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Die matriarchalen Wurzeln des Christentums

8. Juni 2016

Die erste geschichtlich greifbare Frau ist Debora. Debora bedeutet „Biene“. Ein Attribut, das sie mit der kämpferischen ägyptischen Göttin Neith verbindet. Neiths Kampf galt der Unterwelt, also dem Tod und der Dürre. Wurde dies dann in die Kampflegende um die streitbare Debora umgedeutet? Debora ist die Herrin über Efraim und sie ist die Amme der Rebekka, die Jakob gebiert, welcher zu Lea und Rahel geht. (Ein Schwesterpaar wie bei Ezechiel 23 „die beiden Schwestern Samaria und Jerusalem, Töchter derselben Mutter“.)

Lea bedeutet „Wildkuh“, die kuhgestaltige Himmelskönigin Anat, die kuhgestaltige Sonnengöttin Aschera, die hebräische Form der ägyptischen kuhgestaltigen Hathor, die der griechischen kuhgestaltigen Hera entspricht. Der Richter Schamgar wird „Sohn Anats“ genannt (Ri 3,31). Ihr kultischer Partner ist „der Sohn“ Ru-Ben, der wiederum Kultheros des Stammes Ruben ist. Dieser Stamm war mit Sicherheit „schon immer“ in Kanaan seßhaft und zwar im Gebiet nordöstlich des Toten Meeres, das man später dem „Stamm“ Juda zulog. In Beth-Anat im Lande Naftali lag der Kultort der Anat. Später wurden Anat und ihr Partnergott Baal zu den Kindern des Götterpaares Aschera und El herabgesetzt.

In der Bibel hat die patriarchale Darstellung der Lea als Gattin des Jakob die Funktion, zusammen mit Jakobs zweiter Frau und den „Mägden“ (Nebenfrauen) disparate Stammesgruppen aneinanderzubinden: Rinderzüchter und Schafzüchter, Alteingesessene und Spätankömmlinge. „Einheimische“ Stämme waren: Ruben, Ascher und Gad, die in Jos 8,33 gegen „die Fremden“ abgehoben werden.

Die Einwanderung wird aber für alle Stämme unter dem von Moses geleiteten Exodus Josefs aus Ägypten subsumiert und mit der Landnahme Benjamins aus der syrischen Wüste ins Westjordanland verknüpft (Jos 2-9), obwohl in Ri 1,1-2,5 Einzugsgeschichten für jeden einzelnen Stamm vorliegen. (Man sieht, daß das Alte Testament sogar noch zusammengestückelter und noch unglaubwürdiger ist als das Neue Testament.)

Zuerst kamen die Rinderzüchter, deren ursprüngliche Herrin Lea war: Ruben, Sachar und Sebulon. Simeon, Levi, Juda, die ebenfalls genannt werden, sind neuere Zusätze, da sie, wie auch die Südstämme, die später alle unter dem Oberbegriff „Juda“ fielen, im alten Deboralied fehlen und die Zuteilung von Stammesgebieten entweder problematisch ist oder ganz fehlt. Zur Lea-Sippe kommen jene, deren Urmutter Silpa war: Gad, Ascher. Dies sind die Stämme, die um das „Goldene Kalb“ tanzten und nachträglich auf den Sinai neben den Stamm Josef gesetzt wurden.

Nach den Rinderhirten kamen die Schafzüchter. Die Opferkulte um Rinder und Schafe wurden dementsprechend verbunden: siehe Ex 29,10.15. Herrin der Schafzüchter ist die jüngere Schwester Leas, Rahel das „Mutterschaf“ (vgl. Hld 6,6), die unsterbliche Gottesmutter Manasses und Efraims, sowie Benjamins (Jer 31,15). Benjamin ist der Widder und später das „Lamm Gottes“. Rahels Kultort war das „Grabmal“ Rama, zu dem noch Saul (1012-1004) als König Benjamins pilgert (1 Sam 10,2).

Wie fern Saul dem Jahwekult stand, sieht man daran, daß er Jahwe-Priester als judäisch-davidische Agenten töten ließ (1 Sam 22,17). Einer der Klangenossen Sauls hieß Belia („Jahwe ist Baal“), seine Söhne hießen Isch-Boschet, bzw. Eschbaal („Baal lebt“) und Meribaal („Baal belohnt“). Saul tritt uns in einem dionysischen Tanz entgegen (1 Sam 10,9-12; siehe auch 19,22-24); eindeutig ein Verhalten, wie es zur Baalsreligion gehörte (vgl. 1 Kön 18,26). Alle Söhne Sauls sind gefallen (1 Sam 31,2; vgl. 14,49), sodaß sein vorgeblicher Sohn Eschbaal nicht durch patriarchale Erbfolge Sauls Nachfolger geworden sein kann.

Was ganz allgemein die Baale betrifft: Der Bundesschluß mit Jahwe zu Sichem geht auf vorisraelitische Zeit zurück, auf den dortigen Baal-Berit, dem „Herren des Bundes“ (vgl. Ri 8,33; 9,4). Andere Baale wurden dämonisiert, wie z.B. der Baal-Sebub, an den sich noch König Ahasja (852-851) um Heilung wandte. Später wurde er zum verderbenbringenden Beelzebub (2 Kön 1,2 und Mt 10,25; 12,24).

Zur Rahel-Sippe gehört auch die Gruppe der Urmutter Bilha: Naftali und Dan. Was speziell Dan angeht, erwähnt Immanuel Velikovsky in seinem Buch über Ramses II. und seine Zeit, die Velikovsky in das zeitliche Umfeld von Judas Fall ansiedelt, einen Friedensvertrag zwischen Ramses II. und Nebukadnezzar, in dem verschiedene Götter angerufen werden, über die vertraglichen Bestimmungen zu wachen. In der Liste der Götter taucht u.a. die „Göttin von Dan“ auf. Dazu kommentiert Velikovsky als Argument für seinen chronologischen Umbau:

Aber in der Zeit vor der Eroberung Dans durch die Daniter, in der Zeit der Richter (in die Ramses konventionellerweise verlegt wird), wurde dieser Ort Lais genannt (Ri 18,29), und es war Jerobeam (926-907), der dort einen Tempel baute. (Frankfurt 1983, S. 66)

Velikovsky geht gar nicht darauf ein, daß der Heiligen Schrift zufolge der besagte Tempel Jahwe galt, sich nun aber herausstellt, daß die Israeliten von Dan zu einer Göttin beteten!

Moses ist der Stammesfürst des Stammes Josef, den er aus Ägypten geführt hat. (Oder ist er der matriarchale Kultheros, der den Todesgott Mot, den Pharao, in die Unterwelt verbannt und den Frühling bringt – Manna vom Himmel fallen und Quellen sprudeln ließ?) Trotzdem Josef als (vor)letzter Ankömmling der äußeren, patriarchalen Schicht der Charakterformation Israels sehr nahe kommt, sind bei Josef noch Reste spätmatriarchalen „Fruchtbarkeitsheroentums“ zu finden. Josef „gleicht dem Erstgeborenen des Stiers, in Josef wohnt die Stärke seines Gottes. Er hat die Hörner eines Büffels“ (Dtn 33,17). Desgleichen haben wir ja auch Moses als „Stier der Göttin“ kennengelernt. Moses’ Nachfolger heißt Josua, was „Retter“ bedeutet, also auch ein Anklang an den „Heros der Göttin“. Übrigens ist „Jesus“ hiervon nur eine gleichbedeutende Namensvariante.

In Gestalt von Moses’ Schwester Mirjam taucht auch schon „Maria“ auf. Neben das Deboralied gehört das Lied der Mirjam (Ex 15,21) zum ältesten Überlieferungsgut. Sie tanzt mit einer Pauke dem „Siegesreigen der Frauen“ voran. Zusammen mit ihrem Bruder Aaron soll sie sich gegen Moses aufgelehnt haben, woraufhin sie mit Aussatz bestraft wird. Jahwe vergleicht seine Strafe mit der eines Vaters, der seiner Tochter ins Gesicht spuckt (Num 12,14) – das ist der Gott des Alten Testaments.

Josef, der von Moses aus Ägypten geführt wurde, fehlt es in Kanaan am Stammesgebiet. Er wurde einfach zum Vorfahren von Manasse und Efraim erklärt und so ins Stammessystem eingepaßt. Vollends patriarchal wird es mit Levi, dem letzten Stamm, der ebenfalls kein eigenes Stammesgebiet hat. Levi ist eng mit Juda verbunden, der gar kein Stamm ist, sondern mythische Absicherung der davidischen Herrschaft.

Doch selbst Juda, der nicht zu Israel gehört, hat einen matriarchalen Aspekt. In Ezechiels Klagelied (Ez 19) über den Untergang der Könige Judas steht deren „Mutter“ im Vordergrund, die mit einer Löwin und einer Weinrebe verglichen wird. Gemeint ist Tamar. Sie ist die Palme mit dem Steinbock, der sie „besteigt“ (vgl. Hld ,8f). Das ist ein sehr bekanntes Motiv („Ziegenbock am Lebensbaum“) aus Ur in Chaldäa, der Heimat Abrahams, das jeder kennt, der sich mit der Geschichte des alten Orients beschäftigt hat.

Tamar ist die judäische Kultheroin. Davids ältester Sohn Amnon, ein Priester, liebte seine Schwester Tamar (2 Sam 13). Auch eine Enkeltochter Davids hieß Tamar (2 Sam 14,27). Die Palme, die für Tamar stand, spielte eine herausragende Rolle bei der Ausstattung des Salomonischen Tempels (1 Kön 6,29.32.35; 2 Chr 3,5 und Ez 41,18f), in dem keine Knaben sangen, wie in der Katholischen Kirche, sondern Mädchen (Klgl 1,4).

Tamar ist die Stammutter der Südstämme Kaleb, Othniel, Kain und Jerachmeel, die alle vom davidischen Kunstgebilde „Juda“ verdrängt wurden. Hebron, der Kultort des Stammes Kaleb, war erster Regierungssitz Davids. Mamre bei Hebron ist wiederum Kultort Saras, deren Kultheros der „Stammvater“ Abraham war. Gerda Weiler schreibt über diesen Komplex:

Als Heimat Abrahams wird Haran angenommen, wo auch eine „Göttin“ namens Sara bekannt ist. „Sara“ bedeutet „Königin“, wird aber auch mit „Fürstin“ wiedergegeben. Noch bis ins 11. Jahrhundert u.Z. haben sich in Haran matriarchale Kulte erhalten – im Widerspruch zu Christentum und Islam. Der Kult Saras, der Frau des Abraham, stammt aus Hebron. Dort ist ihr Grab, an das eine alte kultische Überlieferung gebunden ist. Matriarchale Kulttexte erzählen von Sara, der Priesterin oder Königin am Heiligtum in Hebron, die eines jeden Jahres Unfruchtbarkeit in der Heiligen Hochzeit überwindet. (Das Matriarchat im Alten Israel, Stuttgart 1989, S. 117f)

Sara wird neben dem Stammvater Abraham als Stammutter Israels bezeichnet (Jes 51,2). Und in der Verheißung „an Abraham“ ist gar nicht von ihm als Stammvater die Rede, sondern: „Sara soll die Mutter ganzer Völker werden, und Könige sollen von ihr abstammen“ (Gen 17,16).

Mit Sara ist die Magd Hagar verbunden, die ihren Sohn aus der Wüste führt, so wie die Göttin ihren Kultheros aus der Unterwelt. Dieser Sohn, Ismael gilt im Islam als der Stammvater der Araber.

So läßt sich alles abgrundtief Patriarchale auf matriarchale Ursprünge zurückverfolgen. Beispielsweise stellen die Horden Dschingis-Khans ein prototypisches Beispiel für die brutale Ausbreitung des Patriarchats dar. Aber selbst diese Horden lassen sich auf Urmütter im Matriarchat zurückführen. Auf 5000 Jahre alten Felsbildern aus der Mongolei kann man diese Stammütter etwa in Form von Hirschkühen sehen. Motive, die sich kontinuierlich in der mongolischen Kultur verfolgen lassen, bis heute. So wird eine Hirschkuh namens Olun-Goa als Ur-Mutter der mongolischen Sippe der Bordschigin in Verbindung gebracht, der Sippe, aus der Dschingis-Khan stammte.

Noch in Ex 38,8 und 1 Sam 2,22 dienen Frauen Jahwe. Im Alten Testament treten Weise Frauen (2 Sam 14,2), die für ganze Städte sprechen (2 Sam 20,16ff), Schamaninnen (Hexe von Endor) und Prophetinnen auf. Bei Joel 3,1 verkündet Gott, Männer und Frauen zu Propheten in Israel zu machen. Jesaja 8,3 sagt: „Als ich mit meiner Frau, der Prophetin, schlief, wurde sie schwanger und brachte einen Sohn zur Welt.“ Noch bei der Einrichtung des eigentlichen Judentums spielen Prophetinnen eine entscheidende Rolle: die Prophetin Hulda gibt ein Gutachten über das im Tempel gefundene Gesetzesbuch Mose ab (2 Kön 22,14-20 und 2 Chr 34,22), während sich Nehemia bei der Durchsetzung des Judentums gegen die Prophetin Noadja zur Wehr setzen muß (Neh 6,14).

Für die Jahwisten sind alle Feinde, „die sich um eine Götzenpriesterin scharen“ (Jes 66,17). Schon das Alte Testament ruft zur Hexenverfolgung auf (Ez 13,17-23); Frauen im Volke, die „nach ihrem eigenen Gutdünken prophezeien“ und magische Hexenpraktiken ausführen, wird das göttliche Strafgericht angedroht.

Die Geschichte der Dirne Rahab, die eine bedeutende Rolle bei der israelitischen Landnahme spielt (Jos 2,1-21; 6,22-25), zeigt, daß schon im Alten Testament Dirnen Gott näher stehen, als andere Menschen – lange vor Jesus (Hebr 11,31 und Jak 2,25). Prostitution genoß hohe Wertschätzung; über sie wurde ganz unbefangen berichtet (z.B. Ri 16,1). Was mag sich ursprünglich hinter der Geschichte der Tamar verbergen, die Juda verführte, indem sie sich als Prostituierte ausgab? (Gen 38). Jiftach, ein Held der Richterzeit, „war der Sohn einer Prostituierten“ (Ri 11,1), wie ja auch Jesus. Vollends merkwürdig wird es, wenn dem einzigen originären Propheten des Nordreichs, Hosea (etwa 750-722 v.Chr.), von Gott befohlen wird eine Prostituierte zu ehelichen. Im Buch Hosea gilt dann diese Ehe als Gleichnis für die tragische Liebesgeschichte zwischen Jahwe und der Hure Israel, die sich den Baalen hingibt.

Doch das Volk „hurte“ weiter und bekannte sich zu alten matriarchalen Religionsformen. In dem betreffenden Bekenntnis Jer 44,17f ist auch von den Königen die Rede. Die Fruchtbarkeitskulte waren so verbreitet, daß die Könige aus staatspolitischen Gründen diese Kulte tolerierten, wenn sie nicht selbst, wie noch Saul, an ihnen teilhatten. Deshalb kommen die Könige in der Bibel fast durchweg schlecht weg. Asa von Juda (908-868) war einer der wenigen Könige, der von der Bibel nicht kritisiert wird. Er beseitigte die matriarchale Opposition und ging dabei soweit, ein ungeheuerliches Sakrileg zu begehen, nämlich seine Großmutter, die Königsmutter Maacha, abzusetzten, „weil sie ein verabscheuungswürdiges Götzenbild der Göttin Aschera aufgestellt hatte“ (1 Kön 15,13). So emanzipierten sich die Könige gegenüber den Königsmüttern langsam mit Hilfe eines patriarchalen Kults: „Steig von deinem Thron herunter (…) du feine Dame“ (Jes 47,1).

Asas Nachfolger Joschafat (868-847) sandte die Leviten aus, das Volk im Gesetz Jahwes zu unterweisen (2 Chr 17,7). Diese Missionierung zeigt, daß der patriarchale Glauben kein Volksglauben war, sondern Herrschaftsinstrument (siehe auch 2 Chr 19,4 im Vergleich mit 20,33). Joschafat war ein gottgefälliger Mann.

Ahab von Israel (871-852) ist demgegenüber für die Bibel der Inbegriff des heidnischen Bösewichts – bis hin zu Melvilles Moby Dick. Ahab heiratete Isebel, deren Namensvetterin noch im Neuen Testament Offb 2,20-23 auftaucht, sich als Prophetin ausgibt und zur Unzucht verführt, wofür Christus in seiner großen Güte u.a. ihre Kinder töten will. Ahab heiratete also Isebel und stellte für sie ein Bild der Göttin Aschera auf (1 Kön 16,32f). Zu dieser Zeit nutzte der Prophet Elija eine Dürre aus, um 850 Priester der Fruchtbarkeitsgötter Aschera und Baal abschlachten zu lassen (1 Kön 18). Dieser patriarchale Ausrottungszug wurde in die Vergangenheit projiziert: die Leviten schlachten dreitausend ihrer „Söhne, Brüder und Freunde“ ab, weil sie das Goldene Kalb anbeteten (Ex 32)), später diente er wiederum als Muster für die legendäre Gestalt des Daniel-Buches (2.Jahrhundert v.Chr.), der im babylonischen Exil Frauen und Kinder der Baal-Priester (Bel) umbringen läßt (kath Dan 14; Einheitsübersetzung DanZ C,1-22). In Wirklichkeit ereigneten sich all diese Greuel zur Zeit Isebels.

Nach Ahabs Tod wurden sein Sohn Ahasja und dessen Sohn Joram (852-845) Könige unter der Königsmutter Isebel. Königin Isebel leitet den (heidnischen) Staatskult, sie läßt Elija verfolgen und sie führt die Staatsgeschäfte, wobei sie das königliche Siegel benutzt – angeblich „verbotenerweise“ (1 Kön 21,8). Elijas Nachfolger Elischa salbte daraufhin den Oberst Jehu (845-818) aus Jorams Armee zum neuen König, der den rechtmäßigen König umbrachte. Die nachfolgende bestialische Ermordung der Könismutter Isebel wird von der Bibel in allen Einzelheiten genußvoll geschildert. Dies war der Anfang eines wahren Blutrausches, in dessen Verlauf 70 Söhne und Enkel Ahabs geköpft und ihre Köpfe in zwei Haufen vor dem Stadttor aufgestapelt wurden. Auch alle restlichen Mitglieder der Königsfamilie wurden umgebracht, desgleichen alle hohen Beamten, Ratgeber und Priester des Königs. Nachdem Jehu auch die 42 Verwandten des judäischen Königs Ahasja (den er bereits zusammen mit Joram) getötet hatte, ging Jehu daran, die Verehrer Baals systematisch auszurotten. Wie er dies getan hat (er berief als vorgeblicher Baalsanhänger ein großes Opferfest für Baal ein, um ausnahmslos aller Baalspriester habhaft zu werden) ist ein Paradestück der Emotionellen Pest und ein Vorbild, an dem sich z.B. die Eroberer Südamerikas orientiert haben (2 Kön 10,18-27).

Inzwischen hatte in Juda die Königsmutter Atalja, eine Tochter Ahabs, die Macht auch offiziell übernommen. Vorher sei „dieses schändliche Weib“ (2 Chr 24,7) Ahasjas Beraterin gewesen, die ihn dazu verleitet habe, dem schlechten Vorbild Ahabs zu folgen (2 Chr 22,3). Jedenfalls ließ sie alle Angehörigen der Familie umbringen. Nur der kleine Sohn Ahasjas, Joasch (840-801) konnte dem Gericht entkommen und im Tempel Jahwes versteckt werden. Nach sieben Jahren wurde Atalja von den Priestern Jahwes gestürzt und hingerichtet. Joasch wurde König und den Baalspriestern von Juda ging es an den Kragen. Bezeichnenderweise wurde die Mutter von Joasch Zibja nun nicht zur Königsmutter. Nicht sie, sondern der Levit Jojuda hatte den bei seiner Inthronisation siebenjährigen König erzogen. Statt der Königsmutter regierten jetzt die Leviten. Doch selbst Joasch sollte doch noch zum Astarte-Anhänger werden, um schließlich von treugebliebenen Jahwe-Anhängern erschlagen zu werden.

Als Israel 722 fiel, wurden noch immer „auf jeder höheren Erhebung und unter jedem größeren Baum geweihte Steinmale und Pfähle aufgestellt“ (2 Kön 17,10). Sogar „das Bild der Göttin Aschera in Samaria blieb unangetastet“ (2 Kön 13,6). Zur gleichen Zeit mußte Judas König Hiskija (725-697) noch immer „Opferstätten rings im Land zerstören, die geweihten Steinmale in Stücke schlagen und das Götzenbild der Aschera umstürzen“ (2 Kön 18,4).

Unter König Joschija (639-609) schließlich gewann Jahwe ganz. Er befahl

den Tempel des Herrn von den Spuren des Götzendieners zu säubern. Er ließ alle Geräte und Einrichtungen, die für den Gott Baal, die Göttin Aschera und die Gestirngötter bestimmt waren, aus der Stadt bringen und im Kidrontal verbrennen. (2 Kön 23,4)

Dazu gehörte auch „das Götzenbild der Aschera im Tempel des Herrn“ (2 Kön 23,6). „Außerdem ließ er die Häuser der Prostituierten abreißen, die im Tempelbezirk gestanden hatten. Dort hatten die Frauen Gewänder für die Göttin Aschera gewebt“ (2 Kön 23,7). Zu diesem Vernichtungswerk gehörte auch die Entweihung von Altären im Osten von Jerusalem, die Salomo für Astarte hat bauen lassen. Außerdem ließ der König ihre „Priester auf den Altären abschlachten“ (2 Kön 23,20). Aber Joschija gab sich nicht damit zufrieden nur Jerusalem und Juda zu reinigen, sondern „auch in den Städten der Stämme Manasse, Efraim, Simeon und bis nach Naftali durchsuchte er die Häuser“ (2 Chr 34,6), also im Gebiet des untergegangenen Israel.

Israel war der Himmelskönigin verhältnismäßig treuer geblieben als das kriegerische Juda, das Israel immer wieder bedrängte. Juda folgte zunehmend den Leviten. So entsprach im regenarmen Südland Juda (Ri 1,15) die geographische Wüste der Emotionalen Wüste. Doch erst mit dem Untergang Judas begann sich das ganz zu entwickeln, was man als voll ausgebildete patriarchalische Religion bezeichnen kann. Es fing mit der Durchsetzung der Mosaischen Gesetze unter König Joschija an. Alles wird der Vergeltung unterworfen; es kommen die Gesetze, die das gesamte Leben in ein Korsett pressen.

Die matriarchale Bindung (Heidentum) war zerbrochen und wurde durch eine Bindung an das patriarchale Gesetz ersetzt (Rabbiner sehen es lieber mit dem Wort „Wegweisung“ ins Deutsche übersetzt). Eigentliche Begründer des Judentums waren im babylonischen Exil Ezechiel, der „Vater des Judentums“, der am Ritual und Tempelkult interessiert war, und Esra, der als „Zweiter Moses“ (Neh 8,1) das Deuteronomium verlas und Juda den Namen Israel gab. Erst Esra ist der eigentliche Anfang des Monotheismus. Die Pharisäer sahen Esra als den Begründer ihrer Bewegung. Es setzt sich unter Nehemia und Esra eine feste Theokratie durch, wie sie sich in den Büchern Haggai, Sacharja und Maleachi widerspiegelt. Sacharja war der letzte Prophet, während Maleachi Wortführer der Priesterkaste war (vgl. Mal 3,8) und so Ahnherr der Sadduzäer.

Wir haben gesehen, wie zählebig das Matriarchat im alten Israel war. Selbst die beginnende jüdischer Orthodoxie konnte diese matriarchale Überlieferungskette nicht unterbrechen. Noch zur Zeit des Heiligen Hieronymus im 4 Jahrhundert n.Ch. versammelten sich in der Nähe von Betlehem (!) Frauen, um den blutigen Tod des Adonis zu beweinen, des Geliebten der Aphrodite. Adonis ist identisch mit Tammuz, dem „Liebling der Frauen“ (Dan 11,37). Der Hain von Betlehem, in dem die Felshöhle der Geburt Christi lag, war dem Adonis geweiht. Die Geburtshöhle entsprach nach alten Kulten dem gebärenden Mutterleib der großen Göttin.

Der ganze Wiedergeburtsmythos des Christentums ist zweifellos auf spätmatriarchale Ursprünge zurückzuführen, die es dem Christentum ermöglicht haben sich in den Randgebieten Saharasias problemlos einzunisten. Sei dies bei den Griechen mit ihren Mysterienkulten oder bei den Germanen, deren Siegfriedlegende sozusagen einen Übergang vom Christus des Fruchtbarkeitskultes (Überwindung der unfruchtbaren Jahreszeit) zum Christus aus Reichs Christusmord darstellt. Es würde sich lohnen, unter diesem Gesichtspunkt Richard Wagners Ring etwas genauer zu betrachten.

Die Ungewißheit um den Vater Jesu entspricht einem alten kultischen Muster des Orients: Gilgamesch, Sargon, etc. kannten alle ihren Vater nicht. Es war Tradition, daß junge Mädchen vor der Hochzeit als Tempelprostituierte im Ischtartempel dienen mußten. Ihr erstgeborener wurde als Kind Gottes betrachtet – daß gegebenenfalls geopfert (z.B. gekreuzigt), sozusagen zurückgegeben werden mußte. Der Psalm 22, den Jesus am Kreuz angestimmt hat, geht mit Sicherheit auf altorientalische Kultgesänge um die Himmelskönigin und ihren Fruchtbarkeitsheros zurück. Er wird nach der Melodie „Eine Hirschkuh am Morgen“ gespielt, was auf eine tiergestaltige Urmutter verweist.

Das Christentum steht in einer Kontinuität, die ständig geleugnet wird, obwohl erst diese „heidnische“ Kontinuität das Christentum, das gerne als hellenistisch-jüdischer Synkretismus denunziert wird, auf feste dogmatische Grundlagen stellt. Nehmen wir nur die Ankündigung der Christusgestalt bei Sacharja, „die Klage um den Durchbohrten“. In der Endzeit wird Gott die Bewohner Jerusalems mit Reue erfüllen, „weil sie meinen Beauftragten durchbohrt haben“ (vgl. Joh 19,37).

Sie werden um ihn trauern, wie man um den einzigen Sohn trauert, sie werden weinen und klagen wie um einen Erstgeborenen. Die Klage Jerusalems um ihn wird so groß sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo. (Sach 12,10f).

Dazu gibt die Einheitsübersetzung den Kommentar, Hadad-Rimmon sei der phönizische Gott der Vegetation (griechisch Adonis), „dessen ‘Sterben’ im Herbst rituell beweint (vgl. Ez 8,14) und dessen Auferstehung jedes Frühjahr gefeiert wird. Mit Megiddo verbunden ist auch der Tod des bedeutenden Königs Joschija, der noch spät in Klageliedern besungen wird (2 Chr 35,20-25).“ Hier fließen spätmatriarchaler Fruchtbarkeitskult vom sterbenden und auferstehenden Gott, altisraelitische Königsideologie und christlicher Mythos in eins. Der Menschensohn ist Adonis und Adonis ist Adonai und Adonai ist Jahwe – und Jahwe ist identisch mit dem Menschensohn Jesus.

Das Christentum ist demnach so etwas wie ein Urjudentum. Fast die gesamte Jesusliteratur leidet darunter, daß man vermeint ins rabbinische Judentum zurückzukehren, wenn man auf die Ursprünge Jesu zurückginge. Dabei vergißt man, daß neben dem Christentum nur rein zufällig eine weitere Tradition des Judentums den Fall des Tempels überlebt hat und daß das talmudische Rabbinertum nur eine Strömung von vielen im Judentum repräsentiert.

Ein heutiger Jude mag die Einzelheiten des Alten Testaments besser einordnen können als ein Christ, aber das übergreifende Verborgene des Textes versteht ein Christ sicherlich besser. Es ist tatsächlich der Schlüssel zu Jesus, aber nicht in dem Sinne, wie es uns von mit Schuldkomplexen beladene Theologen weismachen wollen.

Zum Beispiel wird von solchen Autoren, die aus Jesus einen pharisäischen Rabbiner (der sich nur mit seinen apokalyptischen Anwandlungen etwas von den anderen abhob) machen wollen, Jesus vollkommen unrabbinisches Verhalten gegenüber Frauen nie erwähnt. Wenn das Weib in der Gemeinde unmittelbar nach Jesu Tod wie im Judentum keine Rolle spielte, warum verlangt dann der judäische Ex-Pharisäer Paulus ausdrücklich, daß das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe? (1 Kor 14,33f). Es war der einzige Judäer unter den ansonsten galiläischen Jüngern Jesu, der feindselig reagierte, als Frauen Jesus Liebe entgegenbrachten (Joh 12,1-8).

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Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 3)

29. Februar 2016

Insbesondere zur Stadt Jerusalem hat Jahwe eine hocherotische Beziehung voll galliger Eifersucht. Städte waren überhaupt etwas Weibliches und manche trugen als Ehrentitel „Mutter in Israel“. Damit war wohl die Göttin gemeint, denen die Städte ursprünglich geweiht waren. Die alte Bezeichnung für Jerusalem war „Salem“ (Gen 14,18; Ps 76,3), was Abendstern bedeutet und auf Aschera verweist, die kanaanitische Entsprechung der Aphrodite, bzw. der Venus. Salem war der jebusitische Heros der Göttin, der Sohn der Aschera, der Priesterkönig der Stadt. Noch die Söhne Davids, der die alte jebusitische Stadt erobert und zu seiner Residenz gemacht hatte, wurden nach Salem Absalom und Salomo benannt.

Im Zuge der voranschreitenden Patriarchalisierung des Nahen Ostens hatte Aschera aber schon vor der Machtübernahme ihre Herrschaft an ihren Partner, den Gott El Eljon, den „Allerhöchsten“ abgeben müssen, der später einfach mit Jahwe gleichgesetzt wurde. El Eljons jebusitischer Priesterkönig war der sagenhafte Melchisedek und nach der Eroberung wurde David selbst Priester „nach der Ordnung Melchisedeks“, wobei sich Tempel und Opferkult auch fürderhin so gut wie gar nicht vom alten kanaanitischen Kult unterschieden. Ja offenbar wurde sogar der Brauch der Heiligen Hochzeit beibehalten. Jedenfalls wird von einer Bettgenossin des alten Davids berichtet, die ihn angeblich nur warmhalten sollte.

Man suchte im ganzen Land nach einem schönen Mädchen, und die Wahl fiel auf Abischag aus Schunem. Sie war außerordentlich schön. Man brachte sie zum König, und sie wurde seine Pflegerin. Aber der König hatte keinen Verkehr mit ihr. (1 Kön 1,3f)

Dieses Mädchen ist höchstwahrscheinlich identisch mit der Schulammit, die Bezeichnung oder der Name eines Mädchens aus dem Kulttext des heiligen Geschlechtsverkehrs, dem Hohelied (7,1). Den Sinn der betreffenden Strophe hat man nämlich Reclams Bibellexikon zufolge auf die Schunemiterin Abischag bezogen. Daß die Heilige Hochzeit vollzogen wurde, ist auch daraus ersichtlich, daß Abischag später mit dem Königsthron gleichgesetzt wurde (1 Kön 2,22) – als Vertreterin der Göttin auf Erden vergab sie den Thron!

Man sieht wie sehr der ganze Jerusalem-Mythos von matriarchalen Elementen durchwoben ist. Rückblickend besteht so eine enge Beziehung zwischen der Christusfigur und der Göttin aus der später El Eljons Gattin, Jahwes „Tochter Zion“ und schließlich „Maria“ wurde. Wenn Jesus, der „aus dem Hause Davids“ stammt, später im Hebräerbrief (7) mit Melchisedek gleichgesetzt wird – entpuppt sich Jesus Christus letztendlich als Priester der Aschera, als Heros der Himmelskönigin.

Im Christentum entwickelte sich der um Jahwes Tochter Zion gruppierte Vorstellungskomplex weiter zu Maria als „Mutter der Kirche“. Wenn in Offb 12,1-6 die Himmelsjungfrau das Himmelskind gebiert, wird dies traditionell auf Maria gedeutet, die Christus zur Welt bringt. Ursprünglich war aber wohl nicht Maria, sondern nach altisraelitischer Tradition Jerusalem gemeint. Die Kontinuität zwischen der Tochter Zion und der „Mutter Gottes“ ist auch daraus ersichtlich, daß die Heilsbotschaft für Jerusalem Zef 3,14-18 sich fast wörtlich in der an Maria gerichteten Verkündigung der Geburt Jesu in Lk 1,28-31 wiederfindet.

Auch später wurde Maria immer konsequent mit einstmals heidnischen Kultplätzen in Zusammenhang gebracht. Es waren kraftgeladene Orte, wie der Berg Zion, die der Göttin geweiht waren. Hier spürte der matriarchale Mensch sie, die kosmische Energie. Gerda Weiler schreibt dazu:

Wenn die ehemaligen matriarchalen Heiligtümer von christlichen Kirchen überbaut werden, sehen wir Marienkathedralen entstehen – ein Zugeständnis an den matriarchalen Ursprung des kraftgeladenen Ortes. Wenn Maria an diesen Heiligtümern „Wunder“ tut und Kranke heilt, wirkt der vergessene matriarchale Kultort, entfalten sich Kräfte, zu denen das matriarchale Bewußtsein einen direkten Zugang gehabt hat. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 315)

Man kann in dem ganzen Kampf der jahwistischen Propheten einen verzweifelten Verdrängungsversuch gegen die Orgonenergie sehen. Wenn sie gegen den „Götzendienst“ auftreten, dann doch letztlich gegen die Kraft, die diese Fetische auflud. Und dort wo tatsächlich Jahwe selbst als Statue dargestellt wird (!), ist es eine Frau, die Mutter Michas, von der die Initiative dazu ausging (Ri 17-18). Demgegenüber ist es bezeichnend, daß im Katholizismus mit seiner Rückkehr zum Konzept der „Gottesmutter“ und der Bilder- und Reliquienverehrung eine gewisse „Rückbesinnung auf die Orgonenergie“ zu konstatieren ist. So spricht z.B. der berühmte katholische Theologe Romano Guardini vom „strömenden Weltpneuma“.

Dieser Zusammenhang mag Reich u.a. dazu bewogen haben, in seinem Interview mit Kurt Eissler zu bekennen:

Während Freud im Judentum befangen war, war ich frei davon. Ich sympathisierte eher mit der christlichen Gedankenwelt und dem Katholizismus. Nicht, daß ich sie gutheiße oder daran glaube. Ich glaube nicht an diese Dinge. Aber ich verstehe sie gut. Die Christen haben die tiefste Perspektive, die Kosmische. Der amerikanische Jude hat sie auch, aber nicht der Europäer. (…) die Geschichte des Christentums interessiert mich sehr. (…) Christus (…) kannte die Lebensenergie.

Ilse Ollendorff berichtet, daß Reich ohne religiöse Feierlichkeit beerdigt werden wollte; „nur die Schallplatte mit Schuberts Ave Maria, von Marian Anderson gesungen, sollte abgespielt werden“ (Wilhelm Reich, München 1975, S. 201).

Man vergleiche nur die „Reden zum Sabbat“ mit den „Reden zum Sonntag“ im Radio und Fernsehen, um zu sehen, daß das rabbinische Judentum, um mit Reich zu reden,

auf den ausschließlich „menschlichen“ Bereich beschränkt ist. Es ist diese Beschränkung auf rein menschliche Angelegenheiten, eine Folge der Panzerung, die dafür verantwortlich ist, daß der Mensch keinen Kontakt mit dem Universum bekam (…)(Christusmord, Freiburg 1978, S. 68).

Der Katholizismus hat im Gegensatz zum irgendwie „rabbinischen“ Protestantismus diese „außermenschliche“, kosmische Perspektive. Dies mag auch der Grund dafür sein, warum so viele wirklich große Menschen zum Katholizismus übergetreten sind.

Reformer wie die Leviten, Propheten und christlichen Reformatoren wiederholen die alte dürre, patriarchale Leier, sich nicht an die Dinge dieser Welt z verlieren, so wie es die „fetischistischen“ Alten vor ihnen leider getan hätten. Man soll festumrissenes Eigentum des unfaßbaren „ganz anderen Du“, Eigentum Gottes bleiben, sich nicht verlieren, nicht loslassen. Die ewige Angst, von der Großen Mutter wieder verschlungen zu werden – die Geschichte von Religion und Philosophie als Geschichte einer Fallangst, als Geschichte der Orgasmusangst.

Die „Entzauberung“ der Welt bleibt das Grundthema der Aufklärung von den Leviten und Propheten abwärts. Jesus steht nicht für diese Entfremdung. Um dies ganz erfassen zu können, ist die Beschäftigung mit der Marienverehrung von solch großer Bedeutung. Erst sie bringt einen Wesenszug der jesuanischen Botschaft voll zum tragen, der in jeder nackten Christologie zu kurz kommt. Walter Grundmann beschreibt diesen besagten Wesenszug wie folgt:

Nicht Jesus „bringt“ das Reich – eine Vorstellung, die Jesus selbst ganz fremd ist – sondern das Reich bringt ihn mit. Daß Jesus das Reich bringt, ist eine Vorstellung der Christen. (Jesus von Nazareth, Göttingen 1975, S. 69)

Naturgemäß bringt Maria Jesus, nicht Jesus Maria. Welch ein perverser patriarchaler Horror, wenn Christus vom Himmel steigt und sich seine Mutter aussucht! Aber genau diesen naturfeindlichen (= frauenfeindlichen) Aspekt kann die Christologie schnell annehmen.

Jesus steht in einer matriarchalen Tradition, was sich in der späteren Geschichte des Christentums eindeutig an der Marienverehrung gezeigt hat. Und was Maria in den Evangelien anbetrifft, schreibt Ernst E. Vardiman in seinem Buch über Die Frau in der Antike (Düsseldorf 1982):

Die Evangelisten haben die Person Jesus idealisiert, damit er ja nicht anderen Menschen gleich erscheine. Rätselhaft bleibt, warum sie die Gestalt seiner Mutter und die Liebe der Mutter zum Sohn nicht auch idealisierten. Maria wird sehr selten erwähnt und oft – ganz entgegen der späteren Tradition – mit all ihren Unzulänglichkeiten gezeichnet. Liegen hier Tendenzen vor, gegen die Verehrung der Muttergöttin, die bei den Heidenvölkern in Galiläa seit Jahrhunderten verwurzelt war, anzukämpfen? (Hervorhebungen hinzugefügt)

Die Befreiungsbewegung der Pharisäer

12. März 2015

Warum wurde Jesus von den Pharisäern abgelehnt? Und warum ist er umgekehrt den Pharisäern derartig hart entgegengetreten? Kurz gesagt ging es um das Wesen des Judentums. Ging es um das Land, den Tempel, die wortwörtliche Einhaltung der mosaischen Gesetze, die wortwörtliche Erfüllung der Prophezeiungen über die „Befreiung“ Israels oder ging es um den humanitären Geist des Judentums? Die Pharisäer beteten, daß die „Ungläubigen“, insbesondere die Römer, von Gott unterworfen und Jerusalem zu einer Art neuem „Rom“ erklärt würde, dem die Nichtjuden Tribut zahlen müßten. Jesus antwortete darauf, daß die Pharisäer damit genauso empfanden wie die römischen Barbaren um sie herum, sie dergestalt also Gott aus ihren Herzen verbannt und seine Botschaft zerstört hätten und daß sie, wenn sie nicht ihm, dem Gesandten Gottes folgen würden, Gott sie und die gesamte jüdische Nation den Feinden, d.h. Satan (Rom) überantworten werde. Sie hätten sich mit dieser wörtlichen und materialistischen Auslegung der prophetischen Überlieferung von Gott getrennt und müßten jetzt die Konsequenzen davon tragen, daß sie ihre eigenen Wurzeln gekappt hätten. Das ist dann auch im Jahre 70 geschehen. Israel wurde restlos zerstört, der Tempel in Schutt und Asche gelegt – tatsächlich war die ganze Erde in Aufruhr. Man denke nur an den Untergang Pompejis 79! Das war die Apokalypse, die Jesus für seine Generation vorausgesagt hatte und die Johannes im allegorischen Stil der jüdischen Überlieferung beschrieben hat. Nero war der Antichrist, das Tier 666, Jerusalem war die Hure Babylon, die sich mit dem Blut der Propheten, der Apostel und Christi besäuft. Seit dem Unterhang Jerusalems sitzt Jesus zur Rechten Gottes und die Kirche ist das neue spirituelle Israel, das die humanitäre Botschaft Gottes frei von allen nationalen und ethnischen Begrenzungen über den gesamten Globus verkündet. Wir leben demnach in dem „Tausendjährigen Reich“, in dem Jesus über die Erde herrscht, das christliche Äon, in dem der Löwe (der römische Staat) und das Lamm (Israel, d.h. die Kirche Christi) friedlich koexistieren.

Ein Gutteil der Christen, insbesondere fundamentalistische Christen in Amerika, hängen heute den gleichen Glaubensvorstellungen an, die einst Jesus bei den Pharisäern angeprangert hatte. Die Pharisäer konnten nicht glauben, daß Jesus der Messias sei, denn all das materielle Tschingderassabum, das für das Kommen und das Wirken des Messias prophezeit worden sei, wäre ausgeblieben, statt dessen wurden sie mit Parabeln abgespeist. Er war nicht in den Wolken im Glorienschein erschienen, sondern nur als armseliger Wanderprediger. Genauso können heute die Christen nicht glauben, daß sich die Offenbarung bereits erfüllt hat, denn wo sei beispielsweise die Auferstehung der Toten? (So als wäre Christus nicht die Auferstehung der Gläubigen!) Ohne atomares Weltinferno a la Hollywood gibt es für diese „Christen“ keine Apokalypse! Jesus wirft den Pharisäern vor, daß sie das Goldene Kalb sehen wollen, eine große Show der nationalen Erweckung, einen „Messias“ als nationalen Superhelden, als Befreier, als Führer a la Mussolini, Stalin oder Hitler. Und deshalb werde sie am Jüngsten Tag, d.h. im Jahre 70 das gleiche Schicksal ereilen wie einst ihre Vorfahren am Berg Sinai.

Und du ERKENNST Gott. Du willst nicht glauben, daß es so etwas gibt: Gott NICHT zu erkennen oder gar, es nicht zu wagen, Gott zu erkennen. Es war der kranke, gottverlassene und vertrocknete Mensch, der das Märchen erfunden hat, man dürfe Gott nicht ansehen, erkennen, fühlen, leben. So versetzten sich die Menschen in die Lage, daß sie auf mühselige Art – bloß aufgrund von Gerüchten, Erwartungen und Hoffnungen – das suchen müssen, was sie einst so leichtfertig aufgegeben hatten. Es war auch das Volk, das Moses zwang, strenge Gesetze gegen die Verehrung des goldenen Kalbes, gegen das Essen von Schweinefleisch und für das Waschen der Hände vor den Mahlzeiten zu erlassen. Das alles war deshalb notwendig geworden, weil sie mit dem Verlust Gottes in sich auch ihren ERSTEN Sinn verloren hatten und anfingen, das Gold zu verehren.

Und das werden die Schriftgelehrten und Pharisäer Christus nie vergeben, das ist es, was sie dazu zwingt, ihn zu töten: Daß er seinem Volk sagte, wo der Ozean ist, während sie, die Gelehrten, weiter in ihren Büchern danach suchten und kleine Wasserbecken bauten, in denen sie mit Rudern herumstocherten, um einen Scheinozean zu haben.

Christus wagt es, ihnen die Tiefe des Ozeans zu zeigen. Und deswegen muß er sterben. Die Pharisäer von damals sind weder besser noch schlechter als die Genetiker, Bakteriologen, Pathologen und Marxologen von heute, was ihre Haltung dem Leben gegenüber betrifft. Über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg werden sie sich zusammenschließen, um Christus zu töten, ihren gemeinsamen Feind, der ihre entsetzlichen Ausflüchte angeprangert hat. Sie werden ihn töten, weil er den Leuten gesagt hat, wo sie das Leben finden können: in ihren eigenen Seelen, in ihrem Innern, in ihren Neugeborenen, in den angenehmen Gefühlen, die ihre Lenden während der sexuellen Umarmung durchströmen, in ihrer glühenden Stirn beim Denken, in ihren der lebensspendenden Sonne entgegengestreckten Gliedern. Sie werden ihn wegen all dem töten, weil er es nicht in talmudische Bücher vergrub. (Christusmord, Freiburg 1978, 169f)

Statt sich der lebendigen Wirklichkeit inner- und außerhalb ihrer selbst zuzuwenden, d.h. Gott in den unschuldigen Kindern und der aktuellen Bedrohung durch die Römer, würden sie sich haltlosen Spekulationen und Träumereien von nationaler Größe hingeben, die von der Wirklichkeit wegführen und zwangsläufig in die Katastrophe führen müssen. Aber Jesus und seine Botschaft würden schließlich triumphieren, wenn die alte jüdische Welt untergegangen sei – im Sinne der Botschaft, d.h. als ein Ereignis der Neugeburt im Inneren jedes einzelnen.

Reich mußte sich bei der Lektüre des Neuen Testaments in seine Zeit versetzt fühlen, in der die „Befreiungsbewegungen“ zu den sowjetischen Fünfjahresplänen und „vaterländischen Schlachten“ geführt hatten, während die Massen innerlich toter waren als jemals zuvor. Ähnlich den Pharisäern vor ihnen hatten die „Marxologen“ auf das Materielle, die nationale Glorie („proletarisches Vaterland“) und bloßes Buchwissen gesetzt und Christus‘, d.h. Reichs, Versuche ignoriert, das Ruder doch noch rumzureißen. Der neue „Untergang Jerusalems“ sollte der Fall der Mauer 1989 sein.

Und wieder werden die Pharisäer aufjohlen, wie man denn Jesus mit Reich gleichsetzen könne und die Heilsgeschichte mit der Entwicklung des Bolschewismus oder gar den Untergang des Kommunismus mit der Apokalypse. Doch es ist wieder der gleiche Denkfehler: die Unfähigkeit das Einfache, das Lebendige, das Unspektakuläre, das Alltägliche, das Bioenergetische zu sehen. Es ist die strukturelle Unfähigkeit Reichs Buch Christusmord, das Gedankenfeld, das es umreißt, auch nur annähernd zu erfassen.

jesusreich

Saharasia im Alten Testament (Teil 2)

6. März 2015

Der blutige Wahnsinn ging im Nahen Osten so weit, daß die eigenen Leute umgebracht wurden. So wäre beinahe der israelitische Stamm Benjamin ausgerottet worden, als „die Männer Israels“ das ganze Stammesgebiet Benjamins durchzogen und „alles töteten, Mensch und Vieh, und die Städte und Dörfer niederbrannten“ (Ri 20,48). Bei dieser Gelegenheit wurden auch Truppen in die israelitische Stadt Jabesch in Gilead entsandt. Jabesch hatte sich geweigert am heiligen Massaker gegen Benjamin teilzunehmen, so daß die israelitischen Truppen den Auftrag erhielten:

Tötet die Bewohner der Stadt mit dem Schwert, auch die Frauen und Kinder! Vollstreckt an ihnen den Bann. Nur die Mädchen, die noch mit keinem Mann Verkehr gehabt haben, laßt am Leben. (Ri 21,10f)

Diese sollten nämlich mit den paar männlichen Überlebenden des Stammes Benjamin vermählt werden, um ihn zu erhalten – schließlich war man ja ein brüderlich miteinander verbundenes Volk.

Hier haben wir levitische Art vor uns. Schon in der Genesis klingt sie an, wenn in einem Kabinettstückchen der Emotionellen Pest die Einwohner Sichems brutal ermordet werden, nachdem sie so dumm waren, sich mit der Emotionellen Pest zu arrangieren. Die Männer Sichems hatten sich beschnitten, um Levi zu gefallen, als sie aber im Wundfieber danieder lagen, drang Levi in die Stadt ein und schlachtete die nun wehrlosen Einwohner feige ab (Gen 34,25). Im Exodus haben die Leviten dann für Mose dreitausend ihrer „zügellosen“ eigenen Brüder, Verwandten und Freunde abgeschlachtet (Ex 32,26ff). Für ihr Volk wollten sie jedoch nicht kämpfen (Num 1,49).

(Beide Großtaten vollführt Levi zusammen mit Simeon, für den in der alten Überlieferung ebenso wie für Levi ein Stammesgebiet fehlt. Beide werden auch nicht im Deboralied erwähnt, dem ältesten Teilstück der Bibel. Nach Ri 1,3 waren Juda und Simeon „Bruderstämme“, die gemeinsam ins Land Kanaan eindrangen, was indirekt dann auch auf eine enge Verbindung zwischen Juda und Levi hinweist. Bei der Befreiung Israels von Juda flohen zusammen mit den Leviten große Teile des Stammes Simeon von Israel nach Juda.)

Die Anhänger Korachs, Vertreter der alten kanaanitischen Religiosität, läßt der levitische Geschichtsschreiber von der Erde verschlingen (Num 16,23-34), während Jahwe den Stamm Levi aus dem übrigen Israel aussonderte und ihm besondere Aufgaben überträgt (Dtn 10,8). Den Leviten sei das ganze Gesetz Mose übergeben (Dtn 31,9), um es Israel zu verkünden, damit es das Gesetz befolgt (Dtn 33,10). Als Lohn dafür lebt der Stamm Levi wie ein Parasit im Organismus Israels vom Zehnten (Num 18,25-26).

Der Anlaß für die oben erwähnte Strafexpedition gegen Benjamin war, wenn man der Bibel denn Glauben schenken kann, die Vergewaltigung der Frau eines Leviten durch die Männer Benjamins. Der Levit lebte als Fremder im Bergland von Efraim. Als eine Nebenfrau, die aus Betlehem in Juda stammte, zu ihren Eltern zurückkehrte, folgte er ihr, um sie wiederzugewinnen. Bei der Rückkehr übernachtete das Paar in einer benjaminitischen Stadt, wo es dann zu dem Vorfall kam (Ri 19). Ganz abgesehen davon, was uns diese Geschichte über die sexualökonomischen Verhältnisse erzählt, erhellt sie auch das Wesen der Leviten. Ursprünglich wollten nämlich die Benjaminiten homosexuellen Verkehr mit den Leviten haben, stattdessen

nahm der Levit seine Nebenfrau und führte sie zu ihnen hinaus. Sie vergewaltigten sie die Nacht über und ließen sie erst in Ruhe, als der morgen dämmerte. Die Frau schleppte sich zur Tür des Hauses, in dem ihr Mann übernachtete, und brach dann davor zusammen. So lag sie, bis es ganz hell wurde. Als ihr Mann aus der Tür trat, um weiterzureisen, fand er sie dort; die ausgestreckten Hände lagen auf der Türschwelle. „Steh auf, wir wollen weiter!“ rief er ihr zu, aber sie konnte nicht antworten. Da lud er ihren Leichnam auf den Esel und reiste nach Hause. Dort angekommen, nahm er ein Messer, zerteilte den Leichnam in zwölf Stücke und schickte sie in das ganze Gebiet Israels. (Ri 19,25-29)

So rief der Levit zum Heiligen Krieg gegen Benjamin auf.

Dieses Erzählfragment wirft aber auch ein interessantes Licht auf das Verhältnis der israelitischen Stämme zum „Priester-Stamm“ Levi. Gerda Weiler hebt darauf ab, daß der Levit in Efraim ein Fremder ist, dem man in Benjamin feindselig begegnet, während er im nichtisraelitischen Bethlehem freundlich aufgenommen worden ist und von dort seine Frau stammt.

Wir denken daran, daß die Forschung die Leviten als ein von Süden kommenden fanatischen religiösen Orden ansieht, der zuerst bei den Südstämmen Anerkennung gefunden hat, sich später in Jerusalem festsetzen konnte und dort nach und nach den Kult am Tempel auf dem Berg Zion jahwisiert hat. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 390)

Bei den besagten Südstämmen handelt es sich um die Judäer, die mit den Leviten viel verband. Während Israel mehr städtisch geprägt war, hielten die Judäer ihre nomadischen Traditionen hoch – wie die Leviten mit ihren Viehherden (Jos 14,4). Und wenn in Ri 17,7 von einem „jungen Leviten vom Stamm Juda“ die Rede ist, muß man sich fragen, ob die beiden Stämme nicht identisch waren. Levi war kein fester Bestandteil des israelitishen Volkes. Vielmehr stand Levi fest an der Seite Jahwes, „selbst gegen seine Eltern, Brüder, Kinder“ (Dtn 33,9) – d.h. gegen das („sein“) Volk Israel. So ist es nicht verwunderlich, wenn Dtn 12,12 die Israeliten ermahnen muß, doch bei ihren Festen die Leviten mitfeiern zu lassen, „die in euren Dörfern und Städten wohnen, denn sie haben ja keinen Landbesitz unter euch.“

Weiler zufolge waren die Leviten kein Stamm Israels, sondern ein Orden fanatischer Jahwepriester, der ohne die wirtschaftliche Grundlage eines Stammesgebietes parasitär vom Staatskult lebte. Aus Arabien kommend seien die Leviten zu Beginn des 1. Jahrtausends v.Chr. als Wanderprediger in Palästina eingedrungen.

Später berief sich Mohammed auf die „Hanifen“, die als Anhänger der monotheistischen Urreligion Abrahams galten und als Wanderprediger durch Arabien zogen. Handelt es sich dabei um Nachkommen der Leviten?!

Erinnert sei auch an die jahwistische Gemeinschaft der Rechabiter, die einen recht „islamischen“ Eindruck vermitteln, wenn sie von sich sagen:

Wir trinken keinen Wein. (…) Wir bauen uns auch keine Häuser, sondern wohnen in Zelten. Wir haben keine Weinberge, keine Felder, kein Saatgut. (Jer 35,6.9)

Als diese Wanderprediger von Süden her in Palästina eindrangen, verbanden sie sich eng mit dem „Stamm Juda“. Bei dem es sich ebenfalls um keinen israelitischen Stamm handelt, sondern um einen Staatsmythos, der dem davidischen Großreich, das sich der Räuberhauptmann David mit einem nichtisraelitischen Söldnerhaufen erobert hatte („Kreti und Pleti“), nachträglich eine Vergangenheit verschaffen und eine Rechtfertigung für die gewaltsame Unterjochung Israels bieten sollte.

Wenn in Jos 21 von den rund 50 „Städten der Leviten“ die Rede ist, scheint es sich um strategisch ausgewählte „Zwingburgen“ zu handeln, mit deren Hilfe das davidische Königshaus, seine Macht über die Israeliten sichern wollte. Jedenfalls wurden die Leviten mit dem Haus Davids identifiziert und waren nicht nur für kultische Belange, sondern auch für die „königliche Verwaltung“ zuständig (1 Chr 26,30). Dies ist wohl auch einer der Gründe dafür, warum die Leviten nach der Befreiung Israels vom judäischen Joch aus dem Nordreich vertrieben wurden.

Diese Ereignisse werden in 2 Chr 11,13-17 beschrieben. Alle Leviten gingen nach der Teilung des davidischen Großreiches nach Juda und Jerusalem. Statt ihrer wurden daraufhin im Nordreich Priester eingesetzt, „die nicht zum Stamm Levi gehörten“ (1 Kön 12,31). Daraufhin ließen die Leviten diese „falschen Priester“ von Jahwe verdammen (Mal 2,2-9). Die Geschichte vom Aufstand der Anhänger Korachs (Num 16) spiegelt diesen Konflikt zwischen den Leviten und den israelitischen Priester, „mit ihren Dämonen- und Götterbildern in Form von Böcken und Stieren“, wider. Auf dem Zug nach Juda folgten den Leviten auch Teile von Efraim, Manasse und Simeon (2 Chr 15,9), „die dem Herrn, den Gott Israels, treu bleiben wollten“. Sie trugen dazu bei, das Königreich Juda zu stärken, das schließlich Israel überleben sollte.

Auch der König des Nordreichs, Jerobeam selbst wurde als Priester tätig, was ihm von der Bibel als große Sünde angekreidet wird (1 Kön 12,32f). Bezeichnenderweise hat sie jedoch keinerlei Einwände, wenn der judäische König David als Priester fungiert (2 Sam 6,13f; 23,2). David setzte sogar seine Söhne als Priester ein (2 Sam 8,17f). Auch der Oberpriester von Jerusalem Zadok, der Ahnherr der Jerusalemer Priesterschaft (Ez 40,46; 44,15) und der Sadduzäer (den Hauptwidersachern Jesu), wurde von Davids Sohn (1 Kön 2,35) eingesetzt.

In Juda sind Thron und Altar, Religion und Imperialismus eins. Dies ist aber keine hebräische Spezialität, sondern Allgemeingut des Nahen Ostens. So wird von Ri 11,24 den Ammonitern mit ihrem Hauptgott Kemosch zugute-, bzw. entgegengehalten:

Wenn dein Gott Kemosch jemand vor dir vertreibt, hälst du es für dein gutes Recht, sein Land in Besitz zu nehmen; und genauso beanspruchen wir das Land derer, die der Herr, unser Gott, vor uns ausgetrieben hat.

In diesem Sinne unterwerfen die Babylonier die Welt für Marduk, die Assyrer für Aschschur.

Eine Inschrift Tilgat-Pilesers im Anu-Adad-Tempel von Assur ergibt, daß die Assyrer glaubten, ihren Göttern stehe die Weltherrschaft zu und damit auch dem Herrscher der Assyrer als dem Diener der beiden Götter [Anu und Adad]. Die Assyrer meinten, daß jede Auflehnung dagegen eine schwere Versündigung sei, und ahndeten sie in Kriegen und grausamer Rache. (Hans-Jochen Gamm: Sachkunde zur Biblischen Wissenschaft, München 1965)

(Auch König Ahas von Juda [741-725] mußte auf Druck von Tilgat-Pileser den assyrischen Kult im Tempel von Jerusalem einführen [2 Kön 16,10-18].)

Die monotheistischen Leviten mit ihrem verabsolutierten Vaterimago waren natürlich noch weit fanatischer als die Assyrer mit ihrem frühpatriarchalen Pantheon. Für die Leviten gab es nur eins:

Reißt ihre Altäre nieder, zerschlagt ihre Steinmale, haut ihre geweihten Pfähle um und verbrennt ihre Götzenbilder. (Dtn 7,5)

Für die Leviten charakteristisch richtet sich dieser Fanatismus insbesondere gegen das „eigene“ Volk:

Ihr müßt damit rechnen, daß eure nächsten Verwandten und Freunde euch dazu verleiten wollen, andere Götter zu verehren. Sie werden euch überreden wollen, daß ihr euch den Göttern der Völker zuwendet, die in eurer näheren oder ferneren Umgebung wohnen, obwohl weder ihr noch eure Vorfahren jemals etwas mit diesen Göttern zu tun hattet. Aber selbst wenn dein leiblicher Bruder oder deine eigene Frau, dein Sohn, deine Tochter oder dein liebster Freund dir zuredet, darfst du nicht darauf hören. Hab kein Mitleid mit dem Verführer und schone ihn nicht! Verheimliche seine Schuld nicht, sondern zeige ihn an. Wirf den ersten Stein auf ihn, wenn er durch Steinigung hingerichtet wird. (Dtn 13,7-10)

PEGIDA: Zeige Respekt für den Islam, indem Du ihn studierst

21. Dezember 2014

In den letzten Tagen haben die Berufslügner, Vertreter der sogenannten „Zivilgesellschaft“, im Klartext Räte, irgendwelche „Zentralräte“ von Religionsgemeinschaft, die niemand demokratisch gewählt hat, und schließlich unsere Volkszertreter PEGIDA davor gewarnt, „Stimmung gegen Muslime“ zu machen. Es sei ungeheuerlich eine Religionsgemeinschaft anzugreifen. Das Gutmenschentum fordert Respekt, zeigt dabei aber selbst die ultimative Respektlosigkeit: man hat sich ganz offensichtlich gar nicht mit dem Islam beschäftigt!

Reich war einer der wenigen, die Hitlers Mein Kampf wirklich gelesen und ernstgenommen haben. Den Koran auf gleiche Weise zu entschlüsseln, ist so gut wie unmöglich. Nur eine Übersetzung zu lesen, bringt so gut wie nichts. Und wer will schon all die größtenteils gar nicht in europäische Sprachen übersetzten Kommentare durchgehen, die eine sinnvolle Lektüre erst möglich machen? Robert Spencer hat uns diese Arbeit abgenommen und ermöglicht so eine Massenpsychologie des Faschismus des 21. Jahrhunderts.

Siehe seinen ins Deutsche übersetzten ausführlichen Kommentar Sure für Sure. Dabei geht es nicht darum, was dieser oder jener Imam oder Islamwissenschaftler sagt, sondern was die Tradition sagt und wie die Tradition gewichtet.

Ein unrühmliches Bespiel für eine willkürliche Exegese ist Obamas berühmte Rede in Kairo 2009, die Amerika mit der islamischen Welt versöhnen sollte. Europa war unisono begeistert! Weil er das moralisch unvergleichbare gleichgesetzt hat, etwa Sklaverei und die Apartheid mit dem Schicksal der „Palästinenser“ oder die Unterdrückung der Frauen in der islamischen Welt mit dem Kampf der Feministinnen in den USA. Der Höhepunkt der Anbiederung ist wohl folgende Stelle:

Der Heilige Koran lehrt, daß wenn jemand einen Unschuldigen tötet, es so ist, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und der Heilige Koran sagt auch, wenn jemand einen Menschen rettet, ist es so, als habe er die ganze Menschheit gerettet. Der fortdauernde Glaube von mehr als einer Milliarde Menschen ist so viel größer als der engstirnige Haß einiger weniger.

Islamische Apologeten lieben diese Koran-Stelle. Sie ist ohnehin so gut wie die einzige, die zitierbar ist. Tatsächlich stammt dieser Satz ursprünglich aus dem jüdischen Bibelkommentar Mischna (aus dem sich wiederum der Talmud ableitet). Außerdem folgt im Koran unmittelbar das Gegenteil. Im Zusammenhang geht es in dem betreffenden Abschnitt der 5. Sure zunächst um die Geschichte von Kain und Abel – und führt nahtlos zu einem Aufruf zum Terror gegen die Juden:

30. Doch sein Sinn trieb ihn, seinen Bruder zu töten; also erschlug er ihn und ward der Verlorenen einer.
31. Da sandte Allah einen Raben, der auf dem Boden scharrte, daß Er ihm zeige, wie er den Leichnam seines Bruders verbergen könne. Er sprach: «Weh mir! Bin ich nicht einmal imstande, wie dieser Rabe zu sein und den Leichnam meines Bruders zu verbergen?» Und da wurde er reuig.
32. Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels verordnet, daß wenn jemand einen Menschen tötet – es sei denn für (Mord) an einem andern oder für Gewalttat im Land -, so soll es sein, als hatte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so soll es sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und Unsere Gesandten kamen zu ihnen [den Juden] mit deutlichen Zeichen; dennoch, selbst nach diesem, begehen viele von ihnen Ausschreitungen im Land.
33. Der Lohn derer, die Krieg führen gegen Allah und Seinen Gesandten und Unordnung im Lande zu erregen trachten, wäre der, daß sie getötet oder gekreuzigt werden sollten oder daß ihnen Hände und Füße abgeschlagen werden sollten für den Ungehorsam oder daß sie aus dem Lande vertrieben würden. Das würde eine Schmach für sie sein in dieser Welt; und im Jenseits wird ihnen schwere Strafe;
34. Außer Jenen, die bereuen, noch ehe ihr sie in eurer Gewalt habt. So wisset, daß Allah allvergebend, barmherzig ist.

Aber unsere ungebildeten Pseudointellektuellen, unsere „Kulturelite“, ist entsetzt, wenn der „tumbe Populist“ Geert Wilders Mohammeds Koran mit Hitlers Mein Kampf gleichsetzt!

Wie in Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie dargestellt, haben deutsche Sozialdemokraten und Linksintelligenzler sich ganz besonders dabei hervorgetan, das Ende des rotfaschistischen Imperiums zu hintertreiben. (Man denke nur an das skandalöse Verhalten der SPD, insbesondere von Willy Brandt, gegenüber Solidarność!) Heute richten die gleichen Leute alle ihre Anstrengungen auf eine Verhinderung einer entsprechenden grundlegenden Umgestaltung des Mittleren Ostens, dem Zentrum Saharasias. Sei es durch die Politik von George W. Bush oder sei es durch christliche Missionare, die diese „Aufgeklärten“ abgrundtief hassen und verachten, während sie für die islamischen Gotteskrieger nur Verständnis aufbringen, insbesondere wenn sie die christlichen Missionare töten. (Man lese in diesem Link insbesondere die Leserbriefe!)

Sie, die „Aufgeklärten“, „liberal Gesinnten“ und „Progressiven“, solidarisieren sich wieder mit den reaktionärsten, menschenverachtendsten, lebensfeindlichsten Regimen, die man sich überhaupt denken kann. Die panische Angst der Linken vor Bewegung, ihr abgrundtiefer Haß auf das Lebendige ist greifbar: „Frieden“.

Die Reaktion dieser Leute, dieser Gruppierungen, auf die Demokratie-Bewegung im Iran ist bezeichnend und rundet das Bild ab. Sie stellen sich nicht nur durch ihr auffallend unsolidarisches, passives Verhalten, sondern teilweise ganz offen auf die Seite der Mullahs! Man erinnere sich nur an Jürgen Trettin:

Er war Minister unter Schröder, der nun als dickster Kumpel der iranischen Machthaber auftritt. Unter acht Jahren rot-grün ist NICHTS, aber auch nichts geschehen, um von offizieller Seite iranische Oppositionelle zu unterstützen.

Die Linken sind sowas von moralisch bankrott! Verfault bis ins Mark. Stinkende Zombies:

Zu sagen, das ganze linksreaktionäre Gutmenschenpack bestehe zum großen Teil aus abgewrackten Antisemiten, wäre so neu wie die Behauptung, daß tote Fische stinken. Sie haben es zahllose Male bewiesen und sie beweisen es jedes Mal aufs Neue: Die Palästinenser gehen ihnen am Arsch vorbei, ebenso wie die Armenier in der Türkei, die Baha’i im Iran, die Kurden im Irak. Es sei denn, für die Not der Palästinenser sind die Juden mitverantwortlich. Dann geraten sie außer sich, demonstrieren, hyperventilieren und lassen den antisemitischen Schweinehund von der kurzen Leine. Tote Seelen, die für einen Moment zum Leben erwachen, um gleich danach wieder in den Schlaf der Selbstgerechten zu fallen.

Aber bei der nächsten Intifada werden sie wieder mit von der Partie sein. Solidarisch auf der Seite der unterdrückten Palästinenser. Von Berlin, Freiburg, Köln, Dortmund und Kassel aus.

Was für ein Gesindel.

Bei den Wahlen in den Niederlanden kann Geert Wilders’ Partei PVV immer wieder große Erfolge einheimsen. Das niederländische Volk wehrt sich gegen die erneute Okkupation des Landes. Dieser Befreiungskampf begann 2003 als die 10 Jahren zuvor aus Somalia eingewanderte Ayaan Hirsi Ali ins Parlament der Niederlande gewählt wurde. Sie hatte sich von der sozialdemokratischen Partei getrennt und wurde Mitglied der liberalkonservativen VVD, da sie bei den Sozialdemokraten nicht mit ihrer Botschaft durchkam, daß Ausländer (insbesondere Moslems) sich gefälligst an unsere Leitkultur anzupassen haben, was die Rechte von Frauen und Kindern betrifft. Endgültig Schluß mit der falschen, multikulturellen „Toleranz“: keine Beschneidung, keine „gottgewollten“ Züchtigungen, keine Zwangsheiraten, keine Kopftücher, keine Morde wegen der „Ehre“, keine straflosen Vergewaltigungen durch männliche Verwandte. Für Sozialdemokraten sind diese Themen tabu. 2006 wurde sie im Anschluß an eine vom „sozialdemokratischen“ (kommunistischen) Gesindel inszenierten Intrige aus der EUdSSR bzw. Eurabia nach Amerika vertrieben, dem letzten Hort der Vernunft und des Widerstandes gegen den Faschismus auf diesem Planeten…

Ja, der religiöse Fundamentalismus und insbesondere die Apokalyptik sind grundsätzlich verdammenswert. Und das nicht nur bei durchgeknallten Christen in Amerika, sondern auch bei Hindus, Lamaisten, Juden, etc. Aber nehmen wir mal den Buddhismus:

Wie ich schon im Vorwort zu meiner vernichtenden Kritik am Buddhismus (ja, ich nehme mir heraus eine Religion zu kritisieren!) sagte, ist dieser aus gesellschaftspolitischer Sicht harmlos. Europa steht vor der realen Gefahr einer Islamisierung, warum soll ich mich da groß um den Dalai Lama kümmern? Er ist eine Bastion gegen Islam und Kommunismus in Innerasien.

Ich habe nichts dagegen, daß der Westen einst mit dem Kommunismus paktierte, um den Nationalsozialismus in die Jauchegrube zurückzudrängen, aus der er gestiegen war. Ich finde es richtig, daß die Amerikaner sich des Islam bedienten, um den Kalten Krieg zu gewinnen. Und heute habe ich nichts dagegen, wenn man den religiös-faschistischen Nationalismus etwa in Israel und in Indien mobilisiert, um den Islam in seine Schranken zu weisen.

Auch sehe ich nicht (trotz apokalyptischen Atombomben in den Händen dieser Leute), daß fundamentalistische Christen, Juden, Hindus und Lamaisten auf die gleiche Ebene gestellt werden können wie die Islamisten. Auch wenn das weltverbesserische Atheisten a la John Lennon (die eben doch einer Religion anhängen, dem „Humanismus“) das anders sehen: Religionen sind ziemlich harmlose Neurosen (bzw. Psychosen) mit vereinzelten Ausbrüchen an Emotioneller Pest. Der Islam hingegen ist die Emotionelle Pest!

Das können einige aus eigener Anschauung bestätigen. Eine Familie türkischer Islamisten im Mehrfamilienhaus ist wirklich ein Traum: absolut angenehme, ruhige, zuvorkommende, freundliche Menschen. Bilden die türkischen Familien aber erst einmal die Mehrheit im Haus, wird es für die christliche Minderheit zu einem unerträglichen Alptraum. Und so überall und auf jeder Ebene. Die einzelnen Muslime sind wunderbare Menschen, aber der Islam ist wirklich eine Pest, die es auszurotten gilt.

Wie macht man das? Indem man Allah erniedrigt und als impotenten Götzen entlarvt etwa durch Rückeroberung einst freier Gebiete, die Errichtung des dritten Tempels in Jerusalem, die massenhafte Ausweisung gläubiger Moslems aus Europa oder indem man die stolzen Iraner daran erinnert, daß sie nichts mit diesem ekelhaften „Glauben“ der Araber gemein haben. Das hat alles etwas mit Nationalismus, wenn nicht sogar Rassismus, zu tun, den ich aus tiefsten Herzen hasse – aber es ist Krieg. Eins kommt nach dem anderen – und man muß vielleicht auch mit seinen Todfeinden paktieren. Es ist eine Frage des Überlebens des freien Westens. (Aber auch der ist letztlich unser Todfeind! Es geht um die Kinder der Zukunft, d.h.: ungepanzertes Leben muß möglich werden.)

Christentum → Orgonomie

3. Januar 2012

Wie sich das „mystische“ Judentum aus dem „funktionalistischen“ Matriarchat entwickelt hat, habe ich an anderer Stelle dargestellt.

Nachdem die Römer den „Unruheherd im Nahen Osten“ grausamst befriedet und den Tempel in Jerusalem im Jahre 70 zerstört hatten, stand das Judentum vor dem Aus. Es überlebten nur zwei kleine Sekten, zwei Abspaltungen vom Pharisäertum: die Christen, die eine neue hebräische Nation aufbauten, nämlich die Kirche; und die Gruppe, aus der sich im Laufe der Zeit das talmudische Judentum entwickeln sollte. Die Christen befreiten sich vom alttestamentarischen Gesetz, während sich die Juden immer mehr in das Gespinst „des Gesetzes“ einsponnen. Die beiden Gruppen haßten sich fürderhin, wie sich nur praktisch identische Gruppen hassen können. Man denke an Trotzkisten und Stalinisten oder Schiiten und Sunniten.

Es ist eine der größten Ironien der Geschichte, daß das Römische Weltreich schnell christianisiert (quasi „judaisiert“) war. Das sollte das zersplitternde Imperium ideologisch zusammenhalten, jedoch eignet sich kaum eine Lehre bzw. Religion weniger dazu als das „gesetzlose“ Christentum, das von Anbeginn in zahllose Sekten zerfiel und nur mit Hilfe von Konzilen mühsam zusammengehalten werden konnte. Der Islam war anfangs auch kaum mehr als eine (wenn auch etwas sehr absonderliche) christliche Sekte. Er konnte sich u.a. deshalb so schnell bis zum Atlantik hin ausbreiten, weil er mit seiner simplen Theologie eine willkommene Alternative zur verwirrenden christlichen Sektenwirtschaft war. Die mörderische Ideologie des Islam haben wir in jeder Hinsicht nur dem Christentum zu verdanken, das von ihm seit 1400 wie ein dunkler, bedrohlicher Schatten verfolgt wird.

Im Osten erstarrte das Christentum nicht zuletzt durch den Druck, den der Islam unaufhörlich auf es ausübte, zur Orthodoxie. Mag sein, daß die Orthodoxie die einzige in sich konsistente Theologie besitzt, die das Christentum zustande gebracht hat, jedoch wurde das mit einer geradezu „chinesischen“ Erstarrung erkauft: eine unwandelbare Welt, die keinerlei Impulse zur zivilisatorischen Weiterentwicklung geliefert hat.

Ganz anders sah es westlich Ostroms in der Welt der Barbaren aus: die Westkirche war, angefangen bei der durch und durch gnostischen (manichäischen) Theologie von Augustinus, ein Refugium für Wirrköpfe. Augustin war der erste westliche Mensch, der erste „Individualist“, der erste, der eine „Autobiographie“ schrieb. Die Reihe der Ketzer nach ihm ist lang und auch die Dogmen der Katholischen Kirche rufen bei einem Orthodoxen nur Kopfschütteln hervor.

Allen Westkirchen gemeinsam ist das häretische Dogma vom „Sühneopfer“ Christi, der am Kreuz sterben mußte, um einen rachsüchtigen Gott, einen himmlischen Hitler, Stalin oder Pol Pot, zu „versöhnen“. Die Lehre der Westkirche ist dermaßen widerwärtig, daß jeder anständige Mensch über kurz oder lang zum Atheisten werden muß. Oder, um mit Nietzsche zu sprechen: sie werden aus christlicher Moral heraus zu Atheisten.

Diese Selbstzersetzung des Christentums wurde durch die Reformation beschleunigt, denn die entkleidete die grausamen Dogmen alles religiösen Brimboriums und stellten sie, frei von benebelnden Myrrhe-Schwaden, ungewollt bloß. Sei es in der „Kreuzes-Theologie“ Luthers oder in der „Prädestinationslehre“ Calvins. Aus der Distanz betrachtet ist deren Gott ein wahrhaftiger Teufel!

Hinzu kam, daß mit der Reformation die Kirche wieder zu zersplittern begann. Heute gibt es 25 000 (sic!) protestantische Kirchen mit jeweils einer eigenständigen Theologie. Jährlich kommen Hunderte neue hinzu! Wenn heute christliche Fundamentalisten die „Atomisierung“ und den Wertezerfall der westlichen Welt beklagen, – sollten sie zuerst einmal in den Spiegel schauen!

Besonders kraß ist die Atomisierung in Amerika, wo gegen allen äußeren Anschein das Christentum in seinen letzten Zügen liegt. Selbst der eifrigste Christ kann dieses Chaos nicht mehr ernst nehmen. Das ganze wird nur noch durch Show und die Erzeugung pseudoreligiöser Emotionen zusammengehalten. Und worum geht es dabei immer und ausschließlich? Um „Ich, ich, ich, ich, ich!!!“ – um die „Erlösung“ des Einzelnen. Man kann sich gar nicht weiter vom Evangelium entfernen!

Ein besonders krasses Beispiel für die geistige Verwirrung, die das Christentum im Kern zerfrißt, ist das Überhandnehmen von Endzeitspekulationen. Für einen orthodoxen Christen erfüllten sich die Prophezeiungen des Alten Testaments zu einem Gutteil mit Geburt, Wirken, Kreuzestod und Wiederauferstehung Christi sowie der Kirchengeschichte. Die Prophezeiungen des Neuen Testaments beziehen sich auf das zweite Kommen Christi und erfüllen sich teilweise bereits in der Liturgie, in der Christus Fleisch und Blut wird. Im modernen Protestantismus hingegen löst sich das Christentum in einem psychotischen Gebrabbel über die unmittelbar bevorstehende Endzeit auf. Bibelstellen werden willkürlich durcheinander gemischt und jeder wird zum eigenen Propheten. Christen sind in Amerika die Dorfdeppen der Nation geworden. Die Fernsehprediger tragen das Christentum zu Grabe.

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Was löst das Christentum ab? Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Westkirche etwas zuwege gebracht hat, was in der Menschheitsgeschichte ohne jedes Beispiel ist. Weder das oströmische Reich und danach die Moskowiter, weder China, Indien oder die muslimische Welt, geschweige denn die restlichen Kulturen, hätten das in Äonen jemals hervorbringen können: die Wissenschaft. Nur im Westen gab es ausreichend „freie Geister“ und nur das Christentum brachte die zwei Ingredienzien der Wissenschaft mit: einen „dynamischen Monotheismus“ und das Ernstnehmen der Materie.

Das Altertum hätte niemals aus sich die Naturwissenschaft hervorbringen können, da ihm die Vorstellung eines abstrakten, alles umfassenden einheitlichen „Naturgesetzes“ fremd war. Dieses konnte sich nur aus der Vorstellung eines monotheistischen Gottes entwickeln. Außerdem gab es im Christentum etwas, was allen anderen Kulturen fremd ist: die Heiligung der Materie. Entweder zählt nur der „Geist“, wie in Indien, oder die Materie wird einzig und allein als Bühne für ethische Probleme betrachtet, wie in China. Aus dem letzteren hat sich beispielsweise die Alchimie entwickelt.

Die Heiligung der Materie kommt besonders im christlichen Reliquienkult zum Ausdruck. Materie ist mehr als ein bloßer platonistischer Schatten oder „das Werk Gottes“, denn Gott selbst ist Mensch, ganz und gar 100prozentig Mensch, geworden, womit Materie an sich etwas Heiliges ist. Hinzu kommt, daß das Denken des westlichen Menschen durch die Beschäftigung mit der Natur Christi (ganz Mensch und gleichzeitig ganz Gott, sowie den Zumutungen der Dreieinigkeit) nicht nur „dialektisch“ geschult wurde, sondern er lernte auch sozusagen „Gott zu denken“, d.h. sich mit „dem Absoluten“ gedanklich auseinanderzusetzen. Zusammen mit der beschriebenen, „atheistischen Selbstauflösung“ des Christentums („kritisches, selbständiges Denken“) entwickelte sich geradezu zwangsläufig die Naturwissenschaft. Sie, und sie allein, ist legitimer Erbe des Christentums.

Bleiben zwei letzte Elemente: Bisher haben wir das Christentum als sozusagen „Abenteuer des Intellekts“ behandelt. Natürlich ist es weit mehr: es ist eine Sache des Herzens. Außerdem ist das Christentum ohne die Person Jesus undenkbar.

Die mechanistische Naturwissenschaft, die aus dem Christentum hervorgegangen ist, hat keinen Platz für das, was die Menschen auf verzerrte Weise „in ihren Herzen“ (im Solar plexus) erfahren, als ungreifbaren „Gott“ mißdeuten und ödipal besetzen: die kosmische Orgonenergie. Die Christen haben entsprechend auch die Person Jesus mystifiziert. In Christusmord hat ihn Reich von diesen Mißdeutungen wieder befreit.

Daß die Orgonomie an die Stelle des Christentums tritt und dieses ersetzt, bedeutet nicht, daß „orgonomische Kirchen“ errichtet werden oder daß Wilhelm Reich zum Propheten ernannt, gar zu einem neuen „Heiland“ gemacht wird. Die Orgonomie ist keine Religion und wird nie eine werden. Es ist eine Naturwissenschaft – und, wie gesagt, die Naturwissenschaft ist die einzige legitime Erbin des Christentums. Der verzerrte Kernkontakt der Religion wird durch wirklichen Kernkontakt ersetzt, die Perversion „Mystizismus“ wird verschwinden und durch Lebensglück ersetzt werden. Siehe dazu Die Massenpsychologie des Faschismus: Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik.

Funktionelle Geschichtsbetrachtung am Beispiel der Bibel

8. Dezember 2011

In der Analyse des gepanzerten Organismus der Menschheit ist es wie in den Diagrammen aus Reichs Charakteranalyse: der ursprüngliche Impuls und seine Abwehr: die Geschichte, eine einzige Charakterneurose.

Diese Spaltung findet man z.B. in der später konstruierten Geschichte des Exodus wieder, wo die Wüstenwanderer auf die orgiastische Festgemeinde Aarons treffen. Dies entspricht der Ablehnung des enthemmenden Weingenusses durch die Wüstennomaden (Jer 35,6), entsprechend dem Alkoholverbot im Islam, während zum Kult im altkanaanitischen Jerusalem der rituelle Weinkonsum gehörte (Jer 35,2).

Hinter dieser Angst vor Enthemmung steckt ein tieferer Sinn. Ganz allgemein kann man von zwei Etappen in der Verankerung des Patriarchats sprechen. Im ersten „Ansturm aus der Wüste“ bricht das matriarchale Sozialgefüge zusammen und es kommt zu einer allgemeinen Pervertierung der Triebe, mit orgiastischen Fruchtbarkeitsriten, Tempelprostitution, etc. Zwangsläufig erhebt die Ethik ihr Haupt: neue Nomaden mit „hoher Ethik“ beschneiden die sekundären Triebe. Ähnlich wie heute in unseren Bahnhofsvierteln, wo die Türken mit ihrem Islam auf ein entmenschtes Sodom und Gomorra treffen.

Die Nomaden aus der arabischen Wüste trugen den Mondgott El an die phönizisch-kanaanitische Mittelmeerküste, wo er zum Hauptgott wurde. Auf El (Al) geht der moslemische Gott Allah zurück. Daher auch die Mondsichel als Zeichen des Islam. Ri 8,21 berichtet von den „goldenen Halbmonden“, die als Amulette an den Hälsen der Kamele der Midianiter hingen. Manche meinen, die Midianiter hätten Jahwe verehrt und diesen Gott nach Israel gebracht. Immanuel Velikovsky behauptet, die Midianiter stammten aus Medina. Bei Moses heißt der Hohepriester der Midianiter Jethro, was an Jathrib erinnert, den zweiten arabischen Namen der Stadt. Heute ist Medina die zweite heilige Stadt des Islam.

Israel, das heute gemeinhin als Prototyp einer patriarchalen Gesellschaft gilt („die Patriarchen des Alten Testaments“), ist eine charakterneurotische Mischung aus patriarchalen El-Stämmen mit in Kanaan ansässigen Ascher-Stämmen: Ascher-El = Israel. Der Mondgott El und die Sonnengöttin Aschera gingen eine Ehe ein – und gebaren, um mit Am 5,2 zu reden, „die Jungfrau Israel“. Ascher ist der irdische Heros der Göttin Aschera, der König des Stammes Ascher, „der noch jetzt mitten unter den Kanaanitern lebt“ (Ri 1,32).

So spiegelt schon der Name Israels die unheilvolle Zwiespältigkeit wider, der die gesamte spätere Geschichte Israels prägen sollte. Die Spaltung in der jüdischen Geschichte setzt sich fort mit der zwischen Juda und Israel, Sadduzäern und Pharisäern, Karäern und Talmudisten, bis hin zu den sephardischen Juden, die sich als reinrassige Judäer empfinden, und die, wie einst die Judäer auf das Nordreich, nun auf die „nordischen“ Juden herabblicken. Während Israel prächtige Paläste baute, errichtete Juda immer neue Festungen (Hos 8,14). „Noch“ heute gibt es in Israel die mehr aschkenasischen Zionisten, denen es um jüdisches Leben und geistige Tradition geht und rechte, meist sephardische Zionisten, denen um Land und militärische Macht zu tun ist.

In diesem aggressiven Sinne betrachtet man traditionell die alten israelitischen Stämme als patriarchale Nomadenstämme, die aus den Randgebieten der Wüste kommend, über die friedlichen kanaanitischen Matriarchate herfielen. Doch kann z.B. bei der Geschichte um Jakob, Lea und Rahel mit den festen Brunnen, um die sich seßhafte ViehzüchterInnen und AckerbäuerInnen gruppieren, kaum von patriarchalen Nomadenstämmen die Rede sein. Und Max Weber hat aus dem mit Sicherheit ältesten Teil der Bibel, „Deboras Siegeslied“ (Ri 5) historisch erschließen wollen, daß die ja (im Gegensatz zu den Griechen) durch und durch demokratisch verfaßten Hebräer nie ein Wüstenvolk waren, sondern eidgenössisch organisierte Bergstämme auf den damals noch dichtbewaldeten Hügelketten Palästinas. Im Deboralied wird beschrieben, wie sich freie israelitische Bergstämme als Fußkämpfer gegen die Unterwerfungsversuche der wagenkämpfenden despotischen Städte der Kanaaniter und Philister wehrten. Ein Muster für Israels spätere ständige Auseinandersetzung mit den „orientalischen Despotien“.

Die ursprünglichen israelitischen Stämme in Kanaan wurden vielleicht genauso unterdrückt von Vasallen der Ägypter wie der Stamm Josef in Ägypten selbst (Gen 49,14f). Später war es umgekehrt und die Kanaaniter mußten Fronarbeit für die Israeliten leisten (Ri 1,28ff). Die Unterdrückung der Israeliten dauerte an, bis Debora kam, „die Mutter Israels“ (Ri 5,7). Sie führt eine Reihe stolzer Frauen an, an erster Stelle Jael, die den feindlichen Heerführer der gegen Debora kämpfenden Kanaaniter tötete. So ist Israels frühe Geschichte voll von Matriarchinnen, Heerführerinnen, Hirtinnen, Richterinnen und Prophetinnen. Wie selbstverständlich wird neben Moses und Aaron, Mirjam unter die Führer des Volkes gezählt (Mi 6,4). Im späteren Judentum findet Debora ihre Fortführung in den beiden großen Retterinnen des Volkes Judit („Jüdin“) und Ester („Ischtar“).

Daß die vorgeblichen Matriarchate Kanaans genausowenig „gut“ waren wie die Eindringlinge „böse“, zeigt die Haltung der als letzte eindringenden Schafhirten. Ihr Vertreter ist der Hirte und Prophet Amos mit seiner donnernden Verurteilung „reicher Frauen“:

Hört, ihr Frauen von Samaria, rundlich und schön wie Baschans Kühe! Ihr unterdrückt die Schwachen und schindet die armen Leute. Ihr sagt zu euren Männern: „Los, schafft uns zu trinken herbei!“ (Am 4,1)

Will man diese verwirrende Verschränkung von matriarchalen und patriarchalen Aspekten verstehen, muß man sich charakteranalytisch von oben nach unten durch die verschiedenen Panzerungsschichten hindurcharbeiten. Dies wäre dann der eigentliche Beginn der Geschichtswissenschaft, die selbstverständlich erst mit der Orgonomie beginnt. Wie in der Charakteranalyse müßten wir uns

  1. von der Gegenwart in die Vergangenheit,
  2. von „oben“ (den Überlieferungen) nach „unten“ (den archäologischen Befunden),
  3. von der patriarchalen Peripherie zum matriarchalen Kern vorarbeiten.

Der Pesthauch der Bibel (Teil 2)

26. September 2011

Die ganze levitische Mentalität zeigt sich in Dtn 6,10f:

Der Herr, euer Gott, bringt euch jetzt in das Land, das er euch zum Besitz geben will (…). Ihr werdet dort große und schöne Städte vorfinden, die ihr nicht selbst gebaut habt, und Häuser voll von Besitz, den ihr nicht selbst erworben habt, Brunnen, die ihr nicht gegraben, und Weinberge und Olivenhaine, die ihr nicht angelegt habt.

Das ist die Mentalität von Parasiten und Leviten. Sie, die Autoren des Deuteroniums, waren über ein Jahrtausend hinweg bis zur Zerstörung des Tempels Parasiten. Die Religion war hier in erster Linie nichts als ein gigantisches Geschäft ohne jede Gegenleistung. Man lese nur Salicia Landmanns Buch über Jesus und die Juden (München 1987). Es wurde für das Zentralheiligtum in Jerusalem eine Kopfsteuer erhoben, die man als „Sühnegeld für ein Leben“ (also als Ersatz für ein ausbleibendes Menschenopfer!) zu zahlen hatte. „Wenn die Israeliten mir dieses Sühnegeld zahlen, werde ich mich freundlich zuwenden und sie verschonen“ (Ex 30,11-16). Ein sehr geschäftstüchtiger Gott!

Das Deuteronium als fiktives Vermächtnis des sterbenden Mose wurde von Leviten zur Untermauerung ihrer Herrschaft verfaßt und dann von ihnen als Entdeckung einer uralten geoffenbarten Heiligen Schrift verkauft (2 Kön 22,3-23,3). Um diesen Kristallisationspunkt des Alten Testaments gruppierten sich dann das jahwistische Geschichtswerk, das vorher zur Zeit Salomos von Leviten verfaßt worden war, und die Priesterschrift, die nachher von Leviten im babylonischen Exil geschrieben wurde. Dazwischen liegt der Elohist, dessen zentrales Thema die Gottesfurcht ist, also praktisch die Furcht vor den Leviten. Noch heute droht man: „Dir werde ich die Leviten lesen!“

Hinter dieser „erbarmungswürdigen Lüge“ der levitischen Geschichtsfälschung Altes (und durch Paulus auch Neues) Testament sieht Nietzsche in seinem Antichrist (Abschnitt 26)

eine parasitische Art Mensch, die nur auf Kosten aller gesunden Bildung des Lebens gedeiht; der Priester, mißbraucht den Namen Gottes: er nennt einen Zustand der Gesellschaft, in dem der Priester den Wert der Dinge bestimmt, „das Reich Gottes“; er nennt die Mittel, vermöge deren ein solcher Zustand erreicht oder aufrechterhalten wird, „den Willen Gottes“; er mißt, mit einem kaltblütigen Zynismus, die Völker, die Zeiten, die einzelnen danach ab, ob sie der Priester-Übermacht nützten oder widerstrebten. (…) Sie haben aus den mächtigen, sehr frei geratenen Gestalten der Geschichte Israels, je nach Bedürfnis, armselige Ducker und Mucker oder „Gottlose“ gemacht, sie haben die Psychologie jedes großen Ereignisses auf die Idioten-Formel „Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott“ vereinfacht. – Ein Schritt weiter: der „Wille Gottes“ (das heißt die Erhaltungs-Bedingungen für die Macht des Priesters) muß bekannt sein – zu diesem Zweck bedarf es einer „Offenbarung“. (…) Der Priester hatte, mit Strenge, mit Pedanterie, bis auf die großen und kleinen Steuern, die man ihm zu zahlen hatte (– die schmackhaftesten Stücke vom Fleisch nicht zu vergessen: denn der Priester ist ein Beefsteak-Fresser), ein für allemal formuliert, was er haben will, „was der Wille Gottes ist“ (…) Von nun an sind alle Dinge des Lebens so geordnet, daß der Priester überall unentbehrlich ist; in allen natürlichen Vorkommnissen des Lebens, bei der Geburt, der Ehe, der Krankheit, dem Tode, gar nicht vom „Opfer“ (der Mahlzeit) zu reden, erscheint der heilige Parasit, um sie zu entnatürlichen – in seiner Sprache: zu „heiligen“ (…) (…) Der Ungehorsam gegen Gott, das heißt gegen den Priester, gegen „das Gesetz“, bekommt nun den Namen „Sünde“; die Mittel, sich wieder „mit Gott zu versöhnen“, sind, wie billig, Mittel, mit denen die Unterwerfung unter den Priester nur noch gründlicher gewährleistet ist: der Priester allein „erlöst“ (…) Psychologisch nachgerechnet, werden in jeder priesterlich organisierten Gesellschaft die „Sünden“ unentbehrlich: sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nötig, daß „gesündigt“ wird (…) Oberster Satz: „Gott vergibt dem, der Buße tut“ – auf deutsch: der sich dem Priester unterwirft. –

Manche der jüdischen Propheten sollten sich später gegen die Priester auflehnen, wie z.B. Hosea 4,8: „Sie mästen sich von den Sühneopfern meines Volkes, deshalb sind sie so gierig nach seinen Verfehlungen.“ Und schließlich erschien Jesus, doch auch er sollte, wie die Propheten vor ihm, nur ein Lichtblitz in der alles verschlingenden Finsternis der Emotionellen Pest sein. Es kam Paulus, der Träger levitischen Ungeistes mit seinen unterirdischen Größenphantasien; „Ihr wißt doch, daß das Volk Gottes einst die Menschheit richten wird“ (1 Kor 6,2). Aber lassen wir wieder den Antichrist (Abschnitt 42) zu Worte kommen:

Der „frohen Botschaft“ folgte auf dem Fuß die allerschlimmste: die des Paulus. In Paulus verkörpert sich (…) das Genie im Haß, in der Vision des Hasses, in der unerbittlichsten Logik des Hasses. Was hat dieser Dysangelist alles dem Hasse zum Opfer gebracht! Vor allem den Erlöser: er schlug ihn an sein Kreuz. Das Leben, das Beispiel, die Lehre, der Tod, der Sinn und das Recht des ganzen Evangeliums – nichts war mehr vorhanden, als dieser Falschmünzer aus Haß begriff, was allein er brauchen konnte. Nicht die Realität, nicht die historische Wahrheit! (…) Und noch einmal verübte der Priester-Instinkt [des Leviten] das gleiche große Verbrechen an der Historie – er strich das Gestern, das Vorgestern des Christentums einfach durch, er erfand sich eine Geschichte des ersten Christentums. Mehr noch: er fälschte die Geschichte Israels nochmals um, um als Vorgeschichte für seine Tat zu erscheinen: alle Propheten haben von seinem „Erlöser“ geredet… (…) Der Typus des Erlösers, die Lehre, die Praktik, der Tod, der Sinn des Todes, selbst das Nachher des Todes – nichts blieb unangetastet, nichts blieb auch nur ähnlich der Wirklichkeit. Paulus verlegte einfach das Schwergewicht jenes ganzen Daseins hinter dies Dasein – in die Lüge vom „widerauferstandenen“ Jesus. Er konnte im Grunde das Leben des Erlösers überhaupt nicht brauchen – er hatte den Tod am Kreuz nötig und etwas mehr noch… Einen Paulus (…) für ehrlich halten, wenn er sich aus einer Halluzination den Beweis vom Noch-Leben des Erlösers zurechtmacht, oder auch nur seiner Erzählung, daß er diese Halluzination gehabt hat, Glauben schenken, wäre eine wahre niaiserie seitens eines Psychologen: Paulus wollte den Zweck, folglich wollte er auch die Mittel… Was er selbst nicht glaubte, die Idioten, unter die er seine Lehre warf, glaubten es. – Sein Bedürfnis war die Macht; mit Paulus wollte nochmals der [levitische] Priester zur Macht – er konnte nur Begriffe, Lehren, Symbole brauchen, mit denen man Massen tyrannisiert, Herden bildet.

Jesus steht für die alte, matriarchale Tradition Israels, Paulus steht für die neue patriarchale levitische Tradition Israels. – Nachweislich entstammt alles Menschliche im Alten Testament der matriarchalen Herkunft Israels. Alles Unmenschliche kam vom Levitentum, das ursprünglich nichts mit Israel zu tun hatte. So ist z.B. ein Großteil des Buches der Sprüche matriarchalen Ursprungs. Dies sieht man schon am letzten Kapitel der Sprüche, den „Ratschlägen für König Lemuel, die seine Mutter ihm gab“. Oder man nehme nur Sprichwörter wie: „Es ehrt einen Mann, wenn er sich aus einem Streit heraushält; nur ein Dummkopf stürzt sich hinein“ (Spr 20,3). Man solle bei Kränkung Nachsicht üben (Spr 19,11) Und vergleiche dies mit dem aggressiven, kriegslüsternen Deuteronium. Auch Jesaja rät dem König, nicht die Karte der Macht und Gewalt zu spielen. Vielmehr erhofft er die Wiedererweckung des Volkes vom leidenden Menschensohn (Jes 52,14). Dies verweist auf den spätmatriarchalen Mythos vom „Heros der Göttin“.

So ist man bei der Lektüre es Alten Testaments hin und hergerissen. Manche Stellen könnten von Jesus selbst sein: „Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken“ (Spr 25,21). Aber kaum wird so der Weg aus der Falle von Rache und Vergeltung gewiesen, schlägt einem der levitische Ungeist entgegen. Einerseits liest man in Lev 19,33f:

Unterdrückt nicht die Fremden, die in eurem Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben, wie sich selbst. Denkt daran, daß auch ihr in Ägypten Fremde gewesen seid.

Andererseits schlägt einem gleich darauf Dtn 7,16 ins Gesicht:

Alle Völker, die der Herr in eure Gewalt gibt, müßt ihr vernichten. Ihr dürft kein Mitleid mit ihnen haben und auf keinen Fall ihre Götter verehren, denn das würde euch ins Verderben stürzen.

Gegen diesen Geist kämpfte Christus als Hüter der israelischen Traditionen, weswegen er von den Hütern der deuteronomistischen Tradition ans Kreuz genagelt wurde. Und tragischerweise – tragisch für die Generationen der letzten 2000 Jahre – war auch sein Hauptapostel, Paulus Vertreter dieser Traditionslinie religiösen Todschlags.

Der Pesthauch der Bibel (Teil 1)

25. September 2011

Die gesamte Bibel atmet den Hauch der Wüste. Ich kann mich noch gut an meinen Religionsunterricht erinnern. Was uns da als „Frohe Botschaft“ verkauft wurde, hinterließ bei mir nichts als einen faden Nachgeschmack von Trockenheit, Dürre, Wüste und vor allem Grauen. Ich bin sicher, daß jeder als Kind mit dem untrüglichen Sinn des noch relativ ungepanzerten Lebens diesen Mumiengeruch wahrgenommen hat.

Was hält denn die Bibel, Altes und Neues Testament, konzeptionell zusammen? Die Geschichte des Wüstendämons „Asasel“. Am „Versöhnungstag“ wurde ihm ein „Sündenbock“ dargebracht, auf dem zuvor vom Priester alle Sünden des Volkes übertragen worden waren (Lev 16). Genauso wurde, Paulus zufolge, Jesus mit den Sünden des Volkes beladen und (dem Wüstendämon) Jahwe geopfert.

Oder nehmen wir das Abendmahl, mit dem ich mich bereits an anderer Stelle beschäftigt habe. – Unter dem Druck der Wüste ist es mit Sicherheit zu Fällen von Kannibalismus gekommen. Noch in Dtn 28,53-57 hallen diese ersten alptraumhaften Schrecknisse des aufdämmernden Patriarchats nach, wenn wir dort als weiteren „Fluch des Ungehorsams“ über Ereignisse lesen, die aus späteren Dürrekatastrophen im Nahen Osten durch unbezweifelbare Zeugenaussagen belegt sind:

In der Hungersnot, die während der Belagerung in euren Städten herrscht, werdet ihr das Fleisch eurer eigenen Kinder essen, die der Herr, euer Gott, euch geschenkt hat. Der vornehmste Mann, der auf seine feine Lebensart stolz ist, wird sich nicht scheuen, seinen eigenen Sohn zu verzehren; er wird eifersüchtig darüber wachen, daß keiner von seinen Verwandten einen Bissen davon bekommt, nicht einmal die geliebte Frau und die übrigen Kinder. So groß wird die Not sein in den Städten, die von euren Feinden belagert werden. Die verwöhnteste Dame, die vor lauter Vornehmheit keinen Fuß auf die Erde setzt, wird in der höchsten Not ihre Nachgeburt verzehren und sogar das Kind, das sie soeben geboren hat; sie wird es in aller Heimlichkeit tun und nicht einmal dem geliebten Mann und den übrigen Kindern etwas davon gönnen.

Den Höhepunkt der Blutorgie, die die Bibel beschreibt, stellte der „Bann“ dar. Zu diesem Komplex zitiere ich aus der Sachkunde zur Biblischen Wissenschaft, einer Unterrichtshilfe für Religionslehrer von Hans-Jochen Gamm:

Der „Heilige Krieg“ galt den Israeliten als eine kultische Handlung. Das Heer befand sich dabei unter strenger, sakraler Ordnung. Die Krieger waren geweiht (Jos 3,5), auch ihre Waffen (2 Sam 1,21). Nach einer Niederlage fastete das Heer (Ri 20,26). Vor dem Kampf wurden Opfer dargebracht (1 Sam 7,9; 13,9). Als besonders wichtig galt die Gottesbefragung (Ri 20,27). Auf Grund des zusagenden Gottesbescheides verkündete der Heerführer: „Jahwe hat (…) in eure Hand gegeben“ (Jos 2,24; 6,2.16; Ri 7,9-15; 1 Sam 14,12; 17,46). Man meinte, daß Jahwe vor dem Heer dem Feind entgegenzog (Dtn 20,4; Ri 4,14) – und scheute sich die Krieger zu zählen, weil das Wunder Jahwes nicht rationalisiert werden durfte (2 Sam 24,1ff). Die heiligen Kriege galten als Jahwes Kriege (1 Sam 25,28), die Feinde als Jahwes Feinde (Ri 5,31; 1 Sam 30,26). Deshalb sollte das Heer sich nicht fürchten (Ex 14,13; Jos 8,1; 10,25; 11,6). Man glaubte, daß Jahwe durch Verwirrung der Feinde, durch Finsternis, Gewitter, Erdbeben, Steinschlag (Hagel oder Meteorite?) zugunsten der Geweihten in die Schlacht eingriff (Ex 23,27; Jos 10,10f; 24,7; Ri 4,15; 1 Sam 7,10; 14,15-20). Der geweihte Krieger meinte, er käme Jahwe zu Hilfe (Ri 5,23). Den Höhepunkt und Abschluß des Kampfes bildete der Bann, die Übereignung der Beute an Jahwe, deshalb wurden die gebannten Menschen und Tiere getötet; Wertgegenstände gingen in den Schatz Jahwes ein (Jos 6,18f). Nur „Heilige Kriege“, nicht die profanen, endeten mit der Bannung. (München 1965, S. 67)

Der Ausrottungsbefehl Jahwes hat sich auf das ganze Land Kanaan erstreckt. Die Bewohner des Landes gab er preis, „so daß ihr sie vernichten und ihr Land in Besitz nehmen könnt“ (Dtn 12,29). Die Beschreibung dieser heiligen Endlösung (die im übrigen nie so total stattgefunden hat, sondern nur in der Phantasie der heiligen Männer, die das Alte Testament verfaßt und kompiliert haben) überlasse ich der Heiligen Schrift:

Der Süden Kanaans wird erobert: Nachdem Josua Jericho ausgeplündert, alle seine Einwohner umgebracht und die Stadt verbrannt hatte, dasselbe mit der Stadt Ai getan und fünf Kanaaniterkönige gefangen und hingerichtet hatte,

griff Josua die Stadt Makkeda an und eroberte sie. Am König und an allen Einwohnern ließ er den Bann vollstrecken. Alle wurden getötet; niemand konnte entkommen. Josua bereitete dem König von Makkeda dasselbe Schicksal wie dem König von Jericho. Von Makkeda zog Josua mit dem Heer der Israeliten vor die Stadt Libna und griff sie an. Der Herr gab auch Libna und ihren König in die Gewalt der Israeliten. Sie töteten alle Einwohner und ließen niemanden entkommen. Dem König von Libna bereiteten sie dasselbe Schicksal wie dem König von Jericho. Von Libna aus zogen sie vor die Stadt Lachisch, umzingelten sie und griffen sie an. Am zweiten Tag der Belagerung gab der Herr die Stadt in die Gewalt der Israeliten. Sie eroberten sie und töteten genau wie in Libna alle Einwohner. Auch König Horam von Geser, der den Leuten von Lachisch zu Hilfe eilte, wurde von Josua besiegt, seine Truppen wurden bis auf den letzten Mann aufgerieben. Von Lachisch aus zogen sie in die Stadt Eglon, umzingelten sie und griffen sie an. Sie eroberten sie am gleichen Tag und vollstreckten an allen Einwohnern den Bann, genau wie sie es in Lachisch getan hatten. Von Eglon aus zogen sie vor die Stadt Hebron, griffen sie an und eroberten sie. Sie vollstreckten den Bann an der Stadt genau wie in Eglon und töteten den König und alle Bewohner, auch die der umliegenden Ortschaften, keiner konnte entkommen. Darauf kehrten sie um und griffen die Stadt Debir ab. Sie eroberten sie mit den umliegenden Ortschaften und vollstreckten den Bann an ihrem König und allen Bewohnern. Wie in Hebron ließ Josua niemanden entkommen. Er bereitete Debir und seinem König dasselbe Schicksal wie Libna und seinem König. Auf diese Weise eroberte Josua das ganze Land (…). Er besiegte alle Könige und ließ niemanden in diesem ganzen Gebiet am Leben; an allen vollstreckte er den Bann, wie der Herr, der Gott Israels, es befohlen hatte. In einem einzigen Feldzug eroberte Josua diese Gebiete und besiegte alle Könige, die dort regiert hatten; denn der Herr, der Gott Israels, kämpfte für sein Volk. (Jos 10,28-42)

Der Norden Kanaans wird erobert: Die Könige Nordkanaans versuchten die Eindringlinge aus ihrem Gebiet herauszuhalten, aber Josua gelang ein Überraschungsangriff auf ihr Lager und sie wurden in die Flucht geschlagen.

Dann kehrte Josua um und eroberte die Hazor, die damals alle Städte in dieser Gegend samt ihren Königen beherrschte. Er erschlug ihren König, und die Männer Israels vollstreckten an allen Einwohnern den Bann. Niemand blieb am Leben; die Stadt wurde verbrannt. Auch alle anderen Städte eroberte Josua und ließ ihre Könige und alle Einwohner töten, wie es Moses, der Diener des Herrn, befohlen hatte. Diese Städte wurden jedoch nicht verbrannt; sie stehen noch heute auf ihren Hügeln. Die Israeliten nahmen alle wertvollen Dinge und alles Vieh für sich; aber von den Menschen ließen sie keinen am Leben. So hatte der Herr es seinem Diener Mose befohlen, und Mose hatte den Befehl an Josua weitergegeben. Josua hielt sich genau an alle Weisungen, die Mose vom Herrn erhalten hatte. Josua eroberte das ganze Land von Süden bis Norden (…). Alle Könige dieses Gebietes nahm Josua gefangen und tötete sie. Er mußte jedoch lange gegen sie kämpfen. Außer der Hiwiterstadt Gibeon schloß keine andere Stadt mit den Israeliten Frieden. Alle mußten erobert werden. Der Herr hatte ihre Bewohner so starrsinnig gemacht, daß sie den Israeliten Widerstand leisteten; denn er wollte, daß sie alle dem Bann verfielen und ohne Erbarmen vernichtet würden. So hatte er es Mose befohlen. Damals vernichtete Josua auch die Anakiter, die in den Städten Hebron, Debir und Anab und in anderen Orten im Bergland von Juda und Israel lebten. Er vollstreckte den Bann an ihnen und ließ niemand von ihnen übrig. Nur die Anakiter in Gaza, Gat und Aschdod entkamen dem Untergang. Josua eroberte das ganze Land, wie der Herr es Mose angekündigt hatte. Er gab es den Israeliten als Besitz und teilte jedem Stamm sein Gebiet zu. Die Israeliten lebten nun in Ruhe und Frieden. (Jos 11,10-23)

Es ist die deuteronomistischen Tradition der Leviten, die von Israel als dem „erwählten Volk“ spricht (obwohl doch die Leviten selbst nicht zur Summe der Israeliten hinzugezählt werden, Num 1,49). Es sei „ein Volk von ganz besonderer Art, das sich mit anderen Völkern nicht vermischt“ (Num 23,9). Ein Volk, das Gott „hoch über alle anderen Völker erheben will, die er geschaffen hat“ (Dtn 26,19), „kein anderes Volk wird danach noch zur Herrschaft kommen und (sein) Reich ablösen. Es beseitigt alle anderen Reiche, aber es selbst bleibt für alle Zeiten bestehen“ (Dan 2,44). Ein Volk, ein Reich, ein Führer (Jos 1,16-18) – und die Untermenschen, oder wie die Bibel sie nennt: das „Un-Volk“ (Dtn 32,21). Bei Sach 14,9-17 finden wir schließlich folgende imperialistische Wahnphantasie:

Dann wird der Herr über alle Völker der Erde König sein. Es wird keinen anderen Herrn neben ihm geben, und man wird keinen anderen Gott mehr auf der Erde verehren. Das ganze Land (…) verwandelt sich in eine Ebene, Jerusalem selbst aber bleibt erhöht und überragt das übrige Land. (…) Die Völker (…), die gegen Jerusalem herangezogen sind, wird der Herr mit einer schrecklichen Krankheit schlagen. Ihr Fleisch verfault, während sie noch auf ihren Füßen stehen; die Augen und die Zunge, die sie eben noch bewegt haben, zerfallen ganz plötzlich. Der Herr wird sie so sehr erschrecken, daß sie völlig verwirrt sind und einer über den anderen herfällt. Auch die Männer von Juda werden Jerusalem verteidigen helfen, und man wird als Beute die Schätze aller Nachbarvölker einbringen, eine große Menge Gold, Silber und kostbare Gewänder. (…) Die Überlebenden aus den Völkern, die gegen Jerusalem herangezogen sind, werden jedes Jahr nach Jerusalem pilgern, um das Laubhüttenfest zu feiern und den Herrn der ganzen Welt als ihren König zu verehren. Wenn ein Volk sich weigert, zu kommen und dem Herrn Ehre zu erweisen, wird auf sein Land kein Regen fallen(!).

Der Garten Eden (Teil 2)

27. Juli 2011

Was beim Jahwisten die Vertreibung aus dem Paradies ist, ist in der Priesterschrift die Sintflut. Hier sieht sich Gott zum Eingreifen genötigt, weil die „Gottessöhne“ mit den „Menschentöchtern“ schliefen (Gen6,1f). Die Erbsünde (Röm 5,12) scheint deshalb wohl auch schon für den Jahwisten selbst ein sexueller Akt gewesen zu sein – Reich hat also streng exegetisch doch recht mit seiner Analyse in Christusmord! Das Essen vom Baum der Erkenntnis war nichts anderes als ein „Besteigen der Palme“. Wie der Adam im Hohelied 7,8-10 frohlockt:

Schlank wie eine Dattelpalme ist dein Wuchs, und deine Brüste gleichen ihren vollen Rispen. Auf die Palme will ich steigen, ihre süßen Früchte pflücken, will mich freuen an deinen Brüsten, welche reifen Trauben gleichen. Deinen Atem will ich trinken, der wie frische Äpfel duftet, mich an deinem Mund berauschen, denn er schmeckt wie edler Wein…

Nach dem matriarchalen Paradies sollte man in der Bibel weniger bei der Genesis suchen, als vielmehr beim Hohelied. Wie in Gen 3 ist hier sehr viel von Heiligen Bäumen die Rede (ein matriarchales Kultelement), aber im Gegensatz zu Gen 3 treten hier nur Schwester, Bruder und Mutter auf, der Vater fehlt vollkommen. Bezeichnenderweise ist dieses matriarchale Idyll, das wir mitten in der Bibel finden, fast vollständig der patriarchalen Sexualverdrängung zum Opfer gefallen.

Nach dem Talmud ist die Geliebte im Hohelied als „die Weisung“ zu interpretieren.

Im Lehrhaus Raw Anans wurde gelehrt: Was bedeutet es, daß geschrieben steht: „Die Wölbung deiner Hüften“? Warum werden die Worte der Weisungen mit einer Hüfte verglichen? Um dir zu sagen: Wie eine Hüfte verborgen ist, so sollen auch die Worte der Weisung verborgen sein.

Raw legte aus: Was bedeutet es, daß geschrieben steht: „Wie schön sind deine Schritte in den Schuhen, du Tochter eines Edlen“? Wie schön sind die Schritte Israels zur Zeit, da sie hinaufziehen zum Wallfahrtsfest. (Eva M. Borer: Der Adam und Eva Report, München 1986, S. 170)

Die im Gegensatz zum Judentum überhaupt nicht profanen Christen haben das Hohelied zu einem spirituellen Drama zwischen der Seele und Gott verkitscht und sind so auf verzerrte Weise zum ursprünglichen sexuellen Gehalt zurückgekehrt. Bei den Christen erinnert das ganze sehr an die erotisch-spirituelle Geschichte der Hindus über „Krischna und die Gopis“.

Gerda Weiler betrachtet das Hohelied

als einen Kulttext, der zur Feier der Heiligen Hochzeit in Jerusalem benutzt worden ist. Zerstückelt und aus seinem Zusammenhang gebracht, ist das Lied seines ursprünglichen Sinnes beraubt worden und wirkt wie eine Sammlung lose hingewürfelter Fragmente. (…) Im Hohelied wird die Wiederkehr des Jünglingsgottes gefeiert, des Sohnes der Himmelskönigin, der sterbend in die Unterwelt eingegangen ist, von der Göttin beweint und betrauert. Sie hat ihn aus der Gewalt des Todes befreit und feiert nun mit ihm und dem ganzen Volk die Wiederkehr des Lebens, des Frühlings und der Liebe. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 270)

Nach Weiler sieht der Kultgesang ursprünglich wie folgt aus:

  1. Akt: Hld 8,13; 6,10; 1,5f; 5,9a; 5,10-15; 1,7f; 8,1f; 6,1f; 6,11-12a; 3,1f; 5,7; 3,4; 5,2-5a; 5,6b; 5,5b-6c; 3,3; 5,8; 5,9b.
  2. Akt: Hdl 4,8 („meine Braut“ streichen!); 8,5; 3,6-11; 8,5b-7; 8,66.
  3. Akt: 2,10-14; 7,1-6; 2,17; 1,9-14; 2,1-3; 4,12-5,1; 4,9-11; 2,16; 6,4-9; 4,1-5; 4,7; 7,11; 7,7-10; 5,16; 2,8f; 7,12-14; 1,2-4; 1,16f; 2,6f; 3,5; 8,4. (ebd., S. 276-302)

Die Heilige Hochzeit war eine der letzten Restbestände des Matriarchats. Ein Überbleibsel, das zunehmend zur Tempelprostitution (inkl. männliche Prostitution von Kastraten) und in Richtung sexueller Perversionen zerfiel. Als Reaktion auf den von ihm selbst erzeugten Zerfallsprozeß mußte das Patriarchat die Heilige Hochzeit schließlich ganz verdrängen, wollte es nicht im allgemeinen Chaos untergehen. Das Hohelied wurde zerstückelt und auf Biegen und Brechen uminterpretiert. Das gleiche geschah mit der Paradiesgeschichte der Genesis.

Trotzdem können wir, wie Weiler gezeigt hat, noch manches rekonstruieren. In den Worten des Mädchens Hld 8,5 haben wir sicherlich die ursprünglichen Worte Evas an Adam unter dem Baum der Erkenntnis vor uns: „Hier unterm Apfelbaum habe ich dich aufgeweckt, wo deine Mutter dich empfing und wo sie dich gebar.“ Es ist der radikale Gegenentwurf zu Jahwes Auftritt im Garten Eden. Das weitere finden wir im Gilgamesch-Epos, wo der Urmensch Enkidu von einer Tempelprostituierten verführt wird, was ihn erst auf die Ebene des wirklichen Menschseins hebt:

Schwach ward er, und es war nicht wie zuvor, doch nun hatte er Wissen, er begriff. Umkehrend sank er zu der Dirne Füßen, erhob zu ihrem Antlitz seine Augen und hörte auf die Worte, die sie sprach. Es hob die Dirne an zu Enkidu: Klug bist du nun, Enkidu, wie ein Gott!

Beim abschließenden Samenerguß erstirbt der Fruchtbarkeitheros. Es sei an Gen 3,3 erinnert, wo Gott sagt, man müsse sterben, wenn man vom Baum der Erkenntnis esse. Der Orgasmus als „Kleiner Tod“.

Vom Baum der Erkenntnis essen, bedeutet in der Heiligen Hochzeit von der irdischen Vertretung der Himmelskönigin initiiert zu werden. So ist denn auch der Garten Eden „ursprünglich der Heilige Hain der Himmelskönigin, wo die Priesterin mit dem für den Kult erwählten Mann das Fest der Heiligen Hochzeit feiert“ (Weiler, S. 276).

Manche Forscher glauben, der Garten Eden war einst ein Heiliger Hain auf dem Berg Zion bei Jerusalem (ebd., S. 69). Wo Eva als Göttin verehrt wurde? Dann war der „für den Kult erwählte Mann“, Adam ursprünglich niemand anderer als der König der Jebusiter, der Stadtfürst von Jerusalem. Adam war einst Abdi-Heba, der „Knecht Evas“ – so lautete der Titel der besagten Stadtfürsten von Jerusalem als irdischer Kultträger, bzw. Heros der Himmelskönigin. Nachdem David die Jebusiterstadt Jerusalem erobert hatte, ohne die Jebusiter ganz vertreiben zu können (1 Chr 11,4ff rückversetzt in Jos 15,63), übernahm er mit dem Priester Melchisedek (der im Hebräerbrief mit Christus identifiziert wird) auch Teile des jebusitischen Kults, der bald darauf so jahwisiert wurde, daß er verzerrt als Adam und Eva-Geschichte in die Bibel aufgenommen werden konnte (vgl. Weiler, S. 117f).

Diese Zusammenhänge erklären m.E. auch, warum der Jude den Namen seines Gottes Jahwe unter keinen Umständen aussprechen darf. Zwar durfte man nach Ex 23,13 auch die Namen der „anderen Götter“ nicht aussprechen, aber das Tabu, welches auf dem Namen Jahwe lag, war wirklich zentral und absolut. Durfte man den Namen des Gottes, dessen Heiligtum in Jerusalem lag, deshalb nicht aussprechen, weil er zu leicht an die ursprüngliche Form Jehwa, d.h. an die ehemalige Stadtgöttin Eva erinnerte? Zum Stichwort Jehwa (Hawwa, Heba, Hebe, Eva, Eve) schreibt Heide Göttner-Abendroth:

palästinensische Erd- und Liebesgöttin mit Phallusschlange (Jam) und Apfelgartenparadies; ihr Brudergatte und Heros ist Abdiheba (Adam); Hauptkultort: Jerusalem; Jehwas Vorläuferin ist die sumerische Liebesgöttin Iahu in Taubengestalt; ihre Parallelen sind die zyprische Aphrodite, die griechische Hera-Hebe, die keltische Morrigain, die germanische Freyja-Iduna; sie wurde vom jüdischen Vatergott entthront, der ihren Namen als Jehova übernahm. (Die Göttin und ihr Heros, S. 245)

In Hos 7,11f spricht Jahwe: „Efraim [was für das gesamte Zehn-Stämme-Reich Israel steht (Hos 4,17; Jes 7,2)] ist dumm wie eine Taube… Wenn er so weitermacht, spanne ich mein Netz aus und fange den Vogel.“ Ist dies vielleicht eine Erinnerung an die alte Stammesgöttin, bzw. die Urmutter des Stammes, die mit der Jebusiter identisch war? Natürlich sei hier auch an die Taube bei Jesu Taufe erinnert, an den Heiligen Geist, an die Kirche = Maria = Iahu.