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Der Rote Faden: Der Friedenskämpfer Nr. 1

8. August 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Der rote Parasit

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

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Der Rote Faden nach Christopher Turners ADVENTURES IN THE ORGASMATRON

20. September 2011

Der 1000ste Blogeintrag:

In seiner Reich-Biographie Adventures in the Orgasmatron (S. 283-291) beschäftigt sich Christopher Turner mit einigen Punkten des „Roten Fadens der Verschwörung“, die zu einem Gutteil bereits bei Jim Martin (Wilhelm Reich and the Cold War) aufgetaucht sind. Es lohnt sich sie nochmals zusammenzufassen:

Dwight MacDonald, ein ehemaliger Trotzkist, war in den 1940er Jahren ein bekannter Pazifist und Anarchist an der Ostküste. Er gab die Zeitschrift Politics heraus. Inspiriert durch die Schriften Reichs versuchte er politische Befreiung mit sexueller Befreiung zu verbinden. Resultat war eine Art „Swinger“-Ideologie mit „Nacktpartys“ und „Orgien“, an denen u.a. Fritz Perls, Paul Goodman und Norman Mailer teilnahmen. Im Spätsommer 1945 erschien in MacDonalds Zeitschrift Goodmans Artikel „The Political Meaning of some Recent Revisions of Freud“, der Reichs Theorien der „sexuellen Befreiung“ (so wie sie der bisexuelle Goodman sah) bei den nicht-kommunistischen Progressiven allgemein bekannt machte.

Fünf Jahre später, 1950, plante MacDonald, der in der Zwischenzeit regelmäßig einen Orgonenergie-Akkumulator benutzt hatte, einen Artikel in Politics zu veröffentlichen, in dem er Reichs Orgontheorie mit Berufung auf den befreundeten Krebsspezialisten Theodore Hauschka als Pseudowissenschaft bloßstellen wollte. Politics mußte jedoch vorher eingestellt werden, so daß dieser Artikel nie erschienen ist. MacDonald sah sich zu diesem Schritt gezwungen, weil er glaubte, daß die Kommunisten (via Mildred Edie Brady) die zu dieser Zeit sehr erfolgreichen Anarchisten lächerlich machen und ins Abseits stellen wollten, indem sie sie mit Reichs „absurden Theorien“ in Verbindung brachten.

Tatsächlich verabscheute Brady Reich, weil er, in Bradys Augen, einen snobistischen Sexualkult inspiriert hatte, der die amerikanische Avantgarde zu entpolitisieren drohte; Politik wurde durch eine Art Sexualmystik ersetzt (S. 276f). So Bradys erster Artikel „The New Cult of Sex and Anarchy“, der 1947 in Harper’s Magazine erschien. Aber war Brady eine Kommunistin? Sie hatte 1936 zusammen mit ihrem Ehemann, dem Ökonomen Robert Brady, und anderen die Consumers Union ins Leben gerufen, eine Art kapitalismuskritische „Stiftung Warentest“. Nicht nur als Produzenten, sondern auch als Konsumenten sollten sich die Arbeitenden organisieren. 1939 wurde die Consumers Union von der HUAC, dem Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten, das später durch McCarthy berühmt wurde, in die Liste der subversiven Organisationen aufgenommen, von der sie erst 1954 nach einer langen „Bürgerrechtskampagne“ wieder gestrichen wurde.

Im selben Jahr wurde Robert Oppenheimer, der „Vater der Atombombe“, der durch die Bradys für die Consumer Union rekrutiert worden war, vom FBI über seine Beziehung zu dem Ehepaar befragt. Die Bradys waren enge Freunde von Alger Hiss [einem Sowjetagenten!] und Haakon Chevalier, der Mann von dem Oppenheimer behauptet hatte, er hätte versucht ihn 1942 als sowjetischen Agenten zu rekrutieren. (S. 284)

1949 sagte MacDonald zu Reichs Mitarbeiter Myron Sharaf, daß Robert Brady „definitiv ein Kommunist“ war. Auf Anfrage Reichs berichtete Karl Frank Ende 1947, daß er den Bradys 1936 in Kalifornien begegnet war und sie definitiv „Fellow Travellers“ seien. Robert sei, so Frank, ein bekannter Kommunist gewesen und seine Frau Mildred hatte deutlich gemacht, daß ihre kommunistischen Überzeugen noch stärker seien als die ihres Ehemannes. 1937 verlieh Brady in seinem Buch Spirit and Structure of German Fascism seiner Hoffnung Ausdruck, daß sich Amerika vom „zum Faschismus neigenden Kapitalismus“ abwenden möge.

Und schließlich ist da noch der anarchistische Poet Kenneth Rexroth und seine Aussage: „It did’t take the Communist Party long to attack us“ (S. 289). Das bezieht sich auf den Libertarian Circle in San Francisco, den Brady in ihrem Artikel über „Sex und Anarchie“ mit Reich in Verbindung gebracht hatte. Neben Rexroth gehörte auch der berühmte „erotische Autor“ Henry Miller und der Poet George Leite zu diesem Umfeld. Später behauptete Rexroth, Miller und die anderen angeblichen „Reichianer“ an der Westküste hätten vor dem Erscheinen von Bradys Artikel nie Reich gelesen und jene, die es taten, hätten Reich als Scharlatan betrachtet. Turner zieht diese nachträgliche Distanzierung in Zweifel. Diese Anarchisten wollten sich von der Kommunistin Brady (sie wurde wie selbstverständlich von ihnen als eine solche betrachtet) nicht in den „Reichianischen Dreck“ ziehen lassen…

Handelt es sich aber um eine „konzertierte kommunistische Aktion“? Nachdem Goodman 1945 von MacDonald beauftragt worden war den bereits erwähnten enthusiastischen Artikel über Reich für Politics zu schreiben, beauftragte ihn The New Republic eine Besprechung des soeben erschienenen Buches The Masspsychology of Fascism zu verfassen. Die Besprechung wurde von den Herausgebern jedoch abgelehnt, weil Goodman zu begeistert mit Reich umgegangen sei. Stattdessen wurde eine vernichtende Besprechung von Frederic Wertham veröffentlicht. Reichs Denken sei, so Wertham, „neo-faschistisch“, Reich vertrete eine Art „Psycho-Faschismus“. Alle Intellektuellen wurden aufgerufen dieser neuen faschistischen Gefahr, d.h. Wilhelm Reich, entgegenzutreten. Entsprechend war die Besprechung mit „Calling All Couriers“ überschrieben! Sechs Monate später erschien Bradys erster Artikel „The New Cult of Sex and Anarchy“ in Harper’s Magazine, im darauffolgenden Monat „The Strange Case of Wilhelm Reich“ in The New Republic.

In ihren Artikel in Harper’s knüpfte Brady an den Faden an, den Wertham gesponnen hatte, als er Reichs Konzept der „Arbeitsdemoktratie“ als gefährlich reaktionär und Reich als „Psychofaschisten“ hingestellt hatte. Brady zog eine Verbindung zwischen dem neuen, angeblichen „Reichianischen“ Kult von „Sex und Anarchie“ und der völkischen Bewegung im vorfaschistischen Deutschland. In diesem Zusammenhang erwähnte sie Stefan George und dessen snobistischen Appell an die „schöpferische Persönlichkeit“. Genau wie die „Reichianer“ hätte George die Instinkte glorifiziert und einer Sexualmystik gehuldigt. Die „Reichianer“ seien deshalb „Neofaschisten“. (Manchmal erinnert Brady verdammt an Jutta Ditfurth…)

MacDonald berichtete Sharaf, daß Wertham ein führendes Mitglied der American-Soviet Friendship League war und ein „Fellow Traveller“. The New Republic selbst reihte sich hier perfekt ein. Im September 1946 übernahm Henry Wallace, einst Vizepräsident unter Roosevelt, die radaktionelle Leitung von The New Republic. Präsident Truman hatte ihn kurz zuvor als Handelsminister entlassen, nachdem Wallace Trumans antikommunistische Außenpolitik kritisiert hatte. The New Republic nutzte er nun als Sprachrohr, um gegen den beginnenden Kalten Krieg anzukämpfen und für einen Ausgleich mit der Sowjetunion zu werben. Turner schreibt dazu:

Der Artikel von Brady könnte tatsächlich in diesem Zusammenhang interpretiert werden: Sie schrieb, daß Reich Rußland als „sexual-reaktionär“ und als „antisexuell“ betrachtete, und offensichtlich verteidigte sie die Familienwerte dieses Landes. (S. 285)

1948 war Wallace Präsidentschaftskandidat der Progressive Party, erhielt aber nur drei Prozent der Wählerstimmen. Er war aufgrund der enthusiastischen Zustimmung der Kommunisten in New York einer horrenden Fehleinschätzung aufgesessen. Später stellte sich heraus, daß Laurence Duggan, der unter Wallace Außenminister werden sollte, und Harry Dexter White, der Finanzminister werden sollte, sowjetische Agenten waren!

Nach Wallace‘ Präsidentschaftskandidatur übernahm Michael Straight die radaktionelle Verantwortung von The New Republic, er war bereits der Herausgeber des Magazins. Straight war selbst Sowjetagent gewesen. 1937 war er von Anthony Blunt für den NKWD rekrutiert worden, spionierte für die Sowjets im Außenministerium, hatte den späteren Sowjetagenten Alger Hiss als möglichen Rekruten vorgeschlagen und er hatte The New Republic benutzt, um einem Sowjetagenten einen Presseausweis zu verschaffen. Ab 1942 weigerte er sich jedoch mit den Sowjets weiter zusammenzuarbeiten.

Anthony Blunt und die anderen vier der berühmten „Cambridge Five“ Kim Philby, Guy Burgess, John Cairncross und Donald Maclean waren von Arnold Deutsch, einem ehemaligen Anhänger und Mitarbeiter Reichs, rekrutiert worden. Mit Deutsch haben wir uns bereits beschäftigt. Turner führt aus, daß Deutsch‘ „sexualökonomische“ Haltung seine Sache sehr attraktiv für die „Cambridge Five“ machte, durchweg Bisexuelle. Die Sowjetunion wurde von Deutsch als ein Land der Gleichheit und der sexuellen Toleranz gezeichnet. Praktisch in jeder Beschreibung der „Cambridge Five“ wird Philbys Satz zitiert: „An orgasm a day keeps the doctor away.