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Die Entwicklung des Seins

4. Dezember 2011

Die Vorstellung von einer Entwicklung der Lebewesen zu immer größerer Integration und Bewußtheit bis hin zum Menschen ist tief im menschlichen Denken verankert. Die Inder glaubten, daß nur der Mensch selbst-bewußt, sich selbst bewußt sei und nach Selbstvervollkommnung oder geistiger Freiheit streben könne, während die anderen Lebewesen lediglich zur Welt kämen, um die Früchte ihres vergangenen Karmas zu ernten. Nur der Mensch wäre zu einer Position in der kosmischen Entwicklung gelangt, die es ihm in seiner Reife ermögliche, dieses Naturgesetz der Kausalität von sich abzuschütteln. In dieser Hinsicht steht der Mensch selbst über den Göttern, die, jedenfalls für den „aufgeklärten“ Inder, auch nur Naturwesenheiten sind.

Eine ähnliche Vorstellung der Entwicklung ist in alle europäischen Utopievorstellungen eingegangen, z.B. der Marxistischen, wo der Mensch zum Herrn über die Geschichte wird und sich dergestalt von der Natur befreit. Diese Vorstellung ist tief in unserem philosophischen Erbe verankert, nicht nur in Hegels Geschichtsphilosophie, sondern auch bei Herbert Spencer und bei Nietzsche („Tier – Übertier Mensch – Übermensch“).

Es gibt die volkstümliche Weisheit: „Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier, wacht auf im Menschen.“ Entsprechend verkörpert sich bei Schopenhauer der „Wille“ in unterschiedlichen Stufen und bestimmt deren Bewußtseinsgrade. Der Wille zum Leben artikuliert sich vom Stein, über Pflanze und Tier und schließlich im Menschen immer deutlicher, um schließlich vom Menschen überwunden zu werden. Dies ist identisch mit der oben erwähnten indischen Lehre. In Fröhliche Wissenschaft (A 301) spricht Nietzsche von der Rangordnung vom niederen zum höheren Tier und weiter vom niederen zum höheren Menschen, wobei die jeweils höhere Stufe mehr wahrnimmt, gleichzeitig aber auch das Potential an Lust und Unlust anwächst.

Als seine Schrift Die Geburt der Tragödie herauskam, wurde Nietzsche in einem „Evangelischen Anzeiger“ vorgehalten, es handle sich bei dem Buch um „den ins Musikalische übersetzten Darwinismus und Materialismus“, Nietzsches Theorie sei der „Developpismus des Urschleims“, Nietzsches „Ureine“ aus der Geburt der Tragödie wurde mit „Darwin’s Urzelle“ verglichen (Brief an von Gersdorff, 5.4.1873). Hier fließen neoplatonistische Entwicklungsvorstellungen „aus dem Ureinen“ in eins mit der biogenetischen Entwicklung „aus der Urzelle“.

Der zu dieser Zeit noch etwas schopenhauernde Nietzsche schreibt:

(…) und wenn die gesamte Natur sich zum Menschen hindrängt, so gibt sie dadurch zu verstehen, daß er zu ihrer Erlösung vom Fluche des Tierlebens nötig ist und daß endlich in ihm das Dasein sich einen Spiegel vorhält, auf dessen Grunde das Leben nicht mehr sinnlos, sondern in seiner metaphysischen Bedeutsamkeit erscheint. (Schopenhauer als Erzieher, A 5)

Die „gesamte Natur“ dränge zum Genius hin (zu dem, was Nietzsche später „Übermensch“ nannte), um in ihm ihre Erlösung zu finden; „jenes Wunder der Verwandlung“, „jene endliche und höchste Menschwerdung, nach welcher alle Natur hindrängt und -treibt, zu ihrer Erlösung von sich selbst“. Ein paar Jahre zuvor kam Nietzsche der „schwindelnde“ Gedanke, „ob vielleicht der Wille, um zur (weltverklärenden, PN) Kunst zu kommen, sich in diese Welten, Sterne, Körper und Atome ausgegossen hat“. Der Genius sei ein Werkzeug des schöpferischen Weltgrundes, um sich durch ihn seiner selbst bewußt zu werden.

Der sich zur Aufklärung durchgerungene Nietzsche schreibt, daß, wenn Schopenhauer Recht hat und Genialität

in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntnis des gesamten historischen Gewordenseins – welches immer mächtiger die neuere Zeit gegen alle früheren abhebt und zum ersten Male zwischen Natur und Geist, Mensch und Tier, Moral und Physik die alten Mauern zerbrochen hat – ein Streben nach Genialität der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte Historie wäre kosmisches Selbstbewußtsein. (Vermischte Meinungen und Sprüche, A 185)

Und weiter:

So wird Selbst-Erkenntnis zur All-Erkenntnis in Hinsicht auf alles Vergangene: wie (…) Selbstbestimmung und Selbsterziehung in den freiesten und weitest blickenden Geistern einmal zur All-Bestimmung, in Hinsicht auf alles zukünftige Menschentum werden könnte. (ebd., II A 1,223)

1883 schrieb Nietzsche: „Sobald der Mensch vollkommen die Menschheit ist, bewegt er die ganze Natur“ (Umwertung aller Werte, dtv, S. 819).

Leider sind diese philosophischen Entwicklungsvorstellungen, die bezeichnenderweise immer in infantilen Allmachtsphantasien enden, durchweg dezidiert antisexuell. Sozusagen wird Genitalität durch „Genialität“, das Gehirn, ersetzt. 1876 notiert sich Nietzsche: „Hemmungen nötig, um Genius hervorzubringen“ (Studienausgabe, Bd. 8, S. 307). Das genaue Gegenteil des Genitalen Charakters.

Die neoplatonistische Kabbala scheint geistesgeschichtlich die einzige Ausnahme dieser antisexuellen Regel zu sein. In ihr ist ein Mensch erst Mensch, wenn er verheiratet ist. Ja, wirklich ganz wird er erst in der kompletten Genitalen Vereinigung. Und im (gemeinsamen gleichzeitigen) Orgasmus wird er/sie eins mit Gott – er/sie erlangt das kosmische Bewußtsein. Im genitalen Menschen sind „Geist“ und Sexualität keine Gegensätze mehr, sondern sie bedingen einander. (Keine einzelne Person hat einen Orgasmus. Auch haben Frau und Mann keinen je eigenen ihrem Geschlecht gemäßen Orgasmus. Vielmehr fließen Frau und Mann in der Genitalen Umarmung zu einem Organismus zusammen und dieses „neutrale“ Orgonom „hat“ einen Orgasmus.)

Schimpansen und Menschen (und einige wenige andere Tiere) erkennen sich im Spiegel selbst wieder, während alle anderen vergleichbaren Tierarten im Spiegelbild, wenn überhaupt, nur den Artgenossen erkennen. Die Schimpansen scheinen also schon Ansätze für ein Ich-Bewußtsein zu haben. Sprache und Werkzeuggebrauch sind ebenfalls rudimentär bei Schimpansen zu finden. Es ist nun interessant, daß Bewußtsein und die genitalorgastische Körperzuckung auf der gleichen Entwicklungsstufe auftreten. Die vom Aussterben bedrohte Schimpansen-Unterart der Bonobos, die die allernächsten Verwandten des Menschen sind, zeigen denn auch vielleicht tatsächlich zumindest erste Ansätze von Genitalität. Unter den Säugetieren kopulieren neben dem Menschen nur diese Zwergschimpansen (und die Wale, diese aber aus rein praktisch-anatomischen Gründen) in ventroventraler Stellung.

Reich glaubte, der Mensch wäre das erste Tier gewesen, daß sich seiner orgastischen Plasmazuckung bewußt geworden sei und sich deshalb als erstes Tier gepanzert hätte (Die kosmische Überlagerung, letztes Kapitel). Betrachten wir die Entwicklung des Bewußtseins vom Blickwinkel des Biogenetischen Gesetzes her, können wir fragen, ob vielleicht der Mensch das erste gepanzerte, also orgastisch impotente Tier ist – weil er das erste Tier ist, das in der Anlage orgastisch potent ist. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch ist das einzige gepanzerte Tier, weil beim Mensch zum ersten Mal die Orgasmusfunktion voll durchbricht, also etwas da ist, wogegen er sich panzern „muß“.

Am Ende seines Artikels „The Evasiveness of Homo Normalis“ von 1947 befaßt sich Reich mit dem Wahrheitskern der irrationalen Aussage, daß der Mensch über dem Tierreich stehe: der besagte Kern ist natürlich die Panzerung, die den Menschen von den übrigen Tieren trennt. Der Mensch sei das einzige Tier, das nicht dem Gemeinsamen Funktionsprinzip allen tierischen Lebens folge: die Entladung aufgestauter Energie durch aufeinanderfolgende Kontraktionen des gesamten Organismus. Nur der Mensch verhindere die Abfuhr der in allen Lebewesen ständig generierten Energie durch seine Panzerung. Nur beim Menschen werde der einheitliche Impuls, der nach außen will, in zwei Bestandteile gespalten: in den ursprünglichen Impuls und dem aus ihm abgeleiteten aufstauenden Gegenimpuls – der Impuls kämpft gegen sich selbst. So etwas fände sich nirgends sonst in der gesamten Natur. Die Bifurkation von Funktionen sei normal und überall in der Natur zu beobachten, doch daß sich eine Funktion aufspaltet, um sich gegen sich selbst zu wenden, fände sich nur in der Pathologie des Homo normalis (Orgonomic Functionalism, Summer 1991, S. 86-91).

Funktionelles Denken: Die Massenpsychologie der Biologie

16. Februar 2011

Die Geschichte der Humangenetik stellt sich in drei Etappen dar:

  1. „Rassenhygiene“,
  2. Verhaltensforschung,
  3. Soziobiologie.

Alles begann mit dem „Sozialdarwinismus“ Herbert Spencers, der sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu der populärwissenschaftlichen Theorie schlechthin entwickeln sollte. Selbst der ansonsten gegen „moderne Ideen“ gefeite Nietzsche verhalf ihr zu mancher widerwärtiger Sumpfblüte. Spencer hatte eine sicherlich teilweise richtige Theorie in die Welt gesetzt, die aber wie geschaffen war, um vom Kleinen Mann mißbraucht zu werden. Man selber verkörperte das „lebenstüchtige Leben“ im Lebenskampf, während alles, was man emotional ablehnte, logischerweise objektiv lebensunwert war. Es war sozusagen die moderne Form der Calvinistischen Prädestinationslehre. Und tatsächlich wurde die Theorie ja ständig bestätigt: Arbeiterkinder waren erstaunlicherweise wirklich ungebildeter und Juden, die man ständig spüren ließ, daß sie „Juden“ waren, wirkten, offensichtlich rassisch erbbedingt, wirklich, oh Wunder, „jüdisch“. Der soziale Status Quo war biologisch gefordert und Staat und Industrie taten deshalb bald alles, um sich diese nützliche Theorie dienstbar zu machen.

So schrieb Krupp 1900 einen wissenschaftlichen Preis für Arbeiten aus, die sich mit den Lehren der Darwinschen Abstammungsprinzipien für die Gesetzgebung und Innenpolitik befassen sollten. Es gewann eine Arbeit, die die gerade wiederentdeckten Mendelschen Vererbungsgesetze mit Darwins Lehre verband, so daß die Eugenik ihre unangreifbare wissenschaftliche Basis gefunden hatte. Alle Merkmale, vom Kleinwuchs bis zur Trunksucht und Intelligenz, „mendelten“. In den 20er Jahren machte man dann erbbiologische Versuche mit bestrahlten Drosophila-Fliegen, aus denen zu ersehen war, daß sich rezessive Mutationen langsam unsichtbar ansammelten, ohne viel Schaden anzurichten, bis sie schließlich in einer plötzlichen erbbiologischen Katastrophe kulminierten, die die Population zum Zusammenbruch brachte. Daraus schloß man, der „Volkskörper“ werde durch verdeckte Mutationen unterirdisch dermaßen vergiftet, weil ja die natürliche Auslese ausgeschaltet war, daß eines Tages das Volk zugrundegehen würde, wenn man nicht so schnell wie möglich harte „rassenhygienische“ Maßnahmen ergreifen würde. Da Vererbung untrennbar mit Sexualität verbunden ist, verband sich das ganze mit der durch den Verfall der „guten Sitten“ gesteigerten Sexualangst und Syphilis-Hysterie zu jenem explosiven Gebräu, dem Millionen zum Opfer fallen sollten.

Die nationalsozialistische Ideologie war, wie der Name ja schon sagt, an der Gruppe („Art“, „Rasse“) und weniger am Individuum orientiert. Dazu paßt auch, daß für sie ein organismisches Verständnis von „Staat und Volk“ konstituierend war. Die Ziellosigkeit der nationalsozialistischen „Revolution“ wurde damit gerechtfertigt, daß nach der „Befreiung“ der „Volkskörper“ selbstregulatorisch schon seinen eigenen Weg zur Gesundung finden würde – indem er alles „artfremde“ eliminiere. So ist es kein Wunder, wenn sich Reich 1933 in Massenpsychologie des Faschismus explizit gegen die Vorstellung vom Staat als „organismisches Ganzes“ wendet. Dies wäre ein Konzept der reaktionären Wissenschaft, das aus der „alten Wirtschaftsweise des Kleinbürgertums“ erwachsen sei. Demgegenüber gelte für die progressive Wissenschaft der „biologische“ Standpunkt nicht, „der Staat sei ein organismisches Ganzes“, denn das Proletariat sei in der Lage, „das Wesen des Staates als einer Zweiheit von Klassen zu sehen.“

Die biologistische Theorie, die dem nationalsozialistischen Staat zugrunde lag, fand jede Menge Wissenschaftler, die sie offensiv vertraten. Am bekanntesten ist vielleicht Konrad Lorenz, der Begründer der Verhaltensforschung, die Hans Hass zusammen mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt zur „Humanethologie“ weiterentwickelt hat. Walter Hoppe bezeichnet Lorenz als „geistigen Helfer Hitlers“ und zitiert ihn wie folgt:

so müßte die Rassenpflege (…) auf eine schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein und der rassische Gedanke als Grundlage unserer Staatsform hat schon unendlich viel in dieser Richtung getan. (Wilhelm Reich, München 1984)

Hoppe macht jedoch einen Fehler, wenn er gegen Lorenz’ „angeborenen Aggressionstrieb“ anführt, selbst Raubtiere würden untereinander ein solches Verhalten nicht zeigen. Denn die „national-sozialistische“ Ideologie vom „Gemeinschaftsgefühl“ ist zwar aggressiv „national“ nach außen, aber eben auch solidarisch „sozialistisch“ nach innen gerichtet. Demgemäß hält die Verhaltensforschung ethisches Verhalten für angeboren. Ethik ist, nach Hass, gar keine Besonderheit des Menschen gegenüber dem Tier. Vielmehr verbindet sie

uns eng mit unseren rudelbildenden Vorfahren – bei denen diesbezügliche Regungen noch stärker ausgebildet sind. Weit eher erweisen sich Intelligenz und Vernunft als Antriebe für unethisches, rücksichtsloses und egoistisches Verhalten. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Der Mensch ist für den Verhaltensforscher von Natur aus alles andere als böse.

Ganz anders, nämlich nicht „national-sozialistisch“, sondern „individualistisch-kapitalistisch“ geartet, ist die Ideologie der „Soziobiologie“ – nach der der Mensch in der Tat durch und durch böse ist. Konnte „Zurück zur Natur!“ noch das Motto von Lorenz sein, wird die Natur von der Soziobiologie dämonisiert. Es gäbe danach keinerlei „natürliche Moral“ und wir müßten alles tun, um uns von unseren natürlichen Wurzeln zu trennen. Die Soziobiologie ist dergestalt extrem biologistisch und gleichzeitig das Nonplusultra der mechanistischen Maschinenkultur. Ein Widerspruch der sich vielleicht dadurch erklärt, daß der Begründer der Soziobiologie, Edward O. Wilson, ursprünglich Entomologe war, der seine Anschauungen am Leben der Ameisen und Bienen ausgebildet hat. (Siehe dazu meinen Artikel Die DOR-Menschen.)

Das Paradebeispiel, mit dem sich die Soziobiologen von den Verhaltensforschern absetzen, ist das Verhalten der „indischen Tempelaffen“. Übernimmt dort nach einem Kampf ein neues Männchen die Weibchen der Horde, bringt es alle Babys seines Vorgängers um und hetzt schwangere Weibchen so lange, bis sie ihre Leibesfrucht verlieren. Das dient wohl kaum der Arterhaltung, sondern einzig den Genen des betreffenden Männchens. Ganz allgemein gelte alles in der Natur nicht dem Wohl der Art, „der Volksgemeinschaft“, sondern dem der „egoistischen Gene“. So konkurrieren auch nicht die Arten miteinander, sondern nur die Individuen. Der Kampf jeder gegen jeden sei das Grundgesetz der Natur. Wobei jedoch die Individuen nichts als willenlose Marionetten der „egoistischen Gene“ sind.

Die Soziobiologie stellt sich als „große Synthese“ zwischen Biologie und Sozialwissenschaft dar und hat damit beim Publikum großen Anklang gefunden. Sie nimmt sozusagen jenen Platz ein, der dem Orgonomischen Funktionalismus zustehen würde. Wir haben es hier jedoch mitnichten mit einer großartigen Synthese, sondern primitivem biologistischen Reduktionismus zu tun, der sich zudem an einer mechanistischen Weltsicht orientiert, die die Physiker selber schon vor 50 Jahren aufgegeben haben und von dem auch viele Biologen mittlerweile Abstand nehmen, da die „Gene“ eben nicht jener „unbewegte Beweger“, jene „letzte unabhängige“ Instanz sind, als die sie von den Soziobiologen hingestellt werden.

Was Wilson mit seiner „Synthese“ erreichen wollte, hat vor ihm Hass viel beeindruckender und überzeugender vollzogen. So würde Hass z.B. nie eineiige Zwillinge als identische Individuen ansehen oder auch nur zur selben Spezies zählen, wenn sie unterschiedliche Berufe ergriffen haben. In der Energontheorie gehören Schuster und Fleischer unterschiedlichen „Tierarten“ an. Auf diese Weise wurde die Biologie und die Soziologie von Hass zu einer funktionellen Einheit verbunden.

Die Soziobiologie ist (Stichwort „egoistische Gene“) die faschistische Ideologie der Jetztzeit, die sich an den Nationalsozialismus (Stichwort „Eugenik“) und die rassistische Ideologie des 19. Jahrhunderts anschließt. Es handelt sich dabei um eine Abfolge dreier wissenschaftlich verbrämter Ideologien, die kurzschlußartig gesellschaftliche Prozesse mittels organismischer bzw. biologischer Konzepte erklären wollen.

Funktionelles Denken: Genetik (Teil 2)

8. Februar 2011

Von Herbert Spencer stammt die Aussage: „Leben ist die dauernde Anpassung innerer Beziehungen an äußere.“ Bereits 1865 postulierte Spencer

die Existenz physiologischer Bausteine – er siedelte sie irgendwo zwischen der Ebene der Zellen und der Ebene einfacher organischer Moleküle an –, die seiner Ansicht nach über die Fähigkeit der Selbstreproduktion verfügen und artspezifisch organisiert sein müßten. (John Brockman: Die Geburt der Zukunft, München 1987)

Heute wissen wir natürlich mehr über die Natur dieser „physiologischen Bausteine“, aber in Wirklichkeit sind wir trotz all der gentechnologischen Euphorie heute auch nicht viel weiter als Spencer.

So kann man z.B. gar nicht genau erklären, wie sich die DNA überhaupt reproduziert, d.h. was die Teilung verursacht. Hier kann nur Reichs Spannungs-Ladungs-Formel weiterhelfen, die die Zellteilung als orgastischen Vorgang verständlich macht. Im übrigen irrt sich Hans Hass gewaltig, wenn er phylogenetisch zuerst die Nukleinsäure auftreten läßt, die sich Hilfsorgane, also den Rest der Zelle schafft, um ihre eigene Reproduktion zu sichern – zumal hier Hass mit seiner eigenen Theorie in Konflikt gerät, wie wir noch sehen werden.

Ein Jahrzehnt bevor Hass‘ Wie der Fisch zum Menschen wurde (München 1979) herauskam, las ich das populärwissenschaftliche Buch Die Welt in der wir leben werden (Hrsg. Y.Z. Young und Tom Margerison, München 1969). Hier waren Bione („Proteinmikrosphären“) abgebildet, die man Anfang der 1960er Jahre, also 30 Jahre nach Reich, „entdeckt“ hatte. Unter der elektronenmikroskopischen Aufnahme sich spontan teilender Bione war da zu lesen:

Wie die Grundeinheit des Lebens, die einzelne Zelle, entstanden ist, weiß man nicht, aber es ist interessant, daß sich mikroskopisch kleine kugelige Gebilde etwa von der Größe einfachster Bakterien abtrennen, wenn die unter Wärmeeinwirkung gebildeten proteinähnlichen Ketten in einer Lösung abgekühlt werden. Die aneinanderliegenden konzentrischen Kugeln vermitteln den Eindruck von Zellen, die sich teilen; [unten] läßt eine elektronenmikroskopische Aufnahme deutlich eine doppelte, umschließende Schicht erkennen, die an eine Zellmembran erinnert. Solche kugeligen Gebilde sind noch weit von der lebenden Zelle entfernt, aber sie lassen vermuten, daß manche ihrer Grundstrukturen sich unter bestimmten Umständen aus rein chemischen Reaktionen entwickelt haben könnten.

Hier bei den Bionen, und damit bei der Orgasmusfunktion, ist der Grund zu suchen, wie und warum sich die DNA selbst reproduzieren kann. Die DNA ist nur ein Instrument des Lebens, nicht umgekehrt! Es muß die funktionelle Rangordnung wiederhergestellt werden.

Nach Hass ist das Erbrezept die „eigentliche und zentrale Regierung im Körper“ und „das gesamte Zentralnervensystem eine Hilfseinheit, die ihr einen Teil der Steuerungsgeschäfte abnimmt.“ So können wir Hass Reichs Kritik des mechanistischen Konzepts vom Gehirn als „Direktor“ des Körpers entgegenhalten. Für Reich bildet nämlich der Organismus „ein natürliches Kooperativ gleichwertiger Organe verschiedener Funktion“, dies sei die biologische Begründung der Arbeitsdemokratie. Und eine wirklich konsequente Energontheorie müßte hier an sich konform gehen, wenn selbst Hass schreibt:

Wir neigen zur Ansicht, die Grundlage zu unserem Fortschritt sei unser besonders entwickelter Geist gewesen, unsere Intelligenz. Das stimmt aber nur zur Hälfte. Denn eine zweite Voraussetzung war ebenso entscheidend: ein Organ mit dem wir künstliche Gebilde herstellen und mit unserem Körper verbinden konnten – unsere Hände.

Genauso wäre auch die DNA ohne Enzyme und das Protoplasma nichts.

Die Lebensenergie ist der wirkliche Motor des Lebens, aber Hass ist leider nicht bis zu ihr durchgedrungen. So kann Hass auch schreiben, die Frage, wie das Leben, die ersten Einzeller entstanden seien, würde „wohl für alle Zeit“ dem menschlichen Spürsinn entzogen sein und „ab Einsetzen des Lebensprozesses wird jedes Energon – stets und ausnahmslos – von anderen Energonen aufgebaut.“ So kann nur jemand schreiben, dem die Lebensenergie und ihre Schöpferkraft fremd ist.

Die Orgasmusformel, die Grundlage der biologischen „Arbeitsdemokratie“, bestimmt die Energone (jedenfalls jene, in denen sich die funktionelle Rangordnung noch nicht umgekehrt hat). Und hier könnte man dann wieder einen „anderen“, wirklich energontheoretischen Hass zitieren:

Die Energontheorie führt (…) unerbittlich zu der Schlußfolgerung (…), daß auch jene steuernde Struktur (…) bloß ein Funktionsträger wie alle übrigen ist, durchaus nicht Zentrum und Herr, sondern auch nur Diener. Der wirkliche „Herr“ ist und bleibt immer die auf Energieerwerb ausgerichtete Struktur. Diese kann – zumindest in manchen Fällen – auch ohne zentrale Steuerung ihre Leistung erbringen.

Das stimmt mit Reichs Aussage in Massenpsychologie des Faschismus überein, daß organismisches Funktionieren nicht vom Gehirn abhängt,

da sich die Organe des Organismus biologisch zweckmäßig betätigten, lange ehe es in Milliarden Organismen ein Gehirn gab. Und wie die Physiologie experimentell nachwies, funktionieren die wesentlichen Lebensfunktionen bei einem enthirnten Hund oder Huhn lange fort.

Aber auch die DNA ist für das Leben nicht unbedingt notwendig, jedenfalls zeigt Reichs Bion-Forschung, daß die Lebensfunktionen („Spannung-Ladung-Entladung-Entspannung“, Orgonom) älter sind als die in der DNA kodierte Information.

Die sekundäre Rolle der DNA tangiert natürlich auch die heikle Frage des Lamarckismus – und beide, Reich und Hass, sind ausgesprochene Lamarckisten. So wehrt sich z.B. Hass heftig dagegen, wie sonst in der offiziellen Biologie bei sexueller Fortpflanzung davon zu sprechen, daß „Fehler kombiniert werden“, vielmehr spricht er von der Kombination von Veränderungen,

weil immer noch offen ist, ob nicht doch, – wie Lamarck und Darwin vermuteten – eine Vererbung erworbener Eigenschaften stattfindet. Der Wirkungszusammenhang sähe dann so aus: Die Erbänderungen würden dann nicht bloß als Folge auftretender Fehler, der Mutationen, erfolgen. Vielmehr würden individuelle Anpassungen (wie sie zumindest den höheren Lebewesen auf Grund ihrer Regulationsfähigkeiten möglich sind) erblich werden. Die individuellen Veränderungen würden in diesem Fall während der Lebensdauer auf das Erbrezept zurückwirken, dieses abändern. Der Teilungsvorgang würde dann bereits an einem veränderten Erbrezept erfolgen.

Weniger direkt Lamarckistisch ist das energontheoretische Konzept, daß alle Strukturen des Organismus, also auch das Erbrezept, von der Notwendigkeit bestimmt werden, im Durchschnitt eine positive Energiebilanz zu erzielen. In diesen Zusammenhang gehört auch eine Frage, die Hass aufwirft: Wie kommt es zur „Koordination der Gene“? Wie konnten die Muskeln, Nerven, Knochen, Blutgefäße etc. sich so sinnvoll koordiniert entwickeln, wo doch vollkommen verschiedene Abschnitte in den Erbrezepten für sie zuständig sind?

Hätte jede der Entwicklungen stets auf mutative Fortschritte bei den anderen warten müssen, dann wäre eine solche gemeinschaftliche Entwicklung nie möglich gewesen.

Hass’ eigene Erklärungsversuche verlaufen recht unbefriedigend, denn er beruft sich einerseits auf den Zufall (durch die Zweigeschlechtlichkeit, d.h. durch immer neue Gen-Kombinationen, wären die statistischen Chancen für ein zufälliges Zusammenwirken der Gene sehr groß), andererseits aber auf die Notwendigkeit, denn auch wenn im einzelnen der Zufall herrsche, wäre die Gesamtentwicklung ganz und gar nicht zufällig, sondern halt durch die Notwendigkeit einer positiven Energiebilanz bestimmt.

Eine derartige Argumentation ist typisch für das Ausweichen vor Lebensenergie-Funktionen.

Die beiden Genetiker G. Ledyard Stebbins und Francisco J. Ayala vergleichen die Gene mit Mitgliedern eines Orchesters: „so virtuos sie auch als Solisten sein mögen, es entsteht doch Mißklang, wenn sie nicht dasselbe Stück spielen“ („Die Evolution des Darwinismus“, Spektrum der Wissenschaft, September, 1985).

Die Frage bleibt, „wer“ die Musik geschrieben hat, die sie spielen. Ich verweise nochmals auf die Abbildung im 1. Teil, die die Orgonom-Formen im menschlichen Organismus zeigt.


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