geschichte der Atomspionage im unmittelbaren Umkreis von Reich ihren Anfang nahm.

In der Wikipedia heißt es über Deutsch:

1923 trat er gemeinsam mit Alfred Klahr und Arnold Reisberg in den Kommunistischen Jugendverband ein, der sein Zentrum in der Blumauergasse in Wien-Leopoldstadt hatte. 1924 trat er in die KPÖ ein und begann an der Universität Wien Chemie und Physik zu studieren. Dort war er ein Kollege von Fritz Feigl (gemeinsamer Aufsatz) und promovierte im Jahr 1928.

Danach ging er nach Moskau, wo er 1931 auch der KPdSU beitrat. Auf Vorschlag der Komintern wurde er von der [GPU] angeworben. Er wurde zunächst als Kurier eingesetzt und reiste nach Griechenland, Rumänien, Syrien und Palästina. 1933 wird er nach Paris geschickt und erfüllt von dort aus unter dem Pseudonym „Otto“ Missionen in Belgien, den Niederlanden, Österreich und dem Deutschen Reich.

1933 wurde er kurz in Deutschland inhaftiert, konnte jedoch mit Hilfe von Willy Lehmann frei kommen. Im Jahr 1934 wurde er unter dem Pseudonym „Stephan“ nach London geschickt, wo er sich in die philosophische Fakultät der University of London einschrieb, mit dem Ziel diese zu unterwandern. In England rekrutierte er mehrere am Kommunismus interessierte britische Studenten, die später unter anderem auch im britischen Geheimdienst Karriere machten, darunter Kim Philby und dessen damalige, aus Wien stammende, Ehefrau Litzi Friedmann. Diesen hatte er auf Empfehlung von Edith Suschitzky, ebenfalls eine in London lebende Wienerin, kennengelernt. Von 1933 bis 1937 war er Leiter des später unter dem Namen Cambridge Five bekannt gewordenen Agentenrings. In dieser Zeit sollte er auch einen amerikanischen Rekruten evaluieren, Michael Whitney Straight, den er jedoch ablehnte. Lange Zeit später sollte dieser bei der Enttarnung der Gruppe eine wichtige Rolle spielen.

Meines Wissens deutet nichts darauf hin, daß Reich von Deutsch‘ späterer Tätigkeit gewußt hat.

jim martin cold war

Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3)

14. Mai 2015

William Siegmund Schlamm (1904 bis 1978) wurde in Przemysl, Galizien geboren. Sein Vater war wohlhabender Geschäftsmann. Schlamms Pazifismus und sozialistischer Idealismus brachte ihn dazu als Wiener Gymnasiast der Kommunistischen Jugend-Internationale (KJI) beizutreten. 1920, gerade mal 16, besuchte er Moskau. Nach dem Abitur 1922 wurde er Redaktionsmitglied des zentralen KPÖ-Parteiorgans Rote Fahne in Wien, 1925 Chefredakteur.

Auf dem 9. Parteitag 1927 wurde er zum Mitglied des Zentralkomitees. 1928, dem Jahr, in dem sich Reich der KPÖ anschloß, rechtfertigte Schlamm den sich abzeichnenden Stalinismus, der damals vor allem um die „Sozialfaschismustheorie“ kreiste, voller Vehemenz: die Sozialdemokratie war der Hauptgegner und mußte mit allen Mitteln bekämpft werden. Doch schon ein Jahr später brach er mit der Partei.

In seinem Buch Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918-1933 (Wien: Europa Verlag, 1968) führt Herbert Steiner aus, daß vor dem 10. Parteitag im Januar 1929 zwei Fraktionen innerhalb der KPÖ auszumachen waren. Es ging um die Frage, ob die Stabilisierung des Kapitalismus in Österreich im Verlauf der letzten 10 Jahre dauerhaft sei oder nur vorübergehend. Als Kopf der Internationale hatte Stalin verkündet, die gegenwärtige Konsolidierung des Kapitalismus in der westlichen Welt sei bald vorbei, es stehe eine große Krise des Kapitalismus unmittelbar vor der Tür und damit der Sieg des Kommunismus – wenn die verräterischen Sozialdemokraten mit ihrem Kompromißlertum den Kapitalismus nicht wieder retten würden, wie es der Faschist Mussolini (immerhin ursprünglich Sozialist) bereits in Italien getan hatte. Die kleine Minderheitsfraktion, darunter Schlamm, lehnte diese Sichtweise ab und opponierte generell gegen den unrealistischen Linksradikalismus der Partei, etwa den Versuch, den Reich in Menschen im Staat (Frankfurt 1995, S. 92-98) ausführlich beschreibt, einzig ausgerüstet mit den eigenen revolutionären Überzeugungen einen Heimwehraufmarsch in der Wiener Neustadt zu verhindern.

Schlamm vertrat die Position des „Rechtsabweichlers“ Bucharin, während man m.E. Reich zum damaligen Zeitpunkt durchaus als „Stalinisten“ bezeichnen könnte.

Schlamm blieb vorerst Sozialist und begann ab 1929 in München für die beiden Magazine Jugend und Simplicissimus zu arbeiten. 1932 übernahm er die Wiener Ausgabe von Carl von Ossietzkys Weltbühne. Als die Gestapo Ossietzky 1933 verhaftete, wurde Schlamm Leiter der nun in Prag erscheinenden Weltbühne, mußte den Posten aber auf Druck der Komintern aufgeben, nachdem er Artikel von Trotzki veröffentlicht hatte. Daraufhin gab er zwischen 1934 und 1937 in Prag sein eigenes Magazin heraus, die Europäischen Hefte.

1937 veröffentlichte er sein Buch Diktatur der Lüge über den Stalinismus. Es wurde im September des gleichen Jahres in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie besprochen. Am Inhalt des Buches sei nichts auszusetzen, da es viel über den reaktionären Hintergrund des Stalinismus enthülle, zu kritisieren sei jedoch Schlamms polemischer, rhetorischer, geistreichelnder und moralistischer Ton.

1938 immigrierte Schlamm in die USA, wo er 1941 das Buch This Second War of Independence über Hitlers Siege über die westlichen Demokratien schrieb. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Zwischen 1944 und 1950 war er die rechte Hand von Henry Luce, dem die Zeitschriften Life, Time und Fortune gehörten. 1949 kam er nach Europa zurück als Korrespondent der Fortune. 1951 gehörte er zu den Gründern des bedeutenden konservativen Magazins National Review. Mit der Zeitschrift unterstützte er McCarthy nach Kräften. McCarthy war, so Schlamm, das Opfer einer Schmierenkampagne, die für dessen frühen Tod verantwortlich gewesen sei. Für Schlamm war der Kommunismus der Antichrist.

Beiträge von ihm erschienen auch in American Mercury, Nation, Freeman und der New York Times.

1957 kam er nach Deutschland und schrieb das Buch Die Grenzen des Wunders (Ein Bericht über Deutschland) mit einer Auflage von 100 000. Er wurde schnell berühmt als „Kalter Krieger Nr. 1“. Später kritisierte er beispielsweise die Kennedy-Administration, weil sie gegenüber dem Kommunismus zu weich sei. 1966 kam sein Buch Vom Elend der Literatur (Pornographie und Gesinnung) auf den Markt. Wie in Teil 1 erläutert, schrecke der Schriftsteller, nach Schlamms Meinung, vor der gescheiterten gesellschaftlichen Revolution zurück und fliehe in die „Sexuelle Revolution“.

Im 1959 erschienenen Die Grenzen des Wunders hatte Schlamm ausgeführt, daß der Schriftsteller ein überpersönliches Prinzip benötige, die seine Schöpfung „binden, verpflichten und erlösen“ könnte. Einst sei dies Gott gewesen, dann der Übermensch. Beide seien tot. Wir lebten nun in der Welt des, so Schlamm, „kleinen Mannes”, in der der Sex dieses umfassende Prinzip sei. Beispielsweise ertrinke Tennessee Williams geradezu in sexueller Perversion.

Oder mit anderen Worten: wir haben Gott verlassen und sind prompt in die Jauchegrube gefallen. Entsprechend ist Reich der Teufel, der größte Schmutzfink schlechthin.

Im folgenden referiere ich kurz jene Jugenderinnerungen Schlamms aus dem 1962 erschienenen Buch Die jungen Herren der alten Erde, die für die Reich-Biographik von Bedeutung sind.

Schlamm war zwischen 1917 und 1922 im Wiener „Jungwandervogel“. Er erinnert sich, wie Siegfried Bernfeld zu ihnen sprach. Diese Bewegung sei ganz und gar nicht mystisch oder weltabgewandt gewesen. Zwar waren die romantischen Wanderungen durch Wälder und Gebirge schön, aber es war die Zeit der Russischen Revolution. Alles war extrem politisiert, hoch intellektualisiert, man las extrem viel.

Es gab aufgeregte Debatten im „Jungwandervogelheim“ in der Augustinergasse. Beispielsweise waren jene, die nicht Otto Weiningers Geschlecht und Charakter gelesen hatten, Außenseiter. Freud und Schopenhauer zu lesen war Pflicht. „Männerbündelei“ und Antifeminismus, wie sie von Leuten wie Weiningerund Schopenhauer gepredigt wurden, waren zwar Leitideen, aber im Jungwandervogel gab es nichtsdestotrotz jede Menge Liebesaffären mit Mädeln.

Hauptthema war jedoch die Revolution. Alle betrachteten sich als Kommunisten. Die einzige Frage war, ob man auch wirklich der kommunistischen Jugendorganisation beitrat. Schlamm zufolge hatten die meisten den guten Geschmack nicht beizutreten: Schlamm trat bei.

Gustav Wyneken (1875-1964) sei die Verkörperung der damaligen Jugendkultur gewesen. (Der Schulreformer und Kulturpolitiker hatte 1906 die Freie Schulgemeinde Wickersdorf gegründet. Er träumte von einer Jugendrevolte gegen die bürgerliche Gesellschaft.) Der starke Einfluß, der von Karl Kraus ausging, habe den Jungwandervogel vor der Avantgarde a la Johannes R. Becher, Arnolt Bronnen und Bertold Brecht gerettet. Die Expressionisten der 20er beeindruckten sie nicht, weil sie alle Dostojewskij lasen. Sie sehnten sich nach Ordnung, Rationalität, gutem Geschmack, ethischer und intellektueller Disziplin – was sie für Ideologien anfällig machte. Und sie waren unfaßbar altklug. Glaubten schon mit 16 bedeutende Literatur erschaffen zu können. Es war einfach eine Selbstverständlichkeit in jungen Jahren Schopenhauer und andere Philosophen gelesen zu haben. Der meistgelesene Autor war Dostojewskij.

Man lauschte größtenteils der Musik von Gustav Mahler und Anton Bruckner, liebte Bach und Mozart. Bereits mit 16 war Schlamm (wie zur gleichen Zeit auch Reich) ein regelmäßiger Gast in Arnold Schönbergs „Verein für Privataufführungen“. Und dann war da natürlich der Einfluß der Stadt Wien selbst: die großartige Architektur, der Barock. Allgegenwärtig war ein Sinn für Maß und Gestalt. Und der Jungwandervogel hatte Stil. Schlamm wurde „Willi mit der Bügelfalte“ genannt. Sie waren schließlich die Kinder eines einst großen, großartigen Reiches.

Durch die Inflation waren sie zwar unglaublich arm, aber nichtsdestotrotz hatte man viel Spaß. 1920 kam der Jazz nach Wien und statt der Volkstänze begann der Jungwandervogel nun Shimmy und Foxtrott zu tanzen. Es gab viel Freude und Vergnügen. Gleichzeitig studierte man wie wild, mehr als das Gymnasium und die Universität einem abverlangten. Während der Ausflüge diskutierte man Riccardo, Boehm-Bawerk, Simmel und Darwin.

Was diese Generation auszeichnete war ihr starkes Engagement. Jedweder nihilistische Zynismus war ihr fremd. Diese Hingabe hatte aber auch böse Seiten. Beispielsweise blieben manche dem Ersatzgott verhaftet: der Kommunistischen Partei. Schlamm befreite sich selbst von dieser Kinderkrankheit im Jahre 1929 und entfremdete sich so von jenen Kameraden aus dem einstigen Jungenwandervogel, die länger brauchten, um sich wieder zu befreien.

In der in Teil 1 behandelten Kolumne von 1970 führt Schlamm aus, daß er Reich 1919 im Wiener Jugendwandervogel begegnet sei. Reich, der Sohn eines Gutsbesitzers, war gerade als junger Leutnant aus dem Großen Krieg zurückgekehrt, körperlich unversehrt, aber emotional zutiefst verletzt. Er war einige Jahre älter als Schlamm, aber beide suchten zunächst im Jungwandervogel und dann in der Revolutionären Bewegung einen Weg, um diese absurde Welt zu überwinden, in der der schmutzige und sinnlose Krieg möglich geworden war.

In den späten 20er Jahren habe sich ihre anfangs ziemlich unpersönliche Bekanntschaft zu einer warmen Freundschaft entwickelt. Aber ausgerechnet zu dieser Zeit brach Schlamm mit dem Kommunismus, während Reich der Partei beitrat. Schlamm habe damals aber nicht den geringsten Zweifel gehegt, daß Reich sie bald wieder verlassen würde, denn er sei viel zu intelligent und anständig gewesen, um es lange im Ghetto des Fanatismus aushalten zu können.

Aus dem Wiener Jungwandervogel gingen einige Psychoanalytiker hervor wie Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel und andere, Reich sei aber einer der wenigen Schüler Freuds gewesen, um die sich Freud mit herzlicher Anteilnahme kümmerte. Nichts als Reich selbst stand einer großen Berufskarriere Reichs entgegen.

Reich, der, Schlamm zufolge, den Mut des ehemaligen Offiziers besaß und als Sohn eines Millionärs tiefe Verachtung für Geld hegte, gab eines Tages plötzlich seine außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere auf. Der brillante Mann, der vor seinem 30. Geburtstag ein Standardwerk der Psychologie geschrieben hatte, der einzige junge Psychoanalytiker, den Freud ernstnahm, ging nach Berlin…

Obwohl Schlamm in den 1930er Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr zu Reich hatte, während Reich seinen alten Freund beispielsweise etwas konsterniert in der Massenpsychologie des Faschismus erwähnte, kann er uns auch über diese Zeit einiges sagen, was zum Verständnis der Reich-Biographie beiträgt.

In Die jungen Herren der alten Erde beschreibt Schlamm diese Jahre wie folgt: Hitler war an die Macht gekommen und plötzlich war die Sowjetunion, die seit 1923 fast ihre gesamte Faszination für Intellektuelle verloren hatte, wieder die einzige Hoffnung der Menschheit. (Ich möchte hinzufügen, daß damit Reich in seiner Haltung zur KP sich entgegengesetzt zum Zeitgeist bewegte.) Schlamm führt weiter aus, daß in einer Art haßerfülltem linkem „McCarthyismus“ jeder gnadenlos niedergemacht wurde, der es wagte die Sowjetunion zu kritisieren. Stalin war der neue unantastbare Gott, die einzige Hoffnung.

Eine Gruppe von sozialistischen Intellektuellen (wenn man mal von den Trotzkisten absieht), darunter auch Psychoanalytiker, blieben der Sowjetunion gegenüber kritisch bis feindlich eingestellt, obwohl sie linke Sozialisten und Marxisten waren: die nach Leninistischen Prinzipien organisierte Geheimorganisation „Neu Beginnen“.

Schlamm beschrieb sie 1972 in einer Kolumne für die Zeitbühne (Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder. Ausgewählt von Kristin von Philipp, München: Georg Müller Verlag, 1977, S. 324-327). Seine Ausführungen sind wohl karikaturhaft überzeichnet und hier und da schlichtweg falsch, aber er war Zeitzeuge und hat in Prag bis 1938 in diesen Kreisen verkehrt.

Schlamm hat die persönliche Entwicklung von Willy Brandt verfolgt und betrachtet ihn als den hilfreichsten Unterstützer einer bestimmten geschichtlichen Bewegung sozialistischer Revolutionäre. Ihr politisches Programm sei die Verstellung. Kanzler Brandt führe nur das aus, was er in den 30er Jahren in der Gruppe „Neu Beginnen” gelernt habe. Bereits vor Hitlers Machtergreifung fanden sich dort die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), bei der Brandt Mitglied war, enttäuschte Kommunisten und einige Marxistische Gelehrte zusammen. Dr. Karl Frank (alias Paul Hagen, alias Willi Müller), ein Freund aus Schlamms Wiener Jugendzeit, war einer der beiden Führer der Geheimgruppierung (neben Walter Loewenheim alias Miles).

Ihr Ziel war die Durchdringung von und schließliche Machtübernahme in allen Parteien links von Hitler. Das versuchte Neu Beginnen mit Hilfe von „Mimikry“ zu bewerkstelligen. Statt die beschränkten Kräfte des revolutionären Sozialismus mit den kindischen und gefährlichen Strategien der Kommunisten zu verschwenden, wollte Neu Beginnen zunächst die eigene Machtübernahme in allen existierenden linken Parteien orchestrieren und dann mit genau derselben Strategie die Macht in der gesamten Gesellschaft übernehmen. „Revolution durch Anpassung“, Sozialismus in Allianz mit der Großindustrie. Damals habe Schlamm seinem Freund Karl Frank erklärt, daß dies ein ziemlich absonderliches Programm sei.

Frank war ein sehr tatkräftiger und faszinierender Mann und Brandt wurde einer seiner engsten und ergebensten Anhänger. In den 30er Jahren sei der Erfolg von Neu Beginnen phänomenal gewesen: Agenten von Neu Beginnen saßen im Vorzimmer von Kanzler Brüning, im englischen Unterhaus, in der Norwegischen Arbeiterpartei, im Büro des amerikanischen Präsidenten, in der Zentrale von Himmlers Gestapo, im Sekretariat der SPD im Exil und im Sekretariat des Völkerbundes. Die Leitung von Neu Beginnen (mit Karl Frank und seinem hingebungsvollen Mitarbeiter Willy Brandt) blieb jedoch eine in sich geschlossene, abgeschottete Geheimorganisation mit einer festen sozialistischen Identität trotz all der Verstellung und „Mimikry“.

Nach Hitlers Fall kehrten die gut ausgebildeten Kader von Neu Beginnen nach Deutschland zurück. Die meisten schlossen sich der SPD an, unter ihnen Fritz Erler, stellvertretender Vorsitzender der SPD, und natürlich Willy Brandt. Andere wurden Gewerkschaftsfunktionäre oder kamen in der Sozialversicherungs-Bürokratie unter, bei den Volksbanken, wurden Redakteure der Parteipresse – alle Institutionen, die von der SPD dominiert wurden. Sie wurden Universitätsprofessoren, Bundestagsabgeordnete oder Staatssekretäre. Schlamm schätzt, daß gegenwärtig (also 1972) ein Viertel des deutschen Establishments (Staatsmaschinerie, Presse, Öffentlicher Rundfunk, Universitäten, Parteien) direktes Erbe von Neu Beginnen ist.

Der größte Erfolg von Neu Beginnen war jedoch Willy Brandt, der hingebungsvollste und aufnahmewilligste Schüler von Karl Frank. Frank selbst war jedoch enttäuscht vom Resultat seiner Lebensarbeit. In den 60ern, als Brandt deutscher Außenminister wurde, hatte Frank schon längst seinen Glauben an das Konzept von Neu Beginnen verloren. Er wurde melancholisch und zog sich in die Psychoanalyse zurück. Als er in New York starb, schickte Außenminister Brandt ein Beileidsschreiben.

Brandt selbst blieb Neu Beginnen und ihrem Kader treu. 1972 sind seine Regierungsberater und die Führung der SPD fast ausschließlich aus alten Mitgliedern von Neu Beginnen zusammengesetzt. Brandt glaube, so Schlamm, noch immer an die Allmacht der Verstellung, der Infiltration und schließlichen Machtübernahme. Im Beisein der Bourgeoisie sei er ein Bourgeoise, im Beisein von Genossen Genosse, bei Patrioten ein Patriot, bei Staatsmännern ein Staatsmann und im Beisein von Revolutionären sei Brandt ebenfalls Revolutionär. Das mache die ganze Kunst von Neu Beginnen aus. Dieser Epigone Karl Franks (zu dem sich Schlamm im übrigen persönlich immer hingezogen fühlte) sei der neue Meister der Mimikry, der legitime Erbe von Neu Beginnen.

Brandt sei entschlossen den Sozialismus mit Hilfe der Großindustrie aufzubauen, in Zusammenarbeit mit den USA mit der Sowjetunion gute Beziehungen aufzunehmen, die Massen vom „Opium für das Volk“ mit Hilfe der Protestantischen Kirche zu befreien, die deutsche Einheit durch Aufteilung Deutschlands in Westdeutschland, Ostdeutschland und Westberlin zu erreichen und die Pressefreiheit in Kooperation mit den Verlegern zu beseitigen. All dies könne Brandt erreichen, da Brandt das Leben und die Politik als ein Spiel mit einstudierten Rollen betrachtet. Ein Spiel, das von Intellektuellen ersonnen und von Schauspielern gespielt wird. Brandt selbst sei der größte Schauspieler.

Edgar Allen Poe habe eine Detektivgeschichte geschrieben, in der ein gestohlenes Dokument von der Geheimpolizei nicht gefunden wird, weil es ganz offen auf dem Tisch liegt und von jedem gesehen werden kann. Dies sei der geheime Trick aller Verschwörungen: sie sind immer öffentlich. Genauso sei auch die Verschwörung von Neu Beginnen eine öffentliche Darbietung.

Soweit Schlamm. Welche Rolle Neu Beginnen im Leben Reichs spielte, werde ich an anderer Stelle näher ausführen. Es läßt sich aber schon jetzt sagen, daß Reich mit diesen „Leninistischen“ Verschwörungen und der sektiererhaften Politisiererei (die etwa Otto Fenichel zur gleichen Zeit mit seinen „Rundbriefen“ in die Psychoanalyse trug) nichts aber auch rein gar nichts zu tun haben wollte und als Gegenentwurf das Konzept „Arbeitsdemokratie“ entwickelte.

„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 1)

2. März 2015

Einwürfe bzw. Einwände gegen meine „kapitalistische“ Interpretation der Arbeitsdemokratie sind nur allzu berechtigt, wenn man objektiv Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie betrachtet, das in der frühen Phase wirklich kaum von anarcho-syndikalistischen und räte-kommunistischen Konzepten, wie sie beispielsweise Rudolf Rocker und Anton Pannekoek ausgearbeitet haben, zu unterscheiden war, mal abgesehen davon, daß bei Reich das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ fehlt. Phillip Bennet hat das sehr schön gezeigt: „Wilhelm Reich’s Early Writings on Work Democracy: A Theoretical Basis for Challenging Fascism Then and Now“ im öko-sozialistischen Magazin Capitalism Nature Socialism (Vol. 21, No. 1, March 2010).

Aber betrachten wir einmal Reichs „politische“ Entwicklung:

  • 1919-1927: ein linker Sozialdemokrat in der ohnehin sehr linken „austro-marxistischen“ Sozialdemokratischen Partei Österreichs.
  • 1928-1933: Anschluß an die KPÖ, eine linksradikale direkt von Moskau gesteuerte Politsekte, danach an die Massenpartei KPD, die (ebenfalls von Moskau instruiert) gerade ihre linksradikale Phase durchmacht: bereits Sozialdemokraten sind Nazis („Sozialfaschisten“).
  • 1934-1937: im Exil Annäherung an Kräfte, die sowohl zu den Sozialdemokraten als auch zu den Kommunisten (die sich beide in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ näherkommen) in kritischer Opposition stehen: Trotzkisten, SAP (Willy Brandt, etc.), Neu Beginnen, Mot Dag, etc.
  • 1938-1941: wie eingangs erwähnt eine quasi „anarcho-syndikalistische“ Phase (ohne jeden Kontakt zu tatsächlichen Anarcho-Syndikalisten).
  • 1942-1947: wie aus dem 1942 verfaßten Schlußkapitel der Massenpsychologie des Faschismus  deutlich wird, verflüchtigen sich aus dem Konzept der Arbeitsdemokatie alle „links-utopischen“ Vorstellungen und das Konzept wird im Vergleich mit den vorangehenden Ausformulierungen etwas konturlos. Trotzdem bleibt Reich nach außen hin eher „ein Linker“ im Sinne von Roosevelt (heute etwa mit Obama vergleichbar).
  • 1948-1957: mit der Hetze der linken Presse (Mildred Brady, etc.) und seiner Enttäuschung darüber, wie seine linksliberalen Anwälte mit der Kampagne umgehen, entwickelt sich Reich zunehmend nach rechts.

Liest man die von einer linksliberalen Herausgeberin kommentierte und (wie sich leicht nachweisen läßt) teilweise zensierte Korrespondenz Reichs mit A.S. Neill (Zeugnisse einer Freundschaft) zeichnet sich seit etwa 1942, eindeutig aber ab etwa 1948, ein Reich ab, der langsam aber sicher ziemlich genau die Haltung der heutigen Orgonomie annimmt. Vor dem Hintergrund dieser Briefe wird auch klar, daß Reichs negative Äußerungen über „Liberale“ (d.h. Linke) und positive über Konservative in Christusmord nicht nur oberflächliche Reflexionen sind, wie linke „Reichianer“ es gerne hinstellen, sondern erste Ansätze einer soziopolitischen Charakterologie im Sinne Elsworth F. Bakers darstellen, die sich im übrigen bereits im 1942 geschriebenen Vorwort zu Massenpsychologie des Faschismus (das Dreischichten-Model) und dem 1947 verfaßten Äther, Gott und Teufel (Mechanisten gegen Mystiker) abzeichnen.

In diesem charakterologischen Rahmen sieht die Orgonomie heute die Arbeitsdemokratie.

Dazu muß gesagt werden, daß für Reich „Ökonomie“ mehr bedeutet hat als nur „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“, also Maschinen, Know How, Arbeit, Kapital, Einkommens- und Machtverteilung, sondern in erster Linie die gegenseitige unlösbare Abhängigkeit der einzelnen Produzenten und Konsumenten voneinander – die inhärent Rationalität aufzwingt. Entsprechend war für Reich das ökonomische Elend nur eine sekundäre Funktion der politischen Pest (Brief an Neill vom 8. Juli 1953).

Betrachten wir dazu das folgende Schema, mit dem Reich seine wissenschaftliche Entwicklung von der Psychoanalyse (Psychologie) über den Marxismus (Soziologie) zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ (Biologie) beschrieb:

Die Ökonomie umfaßt (genauso wie die Sexualität) offensichtlich alle drei Bereiche, wobei der biologische Bereich der umfassendste und tiefste ist. Die biophysikalische Charakterstruktur ist wichtiger als alle soziologischen (inklusive konventionell „ökonomischen“) und rein psychologischen Überlegungen.

Es geht darum, wie „die Pest“ (die Emotionelle Pest) von außen her einbrach, die arbeitsdemokratischen Beziehungen zerstörte und die Menschen charakterlich verformte, was dann von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Es geht darum, wie dieser Teufelskreis wieder aufgehoben werden kann, d.h. wie man die Menschen wieder freiheits- und verantwortungsfähig macht. Reichs Antwort war: indem man

  1.  die politische Pest bekämpft;
  2. den Menschen die rationale Arbeitsdemokratie nahebringt;
  3. ihnen Selbstverantwortung „aufbürdet“, anstatt sie zu „befreien“; und
  4. indem man die Kinder von vornherein so aufzieht, daß sie die Falle gar nicht erst betreten.

Das hat ihn zu einem Gegner aller linken und rosaroten Volksbeglücker gemacht.

Für das Individuum in der Orgontherapie bedeutet das mit abnehmender Bedeutung:

  1. die biologische, bio-physische Therapie, die direkt die organismische Orgonenergie einwirkt, indem die Panzerung systematisch beseitigt wird, die die Energie in Schach hält (BIOLOGIE).
  2. die Befreiung des Patienten (wenn nötig) von seiner Familie („Familitis“) und (wenn nötig) Ermutigung zu ökonomischer Unabhängigkeit, was allein schon einen heilenden Effekt hat (SOZIOLOGIE).
  3. Aufklärungsarbeit über realitätswidrige Annahmen (PSYCHOLOGIE).

In der (wenn man so will) „gesellschaftskritischen Arbeit“ mit den Massen sieht es genau umgekehrt aus:

  1. Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Fallstricke mechanistischen und mystischen Denkens (PSYCHOLOGIE).
  2. die Bekämpfung der sozialistischen (euphemistisch: „sozialstaatlichen“) Entmündigung der Massen (SOZIOLOGIE).
  3. das „Projekt Kinder der Zukunft“ (BIOLOGIE).

Das „Projekt Kinder der Zukunft“ steht hier an letzter Stelle (obwohl es „an und für sich“ am wichtigsten ist!), weil es naturgegeben erst nach einer Generation (30 Jahre!) oder noch später wirklich im gesellschaftlichen Maßstab greifen kann.

Es würde an Wahnsinn grenzen, so große Projekte wie „Die Kinder der Zukunft“ (…) in Angriff zu nehmen, ohne begriffen zu haben, wie es möglich war, daß all dies Elend jahrtausendelang unvermindert, unerkannt und unangefochten bestehen konnte; daß nicht ein einziger der vielen glänzenden Versuche zur Erklärung der Situation und zur Linderung der Leiden Erfolg hatte; daß mit jedem Schritt hin zur Erfüllung des großen Traums das Elend nur schlimmer und tiefer wurde (…). Gegenwärtig ist eine sorgfältige Untersuchung des Christusmordes weit wichtiger als die wunderbarsten Kinder, die wir vielleicht aufziehen könnten. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 40)

Der Rote Faden: Kim Philby (Teil 2)

24. Februar 2015

In einem undatierten Brief an Arnold Schönberg, wahrscheinlich vom Ende der 1920er Jahre, berichtete Marie Frischauf über eine einmonatige Einladung nach Oxford und Cambridge. Eine Postkarte von 1931 zeigt sie als Bergsteigerin, doch Sommerurlaub sollte bald der Vergangenheit angehören. Die „Machtergreifung“ Hitlers in Deutschland warf schon bald ihre bedrohlichen Schatten über Österreich. Ein Artikel in der Reichspost von Mai 1933, in dem die Aktion der neuen deutschen Regierung gegen Reichs Aktivitäten in Berlin begrüßt wird, fällt auch der Name Marie Frischauf, verbunden mit der Angst, daß Reich nach Wien zurückkehren könnte. Im Zusammenhang mit den Einschränkungen des österreichischen Ständestaats nach dem Aufstand von Februar 1934 wurden massive Maßnahmen gegen jedwedes sexualpolitisches Engagement ergriffen. Am 27. Februar 1934 durchsuchte die Polizei die Wohnung von Johannes Wertheim, am 13. März das Büro des Münster-Verlags in der Oberen Donaustraße 67 und konfiszierte alle Restbestände, die die Polizei später „lagerte“, d h. „zerstörte“. Die Bücherverbrennungen der FDA werfen ihre Schatten voraus: Reichs Bücher wurden verbrannt, in Deutschland, Österreich, der UdSSR und den USA. Am 25. März 1934, in einem Brief der Bundespolizei in Wien an das Wiener Landgericht für Strafsachen wird außerdem festgestellt, daß es den Münster-Verlag rechtlich überhaupt nicht gäbe. Johannes Wertheim gelang es, der Verhaftung zu entgehen, indem er ins Ausland flüchtete, ebenso Arnold Deutsch, Inhaber des Münster-Verlags.

Des weiteren wird um ein Durchsuchungsbefehl für die Buchhandlung in Wien 8, Neubaugasse 29 ersucht, „da dort Marie Frischauf, Mitautorin von Ist Abtreibung schädlich? ein Verlagshaus mit einer Verbindung mit dem Geschäft besitze und es die Wahrscheinlichkeit gäbe, daß sie dort nicht nur Exemplare der 6 Veröffentlichungen verkauft, die Gegenstand der Untersuchung sind, sondern auch weitere „obszöne Publikationen“. Es handelt sich hier um den Verlag der Kommunistischen Jugendinternationale. Die Akte im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) dokumentiert zusätzlich die Beschlagnahme von „obszöner“ Literatur in weiteren Wiener Buchhandlungen und Büchereien und die Verurteilung von Wertheim. Auch wurde die Wohnung der Frischaufs durchsucht. Nach einer ersten vorläufigen Verhaftung sah sich Marie Frischauf zur Flucht gezwungen. Um ihren Ehemann nicht zu gefährden, ließ sie sich scheiden und emigrierte im September 1934 nach Paris.

Über ihr dortiges Leben bis 1938 ist wenig bekannt. Da sie ausgezeichnet Französisch sprach, Englisch und auch ein wenig Italienisch hatte sie wahrscheinlich wenige Schwierigkeiten sich einzuleben. Sie bestritt ihren kargen Lebensunterhalt mit ein wenig journalistischer Arbeit und als kosmetische Ärztin. Man kann davon ausgehen, daß sie ihr medizinisches Wissen auch anderen Flüchtlinge zur Verfügung stellte. Bis Mitte 1937 diente sie als Mitglied der Leitung der KPÖ-Gruppe in Frankreich. Gemäß der Satzung der Komintern trat sie der Kommunistischen Partei Frankreichs bei. November 1938 wurde der Cercle Culturel Autrichien gegründet, ehrenamtlich geführt von Marie Frischauf und Tilly Spiegel.

In seinem Buch The Philby Files. The Secret Life of Master Spy Kim Philby (1994, S. 17) berichtet Genrikh Borovik, daß Philby in Wien von einer „Mitzi Frishau“, d.h. Marie Frischauf, darüber unterrichtet wurde, daß man ihn zu einem „Kurier“ machen wolle.

Wir haben drei Frauen, die Reichs Sexualberatungsstellen in Wien mit dem Spionagering der Cambridge Five in Zusammenhang bringen: neben Marie Frischauf, Litzi Friedman, die Philby Februar 1934 in Wien heiratete, und Edith Tudor Hart (Schuschitzky). Alle drei brachten ihn mit dem NKWD-Vertreter in Wien, Deutsch in Kontakt, der Philby rekrutierte. Edith Tudor-Hart war dadurch mit der „Sexpol“ verbunden, daß ihr Vater ein „Verfechter der Sexualreform“ war, der entsprechende Bücher vertrieb. Sie war ein wichtiger Talentsucher des NKWD. 1925–1927 war sie in England gewesen, um als Lehrerin zu arbeiten.

Philby kannte auch Muriel Gardiner, die Frau von Josef Buttinger, Führer der Revolutionären Sozialisten Österreichs.

Peter Pelinka: Erbe und Neubeginn. Die Revolutionären Sozialisten in Österreich 1934–1938 (Wien: Europaverlag, 1981): Ende 1929 gründete Wilhelm Reich das „Komitee revolutionärer sozialdemokratischer Arbeiter“. Diese Gruppe konnte nur einen kleinen Teil der Sozialdemokratischen Jugend und den Schutzbund beeinflussen. In seiner Zeitung brachte Reich bereits viele Punkte eines Buches vor, das später sehr wichtig für den linken Flügel der SDAP wurde: Ernst Fischer: Die Krise der Jugend, Wien 1931.

Vgl. Anson Rabinbach: Ernst Fischer and the left opposition in Austrian social democracy: the crisis of Austrian socialism 1927-1934, S. 107: „Reichs Argumente sollten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Opposition in der österreichischen Jugendbewegung spielen, und Ernst Fischers Rolle in der Jugendbewegung erinnerte in vieler Hinsicht an die Argumente und Einsichten, die Reich bei seiner oppositionellen Aktivitäten entwickelte.“

Nach dem Ausschluß der Reich-Gruppe aus der SDAP bildeten sich einige Gruppen in der Sozialistischen Arbeiterjugend SAJ und im Schutzbund inspiriert durch das, was Reich getan hatte. Am entscheidendsten war sein Einfluß auf die Jugend, die mehr und mehr kommunistische Tendenzen entwickelte. Vor allem einer der Redakteure der offiziellen sozialdemokratischen Zeitung Arbeiter-Zeitung, Ernst Fischer, versuchte diese Jugend-Opposition zu organisieren. Aus dieser linken Opposition innerhalb der SDAP entwickelten sich schließlich die Revolutionären Sozialisten. (Man kann dergestalt eine Linie von Reichs Revolutionären Sozialdemokraten von 1929/30 zu den Revolutionären Sozialisten 1934-1938 ziehen.)

Gewisserweise war Ilona Duczynska ein Vorläufer und ein „Nachläufer“ von Reich, da sie sowohl die Originalversion von Reichs Revolutionären Sozialdemokraten organisierte als auch später eine wichtige Figur in der Formation der Revolutionären Sozialisten wurde. Die ehemalige Kommunistin Ilona Duczynska-Polanyi war vor 1918 im Exil in Zürich, Schweiz. Angelika Balabanoff schickte sie nach Wien, aber bald wurde sie aus der KP ausgeschlossen und trat der SDAP bei. Mitte der 1920er Jahre bildete sich ein Kreis um sie, die „Politische Arbeitsgemeinschaft“, die zwei Jahre eine eigene Zeitschrift Der Linke Sozialdemokrat herausgab (klingt ganz wie die spätere Der Revolutionäre Sozialdemokrat, herausgegeben von Reich). Diese Gruppe hatte einigen Einfluß auf den Wiener Schutzbund. Die Politische Arbeitsgemeinschaft zog eine klare Trennlinie zwischen sich und der KPÖ, so daß es zunächst keinen Ärger mit der Führung der SDAP gab, die immer wieder mit „kommunistischen Keimzellen“ zu tun hatte. Erst später, als die Politische Arbeitsgemeinschaft parteiumfassende antifaschistische Ausschüsse bildete, geriet sie in Konflikt mit der SDAP-Führung. Im Oktober 1928 bekam die Gruppe um Duczynska Probleme, als sie in einem Flugblatt die sozialdemokratischen Arbeiter drängte, den Heimwehr-Aufmarsch in Wiener Neustadt zu behindern (Ein Marsch, der in Menschen im Staat beschrieben wird). Wegen diesem „Bruch der Parteidisziplin“ wurde die Duczynska-Gruppe (Duczynska und 69 weitere) aus der Partei ausgeschlossen. Als nächstes beschreibt Pelinka Reichs „Komitee revolutionärer sozialdemokratischer Arbeiter“.

Siehe Ilona Duczynskas Buch Workers in Arms. The Austrian Schutzbund and the Civil War of 1934, Monthly Review Press, New York and London, 1978. Beispielsweise die Fußnote auf S. 243:

Bei der Mobilisierung weltweiten Protests sind in erster Linie die ausländischen Korrespondenten in Wien zu nennen. Weniger bekannt wurden die Dienste dreier junger Engländer – einer von ihnen noch ein Student – für den Wiener Schutzbund. Es waren Hugh Gaitskell, später Vorsitzender der britischen Labour Party und Oppositionführer; Elwyn Jones, später britischer Generalstaatsanwalt; und Kim Philby, später – Kim Philby. Sie halfen die Kommunikation wiederherzustellen, bei der Ausreise bedrohter Genossen aus dem Land, organisierten Hilfslieferungen durch die britischen Gewerkschaften, die sie engmaschig durch eine Reihe von vertraulichen Berichten über die Kämpfe und ihre Nachwirkungen informiert hielten.

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=A4fyqvrybuk%5D

Der Rote Faden: Kim Philby (Teil 1)

23. Februar 2015

Während in den 1920er Jahren Österreich als Land schwarz (katholisch) war, war die Hauptstadt Wien rot (sozialdemokratisch). Von der „Sexualpolitik“ her gab es aber kaum Unterschiede. Das Lumpenproletariat sollte lernen, sich auf eine angemessene d.h. a-sexuelle Weise zu verhalten. Die meisten Psychoanalytiker waren Sozialdemokraten. Reich und seine Anhänger rebellierten gegen diese linke elitäre Ideologie, und so wurden sie zu glühenden Kommunisten. Faktisch operierten sie sogar als Komintern-Agenten, indem sie versuchten, die Sozialdemokratie zu spalten: Reichs Revolutionäre Sozialdemokraten Dezember 1929 bis Mai 1930, wofür Reich denn auch prompt aus de SDAP ausgeschlossen wurde.

Reich als Komintern-Agent ist durchaus nicht abwegig. Das sieht man, wenn man einen gewissen Arnold Deutsch und Kim Philby (!) betrachtet. Gehen wir dazu zunächst nach Großbritannien.

England war eine sehr gewalttätige, repressive und homophobe Gesellschaft, voll von jungen Homosexuellen. So war es kein Wunder, daß sie Kommunisten wurden – aus „sexualökonomischen Gründen“. Philby war bisexuell, ein zurückhaltender junger Mann voller Sehnsucht nach emotionaler Befreiung, was von den sexualökonomisch geschulten Kominternagenten in Wien ausgenutzt wurde.

Siehe dazu:

martincoldwar

Der Kommunismus ist eine Geschichte der Konspiration. Im allerersten Pamphlet über die „Partei neuen Typs“ (Was tun?, Stuttgart 1902) sprach Lenin ganz in der Tradition des russischen Anarchismus über die Kommunisten als einer „Geheimgesellschaft“ und einem „Agentenring“. Von Beginn an war der Kommunismus Verschwörung mit Spionen, Geheimcodes, verdeckten Mordanschlägen (z.B. „Selbstmorden“), etc. „Stalinismus“ bedeutete nur eins: daß dies schließlich auf mißliebige Kommunisten selbst übertragen wurde. Dieser „Klassenkampf“ wurde zusätzlich durch einen Faktor verwirrt, der gerne unter den Tisch gekehrt wird: die russischen Sozialdemokraten, aus denen die Kommunisten herausgewachsen sind, hatten Sympathisanten in Kreisen der russischen Industrie, die hofften mit ihrer Hilfe die archaischen Reste des Feudalismus hinwegfegen zu können. Entsprechend wurde die Oktoberrevolution von Wall Street unterstützt. Auch im Kalten Krieg spielte die Großindustrie teilweise eine unrühmliche Rolle. Man denke auch daran, wie der Kapitalist und Millionär Friedrich Engels die frühe Marxistischen Bewegung finanzierte oder wie sein Freund Georgi W. Plechanow (1856–1918), Millionär und Gründer der russischen Sozialdemokratie, Lenin unterstützte. Kommunisten und Kapitalisten konnten schon immer gut miteinander. Es sollte niemanden verwundern, daß die Spionageringe im Westen zu einem Gutteil in den höchsten Gesellschaftsschichten verankert waren.

1929 und 1930, als die drei „sexualökonomischen“ Bücher Reichs im Münster-Verlag veröffentlicht wurden, war Arnold Deutsch Besitzer des Münster-Verlags. Manager des Münster-Verlags war Dr. Johannes Wertheim, ein hochrangiges Mitglied der KPÖ.

  • Wilhelm Reich: Sexualerregung und Sexualbefriedigung – Schriften der Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien, Nr. 1, Wien: Münster-Verlag, 1929
  • Marie Frischauf und Annie Reich: Ist Abtreibung schädlich? – Schriften der Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien, Nr. 2, Wien: Münster-Verlag, 1930
  • Wilhelm Reich: Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral – Schriften der Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien, Nr. 3, Wien: Münster-Verlag, 1930

Wertheim leitete auch den Wiener Agis-Verlag. Beide Verlage waren Sprachrohre der Komintern. Zu den Autoren gehörten Marx, Engels, Lenin, Stalin, Trotzki (anfangs!) und viele andere. Deutsch war in Wien zeitweise das, was Genosse Thomas in Berlin gewesen war. Das rückt Reich ziemlich in der Mitte des Geschehens.

Eine zentrale Rolle bei Reichs früher Teilhabe am kommunistischen Projekt spielte Marie Frischauf. In seinem Nachwort zu Marie Frischaufs Buch Der graue Mann: Roman und Gedichte für Arnold Schönberg (Wien 2000, S. 120-123) schreibt Marcus G. Patka, daß sie keine erklärte Anhängerin der Lehre Sigmund Freuds war. Es gibt nur für einen einzigen Besuch bei der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung: am 10. Oktober 1928, anläßlich eines Vortrags Wilhelm Reichs über Nackterziehung. Beide waren Mitglieder des Schönberg-Vereins. Sie gründeten und führten die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung, die von den städtischen Behörden der Stadt Wien am 27. Dezember 1928 registriert wurde. In der Satzung erhielt die Psychoanalyse eine zentrale Stellung. Marie Frischauf gab die politische Linie vor, Reich diente als klinischer Leiter. Acht der zehn weiteren Gründungsmitglieder waren ebenfalls Mitglieder der KPÖ. Die Vorträge in den Arbeiterstadtvierteln wurden ausschließlich in der Roten Fahne angekündigt, dem offiziellen Organ der KPÖ.

Gelegentlich arbeitete Marie Frischauf auch als Anästhesistin bei Abtreibungen, die von Dr. Fritz Jensen durchgeführt wurden. 1930 brachte die Wende in der Gesellschaft. Ohne Zweifel war ein Höhepunkt am 19. September das Rahmenprogramm für den 4. Kingreß der Weltliga für Sexualreform. Neben Marie und Hermann Frischauf und Wilhelm Reich trug unter anderem Reichs Vorbild Max Hodann vor. Doch kurz danach zog Reich nach Berlin. Nach seinem Weggang wurde die Gesellschaft in Unterabteilungen gegliedert, wo Marie Frischauf die Konsultationen für Empfängnisverhütung und venerische Krankheiten durchführte.

Hinzu kam eine weitere Aufgabe. Im März 1930 übernahm sie die Leitung des Verlags Egon Grünberg & Co., der bald danach in Weidmann & Co. umbenannt wurde – es war der Verlag der Kommunistischen Jugendinternationale in Österreich. Darüber hinaus leitete sie seit 1933 (nach dem Verbot der kommunistischen Arbeiter-Hilfsorganisationen, die dem Verbot der KPÖ vorangingen) den Verein für proletarische Solidarität, der im Jahr zuvor gegründet worden war, und bald in Bund proletarischer Solidarität umbenannt wurde.

Der Rote Faden: Kommunismus und Psychoanalyse (Teil 1)

19. April 2014

Die folgenden Informationen über die Psychoanalytikerin Marie Langer habe ich ihrem Buch Von Wien bis Managua. Wege einer Psychoanalytikerin (Freiburg 1986, Originalausgabe Mexiko 1981) entnommen.

Geboren 1910, wuchs die Jüdin Langer im Roten Wien auf. Als sie noch jung war, trat sie mit genau den gleichen Gründen wie gleichzeitig Reich der KPÖ bei: weil die Kommunisten die baldige Revolution versprachen, während die Sozialdemokraten (und die österreichischen Sozialdemokraten waren in ganz Europa die radikalsten!) den Status Quo repräsentierten und den Sozialismus für die Zukunft versprachen, wenn sie 50 Prozent plus 1 der Stimmen erlangt hätten.

Reich sprach noch 1945 verächtlich von den „Sozialdemokraten der Tiefenpsychologie“, die sich an die Moral der Mehrheitsgesellschaft anpassen (American Odyssey, S. 303). Er haßt sie noch so, wie er sie 18 Jahre zuvor gehaßt hatte, als er mit der Sozialdemokratie brach.

Als Langer die Entscheidung treffen sollte, der KPÖ beizutreten, wurde sie gefragt, ob sie sich nicht zunächst der Roten Hilfe anschließen wolle, einer weniger radikalen Organisation. Sie trat jedoch unmittelbar der KP bei. Reich beharrte später in den USA darauf (die Wahrheit verbiegend), nur über die Rote Hilfe mit der KP verbunden gewesen zu sein.

Das Dollfuß-Regime kam, danach der etwas liberalere Schuschnigg. Langer war ein normales Parteimitglied, das an der politischen Agitation beteiligt war. Ihr erster Kontakt mit der Komintern lief über einer Freundin außerhalb der Partei. Ein polnisches Mädchen, das mit einem US-amerikanischen Medizinstudenten verlobt war. Eines Tages sagte das Mädchen zu Langer, daß sie und ihr Freund der Komintern beigetreten seien und sie auf dem Balkan arbeiten würden, wenn er sein Medizinstudium abgeschlossen habe. Für Langer reichte es, nur gewöhnliches Parteimitglied zu sein.

Anfang 1935 war sie Ärztin. Sie ging zu Richard Sterba, um sich analysieren zu lassen. Viel später seien sie und Sterba auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Paris 1961 enge Freunde geworden. Sie besuchte Sterba jeden Sommer in Detroit. Die Analysen mit Sterba in Wien wurden zu einer Ausbildung-Analysen und Langer wurde damit zu einer „kommunistischen Psychoanalytikerin“. Nachdem jedoch Edith Jacobsohn in Berlin verhaftet worden war, beschloß die Wiener Vereinigung, daß kein Psychoanalytiker Mitglied einer subversiven Partei sein könne oder auch nur Mitglieder einer subversiven Partei behandeln dürfe. Das war natürlich undurchführbar, da in Österreich sowohl die Kommunisten, die Sozialdemokraten als auch die Nationalsozialisten illegal waren. In der Partei sagte Langer nichts über Psychoanalyse und in der Psychoanalyse sagte sie nichts über die Partei. Reich geriet in Schwierigkeiten, weil er versuchte Psychoanalyse und Kommunismus zu koordinieren!

1936 gingen sie und ihr Freund in den spanischen Bürgerkrieg, wo sie als Ärzte arbeiteten. 1938 ging sie nach Frankreich und weiter nach Uruguay. Sie studierte in Argentinien Psychoanalyse unter Angel Garma (1904–1993), dem Leiter der psychoanalytischen Gruppe in Buenos Aires. Garma hatte seine Ausbildung in Deutschland absolviert, war 1931 Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, d.h. zur gleichen Zeit wie Reich. Dann Spanien und Frankreich. In Spanien war er der Ausbildungsanalytiker von Guillermo Ferrari-Hardoy.

Angel Garma, Celes Ernesto Cárcamo, Guillermo Ferrari Hardoy, Pichon Riviere, Arnaldo Rascovsky und Marie Langer gründeten die Argentinische Psychoanalytische Vereinigung. 1942 ging Ferrari-Hardoy (zusammen mit Marie Langer und anderen) in die USA, im Jahr 1945 zu Reich, bei dem er bis 1950 studierte. Er kehrte in den 1960er Jahren nach Argentinien zurück, wurde aber von seinen ehemaligen Kollegen ignoriert.

Langer selbst blieb eine Kommunistin, eine Anhängerin von Stalin – und wurde auch eine Anhängerin von Melanie Klein. Diese, wenn man so will, „Todestriebkommunistin“ sagt über Wilhelm Reich, die Sexpol sei zwar wichtig gewesen, habe aber nicht in die Zeit gepaßt. Beispielsweise sei in Berlin 1932/33 sexuelle Freiheit nicht erste Priorität gewesen. (Im 3. Teil werden wir erfahre, was Priorität hatte!) Reichs Analyse der deutschen Familie und Ideologiebildung sei brillant, aber Genitalität als Zeichen von Gesundheit sei ein Mythos. Langer weist dazu auf ihre Fälle hin. Beispielsweise trennte sich eine Patientin von ihrem Ehemann, hatte einen jungen Freund und zum allerersten Mal in ihrem Leben einen Orgasmus. Ein paar Tage später wurde sie psychotisch ins Krankenhaus eingeliefert und eine chronische Schizophrenie diagnostiziert. Somit sei der Orgasmus nicht das Kriterium von Gesundheit! Reich habe auch falsch gelegen, da Orgasmus und Genitalität nicht dasselbe sind, denn der Orgasmus könne, so Langer, sowohl Ergebnis genitaler als auch prägenitaler Prozesse sein!

Langer ist nicht nur eine sozio-politische, sondern auch eine psycho-medizinische Quacksalberin! Es ist offensichtlich, warum Reich die Psychoanalytiker und Marxisten zu hassen anfing!

Neben Ferrari-Hardoy gehörte auch der argentinische Psychoanalytiker Alberto Tallaferro (Jahrgang 1916) zu Reichs Schülern. Tallaferro ist Autor von einem Curso Basico de Psicoanalisis, der deutlich von Reich beeinflußt wurde und diesen häufig erwähnt. In Where’s the Truth? ist ein Brief Reichs an Tallaferro von Mitte 1950 abgedruckt. Die Herausgeber bezeichnen ihn als „a student of Reich’s“.

kommipsycho