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DER ROTE FADEN: Der Übermensch

12. Juni 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

 

 

Manuel schrieb 2011: Das EINZIGE was Sinn macht, ist nach einem „persönlichen Motiv“ zu suchen!
Das Hitler seinen Selbsthass und seine Selbstverachtung auf „die Juden“ projeziert hat – ist das etwa kein „persönliches“ Motiv ?
Das Hitler an einer einzigen Stelle – dem Arzt gegenüber, der seine Mutter behandelte- so etwas wie Mitgefühl zeigte – was könnte „persönlicher“ sein?
Das Hitler von allen Deutschen einen Nachweis der „arischen“ Abstammung bis in die dritte Generation verlangte, den er selbst nicht erbringen konnte – ist das nichts „persönliches“??
Das Hitler seinen Vater hasste – von dem er annahm, daß er jüdischer Herkunft war – weil dieser ihn einsperrte, täglich schlug, verspottete (zB. wegen angeblich mangelnder Intelligenz!) und nicht mit seinem Namen, sondern mit einem Pfiff -wie einen Hund- rief, weil dieser Vater seine „arische“ Mutter mit „jüdischer“ Grausamkeit behandelte…
keine persönlichen Motive?
Mir reicht die genaue Betrachtung der Kindheit Adolf Hitlers aus, um das Phänomen Hitler vollständig und logisch zu erklären. Für den Rachefeldzug gegen seine in der Kindheit erlittenen Demütigungen standen dem Führer genügend Menschen zur Verfügung, die aufgrund ähnlicher Kindheitserfahrungen ähnlich strukturiert waren.
Diese Geschichte ist kein Rätsel mehr – dank Alice Miller ( „Am Anfang war Erziehung“).
Hitler hat übrigens versucht, die Spuren seiner Herkunft zu tilgen – er ist sogar so weit gegangen, Gräber seiner Vorfahren zerstören zu lassen!
Trotzdem ist seine Kindheit aussergewöhnlich gut durch übereinstimmende Zeugenaussagen seiner Verwandten und Bekannten dokumenmtiert, so daß es keinen Zweifel an der Situation geben kann, in der er aufgewachsen ist.

Dazu Peter: An Hitlers Werdegang von der Geburt an ist kaum etwas Außergewöhnliches. Nichts unterschied ihn von Millionen anderen. Der Bruch zum exterminatorischen Antisemiten mit Messiaskomplex fand irgendwann zwischen Ende 1918 und Herbst 1919 statt. Was nun der Auslöser war, wird sich wohl kaum je rekonstruieren lassen, zumal bei einem paranoid-schizophrenen Charakter, der darüber hinaus durch eine lange Reihe von Inzucht erblich vorbelastet war, wirklich so gut wie alle Anlässe sonst was auslösen können.
Reich hatte in vieler Hinsicht eine weitaus traumatischere Kindheít, Jugend, Kriegszeit und Nachkriegszeit als Hitler!

Peter: Noch mal zur Verdeutlichung: es geht um MASSENpsychologie, sozusagen um Statistik, nicht um individuelle Biographien. Es gibt genitale Charaktere, die aus einer Familienhölle mit Alkoholismus und Mißbrauch hervorgegangen sind, und es gibt neurotische Wracks, deren Eltern Orgonomen waren.
Statistik wie sie DeMeo in seiner Saharasia-Arbeit vorexerziert hat. Individuelle Biographien sind ziemlicher Quark. Es hilft kaum etwas beim Psychotherapeuten und erst recht nicht bei „Fernanalysen“, die etwa Fromm und Miller bei Hitler vorgenommen haben. Das erinnert mich an eine Möchtegerntherapeutin, bei der ich mal in „Therapie“ war und der ich mal von mir erzählt habe: Ich konnte ihr einfach nicht mehr ausreden, daß meine Kindheit von Gewalt geprägt war. Vollkommener Quatsch! „Arbeiterkind >> Gewalt gegen Kinder!“ Und wenn man dagegen argumentiert, ist das Ausdruck von „Verdrängung“!
Ein Orgontherapeut interessiert sich ausschließlich für das Hier und Jetzt und nicht für irgendwelche mythischen Vergangenheiten – die eh eine Funktion der Gegenwart sind. Ja, diese Gegenwart ist aus der Vergangenheit hervorgegangen, aber das ist ein massenpsychologisches Problem.
Reich: erst Biologie (die Gegenwart), dann Soziologie (Massenpsychologie) und schließlich weit abgeschlagen ein bißchen Psychologie (Freud). Bei Miller und Konsorten ist diese Reihenfolge umgekehrt.

Manuel: „Es ist auffallend, daß alle Charakterisierungen des Juden, auf die Nazis am besten selbst zutreffen.“
Diesem Punkt möchte ich aus eigener Erfahrung zustimmen. Ich hatte einmal einen Alt-Nazi als Chef, der im Geschäftsgebaren alle den Juden zugeschriebenen Eigenschaften zeigte. Er selbst bemerkte das natürlich überhaupt nicht, sondern fühlte sich „arisch-rein“. Das war damals ein Aha-Erlebnis für mich -ich hatte einen Grundmechanismus des Antisemitismus „entdeckt“ (d.h. live erlebt und somit seine Wahrheit bestätigt). Wie wohltuend war es für diesen Mann, all seine miesen PERSÖNLICHEN Eigenschaften einem Sündenbock -den Juden- zuschreiben zu können und sich selbst gut und rein und stark zu fühlen. Vor diesem Erlebnis hatte ich es nicht für möglich gehalten, das die Motivation für antisemitischen Hass so einfach und durchschaubar und bloß auf persönlichen Defiziten basieren könnte, von denen man sich befreien möchte ohne an sich „arbeiten“ zu müssen.
Was Reichs traumatische Kindheit angeht: Reich hatte keinen emotionalen Rückhalt in seiner Familie aber zB. bei seinem Hauslehrer. Ich denke, das hat ihm sehr geholfen und seinen späteren Lebensweg als Wissenschaftler stark beeinflußt. Adolf Hitler ist aber scheinbar ohne eine EINZIGE Person aufgewachsen, die ihm liebevolle Zuwendung gegeben hätte.

Manuel: Ich bin gerade auf folgenden Artikel gestoßen:
http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/zeitgeschichte/michael-grandt/adolf-hitler-teufel-daemon-oder-schwer-misshandeltes-kind-.html
Leider wird hier die möglicherweise jüdische Herkunft des Vaters als „Ammenmärchen“ abgetan. Es ist aber wahrscheinlich, daß Hitler dieses Gerücht in seiner Kindheit zu hören bekommen hat. Die Ungewißheit hat in jedem Fall an ihm genagt, denn er versuchte alles über seine Herkunft herauszufinden und gleichzeitig so viele Spuren wie möglich zu verwischen.

Peter : David hat mich neulich auf folgendes verwiesen:
http://www.bild.de/BILD/ratgeber/kind-familie/2010/11/15/horror-eltern-historischer-figuren/joerg-zittlau-luther-balzac-liz-taylor-hitler.html

O.: Was mich immer erstaunte, war, dass es soviel schwule Nazis gab, die aber nicht offen so auftreten konnten. Und gerade aus diesem Zwiespalt wurde der eigenen Trieb (Neigung) ständig unterdrückt und suchte sich um so heftiger ein Ventil …
Ebenso ist die „Elite“ alles andere als arisch, sportlich (athletisch) und nordisch. Auch heute noch sieht die Nazi Szene nicht als typisch arisch aus und würde nach eigenen Maßstäben „ausgesondert“ werden. Aber da sie ihren Hass nach außen projezieren können, scheint die Verdrängung der eigenen Häßlichkeit zu glücken. Je mehr sie sich selbst für minderwertig halten, desto brutaler gehen sie vor. Und wenn die neue „Elite“ besser zu sein scheint, gibt es dann den inszenierten „Röhm-Putsch“ und sie werden vernichtet.
Die Liquidation des SA durch die SS zeigte dem Volk, dass jeder willkürlich vernichtet werden könne, der nicht richtig spurt und ein Widerwort gibt.
Man müsste sich noch einmal die Attribute anschauen, die den Juden angedichtet worden sind: Diese passen wohl am besten zur eigenen Lebensweise und Motivation. (Projektion)
Dennoch kann man nicht die Macht des geschlossenen Gedankensystems, der Propaganda und der Einbeziehung jeder gesellschaftlichen und beruflichen Gruppe in ihrer Wirkung unterschätzen. Und das ist genau das Problem, dass uns heute nicht mehr der „Zauber“ gegenwärtig ist, den die Nazis wirkungsvoll und theatralisch aufgebaut haben.

Peter: Bei der ganzen „Bewegun“g ging es immer nur um eins: Sex, insbesondere Sadomaso. Allein schon der Uniformenfetisch. Das ganze nahm seinen Anfang mit Wagners Musikdramen und all den hysterischen, schwulen Wagnerianern, die bei der „überwältigenden“ Musik zu Gelee wurden. Wirklich alles war auf „Überwältigung“ ausgerichtet.

Manuel Says:
25. März 2011 um 12:52 | Antwort
Und wie kommt es, daß Sex mit Sadomasochistischen Vorstellungen besetzt wird?
Damit schließt sich der Kreis zu dem, was ich Eingangs schon erwähnte

O.: Ich stutze über diesen Satz:
„Nietzsche hat diese „negative Egologie“ [gemeint war Stirner] in eine positive umgeformt, indem er den theologischen Bezugsrahmen zu einem biologischen machte:…“
Ich würde umgekehrt eher von positiver „Egologie“ sprechen bei Max Stirner, da er einen positiv besetzten Egoismusbegriff diskutiert. Beim hier gezeigten Nitzsche Zitat gilt das „Ich“ als „negative besetztes Ich“ mit allen destruktiven Anteilen (sekundäre Schicht bei Reich) und das „Selbst“ bei Nitzsche – als positives Gegenstück (der biologische Kern bei Reich). Die Selbst-Psychologie scheint diesen Begriff dann wohl von Nietzsche übernommen zu haben …

Peter: Anfang des 19. Jahrhunderts hat Stirner die Theologie, die besagt, daß man Gott durch Festlegungen nicht dem Menschen verfügbar machen kann, radikal umgekehrt: ICH bin nicht verfügbar – „habe meine Sache auf nichts gestellt“, bin eigenschaftslos wie Gott. Am Ende des Jahrhunderts war der Bezugrahmen nicht mehr theologisch bzw. antitheologisch, sondern biologistisch: „Ich bin eine wilde Bestie“, d.h. nicht domestiziert – aber ich habe jede Menge „positive“ (definierbare) Eigenschaften.

Erik Jan van Hanussen: Naja Alice Miller hat Adolf Hitler unter die Lupe genommen mit Biographien die auf undurchsichtigen Quellen beruhen.
So ist von der Nekrophilie Hitlers die Rede, der sich gern unter scheissende Frauen gelegt hat und der den Orgasmus bekam wenn er mit Tritten penetriert wurde. Die Quelle ist der damalige englische Geheimdienst OSS.
Den Werdegang von Hitler logisch zu erklären schafft niemand, warum hat er denn während des 2. Weltkriegs jeden Tag das eiserne Kreuz getragen was ihm von einem jüdischen Offizier überreicht wurde? Warum hat er Amerika den Krieg erklärt zu einem Zeitpunkt wo man sich vor Moskau zurückzog?
Vielleicht wurde ihm ja wirklich der Zippedäus von einer Ziege abgebissen sowie es ein Mitschüler aus Leonding später an der Ostfront erzählt und deshalb vom NS-Gericht zum Tode verurteilt wird. Man kann und wird es wohl niemals begreifen.

Peter: Was Hitler letztendlich angetrieben hat, ist ziemlich gleichgültig, Vielleicht war es ja die lange Linie von Inzucht, aus der er hervorgegangen ist. So wie der süße „reinrassige“ Familienhund, der aus heiterem Himmel zur Bestie wird und von der Polizei erschossen werden muß. Wichtig ist nur, daß solch ein Individuum nur wirksam wird, „wenn seine persönlichen Anschauungen, seine Ideologie oder sein Programm am die durchschnittliche Struktur einer breiten Schicht von Massenindividuen anklingt“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 53). Meines Erachtens war dies bei Hitler seine widersprüchliche Doppelstruktur: einerseits das Feige und Beharrende (ein unglaublich willensschwacher Mann, der keine Entscheidungen traf = die Panzerung) und andererseits das Treibende, Kompromißlose (die radikalsten Lösungen wurden jeweils bewilligt = die aufgestaute Energie will RAUS). Das treibt die Massen bis heute: eine alles erstickende feige reaktionäre Indolenz hier und doch der Traum von Glorie, revolutionärer Rache und Befreiung da. Man schaue sich doch die zahllosen heimlichen bis unheimlichen Hitler-Fans im Internet an: sie glauben heroisch gegen den Zeitgeist anzukämpfen, doch tatsächlich verkörpern sie diesen wie kaum welche.

Tzindaro schrieb 2016: Hitler was not unusual. His attitudes toward Judaism was close to the Central European norm, in a tradition going back centuries. Look at the anti-semitic writings of Martin Luther for example. Anyone writing such things today would be arrested for volkverhetzung.
The anti-semitic teachings of the Catholic church over hundreds of years set the stage for the extermination of the Jews. If there was any single root cause of Nazism, that was it. Hitler and almost all the Nazi leadership were brought up in the church and instructed in it’s teachings. They remained church members in good standing throughout their lives. In fact, when they had lost the war, many Nazis were helped to escape by the church, which hid them in monasteries and got them safe passage to South America, where they were granted refuge at the request of the Vatican.
Seen from the long viewpoint of history, Nazi anti-semitism was only the latest outbreak of the long-term program of the Catholic Church to rid Europe of the main competing religion. Nazism, like Lutheranism, was only a sect of the Christian culture that created it.
Fortunately, Europe since the war has rejected religion of all kinds and embarked on an experiment: the first truely secular society in history. An agressive secularism, following the French model, is the best hope of avoiding any future holocausts.

Robert schrieb 2011: Der Hinweis auf Rainer Zitelmann war mir neu. Bei Wikipedia steht etwas über ihn.
Ich frage mich, ob Theleweits „Männerphantasien“ ebenfalls durch Reich angeschoben wurden und ob es neben Zitelmann noch weitere Geisteswissenschaftler gibt, für die Reich den Anstoß gab.

Robert weiter: Diskussion „Hitler Heute“ von 1995 mit Rainer Zitelmann:

Manuel 2011: Die widersprüchliche Persönlichkeitsstruktur Hitlers, die Wilhelm Reich treffend mit den Worten charakterisiert: „Rebellion gegen die Autorität mit gleichzeitiger Anerkennung und Unterwerfung“ lässt sich nur durch die Kindheitssituation Hitlers erklären: Als Kind eines brutalen, sadistischen (usw.) Vaters muss man sich auflehnen und rebellieren um als eigenständiges Wesen zu überleben, gleichzeitig muss man seine Autorität anerkennen, ihn lieben und bewundern, sonst könnte man als KIND emotional (und manchmal auch physisch) nicht überleben.

O.: Rainer Zitelmann scheint Hitler positiv als „Revolutionär“ zu verstehen (Wikipedia) und kann seine Begeisterung auch in der Gesprächsrunde kaum unterdrücken, zumindest passt sein Bart zur inneren Haltung, von der er sich wohl frei glaubt. Ein 25-jähriger Zuschauer betitelt ihn als „mother fucker“, da er Frau M. Mitscherlich aufdringlich widersprechen muss und stellt die interessante Frage, die nicht beantwortet wird: Ob die Deutschen nicht Hitler gegen Ende des Krieges darüber getäuscht haben, dass sie noch hinter ihm stehen würden und vielmehr boykottieren würden?
Die Reduzierung von des deutschen Faschismus auf Hitlers Wahn und die Vernichtung der Juden, wie es in dieser Sendung Tenor ist, verkennt, dass die Basis für einen neuen Faschismus weiter existiert. Um meine Oma zu zitieren: „Hitler war nicht verkehrt, nur das mit den Juden, hätte er nicht machen sollen.“ Hitler hat begeistert und fasziniert und die damalige „deutsche“ Jugend in seinem Sine erzogen, ein Erbe, dass weiter besteht. Insbesondere bei den Arbeitern konnte er Punkten … und seine SA/SS-Terrorherrschaft ausbauen.
Wo Bildung fehlt – wie heute – wird Faschismus geschaffen, an Führer/innen fehlt es nicht. Nur ein neues Feindbild müßte her …
Da der Mut fehlt, W.R.´s Massenpsychologie des Faschismus zu verstehen, gibt es kein Jenseits des Faschismus. Er lebt in den autoritären Gesellschaftsstrukturen weiter und Hitler-Analysen sind Heucheleien.
Hitler war „nicht“ wahnsinnig, sondern hat den üblichen Wahnsinn auf die Spitze getrieben und ihn benutzt. Er hat den Faschismus in der „Demokratie“ entlarvt, in dem er den Faschismus offen ausgelebt hat. Dass er nicht siegreich war, verdanken wir nicht einem „deutschen Widerstand“ (des Militärs) – sondern seiner Dummheit, stets den größten Unsinn zu verzapfen. Wäre er nur ansatzweise genial gewesen, nicht auszudenken, wo wir jetzt leben würden.
Dennoch wird ihm nachgeeifert aller Orten.
Ob Reich hier die (einzig) richtige Antwort gefunden hat, ist schwer zu sagen, doch es ist ein Anfang, die Sache zu verstehen.

Robert: Um meine Oma zu zitieren: „Hitler war nicht verkehrt, nur das mit den Juden, hätte er nicht machen sollen.“
Jede Zeit hat ihre Mythen und heutzutage wird geglaubt, unsere Urgroßeltern wären alle verführte Trottel gewesen, die einem geisteskranken Schreihals hinterherrannten. Womöglich wird man ebenso in 70 Jahren unsere heutige Überzeugung als Unsinn entlarven.
Meiner Überzeugung nach besteht das Problem mit M. Mitscherlich mit ihrem Psychologismus, der bar der Fakten Psyche erklärt. Das Gleiche passt übrigens zu Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ von 1933, die geprägt ist von Reichs kommunistischer Ideologie, die letzlich die eigene Position als Selbstverständlich voraussetzt.
Bei den letzten freien Wahlen waren immerhin 60% der Wähler gegen Hitler, also schneiden unsere Vorfahren gar nicht so schlecht ab. Verwechselt werden heutzutage ständig Volksabstimmungen über Gebiete mit Parlamentswahlen.
Meiner Erfahrung nach ist historisches Faktenwissen zur damaligen Zeit sehr gering. Da liegt der Hang zum Psychologismus nahe.

Manuel: „Hitler war nicht verkehrt, nur das mit den Juden, hätte er nicht machen sollen.“
Ja, so ähnlich habe ich das auch schon öfter von Menschen dieser Generation gehört. Mir scheint, daß ausser einzelnen Perversen kaum jemand in Deutschland die „Endlösung“ wollte – trotz allgemeinem (latenten) Antisemitismus. Ohne Hitler hätten wir einen „ganz normalen“ Faschismus gehabt, so wie in Italien, Spanien etc.
Der Verlauf des Krieges und die Obsession der Judenvernichtung zeigen, daß Hitler wirklich wahnsinnig war und nicht „bloß“ ein manipulativer politischer Stratege.

Robert schrieb 2011: Deswegen auch der irrsinnige Hass auf Sarrazin, der sich Gedanken über Genetik und Intelligenz gemacht hat. Für die linken „Antifaschisten“ soll es soviel Inzucht und künstliche Auslese Richtung Verblödung geben wie nur möglich.
https://i0.wp.com/www.spiegel.de/images/image-20024-panoV9free-ljud.jpg?zoom=2

O.: … Dann wäre die freie und selbstbestimmte Partnerwahl der „Wissenschaft“ geopfert und die Liebe hätte (auch wieder) keine Chance, so wie der Gutsherr, der bestimmt, welcher Knecht welche Magd ehelichen dürfe oder der Vater, der den Schwiegersohn für die Tochter aussucht, was wir ja in der muslimischen Welt noch so als Brauch haben. … „Schöne neue Welt“ – da war es doch ähnlich. Retortenkinder (ohne energetischen Zeugungskontakt), ausgesucht nach deren Erbmaterial.

O.: Was soll die Genetik hervorbringen?
Resistente und somatisch gesunde „Körper“? – Oder das Konstrukt, von dem wir glauben, jemand sei intelligent?
Demnach wäre Intelligenz vererbbar??? Darüber ließe sich trefflich philosophieren und, weiß Gott, streiten.
Mit der Intelligenz verhält es sich so, dass das gemessene IQ-Kontrukt (meist sprach- und kulturgebunden, sowie altersgebunden) eine Varianz um den Mittelwert 100 für die meisten Menschen misst (so ist der Test angelegt). Wer zwei Standardabweichungen drunter oder drüber liegt, bekommt einen auffallenden Wert, der klinisch interessant werden könnte, da er aus dem Rahmen fällt. Nun mag man sich freuen, wenn ein Kind einen höheren IQ nach HAWIK hat als 130, doch was sagt diese Intelligenz für die soziale Realität aus?
Das Kind ist „überbegabt“ (hochbegabt) und wird Probleme bekommen, die nur mit Soziapädagogik auszugleichen wären. Die wenigsten finden eine Nische, in der sie mit ihren einseitgien Fähigkeiten etwas anfangen können. Die meisten werden scheitern. Die Hochbegabung wird zur „quasi-geistigen Behinderung“, wie für jemanden der unter 70 IQ-Punkten liegt. Was nützt also das Geschwafel von der Intelligenz? Jeder normal Begabte hat die Möglichkeit sich besser zu entwickeln und dies hängt von sozialen und finanziellen Mitteln ab.
Hätte Hr. Sarrazin einen Bachelor in Psychologie und hätte die Vorlesung in Differenzielle Psychologie besucht, müssten die Leser nicht solch Laienwissen sich anhören, behaupte ich mal. Ebenso wird es sich mit seinen Genetikkenntnissen verhalten. Aber als Politiker reicht es ja meist nur fürs Jurastudium und dies behaupte ich mit Nichtwissen, wie es Juristen zu tun pflegen.

O.: Wer sich zum Thema Intelligenz noch mal „intelligent“ machen will, dem sei diese Seite empfohlen:
http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/testintelligenzwasistdas.html
Über Genetik steht da auch so manch amüsantes.

Robert: Ich habe mich schon als Jugendlicher mit der Kritik der IQ-Messung beschäftigt. Das Problem ist, die Literatur ist leider ideologische Pseudo-Wissenschaft. Während im Physischen jederman akzeptiert, dass es unterschiede gibt, soll es im geistigen nicht gelten. Klar ist es schwieriger, Intelligenz statt Renngeschwindigkeit zu messen, ohne Frage. Doch es funktioniert, sogar weltweit.. Man kann Japaner mit Afrikaner vergleichen usw. Die Unterschiede von Völkern, Rassen und Individuen anzuerkennen, heißt nicht automatisch, sie in schlecht oder gut einzuteilen.

Peter: Leute, die die „Gleichheit aller Menschen“ propagieren, vermeinen mehr Humanität zu verbreiten. In Wirklichkeit verbreiten sie Terror. Man denke nur an all die armen durchschnittlich, vielleicht sogar unterdurchschnittlich intelligenten Kinder, die von ehrgeizigen Eltern durchs Gymnasium gepeitscht werden. Früher hatte jedes Unterschichtkind normale Rechtschreib- und Rechenkenntnisse. Heute, wo wirklich alle Kinder mit hochwissenschaftlichen Methoden unterrichtet werden, bleiben die weniger intelligenten Kinder auf der Strecke und lernen gar nichts. Beispielsweise macht aus abstrakt mathematischer Sicht es wirklich Sinn mit der Mengentheorie anzufangen (weil die Menge fundamentaler ist als die Zahl) – mit der aber leider kein Mensch etwas anfangen kann, der nicht Mathematik studieren will.
Diese Gleichmache sind zutiefst inhuman. Es geht eh nur darum, daß SIE (die Gleichmacher) sich gut fühlen. „Ich bin kein Rassist!“

claus schrieb 2015:
“ […] manche Leute können einfach nicht genug kriegen von Hitler und Konsorten. Es bringt Bewegung in die erstarrten Glieder.“
Er ist das einzige, was alle Hauptschüler von deutscher Geschichte kennen. Und viele (alte Linke) behaupten immer noch, man laufe Gefahr, den NS nicht ausreichend zu behandeln. Was ja stimmt: Es fehlt Kontext – also Geschichte vor dem NS.

claus: Sehe gerade: „Neuheidentum“ auf dem mittleren Strang. Nee, das ist ähnlich wie Schuler, Wolfskehl, … eher schon etwas, das den NS auf einem Seitenstrang vorbereitet. Es ist einfach zu ästhetisch, träumerisch, versponnen. Man denke auch an Georges Maximin-Kult, der sicher sehr verwandt damit ist, und auch an den theosophischen Runenforscher, dessen Name mir nicht einfällt, …

Peter: Akif Pirincci und das faschistische Merkel-Regime: http://www.pi-news.net/2015/11/p489523/

Peter: Ja, die hege Bunte Republik ist eine Wiedergängerin des Dritten Reiches! Helldeutschland ist ein Terrorstaat, der quasi offiziell Mordaufrufe ausgibt!
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/helldeutsche_wirklichkeit_hass_hetze_brand

DER ROTE FADEN: Der Weg in den Kommunismus

3. April 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

Orgonomie und Anthroposophie

2. Juni 2016

Steiner und Reich sind in ihrer jeweiligen Jugend (jedenfalls in entscheidenden Teilbereichen) von identischen Positionen ausgegangen – um am Ende diametral entgegengesetzte Theorien zu vertreten. Beide gingen von einer strengen naturwissenschaftlichen Orientierung aus und von einer aufklärerischen Partei, die durch die Namen Max Stirner, Ibsen und Nietzsche gekennzeichnet ist. Ihre Fragestellung war in etwa: Was macht den Kern des autonomen Individuums aus? Sein Geist, der sich von der Tyrannei der Triebe befreit? Oder ist es der von aller irrationalen „Vernunft“ befreite, in sich vernünftige Trieb?

Geht man diesen Fragen nach, fällt einerseits auf, daß sowohl der Geist als auch der Trieb bei Steiner und Reich jeweils zu etwas Überindividuellem, „Kosmischen“ wurden (wodurch sich Steiner und Reich von ihren Ursprüngen entfernten), und andererseits Steiner eine inhärent gespaltene, dualistische Weltsicht entwickelt hat, während Reich dem naturwissenschaftlichen Monismus treu blieb.

Steiner behauptete, daß er in seiner Jugend einen ungenannten okkulten Lehrer hatte; eine offensichtliche Lüge, um seinen Lehren überhaupt irgendeine originäre Substanz zu geben, schöpfte er doch „seine“ Einsichten zu einem sehr späten Zeitpunkt seines Lebens aus der rosenkreuzerischen und theosophischen Literatur. Tatsächlich steht überhaupt keinerlei persönliche Erfahrung hinter der Anthroposophie. Steiner hat, als typischer Ideologe, alle Elemente der Anthroposophie gestohlen, zurechtgestutzt, vereinfacht und als seine eigene Schöpfung verkauft. Sozusagen eine deutsche Vorgängerversion der amerikanischen Scientology.

Seine gesamte metaphysische Philosophie, zusammen mit seinen pädagogischen Theorien, hat er von Johann Friedrich Herbart (1776-1841). Herbarts Schüler Robert Zimmermann (1824-1898) war einer von Steiners Universitätslehrern gewesen. Zimmermann hatte 1882 ein Buch über Anthroposophie veröffentlicht! Eine weitere Quelle von „Steiners“ Anthroposophie ist der romantische Naturphilosoph und Arzt Ignaz P.V. Troxler (1789-1830), der im Anschluß an Schelling eine spekulative Anthropologie und „Biosophie“ begründet hatte. „Steiners“ Theologie stammte vom russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjow. Der Rest der Anthroposophie, wie z.B. der „biodynamische“ Anbau, entstammt „germanischen“ Traditionen, Hahnemanns Homöopathie und natürlich Goethe.

So ist die Anthroposophie nichts weiter als chaotischer Eklektizismus, der nur zusammengehalten wird von psychotischem Primärprozeßdenken (z.B. sind die Afrikaner so ahrimanisch heißblütig, weil ihre ahrimanische Hautfarbe die Sonnenenergie absorbiert), trivialen Analogieschlüssen (z.B. vom Universum als großer Mensch auf den Menschen als kleines Universum und umgekehrt), „mystischem Materialismus“ (Funktionen werden in Substanzen verwandelt, daher die vielen „Äther“ anstatt dem einen Äther und seinen vielen Funktionen) und „mystischem Mechanismus“ (z.B. die rigide Einteilung des Lebens in Siebenjahrs-Etappen).

Steiner berief sich auf die mechanistische Naturwissenschaft, um mit deren Methodik eine „Geisteswissenschaft“ zu begründen. Beispielsweise ist das ganze anthroposophische Konzept vier unterschiedlicher Äther von den vier Aggregatzuständen der Materie abgeleitet. Steiner:

Der Geheimwissenschaftler erforscht die geistigen Gesetze gerade in der Art, wie der Physiker oder der Chemiker die materiellen Gesetze erforscht. (z.n. Friedrich Heyer Anthroposophie – ein Stehen in höheren Welten?, Konstanz 1993, S. 60).

Mechano-Mystizismus ist stets mit Sadismus verknüpft:

Man sollte den okkulten „Gehalt“ des Nationalsozialismus nicht überbewerten, aber ein gewisser christlich-gnostischer Einschlag ist unverkennbar, der sehr stark an die christlich-gnostische Anthroposophie erinnert. Hitler selbst wurde entscheidend durch den „arisch-christlichen“ Ordo Novi Templi (ONT) des Zisterziensers Lanz von Liebenfels (der übrigens, genauso wie Hitler, nie aus der Kirche ausgetreten ist oder ausgeschlossen wurde). Zeichen des ONT war das Hakenkreuz, das das christliche Kreuz zum arisch-christlichen Symbol vervollkommnen sollte. Für Lanz von Liebenfels war das Christentum in seinem Kerngehalt „arischer Ahnen- und Rassenkult“. Jesus Christus ist „Frauja-Jesus“, bzw. der germanische Gott Fro. Die „Reinheit“ wird durch die Emanzipation der Frauen, mit ihrem „Hang zu Niederrassigen“, und durch die Emanzipation der ebenso triebhaften Juden gefährdet. Der Jude sei gefährlich und gleichzeitig sexuell faszinierend. Er ist hinterhältig (intellektuell), feige (weibisch) und grausam (tierisch). Wie Steiner wollte auch Lanz von Liebenfels eine „Johanneskirche“, „eine Kirche des heiligen Grals“ begründen. Später sollte Himmler soweit gehen, als geheime Kommandosache Expeditionen nach Südfrankreich zu entsenden, die dort im Gebiet der Albigenser, bzw. Katharer nach dem Heiligen Gral suchen sollten.

Die untergründige Verbundenheit von Hitlers und Steiners „Glaubensgut“ kann man sich wohl am besten Anhand Richard Wagners vergegenwärtigen. Wagner behauptete, sein Parsifal stelle „die höchsten Mysterien des christlichen Glaubens“ auf der Bühne dar. Wagner, der ohne Zweifel die physische Ausrottung aller Juden wollte. Parsifal vertritt ein vom Judentum gereinigtes Christentum: „Erlösung dem Erlöser“, Erlösung Christi von den Juden. Dieses „Johanneische Christentum“ bezieht sich auf biblische Aussagen, wonach die Juden „zum Gefolge Satans gehören“ (Offb 2,9) und „Kinder des Teufels“ (Joh 8,44) sind. Die Nazis kämpften gegen Satan, d.h. die egoistische, machthungrige geistige Blindheit, die durch die jüdische Rasse verkörpert werde, die den arischen Erlöser Jesus Christus ermordet habe. Hitler war von der Johanneischen Materie- und Leibfeindlichkeit beseelt, und wollte als vergeistigter, vegetarischer Reinheitsfanatiker die „materiellen Juden“ buchstäblich wie Ungeziefer vertilgen und Christus gleich die jüdischen Geldwechsler aus dem Tempel vertreiben.

In der hellenistischen Gnosis gab es einen Erlöser, der aus der antiweltlichen Lichtzone herabstieg, um die Menschen aus der sündigen Welt zu erretten. Im christlich-gnostischen Mythos wurde diese Welt aber von den Juden symbolisiert, die zum „Herren dieser Welt“ beteten. Genauso war für Hitler „der Weltjude“ „der Widersacher“. Das besondere am Wagnerianertum und infolge am Nationalsozialismus war nun die Naturalisierung dieses manichäischen Reinheitswahns, die Biologisierung des Grals-Christentums: die Idee des reinen „unbefleckten“ Blutes und der gewalttätigen darwinistischen Durchsetzung dieses reinen Blutes gegen die degenerativen dunklen Mächte des Bösen. Für Hitler war der arische Christus kein defensiver Mensch, sondern ein heroischer Kämpfer des Lichts gegen die verräterischen Juden.

Dem Antisemitismus-Forscher Robert Wistrich zufolge ist das „Entweder-Oder“ der innerste Kern der Hitlerschen Weltanschauung. Sie

korrespondiert mit einer im Grunde religiösen Weltauffassung, die an bestimmte manichäische und gnostische Häresien zur Zeit des frühen Christentums erinnert. Hitler begriff den Kampf gegen die Juden tatsächlich als einen endzeitlichen Krieg der Kräfte des Lichts gegen einen teuflischen Feind. (Der antisemitische Wahn, Ismaning, 1987, S. 60)

Das Erschreckende ist, daß diese „gnostische“ Geistesart bis heute von „Esoterikern“ gepflegt wird – und tatsächlich immer populärer wird. Gleichzeitig verbindet sie sich mit Verschwörungstheorien, etwa um den 11. September herum, die faktisch identisch mit jenen „Theorien“ sind, die Hitler und Himmler bewegt haben.

Mit der Anthroposophie beschäftige ich mich aus dem gleichen Grund, aus dem ich mich mit dem Buddhismus beschäftigt habe: als Gegenwehr gegen die Unterwanderung der Orgonomie durch mystische und faschistische Ideologien.

Zu Steiners Zeiten gab es im deutschsprachigen Raum eine quasi funktionelle „orgonomische“ Naturwissenschaft: die „Energetiker“ und „Monisten“, mit ihrer Art von „vitalistischem Materialismus“, wie Ernst Haeckel, Wilhelm Ostwald, und Paul Kammerer. Steiner nahm diese „Proto-Orgonomie“ auf und machte sie sich zu eigen, indem er sie nach dem Muster „vergeistigte“, mit dem er schon mit Goethe verfahren war. Steiners Annäherung an die Natur, die bei ihm zum bloßen Spiegelbild der „reinen“ Ideen wurde, ist bei aller vordergründigen „Goetheanität“ in Wirklichkeit das genaue Gegenteil von Goethes protofunktionellem Ansatz. Dahinter steckt Steiners Charakterstruktur.

Nichts kam Steiner auf natürliche Weise, es wurde alles vom Willen erzwungen, und dann zwang er dies kontaktlos anderen auf, unabhängig von jeder Realität. Obwohl sich die Anthroposophie als Wissenschaft geriert, gibt es keinerlei Weg zur intersubjektiven Auseinandersetzung mit Steiners „Geisteswelt“. Niemand, nicht einmal Anthroposophen, sehen, was Steiner sah (oder vielmehr behauptete zu sehen). Zum Beispiel das Lesen der ursprünglichen „Akasha-Chronik“. Die Anthroposophie ist ein scholastisches Dogma, das jede eigenständige Erfahrung untergräbt. Es ist etwas für Menschen, die innere Bewegung und Entwicklung fürchten und sich nach vollständiger ideologischer Panzerung sehnen, nach „Versteinerung“.

Bereits zu Lebzeiten Steiners stellte der russische Philosoph Nikolai Berdjajew fest:

Einige Anthroposophen machten auf mich den Eindruck von Besessenen. Sie standen im Banne einer fixen Idee. Wenn sie die Worte sprachen: „Der Doktor (d.h. Steiner) sagt…“, so änderte sich der Ausdruck ihrer Augen, das Gesicht wurde anders, und es war dann nicht mehr möglich, das Gespräch fortzusetzen. Gläubige Anthroposophen sind viel dogmatischer, viel autoritätsgebundener als die orthodoxesten Orthodoxen oder Katholiken. (z.n. Friedrich Heyer: Anthroposophie – ein Stehen in Höheren Welten?, Konstanz 1993: S. 41)

Nach Steiners Tod ist die Anthroposophie vollends zu einem sterilen, dogmatischen System erstarrt, dessen Dreh- und Angelpunkt die Unterdrückung aller kritischen Distanz und die vollständige Identifikation mit dem Führer ist.

Die energetische Funktion der Steinerity ist die komplette Konfusion, um genuinen Kontakt zu vermeiden. Das Ziel des Anthroposophen ist die „Dreigliederung“ seines eigenen inneren Lebens in Denken, Fühlen und Wollen. Diese drei Elemente sollen voneinander unabhängig werden. Die innere Einheit des Menschen löst sich auf, so daß ein Anhänger Steiners „neben sich selbst“ tritt. Diese schizophrene Spaltung ist für jede mystische Tradition charakteristisch, aber die synkretistische Anthroposophie fügt dieser Konfusion noch ein weiteres Element hinzu, da Steiners Konzept von der Dreigliederung des Menschen mit seinem Konzept der viergliedrigen Organisation des Menschen unvereinbar ist (die vier Äther-Körper: materiell-emotional, imaginativ, inspirativ und intuitiv). Dieses spezielle Gefühl von prekärer Balance und Konfusion wird unmittelbar von der typischen anthroposophischen Architektur vermittelt, die den Gleichgewichtssinn stört und tatsächlich in einen schizophrenie-artigen Geisteszustand versetzt.

Steiner war eine zutiefst entfremdete Persönlichkeit. Seinen Erinnerungen zufolge lernte er Glück das erste Mal mit zehn Jahren beim Studium der Geometrie kennen. Er hatte nie persönliche Freunde, geschweige denn sexuelle Beziehungen. Er heiratete mit 35 eine viel ältere Frau und seine zweite Heirat mit Marie von Sivers war mehr ein politisches Manöver. Steiner zufolge werden wir durch unsere Emotionen von der kosmischen Einheit getrennt, während wir durch das Denken alles durchdringen und eins mit dem Universum werden. Man vergleiche dies nur mit Nietzsches Aussage: „Unsere Instinkte sind besser als ihr Ausdruck in Begriffen. Unser Leib ist weiser als unser Geist!“ (Studienausgabe, Bd. 11, S. 244).

Anthroposophie versucht die Überlegenheit des Geistes über die Materie zu beweisen, deren „Vergeistigung“ der Zweck des Lebens sei. Sie schreitet stets von oben nach unten, von der Idee zum Stoff, von der Doktrin zur Realität vor und kreuzigt so das Lebendige. Man betrachte nur die Kinderzeichnungen in Waldorf-Schulen; es ist alles nach einem Schema gefertigt, ohne persönlichen Ausdruck und Spontanität. Auch hat Marie von Sivers „Ausdruckstanz“, die Eurhythmie, nichts mit bioenergetischem Ausdruck zu tun, sondern ist rein vom Kopf her gesteuert. Anthroposophen leben nur in ihren Köpfen und streben danach jeden zu vernichten, der unterhalb seines Kopfes lebt, also „verworfen“ das lebt, was die Anthroposophen so krampfhaft verdrängen.

Diese Emotionelle Pest-Reaktion aus Projektion stammt direkt von Steiner selbst: es ist verblüffend, wie alle Charakteristiken „Ahrimans“ (dem materialistischen Teufel der spirituellen Anthroposophie) am besten auf Steiner selbst passen. Man muß nur Fotos von Steiner mit seinen Zeichnungen Ahrimans vergleichen, um zu sehen, daß Ahriman nichts weiter war als Steiners eigenes verhaßtes Selbst. (Im Vergleich trifft dasselbe auf das Verhältnis Wagners und Hitlers gegenüber den Juden zu.)

Der britische Anthroposoph Trevor Ravenscroft legt ungewollt diese geheime Identität offen, wenn er auf Seite 275 von The Spear of Destiny eine angebliche „Triumphhymne der bösen Mächte“ präsentiert, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil ist: es ist Steiners persönliches „Kosmisches Vaterunser“! So identifiziert ein herausragender Anthroposoph durch einen erhellenden Fehlgriff unbewußt Steiner mit Ahriman!

Es ist nur natürlich, daß Steiner die Psychoanalyse haßte und bekämpfte und daß die Anthroposophie stets ein fanatischer Gegner der Vorstellung von einem Unbewußten war. Nach der Aussage eines zeitgenössischen Anthroposophen ist die Psychoanalyse „Blendwerk Satans“. Ich nehme an, daß die Orgonomie noch härter beurteilt werden würde, da sie von der bioenergetischen Einheit des Menschen spricht, während die Anthroposophie von einem universellen psycho-physiologischen Parallelismus ausgeht, einer kosmischen Spaltung, der zufolge der Mensch zwei Wesen in einem Organismus ist. Auf der einen Seite die biologische Evolution, der wir unseren Körper verdanken, auf der anderen die davon vollkommen unabhängige Entwicklung unserer Seele von Inkarnation zu Inkarnation. Zum Beispiel erklärt die Anthroposophie die gegenwärtige Überbevölkerung wie folgt: im 20. Jahrhundert ist Christus in seinem „Ätherkörper“ zurückgekehrt, um das New Age zu bringen, all die einzelnen Seelen wollen an dieser Erfahrung Anteil haben und reinkarnieren sich deshalb nun auf der Erde.

Ursprünglich war Steiner gegen derartige Theorien, da er vorher ein atheistischer Monist und „Individualanarchist“ in Anlehnung an Max Stirner und Nietzsche war. Es gibt eine profane Erklärung für Steiners plötzlichen Wechsel zur Theosophie im Jahre 1902: er war in einer verzweifelten Lage, da er keinen Beruf hatte und die Theosophie seine allerletzte Chance war, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (in dieser Hinsicht erinnert er an L. Ron Hubbard). Ich nehme an, daß dieser Umschwung zu einem festgelegten mystischen System diesen Schizophrenen in engeren Kontakt mit der Realität brachte, indem es ihn einen Orientierungsrahmen bot. Vielleicht hatte dies einen heilenden Einfluß auf seine Schizophrenie und ermöglichte es ihm später in seinen sozialen Unternehmungen so produktiv zu sein. Marie von Sivers, ein pestilenter, sadistischer Charakter, war der Antrieb hinter Steiners Weg in den sozialen Erfolg. Wie sehr er von ihr dominiert wurde, zeigt die Tatsache, daß nach seinem Tod Marie von Sivers seine von ihr veröffentlichten Vorträge so manipulierte, daß er geistig nicht allzu angeschlagen wirkte. Aber schon Steiner selbst hatte die neuen Ausgaben seiner frühen Bücher vollkommen umgeschrieben, um den Bruch in seinem Leben zu kaschieren.

Wegen seiner persönlichen rassistischen Überzeugungen, die sogar noch rigider waren als die der angelsächsischen Theosophen, spaltete sich Steiner 1913 von der Theosophie ab. Er konnte die „Absurdität“ nicht ertragen, daß das braune Hindukind Jiddu Krishnamurthi zur Reinkarnation Christi erklärt wurde. 1917 wandte er sich dann von seiner dualistischen gnostischen Abgeschiedenheit ab und all seinen sozialen Aktivitäten rund um die „Dreigliederung“ zu. Aber trotzdem blieb hinter Steiners Konzepten der grundlegende Manichäische Dualismus zwischen einer höheren und einer niederen Welt, zwischen Geist und Körper. Zum Beispiel steckt hinter Steiners angeblich „arbeitsdemokratischem“ Konzept von der gesellschaftlichen „Dreigliederung“ das Konzept einer Dichotomie zwischen den höheren geistigen Menschen und den niederen materialistischen. Steiners Gesellschaftssicht ist nicht demokratisch, sondern „hierarchisch-hierokratisch“. Seine „Dreigliederung“ der Gesellschaft in die vollständig unabhängigen Sphären des Staates (Justiz), der Ökonomie und der Kultur, ist weit davon entfernt arbeitsdemokratisch zu sein und bedeutet in Wirklichkeit eine Art von Kastensystem mit den Anthroposophen (Kultur) an der Spitze als der Erziehungs-Elite, die die beiden anderen Sphären bestimmt, während die Anthroposophie selbst von allen ökonomischen und rechtlichen Eingriffen frei bleibt. Es ist ein rigides patriarchalisches totalitäres System hinter einer liberalen Maske von Freiheit und „Unabhängigkeit“. Für einige Nazis war und ist es die Blaupause ihrer Staatsutopie.

Die Charakteranalyse der Menschheit (Teil 3)

13. Mai 2016

Michele Gelfand, Sozialpsychologin an der University of Maryland, erforscht die ausgeprägten kulturellen Unterschiede zwischen Ländern mit strengen gesellschaftlichen Normen und solchen, in denen es weniger streng zugeht. Dazu verglich sie die Verhaltensweisen der Menschen in diesen Ländern mit der jeweiligen Regierungsform, Strafrecht, Religiosität, Pressefreiheit, Medienzugang, etc. Hinzu kam die Auswertung historischer Berichte über Kriege, ökologische Krisen, Epidemien, Naturkatastrophen, Ressourcen sowie die Bevölkerungsdichte heute und im Jahr 1500.

Eine Skala wurde erstellt, in der Nationen mit sehr strikten gesellschaftlichen Regeln und einer geringen Toleranz für abweichendes Verhalten am einen Ende und solche mit losen Verhaltensregeln und hoher Toleranz am anderen Ende erfaßt wurden. Zu ersteren Ländern gehörten

  • Japan, Südkorea, Malaysia, Indien, Pakistan und NORWEGEN, zu letzteren
  • Ukraine, Estland, Ungarn, Niederlande und BRASILIEN.

In normgebundenen Ländern überwiegen autokratische Regierungsformen, Zensur, ausgeprägte Gesetzgebung, erschwerter Zugang zu neuen Kommunikationsmedien, weniger politische Rechte und persönliche Freiheiten, die Religiosität ist ausgeprägter. Entsprechend ist das Verhalten der Menschen im Alltag: es zeigt eine geringere Bandbreite an Verhaltensweisen, die als angemessen empfunden werden, man richtet sich mehr nach Regeln, die Selbstbeherrschung ist ausgeprägter und auf das Vermeiden von Konflikten ausgerichtet. „Der hohe Grad an gesellschaftlicher Regulierung spiegelt sich“, so Gelfand, „im hohen Grad der persönlichen Kontrolle wider.“

Es seien vor allem Bedrohungen der Gesellschaft, die später zur Bildung normgebundener Systeme führen: Kriege, häufig auftretende Krankheiten, Naturkatastrophen, Ressourcenmangel, eine sehr heterogene oder aber auch sehr homogene Gesellschaft und, vor allem, eine hohe Bevölkerungsdichte. Das zwinge die Menschen dazu koordiniert zu handeln, was zu strikten Regeln und deren strenger Kontrolle führt.

Hinzu kommt, daß die ständige Selbstdisziplin aggressiv macht, was zu erneuten Spannungen führt, die durch mehr Disziplin kontrolliert werden müssen und immer so weiter… Was hier beschrieben wird ist nichts anderes als soziale Panzerung!

Durch ständige Bedrohungen, sei es durch eine karge Umwelt, durch äußere Feinde oder durch innergesellschaftliche Konflikte, wird schließlich jede Bewegung (letztendlich die freie Bewegung der Orgonenergie) als derartig bedrohlich empfunden, daß wir uns gegen sie sperren, d.h. uns gegen sie abpanzern. Auf individueller psychischer Ebene kommt dies im Über-Ich zum Ausdruck, auf gesellschaftlicher Ebene in Form der „Gesetzgebung“. Eine relativ freie Gesellschaft wird zu einer rigiden, normgebundenen (vgl. Aldo Foglia: „Orgonomic Reflections on the Juridic Norm“, Journal of Orgonomy, May 1984).

Man denke an das extrem normgebundene, von der Bevölkerungsstruktur extrem homogene Skandinavien, unter dessen Rigidität (die Ibsen, Strindberg, Edvard Munch, später Ingmar Bergman in ihren Werken so intensiv beschrieben bzw. dargestellt haben) Reich so sehr litt, daß ihm das heterogene, „lässige“ Amerika wie eine große Befreiung, geradezu „ungepanzert“ vorkommen mußte. Sozusagen sein persönliches „Brasilien“. Die hohe Selbstmordrate in den skandinavischen Ländern ist legendär. Norweger können das Leben nur im Suff ertragen. Einen Großteil der deutschen Emigranten haben sie zu Alkoholikern gemacht, etwa Willy Brandt. Selbst bei Reich hatten sie in dieser Hinsicht einigen Erfolg.

Nicht ohne Grund sind die Wikinger aus dem ungastlichen, am Rande des Polarkreises liegenden Skandinavien geflohen. Ihre daheim gebliebenen Nachkommen nahmen dann mit Inbrunst eine besonders rigide Form des Luthertums und den Sozialismus an. Die Lutherische Kirche war Staatskirche, was dazu führte, daß sie unmerklich immer mehr zu einem Serviceorgan des Staates wurde. Der Wohlfahrtstaat ist Luthertum pur.

Ziel ist es, eine mit quasi religiöser Wertung betrachtete Gleichheit aller Bürger zu verwirklichen. Der Staat nimmt dabei einen Großteil der Verantwortung für sich selbst und die Familie ab, gleichzeitig übernimmt er jedoch auch einen nicht unbedeutenden Teil der persönlichen Entscheidungsfreiheit. (Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen, Freiburg 1991, S. 164)

Das erklärt, warum für Reich (für manchen „ausgerechnet“) Amerika sein „Brazil“ war…

Hier mag auch der tiefere Hintergrund dafür zu suchen sein, warum die Skandinavier derartig besessen davon sind, ihre Gesellschaften „multikulturell“ umzugestalten, d.h. zu „brasilianisieren“. Ein Versuch, den man in seinem ganzen Wahnsinn vielleicht nur charakteranalytisch erklären kann!

Genetik und Linguistik haben jenseits jeden Zweifels gezeigt, daß Afrika Wiege der Menschheit ist. Afrika ist der Kontinent der genetischen und sprachlichen Vielfalt, die nach außen (nach Amerika und Ozeanien hin) immer weiter ausdünnt.

Schaut man heute nach Schwarzafrika, unserer aller Heimat, bietet sich durchweg ein Bild des Grauens: Liberia, die Elfenbeinküste, das Kongobecken, Zimbabwe, Kenia – einfach nur grausig und deprimierend. Südamerika hat jedenfalls theoretisch das Zeug zu einem zweiten Europa, Asien hat uns hier und da bereits überholt, nur Afrika versinkt immer mehr im Elend. Entwicklungshilfe, wenn sie denn überhaupt bei denen ankommt, für die sie bestimmt ist, führt nur zu einem: zu mehr Kindern, d.h. zu noch mehr Elend.

Warum das so ist? Der, wenn man so sagen kann, genetisch und linguistisch verarmte Rest der Menschheit wurde im Laufe der Jahrzehntausende durch eine Umwelt abgehärtet, die für Primaten kaum Überlebenschancen bietet. Man nehme nur Europa: lange Winternächte, naßkaltes Wetter, eine erschreckend eintönige Vegetation, von der man so gut wie nichts essen kann, etc. Als im Verlauf der letzten 6000 Jahre sich Saharasia ausbreitete, traf es auf Menschen, die hart im Nehmen waren. Außerdem zog sich der Kontakt zu Saharasia über lange Zeiträume hinweg und war selten abrupt. Anders sieht es in Schwarzafrika aus, das jenseits der undurchdringlichen Sahara stets im Abseits lag. Auch weil die aufgrund ihrer ausgedünnten genetischen Ausstattung immunologisch geschwächten Nichtafrikaner dort unten kaum überleben konnten.

Bis vor vielleicht tausend Jahren lebten die Afrikaner in einem regelrechten Paradies. Menschen gehörten natürlicherweise nach Afrika wie ihre Vettern die Schimpansen und Bonobos. Die blutige Weltgeschichte fand woanders statt. Das Unheil begann, als die islamisierten Araber nach Afrika griffen. Der Einbruch Saharasias hätte nicht abrupter und brutaler sein können. Erst die Europäer unterbanden den arabischen Sklavenhandel (der vereinzelt bis heute andauert!). – Und sie brachten die Zivilisation und die damit einhergehende Bevölkerungsexplosion, die die Probleme des Kontinents ins unermeßliche steigerte.

Der europäische Sklavenhandel war nur ein marginales und zeitlich engbegrenztes Anhängsel des arabischen. Und was ist mit den Schrecken des Kolonialismus? Die dauerten kaum ein Jahrhundert an und hielten sich eh in Grenzen, wenn man vom unbeschreiblich grausamen Wüten des belgischen Königshauses im Kongo und dem versuchten Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwest absieht.

Afrika ist ein Beispiel für die Tragik einer mißlungenen Panzerung („unsatisfied character“ nach Elsworth F. Baker). Der eurasische Kontinent, und seine amerikanischen und ozeanischen Metastasen, steht für ein mehr oder weniger ausgeglichenes neurotisches Gleichgewicht: die Einordnung in größere Strukturen durch persönliche Disziplin. Afrika ist hier weniger gepanzert. Die Kinder haben anarchische Freiheiten, doch dann kommt es zu einem brutalen traumatischen Einschnitt (zunächst ein abruptes übergangsloses Abstillen und dann später Initiationsriten mit genitalen Verstümmelungen, rituellen Vergewaltigungen, etc.pp.), der dazu führt, daß man sich mit dem Angreifer vollständig identifiziert (dem eigenen Clan), während man seinen unbändigen Haß an fremden Clans ausläßt. Es findet also eine Umkehrung statt: herrschte in der Kindheit vollkommene Freiheit im Rahmen der eigenen Gruppe, herrscht nach den Pubertätsriten in dieser Gruppe nur noch ein totalitärer Zwang und man läßt seiner „freiheitlichen“ Struktur nach außen hin freien Lauf. Loyalität gilt nur dem eigenen Clan gegenüber, während man die Gesellschaft ohne jede Hemmung, ohne jeden Funken eines mitmenschlichen Gefühls rücksichtslos ausbeutet.

Das spiegelt getreulich die tragische Entwicklung des Kontinents wieder: Afrika war über Jahrtausende verhältnismäßig frei, wurde dann urplötzlich und vollkommen unvorbereitet von einer Horde genetisch degenerierter Zombies angegriffen und ein für allemal aus der Bahn geworfen. Das entspricht ungefähr einem Kind, das man immer gewähren ließ, bis urplötzlich den Eltern einfällt das es „endlich“ zu disziplinieren sei. Resultat ist ein zutiefst verunsicherter, desorientierter, „triebhafter“ und vor allem selbstsüchtiger Mensch, der zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt. Das ist auf Makroebene einem ganzen Kontinent widerfahren und wird auf Mikroebene an jedem einzelnen Afrikaner in der Kindheit von neuem durchgespielt.

Was kann man tun? Gar nichts! Außer vielleicht: Einem triebhaften („unsatisfied“) Charakter hilft man, indem man ihn von seinen Ersatzbefriedigungen abschneidet. Er kann nur gesunden, wenn er die unerträgliche Angst aushält, die in ihm aufsteigt, wenn er etwa seinem Eßzwang, seinen „perversen“ Impulsen, seinen aggressiven Impulsen, seinen Eskapaden, seiner Spielsucht, etc.pp. nicht nachgibt. Für Afrika würde das schlichtweg bedeuten, daß jede, aber wirklich jede „Hilfe“ eingestellt wird. Ich kann mir eh nichts rassistischeres Vorstellen als diese zutiefst respektlose „Albert-Schweitzer-Mentalität“.

Man schaue sich nur an, was die ganze Sozialhilfe bei den sogenannten „Schwarzen“ in Amerika angerichtet hat: die Zerstörung der einst legendär soliden „schwarzen“ Familie. Kennedy und seine Nachfolger haben die „black community“, der einst konservativste, strenggläubigste und „republikanischte“ Teil der amerikanischen Gesellschaft, irreparabel zerstört. Eine Gemeinschaft, die einst Übermenschen wie Miles Davis und John Coltrane hervorgebracht hat, produziert heute Snoop Doggy Dogg.

Die gleiche „gutmenschliche“ (imgrunde aber paternalistische, wenn nicht gar schlichtweh faschistische) Mentalität zerstört in diesem Moment unser aller Heimatkontinent.

Daß der anti-afrikanische Rassismus einen ganz spezifischen, nämlich anti-genitalen Grund hat, habe ich an anderer Stelle ausgeführt.

Der orgonomische Bibelforscher (Teil 2): Moses und die Dialektik der Bibel

12. September 2015

Allein schon durch sein immanent dialektisches Denken gezwungen hat Freud wider Willen neben Moses als Idealbild des Patriarchats den matriarchalen Moses stellen müssen. Das Ergebnis seines zweiten Moses-Essays in Der Mann Moses und die monotheistische Religion drückt Freud in der folgeden „kürzesten Formel“ aus (Studienausgabe, Bd. IX, S. 501):

Zu den bekannten Zweiheiten der jüdischen Geschichte:

  • zwei Volksmassen, die aus Ägypten kommenden Stämme und die schon vorher in Kanaan ansässigen Stämme, die zusammen die Nation bilden;
  • zwei Reiche, Juda und Israel, in die diese Nation zerfällt;
  • zwei Gottesnamen, Jahwe und Elohim, in den Quellenschriften der Bibel;

fügt Freud hinzu:

  • zwei Religionsstiftungen; die Juden haben
  • zwei Religionsstifter, zwei Mosesse.

Der eine Moses brachte den Juden den vergeistigten Monotheismus der Atonreligion Echnatons nahe, der andere Moses den wilden Stammesgott der Midianiter, Jahwe. Der letztere verdrängt zunächst Aton und Monotheismus, aber als Adonai (gleich Aton) siegt dann schließlich doch der monotheistische Gott.

Man möchte hinzufügen, daß es auch heute noch zwei jüdische Gemeinschaften gibt. Neben den Juden, die sich von Juda herleiten, und den Samaritanern, die sich von Israel herleiten, gibt es innerhalb des eigentlichen Judentums die jiddisch sprechende aschkenasische und die „spanische“ und orientalische sephardische Gemeinde. So daß wir auch innerhalb des Judentums wieder die alte Spaltung zwischen Israel und Juda haben. Die stark moslemisch geprägten sephardischen Juden betrachten sich als einzig legitime Erben Judas und beschimpfen aus ihrem orientalischen Minderwertigkeitskomplex heraus die europäischen Juden als götzendienerische Stieranbeter und „Aschke-Nazis“ („Aschkenasim“ heißt aus dem Hebräischen übersetzt „Deutscher“).

An dieser Stelle möchte ich auch auf das Doppelgesicht des „Juden“ im nationalsozialistischen Antisemitismus verweisen:

  1. Der „Jude“ verkörpert den Vater und steht so dem „Todestrieb“ zurück ins Nirvana an Germanias Busen entgegen. Dies entspricht dem archaischen, heidnischen, chtonischen, dionysischen Aspekt des Nationalsozialismus, der den sublimierenden, vergeistigten Monotheismus ablehnt.
  2. Der „Jude“ verkörpert den Sohn, der sich dem Vater widersetzt und „heidnischer“ Lust entgegeneilt. Reichs paranoide Patientin setzte ja auch „jüdisch“ mit „sexuell“ und „schweinisch“ gleich (Charakteranalyse, KiWi, S. 624). Dies entspricht dem modernen, christlichen, hehren, apollinischen Aspekt des Nationalsozialismus, der die „Ungeistigkeit“ der Juden verachtet.

In diesen beiden Aspekten findet sich auch der Groll gegen die Christianisierung, die den Juden zur Last gelegt wird (schließlich ist das Neue Testament ja fast ausschließlich eine Geschichte zwischen Juden), als auch der Groll nur christianisiert worden zu sein und nicht zum auserwählten Volk zu gehören.

Die erwähnte Zweispaltung durchzieht den ganzen Nahen Osten. Man denke nur an die tanzenden Juden unten an der „Klagemauer“ und die griesgrämigen Moslems oben auf dem Tempelberg. Die Spannung zwischen dem tanzenden Aaron und dem vom Sinai hinabsteigenden finsteren Moses. Zwischen dem animalischen Stierpriester Moses und Freuds Moses, der für Triebverzicht und den Fortschritt der Geistigkeit steht.

Der doppelgestaltige Moses zeigt sich besonders schön in den Moses-Statuen der katholischen Kirchen (insbesondere der Michelangelos, suehe Teil 1): einerseits der archaische gehörnte Moses, der andererseits die Gesetzestafeln in der Hand hält, die erst im babylonischen Exil formuliert worden sind. Moses ist eine Gestalt, in der sich das Spannungsfeld zwischen extrem Patriarchalem „mosaischem“ Glauben und der altorientalischen spätmatriarchalen Gottesvorstellung bis zum Zerreißpunkt konzentriert.

Gerda Weiler unterscheidet neben dem Repräsentanten von 613 jüdischen Religionsgesetzen vier weitere Mosesse (Das Matriarchat im Alten Israel, Stuttgart 1989):

  1. Der Vertreter der bereits in Teil 1 angeschnittenen großen Menschheitssage: die Auseinandersetzung zwischen dem König und seinem Nachfolger, den er zuerst vernichten (ertränken) will (Ex 1,16), um dann schließlich seinerseits von ihm vernichtet (ertränkt) zu werden (Ex 14,28).
  2. Der matriarchale Mann, der mit Zippora, der Priesterin von Midian, eine „be’ena-Ehe“ führt.
  3. Der archaische Priester eines totemistischen Stiergottes.
  4. Der Heilsbringer seines Volkes nach der Trostlosigkeit der Sommerdürre, d.h. der Held des Exodus.

Wie sehr der ursprüngliche Moses in einer matriarchalen Umwelt verankert war, sieht man an der „be’ena-Ehe“, die er offenbar mit Zippora geführt hat. Dabei handelt es sich um eine Art Besuchsehe, bei der der Mann mit den Herden der seßhaften Frau unterwegs ist. (Siehe dazu meine Ausführungen Eine andere Gesellschaft ist möglich. LEBEN ist möglich!)

Zippora selbst dürfen wir uns als eine bedeutende Frau vorstellen, da die Bibel ihren Namen überliefert. Es liegt nahe in Zippora eine Priesterin des Gottes Jahwe zu vermuten, die ihren Mann zum Schafhirten über ihr Land macht. Der matriarchale Mann Moses verehrt den Gott seiner Frau Zippora. Er übernimmt nach matrilokaler Ordnung ihren Kult. (ebd., S. 152)

Doch Moses war nicht nur matriarchaler Gatte, sondern auch Sohn einer „almah“, der Priesterin. Die „almamot“ werden im Alten Testament erwähnt, wie sie mit ihren Tamburinen tanzend den Triumphzug des matriarchalen Gottes begleiten (Ps 68,25f). Später wurden sie zum „Harem“ des Königs entstellt (Hld 6,8). Doch ursprünglich war almah die Priesterin, z.B. die tanzende Tochter Jiftachs (Ri 11,34) und die Frauen, die hinter Mirjam her tanzen (Ex 15,20). Mirjam selbst ist eine almah. Beide, Moses und Jesus, waren gewissermaßen Söhne der gemeinsamen Mutter Maria.

Jedenfalls brachte der halbgebildete Mohammed diese Identität in Sure 19,29 zum Ausdruck, wo er offensichtlich Mirjam, die Schwester von Moses und Aaron, als identisch mit der Mirjam, bzw. Maria des Jesus betrachtet.

Wie der Name „Mose“, der vom ägyptischen Namenselement ms(w) stammt, schon sagt, war Moses Sohn einer Gottheit (z.B. Ra-mses = Sohn der Sonne). In der spätmatriarchalen Welt war er damit nicht nur Mensch und Mann einer Priesterin, sondern als Sohn einer Priesterin, in der sich die Himmelkönigin verkörperte, selbst Gott. Wie Jesus konnte er Göttlichkeit beanspruchen.

Beide waren Götter. Zu Moses wird gesagt: „Du sollst Gott sein!“ (Ex 4,16 in der Übersetzung von Weiler). Jesus sagte von sich, er wäre Gott – etwas, was er nach Meinung der „Experten“ als gläubiger Jude nie hat sagen können. Dabei heißt es in 1 Sam 15,29: „Der Held in Israel ist nicht wie ein Mensch!“ (Übersetzung von Weiler; ähnlich übersetzt auch Luther; die Einheitsübersetzung macht daraus, wie üblich, wirres theologisches Zeugs.) Das Danklied Mose Ex 15 ist wohl eher an Moses gerichtet – man vergleiche auch Ex 15,6.12 mit Ex 14,21! Moses war Gott – ein Schicksal, das beinahe selbst der historischen Figur Paulus widerfahren wäre (Apg 14,8ff).

Moses war Christus: Sowohl Moses als auch Jesus werden schon als Kinder vom finsteren König der Unterwelt verfolgt, weil sie dessen Macht bedrohen. Schließlich opfern sich die beiden Hirten Moses (Dtn 4,22) und Jesus für ihre Schafe, die sie aus dem Reich des Todes befreit haben. Wie Christus gibt sich Moses selbst als Sühneopfer dar (Ex 32,32f; vgl. Jes 53,4ff).

Das Symbol der jugendlichen Zeugungskraft, die den Tod überwindet, war das „Goldene Kalb“, das die Hebräer aus der Knechtschaft führte. Die Himmelskönigin ruft ihren Sohn, den Christus (Mt 2,15):

Da Israel jung war, hatte ich ihn [diesen meinen Sohn] lieb und rief ihn, meinen Sohn aus Ägypten. (Hos 11,1)

Die ägyptische Himmelskönigin Nout stellte man sich als sternenübersäte Himmelskuh vor, die jeden Morgen den männlichen Sonnengott Re (ra) als Sonnenkalb gebiert – das „Goldene Kalb“! Bis Mittag wächst dieses Kalb zum Stier heran, der seine eigene Mutter Nout begattet. Am Abend stirbt der Stier und wird von Nout wieder gefressen, um am nächsten Morgen als sein eigener Sohn von Nout wiedergeboren zu werden. So kann dieser Gott von sich sagen: „Ich bin der, der ich sein werde!“ (Ex 3,14).

Jahwe ist das Goldene Kalb! (Ex 32,5 und 1 Kön 12,28). Wenn Moses Aarons Götterbild einschmolz und zu Pulver zerrieb, um es dann mit Wasser vermischt den Israeliten zum Trank zu reichen (Ex 32,20), wird in einer „alttestamentlichen Kommunion“ tatsächlich Jahwe gegessen. Dem Talmud zufolge soll das besagte Götterbild aus Fleisch und Blut gewesen sein. Wurde das Tier zerrissen und wie im Dionysos-Kult von der Gemeinde verspeist?

David Bakan fand die Anbetung des Goldenen Kalbes gewissermaßen bei Freud wieder. Bakan verweist auf Freuds merkwürdig unjüdischen Hang zu Götterbildern, mit denen seine Wohnung und Praxis vollgestellt waren (Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton, NJ 1958, S. 134). Es scheint, daß Freud in Michelangelos Moses-Statue eine Darstellung des jüdischen Gottes selbst sah. Freud behauptet wohl nicht, daß Moses der Gott der Juden war, aber sicherlich sei es ihnen nicht leicht gefallen, „das Bild des Mannes Moses von dem seines Gottes zu scheiden“ (Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Studienausgabe, Bd. IX, S. 556). Man könne, so Freud,

die Möglichkeit nicht abweisen, daß manche Charakterzüge, die die Juden in die frühe Vorstellung ihres Gottes eintrugen, indem sie ihn eifervoll und unerbittlich hießen, im Grunde von der Erinnerung an Moses hergenommen waren. (ebd., S. 482)

Für Freud offenbarte sich hier das patriarchale Grundwesen Gottes, denn Moses ist die Wiederkehr des Urvaters, jene „einzige Person“ der Urzeit, die zur Gottheit erhöht in der Erinnerung der Menschen als der „einzige Gott“ wiedergekehrt ist (ebd., S. 574). Moses ist das Über-Ich der Juden (ebd., S. 563). Die Stimme des Patriarchats, während für Gerda Weiler die Gleichsetzung von Moses mit Gott geradezu das Indiz des Matriarchats ist (Das Matriarchat im Alten Israel, Stuttgart 1989).

„Der König spricht an der Stelle Gottes“ (Spr 16,10). Im alten Orient empfanden sich die Könige als Götter, wie ja auch noch die römischen Kaiser. Im Koran sagt der Pharao, der der Gegenspieler Mose war, er habe nicht gewußt, „daß es außer mir noch einen Gott gibt“ (Sure 28,39). In Ez 28,2-9 bezeichnet sich der König von Tyrus selbst als Gott. In der hebräischen Bibel Jer 49,1.3 wird der König der Ammoniter als „Gott der Ammoniter“ bezeichnet.

Als Gottmensch muß auch Moses königliche Attribute gehabt haben, muß wie Jesus „König der Juden“ gewesen sein. Nur als König konnte Moses „hohes Ansehen bei den Ministern des Pharao und beim ganzen Volk“ genießen (Ex 11,3). Die Königsideologie taucht schon in Num 24,17 auf, wo von einem König die Rede ist, der einst die Moabiter vernichten wird. Moses war jedoch, wie Weiler ausführt, eine andere Art von König, als wir es uns heute vorstellen, nämlich der matriarchale Held, der Menschensohn der kosmischen Königin. Demhingegen hätten sich die Könige in der Nachfolge Davids immer mehr von ihrer kultischen Funktion abgewendet und als Vasallen Jahwes, dem sie alle Verantwortung über ihr Tun zuschoben, allein für die Macht gelebt.

Daß Moses König war, zeigt sich schon daran, daß er von der Tochter des Pharao großgezogen wurde. Und wenn man entgegen Freud die Bibel in der Annahme folgt, Moses sei hebräischer Herkunft gewesen, gibt es selbst darin einen verborgenen Hinweis auf Mose Königtum. Amram zeugte seinen Sohn Moses mit der Schwester von Amrams Vater (Ex 6,20). Diese „Inzest“, der vom jüdischen Gesetz strengstens untersagt wird, ist typisch für altorientalische Adelsfamilien. Der ägyptische Herrscher heiratete, wie z.B. auch der Inka, in der Regel seine eigene Schwester, da der Thron nur matrilinear von der weiblichen Linie weitergegeben werden konnte. 1932 hat Reich in seinem Buch über den Einbruch der Sexualmoral aufgezeigt, daß derartige inzestuöse Heiratspraktiken in der Herrscherfamilie das erste patriarchale Element in einer matriarchalen Gesellschaft darstellen. Was an unserem Beispiel wiederum zeigt, wie vorsichtig man sein muß, wenn man wie Weiler von einem matriarchalen Gottkönigtum spricht. Demnach könnte ich Weilers Hinweise ebensogut als Beleg für patriarchale Faktoren betrachten.

James DeMeo sieht die Entwicklung des Patriarchats so, daß die ursprüngliche Muttergöttin mit einem männlichen Gott vermählt wird, der sie langsam dominiert und schließlich ganz verdrängt (Saharasia). In Kanaan kann man dies an der Göttin Anat und ihrem Gemahl El aufzeigen. DeMeo betrachtet als zweiten Schritt, daß der für menschliche Angelegenheiten sich kaum interessierende El durch den fanatischen moralisierenden Feuerkopf Jahwe ersetzt wird. Gleichzeitig kommt es, DeMeo zufolge, zur Loslösung von der Natur. Waren vorher Anat die Sonne und El der Mond, so werden nun die Himmelsgestirne und alle Natur vom jenseitigen, ungreifbaren Jahwe beherrscht (Jes 24,23). Weiler argumentiert gerade umgekehrt: Einst war El (und Jahwe [Num 32,22]) ein wilder junger Stier, der mit zunehmender Patriarchalisierung seine Lebenskraft verlor, langsam vergreiste und zum mißgestimmten alten Ochsen wurde.

Jahwe ist ein Gott, dem man sich durch das Blasen von Hörnern in Erinnerung bringt (Lev 23,24). Dies war im östlichen Mittelmeer ebenso ganz allgemein verbreitet, wie Altäre mit Stiergehörn. Entsprechend haben auch Jahwes Altäre Stierhörner als Zeichen des Göttlichen (Lev 4,7; 1 Kön 1,50ff; 2,28). Das gilt gleicherweise für die Altäre des Südreichs, wie des Nordreichs, z.B. in Bet-El. Auf dem Brandopferaltar, der ebenfalls an seinen vier Ecken Hörner hat, wird als Sühneopfer ein Stier dargebracht, mit dessen Blut diese Hörner bestrichen werden (Ez 43,15ff). Was Schuld und Sühne betrifft sagt Jer 17,1: „Volk von Juda, deine Schuld ist in dein Herz geschrieben und auf die Hörner deiner Altäre.“ In Am 3,14 droht Jahwe diese Hörner abzubrechen, was die Einheitsübersetzung wie folgt kommentiert:

Die abgebrochenen „Hörner“ sind ein Bild dafür, daß Israel dem Untergang schutzlos preisgegeben ist: Die Hörner des Altars bieten dem Verfolgten, der sie ergreift, Schutz und werden mit sühnendem Opferblut bestrichen.

Aber nicht nur in den Hörnern, sondern ganz offen als Stiergestalt wurde Gott angebetet und das nicht nur in Israel, sondern am Anfang wohl auch in Juda, denn das große bronzene Becken im Salomonischen Tempel „wurde von zwölf Rindern getragen, die in Dreiergruppen angeordnet waren, jede Gruppe schaute in eine andere Himmelsrichtung“ (1 Kön 7,25).

Einst war der Jahwe-Kult nichts weiter als ein ganz gewöhnlicher Stierkult, wie z.B. der auf dem minoischen Kreta. Die mythischen Überlieferungen sprechen davon, daß sich die Gemahlin des sagenhaften Königs Minos, Pasiphae „mit einem Stier sexuell verband, wohl ein Hinweis auf die ‘Heilige Hochzeit’ mit einem Priester, der eine Stierkopfmaske trug“ (Biedermann: Die Großen Mütter, München 1989, S. 175). Auch in der Bibel finden wir einen solchen Priester mit Stierkopfmaske, der von einer Kultanhöhe, dem Ort der Heiligen Hochzeit (vgl. Jer 2,20), dem Berg Sinai mit Hörnern auf dem Kopf herabkommt (Ex 34,29). Noch 600 v.Chr. spricht der Prophet Habakuk 3,3f davon, daß Gott vom Gebirge herabsteigt. „Gott, der zwei Hörner trägt – darin war verborgen seine Macht“ (Übersetzung von Weiler).

Wenn Gott kein Stier ist, dann hat er Menschengestalt wie in Ez 1,26f, wo statt Hörnern ein Lichtschein von ihm ausgeht. Auch Moses soll von einem solchen „Lichtkranz“ umgeben gewesen sein, als er vom Sinai herabstieg. Doch auch hier ist eine doppelte Interpretation vonnöten. In der Thora steht das Wort „k-r-n“, bzw. „keren“, was sowohl „Lichtstrahl“ als auch „Horn“ bedeuten kann. Heute wird dies meistens dahin übersetzt, daß Moses’ Gesicht von Licht strahlte, als er vom Gottesberg schritt. In der Vulgata hingegen wird „k-r-n“ mit „cornu“, Horn übersetzt und es steigt ein „gehörnter“ Mose vom Sinai. Dies ist entgegen der üblichen Ansicht durchaus eine gangbare Übersetzung, insbesondere angesichts des Goldenen Kalbes, also Aarons Stierkult in der gleichen Szene am Sinai nach dem ersten Abstieg – selbst wenn sich das Horn „cornu“ nicht von einem semitischen Wortstamm herleiten würde.

Ganz allgemein trugen im östlichen Mittelmeerraum Könige und Götter Kopfbedeckungen mit einem Hornpaar, etwa so wie die alten Germanen. Sure 18,84 erwähnt das Reich des „Dhulkarnain“. Über diese Gestalt wird in der Ullmann/Winter-Übersetzung des Koran (München 1959) angemerkt:

Dhulkarnain, der Zweigehörnte, ist nach Vielen Alexander der Große, der auf alten Münzen gehörnt dargestellt ist (die „Hörner“ können auch Haarbüschel nach ägyptischer Mode sein). Andere vermuten einen Heiligen, der Alexander hieß und zur Zeit Abrahams lebte. In alten jüdischen Schriften (Buch Daniel) ist Zweihörnigkeit das Symbol der Kraft.

Im Hebräischen hat der Begriff Horn die Nebenbedeutung „Stärke und Kraft“ (vgl. Am 6,13 in der Einheitsübersetzung). So werden heute auch zumeist die Stellen übersetzt, wo vom Horn die Rede ist. Einerseits wird sowohl die Stiermetaphorik, die das ganze Alte Testament durchzieht, verschleiert, gleichzeitig wird dadurch aber ungewollt jener Aspekt hervorgehoben, der sich eigentlich hinter dem Horn verbirgt: die männliche Potenz, die vom Stier archetypisch verkörpert wird.

Diese Identität von Horn und erigiertem Penis klingt noch im „jemand Hörner aufsetzen“ durch. Ganz klar wird die Identität, wenn Hanna in 1 Sam 2,1.10 (Lutherübersetzung) singt: „Mein Horn ist erhöht in dem Herrn (…) der Herr wird erhöhen das Horn seines Gesalbten.“ Natürlich handelt es sich hier ursprünglich um die Herrin und ihren Heros – er ist der „Starke“ Isaaks und der „Mächtige“ Jakobs. „es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen“ (Num 24,17 Luther).

Man denke auch an Ps 92,11, wo von der Kraft des Wildstiers die Rede ist: mein Horn wird erhöht werden, wie das eines Wildstiers. Aber schauen wir, was die Theologen daraus im Laufe der Zeit gemacht haben:

  • Luther alte Fassung: „Mein Horn wird erhöht werden wie eines Einhorns, und ich werde gesalbt mit frischem Öl.“
  • Luther Fassung 1964: „Aber mich machst du stark wie den Wildstier und salbst mich mit frischem Öl.“
  • Einheitsübersetzung: „Du hast mir die Kraft des Wildstiers gegeben und ich bin mit frischem Öl durchfeuchtet/gesalbt. Anm.: Die Salbung mit frischem Öl symbolisiert den Übergang von der Trauer zur Freude, vgl. Jes 61,3.“

Daß mit diesem „Öl“ eine sehr menschliche Feuchte gemeint war, sieht man an folgendem: Moses ist im Besitz universeller Zeugungskraft:

Und Moses war 120 Jahre alt, da er starb. Seine Augen waren nicht dunkel geworden, und er hatte die Feuchte im Bett behalten bis zum letzten Tag. (Dtn 34,7)

Dies ist die Übersetzung von Gerda Weiler (Das Matriarchat im Alten Israel, Stuttgart 1989, S. 158) während Luther übersetzt: „(…) und seine Kraft war nicht verfallen.“ Noch prüder ist die unübertreffliche Einheitsübersetzung: „(…) bis zuletzt war er rüstig geblieben (…).“

Beim ebenfalls „gehörnten“ indischen Gott Shiva ist der sexuelle Aspekt noch weit eindeutiger als bei Jahwe, denn Shivas Kultsymbol ist der Lingam. Die griechische Entsprechung für Shiva ist Dionysos. Und hier gibt es vereinzelt sogar synkretistische Verschmelzungen von Jahwe und Dionysos, was durch ihre Wesensverwandtschaft möglich wurde (Weiler, S. 93f). So ist man sich in der Theologie wohl einig, daß die Aaron-Gruppe am Fuße des Gottesberges eine „Orgie“ im Sinne des dionysischen Mysterienkultes feierte (ebd., S. 139).

Später spaltete sich Jahwe und „der Gehörnte“ wurde zum Teufel der Christen. Zuletzt waren diese beiden Aspekte der Gottheit vielleicht beim stierförmigen Fruchtbarkeitsgott Serapis vereinigt, dem Hauptgott im ptolemäischen Ägypten, eine Mischform von Osiris und Dionysos. Neuerdings versuchten Ibsen mit seinem „Dritten Reich“ und Nietzsche mit seinem „Gekreuzigten Dionysos“, sowie manche moderne „Satanisten“, diese Aspekte im Sinne der „Unschuld aller Schöpfung“ wiederzuvereinigen. Eine Verbindung von Jesus und Dionysos ist schon im Neuen Testament angelegt, wenn Jesus erstes Wunderzeichen, das Weinwunder von Kana (Joh 2,1-12), nichts als eine Kopie des dionysischen Weinwunders ist. Auch Jesus war „der Gehörnte“, jedenfalls trägt Offb 13,11 das Lamm (Christus bzw. der Anti-Christus) zwei Hörner.

Für Weiler ist der Stier „geradezu ein universales Sinnbild für matriarchale Männlichkeit“ (ebd, S. 61). Deshalb hätten matriarchale Könige/Götter stets den Beinamen „starker Stier“. Die Himmelskönigin und ihr Stier wären als unvergängliche Schöpferin und sterbliches aber stets neugeborenes Geschöpf, als Himmel und Erde einander zugeordnet. Dies zeige sich im ägyptischen Gottesbegriff ntr, eine Verschmelzung aus den Wörtern nz (Nout) und tr (Stier) zu ntr: dem ägyptischen Gott als „Stier seiner Mutter“ (ebd., S. 63). Echnaton, der kein Monotheist war, wie Freud behauptet, sondern der höchstens einen patriarchalen Schöpfergott zu seinem Hauptgott gemacht hat (ebd., S. 164f), hat deshalb das Wort ntr als Bezeichnung für seinen Schöpfergott Aton tunlichst vermieden.

Sein „Gott“ soll nicht mehr der Stier sein, nicht die Zeugungskraft verkörpern, sondern die Gebärfähigkeit. Deshalb läßt Echnaton sich eine Statue anfertigen, die ihn als Frau darstellt, mit weiblichen Brüsten und weiblichem Schoß und mit einem breiten weiblichen Becken. (ebd., S. 63)

Ähnliches findet man noch bei Christus.

Afrikanische Kruzifixe stellen häufig den Gekreuzigten mit weiblichen Brüsten, also als Androgyn, dar. Als solcher wird Christus in der Offenbarung des Johannes (1,13) vorgestellt, wenn es von ihm heißt, daß er um die Brüste (griech. Urtext) mit einem goldenen Gürtel umgürtet war. (Paul Schwarzenau: Das Kreuz. Die Geheimlehre Jesu, Stuttgart 1990, S. 83)

Diese Verweiblichung Gottes hat nichts, wie uns Jungianer weismachen wollen, mit dem Matriarchat zu tun, sondern ist Ausdruck einer usurpatorischen Patriarchalisierung. In diesem Punkt möchte ich Weiler mit aller Entschiedenheit unterstützen, auch wenn ich ziemlich fassungslos davor stehe, wenn Weiler z.B. „rituelle Defloration“ (S. 294) als Element des Matriarchats im alten Israel nennt. Diese Vergewaltigung ist ebenso krank wie der ganze phallisch-narzißtische Potenzwahn von Weilers „matriarchaler Männlichkeit“. Von diesem „matriarchalen“ Mann zum Mann als Schöpfer ist nur ein Schritt. Es geht dann sehr schnell um die patriarchale Schöpferkraft im Sinne des Korans, wo von der Entwicklung des Menschen gesagt wird:

War er nicht ein verspritzter Samentropfen? Darauf wurde ein wenig aus ihm, und Allah bildete ihn und formte ihn gehörig. (Sure 75,38f)

Das Blut gerann „und das geronnene Blut bildeten wir zu einem Stück Fleisch“, woraus sich dann der ganze Mensch im Mutterleib entwickelt (Sure 23,15). Hier wird eine typisch matriarchale Vorstellung (der Mensch entwickelt sich aus dem geronnenen Blut der ausbleibenden Menstruation) von einer typisch patriarchalen überlagert – der Mensch entwickelt sich ausschließlich aus dem Samen des Mannes, für den die Frau nur den „Ackerboden“ bereitstellt:

Die Weiber sind euer Acker, geht auf euren Acker, wie und wann ihr wollt. (Sure 2,224)

In der Parallelstelle der Bibel ist demhingegen nicht von Sperma die Rede, sondern von hingegossener Milch, die wie Käse gerinnt (Ijob 10,10 Lutherübersetzung), was, solange nicht das Sperma gemeint ist, genau der matriarchalen Vorstellung vom verklumpenden Menstruationsblut entspricht.

Den patriarchalen Schöpfungsmythos finden wir auch in der Kabbala, wenn im Sinne des „Alpha und Omega“ der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets (von dem über das griechische auch unser lateinisches abgeleitet ist), das „alef“ ein stilisierter Stierkopf ist. Dieser hebräische Buchstabe entwickelte sich aus der ägyptischen Bilderschrift, wo er den Stier repräsentierte. In der hebräischen Silbenschrift meinte dieses Zeichen dann nur noch den Anfangsbuchstaben des Wortes „Stier“. Daraus entwickelte sich zuerst seitlich gekippt und dann auf den Kopf gestellt das „A“. Kabbalistisch der kosmische Stier als das schöpferische All-Eine. Gnostisch der göttliche Same, der im Haus der Welt Beth gefangen ist: das hehre Männliche des Geistes in einer verdorbenen weiblichen Welt der Materie.

Jahwe ist der Stier, der in das Haus der Erde eindringt („beth“). Wenn Jesus Gott „Vater“, hebräisch AB nennt, spielt er darauf an.

Das dreieckige, keilförmige Profil des Stierhauptes, nachgebildet in der althebräischen Schrift für den Buchstaben Alef (Stier), bringt das Eindringen aus der Transzendenz in die Immanenz zum Ausdruck. (Schwarzenau, S. 189)

Die Immanenz ist Beth, das Haus, die Wohnhöhle, der Uterus der Erde. Hinter dieser gnostischen Vision, und der ganzen sexuellen Perversion „Christentum“, steckt, je nachdem, dieser phallische Sadismus (alef) oder analer Masochismus (beth), wie man ihn beim perversen Homosexuellen Paulus finden.

Reich und Nietzsche

26. April 2015

Eine Nachbildung von Nietzsches Totenmaske hing an prominenter Stelle in Reichs Arbeitszimmer in Wien.

Also sprach Zarathustra war eines von Reichs „10 Büchern“. Nietzsche stand er in mancher Beziehung näher als Freud, z.B. sagte er in Reich Speaks of Freud ein Strindberg, Ibsen oder Nietzsche hätten keine Angst vor jenen intensiven Gefühlen des Lebens, wo „Freud anscheinend in seinem eigenen Bedürfnis zu ’sublimieren‘ befangen war.“

Für Reich stand Nietzsche mit Marx gegen den Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts, als die Schuldidee und die absolute Moralität in den Vordergrund geschoben wurden. Nietzsches Kritik an der Moral öffnete den Weg „in den Bereich des unbewußten Seelenlebens, das von Freud erfaßt und erforscht wurde“ (Äther, Gott und Teufel).

Den Begriff „Es“ hatte Freud bei Georg Groddeck und dieser bei Nietzsche entliehen.

Reich schreibt in Der triebhafte Charakter:

„Im Manne ist ein Kind verborgen, welches spielen will.“ Mit diesen Worten hatte Nietzsche die klassische Formel Freuds über den neurotischen Konflikt antizipiert.

Reichs erster größerer Aufsatz über „Libidokonflikte und Wahngebilde in Ibsens Peer Gynt“ (Frühe Schriften) fängt mit einem Nietzsche-Zitat an, welches wohl auf die Leiden des Menschen an seinen inzestuösen Bindungen anspielen soll:

Ich lehre Euch den Übermenschen. Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau. Und ebenso soll der Mensch für den Übermenschen sein: Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau.

Das Genie ist seinen orgonotischen Strömungen gewahrer als Homo normalis, er empfindet die gepanzerte Agonie stärker. Nietzsche war ein solch zutiefst kranker Mensch – der gleichzeitig gesünder war. Reich schreibt:

Die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne enttäuscht in die Erstarrung zu flüchten, geht einher mit der Fähigkeit, Glück zu nehmen und Liebe zu geben. Um mit Nietzsche zu reden: Wer das „Himmel-hoch-Jauchzen“ lernen will, muß sich auch für das „Zum-Tode-betrübt“ bereithalten.“ (Die Funktion des Orgasmus)

Als zu viel zu ertragen war, brach der „Wissende“ schließlich doch an seiner Gesund-/Krankheit psychotisch (siehe Charakteranalyse, KiWi, S. 583).

Der homo normalis, der seinen ersten Sinn verloren hat, macht das Leben für derartige Individuen zu schwer und unerträglich.

Nietzsche wurde gebrochen, indem man ihn isolierte, ihn in die Einsamkeit abdrängte. (Reich Speaks of Freud)

In seiner Autobiographie (Die Funktion des Orgasmus) kommt Reich auf seine Beschäftigung mit der Ibsenfigur zurück und beschreibt sie als einen Menschen, der „aus der marschierenden Reihe dieser Menschen herausspringt. Man verlacht ihn, wenn er harmlos ist, man versucht ihn zu vernichten, wenn er kräftig ist.“ Was sie aber nicht davon abhielt den Peer Gynt zu einem Teil ihres „Kultur“gutes zu machen.

Reich hat die Popularisierer seines Werkes schon in Nietzscheanischer Gewandung durchschaut:

Es gibt geistreichelnde junge Leute, die man in ernsten Kreisen in Europa als „Kulturschmöcke“ zu bezeichnen pflegte. Sie waren klug, aber ihre Intelligenz diente einer Art Kunstbetätigung um ihrer selbst willen, ohne die todernsten Probleme eines Goethe oder Nietzsche je praktisch begriffen oder erlebt zu haben, lieben sie es, einander Klassik vorzuzitieren. Gleichzeitig ist ihr Wesen von Visionen geprägt. Sie betrachten sich als moderne, freisinnige von keiner Konvention belastete Lebewesen. Da sie ernsten Erlebnissen unfähig sind, ist ihnen die Geschlechtsliebe eine Art Kinderspiel. (Charakteranalyse)

Reich und Nietzsche ist es nicht gelungen, die Schweine und Schwärmer aus ihren sauberen Gärten zu halten. Doch trägt Nietzsche ohne Zweifel selber beträchtliche Schuld an dem was später kam. Reich schreibt:

Es hat wenig Sinn (…) sich einen Übermenschen zu erträumen, der sich von den Menschen in der Falle total unterscheidet, wie es Nietzsche getan hat, bis er, selbst in der Falle eines Irrenhauses gefangen, endlich die volle Wahrheit über sich selber schrieb – zu spät… (Christusmord)

So geht es den meisten, die nicht stillehalten, und die anderen wollen sich gar nicht erst blamieren. Sie sind von vornherein klug und überlegen gewesen. (Die Funktion des Orgasmus)

Dem deutschen Orgontherapeuten Walter Hoppe zufolge verband Schopenhauer seinen Begriff des Willens, der eine zentrale Bedeutung in der Philosophie Nietzsches erlangen sollte,

mit der Sexualenergie, die er [Schopenhauer] als identische Kraft mit der Natur schlechthin zur Darstellung bringt. Der Wille schreibt er, ist ebenso wie die Sexualität eine Kraft, der der gesamten Natur zugrunde liegt, die Kraft, die Liebhaber und Planeten anzieht. (Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984)

So ist auch Nietzsches „Wille zur Macht“ zu verstehen, als Ausdruck des orgonomischen Potentials, das Energie vom niedrigeren zum höheren Niveau fließen läßt. Er schreibt 1888:

Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch als Wille zur Akkumulation der Kraft –: alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: Nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden. (Umwertung aller Werte, der gesammelte Nachlaß)

Und „sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen Ordnung?“

Im Nachlaß sind auch Anklänge an den spezifisch orgonomischen Bewegungsbegriff zu finden:

Die Bewegungen sind nicht „bewirkt“ von einer „Ursache“ (das wäre wieder der alte [aristotelische, PN] Seelenbegriff!) – sie sind der Wille selber, aber nicht ganz und völlig!

1881 oder 82 hat Nietzsche seinen folgenden „Hauptgedanken“ formuliert, der zeigt, wie er wohl den anthropoiden „theistisch patriarchalen Gott“ für tot erklärte, aber gleichzeitig die Entdeckung des wirklichen „Gottes“ als Ausdruck der Vereinigung von organismischer und kosmischer Orgonenergie ohne „mystische Abweichung“ vorwegnahm (der große Mittag und die Ewigkeit“, „das kosmische Ich“, etc.) und damit nach Kopernikus, Bruno und Darwin das letzte illusionäre Zentrum (das Ich) aufhob:

Hauptgedanke! Nicht die Natur täuscht (…) die Individuen (…), sondern die (…) legen sich alles Dasein nach individuellen, das heißt, falschen Maßen zurecht (…) In Wahrheit gibt es keine individuellen Wahrheiten, sondern lauter individuelle Irrtümer – das Individuum selber ist ein Irrtum. (…) Wir sind Knospen an einem Baume, – was wissen wir von dem, was im Interesse des Baumes aus uns werden kann! Aber wir haben ein Bewußtsein, als ob wir alles sein wollten und sollten, eine Phantasterei von „Ich“ und allem „Nicht-Ich“. Aufhören, sich als solches phantastisches Ego zu fühlen! (…) Den Egoismus als Irrtum einsehen! Als Gegensatz ja nicht Altruismus zu verstehen! das wäre die Liebe zu den anderen vermeintlichen Individuen. Nein! Über „mich“ und „dich“ hinaus! Kosmisch empfinden! (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 442f)

Wo Nietzsche 1875 schrieb: „auf immer trennt uns von der alten Kultur, daß ihre Grundlage durch und durch für uns hinfällig geworden ist“ und bis auf die Vorsokratiker zurückging, schrieb Reich: „der orgonomische Funktionalismus steht von vornherein außerhalb des Rahmens der maschinell-mystischen Zivilisation“ der letzten 6000 Jahre (Äther, Gott und Teufel).

Beide hatten jenen „Durst nach großen und tiefen Seelen – und immer nur dem Herdentier zu begegnen!“ (Nietzsche) – Reichs „Kleiner Mann“. Beide sind schließlich an gebrochenem Herzen gestorben „alone, like a dog“ (Reich); im Bewußtsein des Kleinen Mannes, der es schon immer besser wußte, in Scham und Schmach verreckt. Nietzsche nannte sich in einer, einen Tag nach seinem endgültigen Zusammenbruch verfaßten, Postkarte „Der Gekreuzigte“.

Wie etwa ein Goethe mußten sie sich in ihrer Einsamkeit mit Christus identifizieren, als Gebende denen ewig die Lust des Nehmens verwehrt sein würde, als Werkzeug einer höheren Macht, unfreiwillig sich opfernd für die Sache des „Übermenschen“ – dem „Kind der Zukunft“.

Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nichts zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren. (Also sprach Zarathustra)

Ich könnte auch viel Schlechtes über Nietzsche schreiben – ich laß es:

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen willl, blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist – und verrät sich selbst damit. (Jenseits von Gut und Böse, S. 228)

Robert hat diesen Aphorismus dahin interpretiert, daß „die Schwächen des anderen auch meine Schwächen (sind) und lehne ich dessen Schwächen ab, so lehne ich auch mich ab – verrate mich also selbst“. Ich hab das anders verstanden: Wer bei den Großen, etwa Freud oder Reich, wie heute in Biographien üblich, das sucht, was die Großen klein („niedrig“) und unbedeutend („Vordergrund“) macht, zeigt nur, „verrät“ nur, daß er selbst klein und unbedeutend ist. Die „Entlarver“ entlarven sich selbst!

Ein Jahr vor der Geburt des fanatischen Wagnerianers Hitler hat Nietzsche in seiner Beschreibung des Wagnerianertums praktisch schon alles über den Nationalsozialismus gesagt:

Dazu gehört bloss Tugend – will sagen Dressur, Automatismus, „Selbstverleugnung“. Weder Geschmack, noch Stimme, noch Begabung: die Bühne Wagner’s hat nur Eins nöthig – Germanen!.. Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine… Es ist voll tiefer Bedeutung, dass die Heraufkunft Wagner’s zeitlich mit der Heraufkunft des „Reichs“ zusammenfällt: beide Thatsachen beweisen Ein und Dasselbe – Gehorsam und lange Beine. – Nie ist besser gehorcht, nie besser befohlen worden. Die Wagnerischen Kapellmeister in Sonderheit sind eines Zeitalters würdig, das die Nachwelt einmal mit scheuer Ehrfurcht das klassische Zeitalter des Kriegs nennen wird. (Der Fall Wagner, A 11)

Trotzdem wurde immer wieder versucht, Nietzsches „Übermenschen“ mit für den rassistischen Nationalsozialismus verantwortlich zu machen. Nun, Hitler hat in Mein Kampf Nietzsches Namen, wie den jeder anderen deutschen Geistesgröße auch, nur als Mythus ausgenutzt und später in den Tischgesprächen gar nicht erwähnt. Wahrscheinlich hat er ihn nie gelesen, denn diesen Autor konnte Hitler nicht durchfliegen, wie es seine Art war, um ein ideologisches Destillat herauszuziehen. Der sich jeder Festlegung verweigernde Nietzsche eignet sich denkbar schlecht für die Verwurstung zur „fanatischen“ Weltanschauung:

Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie. (Jenseits von Gut und Böse, A. 154)

Es stimmt, daß Nietzsches Schwester (mit ihrem unseligen Machwerk Der Wille zur Macht) und der Philosoph Alfred Baeumler versuchten, Nietzsche zum reaktionären „soziobiologischen“ Philosophen zu verkürzen. Doch der Versuch ihn zum neuen offiziellen Staatsphilosophen zu machen, war alles andere als erfolgreich. Die Nazis stoppten sogar die offizielle Kritische Gesamtausgabe, denn Nietzsche verkörperte all das, was die Nationalsozialisten haßten: Freigeist, Abweichler, Verächter der Volksgemeinschaft, Staats- und insbesondere Reichsfeind, Sympathisant der Judenheit und Frankreichs, etc. Man konnte beim vermeintlichen philosophischen Urvater der nationalsozialistischen Ideologie nachlesen, daß die Deutschen eine Mischrasse mit überwiegend vorarischen Anteilen seien (Jenseits von Gut und Böse, A 244), und was ihre „rassische Verbesserung“ betraf, fand Nietzsche die Juden als „Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich“ (Studienausgabe Bd. 11, S. 457).

Neben Baeumler beriefen sich die beiden deutschtümelnden Existentialisten Karl Jaspers und Martin Heidegger auf Nietzsche. Aber beide zeigten in ihren Vorlesungen über Nietzsche auf, daß er so ungefähr das Gegenteil der Nazi-Ideologie vertrat. Georg Picht (Nietzsche, Stuttgart 1988) hält Heideggers Vorlesungen sogar für eine der mutigsten und wichtigsten Widerstandshandlungen in Hitlerdeutschland, denn Heidegger habe sich konsequent gegen jede oberflächliche Politisierung von Nietzsche, gegen jede biologistische Fehlinterpretation gewandt, das Gerede vom „wotanischen Archetypus der Macht“ verworfen und den Machtbegriff der Nazis verhöhnt.

Hatte Heidegger anfangs angenommen, „die Bewegung“ würde die Logik des von Nietzsche diagnostizierten Nihilismus überwinden und sich ihr zugewandt, weil sie scheinbar eine „grüne“ antitechnokratische Politik vertrat, sozusagen das Gegenteil der Tötungsfabrik Auschwitz, erkannte er in ihr schließlich die Vollendung des Nihilismus. Heidegger führt Nietzsches Diktum an, daß jeder Versuch, dem unvollständigen Nihilismus, in dem wir leben, zu entgehen, das Gegenteil des Erstrebten hervorrufen wird, nämlich den vollständigen Nihilismus, wenn bei diesem Versuch nicht alle bisherigen Werte umgewertet werden (Holzwege, Pfullingen 1963, S. 208).

Allenfalls kann man Nietzsche mit dem italienischen Faschismus in Zusammenhang bringen, denn Mussolini war in der Tat Nietzscheaner. Betrachtet man Nietzsches Schriften aus diesem Blickwinkel, findet sich dort ohne Zweifel faschistisches Gedankengut. Gleichzeitig hat Nietzsche aber auch die Psychoanalyse (sowohl Freud als auch Adler) vorweggenommen – und manchmal muß man sich beim Lesen die Augen reiben, wenn man über eine der vielen schlechthin orgonomischen Stellen bei Nietzsche stolpert. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Am Ende seines bewußten Lebens wollte Nietzsche eine „Partei des Leben“ gründen und sie gegen die Kräfte des Nihilismus mobilisieren, die das unschuldige Leben „jenseits von Gut und Böse“ unterminieren. Diese Kräfte sind der nihilistische Mystizismus und der nihilistische Sozialismus, d.h. die Entwertung des konkreten Lebens durch eine fiktive ideale Welt. Die „Partei des Lebens“ macht „die Physiologie zur Herrin über alle anderen Fragen“, das bedeutet Höherzüchtung der Menschheit und das Ausrotten alles „Entarteten und Parasitischen“, das sich in der „Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathenen, An-sich-selber-Leidenden“ findet.

Diese zweite Partei, die mystische und utopische Partei, wolle Rache am Leben nehmen und das Leben auslöschen, wenn die Partei des Lebens ihr nicht zuvorkommen würde (so Nietzsche in seinen letzten Notizen, Studienausgabe Bd. 13, S. 638 und im Ecce homo Bd. 6, S. 374).

Bereits 1882 hatte er sich notiert:

Wir als die Erhalter des Lebens. Unvermeidlich entstehend die Verachtung und der Haß gegen das Leben. Buddhismus. Die europäische Thatkraft wird zum Massen-Selbstmord treiben. (…) Wenn wir nicht uns selber erhalten, geht alles zu Ende. Uns selber durch eine Organisation. Die Freunde des Lebens. (Studienausgabe Bd. 10, S. 43)

Reich hat mit seiner „Partei des Lebens“ Nietzsches Differenzierung zwischen dem neurotischen Mystiker, der das Leben nihilistisch abtötet, und dem freien, gewissenlosen Menschen aufgenommen. Aber Reich unterschied in der letzteren Gruppe weiter zwischen den freien Menschen, die ihre sekundären Triebe leben, und den freien Menschen, die ihre primären Triebe leben (Emotionelle Pest und Genitalität, die in Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen noch eins waren), zwischen Faschismus und Arbeitsdemokratie. Ganz entsprechend hatte sich schon der Nietzscheanismus in zwei Gruppen aufgespalten: Vertreter des faschistischen Herrenmenschentums auf der einen und Verteidiger des Lebendigen auf der anderen Seite.

Die faschistischen Nietzscheaner haben nicht nur primäre und sekundäre Triebe miteinander vermengt (was ja auch Nietzsche selbst getan hatte), sondern überhaupt Nietzsche und „die Partei des Leben“ verraten, indem sie sie von neuem mit der nihilistischen, christlichen Moral vergifteten. Nietzsche wurde von all dem eingeholt, was er überwunden hatte. Dieses national-christliche Gedankengebäude faßte Nietzsches Schwester Elisabeth, die spätere Hohepriesterin des nationalsozialistischen Nietzsche-Kults, noch zu Nietzsches Lebzeiten zusammen, als sie schrieb, gemeinsam mit den Wagnerianer Bernhard Förster, ihrem späteren Ehemann, würde sie „schwelgen“ in „Mitleid, heroischer Selbstverleugnung, Christentum, Heldentum, Vegetarismus, Ariertum, südliche Kolonien“ (Peters: Zarathustras Schwester, München 1983, S. 108).

So ebnete sich der Weg für den nationalsozialistischen Mißbrauch Nietzsches. Hermann Josef Schmidt schreibt dazu:

Auch nationalsozialistische „Nietzsche“interpretation wäre ohne vorherige „christliche“ Nietzscheverkleisterungen, beginnend spätestens 1895 mit der opportunistischen „großen“ Nietzschebiographie seiner Schwester – und ohne eine Serie von Textstellen, die, aus ihrem Zusammenhang gerissen, sich schaurig lesen (z.B. das geklitterte Buch Der Wille zur Macht, PN) – zumindest in ihrer Breitenwirkung nicht möglich gewesen. Auch hier hat deutsches Christentum – man lese nur die Reden und „Abschiedsworte“, die am 28.8.1900 an Nietzsches Grab gehalten bzw. vorgetragen wurden (…) – dem Nationalsozialismus glänzend vorgearbeitet. (Nietzsche absconditus, Berlin 1991, S. 274)

Der radikale Nietzsche darf nicht verwässert werden, wenn man nicht alles zerstören und in sein Gegenteil verkehren will, vielmehr muß man, wie Reich es getan hat, Nietzsche weiter radikalisieren. Dies ist der einzige gangbare Weg. Es gibt keinen Weg zurück.

Man betrachte nur die gegenwärtige moralistische Kampagne in Deutschland gegen den „Fremdenhaß“. Von der äußersten Linken bis zum Papst sind sich, unterstützt von den neusten soziobiologischen Erkenntnissen, alle einig, daß man das teuflische „Tier im Menschen“ mit seinem „angeborenen Rassismus“ überwinden müsse. Es ist kaum etwas gegen das wissenschaftliche Fundament dieses Konzeptes zu sagen, zumal Malinowski sogar bei den Trobriandern rassistische Ressentiments gegen angrenzende Stämme und gegen Polen (Malinowski) festgestellt hat. Müssen wir uns also auf unsere humanistische Wertewelt besinnen, diese steinzeitlichen Triebe durch unsere zivilisatorische Energie überwinden und dergestalt die archaischen Sümpfe trockenlegen? Oder haben wir mit Nietzsche die „Partei des Lebens“ zu ergreifen? Die Orgonomie, die mindestens so weitreichende humanitäre Ziele hat wie die Humanisten, will die Sümpfe nicht in eine Wüste verwandeln, aber auch nicht das Gesetz des Dschungels in die Städte tragen, sondern für einen geregelten Abfluß sorgen, so daß sich eine schöne Auenlandschaft ausbilden kann.