Mit ‘Irenäus Eibl-Eibesfeldt’ getaggte Beiträge

Funktionelles Denken: Die Massenpsychologie der Biologie

16. Februar 2011

Die Geschichte der Humangenetik stellt sich in drei Etappen dar:

  1. „Rassenhygiene“,
  2. Verhaltensforschung,
  3. Soziobiologie.

Alles begann mit dem „Sozialdarwinismus“ Herbert Spencers, der sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu der populärwissenschaftlichen Theorie schlechthin entwickeln sollte. Selbst der ansonsten gegen „moderne Ideen“ gefeite Nietzsche verhalf ihr zu mancher widerwärtiger Sumpfblüte. Spencer hatte eine sicherlich teilweise richtige Theorie in die Welt gesetzt, die aber wie geschaffen war, um vom Kleinen Mann mißbraucht zu werden. Man selber verkörperte das „lebenstüchtige Leben“ im Lebenskampf, während alles, was man emotional ablehnte, logischerweise objektiv lebensunwert war. Es war sozusagen die moderne Form der Calvinistischen Prädestinationslehre. Und tatsächlich wurde die Theorie ja ständig bestätigt: Arbeiterkinder waren erstaunlicherweise wirklich ungebildeter und Juden, die man ständig spüren ließ, daß sie „Juden“ waren, wirkten, offensichtlich rassisch erbbedingt, wirklich, oh Wunder, „jüdisch“. Der soziale Status Quo war biologisch gefordert und Staat und Industrie taten deshalb bald alles, um sich diese nützliche Theorie dienstbar zu machen.

So schrieb Krupp 1900 einen wissenschaftlichen Preis für Arbeiten aus, die sich mit den Lehren der Darwinschen Abstammungsprinzipien für die Gesetzgebung und Innenpolitik befassen sollten. Es gewann eine Arbeit, die die gerade wiederentdeckten Mendelschen Vererbungsgesetze mit Darwins Lehre verband, so daß die Eugenik ihre unangreifbare wissenschaftliche Basis gefunden hatte. Alle Merkmale, vom Kleinwuchs bis zur Trunksucht und Intelligenz, „mendelten“. In den 20er Jahren machte man dann erbbiologische Versuche mit bestrahlten Drosophila-Fliegen, aus denen zu ersehen war, daß sich rezessive Mutationen langsam unsichtbar ansammelten, ohne viel Schaden anzurichten, bis sie schließlich in einer plötzlichen erbbiologischen Katastrophe kulminierten, die die Population zum Zusammenbruch brachte. Daraus schloß man, der „Volkskörper“ werde durch verdeckte Mutationen unterirdisch dermaßen vergiftet, weil ja die natürliche Auslese ausgeschaltet war, daß eines Tages das Volk zugrundegehen würde, wenn man nicht so schnell wie möglich harte „rassenhygienische“ Maßnahmen ergreifen würde. Da Vererbung untrennbar mit Sexualität verbunden ist, verband sich das ganze mit der durch den Verfall der „guten Sitten“ gesteigerten Sexualangst und Syphilis-Hysterie zu jenem explosiven Gebräu, dem Millionen zum Opfer fallen sollten.

Die nationalsozialistische Ideologie war, wie der Name ja schon sagt, an der Gruppe („Art“, „Rasse“) und weniger am Individuum orientiert. Dazu paßt auch, daß für sie ein organismisches Verständnis von „Staat und Volk“ konstituierend war. Die Ziellosigkeit der nationalsozialistischen „Revolution“ wurde damit gerechtfertigt, daß nach der „Befreiung“ der „Volkskörper“ selbstregulatorisch schon seinen eigenen Weg zur Gesundung finden würde – indem er alles „artfremde“ eliminiere. So ist es kein Wunder, wenn sich Reich 1933 in Massenpsychologie des Faschismus explizit gegen die Vorstellung vom Staat als „organismisches Ganzes“ wendet. Dies wäre ein Konzept der reaktionären Wissenschaft, das aus der „alten Wirtschaftsweise des Kleinbürgertums“ erwachsen sei. Demgegenüber gelte für die progressive Wissenschaft der „biologische“ Standpunkt nicht, „der Staat sei ein organismisches Ganzes“, denn das Proletariat sei in der Lage, „das Wesen des Staates als einer Zweiheit von Klassen zu sehen.“

Die biologistische Theorie, die dem nationalsozialistischen Staat zugrunde lag, fand jede Menge Wissenschaftler, die sie offensiv vertraten. Am bekanntesten ist vielleicht Konrad Lorenz, der Begründer der Verhaltensforschung, die Hans Hass zusammen mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt zur „Humanethologie“ weiterentwickelt hat. Walter Hoppe bezeichnet Lorenz als „geistigen Helfer Hitlers“ und zitiert ihn wie folgt:

so müßte die Rassenpflege (…) auf eine schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein und der rassische Gedanke als Grundlage unserer Staatsform hat schon unendlich viel in dieser Richtung getan. (Wilhelm Reich, München 1984)

Hoppe macht jedoch einen Fehler, wenn er gegen Lorenz’ „angeborenen Aggressionstrieb“ anführt, selbst Raubtiere würden untereinander ein solches Verhalten nicht zeigen. Denn die „national-sozialistische“ Ideologie vom „Gemeinschaftsgefühl“ ist zwar aggressiv „national“ nach außen, aber eben auch solidarisch „sozialistisch“ nach innen gerichtet. Demgemäß hält die Verhaltensforschung ethisches Verhalten für angeboren. Ethik ist, nach Hass, gar keine Besonderheit des Menschen gegenüber dem Tier. Vielmehr verbindet sie

uns eng mit unseren rudelbildenden Vorfahren – bei denen diesbezügliche Regungen noch stärker ausgebildet sind. Weit eher erweisen sich Intelligenz und Vernunft als Antriebe für unethisches, rücksichtsloses und egoistisches Verhalten. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Der Mensch ist für den Verhaltensforscher von Natur aus alles andere als böse.

Ganz anders, nämlich nicht „national-sozialistisch“, sondern „individualistisch-kapitalistisch“ geartet, ist die Ideologie der „Soziobiologie“ – nach der der Mensch in der Tat durch und durch böse ist. Konnte „Zurück zur Natur!“ noch das Motto von Lorenz sein, wird die Natur von der Soziobiologie dämonisiert. Es gäbe danach keinerlei „natürliche Moral“ und wir müßten alles tun, um uns von unseren natürlichen Wurzeln zu trennen. Die Soziobiologie ist dergestalt extrem biologistisch und gleichzeitig das Nonplusultra der mechanistischen Maschinenkultur. Ein Widerspruch der sich vielleicht dadurch erklärt, daß der Begründer der Soziobiologie, Edward O. Wilson, ursprünglich Entomologe war, der seine Anschauungen am Leben der Ameisen und Bienen ausgebildet hat. (Siehe dazu meinen Artikel Die DOR-Menschen.)

Das Paradebeispiel, mit dem sich die Soziobiologen von den Verhaltensforschern absetzen, ist das Verhalten der „indischen Tempelaffen“. Übernimmt dort nach einem Kampf ein neues Männchen die Weibchen der Horde, bringt es alle Babys seines Vorgängers um und hetzt schwangere Weibchen so lange, bis sie ihre Leibesfrucht verlieren. Das dient wohl kaum der Arterhaltung, sondern einzig den Genen des betreffenden Männchens. Ganz allgemein gelte alles in der Natur nicht dem Wohl der Art, „der Volksgemeinschaft“, sondern dem der „egoistischen Gene“. So konkurrieren auch nicht die Arten miteinander, sondern nur die Individuen. Der Kampf jeder gegen jeden sei das Grundgesetz der Natur. Wobei jedoch die Individuen nichts als willenlose Marionetten der „egoistischen Gene“ sind.

Die Soziobiologie stellt sich als „große Synthese“ zwischen Biologie und Sozialwissenschaft dar und hat damit beim Publikum großen Anklang gefunden. Sie nimmt sozusagen jenen Platz ein, der dem Orgonomischen Funktionalismus zustehen würde. Wir haben es hier jedoch mitnichten mit einer großartigen Synthese, sondern primitivem biologistischen Reduktionismus zu tun, der sich zudem an einer mechanistischen Weltsicht orientiert, die die Physiker selber schon vor 50 Jahren aufgegeben haben und von dem auch viele Biologen mittlerweile Abstand nehmen, da die „Gene“ eben nicht jener „unbewegte Beweger“, jene „letzte unabhängige“ Instanz sind, als die sie von den Soziobiologen hingestellt werden.

Was Wilson mit seiner „Synthese“ erreichen wollte, hat vor ihm Hass viel beeindruckender und überzeugender vollzogen. So würde Hass z.B. nie eineiige Zwillinge als identische Individuen ansehen oder auch nur zur selben Spezies zählen, wenn sie unterschiedliche Berufe ergriffen haben. In der Energontheorie gehören Schuster und Fleischer unterschiedlichen „Tierarten“ an. Auf diese Weise wurde die Biologie und die Soziologie von Hass zu einer funktionellen Einheit verbunden.

Die Soziobiologie ist (Stichwort „egoistische Gene“) die faschistische Ideologie der Jetztzeit, die sich an den Nationalsozialismus (Stichwort „Eugenik“) und die rassistische Ideologie des 19. Jahrhunderts anschließt. Es handelt sich dabei um eine Abfolge dreier wissenschaftlich verbrämter Ideologien, die kurzschlußartig gesellschaftliche Prozesse mittels organismischer bzw. biologischer Konzepte erklären wollen.


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