Mit ‘Gott ist tot’ getaggte Beiträge

Der zweifache Tod Gottes

1. Februar 2012

Im Prinzip gelten alle Welträtsel als gelöst (Leben = DNA, Physik: Quantenelektroynamik, Quarks und Urknall), die Welt aufgeteilt, der Weltfrieden ist ausgebrochen, einige wenige Kriege und Bürgerkriege dienen der Ausweitung der Demokratie, sogar der Sex ist besiegt und zu einem bloßen Witzobjekt gemacht – und alle fühlen sich elender als jemals zuvor. Das, und nicht irgendwelche atheistischen Erkenntnisse, ist der Tod Gottes. Die Welt erweist sich als leer, es gibt keine befreienden Lösungen, der unendliche Ozean, in den alles münden und sich in Wohlgefallen auflösen könnte, ist versiegt.

Nietzsche hat diesen Zustand sehr schön in seinem bekannten und fast durchweg mißverstandenen Aphorismus vom „tollen Menschen“ aus Fröhliche Wissenschaft beschrieben:

Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, — ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? (…) Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? (…) Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? (…) Es gab nie eine größere Tat, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!

Doch seine Zuhörer schwiegen und blickten befremdet auf ihn:

Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dieses ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. (…) Diese Tat ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe getan! (…)

Der Tod Gottes ist die Zerstörung der kompensatorischen Spiegelwelt, die auf der Spaltung der bioenergetischen Impulse in die Bereiche vor und nach dem Durchdringen des Panzers beruht. Der erstere Teil ist durch die Panzerung auf immer unzugänglich, wenn man von der alles durchdringenden „existentiellen Angst“ (dem nach innen gekehrten Lebenstrieb) absieht, und der zweite Teil wurde von der Aufklärung als Fata Morgana entlarvt. Was bleibt ist die Leere des Nihilismus – und die theoretische Chance die Zweiteilung aufzubrechen:

Der Narr mit der Laterne verkündet den Tod Gottes und erhält zur Antwort ein verächtliches und achselzuckendes „Na und?!“. Diesen Gleichgültigen wird das Lachen schon vergehen! Das Ereignis ist bereits eingetreten. Der definitive Tod aller Träume, aller Hoffnung, aller Theorien, aller Utopien. Das hypnotisierende Theaterspiel ist vorbei und über kurz oder lang werden die Menschen merken, daß die Lichter angehen. Dann werden sie dem folgen, der den Weg zum Ausgang weist. Das große, ungeheuerliche Geheimnis ist, daß der Mensch gepanzert ist. Er sitzt in der Falle.

Doch vorerst will niemand etwas von der Orgonomie wissen, weil sie den Tod Gottes verkündet. Sie ist die einzige Lebensanschauung, die das tut. Es geht nicht darum, daß die Orgonomie zu kompliziert ist oder so. Ich kenne Leute, die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag den abwegigsten Hobbys hingeben, sich in ultrakomplizierte PC-Spiele einarbeiten und andere Sachen tun, für die ich einfach nicht die Nerven hätte. Nur an bestimmte Dinge darf man nicht rühren: für die ist nie Zeit, die sind immer viel zu verwickelt oder zu obskur.

Reich: „(…) man hört nicht gern, daß einem das Lebensglück zerbrochen wurde und man eine vertane Zukunft hinter sich hat“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 269). Die Botschaft der Orgonomie ist für die gepanzerten Menschen unerträglich. Das erinnert mich an Reaktion Nietzsches auf Stirner: er flüchtete sofort nach Schopenhauer: „Lebensglück ist eh Illusion“. Andere hauen sich lieber die Birne zu: egal ob mit Tekno-Musik oder „intellektuellem“ Gebrabbel.

Aber sind die meisten Menschen nicht ohnehin Atheisten? Das ist ja gerade das Problem! Wenn es einfach gar keinen Gott gäbe und nie gegeben hätte, wenn es nichts geben könnte, was hätte sterben können, dann gäbe es auch keine Tragödie. Gott hat sich als Illusion erwiesen und damit gut. Es wäre einfach nur „das Ende einer Illusion“. Das war Freuds Position, die Position der Existentialisten und neuerdings die Position etwa einer Richard Dawkins.

Gott ist tot – und alle sagen gelangweilt „Ah, ja?!“ Ganz anders ist es, den Menschen „zu verkünden“, daß es einen wirklichen Gott gab, sie diesen aber getötet haben (sich abpanzerten) und dann in eine illusorische Welt flüchteten. Dann bringt „das Ende der Illusion“ (sozusagen der erste Tod Gottes) so gut wie gar nichts. Es ist vollkommen gleichgültig, ob dieser illusorische Gott tot ist oder lebt. Ganz anders sieht es aus, wenn man erfährt, daß das alles nur Spiegelgefechte sind und daß wir tatsächlich durch unsere Abpanzerung Gott buchstäblich ermordet haben. Es ist eine wirkliche TRAGÖDIE geschehen.

Nietzsche selbst hat in seinem Aphorismus die beiden Ebenen nicht klar auseinandergehalten. Er ist sich zwar bewußt, daß der Tod Gottes unendlich tiefreichendere Implikationen hat, als die gewöhnlichen, vollkommen kontaktlosen „Atheisten“ glauben, doch glaubt er, daß wir nun durch den Mord in eine „höhere Geschichte“ eingetreten sind, d.h. der Mensch erst jetzt wirklich frei ist. Nietzsche glaubte nicht etwa an die Zerstörung der Panzerung, sondern ganz im Gegenteil an die „Zucht“, d.h. daß man aus der Panzerung etwas machen könne, ein höheres Sein, etwa so wie man aus einem Kind durch strenge Zucht einen musikalischen Virtuosen machen kann. Kaum ein anderer Philosoph steht Reich näher – und gleichzeitig ferner. Siehe dazu Der verdrängte Nietzsche.

Der Kleine Mann im Kopf ist tot!

11. August 2010

Für Reich war das Funktionieren des Organismus Beispiel für eine Arbeitsdemokratie, wobei er sich gegen die gängige Vorstellung wandte, das Gehirn würde sozusagen als „Kommandozentrale“ dem Körper, der nichts als eine Maschine sei, Befehle erteilen. Die Mystiker setzen noch eins drauf und lassen wiederum das Gehirn den Befehlen des „Geistes“ folgen.

Entsprechend gibt es bei den Hirnforschern zwei Fraktionen: die mehr traditionelle Schule, der zufolge das Gehirn eine hierarchische Struktur hat und die moderne, für die das Gehirn mehr ein Netzwerk ist, vergleichbar mit dem Internet.

Das Problem ist, daß man die „Verdrahtung“ der einzelnen Hirnregionen nur sehr schwer verfolgen kann. Immerhin konnten nun die beiden amerikanischen Neurowissenschaftler Richard H. Thompson und Larry W. Swanson in einem kleinen Areal des Rattenhirns diese „Verdrahtung“ darstellen. Die Schaltkreise zeigten Muster mit ringförmigen Schlaufen, d.h. der Schaltplan wies auf ein Netzwerk hin. Swanson:

Wir fingen an einer Stelle an und schauten auf die Verbindungen. Es führte in eine sehr komplizierte Reihe von Schlaufen und Kreisen. Es ist kein Organisationsdiagramm. Es gibt kein oben und unten.

Swanson zufolge erklärt ein Vergleich mit dem Internet, wie es dem Gehirn gelingt, begrenzte Beschädigungen vollständig wettzumachen.

Das Internet wurde ja auch explizit deshalb vom Pentagon ins Leben gerufen, weil Schäden in einem Teil des weltweiten Computernetzwerks, etwa durch einen Atomschlag, den Rest so gut wie gar nicht involvieren. Genauso gibt es, Swanson zufolge, im Gehirn normalerweise alternative Nervenwege, so daß kein Teil des Gehirns prinzipiell lebenswichtiger ist als jeder beliebige andere.

Ich erinnere an meinen Blogeintrag über orgonotische Funktionen im Pflanzenreich und die Rolle der Nichtlokalität, die durch das Netzwerk aus Pilzfäden verkörpert wird, welche die Pflanzen zu einem Wood Wide Web verbänden. Offensichtlich geschieht ähnliches auch in unserer Dachstube. Die Nichtlokalität würde auch zwanglos „Geist“ und „Bewußtsein“ erklären. Ich bin darauf bereits im Zusammenhang von F.A. Langes Einfluß auf Reich eingegangen.


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