Posts Tagged ‘Komintern’

Der Rote Faden: Rassenhygiene

26. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 1)

17. Juni 2016

Walter Löwenheim alias Miles war Gründer der Widerstandsgruppe Neu Beginnen. Jahrgang 1896 war Löwenheim nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in der „Freien Sozialistischen Jugend“ tätig, danach in der KPD. Er war Schüler des legendären Kommunisten Paul Levi. Aufgrund von Stalins desaströser linksextremer und sektiererischer Politik verließ er die KPD, schloß sich jedoch nicht, wie es Levi bereits 1922 getan hatte, der SPD an (Kurt Klotzbach [Hrsg]: Drei Schriften aus dem Exil, Berlin 1974 und Hartmut Soell: Fritz Erler, Berlin 1976).

1928/29 kam Löwenheim zu dem Schluß, daß Stalins Planwirtschaft, die die „Neue Wirtschaftspolitik“ Lenins ersetzte, eine Katastrophe für die gesamte sozialistische Bewegung darstellte. Eine Erneuerung der Arbeiterbewegung betrachtete er nur als möglich durch Überwindung einerseits des linksextremistischen Sektierertums der Kommunisten und andererseits der reformistischen Politik der Sozialdemokraten. Diese Erneuerung sollte von einer konspirativen Gruppe von Berufsrevolutionären ausgehen.

Löwenheim sammelte eine kleine Gruppe von jungen KPD-Mitgliedern, Leuten der KPD(O), d.h. Kommunisten vom rechten Flügel, und revolutionären SPD-Mitgliedern vom linken Flügel um sich. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise formte diese Gruppe „die Organisation“ (kurz „Org.“).

Hinter der Org. (auch als „Leninistische Organisation“ oder „O“ bekannt) stand die Theorie, daß

  1. es nichts bringt eine sektiererische Splitterpartei nach der anderen zu gründen;
  2. die quasi-revolutionäre faschistische Bewegung der Hauptfeind ist, nicht die „Sozialfaschisten“ und nicht einmal die Großindustrie; und
  3. die alten Methoden der illegalen Arbeit wertlos sind, stattdessen müssen längerfristige Strategien ausgearbeitet werden.

Die organisatorische Struktur der Org. gestaltete Löwenheim nach Lenins Konzept einer Kaderpartei. Das bedeutete strikter Zentralismus, das Zentrum hat die Autorität Direktiven auszugeben und die Arbeit erfolgt nach den Gesetzen der Konspiration. Löwenheim war „der deutsche Lenin“.

Die Org. weigerte sich, einen Namen anzunehmen, der ihr den Charakter einer Partei verliehen hätte. Sie betrachtete sich als den „subjektiven Faktor“ innerhalb der Arbeiterbewegung, als eine bewußt handelnde Minderheit, die in den vorhandenen Parteien arbeitet, um den Graben innerhalb der Arbeiterbewegung zu schließen. Deshalb war die Existenz der Org. streng geheimzuhalten. Lokale Zentren waren Berlin und Frankfurt.

1931 füllten zwei Gruppen die Ränge der Org.: zunächst die „Kommunistische Studentenfraktion“ („Kostrufa“) in Deutschland (mit der Österreichischen Kostrufa haben wir uns bereits befaßt), die 1929 aus der KPD ausgeschlossen worden war (Leute wie Richard Löwenthal [alias Paul Sering] und Stefan Eliasberg), und zweitens der Berliner Regionalvorstand der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). (Das waren so ziemlich jene Gruppen, deren Wiener Entsprechungen sich für die Ideen Reichs begeistern konnten: potentiell Reichsches Klientel.)

Anfang 1933 hatte die Org. vielleicht 100 Kader, während etwa 200 Personen der Peripherie der Org. zugeordnet werden konnten. Die einzige Organisation, die bis dahin von der Org. erfolgreich „erobert“ worden war, war die SAJ. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahen, mußte die Org. einsehen, daß ihr langfristig angelegter Plan die beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD zu unterwandern und schließlich zu übernehmen, zunächst ad acta gelegt werden mußte. Die Org. ging in den Untergrund und versuchte eine eigene unabhängige Identität in der internationalen Öffentlichkeit anzunehmen. Beispielsweise warb sie um Anerkennung bei der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (der Nachfolgerin der Zweiten Internationale). In Prag wurde ein Auslandsbüro eingerichtet, das seit Mai 1933 von Dr. Karl Frank geleitet wurde.

Im Frühsommer 1933 schrieb Löwenheim das Programm der Org., die bald „Neu Beginnen“ genannt wurde, als Löwenheims Broschüre September 1933 unter dem Titel Neu Beginnen von der SPD in Prag veröffentlicht wurde (Miles: Neu beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands, Karlsbad 1933. In: Probleme des Sozialismus, Sozialdemokratische Schriftenreihe, Heft 2). Die Schrift wurde viel beachtet.

Im Unterschied zu allen anderen sozialdemokratischen und kommunistischen Theorien der Zeit betrachtete Löwenheim den Faschismus nicht als ein instabiles Phänomen, das schnell verschwinden würde. Stattdessen war für ihn der Faschismus eine politische Revolution, die aus tiefreichenden sozialen Ursachen und Kräften hervorgegangen sei. Der faschistische Staat sei ein durchorganisiertes System, so daß der antifaschistische Kampf ein langfristiges Projekt sein müsse. Da der Faschismus ein monolithischer Block sei und jede Möglichkeit dagegenzuhalten verunmögliche (keine freie Presse, keine Gewerkschaften, etc.), wäre mit der Verschärfung der ökonomischen Krise die gesamte Zivilisation gefährdet, weil in der ökonomischen Krise die Massen ihren bourgeoisen Führern folgten!

Diese Analyse war einzigartig, wenn man von Reichs Faschismus-Theorie absieht, die der von Löwenheim, jedenfalls oberflächlich betrachtet, ziemlich ähnlich ist. Soell deutet übrigens an, direkt sagen tut er es nicht, daß der Name „Neu Beginnen“ tatsächlich von Reich inspiriert sein könnte. Siehe Charakteranalyse (KiWi, S. 267), wo Reich über den intensiven Wunsch des Zwangscharakters spricht, das Leben „neu zu beginnen“.

Die Ereignisse in Deutschland seien, so Löwenheim weiter, unvermeidlich, wenn man sie aus machtpolitischer Warte aus betrachte. Sie seien das Ergebnis der universellen Tendenz zu einem zentralistischen Parteistaat. Löwenheim vergleicht die Sowjetunion sogar mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien: alle drei seien zentralisierte Parteistaaten. Solch ein Staat sei unvermeidlich, aber seine sozialistische Natur sollte sichergestellt werden.

Löwenheim lehnt den traditionellen Determinismus der sozialistischen Bewegung ab, d. h. daß der Sozialismus historisch unvermeidlich ist. Während die bürgerliche Revolution ein natürlicher sozialer Prozeß war, sei die proletarische Revolution nur eine historische Chance. Die proletarische Revolution müsse durch die historische schöpferische Kraft des fortgeschrittensten Teils der Gesellschaft bewußt geplant werden; durch den historisch bewußten Kopf der Arbeiterklasse (d. h. durch bürgerliche Intellektuelle wie Löwenheim!). Am Ende des langen Kampfes müsse der sozialistische Staat stehen mit der gesamten Staatsmacht in den Händen der Sozialistischen Partei.

Unmittelbares Ziel ist ein enges Zusammengehen aller sozialistischen Kräfte unter der Schirmherrschaft der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) und die Zerschlagung der Komintern, da die Komintern Illusionen über die spontane revolutionäre Kraft des Proletariats verbreite. Auch habe die Komintern den Graben, der die Arbeiterbewegung spaltet, verbreitert. Natürlich kritisiert Löwenheim auch die Sozialdemokraten. Weil diese nicht mehr auf eine Marxistische Revolution ausgerichtet seien, fordert er, daß seine eigene Organisation die Führung der sozialistischen Bewegung auf der Grundlage dieser Druckschrift übernimmt.

Löwenheim forderte die Einheitsfront mit allen antifaschistischen Kräften innerhalb der Bourgeoisie. Seit Ende 1933 unternahm Neu Beginnen Anläufe in diese Richtung mit der Bildung „gesellschaftlicher Arbeitsgemeinschaften“ (Gesag). Schon vor 1933 hatten einige Mitglieder der Org. Kontakte mit dem Management der Großindustrie geknüpft.

Die meisten emigrierten Führer der Arbeiterparteien reagierten negativ auf Löwenheims Forderungen. Die stärkste Reaktion kam von der KPD, da sie im Gefolge ihrer „Sozialfaschismus“-Kampagne insbesondere den linken Flügel der Sozialdemokratie bekämpfte. Entsprechend war für sie Neu Beginnen das Böse schlechthin. Für die SPD in Prag wies der alte Karl Kautsky offiziell fast alles zurück, was Löwenheim geschrieben hatte, insbesondere dessen Ablehnung des historischen Determinismus und dessen Plädoyer für eine zentralisierte Parteidiktatur. Kautsky bezeichnete dieses Konzept als „faschistisches Kuckucksei“ im sozialistischen Nest. 1934 wurde Miles‘ Pamphlet übersetzt und in England, Frankreich, und den USA veröffentlicht.

Im Sommer 1935 versuchte das Auslandsbüro von Neu Beginnen eine bessere Beziehung zur Exil-SPD herzustellen. Dies führte zum Beispiel zu einer Zusammenarbeit mit der von der Exil-SPD herausgegebenen Zeitschrift für Sozialismus. Möglich wurde das wegen der Revision von Hauptpunkten im Programm von Löwenheim, die den Anspruch auf die Führung und die zentralistische Parteidiktatur betrafen. Diese Annäherung fand ein Ende, als sich Neu Beginnen im März 1941 der „Vereinigung deutscher sozialistischer Organisationen“ in Großbritannien anschloß. Nach dem Krieg traten viele Mitglieder von Neu Beginnen der SPD bei.

In der Ende Juli 1934 erschienenen Broschüre Was ist Klassenbewußtsein? (S. 9f) schrieb Reich:

In der vor kurzem erschienenen Broschüre Neu beginnen wird sehr richtig die Forderung nach einer „revolutionären Partei“, nach einer im vollen Sinne des Wortes revolutionären Führung gestellt, das Vorhandensein von Klassenbewußtsein im Proletariat jedoch geleugnet:

„Die Grundlage aller ihrer (der II und III. Internationale) Einsichten und Handlungen bildet der Glaube an eine dem Proletariat innewohnende revolutionäre Spontaneität … Wie aber, wenn eine solche revolutionäre Spontaneität nur in den Köpfen der sozialistischen Parteien, aber nicht in der Wirklichkeit existierte? — Wenn das Proletariat von sich aus, also von natürlichen gesellschaftlichen Kräften, gar nicht zum ‚sozialistischen Endkampf‘ getrieben würde … Unfähig anders zu denken als in ihren Dogmen und Thesen, glauben sie mit geradezu religiöser Inbrunst an spontane Revolutionskräfte…“ (S. 6)

Der beispiellos heroische Kampf der österreichischen Arbeiter vom 12.— 16. Februar 1934 beweist, daß es sehr wohl revolutionäre Spontaneität ohne ein Bewußtsein vom „sozialistischen Endkampf“ geben kann. Revolutionäre Spontaneität und Bewußtsein vom „Endkampf“ sind zwei verschiedene Dinge.

Die Führung muß also, so lautet die Konsequenz, das revolutionäre Bewußtsein in die Masse tragen. Zweifellos muß sie das! Aber wie, fragen wir nun, wenn wir noch gar nicht genau Bescheid wüßten über das, was wir revolutionäres Bewußtsein nennen?

Man sieht, daß bei Löwenheim einige Elemente des Reichschen Denkens anklingen – und wie gleichzeitig dessen auf den Staat fixierte Vorstellungen und dessen Konzept einer Konspiration einer Kaderorganisation, die wie ein Nachrichtendienst organisiert ist, all dem zuwiderläufen, wofür Reichs sich damals zu entwickeln beginnendes Konzept der Arbeitsdemokratie steht. Es ist nicht übertrieben Löwenheim als „Roten Faschisten“ zu bezeichnen!

Und das ist mehr als bloße Theorie, denn Nachkriegsdeutschland wurde in entscheidenden Bereichen von der Ideologie und sogar den Kadern Neu Beginnens geprägt, wie bereits in Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3) erläutert. Heute, wo „Wissenschaft“, Medien und Politik flächendeckend vom linken Geist durchdrungen sind, leben wir mehr in einer „Neu-Beginnen-Welt“ als je zuvor. Es ist eine zutiefst totalitäre Welt, die instinktiv Reich-feindlich ist.

Reich war von sozialistischen Geheimorganisationen nach Art von Neu Beginnen geradezu eingekreist. Er selbst war nie Mitglied eines dieser Kulte, wenn man mal von der sektiererischen KPÖ absieht. Mit der genannten kurzzeitigen Ausnahme hat Reich nie einen Hehl aus seinen Ansichten gemacht, während er von Leuten umgeben war, die fast durchweg eine Maske aufgesetzt hatten und geheimen Agenden folgten. Den Grundunterschied zwischen der Orgonomie und der „Neu-Beginnen-Mimikry“ hat Theodore P. Wolfe in einem ganz anderen Zusammenhang beschrieben:

Auch hört man oft das Argument, daß Theorie und Praxis nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind; daß man die eine Art von theoretischem Konzept und eine andere Art von Praxis haben kann. Das ist ein gefährlicher Irrtum und Selbstbetrug. (Translator’s Preface to Second Edition, Character-Analysis, New York 1949, S. XIV)

Reich hätte niemals ein Mitglied dieser Politkulte sein können, aber seine damaligen Anhänger waren es, zumindest Sympathisanten. Betrachten wir Willy Brandt als Beispiel:

Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich das SAP-Mitglied Jacob Walcher in den USA auf, wo aus ihm ein Kommunist wurde. Nach Ende des Krieges ging er in die sowjetisch besetzte Zone und war dort Herausgeber einer Gewerkschaftszeitung. Einige Jahre später fiel er in Ungnade. Schon 1931 war Walcher als „Rechtsabweichler” aus der KPD ausgeschlossen worden. 1932 trat er der Führungsriege der SAP bei und leitete die Auslandsabteilung der Partei. Aber bereits aus seiner Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen, die sich in Opposition zu Moskau befanden („Kommunistische Opposition“), kannte Walcher die norwegische Gruppe „Mot Dag“.

Mot Dag war ein Unikum. Die ordensartige Organisation entstand kurz nach dem Ersten Weltkrieg als eine Gruppe von Studenten und jungen Akademikern, die Mitglied der Norwegischen Arbeiterpartei waren. 1923 verließ Mot Dag die Komintern zusammen mit der Mehrheit der Norwegischen Arbeiterpartei. Zwei Jahre später wurde Mot Dag jedoch von der Norwegischen Arbeiterpartei ausgeschlossen und schloß sich für einige Zeit der KP an. Im Sommer 1933, also gleich nach seiner Ankunft in Norwegen, brachte Walcher Brandt mit Erling Falk in Kontakt, dem Leiter von Mot Dag (Willy Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Brandt war bei Mot Dag sehr aktiv und ab Juni 1934 gehörte er sogar dem Vorstand an, wurde u.a. Vorsitzender und Verkaufsleiter. Er hatte viele Funktionen in den Unterorganisationen von Mot Dag inne. Außerdem gehörte er der Redaktion der Zeitschrift Mot Dag an. Falk und sein innerer Zirkel hatte den Willen und die Fähigkeit Leute an sich zu binden. Brandt brauchte mehr als ein Jahr, um sich wieder zu befreien. Er hatte der Mot Dag mitzuteilen, was im Jugendverband der Norwegischen Arbeiterpartei vor sich ging. Dergestalt wurde er in etwas verstrickt, was ihm zuwider war, vor allem, weil sie aus allem ein so großes Geheimnis machten, auch wußte er nicht, was Sinn und Zweck des ganzen sein sollte (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Von allen Organisationen in Norwegen kam Mot Dag einer Kaderorganisation am nächsten. Die elitäre Gruppe war wie eine Sekte organisiert. Sie hatte in Oslo etwa 100 Mitglieder, einige Dutzend in Trondheim und einige andere in anderen Städten. Die Mitglieder waren Intellektuelle, die fast durchweg aus bürgerlichen Familien stammten. Es waren Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten, Gymnasiallehrer, wissenschaftliche Mitarbeiter, etc. Ursprünglich war Mot Dag eine reine Männergruppe, erst später traten ein paar Frauen bei. Einen nicht geringen Anteil ihres Einkommens hatten die Mitglieder abzutreten. Wer zusätzliches Geld benötigte, mußte einen entsprechenden Antrag stellen. Es war eine Selbstverständlichkeit sein Erbe zu überschreiben und Mitglieder mußten sich in fragwürdigen Wirtschaftsaktivitäten von Mot Dag engagieren. Brandt war ein Sonderfall, da er aus der Arbeiterklasse kam. Aus diesem Grund fiel er nicht lange auf den Elitismus und die Losgelöstheit Mot Dags von der gesellschaftlichen Realität herein. Im Frühjahr 1935 trennte er sich von der Gruppe. Brandt vergleicht ihren Elitismus mit dem der Bolschewisten und ihrer französischen Vorgänger und auch so manchen Ideologen der Neuen Linken Ende der 1960er Jahre (ebd.).

Es wurde auf strikte Disziplin gehalten. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe. Führende Mitglieder hatten Schlüsselpositionen in Frontorganisationen inne. Mot Dag hatte eine Büroetage mit einer Bibliothek und einer Küche, wo viele Mot Dagisten aßen, sogar frühstückten. Die Freizeit wurde gemeinsam verbracht. Unter Falks autoritärer aber auch inspirierender Führung konnte eine verhältnismäßig kleine Gruppe sehr viel erreichen. Sie gab die bereits erwähnte Zeitschrift Mot Dag heraus (1933-1936), führte ein Verlagshaus, stellte eine sechsbändige „Arbeiter-Enzyklopädie“ zusammen, beherrschte wichtige Studentenbünde, hielt eine Abendschule aufrecht. Pionierarbeit wurde geleistet mit einer Zeitschrift für Sexualerziehung. (ebd.) (Wahrscheinleich meint Brandt die Populärt tidsskrift for seksuell oplysning.)

Mot Dag hatte großen Einfluß auf das akademische Leben Norwegens, weniger auf die Politik. Das änderte sich erst als ihre Mitglieder der norwegischen Arbeiterpartei beitraten und in höchste Positionen aufstiegen.

Der Rote Faden: Reich und Trotzki

10. Juni 2016

Seit 1980 ist durch das Trotzki-Archiv eine kurze Korrespondenz zwischen Reich und Trotzki zugänglich (Karl Fallend: „Späte Kontakte: Reich-Trotzki-Briefe“, Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik., Jg. 4, Nr. 1/2, 1987, S. 75-84). Zusätzlich seit 1992 ein Brief von Heinz Epe (Walter Held) an Albert Glotzer über das Treffen von Reich und Trotzki Anfang 1936 in Oslo (Fritz Erik Hoevels: Wilhelm Reichs Beiträge zur Psychoanalyse, Ahriman, 2001, S. 286f)

In einem Brief vom Oktober 1933 bat Reich Trotzki um ein Treffen, um über Reichs Enttäuschung hinsichtlich der kommunistischen Bewegung und auch über seine sexualpolitische Arbeit und deren Beziehung zur revolutionären Politik zu sprechen. Reich legte ein Exemplar seiner soeben erschienenen Massenpsychologie des Faschismus bei.

Insbesondere ist interessant wie Reich auf seine Sexpol-Aktivitäten in Berlin zurückblickt: Er habe in Deutschland seit 1931 die kommunistische sexualpolitische Bewegung organisiert. In Westdeutschland sei die Zusammenfassung von 40 000 Mitgliedern (der insgesamt 300 000 Mitglieder umfassenden Sexualreformbewegung) gelungen. Er habe zwei Jahre einen aufreibenden Kampf gegen die Parteibürokratie gefochten, um eine genuin kommunistische sexualpolitische Linie auszuarbeiten. Er sei jedoch seiner Leitungsfunktion enthoben worden und die Bewegung brach in sich zusammen. Nun versuche er die Kräfte international zu bündeln. Es sei eine eigene sexualpolitische Massenorganisation vonnöten, doch dies ginge nicht ohne Anbindung an eine politische Partei. Aus diesem Grunde wende er sich nun an Trotzki.

Rein politisch habe ich mich von der grundsätzlichen Richtigkeit Ihrer Auffassungen überzeugt und verfolge aufmerksam die Arbeit der L.O. [d.h. der „Trotzkistischen“ linken Opposition in der kommunistischen Bewegung]. Obwohl ich selbst immer weniger an die Möglichkeit einer Wiederherstellung der kommunistischen Partei glaube, konnte ich mich noch nicht restlos mit der Frage der Gründung einer neuen Partei ins Klare bringen. Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß so groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden. Sollte ich ausgeschlossen werden oder aber die Politik der Komintern, wie etwa die Außenpolitik der SU, nicht mehr durch Mitgliedschaft mitverantworten können und selbst austreten, dann bliebe zunächst nur die Möglichkeit, eine Zeitlang parteilos weiterzuarbeiten und die neue parteiliche Bindung abzuwarten. Da meine Arbeit sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht ein neues, bisher brachliegendes Gebiet der revolutionären Front betrifft, muß ich mir einige Selbständigkeit bewahren, ohne Partisan sein zu wollen, solange, bis entweder die revolutionäre Partei grundsätzlich einverstanden ist [oder?].

Trotzki antwortete am 7. November 1933, daß er auf Reichs Gebiet nicht sonderlich bewandert sei, doch an einem weiteren Austausch durchaus interessiert sei.

Zwei Jahre später am 10. September 1935 schrieb Reich an Trotzki, um dessen Meinung über sein Manuskript Masse und Staat (das später in Die Massenpsychologie des Faschismus Eingang fand) einzuholen. Trotzkis Antwort vom 18. September 1935 war fast identisch mit seiner Antwort 1933.

Bemerkenswert ist, daß Trotzkis Buch Die verratene Revolution in Norwegen zu der Zeit geschrieben wurde, als er mit Reich in Kontakt stand und daß zuvor Reich seine eigene „Die verratene Revolution“ an Trotzki gesandt hatte: Masse und Staat. Reich hatte das Manuskript damals nicht veröffentlicht, sondern nur an einige „Genossen“ geschickt – inklusive Stalin. Eine revidierte Fassung wurde erstmals 1946 in The Masspsychology of Fascism veröffentlicht.

Es ist möglich, daß Trotzki Reichs Manuskript las und daß es Die verratene Revolution beeinflußt hat.

Die verratene Revolution hatte zwei Effekte. Indem das Buch Stalins Haß explodieren ließ:

  1. löste es unmittelbar die blutigen Säuberungen, die Moskauer Prozesse von 1937 und 1938 aus; und
  2. hatte Trotzki mit der Veröffentlichung dieses Buches sein endgültiges Todesurteil unterschrieben.

Mit seinem Manuskript hat demnach Reich vielleicht ungewollt zum Tod von Hunderttausenden beigetragen – und sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Nach der Veröffentlichung von The Masspsychology of Fascism wurde er von den amerikanischen Stalinisten als „Psychofaschist“ angegriffen – und ein Jahr später startete die Stalinistin Mildred Brady die Kampagne, die schließlich in Reichs Verhaftung und Tod im Gefängnis kulminierte.

Auf jeden Fall wird man in Moskau die Kontakte von Reich und Trotzki, bei denen es immerhin um organisatorische Fragen ging, mit äußerstem Interesse verfolgt haben! Wenn man etwa Dimitri Wolkogonows Buch über Trotzki (Das Janusgesicht der Revolution, Düsseldorf 1992) liest, wird es zur Gewißheit, daß in solchen Fällen Stalin höchstpersönlich informiert wurde. Er wurde ohnehin über alles, was im Umfeld Trotzkis geschah, auf dem Laufenden gehalten. Jede kleinste Einzelheit! Wolkogonow macht zwei bemerkenswerte Beobachtungen:

  1. Trotzki befand sich zwischen dem 18. Juni 1935 und dem 19. Dezember 1936 in Oslo – ein ziemlich langer Zeitraum! Agent „Gamma“ berichtete im November 1936 nach Moskau, daß aufgrund einer Übereinkunft zwischen Norwegen und der Sowjetunion die Korrespondenz Trotzkis geöffnet werde. Trotzki wurde nicht nur überwacht, es gab dabei auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Norwegen und der SU. Wurde Reichs Korrespondenz ebenfalls geöffnet? War er schon damals mehr im sowjetischen Netz gefangen, mit aktiver Unterstützung durch die Norweger, als er jemals zu denken gewagt hat?
  2. Wolkogonow beschreibt all die kleinen Parteien zwischen den stalinistischen KPs (Dritte Internationale) und den „revisionistischen“ SPs (Zweite Internationale). Parteien und Bewegungen wie Willy Brandts SAP oder Karl Franks Neu Beginnen (man könnte auch Reichs Sexpol nennen). Einige dieser „Zwischenparteien“ waren mit der Trotzkistischen „Vierten Internationalen“ verbunden. Wolkogonow, der seine Informationen aus den Geheimarchiven des KGB schöpfte, schreibt, daß diese Parteien nicht nur Mitglieder umfaßten, die (wie Reich) zuvor aus den KPs und SPs ausgeschossen worden waren, sondern auch eine ganze Reihe von GPU-Agenten, die alle Inforationen umgehend nach Moskau weiterleiteten. Als schließlich die Vierte Internationale am 3. September 1938 gegründet wurde (tatsächlich hatte sie seit 1933 funktioniert), gab es nur einen Trotzkistischen Repräsentanten für Rußland: Mark Sborowski, einer von Trotzkis engsten Mitarbeitern – und Agent der GPU.

Zur Verdeutlichung: die Zweite Internationale scheiterte am Ersten Weltkrieg, so daß sie mit einiger Berechtigung durch die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale abgelöst wurde. 1923 gründeten die Sozialdemokraten die Sozialistische Arbeiterinternationale, die bis 1940 bestand hatte. 1951 wurde die Sozialistische Internationale durch Kurt Schumacher ins Leben gerufen.

Mark Sborowski (1908-1990) war Sohn russischer Emigranten in Polen und dort Mitglied der KP. Er wanderte nach Frankreich aus und trat dort in den Dienst der GPU. Auf Wikipedia heißt es über ihn (hier „Zborowski“ genannt):

In Paris arbeitete Zborowski ab 1933 unter dem Namen Etienne als stalinistischer Spion in den Reihen der trotzkistischen Bewegung in Frankreich. Seine Berichte wurden von Stalin persönlich gelesen. Er gilt als Beteiligter an der Ermordung von Erwin Wolf und Ignaz Reiss 1937, sowie Leo Sedow [Trotzkis Sohn] und Rudolf Klement 1938. Nach Sedows Tod wurde Zborowski Herausgeber und Redakteur des „Bulletins der Opposition“. Im September 1938 machte er Ramón Mercader mit der Trotzkistin Sylvia Ageloff bekannt, was diesem 1940 Zugang zu Leo Trotzki verschaffte und das tödliche Attentat auf ihn ermöglichte. Zborowski erhielt an der Sorbonne ein Diplom als Fachmann für Ethnologie und betrieb erfolgreich anthropologische Forschung. 1941 emigrierte er in die USA, wo er seine Agententätigkeit gegen die Vierte Internationale fortsetzte. In den 1950ern wurde er enttarnt und mußte vor einem Senatsausschuß für Innere Sicherheit aussagen. 1962 wurde er wegen Meineids verurteilt und saß zwei Jahre in Haft.

Wolkogonow beschreibt das Schicksal von Sborowski in Amerika. Beispielsweise gaben Margaret Mead und Sborowski 1952 eine ethnologische Studie über Juden in Osteuropa heraus. Mead war mit Sborowski engbefreundet und sollte ihn stets unterstützen. William Steig, Reichs Mitarbeiter, war von 1936 bis 1949 mit Elizabeth Steig (1909–1983), der Schwester von Margaret Mead verheiratet.

Es ist ziemlich aufschlußreich Stalins Kampagne gegen Trotzki und wie die geradezu dämonische Schmierkampagne funktionierte (sogar wohlmeinende Linke fingen an Trotzki als den letzten Dreck zu betrachten), mit der Schmierkampagne gegen Reich zu vergleichen!

Es muß aber auch gesagt werden, daß Trotzki eine Art „Ur-Stalin“ war. Stalin führte eine rein „Trotzkistische“ Politik durch: erzwungene Industrialisierung, Militarisierung der Gesellschaft, extrem anti-kapitalistische Maßnahmen, sektiererische ideologische Vereinheitlichung, Dogmatismus, Zensur, etc.pp. Sie, Trotzki und Stalin, haßten einander so sehr, weil sie, bei allen z.T. krassen Unterschieden der Persönlichkeit, sich in mancher Hinsicht so sehr glichen. Es war Trotzki, der als erster die Idee hatte Gefangene als Arbeitssklaven für den „Aufbau des Sozialismus“ zu nutzen. Natürlich war Trotzki nicht solch ein psychopathologisches Monster wie Stalin, aber er war ein „ideologisches Monster“. Ein hervorragendes Beispiel für den pseudo-liberalen „modern-liberal character”. Bronstein sprach Deutsch und auf Deutsch klingt der Name „Trotzki“ wie „Trotz”. Ödipaler Trotz gegen das „Establishment“.

Stalin ließ aus persönlichen Gründen töten, Trotzki wegen der „historischen Notwenigkeit”. Ich würde soweit gehen, daß bis etwa 1928 Stalins Herangehensweise weit rationaler und humaner war als die Trotzkis. Genau aus diesem Grund wurde er auch von den Apparatschiks vorgezogen, die Angst vor dem „Bonaparte“ Trotzki hatten. Danach verwirklichte Stalin genau das, was Trotzki zuvor gepredigt hatte: erzwungene Industrialisierung, Ausbeutung der „kleinbürgerlichen“ Bauernschaft um die Industrialisierung voranzubringen, Militarisierung aller Lebensbereiche, „Proletarisierung“ der Kader, so daß mediokere Volldeppen wie Chruschtschow und Breschnew an die Macht gelangen konnten, „proletarische Erbarmungslosigkeit“, das für Trotzki so typische Sektierertum, etc.pp.

Selbst der Hang zu Verschwörungstheorien, beispielsweise die „Sozialfaschismus“-Theorie, war zunächst bei Trotzki zu finden. Circa 1924 peinigte diesen die Frage, wie es möglich sei, daß je höher eine kapitalistische Gesellschaft entwickelt ist, desto schwächer die KP in dem betreffenden Land ist. Seine Antwort: die Sozialdemokratie sei zu einem Erfüllungsgehilfen amerikanischer Kapitalinteressen geworden (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 90). Wenn etwas nicht nach Marxistischer Theorie lief, dann war nicht etwa die Theorie falsch, sondern Eingriffe von außen brachten die „historischen Gesetzmäßigkeiten“ durcheinander.

Und noch etwas zu Stalin: Wenn man Wolkogonows Buch über Stalin (Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1993) liest: Stalin gab eine perfekte „Charakteranalyse“ jedes einzelnen der alten hochintellektuellen Bolschewisten, die er einen nach dem anderen umbringen ließ. Stalin selbst legte die charakterologische Basis des Kommunismus offen!

Soweit zur „Ehrenrettung“ Reichs als „Anti-Stalinisten“.

In Reichs vom Kommunismus inspirierten Werken finden sich Aussagen, die allem widersprechen, wofür Reichs Konzept der „fachbewußten“ Arbeitsdemokratie steht. Zum Beispiel wollte Reich in den 1930er Jahren ganz nach kommunistischem Muster die Stellung des Industrieproletariats ausnutzen, um als „Gegengewicht gegen die eng zünftlerischen und eng berufsfachlichen Interessen, die der Kapitalismus unter den Arbeitern gezüchtet hat“, zu wirken (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 228, d.h. im „Trotzkistischen“ Kapitel „Masse und Staat“). Reichs reife Position hat wirklich rein gar nichts mehr mit derartigen Marxismen zu tun.

Im Juni 1922 befaßte sich das Politbüro auf Initiative Lenins mit den „antisowjetischen Gruppierungen“ innerhalb der Intelligenz. Der hierzu gefaßte Beschluß, der in erster Linie auf Unschlicht, Kurski und Kamenew zurückging, glich den Richtlinien der mittelalterlichen Inquisition. Unter anderem wurde angeordnet, eine „Aussonderung bei den Studenten“ vorzunehmen, mit dem Ziel einer „strengen Aufnahmebeschränkung für Studenten nicht-proletarischer Herkunft und politisch unzuverlässiger Elemente“. Zudem sollte „eine sorgfältige Überprüfung aller Presseorgane“ durchgeführt werden. Man verfügte weiterhin, „daß weder Kongresse noch sonstige Versammlungen diverser Spezialisten (Ärzte, Agronome, Ingenieure, Rechtsanwälte usw.) durchgeführt werden dürfen, die nicht durch den NKWD genehmigt worden sind. Örtliche Kongresse oder Versammlungen dieser Personengruppen werden durch die Exekutivkomitees des Gouvernements kontrolliert. Gewerkschaftliche Vereinigungen dieser speziellen Berufsgruppen werden gesondert behandelt und aufmerksam beobachtet. (Dimitri Wolkogonow: Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf 1994, S. 137f)

Aber zurück zum Thema: Im folgenden beziehe ich mich auf Natalja Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume: die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924 – 1938), Klinkhardt Verlag, 2005, S. 243 plus Dokument 20 und auf Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron (FS&G, 2011, S. 188f).

Otto Ernst Knobel (alias Brand), Jahrgang 1908, stammte aus Schwerin. 1922-1928 Besuch der Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln, Freundschaft mir Bruno Krömke. Mitglied des Sozialistischen Schüler-Bundes (SSB) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Schulkampf. Seit 1927 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland (KJVD), seit 1929 in der KPD, Redakteur der Zeitung Kommunistische Jugendinternationale. Er studierte fünf Semester an der Berliner Universität. 1933 Emigration nach Paris ohne die Partei um Einwilligung zu bitten. Er bekommt keinen offiziellen Emigrantenstatus zuerkannt. In Paris Kontakt mit Trotzkisten.

Zu dieser Zeit (1934) besuchte auch Reich die französische Hauptstadt und traf dort mit einigen Trotzkistischen Vertretern zusammen, die, nach seinen Angaben, alle Die Massenpsychologie des Faschismus gelesen hatten. Rückkehr Knobels nach Deutschland. 1935 Emigration nach Frankreich und Dänemark. In Kopenhagen arbeitet er in Reichs Verlagshaus. Das erwähnte Treffen in Paris sei vermutlich, so Christopher Turner, von Knobel arrangiert worden, der zu den Trotzkisten fand, bevor er zu Reich nach Dänemark ging. Er könnte es gewesen sein, der die Pariser Trotzkisten mit Exemplaren von Die Massenpsychologie des Faschismus versorgt hatte. Später gibt er an, mit Reich wegen persönlicher Konflikte gebrochen zu haben. Jedoch sagten andere Genossen bei den Verhören in Moskau aus, daß er mit Reichs Einwilligung zunächst nach Berlin ging und dann einen Monat später über Intourist in die UdSSR kam. Er habe Reich derartig nahegestanden, daß er dessen Briefe an Trotzki las und sogar selbst abgeschickt hatte.

Nachdem Knobel im Juni 1935 in der UdSSR ankommt, zeitweilige Arbeit am Moskauer Elektrotechnischen Institut für Nachrichtenwesen. Seit September 1935 unterrichtet er an der Karl-Liebknecht-Schule (Werken bzw. „Technologie“), ab September 1936 Klassenleiter und Biologielehrer, verantwortlich für das Biologiekabinett. Im Sommer 1936 einer der Leiter bei der Schulreise zum Sewan-See (Armenien). Im April 1936 informierte die Kaderabteilung die zuständigen Behörden über Knobels Vergangenheit. Er wird Anfang Oktober 1936 verhaftet und im Juni 1937 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Vermutlich ist er im Lager ums Leben gekommen.

Turner:

Das Komintern-Dokument das ihn stigmatisierte, ein Bericht von 1936 mit dem Titel „Trotzkisten und andere feindliche Elemente in der Emigrantengemeinde der deutschen KP“ [Dokument 20] beschuldigte Knobel Reich beim Verfassen und Übersenden seiner Briefe an Trotzki geholfen zu haben und behauptete, daß Reich „aus der KPD wegen Trotzkismus ausgeschlossen worden war“ (William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934-1939, New Haven: Yale University Press, 2001, S. 166). Wahrscheinlich haben Sowjetagenten Reichs [ersten] Brief an Trotzki abgefangen und möglicherweise hat das, ohne daß Reich dies ahnte, zu seinem Ausschluß aus der Dänischen Kommunisten Partei im darauffolgenden Monat beigetragen.

Turner zieht in Zweifel, daß Reich und Trotzki sich getroffen haben, obwohl sie in der gleichen Stadt lebten, Oslo. Sein überzeugendes Argument: es paßt einfach nicht zu Reichs Ego, daß er darüber für den Rest seines Lebens Schweigen gewahrt hätte. Aber Reich hat Trotzki tatsächlich im April 1936 zu einer eingehenden Unterredung getroffen. Siehe dazu Christiane Rothländers extrem wertvolles Buch Karl Motesiczky 1904-1943 (Wien 2010, S. 217f).

Beispielsweise hat auch Willy Brandt Trotzki nie getroffen, obwohl Trotzki 1935 und 1936 der bei weitem prominenteste politische Flüchtling in Norwegen war. Zwar wurde Brandt Anfang 1935 mitgeteilt, er könne Trotzki sehen, aber dann lehnte Trotzki ein Treffen ab wegen Brandts „opportunistischer Haltung in der ‚Norwegen-Frage‘“ (was immer diese „Norwegen-Frage“ auch gewesen sein mag). Brandt zufolge war Trotzki in ideologischer Hinsicht äußerst puristisch (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982). Er traf also Reich, weil dieser ausreichend „linientreu“ war. Im übrigen verlief das Gespräch Reich/Trotzki, nach Epes Erzählung, ziemlich ernüchternd: Die sexuellen Lockerungen am Anfang der Sowjetunion waren Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die üblichen Marxistischen Versatzstücke. – Reich war sicherlich „Leninist“, aber schlichtweg kein Marxist!

Ein weiterer Hinweis von Turner ist sehr interessant und wird angesichts des tatsächlich stattgefundenen Treffens in seiner Bedeutung nur nochmals unterstrichen. Es geht um Trotzkis bereits erwähntes 1936 veröffentlichtes Buch Verratene Revolution, dessen Einfluß auf Reichs politische Haltung, so Turner, „unermeßlich“ war:

Trotzki analysierte die Art und Weise in welcher die kommunistische Revolution seit Lenins Tod in die Hose gegangen war. Er glaubte, sie sei von Bürokraten gekapert worden und sagte als Ergebnis den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus: er rief zu einem weiteren reinigenden Aufstand auf. Trotzki kritisierte den neuen „Familienkult“, der in Rußland unterstützt wurde und den er als zynischen Trick zur „Disziplinierung der Jugend durch 40 Millionen Stützpunkte der Autorität und der Macht“ betrachtete. Das war genau die Strategie, die Reich Hitler in Die Massenpsychologie des Faschismus vorgeworfen hatte. Trotzki dokumentierte auch Stalins „sexuellen Thermidor“, der die Reformen der Oktoberrevolution, die Ehe und Sexualität betrafen, rückgängig machte; nun war Abtreibung verboten, Sodomie wieder ein Straftatbestand und die Ehescheidungsgesetze waren verschärft worden. Reich war von den Berichten über die Unterstützung sexueller Unterdrückung angewidert; sie zerschlugen ein für allemal seine rosigen Illusionen hinsichtlich des russischen Kommunismus. Nachdem er Trotzkis Streitschrift gelesen hatte, bezeichnete er Stalin als „den neuen Hitler“ und die Stalinisten als „rote Faschisten“.

Es ist zwar mehr als fraglich, ob es dazu Trotzkis Buch bedurft hatte, aber ohne Zweifel hat es den sicherlich immer noch schwankenden Reich bestärkt. Was Turner nicht erwähnt: die Beeinflussung war wechselseitig. Rothländer:

Daß die Diskussion mit Reich nicht ohne Wirkung auf Trotzki geblieben ist, läßt seine wenig später veröffentlichte Arbeit Verratene Revolution vermuten. Darin kam Trotzki in dem „Familie, Jugend, Kultur“ überschriebenen Kapitel auch auf jene Fragestellungen, die im oben erwähnten Brief [an Trotzki] bereits angeschnitten wurden, ausführlich zu sprechen und unterzog, wie auch Reich in seiner Arbeit Die Sexualität im Kulturkampf (1936), die Verschärfung der der Sexualgesetzgebung in der Sowjetunion einer kritischen Analyse.

Es ist nicht nur „anzunehmen“, sondern schlichtweg sicher, daß all dies den Sicherheitsbehörden in Moskau, die sich praktisch ausschließlich mit Trotzki und den „Trotzkisten“ beschäftigten, nicht entgangen ist. Dies zu Reichs „paranoider“ Angst vor den Roten Faschisten in Amerika!

Wie bereits angeschnitten: als Die Sexualität im Kulturkampf neun Jahre später in Amerika unter dem Titel Die sexuelle Revolution erschien, 1946 Die Massenpsychologie des Faschismus, wurde Reich von den Stalinistischen Fellow Travellers als „Psychofaschist“ gebrandmarkt. Ein Jahr später, 1947, trat Mildred Brady auf den Plan…

Der Rote Faden: Der Reichsverband für proletarische Sexualpolitik

6. Juni 2016

Heute ist der deutschsprachige Student der Orgonomie in der Lage Reichs Lebensweg im Detail in weitgehend kritischen und objektiven Studien zu verfolgen: Die Zeit bis 1922 wird durch das selbstkritische und schonungslose Leidenschaft der Jugend abgedeckt, die Wiener Zeit von Karl Fallend (Reich in Wien, Wien-Satzburg 1988), Berlin von Marc Rackelmann und neuerdings extrem ausführlich von Andreas Peglau, Skandinavien von Christiane Rothländer (Karl Motesiczky (1904-1943): Eine biographische Rekonstruktion, Wien 2010), die Zeit von der Ankunft in New York bis zum Auftauchen von Mildred Brady kann man in den entsprechenden Abschnitten der Reich-Biographie seiner damaligen Ehefrau Ilse Ollendorff verfolgen und schließlich die letzten zehn Jahre in USA gegen Wilhelm Reich (Frankfurt 1995) von Jerome Greenfield.

Im folgenden beziehe ich mich weitgehend auf Marc Rackelmann: Der Konflikt des „Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik“ (Sexpol) mit der KPD Anfang der dreißiger Jahre. Zur Rolle Wilhelm Reichs bei Entstehung und Arbeit des kommunistischen Sexualreformverbandes, Dissertation, Freie Universität Berlin, 1992 (siehe auch hier).

In Berlin war Reich Mitglied des Vereins sozialistischer Ärzte und schrieb in deren Organ Der sozialistische Arzt. 1924 aus dem sozialdemokratischen Ärzteverein hervorgegangen, war der Verein eine gesundheitspolitische Plattform für Linke, die parteipolitisch offen waren. In der Vereinigung waren 50% Mitglieder bei der SPD, 20% bei der KPD und 30% nicht parteipolitisch gebundene. Viele Aktivisten der Sexualreform-Bewegung waren Mitglied wie etwa Martha Ruben-Wolf, Richard Schmincke (der kommunistische Stadtrat von Berlin-Neukölln), Max Hodann, Otto Fenichel, Wilhelm Reich und viele andere.

Im Mitteilungsblatt des Vereins Sozialistischer Ärzte Der sozialistische Arzt veröffentlichte Reich ein Referat, das er am 16. Januar 1931 vor der Ortsgruppe Groß-Berlin des Vereins Sozialistischer Ärzte gehalten hatte (Bd. 7, Nr. 4, S. 111-115 und Bd. 7, Nr. 5, S. 161-165). Nach Reichs Erfahrung sind etwa 90% der Frauen und etwa 60% der Männer genitalgestört und befriedigungsunfähig. Diese mangelhafte Regulierung des sexuellen Haushalts ist für die Neurosen verantwortlich. Allein schon äußere Einwirkungen auf das Individuum, wie mangelnde Empfängnisverhütung, Wohnungsnot, insbesondere der Jugend, und die Ehemisere, hintertreiben eine befriedigende Sexualität. Zu diesem unmittelbaren kommt der mittelbare Einfluß der Gesellschaftsordnung, die durch sexuelle Unterdrückung der Kinder und Jugendlichen den Charakter formt. Da Neurosen Sexualerkrankungen sind, kann die Neurosenprophylaxe nur in sexueller Befreiung bestehen, die wiederum in der kapitalistischen Gesellschaft unmöglich ist. Deshalb kann sich die Bewältigung des Neurosenproblems nicht auf die ärztliche Privatpraxis beschränken, sondern ist nur im politischen Raum möglich.

Reich betrachtete seine politische Tätigkeit nur als konsequente Fortführung seiner Arbeit als Psychoanalytiker, genauso wie er seine Orgasmustheorie nur als konsequente Fortführung der Freudschen Libidotheorie betrachtete.

Die Komintern war 1919 als Kommunistische Weltpartei gegründet worden, die von einem Exekutivkomitee geleitet wurde. Seit Mitte der 1920er Jahre wurde sie von der KPdSU dominiert, d.h. streng in Moskau zentralisiert. Die innerparteiliche Demokratie wurde in den KPs mehr und mehr eingeschränkt. Sogar die Parteien selbst verloren ihre Unabhängigkeit und wurden zu bloßen Anhängseln der KPdSU. Zu der Zeit als Reich die kommunistische Szene betrat, war die Zentralisation fast abgeschlossen. Auf dem 12. Parteitag im Juni 1929 war die Stalinisierung der KPD offiziell vollendet, d.h. jede innerparteiliche Opposition zerstört. Die Tätigkeit innerhalb der Partei konzentrierte sich nun hauptsächlich auf die Anwerbung neuer Mitglieder. Aus diesem Grund wurden verschiedene Massenorganisationen eingerichtet, um eine vereinigte Arbeiterfront von unten gegen die „sozialfaschistische“ Führung der SPD zu mobilisieren. Offiziell waren diese Massenorganisationen parteipolitisch ungebunden, standen aber tatsächlich unter vollständiger kommunistischer Kontrolle. Der ursprüngliche Zweck einer solchen Massenorganisation war nur Fassade. Die KPD war nicht im geringsten an wirklichen gesellschaftlichen Problemen interessiert, sondern ausschließlich an der politischen Organisation der Arbeiterklasse, insbesondere aber am Kampf gegen die SPD.

Eine dieser Massenorganisationen war Reichs Sexpol. Sie trug jedoch nicht den Namen, den Reich gewählt hatte und den er auch später stets angab („Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“), sondern offiziell „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz”. Der Name „Einheitsverband” spiegelt auch genau die wahren Intentionen der Komintern wider. Seine Bildung kann man direkt auf die Politik der KPD während ihrer ultralinken Phase am Ende der 1920er und frühen 1930er Jahre zurückführen. Der Einheitsverband war der Versuch der KPD, die von der SPD dominierte Sexualreformbewegung der Weimarer Republik hinter der Fahne der KPD zu vereinigen. Das widersprüchliche Bild, das der Einheisverband uns bietet, stammte vom Konflikt zwischen den straffen Organisationsprinzipien der KPD und Reichs Herangehensweise: „Entwicklung sozialer Anschauungen aus der praktischen Erfüllung menschlicher Bedürfnisse statt Mißbrauch menschlicher Bedürfnisse zur Gewinnung politischer Macht“ (Menschen im Staat, S. 154).

Als loyaler Leninist war Reich anfangs willens sich den organisations-politischen Vorgaben der KPD unterzuordnen, doch im Verlauf der praktischen Arbeit zeichneten sich die Unterschiede zwischen den beiden Herangehensweisen immer deutlicher ab und führten zum Bruch und dem Ausschluß aus der KP.

Es begann mit:

Ich belebe deine Massen, kleiner Revolutionär, zeige ihnen die Misere ihres kleinen Lebens. Sie horchen meinen Worten, glühen vor Begeisterung und Hoffnung, rennen in deine Organisationen, weil sie glauben, mich dort zu finden. (Rede an den kleinen Mann, S. 42)

Und endete mit der Drohung von Seiten der Kommunisten:

Wenn ich meine Führer aller Proletarier aller Länder in Deutschland zur Macht schwingen werde, werde ich ihn (Reich) an die Wand stellen! Er verdirbt die Ehre unserer proletarischen Jugend! (…) Er macht Bordelle aus meinen Jugendkampfesorganisationen. (…) Er zerstört mein Klassenbewußtsein! (ebd., S. 81)

In die Bildung des Einheitsverbandes waren zwei kommunistische Schirmorganisationen involviert: die „Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen“ (ASO) und die „Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur“ (ifa). Zur Führung der ASO gehörten Schröter und Rädel, die neben anderen mit Reich zu tun hatten. Der ASO waren Unterorganisationen wie beispielsweise „Rote Hilfe“ und „Internationale Arbeiterhilfe“ angeschlossen. Sie gab die Zeitschrift Proletarische Sozialpolitik heraus. Alle Organisationen innerhalb der ASO und ihre Funktionäre waren verpflichtet, diese Zeitschrift zu beziehen.

Zur ifa gehörte beispielsweise die Marxistische Arbeiterschule MASCH, in der Reich aktiv war. Die ifa gab die Zeitschrift ifa-Rundschau heraus.

Zur Vorbereitung eines für April 1931 geplanten Vereinigungs-Kongresses der sexualreformerischen Bewegung hielt die ASO Ende 1930 zwei Konferenzen mit den größten deutschen Sexualreform-Vereinigungen ab, eine in Berlin und eine in Leipzig.

In Berlin fanden sich einige Verbände in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die provisorisch von Hans Hexel (Liga für Mutterschutz und soziale Familienhygiene), Wilhelm Kauffmann (World League for Sex-Reform), Karl Klein (Reichsverband für Geburtenregelung) und Felix Theilhaber (Gesellschaft für Sexualreform) geleitet wurde. Sie machte sich die Richtlinien der KPD zur Geburtenkontrolle eigen.

In Leipzig war nach einigen Auseinandersetzungen Martha Arendsee, Funktionärin der ASO, als Hauptrednerin in der Lage den größten Teil der teilnehmenden sexualreformerischen Organisationen zu überzeugen. Der geplante Vereinigungskongreß wurde zunächst vom April in den Mai und schließlich in den Juni 1931 verlegt.

Der nationale Vereinigungskongreß in Berlin am 20. und 21. Juni gestaltete sich dann auch schwieriger als gedacht. Er stand von Anfang an unter dem unheilverkündenden Vorzeichen von Machtquerelen zwischen den großen Reichs-Verbänden. Es gab Widerstand gegen eine Gleichschaltung durch die KPD vom „Reichsverband für Geburtenregelung“ und der „Liga für Mutterschutz und soziale Familienhygiene“. Der Kongreß scheiterte schließlich daran, daß der „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ mit seinen etwa 3000 Mitgliedern den anderen Organisationen mit ihren zusammen etwa 50 000 Mitgliedern ein Ultimatum stellte in ihn aufzugehen.

Der „Einheitsverband“ war in Westdeutschland entstanden. Im Mai 1931 hatte die ASO-Funktionärin Luise Dornemann in Düsseldorf die Sexual-Reform-Verbände der nordrheinischen Region im „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ zusammengeführt. Die bereits existierende Zeitschrift Die Warte wurde ihr offizielles Organ, in dem auch Reich veröffentlichte.

Unter dem Pseudonym Ernst Roner führte Reich in Die Warte, dem „Kampforgan für proletarische Sexualpolitik und für die Herstellung der Einheit aller sexualpolitischer Organisationen“ des „Einheitsverbandes für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ u.a. aus, es gelte den Massen neben ihrer materiellen auch die unlösbar damit verknüpfte sexuelle Not vor Augen zu führen. Reich ging es dabei darum, den Menschen ihre Bedürfnisse bewußt zu machen, deren Befriedigung sie dann erkämpfen sollten.

Zu dieser Zeit war ihm noch nicht bewußt, daß die KPD zwar an einer Mobilisierung der Massen interessiert war, weshalb sie Reich anfangs gewähren ließ, aber diese Massen sollten altruistisch-bedürfnislos, militärisch form- und von oben herab dirigierbar sein. Während Menschen, die an ihren eigenen individuellen Bedürfnissen ausgerichtet waren, den „kleinbürgerlichen Anarcho-Syndikalismus“ oder den reformerischen „Sozialfaschismus“ verkörperten. Reich war demnach kein Kommunist, und wurde als solcher auch nie anerkannt, aber auch kein „Anarchist“ und alles andere als ein kompromißlerischer „Liberaler“: Reich war Charakteranalytiker, der die verdrängten Leiden und Bedürfnisse bewußt macht, damit das Individuum wieder Verantwortung übernehmen und sich selbst regulieren kann.

In dem Artikel „Auflösung der Familie?“ führt Reich in Die Warte aus, daß mit der Entwicklung der Produktivkräfte nicht nur die Produktionsverhältnisse in eine Krise geraten, sondern es kommt auch, trotz der verzweifelten ideologischen Gegenwehr der Reaktion, zu einer fortschreitenden Zersetzung der Familie. Man kann sich nicht mehr hinter der Privatheit verschanzen, wenn man diesen Prozeß bewußt fördern und lenken will, so daß es zu einer befriedigenden Regelung des Sexuallebens kommt, genauso wie die ökonomische Umwälzung dank der bewußten Lenkung durch die KP die soziale Misere aufheben wird. Dazu braucht es eines detaillierten Wissens über die sexual-politische Rolle der Familie.

Die provisorische Führung des Einheitsverbandes lud für den 14. Juni 1931 zu einem Vereinigungskongreß in Barmen, im heutigen Nordrhein-Westfalen ein. Das war typische KP-Strategie: die Organisation von unten, von der Provinz her, um die sozialdemokratische Führung der meisten Sexualreform-Verbände zu unterminieren. Der Vereinigungskongreß in Barmen wurde durch einen großen Vortrag des „Genossen Dr. Reich“ eröffnet, der die Beziehung zwischen Sexualnot und Kapitalismus aufzeigte. Der regionale Vereinigungskongreß hatte Erfolg.

Diese Organisation, die von Reich beherrscht wurde, versuchte nun vergebens den im ersten Teil erwähnten nationalen Vereinigungs-Kongreß vom 20. und 21. Juni 1931 in Berlin zu dominieren. Eine kleine Minderheit versuchte der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen – ganz entsprechend Reichs politischen Manövern zuvor in Wien.

Zwei Wochen zuvor, am 9. Juni 1931 hatte die ifa in Berlin Reichs sexualpolitische Plattform eines geplanten „Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik“ herausgegeben. Dazu müssen wir kurz zurück nach Wien blicken:

Im September 1930 hielt der seit kurzem in Berlin lebende Reich in Wien einen Vortrag vor der Weltliga für Sexualreform. Der 4. Kongreß der Weltliga dauerte vom 16. bis 23. September 1930 und stand unter dem Motto „Sexualnot und Sexualreform”. Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen als internationales sexualwissenschaftliches Diskussionsforum von den berühmten Sexualforschern Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel und Helene Stöcker, dem Engländer Havelock Ellis, den Russen Alexandra Kollontai und Pasche-Oserski und dem Schweizer Ehepaar Brupbacher gegründet worden. In seinem letzten öffentlichen Auftreten in Wien verlaß Reich seinen radikal kommunistischen Aufsatz „Die Sexualnot der werktätigen Massen und die Schwierigkeiten der Sexualreform“, der 1931 in Sexualnot und Sexualreform (Verhandlungen der Weltliga für Sexualreform, Elbemühl-Verlag, Wien) veröffentlicht wurde.

Nach seinem Referat wurde Reich von einem Komitee der Weltliga gebeten, für sie eine sexualpolitische Plattform auszuarbeiten. Doch das Komitee lehnte sie dann als zu kommunistisch ab. Schon vorher hatte Reich die Plattform beim ZK der KPD vorgelegt. Nach Genehmigung durch die „Ärztefraktion der KPD“ schlug Reich vor, sie zur Plattform eines sexualpolitischen Einheitsverbandes der in viele Organisationen zersplitterten deutschen Sexualreformbewegung zu machen. Am 9. Juni 1931 verschickte, wie bereits erwähnt, die ifa Reichs Plattform und lud zum 17. Juni zu einer Diskussion darüber ein. Nach Reichs Vorschlag sollte der sexualpolitische Einheitsverband „Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“ heißen. Man gab in einer Auflage von 100 000 eine bereits nach einer Woche vergriffene Broschüre heraus, die weiter für die Einheit der sexualpolitischen Organisationen unter dem „Einheitsverband“ warb.

In der Broschüre Liebe verboten (Verlag für Arbeiterkultur, Berlin 1931) wurde über den gescheiterten Berliner Kongreß berichtet und für eine Lösung der Sexualnot nach sowjetischem Vorbild geworben, außerdem enthielt sie die Auseinandersetzung mit einer Papstenzyklika. Ihr Kern bildete aber eindeutig Reichs Plattform.

Reich wurde langsam bewußt, daß es der KPD bei dieser ja auch von ihm getragenen Machtpolitik in keinster Weise um Sexualreform oder gar um Reichs Theorien ging, sondern nur um die Einbindung weiterer Massen in ihre Unterorganisationen. In dieser Erfahrung, daß es hinter einer „sozialen“ Fassade dem Kommunismus ausschließlich um schiere Macht geht, er nichts weiter als „organisierte Emotionelle Pest“ ist, die letztendlich „die Liebe verbieten“ will, ist der Ursprung des unerbittlichen, von niemandem zu übertreffenden Antikommunismus der Orgonomie zu suchen.

Nach dem Scheitern des Reichsverbandes für proletarische Sexualpolitik konzentrierte sich Reich auf seine eigene im Sommer 1931 ins Leben gerufene Sexualberatungs- und Schutzmittelstelle (bzw. „Arbeitersexualklinik“) in Berlin-Charlottenburg. Als Reich im Einheitsverband mit Anschauungen, die der Sexualökonomie widersprachen, konfrontiert und er von KP-Funktionären zunehmend behindert wurde, entschloß er sich aus Hörern seiner Kurse an der „Marxistischen Arbeiterschule“ eine Mustergruppe zu gründen (die man in der KPD „Reichwehr“ nannte), nach deren Erfahrungen sich der Einheitsverband hätte ausrichten können. Die im Organ des „Einheitsverbandes“ Die Warte angekündigten regelmäßigen Informationsabende sollten die sexualpolitische Arbeit neu von „unten nach oben“ strukturieren und so dem lebensfremden Einfluß der Funktionäre entgegenarbeiten, die von der Basis vollkommen isoliert sind. Reich beschreibt die Abende in Was ist Klassenbewußtsein? Diese praktische Arbeit sollte seine Trennung von der KP einläuten. In einer Rückschau von 1944 sollte Reich noch immer empört darüber sein, wie die politischen Funktionäre in die Facharbeit der Sexpol eingriffen (Wilhelm Reich: „Work Democracy in Action“, Annals of the Orgone Institute, Vol. 1, S. 19).

Es kam nur zu drei Informationsabenden, der geplante vierte wurde von den Parteivertretern nicht mehr einberufen, da es im Oktober 1932 zum faktischen Bruch der KPD mit Reich kam. Zum Beispiel nannte Die Warte unter der Rubrik „Literatur die Du brauchst“ in der Oktober-Ausgabe noch drei Schriften von Wilhelm und Annie Reich. Im Heft des folgenden Monats fehlten sie in der Bücherliste. Auf dem Jugend-ZK-Plenum am 14. und 15. November 1932 wurde Reich der Verbreitung bürgerlicher Ideologien bezichtigt; die sexuelle Frage in den Vordergrund zu stellen, wie er es tut, würde die Jugend vom wirklichen Kampf ablenken. In der Fichte-Zeitung Rot-Sport vom 5. Dezember, fand sich die Notiz, der Vertrieb der Reichschen Schriften aus Reichs „Verlag für Sexualpolitik“ werde eingestellt.

Aus vollkommener Interesselosigkeit am Kern von Reichs sexualpolitischer Arbeit und weil er ein effektiver Anwerber neuer Mitglieder war, ließ ihn die KPD zwei Jahre lang ziemlich frei gewähren, erst als er die hierarchische Machtstruktur und das Wahrheitsmonopol der Führung gefährdete war Schluß.

In ihren „Erinnerungen einer Kommunistin in Deutschland 1920-1933“ schreibt die Zeitzeugin Rosa Meyer-Leviné, daß ein Symptom des Niedergangs der KPD am Ende der Weimarer Republik das rasche Überhandnehmen der Promiskuität gewesen sei. Karl Radek habe ihr erzählt, daß im Gegensatz zu allen Vorurteilen die ersten Jahre der russischen Revolution durch außerordentliche sexuelle Zurückhaltung gekennzeichnet waren, insbesondere innerhalb der Partei. Er habe ihr gesagt, daß dies ein Hinweis auf die Gesundheit der Revolution war, daß sie noch immer im Aufwind gewesen sei, denn alle waren vollkommen von der großen Aufgabe in Beschlag genommen. Meyer-Leviné zufolge war die Schlußfolgerung naheliegend: Eine gut funktionierende Partei wird in Zeiten wie denen am Ende der Weimarer Republik vollkommen von der großen Sache beherrscht, so daß es keinen Raum für „sexuelle Exzesse“ gebe (Rosa Meyer-Leviné: Im inneren Kreis, Köln 1979. S. 282f).

Das ist „Stalinismus” auf den Punkt gebracht: in Zeiten des sich verschärfenden Klassenkampfes – und der Klassenkampf wird auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft natürlicherweise immer schärfer – kann es keinen Platz für die schönen Dinge des Lebens geben. So wandelt sich das Versprechen der „Befreiung“ in das Nonplusultra von Tyrannei. Reich sollte das später als „Roten Faschismus“ bezeichnen und vom Grunde seines Herzens hassen.

100 000 000 Millionen Ermordete und das zerstörte Lebensglück von Milliarden mahnen uns.

Der Rote Faden: Reich in Skandinavien (Teil 2)

15. Dezember 2014

Am 29. Oktober 1933 schrieb eine dänische Zeitung, daß man Leute wie Reich, diese sexuellen Schweine, aus dem Land entfernen sollte. Bereits am 3. Oktober hatte das dänische Innenministerium beschlossen, daß Reichs befristete vorläufige Aufenthaltsgenehmigung nach Ablauf der sechs Monate nicht verlängert werde, so daß er am 1. Dezember das Land verlassen müßte. Er reiste nach London, weiter nach Paris, Zürich, Tirol, um dort Weihnachten mit seinen Kindern zu verbringen. Weiter nach Wien und Prag. Über Deutschland zurück nach Skandinavien. Nimmt seine Lebensgefährtin Elsa Lindenberg aus Berlin mit, die inzwischen ihre Freunde und Familie besucht hatte. Anfang 1934 kommen Willi und Elsa in Malmö, Schweden an. Reich führt den Begriff „Sex-Pol“ ein und veröffentlicht als „Ernst Parell“ die Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie. Am 3. und 4. April Treffen der linken Psychoanalytiker in Oslo: Reich, George Gerö, Nic Hoel, Edith Jacobsohn. Zurück nach Malmö. Ende Mai läuft erneut seine sechsmonatige vorläufige Aufenthaltserlaubnis (diesmal für Schweden) aus und er zieht illegal nach Sletten, Dänemark. Am 1. Juli 1934 Treffen von Reich, Fenichel, Gerö, Nic Hoel in Humlebäk, Dänemark. Seine beiden Töchter besuchen ihn. Die Gruppe reist über Deutschland zur psychoanalytischen Konferenz in Luzern, Schweiz, 26. bis 31. August. Danach Camping in der Schweiz. Über Frankreich zurück nach Dänemark. In Kopenhagen wohnt er bei Freunden.

Ende Oktober 1934 zieht er nach Oslo, wo er bis 1939 ansässig bleibt. Zunächst wohnt er in einer Pension, dann am 14. November schreibt er in sein Tagebuch: „Nach 1 3/4 Jahren Wanderung wieder eine Wohnung.“ Januar 1935 beginnt er seine Vorlesungen an der Universität Oslo. 24. März 1935: der Oszillograph ist bereit. Mai bis Dezember 1935 die bioelektrischen Experimente. 1936: im Sommer reist Reich nach Grundlsee, Österreich, um die Kinder zu sehen. Den gesamten August über (2.8. bis 5.9.1936) reist er allein durch Europa: Norwegen, Dänemark, Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Schweiz, Frankreich, England, Dänemark, Norwegen. Am 4. Oktober 1936 besucht Malinowski Reich in Oslo. 1. Mai 1937: das Labor für Lebensforschung wird eröffnet. DuTeil vom 26. Juli bis 7. August in Oslo. Am 22. September beginnt die konservative Aftenposten mit der norwegische Pressekampagne. 1938: im Juli ist Reich campen, im August erste Notizen über die Arbeitsdemokratie. Am 18. August 1939 verläßt Reich Norwegen.

Die Kopenhagener Ortsgruppe der Sexpol wurde 1936 geschlossen. Dr. med. Leunbach mußte eine dreimonatige Haftstrafe wegen illegaler Abtreibung absitzen. Das gleiche passierte Dr. med. Tage Philipson, dem vorgeworfen wurde, Patienten vernachlässigt zu haben. Darüber hinaus wurde Leunbach (Jahrgang 1884) das Recht zur Berufsausübung für fünf Jahre entzogen, außerdem wurde er durch den Verlust seiner Bürgerrechte bestraft. Philipson wurde das Recht zu praktizieren für drei Jahre entzogen. Auch wurde die Krankenschwester Frau Perlmutter verurteilt. Wegen des Mangels an Unterstützung für Leunbach und Philipson durch die Sexpol-Mitglieder stellte Reich die Sexpol ein: seine „politische Arbeit“ hatte ein Ende gefunden.

zeitschrift2In Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (Band 3, Doppel-Heft 3/4(10/11) 1936) findet sich unter der Rubrik „Die internationale Sexpol-Diskussion“ das folgende von Interesse:

In der deutsche Emigrantenpresse in Frankreich besprachen im Januar und Februar 1934 deutsche Trotzkistische Zeitschriften Reichs Massepsychologie ziemlich positiv, jedoch änderten sie ihre Ansicht offenbar sehr bald. Es gab eine abfällige Schmähung der Sexualpolitik (ohne sich speziell auf Reich und seine Gruppe zu beziehen). Im März 1936 veröffentlichte die Trotzkistische Unser Wort ein komplette Ablehnung und verständnislose Kritik von Karl Tschitz‘ Sexpol-Buch Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland. Die Besprechung enthielt auch scharfe Schmähungen gegen die Sexualökonomie generell (S. 157f).

Am 17. Mai 1936 veröffentlichte Mot Dag, die Zeitschrift der Marxistischen norwegischen Gruppierung Mot Dag, einen Artikel von Hanns Vogt: „Wer regiert Deutschland?“. Dort diskutiert er auch, sich auf Reichs Massepsychologie beziehend, die sexual-psychologischen Wurzeln der NS-Idologie. Dies ist um so bemerkenswerter, als Mot Dag zuvor der Sex-Pol ablehnend gegenübergestanden hatte (S. 159). (Zu Vogt siehe Der Rote Faden: Willy Brandt und Mot Dag (Teil 2)).

Die Zeitschrift der norwegischen Arbeiterpartei Kamp og Kultur veröffentlicht das Kulturprogramm der Sex-Pol gefolgt von einen furiosen Angriff von Digernes in dem kommunistische Parteiorgan Arbeideren am 22. und 25. Mai 1936. Digernes sei, so heißt es in der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, nicht in der Lage, zwischen den subjektiven Inhalten und der objektiven Funktion einer Ideologie zu unterscheiden, was ihn – offenbar bewußt bösartig – zu Mißverständnissen führt. Zum Beispiel bestreitet die Sex-Pol nicht die psychologische Realität der Religion, findet darin sogar eine verschleierte Lebensbejahung, was Digernes so interpretiert, daß die Sex-Pol die Religion verteidige (S. 159). (Reich ist ein „Psycho-Faschist“!)

Diese Notizen über Trotzkisten, linke Sozialisten und Kommunisten werfen ein Licht auf Reichs politische Position zu dieser Zeit und seine politische Entwicklung:

  1. Desillusioniert durch den Großen Krieg wird Reich, wie alle um ihn herum, ein Sozialdemokrat (1919-1927).
  2. In Österreich war die Sozialdemokratie verbal sehr radikal, aber ihre tatsächliche Politik wurde immer defätistischer, so daß sich Reich der damals extrem linken Komintern zuwendet (1927-1933).
  3. Trennung von der Komintern (1932-34).
  4. Reich wendet sich mehr und mehr den Trotzkisten zu, gefolgt von einer ähnlichen Trennung weg von den Trotzkisten (1933-36).
  5. Reich nähert sich den linken sozialistischen Organisationen wie Brandts SAP (z.B. auf dem Innencover seiner Zeitschrift druckt Reich 1937 eine Anzeige für das Organ der SAP ab) und der Mot Dag (1935-39) an.
  6. Er formuliert das Konzept seiner Arbeitsdemokratie zunächst ganz ähnlich wie linke „Sozialdemokratie“, distanziert sich dann aber zunehmend von der Linken (1937-46).
  7. Nachdem er sieht, daß selbst der neue, der zweite „Große Krieg“ nicht ausreicht, um Bewegung „in den Massen“ zu tragen, wendet er sich der Rechten zu: aus einem Roosevelt-Fan wird ein Eisenhower-Fan (1946-57).
  8. Der nächste logische Schritt wäre gewesen, alle veralteten theoretischen Verbindungen zu Marx und Lenin zu kappen, was aber erst die ACO-Orgonomen taten.

Mittlerweile in Amerika ansässig, zitiert Otto Fenichel in einem seiner Rundbriefe (3. August 1938) einen Bericht von Gerö über Norwegen:

In den Zeitungen tobt seit Monaten eine Kampagne für und gegen Reich. Er, d.h. seine elektrischen Narrheiten, wurden von wissenschaftlichen Kreisen als ärgste Charlatanerie entlarvt, von manchen Seiten auch die Nicht-Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung gefordert. Verteidigt wurde er vor allem von den Narren des inneren Kreises Sigurd Hoel, Nic Hoel, Ola Raknes, Havrevold. Schjelderup ist vollständig abgefallen. Er sagt jetzt die gleichen Wahrheiten über Reich, die er von Dir (Fenichel) und mir schon vor Jahren gehört und damals höhnisch abgelehnt hat. Er gab mir gegenüber zu, daß Reich die Psychoanalyse in Norwegen fürchterlich geschädigt hat. Trotzdem haben sowohl er wie Braatöy ein Gesuch unterschrieben, das für die Verlängerung von Reichs Aufenthaltsbewilligung eintritt, weil sie sehr anständig den Standpunkt vertreten, daß man verhindern soll, daß die Ausweisung Reichs einen Präzedenzfall gegen das Asylrecht schafft. (119 Rundbriefe, Bd. 2 (Amerika), S. 951f)

Im Rundbrief vom 6. Februar 1939 zitiert Fenichel aus einem Brief aus Skandinavien:

Aus Oslo hört man, daß dort die Sex.Pol. immer mehr einschrumpft. Sigurt Hoel scheint bereits zu schwanken, dagegen Raknes und Nic Hoell keineswegs. … Die Zeitschrift erscheint nicht mehr. … Eine Tratschgeschichte ist bezeichnend für den Geist der Sex.Pol.: Bei Raknes ziehen sich die Patienten Trainingsanzüge an, bevor sie die „vegeto-therapeutische“ Seance beginnen. (ebd., S. 1065)

Punkt 3 des Rundbriefs vom 3. Mai 1939 handelt von Skandinavien: vor einiger Zeit hielt der norwegische Psychoanalytiker Braatöy einen Vortrag vor der Studenterforeening in Kopenhagen. Fenichels Berichterstatter:

Es ist interessant, wie diese Norweger, selbst Braatöy, der nie ganz die Distanz verloren hat, von Reich und der Sex.Pol.-Ideologie verdummt worden sind. Eine an sich wünschenswerte Kulturkritik an dem heutigen Erziehungssystem verliert ihre Berechtigung und Überzeugungskraft wegen unklarer Gesichtspunkte und falscher Verallgemeinerungen. Denn Braatöy hat nicht klar unterschieden zwischen der affektiven Lebendigkeit des unneurotischen Menschen und dem neurotischen Affektausbruch, so daß die Karikatur, die ich Dir beilege, ihn ganz treffend ironisiert. Danach, was er gesagt hat, könnte man annehmen, hysterische Affektausbrüche wären der Idealzustand für den Normalen. (…) In Oslo ist jetzt glücklicherweise zwischen Reichisten und Analytikern jede Verbindung abgebrochen. Zu Reich halten jetzt nur mehr Raknes und die Hoel. (ebd., S. 1107f)

Der Rote Faden: Kommunismus und Psychoanalyse (Teil 3)

21. April 2014

Reich „sagte, wir könnten die FDA-Untersuchung nicht verstehen, solange wir uns nicht die ganze rot-faschistische Kampagne vor Augen hielten, die 1931 begann“ (Protokoll der dritten jährlichen Sitzung der Wilhelm Reich Foundation, 22. August 1952, in: Elsworth F. Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich (Part VII)“, The Journal of Orgonomy, 13(2), Nov. 1979, S. 178).

Den Hintergrund von Reichs Problemen mit der KPD, die sich im Spätherbst 1932 zuspitzten, findet sich in den Erinnerungen von Günter Reimann, damals ein führendes KPD-Mitglied, der 1932 die UdSSR besuchte. Die Leitung der KPD sei, so Reimann, nicht durch die Lage in Berlin beeinflußt worden, sondern durch die Situation in Moskau. Die katastrophale Krise von Stalins Fünfjahresplan hatte dessen persönliche Macht im Kreml Anfang 1932 tieferschüttert. Es lag eine Art „Prager Frühling“ in der Luft. Die Führer der Komintern, mit Bela Kun an der Spitze, zogen ernsthaft eine Abkehr vom Stalinismus innerhalb der KPs des Westens in Betracht. Dann hätte es „Säuberungen“ in der „stalinistischen“ Führung der deutschen KP gegeben. Die Führer der KPD waren daher sehr zufrieden, als im Herbst 1932 Stalin seine persönliche Macht konsolidieren konnte (Diethart Kerbs und Henrick Stahr (Herausgeber): Berlin 1932, Berlin 1992, S. 157).

Aus dieser Perspektive macht es zumindest teilweise Sinn, wenn Reich 1952 schrieb, daß „die Orientierung der kommunistischen Parteien in Deutschland und Österreich im wesentlichen demokratisch war“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1995, S. 21) Natürlich kann man sagen, daß nichts von der Wahrheit, d.h. der Stalinistischen Wirklichkeit seit 1929, entfernter sein kann, solange man nicht das missionarische Anwerben neuer Mitglieder als „demokratisch“ betrachten will, aber immerhin – es hätte auch anders kommen können, ein „Prager Frühling“. Reich schönte die Vergangenheit, damit sie in die Erzählung seines eigenen „Entwicklungsromans“ besser hineinpaßte, jedoch kann man bei gutem Willen einen Wahrheitskern erkennen…

In dem Eissler-Interview von 1952 sagt Reich, daß er, Reich, die psychoanalytische Verschwörung gegen ihn „zuerst dieser oder jener Person, der Psychoanalytischen Gesellschaft, einem Verrat an Freud oder der Psychoanalyse anlastete. Es stellte sich heraus, daß das alles nicht stimmte“ (Von der Psychoanalyse zur Orgonomie, Berlin 1984, S. 18). Reich erkannte, daß, genauso wie in der kommunistischen Verschwörung gegen ihn, Modju Schuld war. Wobei man Modju nicht einfach mit dieser Person oder jener Person gleichsetzen kann. Der Unterschied findet sich im Abschnitt „Wer ist der Feind?“ des Anhangs von Christusmord. Der Feind ist die „ansteckende Fäulnis“, die Emotionelle Pest, die sich im pestilenten Charakter kristallisiert, der zum Kondensationskern immer neuer Pestattacken wird.

In Bezug auf den Kommunismus schreibt Reich:

Man muß zurück zu den einfachen Wurzeln der Verschwörung, um von dort den Hauptzweigen der Ereignisse zu folgen, da später die Beziehungen von Tausenden von Wörtern und Verwirrungen ihre Verbindungen zu ähnlichen Ursprüngen verbergen, so daß sich jeder Teilnehmer an der Verschwörung seiner Rolle, den Prozeß am kochen zu halten, nicht bewußt wird, noch weiß, daß er von Moskaus Agenten, die hinter den Kulissen aktiv sind, kühlüberlegt angespornt wird. (The Red Threat of a Conspiracy, Rangeley, Maine: Orgone Institue Press, 1955, S. 11)

In seinem Rundbrief vom 31. Dezember 1939 berichtet Fenichel über die November-Ausgabe der politischen Zeitschrift der USKP, The Communist, weil sie sich wieder mit der Psychoanalyse beschäftigt, R.L. Gley: „Freudism – Psychology of a Dying Class“. Fenichel: „Die Art, wie hier Wissenschaft betrieben wird, ist (offenbar in gleicher Weise wie anderes, was in dieser Partei geschieht) himmelschreiend. Ich habe selten ein so oberflächliches, falsches und so tendenziös-mißverstehendes Urteil über die Psychoanalyse gelesen.“ Fenichel referiert Gley’s Artikel:

(…) Sodann teilt der Autor die Schüler Freuds in „conservatives“ und „radicals“ ein und bemüht sich zu beweisen, daß in seinem Sinne beide reaktionär seien. Als „radical“ wird zuerst Alfred Adler besprochen (!), – aber als „Austro-Marxist“ abgetan. Mehr Respekt zollt der Autor Karen Horney, von der er nur mit Recht sagt, daß ihre Lehre nicht mehr Psychoanalyse sei. – Reich muß sich sagen lassen, daß er genau denselben Fehler begehe wie Glover: Während Glover „irrationales Verhalten“, das letzten Endes aus eingeborenen Trieben stamme, für Kriege und Sitzstreiks verantwortlich mache, so Reich für Reaktion und Streikbruch. (119 Rundbriefe, Bd. 2, S. 1245f)

Das war 1939. Die kommunistischen intellektuellen Amerikas wußten alles über Reich, der die menschliche Irrationalität mit der Struktur des menschlichen Charakters erklärte, ehe Reich überhaupt im Land war.

Fenichel am 15. Juni 1944:

Was die Psychoanalyse in der Sowjetunion betrifft, finde ich einen nicht sehr aufschlußreichen Satz in einer Rezension‚ „Collected Papers of the First Moscow Psychiatric Institute“, aus dem Jahre 1940 besprochen von Kasanin (Psychoanalytic Quarterly, 13, 1944, 224-226): „Der Band enthält eine umfangreiche Studie von Djagarov und Balabanova über die Geschichte der Psychotherapie von psychischen Erkrankungen. Es gibt eine interessante Bemerkung über Psychoanalyse und ihren Platz in der Behandlung von Neurosen. Ansichten werden vorgebracht, die an die Werke von Karen Horney und ihrer Schüler erinnern.“ (ebd., S. 1835)

Sowohl die Kapitalisten als auch die Kommunisten folgen den oberflächlichen Psychologien a la Karen Horney.

In seinem Rundbrief vom 30. Januar 1940 berichtet Fenichel über den Artikel von einem Burrill Freedman („der, wie ich glaube, Schüler des New York psychoanalytischen Instituts ist“): „Psycho-social Repression and Social Rationalization“ (American Journal of Ortho-Psychiatry, 9, 1939, 109-123). Der übliche Freudo-Marxistische Schwachsinn. Fenichel‘s Referat des Artikels endet wie folgt:

Im allgemeinen bringt jede kapitalistische Ordnung eine relative Stärkung der anal-sadistischen Triebe in den einzelnen Individuen, besonders auch des Sadismus. Dies aber erzeugt neue Widersprüche, weil die sadistische Stauung den Idealen widerspricht. Die Wirklichkeit ist schließlich stärker als die „nachhinkenden“ Ideale. Die immanenten Widersprüche der heutigen Ordnung, die keinen anderen Ausweg mehr übrig lassen, werden schließlich auch Ideale und Illusionen zersprengen. „Ich-Ideale … einer aggressiven und anti-kapitalistischen Natur werden derzeit zunehmend dokumentiert.“ Und damit auch über die politische Gesinnung des Autors kein Zweifel sei, glaubt er, dies erläutern zu sollen: „Unter den gesellschaftlichen Einflüssen, die einen Beitrag zu dieser ideologischen Tendenz leisten, muß der der Sowjetunion besonders hervorgehoben werden.“ (ebd., S. 1268-1270)

Fenichel fährt fort:

Erfreulicher ist ein Manuskript, das mir aus dem gleichen Kreise zugeschickt wird: Edmund Weil „The Causes of War, Some Psycho-Dynamic Consequences of the Class-Nature of Society“. – Diese Arbeit ist „analytisch-marxistisch“ auch nach unserer Auffassung. Sie bietet uns allerdings nicht viel Neues, erstens weil sie im Wesentlichen wiederholt, was schon in Reich (dies ein bißchen zu viel), Fromm und Fenichel steht (…).

Weil endet seinen Artikel in der gleichen Weise wie Freedman. Fenichel berichtet: „Leider schließt auch dieser Autor mit dem Hinweis darauf, daß er glaubt, daß die Existenz der Sowjetunion diese Hoffnung auf der anderen Seite bestärke und daß dort dem Aggressionstrieb, etwa in der Stachanoff-Bewegung, die beste Sublimierung der Aggressionsneigungen in Arbeit geboten wird. Dieser Schluß ist bedauerlich” (ebd., S. 1271-1274).

Fenichel erwähnt In seinem Rundbrief vom 23. Mai 1940 George B. Wislockis Besprechung im Psychoanalytic Quarterly von Henry E. Sigerist: Socialized Medicine in the Soviet Union, New York 1937. Wislocki „ist mit Sigerist darin einverstanden, daß die ‚Sozialisierung‘ der Medizin vielfache Vorteile bringt, betont aber, daß Psychoanalyse auf der ‚Freiheit der Forschung‘ beruht, die es in der Sowjetunion nicht gäbe“ (ebd., S. 1314).

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Der Rote Faden: Sexualreform und Arbeiterbewegung (Teil 2)

21. Oktober 2013

Dem offiziellen Bericht des Reichskongresses der KPD-Organisation „Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur“ (IfA) von 1931 zufolge gab es in allen Bezirken kommunistische sexualpolitische Organisationen die, so die Ifa, wie Pilze aus dem Boden schössen und hunderttausende von Mitgliedern hätten. Der Bericht besagt, daß allein in Berlin die Organisationen etwa 70 000 Mitglieder umfassen. Diese Verbände waren vor allem mit der Verteilung günstiger Verhütungsmittel und Vorträgen zur Sexualerziehung befaßt, engagierten sich aber nicht, so kritisiert der Ifa-Bericht, in einem ernsthaften Kampf gegen die Anti-Abtreibungs-Gesetzgebung und gegen das kapitalistische System generell. Insbesondere wird der Skandal hervorgehoben, daß gerade in Berlin führende Renegaten, die aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden waren, in führenden Positionen dieser sexual-politischen Organisationen tätig sind.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß die KPD den Druck der Publikationen der Reich-Gruppe (z.B. von Der sexuelle Kampf der Jugend) behinderte. Wunderer stellt fest, daß die kommunistischen Ärzte Reichs Ansatz vom marxistisch-leninistischen Standpunkt aus theoretisch als zweifelhaft betrachteten. Auch würde es den Bemühungen der Partei zur Mobilisierung der Massen schaden, weil die proletarischen Massen von Reichs sexualökonomischen Theorien eher abgeschreckt würden. Später, im Jahre 1934 stellt Reich (bzw. Reichs politischer Sprecher Karl Teschitz) fest, die Partei unterstütze eher die konservative Struktur der Massen, während Reich versuchte sie zu verändern – ein Störenfried.

Bis zur ultralinken Wende der Komintern und damit der KPD 1928 bildeten die Kulturorganisationen der Arbeiterbewegung im wesentlichen eine Einheit, d.h. Mitglieder der SPD und KPD arbeiteten in den gleichen Organisationen zusammen. Aber seit 1928 wurden die Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“ gebrandmarkt. Stalin hatte erklärt, daß die Arbeiter nun für einen radikaleren Ansatz bereit seien und neue streng kommunistische Organisationen wurden gegründet. Die neuen Organisationen sollten über Dachverbände in die alten Organisationen eindringen, diese dominieren und schließlich ganz übernehmen, so daß alle Kulturverbände der Arbeiterbewegung von der KPD dominiert würden. Zum Beispiel gab im Frühjahr 1931 die „Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen“ (ARSO) der KPD ihren Funktionären die Anordnung, innerhalb der bürgerlichen und sozialdemokratischen sexualpolitischen Vereinigungen zu arbeiten, um von Anfang an eine auf einem Vereinigungskongreß neu zu gründende sexualpolitische Massenorganisation zu dominieren. In einem Memorandum des 10. Dezember 1930 informiert die ARSO ihre Funktionäre, daß schon bald eine neue sexualpolitische Massenorganisation mit mindestens 100 000 Mitgliedern gebildet werde, die den revolutionären Kampf unterstütze.

Aber diese Bemühungen schlugen fehl wegen der unterschiedlichen politischen Positionen der unterschiedlichen Organisationen. (Dies ist ein typisches Beispiel für den vollkommen verrückten, leichtsinnigen und kontaktlosen ultralinken Kurs der KP zur damaligen Zeit. Die Kommunisten zerstörten nicht nur sich selbst, sondern auch die Arbeiterbewegung als Ganzes. Reichs Tragödie ist seine Naivität: Er nahm das ganze sehr ernst, arbeitete hart wie niemand sonst, und dann, als er wirklich einigen Erfolg vorzeigen konnte und etwas Substanz in die haltlosen Träumereien der KPD-Führung hineingebracht hatte, taten sie alles, um ihn zu vernichten. Aber Reich war auch selbst vom grassierenden Wunschdenken infiziert. Wenn man seine eigenen Beschreibungen der Zeit liest, bekommt man den Eindruck, daß die Sexpol eine große, gut organisierte Organisation mit Zehntausenden von Mitgliedern war. Eine solche Organisation hat nie existiert, sondern nur einige Reste der ursprünglich geplanten sexualpolitischen Organisation von 100 000 Mitgliedern. Zum Beispiel hatte die niederrheinische Organisation „Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ 10 000 Mitglieder und Reich spielte eine wichtige Rolle in ihrer Formierung. Die eigentliche Sexpol war jedoch kaum mehr als Reichs Sexualberatungsstelle in Berlin.)

Das Problem mit Reich war, daß er stets bloßen Willensbekundungen Vertrauen schenkte. Oder wie er am 1. Dezember 1949 an A.S. Neill schrieb:

Der einzige Fehler, den ich in den frühen dreißiger Jahren tatsächlich gemacht habe, war der, den Kommunisten aufgrund ihrer Proklamationen zu glauben, daß sie diejenigen seien, die in Rußland eine rationale Sexualökonomie begründen würden.

Der Masterplan der KPD war die „Einheitsfront von unten“, d.h. eine vereinigte Arbeiterfront gebildet durch die revolutionären Arbeiter, die gegen ihre sozialdemokratischen Führer rebellieren. (Es war Stalins törichte Idee, daß das Klassenbewußtsein nun höher ausgeprägt sei als jemals zuvor). Im Wesentlichen sagten die KPD-Funktionäre „Folgt uns!“ – und niemand folgte. (Übrigens stellte Reichs Buch Die Massenpsychologie des Faschismus, eine Grabrede, einen großen Versuch dar, zu erklären, warum die Arbeiter nicht dem Ruf der Kommunisten gefolgt waren, sondern ihren sozialdemokratischen Führern die Treue hielten und sogar zu den Nazis überliefen.) Die KPD war nicht im geringsten am sexuellen Problem interessiert, vielmehr wollte sie „die Massen sammeln“ in allen Arten von Massenorganisationen, einschließlich den Massen der Sexualreformbewegung. Die Lösung des sexuellen Problems war innerhalb des kapitalistischen Systems sowieso nicht möglich, sondern erst in einem sowjetischen Deutschland, – denn in der Sowjetunion gab es kein sexuelles Problem mehr.

Die Ruine der Vereinigungsbemühungen von 1931 war das „Einheitskomitee für die Herstellung der Einheit aller sexualpolitischen Organisationen“. Es wurde nicht nach dem tatsächlichen Bedarf der Massen organisiert, sondern nach Sollziffern, die KP-Funktionäre vorgegeben hatten, beispielsweise vom 15. Januar bis 15. Februar 1932 gab es einen „Rekrutierungsmonat“ im Kreis Nordrhein. Jeder lokalen Gruppe wurden Sollziffern zur Erfüllung des Plans vorgegeben, demzufolge innerhalb eines Monats 1000 neue Familien der kommunistischen Sexualreform-Organisation beigetreten sein sollten. (Schon damals war Reich mit der typischen Mentalität konfrontiert, die später Osteuropa zerstören sollte.)

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Der Rote Faden: Volksfront und Detente

7. Mai 2013

Während seines Aufenthalts in Spanien (Februar 1937 – Juni 1937) spielte Willy Brandt, zusammen mit anderen vom rechten Flügel der linkssozialistischen SAP (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) eine dubiose Rolle. Er warb für die Volksfront, d.h. die Einheit von Sozialisten und Stalinisten, und hat deshalb vehement gegen die Trotzkisten und den linken Flügel der POUM (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) gestritten (und deshalb muß er auch gegen Reich gekämpft haben, nicht weil Brandt „Stalinist“ war, sondern weil er Politiker war). Während des Stalinistischen Terrors in Barcelona (George Orwell war ein Zeuge dieses Terrors) war Brandt sehr anpassungsfähig und spielte den Ernst der Lage herunter, alles zum Wohle der Volksfront. Er protestierte nicht gegen die Stalinisten, sondern griff stattdessen die linke anti-Stalinistische Opposition innerhalb der SAP und der Jugendorganisation der POUM an. Die Stalinisten haßten die POUM, die sich sowohl an Trotzki als auch an Bucharin orientierte, wie kaum sonst etwas. Brandt arbeitete als SAP-Funktionär innerhalb der POUM – und vertrat eine „vereinigte antifaschistische Volksfront“, d.h. eine Stalinistische Politik. Wie einer von Brandts linken SAP-Genossen, Peter Blachstein, in einem Interview 1976 sagte, stand Brandt praktisch, natürlich kritisch distanziert, aber de facto auf Seite der Stalinisten.

Einige werfen Brandt sogar vor, an der Ermordung des österreichischen Kommunisten und Trotzki-Anhängers Kurt Landau (1903-1937) beteiligt gewesen zu sein. Als „Gunnar Gaasland“ ging Brandt von Oslo nach Barcelona, um dort die SAP zu repräsentieren. Nach dem Stalinistischen Mai-Massaker in Barcelona hatten die deutschen und österreichischen Freunde der POUM ein Treffen. Alle kamen außer Brandt. Kurt Landau bat die Genossin Ella König (ein „Brandleristin“, auch Reich wurde von der KPD beschuldigt ein KPO-Anhänger zu sein), seine Rede mitzuschreiben. Katja Landau erinnert sich, wie überrascht sie war, als sie bemerkte, daß auch ein junger SAP-Kamerad Kurt Landaus extrem anti-Stalinistische Rede mitschrieb. Von Mitgefangenen in GPU-Gefängnissen erfuhr sie, daß dieses Protokoll noch am selben Tag in den Händen der GPU war. Später teilte man ihr mit, daß der junge SAP-Genosse sein Protokoll Brandt gegeben hatte. Brandt war demnach entweder ein GPU-Agent oder ein GPU-Informant. Es war auch erstaunlich, daß Brandt von den Stalinistisch kontrollierten spanischen Behörden unbehelligt blieb und ohne Probleme ausreisen konnte (Hans Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau. Ein Österreichischer Kommunist als Opfer der stalinistischen Geheimpolizei, Wien 1988).

Am 1. Juli 1940 floh Brandt von Norwegen nach Schweden. Dort arbeitete er als Journalist, berichtete aber auch den Agenten unterschiedlicher Geheimdienste der Alliierten. Siehe dazu „Ein gern gesehener Agent“ von Axel Frohn und Klaus Wiegrefe im Spiegel 37/1999. Bereits im Juli 1939, also noch in Norwegen, trat er über die linke Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) mit dem britischen SIS in Kontakt. Die ITF versuchte den norwegischen Eisenerz-Export nach Deutschland zu unterbinden. Brandt war seit 1937 Leiter der Osloer Gruppe der ITF. Nach seiner Flucht arbeitete Brandt, zusammen mit dem späteren österreichischen Kanzler Bruno Kreisky, direkt mit den Briten im Pressebüro des British Special Operation Executive (SOE). Die Briten reichten Brandt später an die Amerikaner weiter.

Aus Das Schwarzbuch des KGB (Berlin 1999) von Christopher Andrew und Wassili Mitrochin geht hervor, daß Brandt 1942 für neun Monate auch für den NKWD in Stockholm tätig war. Der US-Diplomat Herschel Johnson telegraphierte am 31. August 1943 aus Stockholm, daß Brandt enge Kontakte zur sowjetischen Botschaft unterhalte. Gleichzeitig arbeitete er für den amerikanischen OSS (die Vorläuferorganisation der CIA). Nachdem er jedoch einen Artikel über den 20. Juli 1944 veröffentlicht hatte, betrachteten ihn die Amerikaner als zu indiskret und stellten jeden Kontakt ein.

Ende der 1960er verfaßte der Schriftsteller Howard Hunt mehr oder weniger im Auftrag der CIA Romane über Spionage, die die Arbeit der CIA in günstiges Licht stellten. In einem dieser Romane portraitierte er Brandt (natürlich unter einem anderen Namen) als Sowjetagenten, der versuche, den Westen dazu zu bringen mit dem Osten zusammenzuarbeiten. Als Auftragsschreiber der CIA muß er Zugang zu geheimem Material gehabt haben.

Wie dem auch sei: um1940 herum verteidigte Brandt den Hitler-Stalin-Pakt öffentlich: alle Sozialisten hätten die Pflicht mit der Sowjetunion zusammenzuarbeiten.

Als Brand 1946 nach Deutschland zurückkehrte, war er drauf und dran sich der KPD bzw. natürlich der SED anzuschließen. Hermann von Berg, seit 1962 Leiter der Abteilung für internationale Kontakte bei der Pressestelle des Vorsitzenden des Ministerrates der „DDR“, erinnert sich in seiner Autobiographie, daß Anfang oder Mitte der 1960er Jahre (d.h. zwischen 1962 und 1966) Albert Norden, der für Agitation zuständige Sekretär des Zentralkomitees der SED, ihm privat steckte, daß „wenn es in einigen Jahren paßt, geben wir Brandts potentiellem Nachfolger die Brandt-Akte im Auszug, wo der geile Sack, der sich von Schütz und Co. (Brandts Assistenten) nur Weiber zutreiben läßt, 1946 bei uns anfragt, was er werden kann, wenn er in der SED mitzieht“ (Hermann von Berg: Vorbeugende Unterwerfung, München 1988, S. 146f).

Es geht hier nicht darum, Brandt moralisch abzuqualifizieren, sondern ein Denken oder besser gesagt eine Einstellung dingfestzumachen, die viele von Reichs Gegnern vereinigte, während sie Reich zutiefst fremd war: ein strategisches Denken, das durchaus gemäßigte und „vernünftige“ Linke mit dem Machtfaktor Sowjetunion versöhnte. Sie legten Hoffnung in eine „Volksfront“, der „Trotzkisten“ und andere Linke, insbesondere solche „rätekommunistischer“ Provenienz, bedenkenlos geopfert wurden, nicht zuletzt Reich, dessen anfängliche „arbeitsdemokratische“ Überlegungen durchaus in eine „anarcho-syndikalistische“ und „rätekommunistische“ Richtung gingen. Zunächst waren es die Nationalsozialisten, gegen die eine Einheitsfront bzw. „Volksfront“ zu mobilisieren war, danach der „US-Imperialismus“, vom „McCartyismus“ bis zum „NATO-Doppelbeschluß“. Ein Mann wie Brandt spielte dabei stets eine wichtige Rolle. Dabei waren die meisten dieser gemäßigten Linken durchaus nicht großartig Fans des „sowjetischen Modells“, vielmehr ging es ihnen um „Realismus“, d.h. die Verhinderung eines Machtmonopols Hitlers in Europa und später der USA weltweit. Die Sowjetunion war hier jeweils das einzig denkbare Gegengewicht. Leute wie Reich störten dabei nur.

Reich hat eigentlich immer gestört. Zunächst, indem er die Ende der 1920er Jahre linksradikale Politik der Komintern in die Sozialdemokratie tragen und diese „von unten“ bolschewisieren wollte (Revolutionäre Sozialdemokraten). Wenige Jahre später machte er ähnliches in der KPD mit quasi „rätekommunistischen“ Ansätzen (Sexpol). Im Exil näherte er sich zeitweise „anarcho-kommunistischen“ Positionen an, um schließlich ganz die Politik hinter sich zu lassen. Er schwamm dabei jeweils gegen den Strom: Rebellion gegen die sozialdemokratischen, später die kommunistischen Apparatschiks, Bekämpfung des Volksfront-Gedankens und schließlich ein „Kalter Krieger“, selbst zu einer Zeit, als sogar amerikanische Konservative von „Uncle Joe“ schwärmten. Das setzte sich mit Reichs direkten Schülern in den 1970er und 1980er Jahren fort, als diese zum maßlosen Entsetzen europäischer „Reichianer“ im Roten Faschismus (und nicht im verbrecherischen „Konsumterror“ des Westens) den Hauptfeind ausmachten.

Es ist nicht gerade einfach Reichs gewundenen Weg von Linksaußen nach Rechtsaußen nachzuvollziehen und zu erkennen, daß er sich während dieser Wegstrecke kaum verändert hat und sich innerlich treu geblieben ist. Für ihn gab es keinen Kompromiß mit der „hakenkreuzlerischen“ Reaktion, wie für die aus seiner Sicht damals windelweichen Sozialdemokraten. Genauso sah es später hinsichtlich der Stalinistischen Großmacht aus.

Man kann nur auf eine einzige Art und Weise mit der organisierten Emotionellen Pest umgehen: nicht indem man sie „demokratisch einbindet“, sondern indem man ihr mit entschlossener Härte entgegentritt. Wie Reich schon damals beklagte, hatte die Sozialdemokratie alle Machtmittel in Österreich und Preußen, um dem Faschisten- und Nationalsozialisten-Spuk ein jähes Ende zu setzen. Entsprechend brach Jahrzehnte später prompt der rotfaschistische Spuk der Sowjetunion zusammen, kaum hatte Reagan ernst mit dem Kalten Krieg gemacht.

Leute wie Brandt haben einen biophysischen Horror vor derartiger Konsequenz, d.h. vor Bewegung. Sie schieben die angebliche „Vernunft“ vor, um für eine Situation zu sorgen, in der sich die jeweiligen „beiden Lager“ gegenseitig blockieren. Das kann nur dazu führen, daß die Emotionelle Pest über kurz oder lang triumphiert, denn die Kräfte des Lebendigen werden von den „Willy Brandts“ der Welt ständig beschnitten, während die Kräfte der Emotionellen Pest von ihnen beschwichtigt und sogar gefördert werden. Heute erleben wir das gleiche hinsichtlich „der Enkel Willy Brandts“ und ihrem Vorgehen gegen die „Islamkritik“. Natürlich wieder im Namen der Vernunft! Früher war es Brandts „Ost-West-Dialog“, heute ist es sein „Nord-Süd-Dialog“.

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Der Rote Faden: Mildred Brady

1. September 2012

(…) die „Partei“ schickte den Idioten mit einer Botschaft auf den Marktplatz; der Polizist hörte es und leitete es an die Kommission für Nahrungs- und Medikamentensicherheit weiter; von hier gelang es in mehrere Zeitungen, von dort in eine psychiatrische Zeitschrift und das Büro des für den Landkreis zuständigen Staatsanwalts (…). („Public Responsibility in the Early Diagnosis of Cancer“, Orgone Energy Bulletin, 1(3), July 1949, S. 113)

Ohne Frage lag Reich mit dieser Beschreibung richtig. Die einzige kritische Frage ist, ob Mildred Edie Brady wirklich auf Anweisung Moskaus handelte. Dies ist der eine kritische und entscheidende Punkt in Reichs Argumentation. Und da Karl Frank Reichs Hauptquelle war, ist Frank so wichtig. Der „ein gewisser Karl Frank“ bei Jerome Greenfield (USA gegen Wilhelm Reich, S. 85). Myron Sharaf spricht über „a friend of Reich’s“ (Fury on Earth, 1983, S. 366). Sowohl Greenfield als auch Sharaf legen nahe, daß die Hauptquelle für Reichs Verdacht, daß Brady im Auftrag Moskaus handelte, eine unbedeutende Person war, die Reich nur eine zufällige Beobachtung und nicht weiter ins Gewicht fallende Einschätzung mitteilt. In Wirklichkeit war dieser „Informant“ eine sehr bedeutende Figur und ein Experte, wie an anderer Stelle dargelegt.

Von Anfang an war das Unterwandern und Wühlen Taktik von GPU/NKWD/KGB. Später versuchten sie Immigranten zu eliminieren und zwar nicht nur solche, die aus Rußland, sondern auch jene, die aus der Komintern geflohen waren. Dimitri Wolkogonow berichtet über Angelika Balabanowa (1878-1965), eine ehemalige Freundin des Sozialisten Benito Mussolini und spätere Sekretärin der Komintern. Kurz vor der Oktoberrevolution wurde sie nach Schweden gesandt, um sich im Auftrag der Bolschewisten mit linksgerichteten Organisationen in Europa zu befassen. Jeden Samstag kamen Schiffe in Stockholm an mit Geldern aus Rußland, die sie weiterleitete. Ihr wurde gesagt, sie solle das Geld verwenden, um linksgerichtete Organisationen zu unterstützen, anti-bolschewistische („oppositionelle“) Gruppen zu untergraben und einzelne Personen zu diskreditieren (Wolkogonow: Lenin – Utopie und Terror, Düsseldorf 1994).

Genau das hat später Mildred Brady getan: Unterstützen linksgerichteter Gruppen in den Vereinigten Staaten, Untergraben von progressiven Gruppen, die dem Kommunismus gegenüber feindselig eingestellt sind und Diskreditieren bestimmter Personen, in diesem Fall Wilhelm Reich. Diese drei Punkte haben die Politik der Komintern bereits charakterisiert, bevor diese überhaupt offiziell gegründet wurde. (Das Büro für Auslandsarbeit wurde am 8. Oktober 1918 gegründet und bestand aus Balabanowa, Worowski, Bucharin und Axelrod.)

Jürgen Kuczynski war ein enger Freund von Mildred Bradys späterem Ehemann Robert A. Brady, einem Wirtschaftswissenschaftler, und dessen erster Frau. Im September 1926 ging Kuczynski in die Vereinigten Staaten, um an der Brookings School zu studieren. Viele Studenten dieser kleinen Eliteeinrichtung mit nur 20 bis 30 Studenten wurden später Mitglieder der Roosevelt Administration. Und sie waren alle untereinander befreundet und viele heirateten auch untereinander. Kuczynski zufolge hielten viele dieser Bekanntschaften und Freundschaften Jahrzehnte an und schlossen weitere Freundeskreise mit ein. Da die meisten Studenten wegen ihres Talents interessante Jobs bekommen hatten und einige hohe Positionen in der Roosevelt Administration innehatten, war Kuczynskis USA-Reise von 1938 in die USA, wo er für den kommunistischen Geheimsender „29,8“ um Spenden warb, so überaus erfolgreich. Er kehrte als der damals erfolgreichste Spendensammler für die KP heim (Kuczynski: Freunde und gute Bekannte. Gespräche mit Thomas Grimm, Berlin 1997, S. 115f).

Kuczynski war an der Brookings School von Sept. 1926 bis Juni 1927. Danach arbeitete er für die American Federation of Labor, die von William Green geleitet wurde. Sept. 1928 kehrte er zum Brookings Institute zurück, um ein Buch über Arbeitslosenstatistik zu schreiben. 1929 kehrte er nach Deutschland und seinem Familienstammsitz am Schlachtensee zurück. Ein Jahr später schloß er sich der Partei an, besuchte die UdSSR, usw.

Wir zeichnen das Jahr 1931. Kuczynski berichtet, daß viele Briefe mit den Freunden in Amerika ausgetaucht wurden. Elsie Gluck, Bob und Dorothy Brady besuchten ihn am Schlachtensee (Kuczynski: Memoiren, Köln 1983).

Die letztere schrieb damals an Kuczynski, daß ihr Ehemann Bob Brady mit ganzem Herzen auf ihrer Seite, d. h. auf Seite der Kommunisten stünde, aber leider gezwungen sei, an der Universität von Berkeley jede Menge Quatsch zu lehren. Zurück in den USA habe er das Gefühl seine Seele an den Mammon zu verkaufen. Kuczynski fügt jedoch an, daß sich Bob Brady keine Sorgen um seine Seele hat machen müssen, da er gute Bücher gegen den deutschen Faschismus und den Monopolkapitalismus im allgemeinen geschrieben habe. Zwar sei auch Dorothy nicht in der Partei gewesen, aber, wie Bob, auf kommunistischer Seite mit voller Überzeugung gesellschaftlich aktiv (ebd., S. 214f).

1934, ein Jahr bevor die damalige Mildred Edie ihren späteren Mann Bob Brady kennenlernte, wurde die junge Journalistin auf Reich aufmerksam, als sie den Psychoanalytischen Kongreß in Luzern besuchte. Siehe dazu Item 178 (Statement by Angelica M. Haymes on Masters [Consumer Reports], Dec. 7, 1948) von Reichs The Red Threat of a Conspiracy (Rangeley, Maine: Orgone Institute Press, 1955). Zusammen gründeten sie 1936 die kommunistisch inspirierte Consumers Union, eine Art „Stiftung Warentest“, um das kapitalistische System nicht nur von der Seite der „Produzenten“ (Werktätigen), sondern auch von der Seite der Konsumenten her zu untergraben. Ein Opfer dieser kapitalismuskritischen „Warentests“ sollte Wilhelm Reich werden.

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Kuczynski hat seine Wirtschaftsstudien (besonders über die Wirtschaftsstruktur des Nazistischen Deutschland) beim Verlagshaus der englischen KP veröffentlicht, in Amerika beim dortigen KP-Verlag. Dennoch hat 1944 die amerikanische Botschaft (d. h. dieselbe Botschaft, die einige Jahre später Neill die Einreise in die Vereinigten Staaten verwehrte) den Erzkommunisten Kuczynski eingeladen, sich dem United States Strategic Bombing Survey anzuschließen. Er und seine Mitarbeiter (z.B. Paul Baran, später der erste Marxistische US-Professor mit Lebensanstellung) hatten täglichen Kontakt mit dem Office of Strategic Services. Dort gab es ebenfalls, so Kuczynski, jede Menge „progressive Leute“. Die Amerikaner haben sich einfach nicht darum geschert, ob man ein Kommunist war oder nicht, soweit man für sie nützlich war. Kuczynski hat dort viele Freunde gefunden und hielt später Kontakt zu ihnen, mit einigen bis zu seinem Tode 1997. Als ziviler Fachmann bekam Kuczynski den militärischen Rang eines Oberst verpaßt. Der United States Strategic Bombing Survey wurde von vier Generälen befehligt, Alexander, George Ball, Paul Nitze und Ken Galbraith, aber nur einer von ihnen sei, so Kuczynski, „progressiv“ gewesen, Galbraith. Er blieb ein lebenslanger Freund. Damals sei Galbraith in der politischen Mitte verortet gewesen, er habe sich aber später mehr nach links entwickelt. Er wurde Freund und Berater von JFK. In seiner Autobiographie erwähnt Galbraith Kuczynski: dieser sei ein sowjetischer Spion gewesen.

Die geheimen Berichte des Office of Strategic Services, Vorgänger des CIA, über die Ökonomie des Deutschen Reiches wurden nur an vier Empfänger gesandt: Roosevelt, Eisenhower, Churchill und Ismay (der „englische Eisenhower“). Kuczynskis Schwester war die berühmteste Sowjetspionin (Ursula Kuczynski war identisch mit „Ursula-Marie Hamburger“, „Ruth Werner“ und der berühmten „Sonia“) und über sie gelangten diese hochgeheimen Berichte auf den Schreibtisch Stalins.

Beim „Office of Strategic Services” befand sich ein ganz besonders linker Linker: Joseph. Bis zu seinem Tode 1993 blieb er ein sehr enger Freund Kuczynskis. Gould erkundigte sich bei Kuczynski, ob es nicht gut sei fünf deutsche Kommunisten von England nach Deutschland mit amerikanischen Flugzeugen zu schicken. Kuczynski wählte fünf Kommunisten und informierte gleichzeitig seine Schwester. So warfen die Amerikaner fünf OSS-Agenten über Deutschland ab, die gleichzeitig über Kuczynskis Schwester für Stalin arbeiteten. Kuczynskis Schwester brachte auch Klaus Fuchs’ Dokumente über die Atombombe in die Sowjetunion. Kuczynski höchstpersönlich vermittelte den Deal.

Fuchs war Kommunist und als er in England eintraf, hatte er sich direkt an Kuczynski gewandt, da dieser der politische Führer der deutschen KPler in England war. Etwa 1942 erzählte Bernal, ein enger Freund Kuczynskis, diesem auf eine sehr vage Weise über eine hochgeheime Superwaffe. (John Desmond Bernal [1901-1971] war ein britischer Naturwissenschaftler, nach 1945 aktiv in der Weltfriedensbewegung und 1950 Präsident des Weltfriedensrates.) Klaus Fuchs teilte Kuczynski Details mit und fragte ihn, ob das nicht für die Sowjetunion von Bedeutung sei. Kuczynski brachte ihn in Kontakt mit den Sowjets. Als die Sowjets plötzlich alle Verbindungen mit Fuchs kappten, wandte sich dieser wieder an Kuczynski, der ihn in Kontakt mit seiner Schwester brachte (Kuczynski: Freunde und gute Bekannte).