Posts Tagged ‘Karl Frank’

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 1)

17. Juni 2016

Walter Löwenheim alias Miles war Gründer der Widerstandsgruppe Neu Beginnen. Jahrgang 1896 war Löwenheim nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in der „Freien Sozialistischen Jugend“ tätig, danach in der KPD. Er war Schüler des legendären Kommunisten Paul Levi. Aufgrund von Stalins desaströser linksextremer und sektiererischer Politik verließ er die KPD, schloß sich jedoch nicht, wie es Levi bereits 1922 getan hatte, der SPD an (Kurt Klotzbach [Hrsg]: Drei Schriften aus dem Exil, Berlin 1974 und Hartmut Soell: Fritz Erler, Berlin 1976).

1928/29 kam Löwenheim zu dem Schluß, daß Stalins Planwirtschaft, die die „Neue Wirtschaftspolitik“ Lenins ersetzte, eine Katastrophe für die gesamte sozialistische Bewegung darstellte. Eine Erneuerung der Arbeiterbewegung betrachtete er nur als möglich durch Überwindung einerseits des linksextremistischen Sektierertums der Kommunisten und andererseits der reformistischen Politik der Sozialdemokraten. Diese Erneuerung sollte von einer konspirativen Gruppe von Berufsrevolutionären ausgehen.

Löwenheim sammelte eine kleine Gruppe von jungen KPD-Mitgliedern, Leuten der KPD(O), d.h. Kommunisten vom rechten Flügel, und revolutionären SPD-Mitgliedern vom linken Flügel um sich. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise formte diese Gruppe „die Organisation“ (kurz „Org.“).

Hinter der Org. (auch als „Leninistische Organisation“ oder „O“ bekannt) stand die Theorie, daß

  1. es nichts bringt eine sektiererische Splitterpartei nach der anderen zu gründen;
  2. die quasi-revolutionäre faschistische Bewegung der Hauptfeind ist, nicht die „Sozialfaschisten“ und nicht einmal die Großindustrie; und
  3. die alten Methoden der illegalen Arbeit wertlos sind, stattdessen müssen längerfristige Strategien ausgearbeitet werden.

Die organisatorische Struktur der Org. gestaltete Löwenheim nach Lenins Konzept einer Kaderpartei. Das bedeutete strikter Zentralismus, das Zentrum hat die Autorität Direktiven auszugeben und die Arbeit erfolgt nach den Gesetzen der Konspiration. Löwenheim war „der deutsche Lenin“.

Die Org. weigerte sich, einen Namen anzunehmen, der ihr den Charakter einer Partei verliehen hätte. Sie betrachtete sich als den „subjektiven Faktor“ innerhalb der Arbeiterbewegung, als eine bewußt handelnde Minderheit, die in den vorhandenen Parteien arbeitet, um den Graben innerhalb der Arbeiterbewegung zu schließen. Deshalb war die Existenz der Org. streng geheimzuhalten. Lokale Zentren waren Berlin und Frankfurt.

1931 füllten zwei Gruppen die Ränge der Org.: zunächst die „Kommunistische Studentenfraktion“ („Kostrufa“) in Deutschland (mit der Österreichischen Kostrufa haben wir uns bereits befaßt), die 1929 aus der KPD ausgeschlossen worden war (Leute wie Richard Löwenthal [alias Paul Sering] und Stefan Eliasberg), und zweitens der Berliner Regionalvorstand der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). (Das waren so ziemlich jene Gruppen, deren Wiener Entsprechungen sich für die Ideen Reichs begeistern konnten: potentiell Reichsches Klientel.)

Anfang 1933 hatte die Org. vielleicht 100 Kader, während etwa 200 Personen der Peripherie der Org. zugeordnet werden konnten. Die einzige Organisation, die bis dahin von der Org. erfolgreich „erobert“ worden war, war die SAJ. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahen, mußte die Org. einsehen, daß ihr langfristig angelegter Plan die beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD zu unterwandern und schließlich zu übernehmen, zunächst ad acta gelegt werden mußte. Die Org. ging in den Untergrund und versuchte eine eigene unabhängige Identität in der internationalen Öffentlichkeit anzunehmen. Beispielsweise warb sie um Anerkennung bei der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (der Nachfolgerin der Zweiten Internationale). In Prag wurde ein Auslandsbüro eingerichtet, das seit Mai 1933 von Dr. Karl Frank geleitet wurde.

Im Frühsommer 1933 schrieb Löwenheim das Programm der Org., die bald „Neu Beginnen“ genannt wurde, als Löwenheims Broschüre September 1933 unter dem Titel Neu Beginnen von der SPD in Prag veröffentlicht wurde (Miles: Neu beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands, Karlsbad 1933. In: Probleme des Sozialismus, Sozialdemokratische Schriftenreihe, Heft 2). Die Schrift wurde viel beachtet.

Im Unterschied zu allen anderen sozialdemokratischen und kommunistischen Theorien der Zeit betrachtete Löwenheim den Faschismus nicht als ein instabiles Phänomen, das schnell verschwinden würde. Stattdessen war für ihn der Faschismus eine politische Revolution, die aus tiefreichenden sozialen Ursachen und Kräften hervorgegangen sei. Der faschistische Staat sei ein durchorganisiertes System, so daß der antifaschistische Kampf ein langfristiges Projekt sein müsse. Da der Faschismus ein monolithischer Block sei und jede Möglichkeit dagegenzuhalten verunmögliche (keine freie Presse, keine Gewerkschaften, etc.), wäre mit der Verschärfung der ökonomischen Krise die gesamte Zivilisation gefährdet, weil in der ökonomischen Krise die Massen ihren bourgeoisen Führern folgten!

Diese Analyse war einzigartig, wenn man von Reichs Faschismus-Theorie absieht, die der von Löwenheim, jedenfalls oberflächlich betrachtet, ziemlich ähnlich ist. Soell deutet übrigens an, direkt sagen tut er es nicht, daß der Name „Neu Beginnen“ tatsächlich von Reich inspiriert sein könnte. Siehe Charakteranalyse (KiWi, S. 267), wo Reich über den intensiven Wunsch des Zwangscharakters spricht, das Leben „neu zu beginnen“.

Die Ereignisse in Deutschland seien, so Löwenheim weiter, unvermeidlich, wenn man sie aus machtpolitischer Warte aus betrachte. Sie seien das Ergebnis der universellen Tendenz zu einem zentralistischen Parteistaat. Löwenheim vergleicht die Sowjetunion sogar mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien: alle drei seien zentralisierte Parteistaaten. Solch ein Staat sei unvermeidlich, aber seine sozialistische Natur sollte sichergestellt werden.

Löwenheim lehnt den traditionellen Determinismus der sozialistischen Bewegung ab, d. h. daß der Sozialismus historisch unvermeidlich ist. Während die bürgerliche Revolution ein natürlicher sozialer Prozeß war, sei die proletarische Revolution nur eine historische Chance. Die proletarische Revolution müsse durch die historische schöpferische Kraft des fortgeschrittensten Teils der Gesellschaft bewußt geplant werden; durch den historisch bewußten Kopf der Arbeiterklasse (d. h. durch bürgerliche Intellektuelle wie Löwenheim!). Am Ende des langen Kampfes müsse der sozialistische Staat stehen mit der gesamten Staatsmacht in den Händen der Sozialistischen Partei.

Unmittelbares Ziel ist ein enges Zusammengehen aller sozialistischen Kräfte unter der Schirmherrschaft der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) und die Zerschlagung der Komintern, da die Komintern Illusionen über die spontane revolutionäre Kraft des Proletariats verbreite. Auch habe die Komintern den Graben, der die Arbeiterbewegung spaltet, verbreitert. Natürlich kritisiert Löwenheim auch die Sozialdemokraten. Weil diese nicht mehr auf eine Marxistische Revolution ausgerichtet seien, fordert er, daß seine eigene Organisation die Führung der sozialistischen Bewegung auf der Grundlage dieser Druckschrift übernimmt.

Löwenheim forderte die Einheitsfront mit allen antifaschistischen Kräften innerhalb der Bourgeoisie. Seit Ende 1933 unternahm Neu Beginnen Anläufe in diese Richtung mit der Bildung „gesellschaftlicher Arbeitsgemeinschaften“ (Gesag). Schon vor 1933 hatten einige Mitglieder der Org. Kontakte mit dem Management der Großindustrie geknüpft.

Die meisten emigrierten Führer der Arbeiterparteien reagierten negativ auf Löwenheims Forderungen. Die stärkste Reaktion kam von der KPD, da sie im Gefolge ihrer „Sozialfaschismus“-Kampagne insbesondere den linken Flügel der Sozialdemokratie bekämpfte. Entsprechend war für sie Neu Beginnen das Böse schlechthin. Für die SPD in Prag wies der alte Karl Kautsky offiziell fast alles zurück, was Löwenheim geschrieben hatte, insbesondere dessen Ablehnung des historischen Determinismus und dessen Plädoyer für eine zentralisierte Parteidiktatur. Kautsky bezeichnete dieses Konzept als „faschistisches Kuckucksei“ im sozialistischen Nest. 1934 wurde Miles‘ Pamphlet übersetzt und in England, Frankreich, und den USA veröffentlicht.

Im Sommer 1935 versuchte das Auslandsbüro von Neu Beginnen eine bessere Beziehung zur Exil-SPD herzustellen. Dies führte zum Beispiel zu einer Zusammenarbeit mit der von der Exil-SPD herausgegebenen Zeitschrift für Sozialismus. Möglich wurde das wegen der Revision von Hauptpunkten im Programm von Löwenheim, die den Anspruch auf die Führung und die zentralistische Parteidiktatur betrafen. Diese Annäherung fand ein Ende, als sich Neu Beginnen im März 1941 der „Vereinigung deutscher sozialistischer Organisationen“ in Großbritannien anschloß. Nach dem Krieg traten viele Mitglieder von Neu Beginnen der SPD bei.

In der Ende Juli 1934 erschienenen Broschüre Was ist Klassenbewußtsein? (S. 9f) schrieb Reich:

In der vor kurzem erschienenen Broschüre Neu beginnen wird sehr richtig die Forderung nach einer „revolutionären Partei“, nach einer im vollen Sinne des Wortes revolutionären Führung gestellt, das Vorhandensein von Klassenbewußtsein im Proletariat jedoch geleugnet:

„Die Grundlage aller ihrer (der II und III. Internationale) Einsichten und Handlungen bildet der Glaube an eine dem Proletariat innewohnende revolutionäre Spontaneität … Wie aber, wenn eine solche revolutionäre Spontaneität nur in den Köpfen der sozialistischen Parteien, aber nicht in der Wirklichkeit existierte? — Wenn das Proletariat von sich aus, also von natürlichen gesellschaftlichen Kräften, gar nicht zum ‚sozialistischen Endkampf‘ getrieben würde … Unfähig anders zu denken als in ihren Dogmen und Thesen, glauben sie mit geradezu religiöser Inbrunst an spontane Revolutionskräfte…“ (S. 6)

Der beispiellos heroische Kampf der österreichischen Arbeiter vom 12.— 16. Februar 1934 beweist, daß es sehr wohl revolutionäre Spontaneität ohne ein Bewußtsein vom „sozialistischen Endkampf“ geben kann. Revolutionäre Spontaneität und Bewußtsein vom „Endkampf“ sind zwei verschiedene Dinge.

Die Führung muß also, so lautet die Konsequenz, das revolutionäre Bewußtsein in die Masse tragen. Zweifellos muß sie das! Aber wie, fragen wir nun, wenn wir noch gar nicht genau Bescheid wüßten über das, was wir revolutionäres Bewußtsein nennen?

Man sieht, daß bei Löwenheim einige Elemente des Reichschen Denkens anklingen – und wie gleichzeitig dessen auf den Staat fixierte Vorstellungen und dessen Konzept einer Konspiration einer Kaderorganisation, die wie ein Nachrichtendienst organisiert ist, all dem zuwiderläufen, wofür Reichs sich damals zu entwickeln beginnendes Konzept der Arbeitsdemokratie steht. Es ist nicht übertrieben Löwenheim als „Roten Faschisten“ zu bezeichnen!

Und das ist mehr als bloße Theorie, denn Nachkriegsdeutschland wurde in entscheidenden Bereichen von der Ideologie und sogar den Kadern Neu Beginnens geprägt, wie bereits in Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3) erläutert. Heute, wo „Wissenschaft“, Medien und Politik flächendeckend vom linken Geist durchdrungen sind, leben wir mehr in einer „Neu-Beginnen-Welt“ als je zuvor. Es ist eine zutiefst totalitäre Welt, die instinktiv Reich-feindlich ist.

Reich war von sozialistischen Geheimorganisationen nach Art von Neu Beginnen geradezu eingekreist. Er selbst war nie Mitglied eines dieser Kulte, wenn man mal von der sektiererischen KPÖ absieht. Mit der genannten kurzzeitigen Ausnahme hat Reich nie einen Hehl aus seinen Ansichten gemacht, während er von Leuten umgeben war, die fast durchweg eine Maske aufgesetzt hatten und geheimen Agenden folgten. Den Grundunterschied zwischen der Orgonomie und der „Neu-Beginnen-Mimikry“ hat Theodore P. Wolfe in einem ganz anderen Zusammenhang beschrieben:

Auch hört man oft das Argument, daß Theorie und Praxis nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind; daß man die eine Art von theoretischem Konzept und eine andere Art von Praxis haben kann. Das ist ein gefährlicher Irrtum und Selbstbetrug. (Translator’s Preface to Second Edition, Character-Analysis, New York 1949, S. XIV)

Reich hätte niemals ein Mitglied dieser Politkulte sein können, aber seine damaligen Anhänger waren es, zumindest Sympathisanten. Betrachten wir Willy Brandt als Beispiel:

Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich das SAP-Mitglied Jacob Walcher in den USA auf, wo aus ihm ein Kommunist wurde. Nach Ende des Krieges ging er in die sowjetisch besetzte Zone und war dort Herausgeber einer Gewerkschaftszeitung. Einige Jahre später fiel er in Ungnade. Schon 1931 war Walcher als „Rechtsabweichler” aus der KPD ausgeschlossen worden. 1932 trat er der Führungsriege der SAP bei und leitete die Auslandsabteilung der Partei. Aber bereits aus seiner Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen, die sich in Opposition zu Moskau befanden („Kommunistische Opposition“), kannte Walcher die norwegische Gruppe „Mot Dag“.

Mot Dag war ein Unikum. Die ordensartige Organisation entstand kurz nach dem Ersten Weltkrieg als eine Gruppe von Studenten und jungen Akademikern, die Mitglied der Norwegischen Arbeiterpartei waren. 1923 verließ Mot Dag die Komintern zusammen mit der Mehrheit der Norwegischen Arbeiterpartei. Zwei Jahre später wurde Mot Dag jedoch von der Norwegischen Arbeiterpartei ausgeschlossen und schloß sich für einige Zeit der KP an. Im Sommer 1933, also gleich nach seiner Ankunft in Norwegen, brachte Walcher Brandt mit Erling Falk in Kontakt, dem Leiter von Mot Dag (Willy Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Brandt war bei Mot Dag sehr aktiv und ab Juni 1934 gehörte er sogar dem Vorstand an, wurde u.a. Vorsitzender und Verkaufsleiter. Er hatte viele Funktionen in den Unterorganisationen von Mot Dag inne. Außerdem gehörte er der Redaktion der Zeitschrift Mot Dag an. Falk und sein innerer Zirkel hatte den Willen und die Fähigkeit Leute an sich zu binden. Brandt brauchte mehr als ein Jahr, um sich wieder zu befreien. Er hatte der Mot Dag mitzuteilen, was im Jugendverband der Norwegischen Arbeiterpartei vor sich ging. Dergestalt wurde er in etwas verstrickt, was ihm zuwider war, vor allem, weil sie aus allem ein so großes Geheimnis machten, auch wußte er nicht, was Sinn und Zweck des ganzen sein sollte (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Von allen Organisationen in Norwegen kam Mot Dag einer Kaderorganisation am nächsten. Die elitäre Gruppe war wie eine Sekte organisiert. Sie hatte in Oslo etwa 100 Mitglieder, einige Dutzend in Trondheim und einige andere in anderen Städten. Die Mitglieder waren Intellektuelle, die fast durchweg aus bürgerlichen Familien stammten. Es waren Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten, Gymnasiallehrer, wissenschaftliche Mitarbeiter, etc. Ursprünglich war Mot Dag eine reine Männergruppe, erst später traten ein paar Frauen bei. Einen nicht geringen Anteil ihres Einkommens hatten die Mitglieder abzutreten. Wer zusätzliches Geld benötigte, mußte einen entsprechenden Antrag stellen. Es war eine Selbstverständlichkeit sein Erbe zu überschreiben und Mitglieder mußten sich in fragwürdigen Wirtschaftsaktivitäten von Mot Dag engagieren. Brandt war ein Sonderfall, da er aus der Arbeiterklasse kam. Aus diesem Grund fiel er nicht lange auf den Elitismus und die Losgelöstheit Mot Dags von der gesellschaftlichen Realität herein. Im Frühjahr 1935 trennte er sich von der Gruppe. Brandt vergleicht ihren Elitismus mit dem der Bolschewisten und ihrer französischen Vorgänger und auch so manchen Ideologen der Neuen Linken Ende der 1960er Jahre (ebd.).

Es wurde auf strikte Disziplin gehalten. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe. Führende Mitglieder hatten Schlüsselpositionen in Frontorganisationen inne. Mot Dag hatte eine Büroetage mit einer Bibliothek und einer Küche, wo viele Mot Dagisten aßen, sogar frühstückten. Die Freizeit wurde gemeinsam verbracht. Unter Falks autoritärer aber auch inspirierender Führung konnte eine verhältnismäßig kleine Gruppe sehr viel erreichen. Sie gab die bereits erwähnte Zeitschrift Mot Dag heraus (1933-1936), führte ein Verlagshaus, stellte eine sechsbändige „Arbeiter-Enzyklopädie“ zusammen, beherrschte wichtige Studentenbünde, hielt eine Abendschule aufrecht. Pionierarbeit wurde geleistet mit einer Zeitschrift für Sexualerziehung. (ebd.) (Wahrscheinleich meint Brandt die Populärt tidsskrift for seksuell oplysning.)

Mot Dag hatte großen Einfluß auf das akademische Leben Norwegens, weniger auf die Politik. Das änderte sich erst als ihre Mitglieder der norwegischen Arbeiterpartei beitraten und in höchste Positionen aufstiegen.

Der Rote Faden: Sozialdemokraten (Teil 2)

15. Juni 2016

Ich habe Siegfried Bernfeld bereits als Beispiel für Reichs Gegner in der Sozialdemokratie vorgestellt. Er war ein Marxistischer Sozialdemokrat und damit ein Gegner jener, die dem, wie er glaubte, Pseudo-Marxismus russischer Provenienz anhingen. Bernfeld betrachtete Reich als Pseudo-Marxisten, wegen dessen angeblich „romantischen“ unmarxistischen Vorstellungen von einer sexuellen Revolution. Auf der andern Seite hatte Reich nur Verachtung für Linksintellektuelle wie Bernfeld übrig, die nur redeten und den Marxismus wie eine Philosophie studierten, aber tatsächlich nie wie Marxisten agierten: politisch engagiert in revolutionären Organisationen, bei Straßendemonstrationen aktiv, Flugblätter verteilen, sich mit Polizisten herumschlagen, sich als aktive Kader auf den Bürgerkrieg vorbereiten, etc.

Heimlich war Bernfeld jedoch 1932/33 durchaus aktiv und zwar in der „Org.“ Walter Löwenheims. Löwenheim hat in seinem Herbst 1935 verfaßten Manuskript Geschichte der Org (Neu Beginnen) 1929-1935 (Eine zeitgenössische Analyse, Berlin 1995, S. 116-118) über die „Konspirations-Debatte“ und die „Psychoanalyse-Debatte“ innerhalb der Org. 1932 berichtet. Die letztere habe eine zentrale Stellung in der Geschichte der Org. vor 1933 eingenommen. Neben Bernstein waren Psychoanalytiker wie Edith Jacobson und Anhänger der Psychoanalyse wie Sergei Feitelberg (konspirativer Name Werber) Mitglieder der Org. Feitelberg bildete den Mittelpunkt von Intellektuellen innerhalb der Org., die über Psychoanalyse und Ideologiebildung diskutierten. Bald ging jedoch die Führung der Org. gegen diesen sich bildenden Kristallisationspunkt einer Fraktionsbildung innerhalb der Org. vor. Sie war gegen Feitelbergs angeblich „fraktionsbildende“ Aktivitäten wegen theoretischer Abweichungen, der Gefahr, die die psychoanalytische Therapie für die „Konspiration“ darstellte, und auch wegen, so Löwenheim, den unerfreulichen moralischen Einfluß der Psychoanalyse auf Revolutionäre. Im übrigen macht sich Löwenheim über Feitelbergs theoretische Position lustig.

Während Feitelberg im Mittelpunkt der „Psychoanalyse-Debatte“ stand, bildete Bernfeld 1932 das Zentrum der „Konspirations-Debatte“ in der Org. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die bereits im eingangs verlinkten Blogeintrag Sozialdemokraten zitierte Stelle aus Bernfelds „Entgegnung an Reich“, in der seine intensive Beschäftigung mit Nachrichtendiensten und Techniken der Konspiration durchscheint.) Es war eine Debatte über den Charakter der Org. und die Art der konspirativen Methoden, die von ihr angewandt werden sollten. Genosse Bernfeld forderte strengste Konspiration und Illegalität, d.h. „Konspiration“ nicht nur gegenüber den Arbeiterparteien (die es zu unterwandern galt), sondern auch gegenüber dem bürgerlichen Weimarer Staat und Vorbereitung auf die vorhersehbare Illegalität in einem faschistischen oder nationalsozialistisch Staat. Dazu sollten Genossen der Org. in faschistischen Organisationen untergebracht werden, um nach der faschistischen Machtübernahme als Maulwürfe arbeiten zu können.

Die Vorschläge des Genossen Bernfeld wurden vom Vorstand der Org. nicht angenommen. Dieser war der Meinung, daß Konspiration kein Ziel in sich sei, zumal in Deutschland immer noch eine Demokratie herrsche und die Arbeiterbewegung frei agieren könne. Konspiration beziehe sich deshalb hauptsächlich auf die Beziehung der Org. zu den anderen sozialistischen und kommunistischen Parteien, jedoch nicht auf den Weimarer Staatsapparat an sich.

Konspirativ nicht nur ausschließlich gegenüber den sozialistischen und kommunistischen Parteien zu arbeiten, sondern auch gegenüber dem Weimarer Staat, würde die gesamte durchaus notwendige Konspiration der Org. der Lächerlichkeit preisgeben. Org.-Kader sollen konspirativ innerhalb der verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Parteien arbeiten, um eine wahrhaftig vereinigte Arbeitereinheitsfront zu bilden. Es hätte nichts mit der Herangehensweise der Org. zu tun, wenn man Kader in faschistische und bürgerliche Organisationen entsandte. Bernfeld gab klein bei und schloß sich der Ansicht des Org.-Vorstands an. (Später sollte Neu Beginnen doch auf Bernfelds ursprüngliche Linie einschwenken!)

Die zweite Org.-Psychoanalytikerin war Edith Jacobsohn. Sie war, ähnlich wie Bernfeld, eine strikte politische Gegnerin Reichs. Dazu merkt Otto Fenichel in einem seiner „Rundbriefe” vom August 1934 an: „In politischer Hinsicht haben z.B. Annie Reich und Edith Jacobsohn mehr kritische Bedenken gegen Reich als ich, und dennoch möchte ich ihre Mitarbeit in unserer Gruppe nicht missen“ (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 119). Wie sehr Edith Jacobsohn (oder Jacobson – sie verwendete beide Varianten ihres Namens!) gegen Reich eingestellt war, zeigt ihr Brief an Fenichel vom März 1935, wo sie ihre Kollegin Lotte Liebeck als „fürchterlich ver’reicht’“ beschreibt (ebd., S. 208).

Jacobsohn, Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft seit 1928, schloß sich Anfang 1933 Neu Beginnen an. Ihr Kampfname war „John“. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft und die Internationale Psychoanalytische Vereinigung wußten nichts von ihrer Mitgliedschaft bei Neu Beginnen. Durch ihre Tätigkeit für Neu Beginnen war sie in der Folgezeit in eine politisch schwierige Situation geraten und war deshalb nach Kopenhagen gegangen. Sie wartete dort, bis sie glaubte, die Gefahr sei vorbei. Als gegen Ende September 1935 Fenichel Oslo verließ und nach Prag ging, hatte er in Kopenhagen vergeblich versucht sie davon zu überzeugen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Sie kehrte nach Berlin zurück, um ihre Widerstand-Arbeit fortzusetzen. Prompt wurde sie und andere Neu Beginnen-Mitglieder während einer Verhaftungswelle am 24. Oktober 1935 in Berlin durch die Gestapo verhaftet (ebd., S. 166f, 283). Das war der erste erfolgreiche Schlag gegen die konspirative Gruppe überhaupt.

Ernest Jones wurde am 30. Oktober 1935 über die Verhaftung in Kenntnis gesetzt. Er setzte sich sofort mit Anna Freud in Wien und Otto Fenichel in Prag in Verbindung. Nic Hoel, obwohl Norwegerin seit 1934 Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, konnte via Wien und Prag von London nach Berlin reisen, um für Jones die Lage zu erkunden. Der deutsche Psychoanalytiker Felix Boehm unterband jedoch alle Aktivitäten Jones‘, da Boehm befürchtete, daß so eine Beziehung zwischen Jacobsohns illegalen Aktivitäten und der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft hergestellt werden könnte. Ende 1937 erkrankte sie in der Haft und wurde Anfang 1938 frühzeitig entlassen, da sie dringend eine Operation benötigte. Daraufhin konnte sie via Prag nach New York entkommen.

Es will mir nicht gelingen herauszufinden, was Reich sagen wollte, als er später schrieb:

Aus Berlin kam unsere Freundin Dr. Edith Jacobson, deren eifrige Mitarbeit in der Bewegung und späteres Unglück – sie mußte zwei Jahre in einem deutschen Gefängnis verbüßen – ich ebenfalls auf dem Gewissen habe. (Menschen im Staat, S. 238)

Es war wohl eher Reich, dem von Jacobson böse mitgespielt worden war. Boehm beschrieb die Ereignisse in der deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in seinem Bericht vom 21. August 1934 (Karen Brecht et al. (Hrsg.): „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter“. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland, Hamburg 1985, S. 99-109).

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch Hitler habe der Psychoanalytiker Dr. Eitingon Reich darum gebeten, nicht mehr die Räumlichkeiten der Gesellschaft zu betreten, so daß im Falle einer Verhaftung seiner Person sich dies nicht in ihren Räumen zutrage. (Es wurde also von Reich ein „solidarisches“ Verhalten eingefordert, daß man umgekehrt ihm auf krasseste Weise verweigerte!) Boehm besuchte Wien und traf sich, in Begleitung von Reichs altem Intimfeind Paul Federn, am 17. April 1933 mit Freud. Dieser äußerte u.a. die Bitte: „Befreien Sie mich von Reich!“

Boehm erklärte Freud, er versuche die Psychoanalyse akademischen Kreisen vergeblich nahezubringen, weil beispielsweise einer seiner Bekannten, ein Nationalsozialist in amtlicher Stellung, die Psychoanalyse als „jüdisch-marxistischen Dreck“ bezeichnet hatte. Boehm fuhr fort, jeder wisse, daß Reich häufig in der Öffentlichkeit als Kommunist in Erscheinung getreten sei, wo er seine Meinungen mit denen der Psychoanalyse vermengte. Gegen das so erzeugte Vorurteil habe er, Boehm, gegenüber den Nationalsozialisten ankämpfen müssen.

Im Sommer 1933 beschloß man deshalb in einer Vorstandssitzung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Reich nicht länger als Mitglied zu führen. Das habe man Reich aber nicht direkt mitteilen wollen, weil es inopportun gewesen wäre direkten Kontakt mit Reich, der sich im Ausland aufhielt, aufzunehmen. In einer späteren Vorstandsitzung Anfang 1934 habe man jedoch Jacobsohn darum gebeten, Reich dies während einer Zusammenkunft in Oslo mitzuteilen, was sie dann jedoch unterlassen habe. Wie nannte Reich sie: „unsere Freundin“…

Im „Rundbrief“ vom 15. Oktober 1939 berichtet Otto Fenichel aus den USA, wohin er inzwischen immigriert war:

Als ich in der zweiten Augusthälfte San Francisco besuchte, hatte ein dortiger „linker”, für Psychoanalyse interessierter Physik-Professor, der jenem „Stammtisch” in Pasadena beigewohnt hatte, von dem ich hier berichtet hatte, infolge eines Mißverständnisses angekündigt, daß ich einen Vortrag über „Psychoanalyse und Marxismus” halten würde. Bernfeld hatte, damit die Sache nicht ohne ihn geschehe, daraufhin Analytiker und Soziologen zu sich eingeladen, und ich stand vor der Aufgabe, manuskriptlos einen englischen Vortrag zu improvisieren. – Es ging verhältnismäßig gut, ich sprach über „Psychoanalyse und Soziologie“ ungefähr im Sinne meines Basler Vortrages mit dem gleichen Titel, und es gab eine angeregte Diskussion. (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998, S. 1207)

Hier haben wir gleich drei Todfeinde Reichs an einem Ort: die drei Freudo-Marxisten Fenichel, Bernfeld und Oppenheimer! Ja, Robert Oppenheimer, der Vater der Atombombe, der später in einem Brief vom 15. Januar 1951 an Eleanor Roosevelt das ORANUR-Experiment als „schlechten Scherz“ bezeichnen sollte (Wilhelm Reich: Record Appendix to Briefs for Appellants, Vol. III: Suppressed Documentary Evidence, United States Court of Appeals for the First Circuit, No. 5160, Wilhelm Reich, et al., Defendants-Appellants, v. United States of America, Appellee, 1956).

Apropos Bernfeld und die Physik: 1929 versuchten Bernfeld und sein bereits eingangs erwähnter Freund und spätere Neu Beginnen-Genosse Sergei Feitelberg (1905-1967), der nicht nur Mediziner, sondern auch Ingenieur war, in Berlin der Psychoanalyse mittels ihrer „Libidometrie“ ein naturwissenschaftliches Fundament zu verpassen. Ausgangspunkt war der versuchte Nachweis, daß es keine spezifische „psychische Energie” gäbe, genausowenig wie es eine „Gruppenenergie” gibt, die das Zusammenspiel in Fußballteams bestimmte. Ein weiteres Postulat war, daß das Seelenleben den Gesetzen der mechanischen Energie folge, beispielsweise setzten sie den Todestrieb hypothetisch mit dem Entropiegesetz gleich. Tatsächlich haben Bernfeld und Feitelberg 1931 einen Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „The Principle of Entropy and the Death Instinct“ veröffentlicht. (All dies unterschied sich offensichtlich grundlegend von der späteren Orgonomie, lief geradezu auf deren Gegenteil hinaus!) Als Bernfeld 1932 nach Wien zurückkehrte, setzte er seine Forschungen mit Hilfe des Physiologen Hans Lampl (1889-1958) und des Physikers Franz Urbach (1902-1969) fort. 1935 wurden diese Bemühungen ergebnislos eingestellt (Karl Fallend, Johannes Reichmayr (Hrsg.): Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse. Materialien zu Leben und Werk, Frankfurt a.M. 1992). Das war genau zu der Zeit, als Reich in Oslo mit seinen bioelektrischen Experimenten begann.

Ich frage mich, ob dieser Feitelberg, der gegen die Orgonenergie kämpfte, bevor sie überhaupt entdeckt worden war, auch eine Rolle in der Unterdrückung der Entdeckung des Orgons in den Vereinigten Staaten gespielt hat! Erstens muß er sich wegen seiner eigenen Forschung über die Libido für das Orgon, bzw. die „pseudowissenschaftliche Orgon-Quacksalberei“, interessiert haben. Und zweitens, war er eine bedeutende Figur in der amerikanischen Nuklearmedizin.

Hier ein Link zu einer kurzen Beschreibung seiner Tätigkeit in der US-Zeitschrift Popular Science 1949. Er war in jeder Hinsicht der „Gegen-Reich”.

Feitelberg stammte aus Moskau, kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, schloß 1928 ein Ingenieursstudium in Berlin ab und fing danach ein Medizinstudium an. 1934 ging er nach Österreich, 1937 in die Schweiz, wo er 1939 einen Posten als Mediziner in Lausanne annahm. Im selben Jahr ging er in die Vereinigten Staaten. 1939-1967 Mitglied des Mt. Sinai Krankenhauses. Im Zweiten Weltkrieg schloß er sich der US-Armee an. 1942-1967 Mitglied der University of Columbia. Seine Forschung drehte sich um radioaktive Isotope. Als Experte war er Mitglied von mehreren Kommissionen der amerikanischen Atombehörde AEC und der Strahlenschutzbehörde (ebd.).

Bei all dem darf nicht vergessen werden, daß Reich und Bernfeld sehr alte Bekannte waren und Reich anfangs Bernfeld viel verdankte. Am 14. Oktober 1925 schrieb Reich an Bernfeld hinsichtlich dessen soeben erschienenen Buches Sisyphos oder Die Grenzen der Erziehung, es sei

das erste Buch seit Jahren, das mich erschüttert hat. Eine solche Art, dieser erbärmlich-jämmerlichen Welt mit Eleganz und Liebenswürdigkeit Fußtritte zu versetzen, hat die Literatur sicher nicht ein zweites Mal aufzuweisen.

Zwischen den Zeilen scheine bei Bernfeld „die todernste Empörung des Geistes wider die Borniertheit“ durch. Er, Reich, entschuldige sich bei Bernfeld, dessen erzieherischen „Skeptizismus“ und dessen „Realpolitik“, was Kindererziehung beträfe, er falsch eingeschätzt habe, weil er ihn, Bernfeld, nicht verstanden habe (Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaftler, Wien 1988, S. 231)

Sechs Jahre zuvor hatte Bernfeld einige Einblicke in Reichs persönliches Leben, denn Reich gehörte in einer Art verspäteter Jugendzeit (in seiner eigentlichen Jugend war er Offizier an der Italienfront!) damals dem Jungwandervogel an, zu deren Leitfiguren Bernfeld gehörte. Außerdem freundete er sich mit einer der Kindergärtnerinnen aus dem von Bernfeld geleiteten kurzlebigen jüdischen „Kinderheim Baumgarten“ an, die 19jährige Lore Kahn. Der Kindergarten existierte nur im Winter 1919/20. Zu dieser Zeit war sie Reichs zweite Patientin. Sie wollte ihr Verhältnis zu Karl Frank, dem späteren Leiter von Neu Beginnen, aufarbeiten. Dieser hatte sich gerade von ihr getrennt, um in Berlin für die Komintern zu arbeiten. Mit einem Abstand von einigen Monaten wurde sie schließlich Reichs Geliebte, bis sie nach einer Liebesnacht in einem unterkühlten Zimmer überraschend krank wurde und starb. Es kam auch zu einer starken Bindung ihrer Mutter an Reich. Als sich diese von ihm zurückgestoßen fühlte, beging sie Selbstmord. Reich fühlte sich so für die Auslöschung einer ganzen Familie verantwortlich… – und Bernfeld erlebt all dies aus nächster Nähe mit! (Reich beschreibt diese Geschehnisse ausführlich in Leidenschaft der Jugend.)

Der psychoanalytische Gemeinschaft in Wien blieb das tragische Geschehen, das alles andere als ein gutes Licht auf Reich warf, nicht verborgen. Freud schrieb 1923 an Sandor Ferenczi, daß Reich offen den Fehler eingestehe, den er vier Jahre zuvor gemacht hatte und daß er, Freud, ihm diese „Jugendsünde“ verzeihe. In einer Anmerkung geben die Herausgeber an, daß diese „Jugendsünde“ wahrscheinlich Reichs Beziehung zu seiner Patientin Lore Kahn war (Sigmund Freud – Sándor Ferenczi. Briefwechsel 1920-1924, Hrsg. Ernst Falzeder und Eva Brabant, Köln 2003).

Hier Bernfeld links, Lore Kahn rechts im Profil:

Der Rote Faden: Reich und Trotzki

10. Juni 2016

Seit 1980 ist durch das Trotzki-Archiv eine kurze Korrespondenz zwischen Reich und Trotzki zugänglich (Karl Fallend: „Späte Kontakte: Reich-Trotzki-Briefe“, Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik., Jg. 4, Nr. 1/2, 1987, S. 75-84). Zusätzlich seit 1992 ein Brief von Heinz Epe (Walter Held) an Albert Glotzer über das Treffen von Reich und Trotzki Anfang 1936 in Oslo (Fritz Erik Hoevels: Wilhelm Reichs Beiträge zur Psychoanalyse, Ahriman, 2001, S. 286f)

In einem Brief vom Oktober 1933 bat Reich Trotzki um ein Treffen, um über Reichs Enttäuschung hinsichtlich der kommunistischen Bewegung und auch über seine sexualpolitische Arbeit und deren Beziehung zur revolutionären Politik zu sprechen. Reich legte ein Exemplar seiner soeben erschienenen Massenpsychologie des Faschismus bei.

Insbesondere ist interessant wie Reich auf seine Sexpol-Aktivitäten in Berlin zurückblickt: Er habe in Deutschland seit 1931 die kommunistische sexualpolitische Bewegung organisiert. In Westdeutschland sei die Zusammenfassung von 40 000 Mitgliedern (der insgesamt 300 000 Mitglieder umfassenden Sexualreformbewegung) gelungen. Er habe zwei Jahre einen aufreibenden Kampf gegen die Parteibürokratie gefochten, um eine genuin kommunistische sexualpolitische Linie auszuarbeiten. Er sei jedoch seiner Leitungsfunktion enthoben worden und die Bewegung brach in sich zusammen. Nun versuche er die Kräfte international zu bündeln. Es sei eine eigene sexualpolitische Massenorganisation vonnöten, doch dies ginge nicht ohne Anbindung an eine politische Partei. Aus diesem Grunde wende er sich nun an Trotzki.

Rein politisch habe ich mich von der grundsätzlichen Richtigkeit Ihrer Auffassungen überzeugt und verfolge aufmerksam die Arbeit der L.O. [d.h. der „Trotzkistischen“ linken Opposition in der kommunistischen Bewegung]. Obwohl ich selbst immer weniger an die Möglichkeit einer Wiederherstellung der kommunistischen Partei glaube, konnte ich mich noch nicht restlos mit der Frage der Gründung einer neuen Partei ins Klare bringen. Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß so groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden. Sollte ich ausgeschlossen werden oder aber die Politik der Komintern, wie etwa die Außenpolitik der SU, nicht mehr durch Mitgliedschaft mitverantworten können und selbst austreten, dann bliebe zunächst nur die Möglichkeit, eine Zeitlang parteilos weiterzuarbeiten und die neue parteiliche Bindung abzuwarten. Da meine Arbeit sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht ein neues, bisher brachliegendes Gebiet der revolutionären Front betrifft, muß ich mir einige Selbständigkeit bewahren, ohne Partisan sein zu wollen, solange, bis entweder die revolutionäre Partei grundsätzlich einverstanden ist [oder?].

Trotzki antwortete am 7. November 1933, daß er auf Reichs Gebiet nicht sonderlich bewandert sei, doch an einem weiteren Austausch durchaus interessiert sei.

Zwei Jahre später am 10. September 1935 schrieb Reich an Trotzki, um dessen Meinung über sein Manuskript Masse und Staat (das später in Die Massenpsychologie des Faschismus Eingang fand) einzuholen. Trotzkis Antwort vom 18. September 1935 war fast identisch mit seiner Antwort 1933.

Bemerkenswert ist, daß Trotzkis Buch Die verratene Revolution in Norwegen zu der Zeit geschrieben wurde, als er mit Reich in Kontakt stand und daß zuvor Reich seine eigene „Die verratene Revolution“ an Trotzki gesandt hatte: Masse und Staat. Reich hatte das Manuskript damals nicht veröffentlicht, sondern nur an einige „Genossen“ geschickt – inklusive Stalin. Eine revidierte Fassung wurde erstmals 1946 in The Masspsychology of Fascism veröffentlicht.

Es ist möglich, daß Trotzki Reichs Manuskript las und daß es Die verratene Revolution beeinflußt hat.

Die verratene Revolution hatte zwei Effekte. Indem das Buch Stalins Haß explodieren ließ:

  1. löste es unmittelbar die blutigen Säuberungen, die Moskauer Prozesse von 1937 und 1938 aus; und
  2. hatte Trotzki mit der Veröffentlichung dieses Buches sein endgültiges Todesurteil unterschrieben.

Mit seinem Manuskript hat demnach Reich vielleicht ungewollt zum Tod von Hunderttausenden beigetragen – und sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Nach der Veröffentlichung von The Masspsychology of Fascism wurde er von den amerikanischen Stalinisten als „Psychofaschist“ angegriffen – und ein Jahr später startete die Stalinistin Mildred Brady die Kampagne, die schließlich in Reichs Verhaftung und Tod im Gefängnis kulminierte.

Auf jeden Fall wird man in Moskau die Kontakte von Reich und Trotzki, bei denen es immerhin um organisatorische Fragen ging, mit äußerstem Interesse verfolgt haben! Wenn man etwa Dimitri Wolkogonows Buch über Trotzki (Das Janusgesicht der Revolution, Düsseldorf 1992) liest, wird es zur Gewißheit, daß in solchen Fällen Stalin höchstpersönlich informiert wurde. Er wurde ohnehin über alles, was im Umfeld Trotzkis geschah, auf dem Laufenden gehalten. Jede kleinste Einzelheit! Wolkogonow macht zwei bemerkenswerte Beobachtungen:

  1. Trotzki befand sich zwischen dem 18. Juni 1935 und dem 19. Dezember 1936 in Oslo – ein ziemlich langer Zeitraum! Agent „Gamma“ berichtete im November 1936 nach Moskau, daß aufgrund einer Übereinkunft zwischen Norwegen und der Sowjetunion die Korrespondenz Trotzkis geöffnet werde. Trotzki wurde nicht nur überwacht, es gab dabei auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Norwegen und der SU. Wurde Reichs Korrespondenz ebenfalls geöffnet? War er schon damals mehr im sowjetischen Netz gefangen, mit aktiver Unterstützung durch die Norweger, als er jemals zu denken gewagt hat?
  2. Wolkogonow beschreibt all die kleinen Parteien zwischen den stalinistischen KPs (Dritte Internationale) und den „revisionistischen“ SPs (Zweite Internationale). Parteien und Bewegungen wie Willy Brandts SAP oder Karl Franks Neu Beginnen (man könnte auch Reichs Sexpol nennen). Einige dieser „Zwischenparteien“ waren mit der Trotzkistischen „Vierten Internationalen“ verbunden. Wolkogonow, der seine Informationen aus den Geheimarchiven des KGB schöpfte, schreibt, daß diese Parteien nicht nur Mitglieder umfaßten, die (wie Reich) zuvor aus den KPs und SPs ausgeschossen worden waren, sondern auch eine ganze Reihe von GPU-Agenten, die alle Inforationen umgehend nach Moskau weiterleiteten. Als schließlich die Vierte Internationale am 3. September 1938 gegründet wurde (tatsächlich hatte sie seit 1933 funktioniert), gab es nur einen Trotzkistischen Repräsentanten für Rußland: Mark Sborowski, einer von Trotzkis engsten Mitarbeitern – und Agent der GPU.

Zur Verdeutlichung: die Zweite Internationale scheiterte am Ersten Weltkrieg, so daß sie mit einiger Berechtigung durch die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale abgelöst wurde. 1923 gründeten die Sozialdemokraten die Sozialistische Arbeiterinternationale, die bis 1940 bestand hatte. 1951 wurde die Sozialistische Internationale durch Kurt Schumacher ins Leben gerufen.

Mark Sborowski (1908-1990) war Sohn russischer Emigranten in Polen und dort Mitglied der KP. Er wanderte nach Frankreich aus und trat dort in den Dienst der GPU. Auf Wikipedia heißt es über ihn (hier „Zborowski“ genannt):

In Paris arbeitete Zborowski ab 1933 unter dem Namen Etienne als stalinistischer Spion in den Reihen der trotzkistischen Bewegung in Frankreich. Seine Berichte wurden von Stalin persönlich gelesen. Er gilt als Beteiligter an der Ermordung von Erwin Wolf und Ignaz Reiss 1937, sowie Leo Sedow [Trotzkis Sohn] und Rudolf Klement 1938. Nach Sedows Tod wurde Zborowski Herausgeber und Redakteur des „Bulletins der Opposition“. Im September 1938 machte er Ramón Mercader mit der Trotzkistin Sylvia Ageloff bekannt, was diesem 1940 Zugang zu Leo Trotzki verschaffte und das tödliche Attentat auf ihn ermöglichte. Zborowski erhielt an der Sorbonne ein Diplom als Fachmann für Ethnologie und betrieb erfolgreich anthropologische Forschung. 1941 emigrierte er in die USA, wo er seine Agententätigkeit gegen die Vierte Internationale fortsetzte. In den 1950ern wurde er enttarnt und mußte vor einem Senatsausschuß für Innere Sicherheit aussagen. 1962 wurde er wegen Meineids verurteilt und saß zwei Jahre in Haft.

Wolkogonow beschreibt das Schicksal von Sborowski in Amerika. Beispielsweise gaben Margaret Mead und Sborowski 1952 eine ethnologische Studie über Juden in Osteuropa heraus. Mead war mit Sborowski engbefreundet und sollte ihn stets unterstützen. William Steig, Reichs Mitarbeiter, war von 1936 bis 1949 mit Elizabeth Steig (1909–1983), der Schwester von Margaret Mead verheiratet.

Es ist ziemlich aufschlußreich Stalins Kampagne gegen Trotzki und wie die geradezu dämonische Schmierkampagne funktionierte (sogar wohlmeinende Linke fingen an Trotzki als den letzten Dreck zu betrachten), mit der Schmierkampagne gegen Reich zu vergleichen!

Es muß aber auch gesagt werden, daß Trotzki eine Art „Ur-Stalin“ war. Stalin führte eine rein „Trotzkistische“ Politik durch: erzwungene Industrialisierung, Militarisierung der Gesellschaft, extrem anti-kapitalistische Maßnahmen, sektiererische ideologische Vereinheitlichung, Dogmatismus, Zensur, etc.pp. Sie, Trotzki und Stalin, haßten einander so sehr, weil sie, bei allen z.T. krassen Unterschieden der Persönlichkeit, sich in mancher Hinsicht so sehr glichen. Es war Trotzki, der als erster die Idee hatte Gefangene als Arbeitssklaven für den „Aufbau des Sozialismus“ zu nutzen. Natürlich war Trotzki nicht solch ein psychopathologisches Monster wie Stalin, aber er war ein „ideologisches Monster“. Ein hervorragendes Beispiel für den pseudo-liberalen „modern-liberal character”. Bronstein sprach Deutsch und auf Deutsch klingt der Name „Trotzki“ wie „Trotz”. Ödipaler Trotz gegen das „Establishment“.

Stalin ließ aus persönlichen Gründen töten, Trotzki wegen der „historischen Notwenigkeit”. Ich würde soweit gehen, daß bis etwa 1928 Stalins Herangehensweise weit rationaler und humaner war als die Trotzkis. Genau aus diesem Grund wurde er auch von den Apparatschiks vorgezogen, die Angst vor dem „Bonaparte“ Trotzki hatten. Danach verwirklichte Stalin genau das, was Trotzki zuvor gepredigt hatte: erzwungene Industrialisierung, Ausbeutung der „kleinbürgerlichen“ Bauernschaft um die Industrialisierung voranzubringen, Militarisierung aller Lebensbereiche, „Proletarisierung“ der Kader, so daß mediokere Volldeppen wie Chruschtschow und Breschnew an die Macht gelangen konnten, „proletarische Erbarmungslosigkeit“, das für Trotzki so typische Sektierertum, etc.pp.

Selbst der Hang zu Verschwörungstheorien, beispielsweise die „Sozialfaschismus“-Theorie, war zunächst bei Trotzki zu finden. Circa 1924 peinigte diesen die Frage, wie es möglich sei, daß je höher eine kapitalistische Gesellschaft entwickelt ist, desto schwächer die KP in dem betreffenden Land ist. Seine Antwort: die Sozialdemokratie sei zu einem Erfüllungsgehilfen amerikanischer Kapitalinteressen geworden (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 90). Wenn etwas nicht nach Marxistischer Theorie lief, dann war nicht etwa die Theorie falsch, sondern Eingriffe von außen brachten die „historischen Gesetzmäßigkeiten“ durcheinander.

Und noch etwas zu Stalin: Wenn man Wolkogonows Buch über Stalin (Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1993) liest: Stalin gab eine perfekte „Charakteranalyse“ jedes einzelnen der alten hochintellektuellen Bolschewisten, die er einen nach dem anderen umbringen ließ. Stalin selbst legte die charakterologische Basis des Kommunismus offen!

Soweit zur „Ehrenrettung“ Reichs als „Anti-Stalinisten“.

In Reichs vom Kommunismus inspirierten Werken finden sich Aussagen, die allem widersprechen, wofür Reichs Konzept der „fachbewußten“ Arbeitsdemokratie steht. Zum Beispiel wollte Reich in den 1930er Jahren ganz nach kommunistischem Muster die Stellung des Industrieproletariats ausnutzen, um als „Gegengewicht gegen die eng zünftlerischen und eng berufsfachlichen Interessen, die der Kapitalismus unter den Arbeitern gezüchtet hat“, zu wirken (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 228, d.h. im „Trotzkistischen“ Kapitel „Masse und Staat“). Reichs reife Position hat wirklich rein gar nichts mehr mit derartigen Marxismen zu tun.

Im Juni 1922 befaßte sich das Politbüro auf Initiative Lenins mit den „antisowjetischen Gruppierungen“ innerhalb der Intelligenz. Der hierzu gefaßte Beschluß, der in erster Linie auf Unschlicht, Kurski und Kamenew zurückging, glich den Richtlinien der mittelalterlichen Inquisition. Unter anderem wurde angeordnet, eine „Aussonderung bei den Studenten“ vorzunehmen, mit dem Ziel einer „strengen Aufnahmebeschränkung für Studenten nicht-proletarischer Herkunft und politisch unzuverlässiger Elemente“. Zudem sollte „eine sorgfältige Überprüfung aller Presseorgane“ durchgeführt werden. Man verfügte weiterhin, „daß weder Kongresse noch sonstige Versammlungen diverser Spezialisten (Ärzte, Agronome, Ingenieure, Rechtsanwälte usw.) durchgeführt werden dürfen, die nicht durch den NKWD genehmigt worden sind. Örtliche Kongresse oder Versammlungen dieser Personengruppen werden durch die Exekutivkomitees des Gouvernements kontrolliert. Gewerkschaftliche Vereinigungen dieser speziellen Berufsgruppen werden gesondert behandelt und aufmerksam beobachtet. (Dimitri Wolkogonow: Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf 1994, S. 137f)

Aber zurück zum Thema: Im folgenden beziehe ich mich auf Natalja Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume: die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924 – 1938), Klinkhardt Verlag, 2005, S. 243 plus Dokument 20 und auf Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron (FS&G, 2011, S. 188f).

Otto Ernst Knobel (alias Brand), Jahrgang 1908, stammte aus Schwerin. 1922-1928 Besuch der Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln, Freundschaft mir Bruno Krömke. Mitglied des Sozialistischen Schüler-Bundes (SSB) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Schulkampf. Seit 1927 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland (KJVD), seit 1929 in der KPD, Redakteur der Zeitung Kommunistische Jugendinternationale. Er studierte fünf Semester an der Berliner Universität. 1933 Emigration nach Paris ohne die Partei um Einwilligung zu bitten. Er bekommt keinen offiziellen Emigrantenstatus zuerkannt. In Paris Kontakt mit Trotzkisten.

Zu dieser Zeit (1934) besuchte auch Reich die französische Hauptstadt und traf dort mit einigen Trotzkistischen Vertretern zusammen, die, nach seinen Angaben, alle Die Massenpsychologie des Faschismus gelesen hatten. Rückkehr Knobels nach Deutschland. 1935 Emigration nach Frankreich und Dänemark. In Kopenhagen arbeitet er in Reichs Verlagshaus. Das erwähnte Treffen in Paris sei vermutlich, so Christopher Turner, von Knobel arrangiert worden, der zu den Trotzkisten fand, bevor er zu Reich nach Dänemark ging. Er könnte es gewesen sein, der die Pariser Trotzkisten mit Exemplaren von Die Massenpsychologie des Faschismus versorgt hatte. Später gibt er an, mit Reich wegen persönlicher Konflikte gebrochen zu haben. Jedoch sagten andere Genossen bei den Verhören in Moskau aus, daß er mit Reichs Einwilligung zunächst nach Berlin ging und dann einen Monat später über Intourist in die UdSSR kam. Er habe Reich derartig nahegestanden, daß er dessen Briefe an Trotzki las und sogar selbst abgeschickt hatte.

Nachdem Knobel im Juni 1935 in der UdSSR ankommt, zeitweilige Arbeit am Moskauer Elektrotechnischen Institut für Nachrichtenwesen. Seit September 1935 unterrichtet er an der Karl-Liebknecht-Schule (Werken bzw. „Technologie“), ab September 1936 Klassenleiter und Biologielehrer, verantwortlich für das Biologiekabinett. Im Sommer 1936 einer der Leiter bei der Schulreise zum Sewan-See (Armenien). Im April 1936 informierte die Kaderabteilung die zuständigen Behörden über Knobels Vergangenheit. Er wird Anfang Oktober 1936 verhaftet und im Juni 1937 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Vermutlich ist er im Lager ums Leben gekommen.

Turner:

Das Komintern-Dokument das ihn stigmatisierte, ein Bericht von 1936 mit dem Titel „Trotzkisten und andere feindliche Elemente in der Emigrantengemeinde der deutschen KP“ [Dokument 20] beschuldigte Knobel Reich beim Verfassen und Übersenden seiner Briefe an Trotzki geholfen zu haben und behauptete, daß Reich „aus der KPD wegen Trotzkismus ausgeschlossen worden war“ (William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934-1939, New Haven: Yale University Press, 2001, S. 166). Wahrscheinlich haben Sowjetagenten Reichs [ersten] Brief an Trotzki abgefangen und möglicherweise hat das, ohne daß Reich dies ahnte, zu seinem Ausschluß aus der Dänischen Kommunisten Partei im darauffolgenden Monat beigetragen.

Turner zieht in Zweifel, daß Reich und Trotzki sich getroffen haben, obwohl sie in der gleichen Stadt lebten, Oslo. Sein überzeugendes Argument: es paßt einfach nicht zu Reichs Ego, daß er darüber für den Rest seines Lebens Schweigen gewahrt hätte. Aber Reich hat Trotzki tatsächlich im April 1936 zu einer eingehenden Unterredung getroffen. Siehe dazu Christiane Rothländers extrem wertvolles Buch Karl Motesiczky 1904-1943 (Wien 2010, S. 217f).

Beispielsweise hat auch Willy Brandt Trotzki nie getroffen, obwohl Trotzki 1935 und 1936 der bei weitem prominenteste politische Flüchtling in Norwegen war. Zwar wurde Brandt Anfang 1935 mitgeteilt, er könne Trotzki sehen, aber dann lehnte Trotzki ein Treffen ab wegen Brandts „opportunistischer Haltung in der ‚Norwegen-Frage‘“ (was immer diese „Norwegen-Frage“ auch gewesen sein mag). Brandt zufolge war Trotzki in ideologischer Hinsicht äußerst puristisch (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982). Er traf also Reich, weil dieser ausreichend „linientreu“ war. Im übrigen verlief das Gespräch Reich/Trotzki, nach Epes Erzählung, ziemlich ernüchternd: Die sexuellen Lockerungen am Anfang der Sowjetunion waren Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die üblichen Marxistischen Versatzstücke. – Reich war sicherlich „Leninist“, aber schlichtweg kein Marxist!

Ein weiterer Hinweis von Turner ist sehr interessant und wird angesichts des tatsächlich stattgefundenen Treffens in seiner Bedeutung nur nochmals unterstrichen. Es geht um Trotzkis bereits erwähntes 1936 veröffentlichtes Buch Verratene Revolution, dessen Einfluß auf Reichs politische Haltung, so Turner, „unermeßlich“ war:

Trotzki analysierte die Art und Weise in welcher die kommunistische Revolution seit Lenins Tod in die Hose gegangen war. Er glaubte, sie sei von Bürokraten gekapert worden und sagte als Ergebnis den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus: er rief zu einem weiteren reinigenden Aufstand auf. Trotzki kritisierte den neuen „Familienkult“, der in Rußland unterstützt wurde und den er als zynischen Trick zur „Disziplinierung der Jugend durch 40 Millionen Stützpunkte der Autorität und der Macht“ betrachtete. Das war genau die Strategie, die Reich Hitler in Die Massenpsychologie des Faschismus vorgeworfen hatte. Trotzki dokumentierte auch Stalins „sexuellen Thermidor“, der die Reformen der Oktoberrevolution, die Ehe und Sexualität betrafen, rückgängig machte; nun war Abtreibung verboten, Sodomie wieder ein Straftatbestand und die Ehescheidungsgesetze waren verschärft worden. Reich war von den Berichten über die Unterstützung sexueller Unterdrückung angewidert; sie zerschlugen ein für allemal seine rosigen Illusionen hinsichtlich des russischen Kommunismus. Nachdem er Trotzkis Streitschrift gelesen hatte, bezeichnete er Stalin als „den neuen Hitler“ und die Stalinisten als „rote Faschisten“.

Es ist zwar mehr als fraglich, ob es dazu Trotzkis Buch bedurft hatte, aber ohne Zweifel hat es den sicherlich immer noch schwankenden Reich bestärkt. Was Turner nicht erwähnt: die Beeinflussung war wechselseitig. Rothländer:

Daß die Diskussion mit Reich nicht ohne Wirkung auf Trotzki geblieben ist, läßt seine wenig später veröffentlichte Arbeit Verratene Revolution vermuten. Darin kam Trotzki in dem „Familie, Jugend, Kultur“ überschriebenen Kapitel auch auf jene Fragestellungen, die im oben erwähnten Brief [an Trotzki] bereits angeschnitten wurden, ausführlich zu sprechen und unterzog, wie auch Reich in seiner Arbeit Die Sexualität im Kulturkampf (1936), die Verschärfung der der Sexualgesetzgebung in der Sowjetunion einer kritischen Analyse.

Es ist nicht nur „anzunehmen“, sondern schlichtweg sicher, daß all dies den Sicherheitsbehörden in Moskau, die sich praktisch ausschließlich mit Trotzki und den „Trotzkisten“ beschäftigten, nicht entgangen ist. Dies zu Reichs „paranoider“ Angst vor den Roten Faschisten in Amerika!

Wie bereits angeschnitten: als Die Sexualität im Kulturkampf neun Jahre später in Amerika unter dem Titel Die sexuelle Revolution erschien, 1946 Die Massenpsychologie des Faschismus, wurde Reich von den Stalinistischen Fellow Travellers als „Psychofaschist“ gebrandmarkt. Ein Jahr später, 1947, trat Mildred Brady auf den Plan…

Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 3)

14. Mai 2015

William Siegmund Schlamm (1904 bis 1978) wurde in Przemysl, Galizien geboren. Sein Vater war wohlhabender Geschäftsmann. Schlamms Pazifismus und sozialistischer Idealismus brachte ihn dazu als Wiener Gymnasiast der Kommunistischen Jugend-Internationale (KJI) beizutreten. 1920, gerade mal 16, besuchte er Moskau. Nach dem Abitur 1922 wurde er Redaktionsmitglied des zentralen KPÖ-Parteiorgans Rote Fahne in Wien, 1925 Chefredakteur.

Auf dem 9. Parteitag 1927 wurde er zum Mitglied des Zentralkomitees. 1928, dem Jahr, in dem sich Reich der KPÖ anschloß, rechtfertigte Schlamm den sich abzeichnenden Stalinismus, der damals vor allem um die „Sozialfaschismustheorie“ kreiste, voller Vehemenz: die Sozialdemokratie war der Hauptgegner und mußte mit allen Mitteln bekämpft werden. Doch schon ein Jahr später brach er mit der Partei.

In seinem Buch Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918-1933 (Wien: Europa Verlag, 1968) führt Herbert Steiner aus, daß vor dem 10. Parteitag im Januar 1929 zwei Fraktionen innerhalb der KPÖ auszumachen waren. Es ging um die Frage, ob die Stabilisierung des Kapitalismus in Österreich im Verlauf der letzten 10 Jahre dauerhaft sei oder nur vorübergehend. Als Kopf der Internationale hatte Stalin verkündet, die gegenwärtige Konsolidierung des Kapitalismus in der westlichen Welt sei bald vorbei, es stehe eine große Krise des Kapitalismus unmittelbar vor der Tür und damit der Sieg des Kommunismus – wenn die verräterischen Sozialdemokraten mit ihrem Kompromißlertum den Kapitalismus nicht wieder retten würden, wie es der Faschist Mussolini (immerhin ursprünglich Sozialist) bereits in Italien getan hatte. Die kleine Minderheitsfraktion, darunter Schlamm, lehnte diese Sichtweise ab und opponierte generell gegen den unrealistischen Linksradikalismus der Partei, etwa den Versuch, den Reich in Menschen im Staat (Frankfurt 1995, S. 92-98) ausführlich beschreibt, einzig ausgerüstet mit den eigenen revolutionären Überzeugungen einen Heimwehraufmarsch in der Wiener Neustadt zu verhindern.

Schlamm vertrat die Position des „Rechtsabweichlers“ Bucharin, während man m.E. Reich zum damaligen Zeitpunkt durchaus als „Stalinisten“ bezeichnen könnte.

Schlamm blieb vorerst Sozialist und begann ab 1929 in München für die beiden Magazine Jugend und Simplicissimus zu arbeiten. 1932 übernahm er die Wiener Ausgabe von Carl von Ossietzkys Weltbühne. Als die Gestapo Ossietzky 1933 verhaftete, wurde Schlamm Leiter der nun in Prag erscheinenden Weltbühne, mußte den Posten aber auf Druck der Komintern aufgeben, nachdem er Artikel von Trotzki veröffentlicht hatte. Daraufhin gab er zwischen 1934 und 1937 in Prag sein eigenes Magazin heraus, die Europäischen Hefte.

1937 veröffentlichte er sein Buch Diktatur der Lüge über den Stalinismus. Es wurde im September des gleichen Jahres in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie besprochen. Am Inhalt des Buches sei nichts auszusetzen, da es viel über den reaktionären Hintergrund des Stalinismus enthülle, zu kritisieren sei jedoch Schlamms polemischer, rhetorischer, geistreichelnder und moralistischer Ton.

1938 immigrierte Schlamm in die USA, wo er 1941 das Buch This Second War of Independence über Hitlers Siege über die westlichen Demokratien schrieb. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Zwischen 1944 und 1950 war er die rechte Hand von Henry Luce, dem die Zeitschriften Life, Time und Fortune gehörten. 1949 kam er nach Europa zurück als Korrespondent der Fortune. 1951 gehörte er zu den Gründern des bedeutenden konservativen Magazins National Review. Mit der Zeitschrift unterstützte er McCarthy nach Kräften. McCarthy war, so Schlamm, das Opfer einer Schmierenkampagne, die für dessen frühen Tod verantwortlich gewesen sei. Für Schlamm war der Kommunismus der Antichrist.

Beiträge von ihm erschienen auch in American Mercury, Nation, Freeman und der New York Times.

1957 kam er nach Deutschland und schrieb das Buch Die Grenzen des Wunders (Ein Bericht über Deutschland) mit einer Auflage von 100 000. Er wurde schnell berühmt als „Kalter Krieger Nr. 1“. Später kritisierte er beispielsweise die Kennedy-Administration, weil sie gegenüber dem Kommunismus zu weich sei. 1966 kam sein Buch Vom Elend der Literatur (Pornographie und Gesinnung) auf den Markt. Wie in Teil 1 erläutert, schrecke der Schriftsteller, nach Schlamms Meinung, vor der gescheiterten gesellschaftlichen Revolution zurück und fliehe in die „Sexuelle Revolution“.

Im 1959 erschienenen Die Grenzen des Wunders hatte Schlamm ausgeführt, daß der Schriftsteller ein überpersönliches Prinzip benötige, die seine Schöpfung „binden, verpflichten und erlösen“ könnte. Einst sei dies Gott gewesen, dann der Übermensch. Beide seien tot. Wir lebten nun in der Welt des, so Schlamm, „kleinen Mannes”, in der der Sex dieses umfassende Prinzip sei. Beispielsweise ertrinke Tennessee Williams geradezu in sexueller Perversion.

Oder mit anderen Worten: wir haben Gott verlassen und sind prompt in die Jauchegrube gefallen. Entsprechend ist Reich der Teufel, der größte Schmutzfink schlechthin.

Im folgenden referiere ich kurz jene Jugenderinnerungen Schlamms aus dem 1962 erschienenen Buch Die jungen Herren der alten Erde, die für die Reich-Biographik von Bedeutung sind.

Schlamm war zwischen 1917 und 1922 im Wiener „Jungwandervogel“. Er erinnert sich, wie Siegfried Bernfeld zu ihnen sprach. Diese Bewegung sei ganz und gar nicht mystisch oder weltabgewandt gewesen. Zwar waren die romantischen Wanderungen durch Wälder und Gebirge schön, aber es war die Zeit der Russischen Revolution. Alles war extrem politisiert, hoch intellektualisiert, man las extrem viel.

Es gab aufgeregte Debatten im „Jungwandervogelheim“ in der Augustinergasse. Beispielsweise waren jene, die nicht Otto Weiningers Geschlecht und Charakter gelesen hatten, Außenseiter. Freud und Schopenhauer zu lesen war Pflicht. „Männerbündelei“ und Antifeminismus, wie sie von Leuten wie Weiningerund Schopenhauer gepredigt wurden, waren zwar Leitideen, aber im Jungwandervogel gab es nichtsdestotrotz jede Menge Liebesaffären mit Mädeln.

Hauptthema war jedoch die Revolution. Alle betrachteten sich als Kommunisten. Die einzige Frage war, ob man auch wirklich der kommunistischen Jugendorganisation beitrat. Schlamm zufolge hatten die meisten den guten Geschmack nicht beizutreten: Schlamm trat bei.

Gustav Wyneken (1875-1964) sei die Verkörperung der damaligen Jugendkultur gewesen. (Der Schulreformer und Kulturpolitiker hatte 1906 die Freie Schulgemeinde Wickersdorf gegründet. Er träumte von einer Jugendrevolte gegen die bürgerliche Gesellschaft.) Der starke Einfluß, der von Karl Kraus ausging, habe den Jungwandervogel vor der Avantgarde a la Johannes R. Becher, Arnolt Bronnen und Bertold Brecht gerettet. Die Expressionisten der 20er beeindruckten sie nicht, weil sie alle Dostojewskij lasen. Sie sehnten sich nach Ordnung, Rationalität, gutem Geschmack, ethischer und intellektueller Disziplin – was sie für Ideologien anfällig machte. Und sie waren unfaßbar altklug. Glaubten schon mit 16 bedeutende Literatur erschaffen zu können. Es war einfach eine Selbstverständlichkeit in jungen Jahren Schopenhauer und andere Philosophen gelesen zu haben. Der meistgelesene Autor war Dostojewskij.

Man lauschte größtenteils der Musik von Gustav Mahler und Anton Bruckner, liebte Bach und Mozart. Bereits mit 16 war Schlamm (wie zur gleichen Zeit auch Reich) ein regelmäßiger Gast in Arnold Schönbergs „Verein für Privataufführungen“. Und dann war da natürlich der Einfluß der Stadt Wien selbst: die großartige Architektur, der Barock. Allgegenwärtig war ein Sinn für Maß und Gestalt. Und der Jungwandervogel hatte Stil. Schlamm wurde „Willi mit der Bügelfalte“ genannt. Sie waren schließlich die Kinder eines einst großen, großartigen Reiches.

Durch die Inflation waren sie zwar unglaublich arm, aber nichtsdestotrotz hatte man viel Spaß. 1920 kam der Jazz nach Wien und statt der Volkstänze begann der Jungwandervogel nun Shimmy und Foxtrott zu tanzen. Es gab viel Freude und Vergnügen. Gleichzeitig studierte man wie wild, mehr als das Gymnasium und die Universität einem abverlangten. Während der Ausflüge diskutierte man Riccardo, Boehm-Bawerk, Simmel und Darwin.

Was diese Generation auszeichnete war ihr starkes Engagement. Jedweder nihilistische Zynismus war ihr fremd. Diese Hingabe hatte aber auch böse Seiten. Beispielsweise blieben manche dem Ersatzgott verhaftet: der Kommunistischen Partei. Schlamm befreite sich selbst von dieser Kinderkrankheit im Jahre 1929 und entfremdete sich so von jenen Kameraden aus dem einstigen Jungenwandervogel, die länger brauchten, um sich wieder zu befreien.

In der in Teil 1 behandelten Kolumne von 1970 führt Schlamm aus, daß er Reich 1919 im Wiener Jugendwandervogel begegnet sei. Reich, der Sohn eines Gutsbesitzers, war gerade als junger Leutnant aus dem Großen Krieg zurückgekehrt, körperlich unversehrt, aber emotional zutiefst verletzt. Er war einige Jahre älter als Schlamm, aber beide suchten zunächst im Jungwandervogel und dann in der Revolutionären Bewegung einen Weg, um diese absurde Welt zu überwinden, in der der schmutzige und sinnlose Krieg möglich geworden war.

In den späten 20er Jahren habe sich ihre anfangs ziemlich unpersönliche Bekanntschaft zu einer warmen Freundschaft entwickelt. Aber ausgerechnet zu dieser Zeit brach Schlamm mit dem Kommunismus, während Reich der Partei beitrat. Schlamm habe damals aber nicht den geringsten Zweifel gehegt, daß Reich sie bald wieder verlassen würde, denn er sei viel zu intelligent und anständig gewesen, um es lange im Ghetto des Fanatismus aushalten zu können.

Aus dem Wiener Jungwandervogel gingen einige Psychoanalytiker hervor wie Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel und andere, Reich sei aber einer der wenigen Schüler Freuds gewesen, um die sich Freud mit herzlicher Anteilnahme kümmerte. Nichts als Reich selbst stand einer großen Berufskarriere Reichs entgegen.

Reich, der, Schlamm zufolge, den Mut des ehemaligen Offiziers besaß und als Sohn eines Millionärs tiefe Verachtung für Geld hegte, gab eines Tages plötzlich seine außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere auf. Der brillante Mann, der vor seinem 30. Geburtstag ein Standardwerk der Psychologie geschrieben hatte, der einzige junge Psychoanalytiker, den Freud ernstnahm, ging nach Berlin…

Obwohl Schlamm in den 1930er Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr zu Reich hatte, während Reich seinen alten Freund beispielsweise etwas konsterniert in der Massenpsychologie des Faschismus erwähnte, kann er uns auch über diese Zeit einiges sagen, was zum Verständnis der Reich-Biographie beiträgt.

In Die jungen Herren der alten Erde beschreibt Schlamm diese Jahre wie folgt: Hitler war an die Macht gekommen und plötzlich war die Sowjetunion, die seit 1923 fast ihre gesamte Faszination für Intellektuelle verloren hatte, wieder die einzige Hoffnung der Menschheit. (Ich möchte hinzufügen, daß damit Reich in seiner Haltung zur KP sich entgegengesetzt zum Zeitgeist bewegte.) Schlamm führt weiter aus, daß in einer Art haßerfülltem linkem „McCarthyismus“ jeder gnadenlos niedergemacht wurde, der es wagte die Sowjetunion zu kritisieren. Stalin war der neue unantastbare Gott, die einzige Hoffnung.

Eine Gruppe von sozialistischen Intellektuellen (wenn man mal von den Trotzkisten absieht), darunter auch Psychoanalytiker, blieben der Sowjetunion gegenüber kritisch bis feindlich eingestellt, obwohl sie linke Sozialisten und Marxisten waren: die nach Leninistischen Prinzipien organisierte Geheimorganisation „Neu Beginnen“.

Schlamm beschrieb sie 1972 in einer Kolumne für die Zeitbühne (Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder. Ausgewählt von Kristin von Philipp, München: Georg Müller Verlag, 1977, S. 324-327). Seine Ausführungen sind wohl karikaturhaft überzeichnet und hier und da schlichtweg falsch, aber er war Zeitzeuge und hat in Prag bis 1938 in diesen Kreisen verkehrt.

Schlamm hat die persönliche Entwicklung von Willy Brandt verfolgt und betrachtet ihn als den hilfreichsten Unterstützer einer bestimmten geschichtlichen Bewegung sozialistischer Revolutionäre. Ihr politisches Programm sei die Verstellung. Kanzler Brandt führe nur das aus, was er in den 30er Jahren in der Gruppe „Neu Beginnen” gelernt habe. Bereits vor Hitlers Machtergreifung fanden sich dort die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), bei der Brandt Mitglied war, enttäuschte Kommunisten und einige Marxistische Gelehrte zusammen. Dr. Karl Frank (alias Paul Hagen, alias Willi Müller), ein Freund aus Schlamms Wiener Jugendzeit, war einer der beiden Führer der Geheimgruppierung (neben Walter Loewenheim alias Miles).

Ihr Ziel war die Durchdringung von und schließliche Machtübernahme in allen Parteien links von Hitler. Das versuchte Neu Beginnen mit Hilfe von „Mimikry“ zu bewerkstelligen. Statt die beschränkten Kräfte des revolutionären Sozialismus mit den kindischen und gefährlichen Strategien der Kommunisten zu verschwenden, wollte Neu Beginnen zunächst die eigene Machtübernahme in allen existierenden linken Parteien orchestrieren und dann mit genau derselben Strategie die Macht in der gesamten Gesellschaft übernehmen. „Revolution durch Anpassung“, Sozialismus in Allianz mit der Großindustrie. Damals habe Schlamm seinem Freund Karl Frank erklärt, daß dies ein ziemlich absonderliches Programm sei.

Frank war ein sehr tatkräftiger und faszinierender Mann und Brandt wurde einer seiner engsten und ergebensten Anhänger. In den 30er Jahren sei der Erfolg von Neu Beginnen phänomenal gewesen: Agenten von Neu Beginnen saßen im Vorzimmer von Kanzler Brüning, im englischen Unterhaus, in der Norwegischen Arbeiterpartei, im Büro des amerikanischen Präsidenten, in der Zentrale von Himmlers Gestapo, im Sekretariat der SPD im Exil und im Sekretariat des Völkerbundes. Die Leitung von Neu Beginnen (mit Karl Frank und seinem hingebungsvollen Mitarbeiter Willy Brandt) blieb jedoch eine in sich geschlossene, abgeschottete Geheimorganisation mit einer festen sozialistischen Identität trotz all der Verstellung und „Mimikry“.

Nach Hitlers Fall kehrten die gut ausgebildeten Kader von Neu Beginnen nach Deutschland zurück. Die meisten schlossen sich der SPD an, unter ihnen Fritz Erler, stellvertretender Vorsitzender der SPD, und natürlich Willy Brandt. Andere wurden Gewerkschaftsfunktionäre oder kamen in der Sozialversicherungs-Bürokratie unter, bei den Volksbanken, wurden Redakteure der Parteipresse – alle Institutionen, die von der SPD dominiert wurden. Sie wurden Universitätsprofessoren, Bundestagsabgeordnete oder Staatssekretäre. Schlamm schätzt, daß gegenwärtig (also 1972) ein Viertel des deutschen Establishments (Staatsmaschinerie, Presse, Öffentlicher Rundfunk, Universitäten, Parteien) direktes Erbe von Neu Beginnen ist.

Der größte Erfolg von Neu Beginnen war jedoch Willy Brandt, der hingebungsvollste und aufnahmewilligste Schüler von Karl Frank. Frank selbst war jedoch enttäuscht vom Resultat seiner Lebensarbeit. In den 60ern, als Brandt deutscher Außenminister wurde, hatte Frank schon längst seinen Glauben an das Konzept von Neu Beginnen verloren. Er wurde melancholisch und zog sich in die Psychoanalyse zurück. Als er in New York starb, schickte Außenminister Brandt ein Beileidsschreiben.

Brandt selbst blieb Neu Beginnen und ihrem Kader treu. 1972 sind seine Regierungsberater und die Führung der SPD fast ausschließlich aus alten Mitgliedern von Neu Beginnen zusammengesetzt. Brandt glaube, so Schlamm, noch immer an die Allmacht der Verstellung, der Infiltration und schließlichen Machtübernahme. Im Beisein der Bourgeoisie sei er ein Bourgeoise, im Beisein von Genossen Genosse, bei Patrioten ein Patriot, bei Staatsmännern ein Staatsmann und im Beisein von Revolutionären sei Brandt ebenfalls Revolutionär. Das mache die ganze Kunst von Neu Beginnen aus. Dieser Epigone Karl Franks (zu dem sich Schlamm im übrigen persönlich immer hingezogen fühlte) sei der neue Meister der Mimikry, der legitime Erbe von Neu Beginnen.

Brandt sei entschlossen den Sozialismus mit Hilfe der Großindustrie aufzubauen, in Zusammenarbeit mit den USA mit der Sowjetunion gute Beziehungen aufzunehmen, die Massen vom „Opium für das Volk“ mit Hilfe der Protestantischen Kirche zu befreien, die deutsche Einheit durch Aufteilung Deutschlands in Westdeutschland, Ostdeutschland und Westberlin zu erreichen und die Pressefreiheit in Kooperation mit den Verlegern zu beseitigen. All dies könne Brandt erreichen, da Brandt das Leben und die Politik als ein Spiel mit einstudierten Rollen betrachtet. Ein Spiel, das von Intellektuellen ersonnen und von Schauspielern gespielt wird. Brandt selbst sei der größte Schauspieler.

Edgar Allen Poe habe eine Detektivgeschichte geschrieben, in der ein gestohlenes Dokument von der Geheimpolizei nicht gefunden wird, weil es ganz offen auf dem Tisch liegt und von jedem gesehen werden kann. Dies sei der geheime Trick aller Verschwörungen: sie sind immer öffentlich. Genauso sei auch die Verschwörung von Neu Beginnen eine öffentliche Darbietung.

Soweit Schlamm. Welche Rolle Neu Beginnen im Leben Reichs spielte, werde ich an anderer Stelle näher ausführen. Es läßt sich aber schon jetzt sagen, daß Reich mit diesen „Leninistischen“ Verschwörungen und der sektiererhaften Politisiererei (die etwa Otto Fenichel zur gleichen Zeit mit seinen „Rundbriefen“ in die Psychoanalyse trug) nichts aber auch rein gar nichts zu tun haben wollte und als Gegenentwurf das Konzept „Arbeitsdemokratie“ entwickelte.

Der Rote Faden: Mildred Brady

1. September 2012

(…) die „Partei“ schickte den Idioten mit einer Botschaft auf den Marktplatz; der Polizist hörte es und leitete es an die Kommission für Nahrungs- und Medikamentensicherheit weiter; von hier gelang es in mehrere Zeitungen, von dort in eine psychiatrische Zeitschrift und das Büro des für den Landkreis zuständigen Staatsanwalts (…). („Public Responsibility in the Early Diagnosis of Cancer“, Orgone Energy Bulletin, 1(3), July 1949, S. 113)

Ohne Frage lag Reich mit dieser Beschreibung richtig. Die einzige kritische Frage ist, ob Mildred Edie Brady wirklich auf Anweisung Moskaus handelte. Dies ist der eine kritische und entscheidende Punkt in Reichs Argumentation. Und da Karl Frank Reichs Hauptquelle war, ist Frank so wichtig. Der „ein gewisser Karl Frank“ bei Jerome Greenfield (USA gegen Wilhelm Reich, S. 85). Myron Sharaf spricht über „a friend of Reich’s“ (Fury on Earth, 1983, S. 366). Sowohl Greenfield als auch Sharaf legen nahe, daß die Hauptquelle für Reichs Verdacht, daß Brady im Auftrag Moskaus handelte, eine unbedeutende Person war, die Reich nur eine zufällige Beobachtung und nicht weiter ins Gewicht fallende Einschätzung mitteilt. In Wirklichkeit war dieser „Informant“ eine sehr bedeutende Figur und ein Experte, wie an anderer Stelle dargelegt.

Von Anfang an war das Unterwandern und Wühlen Taktik von GPU/NKWD/KGB. Später versuchten sie Immigranten zu eliminieren und zwar nicht nur solche, die aus Rußland, sondern auch jene, die aus der Komintern geflohen waren. Dimitri Wolkogonow berichtet über Angelika Balabanowa (1878-1965), eine ehemalige Freundin des Sozialisten Benito Mussolini und spätere Sekretärin der Komintern. Kurz vor der Oktoberrevolution wurde sie nach Schweden gesandt, um sich im Auftrag der Bolschewisten mit linksgerichteten Organisationen in Europa zu befassen. Jeden Samstag kamen Schiffe in Stockholm an mit Geldern aus Rußland, die sie weiterleitete. Ihr wurde gesagt, sie solle das Geld verwenden, um linksgerichtete Organisationen zu unterstützen, anti-bolschewistische („oppositionelle“) Gruppen zu untergraben und einzelne Personen zu diskreditieren (Wolkogonow: Lenin – Utopie und Terror, Düsseldorf 1994).

Genau das hat später Mildred Brady getan: Unterstützen linksgerichteter Gruppen in den Vereinigten Staaten, Untergraben von progressiven Gruppen, die dem Kommunismus gegenüber feindselig eingestellt sind und Diskreditieren bestimmter Personen, in diesem Fall Wilhelm Reich. Diese drei Punkte haben die Politik der Komintern bereits charakterisiert, bevor diese überhaupt offiziell gegründet wurde. (Das Büro für Auslandsarbeit wurde am 8. Oktober 1918 gegründet und bestand aus Balabanowa, Worowski, Bucharin und Axelrod.)

Jürgen Kuczynski war ein enger Freund von Mildred Bradys späterem Ehemann Robert A. Brady, einem Wirtschaftswissenschaftler, und dessen erster Frau. Im September 1926 ging Kuczynski in die Vereinigten Staaten, um an der Brookings School zu studieren. Viele Studenten dieser kleinen Eliteeinrichtung mit nur 20 bis 30 Studenten wurden später Mitglieder der Roosevelt Administration. Und sie waren alle untereinander befreundet und viele heirateten auch untereinander. Kuczynski zufolge hielten viele dieser Bekanntschaften und Freundschaften Jahrzehnte an und schlossen weitere Freundeskreise mit ein. Da die meisten Studenten wegen ihres Talents interessante Jobs bekommen hatten und einige hohe Positionen in der Roosevelt Administration innehatten, war Kuczynskis USA-Reise von 1938 in die USA, wo er für den kommunistischen Geheimsender „29,8“ um Spenden warb, so überaus erfolgreich. Er kehrte als der damals erfolgreichste Spendensammler für die KP heim (Kuczynski: Freunde und gute Bekannte. Gespräche mit Thomas Grimm, Berlin 1997, S. 115f).

Kuczynski war an der Brookings School von Sept. 1926 bis Juni 1927. Danach arbeitete er für die American Federation of Labor, die von William Green geleitet wurde. Sept. 1928 kehrte er zum Brookings Institute zurück, um ein Buch über Arbeitslosenstatistik zu schreiben. 1929 kehrte er nach Deutschland und seinem Familienstammsitz am Schlachtensee zurück. Ein Jahr später schloß er sich der Partei an, besuchte die UdSSR, usw.

Wir zeichnen das Jahr 1931. Kuczynski berichtet, daß viele Briefe mit den Freunden in Amerika ausgetaucht wurden. Elsie Gluck, Bob und Dorothy Brady besuchten ihn am Schlachtensee (Kuczynski: Memoiren, Köln 1983).

Die letztere schrieb damals an Kuczynski, daß ihr Ehemann Bob Brady mit ganzem Herzen auf ihrer Seite, d. h. auf Seite der Kommunisten stünde, aber leider gezwungen sei, an der Universität von Berkeley jede Menge Quatsch zu lehren. Zurück in den USA habe er das Gefühl seine Seele an den Mammon zu verkaufen. Kuczynski fügt jedoch an, daß sich Bob Brady keine Sorgen um seine Seele hat machen müssen, da er gute Bücher gegen den deutschen Faschismus und den Monopolkapitalismus im allgemeinen geschrieben habe. Zwar sei auch Dorothy nicht in der Partei gewesen, aber, wie Bob, auf kommunistischer Seite mit voller Überzeugung gesellschaftlich aktiv (ebd., S. 214f).

1934, ein Jahr bevor die damalige Mildred Edie ihren späteren Mann Bob Brady kennenlernte, wurde die junge Journalistin auf Reich aufmerksam, als sie den Psychoanalytischen Kongreß in Luzern besuchte. Siehe dazu Item 178 (Statement by Angelica M. Haymes on Masters [Consumer Reports], Dec. 7, 1948) von Reichs The Red Threat of a Conspiracy (Rangeley, Maine: Orgone Institute Press, 1955). Zusammen gründeten sie 1936 die kommunistisch inspirierte Consumers Union, eine Art „Stiftung Warentest“, um das kapitalistische System nicht nur von der Seite der „Produzenten“ (Werktätigen), sondern auch von der Seite der Konsumenten her zu untergraben. Ein Opfer dieser kapitalismuskritischen „Warentests“ sollte Wilhelm Reich werden.

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=rbMw_0yYdPY%5D

Kuczynski hat seine Wirtschaftsstudien (besonders über die Wirtschaftsstruktur des Nazistischen Deutschland) beim Verlagshaus der englischen KP veröffentlicht, in Amerika beim dortigen KP-Verlag. Dennoch hat 1944 die amerikanische Botschaft (d. h. dieselbe Botschaft, die einige Jahre später Neill die Einreise in die Vereinigten Staaten verwehrte) den Erzkommunisten Kuczynski eingeladen, sich dem United States Strategic Bombing Survey anzuschließen. Er und seine Mitarbeiter (z.B. Paul Baran, später der erste Marxistische US-Professor mit Lebensanstellung) hatten täglichen Kontakt mit dem Office of Strategic Services. Dort gab es ebenfalls, so Kuczynski, jede Menge „progressive Leute“. Die Amerikaner haben sich einfach nicht darum geschert, ob man ein Kommunist war oder nicht, soweit man für sie nützlich war. Kuczynski hat dort viele Freunde gefunden und hielt später Kontakt zu ihnen, mit einigen bis zu seinem Tode 1997. Als ziviler Fachmann bekam Kuczynski den militärischen Rang eines Oberst verpaßt. Der United States Strategic Bombing Survey wurde von vier Generälen befehligt, Alexander, George Ball, Paul Nitze und Ken Galbraith, aber nur einer von ihnen sei, so Kuczynski, „progressiv“ gewesen, Galbraith. Er blieb ein lebenslanger Freund. Damals sei Galbraith in der politischen Mitte verortet gewesen, er habe sich aber später mehr nach links entwickelt. Er wurde Freund und Berater von JFK. In seiner Autobiographie erwähnt Galbraith Kuczynski: dieser sei ein sowjetischer Spion gewesen.

Die geheimen Berichte des Office of Strategic Services, Vorgänger des CIA, über die Ökonomie des Deutschen Reiches wurden nur an vier Empfänger gesandt: Roosevelt, Eisenhower, Churchill und Ismay (der „englische Eisenhower“). Kuczynskis Schwester war die berühmteste Sowjetspionin (Ursula Kuczynski war identisch mit „Ursula-Marie Hamburger“, „Ruth Werner“ und der berühmten „Sonia“) und über sie gelangten diese hochgeheimen Berichte auf den Schreibtisch Stalins.

Beim „Office of Strategic Services” befand sich ein ganz besonders linker Linker: Joseph. Bis zu seinem Tode 1993 blieb er ein sehr enger Freund Kuczynskis. Gould erkundigte sich bei Kuczynski, ob es nicht gut sei fünf deutsche Kommunisten von England nach Deutschland mit amerikanischen Flugzeugen zu schicken. Kuczynski wählte fünf Kommunisten und informierte gleichzeitig seine Schwester. So warfen die Amerikaner fünf OSS-Agenten über Deutschland ab, die gleichzeitig über Kuczynskis Schwester für Stalin arbeiteten. Kuczynskis Schwester brachte auch Klaus Fuchs’ Dokumente über die Atombombe in die Sowjetunion. Kuczynski höchstpersönlich vermittelte den Deal.

Fuchs war Kommunist und als er in England eintraf, hatte er sich direkt an Kuczynski gewandt, da dieser der politische Führer der deutschen KPler in England war. Etwa 1942 erzählte Bernal, ein enger Freund Kuczynskis, diesem auf eine sehr vage Weise über eine hochgeheime Superwaffe. (John Desmond Bernal [1901-1971] war ein britischer Naturwissenschaftler, nach 1945 aktiv in der Weltfriedensbewegung und 1950 Präsident des Weltfriedensrates.) Klaus Fuchs teilte Kuczynski Details mit und fragte ihn, ob das nicht für die Sowjetunion von Bedeutung sei. Kuczynski brachte ihn in Kontakt mit den Sowjets. Als die Sowjets plötzlich alle Verbindungen mit Fuchs kappten, wandte sich dieser wieder an Kuczynski, der ihn in Kontakt mit seiner Schwester brachte (Kuczynski: Freunde und gute Bekannte).

Der Rote Faden: Karl Frank (Teil 2)

20. Februar 2012

Als die Führung der SPD nach London und New York kam, existierten dort bereits starke Organisationen von Neu Beginnen. In London war Neu Beginnen faktisch die örtliche SPD-Gruppe. Karl Frank kannte Amerika sehr gut. Ende 1935, Anfang 1936 hatte er die USA besucht, um Finanzquellen aufzutun. Zu den angesprochenen Kreisen gehörte eine Gruppe „amerikanischer Liberaler“ um Reinhold Niebuhr und eine Gruppe deutscher Immigranten, die später, 1939, als American Friends of German Freedom geleitet von Norman Thomas bekannt wurde (Hartmut Soell: Fritz Erler, Berlin 1976).

Am Anfang des Krieges wurde Frank von London in die Vereinigten Staaten geschickt, da die englischen Behörden ein bestimmtes Problem hatten: Adam von Trott zu Solz (sein Bruder Werner von Trott zu Solz wird in einem späteren Teil des Roten Fadens auftauchen). Dieser, ein ehemaliger Rhodes Scholar und seit seiner Studentenzeit persönlicher Freund von vielen wichtigen Engländern, hatte die britischen Behörden während des Krieges von seiner Auslandsmission als deutscher Diplomat benachrichtigt. Die Engländer wußten nicht, ob sie ihm vertrauen konnten, so entschieden sie sich dafür, Frank, der enge Kontakte mit den englischen Behörden hatte, zu ihm in die noch neutralen USA zu senden. Frank kam zu einem positiven Ergebnis, die Engländer vertrauten Adam von Trott zu Solz aber dennoch nicht (Richard Löwenthal: Die Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“, Dokumentationszentrum Berlin, Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstr., 1982).

Nach dem Krieg halfen in Berlin die überlebenden Mitglieder von Neu Beginnen die SPD neu zu organisieren und die Kommunisten zu bekämpfen. Sie waren wegen der vielen einflußreichen Neu Beginnen-Mitglieder in England und Amerika so einflußreich. In Ostberlin hatte die politische Polizei (genauso wie vorher die Gestapo) sogar eine eigene Abteilung, die nach „Neu Beginnen“ benannt war und diese Organisation bekämpfen sollte. Die Neu Beginnen-Mitglieder halfen ihrem alten Freund Willy Brandt (der nie ein Mitglied von Neu Beginnen gewesen war), um ihn als wichtige politische Figur zu installieren (ebd.).

Frank wußte, wie man junge Menschen beeindruckt, wenn man jedoch seine Tricks durchschaut hatte, reagierte er offen und freundlich. Er hatte in einer Geheimoperation einen seiner Leute in Brandts Gruppe in Oslo eingeschleust. Frank stritt das nicht ab und bereinigte die Angelegenheit (Willy Brandt: Links und Frei, Hamburg 1982). Franks Agent war Bernhard Taurer (Einhart Lorenz: Willy Brandt in Norwegen, Kiel 1989). Frank selbst absolvierte „politische Besuche“ in Oslo. (Einhart Lorenz: Mehr als Willy Brandt, Frankfurt 1997, S. 180).

Taurer (Jahrgang 1905) war Mechaniker für Bürotechnik, seit 1920 Mitglied der Sozialdemokratischen Deutschen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei. 1931-1935 Student an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin. 1931 schloß er sich der SPD an, war 1932-1933 Vorsitzender der sozialistischen Studentengruppe. Nach der Machtübernahme wurde er Mitglied von Neu Beginnen. Untergrundarbeit in Deutschland. Sept. 1935 Immigration in der Tschechoslowakei, dann über Österreich, die Schweiz und Frankreich nach London, Student der London School of Economics. Anfang August 1936 Oslo, dort zunächst Mitglied der SAP, dann demaskiert als Mitglied von Neu Beginnen wurde er der offizielle Vertreter von Neu Beginnen in Oslo. April 1940 ging er nach Stockholm, Mai 1941 in die USA, arbeitete für das OWI (die Behörde für Kriegsinformationen und -propaganda), Kommentator beim Deutschen Dienst der Voice of America. Er verwendete die Pseudonyme: Fuchs, Feldmann, Jonny, Ullmann, Pfordt und Jon B. Jansen (Jan Foitzik: Zwischen den Fronten, Bonn 1986, Lorenz: Exil in Norwegen).

Im Mai 1944 wurde unter der Leitung des religiösen Sozialisten Paul Tillich das Council for a Democratic Germany gegründet, es repräsentierte den linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie und stand für ein Wiederaufleben der „Volksfront“, wenn auch unter nicht-kommunistischer Führung (Ursula Langkau-Alex, in: Manfred Briegel und Wolfgang Frühwald [Hrsg.]: Die Erfahrung der Fremde, Weinheim 1988, S. 45-59). Frank und Jacob Walcher waren am Council beteiligt (Brandt: Links und Frei). Auch als Mann Committee, nach Thomas Mann, bezeichnet, trat es für eine Kooperation zwischen den Alliierten und der Sowjetunion auch nach Hitlers Fall ein. Wegen seiner prokommunistischen Tendenzen und weil es unter dem Verdacht stand, von Kommunisten unterwandert zu sein, war Tillichs Council nicht nur den konservativen Emigranten und Exkommunisten wie Ruth Fischer ein Dorn im Auge, sondern bald auch dem FBI, dem State Department und dem OSS. Die Behörden glaubten, daß das Council in jedem Fall unter eine sowjet-freundliche Kontrolle falle (Walter F. Peterson, in: Manfred Briegel und Wolfgang Frühwald [Hrsg.]: Die Erfahrung der Fremde, Weinheim 1988, S. 45-59).

Einige Zeit arbeitete Frank für den New Yorker Zweig der Voice of Americaunter seinem Freund James P. Warburg, der ein Berater für deutsche Angelegenheiten in der Demokratischen Administration war (Soell: Fritz Erler).

Um die deutschen Immigranten und ihr Organisationen unter Kontrolle zu halten wurden in Washington zwei neue Behörden ins Leben gerufen. Ende November 1940 begann das Foreign Activity Correlation Division (FACD) des State Department mit seiner Arbeit. Ein Jahr später bekam das FACD den Auftrag Kontakte mit ausländischen Politikern zu knüpfen, die sich in den USA befanden. Eine der Funktionen der FACD war es, Immigranten-Organisationen unter Beobachtung zu halten. Die zweite Behörde war seit Januar 1942 das Foreign Nationalities Branch (FNB), eine Abteilung des Department of the Office of Strategic Services (OSS). Das FNB wurde von dem Diplomaten DeWitt C. Poole geleitet. Es sollte Material über Ausländer innerhalb der USA sammeln, Kontakt mit ihnen herstellen und Informationen über die außenpolitische Haltung von Gruppierungen von Ausländern sammeln. Nicht nur politische Gruppen, sondern auch Studiengruppen wurden überwacht (also auch Reichs Gruppe?). Von den Deutschen und Österreichern wurden die folgenden wegen ihres politischen Potentials vom FNB als am interessantesten betrachtet: Friedrich Adler, Siegfried Aufhäuser, Heinrich Brüning, Richard Graf Coudenhove-Calergi, Ferdinand Czernin, Julius Deutsch, Otto von Habsburg, Paul Hagen (d.i. Karl Frank), Thomas Mann, Karl Spiecker, Paul Tillich und Paul Treviranus (Walter F. Peterson, in: Manfred Briegel und Wolfgang Frühwald [Hrsg.]: Die Erfahrung der Fremde, Weinheim 1988, S. 45-59).

Die beiden wichtigsten deutschen sozialistischen Organisationen in den USA waren die German Labor Delegation (zu einem Gutteil der rechte Flügel der SPD unter dem Schutz der American Federation of Labor (AFL) und Neu Beginnen. Das Emergency Rescue Committee stand Neu Beginnen besonders nahe. Zwischen der rechten German Labor Delegation und der linken Neu Beginnen, gab es viel politische Auseinandersetzungen (ebd.).

Seit 1933 hatte sich in New York die New School for Social Research zu einer Art von „Universität des Exils“ entwickelt (an ihr sollte 1940-41 auch Reich lehren). Sie war mit der German Study Group eng verbunden, zu der Sozialdemokraten, Neu Beginnen-Leute und Wissenschaftler wie Hans Staudinger und Arnold Brecht gehörten (ebd.).

Frank konnte sich auf die Nachkriegszeit nicht einstellen. Er ließ sich in New York als Psychoanalytiker nieder. Brandt traf ihn während seiner ersten Reise nach Amerika 1954 (Brandt: Links und Frei). Nach dem Krieg verhinderte die Führung der SPD, daß Frank nach Deutschland zurückkehren konnte. Grund waren die vorherigen Auseinandersetzungen wegen seiner Eigensinnigkeit und politischen Extravaganzen während der Emigration. Mittlerweile hatte Frank eine junge Amerikanerin geheiratet, Anna Caples. Sie war die Sekretärin von Norman Thomas, eine der Führungspersönlichkeiten des amerikanischen Sozialismus (Friedrich Scheu: Ein Band der Freundschaft, Wien 1985).

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=uyME0u51Dns%5D

Der Rote Faden: Karl Frank (Teil 1)

19. Februar 2012

Reich war zeitlebens in ein Gespinst von „Verschwörungen“ gefangen, die am ehesten vielleicht an Freimaurerlogen erinnern. Da wäre erstens die orthodoxe Psychoanalyse selbst, die wie ein Geheimbund organisiert war, mit Freud als König Arthus, der der Tafelrunde vorstand (der „Mittwochsgesellschaft“). Dann wären da Otto Fenichels geheime „Rundbriefe“, die nach dem Lesen verbrannt werden sollten. Und schließlich natürlich diverse sozialdemokratische und kommunistische Geheimbünde. Man denke nur an Siegfried Bernfeld, der beispielsweise als sozialdemokratischer Marxist auf Freuds Betreiben Reichs Artikel über den Masochismus beantwortete, da Freud Reich als Vertreter der bolschewistischen bzw. damals bereits Stalinistischen Politsekte einschätzte. Oder man denke an Karl Franks sozialdemokratischen Geheimbund Neu Beginnen.

Vor dem Ersten Weltkrieg sammelten sich aufmüpfige Jugendliche um Siegfried Bernfeld. Zu nennen wären, neben Karl Frank, Rudolf Dreikurs, die Eisler-Geschwister (die eine bedeutende Rolle in der Geschichte des internationalen Kommunismus spielen sollten), Otto Fenichel, Paul Friedländer, Hilda Geiringer, Ernst Krenek und Paul Lazarsfeld (Johannes Reichmayr: Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse, Frankfurt 1990).

1913 bis 1918 studierte Frank an der Wiener Universität Psychologie. Als enger Freund Bernfelds, war er eine Führungsfigur in der Wiener Jugendbewegung. Nach dem Krieg war er Gründungsmitglied der Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten in Wien. Kurz danach gehörte er zur Führungsriege der KPÖ. 1920 ging er nach Berlin, um für die KPD zu arbeiten. 1922 folgten Fenichel und 1925 auch Bernfeld nach Berlin. Dort müssen die drei ihren engen persönlichen Kontakt fortgeführt haben. 1930 heiratete Bernfeld Elisabeth Neumann. Sie hatte eine Affäre mit dem notorischen Frauenhelden Frank. 1933 trennten sich die Bernfelds, blieben aber Freunde (Karl Fallend, Johannes Reichmayr [Hrsg.]: Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse, Frankfurt 1992). Offensichtlich blieben auch Bernfeld und Frank Freunde.

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, fand man Frank im Berlin von 1919 (?) im Jugendzentrum Alte-Jakob-Straße, wo er die „freie Liebe“ propagierte. Später war er mit einem weiteren Mitglied dieses Jugendzentrums, Walter Löwenheim, am Projekt Org./Neu Beginnen beteiligt. Karl Retzlaw nennt Frank einen „Freudianer“ (Retzlaw: Spartakus, Frankfurt 1974).

Reich schloß sich der kommunistischen Bewegung genau zu dem Zeitpunkt an, als sich 1928 wegen des damals linksextremistischen Kurses der Komintern unter Stalin in Deutschland der „rechte Flügel“ der KPD abspaltete und die KPD-Opposition (KPO) bildete. Diese zerfiel 1932 wieder und viele der ehemaligen Kommunisten schlossen sich der SAP an, einer linken Abspaltung der SPD. Fernziel war eine sozialistische Einheitspartei, die sich sowohl vom Stalinismus als auch vom sozialdemokratischen „Revisionismus“ befreit hatte.

Unter den KPO-Mitgliedern, die sich der SAP anschlossen, gehörte neben Frank, der sehr bald zu Neu Beginnen überwechselte, beispielsweise Paul Fröhlich (1884-1953), der seit 1902 in der SPD war, während der 1920er Jahre zur KPD überwechselte, dann KPO, dann SAP, 1941 in die USA, 1950 zurück nach Westdeutschland und zurück in die SPD. Eine gegensätzliche Entwicklung nahm Jacob Walcher (1887-1970), seit 1906 in der SPD. Später entwickelte er sich genauso wie Fröhlich, ging aber 1946 nach Ostdeutschland und schloß sich dort der KPD an, aus der dann die SED wurde. Dieses Beispiel zeigt. wie unvorhersehbar die letztendlichen Loyalitäten in dem Umfeld waren, in dem Reich als radikaler Sozialist in den 1930er Jahren lebte.

Vor Hitlers Machtergreifung gehörten die folgenden Personen zum anonymen „Kreis“, der die Org. leitete: Walter Löwenheim und sein Bruder Ernst Löwenheim; Wolfgang und Eberhard Wiskow; Walter Dupré. Nach der Machtübernahme Hitlers gesellten sich Franz Schleiter und Karl Frank zu ihnen (Udo Vorholt: Die Sowjetunion im Urteil des sozialdemokratischen Exils 1933 bis 1945, Frankfurt 1991).

Seit 1933/34 war Frank Kopf der Auslandsabteilung von Neu Beginnen (der vormaligen „Org.“). Zunächst emigrierte er über Österreich in die Tschechoslowakei, 1938 nach Frankreich und im Dezember 1939 via England in die USA, wo er schließlich als Psychoanalytiker tätig war. Er trat dem American Friends of German Freedom bei, arbeitete für das OSS (Vorgänger des CIA) und das OWI (die Behörde für Kriegsinformationen und -propaganda). 1944 war er ein Gründungsmitglied des Council for a Democratic Germany.

Die Gruppe Neu Beginnen hatte in der Weimarer Republik ausschließlich konspirative Techniken verwendet, was für ihre spätere Widerstandsarbeit unter dem Nazi-Regime beste Voraussetzungen bot. Sie war eine ausgeprägte Kaderorganisation, deren scharfsinnige politische Analysen größtenteils für Intellektuelle und gebildete Arbeiterfunktionäre bestimmt waren. Wegen der organisatorischen Struktur und den Kontaktbeschränkungen zu Funktionären konnte sie weder eine Massenorganisation aufbauen, noch viele Anhänger gewinnen (Richard Löwenthal und Patrik von zur Mühlen: Widerstand und Verweigerung in Deutschland 1933 bis 1945, Berlin 1982, S. 57-75).

Da die Gruppe auf die Einheit der Arbeiterbewegung zielte, schmuggelte sie ihre Mitglieder in die verschiedenen Arbeiterparteien, um deren Kurs in die gewünschte Richtung zu beeinflussen. Mitglieder von Neu Beginnen mußten sich tarnen, da jedes abweichende Verhalten, insbesondere in der KPD, zum Ausschluß geführt hätte. Als Vorsichtsmaßnahme zog Neu Beginnen 1933 alle seine Mitglieder aus der KPD zurück. Auch in der SPD kamen Neu Beginnen-Mitglieder in Konflikt mit der Parteiführung. Über Fritz Erler unterhielt Neu Beginnen enge Kontakte mit der Sozialistische Arbeiter-Internationale (SAI) und am Anfang wurde das auch durch die Exil-SPD unterstützt. Als die Kritik durch Neu Beginnen jedoch für die SPD-Führung zu unbehaglich wurde, beendete diese jedoch Ende 1934 die gesamte finanzielle Unterstützung, was die Untergrundarbeit der Organisation innerhalb Deutschlands stark einschränkte (ebd.).

Obwohl die Gestapo (bis September 1935) aufgrund der perfekten Konspiration nicht in der Lage war ein einziges Mitglied von Neu Beginen zu inhaftieren, entschied sich Löwenheim 1934 die Untergrundarbeit in Deutschland zu beenden, da es keine Massenbasis mehr gäbe, statt dessen sollten alle immigrieren, um in den noch immer demokratischen Ländern gegen die Ausbreitung des Faschismus zu kämpfen. Frank, der das Auslandsbüro von Neu Beginnen in Prag leitete, kam im Oktober 1934 nach Berlin, um gegen diese Strategie zu opponieren. Neu Beginnen blieb unter Leitung von Karl Frank in Deutschland tätig (Hartmut Soell: Fritz Erler, Berlin 1976). Neu Beginnen distanzierte sich 1935 von Löwenheim, der mittlerweile in England als Geschäftsmann lebte und offenbar seine linken Ideen hinter sich gelassen hatte (Willy Brandt: Links und Frei, Hamburg 1982).

Ende 1935 gelang es der Gestapo einige Neu Beginnen-Mitglieder festzunehmen. Aber sie waren gut geschulte Kader und machten während ihrer Befragungen nur harmlose Angaben. Die Gestapo war nicht imstande Neu Beginnen zu infiltrieren, im Unterschied zu vielen anderen Widerstandsgruppen. Zum Beispiel gab es allein in Bayern 14 einzelne Neu Beginnen-Gruppen, die nichts voneinander wußten. Die neue Führung unter Karl Frank konzentrierte sich auf die innere Bildungs- und Nachrichtendienstarbeit, Außenkontakte sollten auf bestimmte Gewerkschaftler beschränkt bleiben, abgesehen davon bestand die Hauptaufgabe darin „zu überwintern“. Die Führung wurde außerhalb Deutschlands von Karl Frank und in Berlin von Richard Löwenthal und Werner Peuke übernommen. Nach den Verhaftungen im Winter von 1935/36 und nachdem einige Mitglieder ausgewandert waren oder sich einfach zurückzogen, übernahmen Fritz Erler und Kurt Schmidt die Führung innerhalb Deutschlands. 1938 wurde Fritz Erler festgenommen, Neu Beginnen blieb jedoch in sehr eingeschränkter Form bis 1944 aktiv (Richard Löwenthal und Patrik von zur Mühlen: Widerstand und Verweigerung in Deutschland 1933 bis 1945, Berlin 1982, S. 57-75).

Löwenheim hatte September 1935 Neu Beginnen für aufgelöst erklärt, doch Januar 1937 hatte die Organisation noch immer innerhalb und außerhalb Deutschlands ungefähr 300 Mitgliedern. Franks Auslandsbüro schätzte, daß davon etwa 50 Kaderqualitäten hätten. 1938 gab es in 14 Ländern Neu Beginnen-Gruppen. Die Exilführung war bis Frühjahr 1938 in Prag, dann in Paris und schließlich im Sommer 1939 in London. In Paris arbeitete sie mit der SAP und den Österreichischen Revolutionären Sozialisten (RSÖ) zusammen (Einhart Lorenz: Exil in Norwegen, Baden-Baden 1992).

Im Auftrag Otto Bauers machte Frank im November 1934 eine Inspektionsreise bei den Revolutionären Sozialisten in Österreich und gab an sie seine konspirativen Erfahrungen weiter, die er bei Neu Beginnen gewonnen hatte. Franks Einfluß insbesondere auf Josef Buttinger, den Führer der RSÖ, sieht man darin, wie Buttinger Anfang 1935 die KPÖ-Frontorganisation „Autonomer Schutzbund“ handhabte. Der „Autonome Schutzbund“ wurde von den Revolutionären Sozialisten als kommunistische Organisation gebrandmarkt und allen Mitgliedern der RSÖ wurde angeordnet, den Autonomen Schutzbund zu verlassen und sich dem Sozialdemokratischen „Stoßgruppen“ anzuschließen. Eine Kommunistin, Ilona Duczynska, erinnerte sich 1975, daß Buttinger ein gelehriger Schüler Franks gewesen wäre. Geschickt habe er alle Mittel der politischen Manipulation genutzt, um eine persönliche Machtbasis innerhalb der Bewegung aufzubauen und so die innere „Demokratie“ auszuhebeln. Von Ex-Kommunisten wie Frank habe er den Haß auf alles Kommunistische übernommen und sei von dem einen Ziel beseelt gewesen, die kommunistische Bewegung zu vernichten (Manfred Marschalek [Hrsg.]: Untergrund und Exil, Wien 1990).

Im Juli 1934 hatten die RSÖ und die KPÖ einen Volksfrontvertrag unterzeichnet, aber Januar 1935 setzte Buttinger diesen Pakt außer Kraft. Er war ein Meister der „Konspiration“. Er konnte die Wohnung und das Wochenendhäuschen seiner amerikanischen Freundin Muriel Gardiner nutzen. Sein Kampfname lautete „Ernst“, sein journalistisches Pseudonym war „Gustav Richter“ (ebd.).

In Paris schrieb Buttinger zusammen mit Klaus Ehring und Karl Frank ein Pamphlet für eine „vereinigte deutsche Revolution“ (d.h. Deutschland inkl. Österreich). Im November 1939 ging er in die Vereinigten Staaten (Helene Maimann und Heinz Lunzer [Hrsg.]: Österreicher im Exil 1934 bis 1945, Wien 1977).

Der Rote Faden: Max Seydewitz

7. August 2011

Karl Frank (1893-1969) alias Willi Müller alias Paul Hagen, auch bekannt als „Josef“ oder „Maria“, ist eine der geheimnisvollsten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Ihn umgab die Aura eines gutaussehenden, sehr intelligenten, mutigen und abenteuerlichen Mannes. Er wurde durch die Kadettenschule und sein späteres revolutionäres Leben geprägt. Wie Reich war auch er Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen. Zwischen 1920 und 1928 bekleidete er leitende Funktionen zunächst in der KPÖ (bis 1924 war er dort Mitglied), dann in der KPD. 1928 wurde er wegen seiner internen Oppositionsarbeit aus der Partei ausgeschlossen.

1929 schließt er sich der „rechten“ Opposition der KPD an, der KPD(O). Seit 1929/30 wird er Geheimmitglied der Kaderorganisation „Org.“. 1932 schließt er sich der kleinen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an und wird sofort in den Vorstand gewählt. Zum Vorstand der SAP gehörten 24 Mitglieder, neben Frank beispielsweise Jacob Walcher, der ebenfalls aus der KPD(O) kam. Frank wird Mitglied der Redaktion der Sozialistischen Arbeiter-Zeitung, dem Organ der SAP, und Leiter der paramilitärischen Schutzstaffel der SAP, dem „Sozialistischen Schutzbund“. Nachdem er schon bald darauf wieder ausgeschlossen wird, tritt er Ende 1932 der SPD bei. Er bleibt dabei natürlich geheimes Mitglied der „Org.“, zu deren Hauptzielen es gehört, dem Sektierertum in der linken Bewegung ein Ende zu setzen.

Das betraf vor allem Gebilde wie die SAP, die zwischen der Komintern, mit deren irrationalen Radikalismus, und der Sozialdemokratie, mit deren Kompromißlertum, standen. Die SAP war im September 1931 von zwei Mitgliedern des Reichstags gegründet worden, Max Seydewitz (1892-1987) und Kurt Rosenfeld (1877-1943). Sie waren zuvor aus der SPD ausgeschlossen worden wegen ihrer Veröffentlichungen und ihrer Organisationsarbeit. Es kam zu einer Solidarisierung anderer SPD-Mitglieder mit dem Ergebnis der Bildung einer neuen Partei links von der SPD und rechts vom KPD, der SAP. Zu den Sympathisanten gehörten Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Lion Feuchtwanger und Albert Einstein. Nach dem Reichstagsbrand versuchten Seydewitz und Rosenfeld, die SAP aufzulösen. Zu diesem Anlaß gab Rosenfeld kund, daß er sich der KPD anschließe. Er vollzog diesen Schritt aber erst, als er 1938 nach New York ging, wo er während des Krieges starb. Seydewitz sagte zwar, daß er sich der SPD wieder anschließen werde und gab sich in Prag entsprechend als linksgerichteter Sozialdemokrat aus, aber im Geheimen war er 1934 der KPD beigetreten. Zu den Mitgliedern des ursprünglichen Vorstandes der SAP gehörte auch Edith Baumann, die nach dem Krieg Leiterin der FDJ war und Frau Erich Honeckers wurde, sowie Hans Seigewasser, der in der „DDR“ Staatssekretär für Kirchenfragen wurde (Einhart Lorenz: Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943, Baden-Baden 1992).

Seydewitz erinnert sich, daß Frank im Spätherbst 1934 in Prag auftauchte, wo er sich „Willi Müller“ nannte und von sich behauptete, er sei Mitglied der SPD und Führer einer Widerstandsgruppe in Deutschland, die er „Neu Beginnen“ und „Milesgruppe“ nannte. Er wollte eine engere Anbindung an Seydewitz‘ Exilgruppe „Revolutionäre Sozialisten“ jedoch traute ihm Seydewitz nicht. Bald darauf verließ Frank Prag und ging in die Schweiz, dann nach Paris und schließlich in die USA. In den USA nannte sich Frank „Paul Hagen” und gab sich als einflußreicher Führer des deutschen Widerstandes aus. Während Treffen mit US-Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen habe er „aus Sicherheitsgründen“ stets eine schwarze Maske getragen. Dort sammelte er Spenden, die angeblich für den deutschen Widerstand bestimmt waren. Er war auch als Psychoanalytiker tätig, um Geld zu verdienen, schließlich heiratete er eine wohlhabende Frau. Er und Neu Beginnen hatten viele SPD-Funktionäre beeinflußt, die nach dem Krieg zu Einfluß gelangten: Waldemar von Knoeringen, Erwin Schoettle, Fritz Erler, Willy Brandt und andere sozialdemokratische Mitglieder des Bundestags (Max Seydewitz: Es hat sich gelohnt. Lebenserinnerungen eines alten Arbeiterfunktionärs, [Ost-] Berlin 1976).

Seydewitz berichtet, daß Frank sich in Berlin von einem alten Freund in Psychoanalyse ausbilden ließ, der ursprünglich aus Wien kam (ebd.). Die von Verachtung und Haß geprägte Art und Weise wie der spätere Stalinist Seydewitz „den Freund von Frank“ beschreibt, läßt fast an Reich denken. Dieser Psychoanalytiker schlage, so Seydewitz, einen guten Gewinn daraus reiche bürgerliche Damen und Herren zu behandeln. Nun, eine solche Anschuldigung paßt auf jeden Psychoanalytiker, so daß Seydewitz wohl eher einen „pseudosozialistischen“ Psychoanalytiker gemeint haben muß.

Ich tippe auf den „Laienanalytiker“ (d.h. im damaligen Sprachgebrauch „Nichtmediziner“) Siegfried Bernfeld. Damals lebte Frank in Berlin einige Monate bei Bernfeld und dessen damaliger Frau, der Schauspielerin Elisabeth Neumann, bis Bernfeld im Herbst 1932 zurück nach Wien ging. Elisabeth Neumann-Bernfeld hatte eine Affäre mit dem Frauenliebling Frank (Jim Martin: Wilhelm Reich and the Cold War, Fort Bragg, Ca., 2000).

Seydewitz begann Frank zu mißtrauen, als während der Machtübernahme Frank ihm sagte, daß er das Ehepaar Seydewitz in deren Wohnung an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit sehen wolle. Als sie etwas zu spät eintrafen, sahen sie zufällig, wie genau zu diesem Zeitpunkt ihre Wohnung von zwölf SA-Männern gestürmt wurde. Später sagte Frank, daß er die Wohnung aufgesucht hatte, aber die SA hätte ihn wieder gehenlassen, weil er ihnen eine entsprechende Geschichte auftischte. Die Seydewitzes waren ob dieser Umstände etwas irritiert, vertrauten ihm nie wieder und warnten andere (Seydewitz: Es hat sich gelohnt). Anderen Quellen zufolge wurde Frank von der SA festgesetzt, später aber wieder freigelassen, weil er Ausländer (Österreicher) war (Martin: Wilhelm Reich and the Cold War).

Auch Willy Brandt, im Exil eine der Hauptfiguren des SAP, traute Frank nicht, und er hatte Gründe dafür, hatte sich doch Frank aus rein taktischen Gründen in den Vorstand der SAP wählen lassen, um dann im Herbst 1932 für den Übertritt zur SPD zu werben (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Gertrud Meyer (später Gaasland, Jahrgang 1914) war sechs Monate jünger als Brandt (1913-1992), ein offenes, willensstarkes, blondes Mädchen aus Lübeck. Politisch wach und von seltener Hilfsbereitschaft. Sie stammte aus der Arbeiterschaft und kam genau wie Brandt aus der Arbeiter-Jugendbewegung. Als Brandt nach Norwegen floh, versprach Gertrud ihm bald zu folgen. Wegen ihrem Engagement für die SAP wurde sie im Mai 1933 verhaftet. Nach 5 Wochen wieder frei, entkam sie nach Norwegen. Sie zogen zusammen, nachdem Gertrud einen Monat in einem Vorort von Oslo als Dienstmädchen gearbeitet hatte (ebd.).

Danach arbeitete sie im Haushalt von Erling Falk, dem Chef der sozialistischen Gruppe Mot Dag und dessen Schwester Dagny, dann für Otto Fenichel und schließlich für Reich. Sie ging eine Scheinehe mit dem Universitätsstudenten und Mot Dag-Mitglied Gunnar Gaasland ein, um die norwegische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Während dessen arbeitete sie mit Brandt für die SAP, beispielsweise war sie der Vertreter der Osloer Gruppe bei der SAP-Tagung „Kattowitzer Konferenz“ in der Tschechoslowakei Ende 1936. Mehrere Male stellte sie ihr Leben aufs Spiel, als sie illegal nach Deutschland einreiste, um illegales Material zu verteilen und sich mit SAP-Kontakten in Norddeutschland und Köln in Verbindung zu setzen. Während der vielen Wochen und sogar Monate, die Brandt durch Europe reiste, leitete sie, neben ihrer Vollzeitstellung bei Reich, die SAP-Gruppe in Oslo, betrieb Jugendarbeit und war im Vorstand der deutschen Emigranten-Gemeinschaft tätig. Als sie Norwegen 1939 verließ, um Reichs Emigration nach New York vorzubereiten, hinterließ sie in der SAP eine große Lücke (Einhart Lorenz: Willy Brandt in Norwegen. Die Jahre des Exils 1933 bis 1940, Kiel 1989).

Zurück zu Seydewitz: 1937 schrieb Seydewitz das Buch Stalin oder Trotzki (London 1938), in dem er offen einen Stalinistischen Standpunkt einnahm. 1938 ging er nach Oslo, wo er als SPD-Mitglied auftrat und für die Einheitsfront von Sozialisten und Kommunisten warb, er wurde jedoch von Neu Beginnen und der SAP, die er mitbegründet hatte, bekämpft. Seine positive Haltung zum Hitler-Stalin-Pakt verschärfte seine Isolation (Lorenz: Exil in Norwegen). Nur drei Mitglieder des Politbüros der KPD und der KPD-Vertreter in Skandinavien, Hermann Matern, wußten von seiner wahren politischen Identität. Als das Ehepaar Ruth und Max Seydewitz nach Oslo kam, lebte es zunächst im Haus von Brandt und Gaasland, während Brandt in Frankreich weilte. Während des Krieges lebten die Seydewitzs in Schweden. Nach dem Krieg wurde Seydewitz Ministerpräsident Sachsens (Brandt: Links und Frei).

Das bedeutet, daß kurz vor der Entdeckung des Orgons zwei Komintern-Agenten mit der wichtigsten Mitarbeiterin Reichs, seiner persönlichen Sekretärin und Leiterin des Labors, Gertrud Gaasland, zusammenlebten.