Posts Tagged ‘Gott ist tot’

In der Sexkiste zum höheren Bewußtsein

7. Mai 2015

Es wird ein Orgonenergie-Akkumulator angeboten, der Raum für gleichzeitig zwei Personen bietet.

Der ORAC für zwei ist ein Engel-Energie-Akkumulator für Meditation und für Tantra, d.h. man kann in diesem Akku auch zu zweit sitzen.

Daß man im Lotussitz innerhalb des Akkumulators meditiert, kann ich ja noch ertragen, aber die tantrischen Liebesstellung bzw. Meditationsstellung (Yab Yum) innerhalb des Großakkumulators…

Reich wurde zur Strecke gebracht, indem der Orgonenergie-Akkumulator als eine Art „Sexkiste“ hingestellt wurde, mit bzw. in der Leute unaussprechliche Dinge tun. Diesen zerstörerischen Gerüchten neue Nahrung zu geben, ist schon schlimm genug, dies dann aber auch noch mit dem Nonplusultra an orgastischer Impotenz zu verknüpfen, nämlich dem Tantrismus…

Allein schon dieses (angeblich) „esoterische“ Getue. Der dänische Lama Ole Nydahl hat einmal den „tibetischen Weg zur Buddhaschaft“ wie folgt umrissen: man ziehe die Maske Buddhas so lange über sein Gesicht, bis man schließlich identisch mit der Maske und damit selbst zum Buddha wird.

Oder anders ausgedrückt: das authentische, eigene Ich wird durch verinnerlichte „Hierarchien“, d.h. durch das „Über-Ich“ verdrängt (vgl. Die Massenpsychologie des Buddhismus). Jede spontane Regung wird durch Schauspielerei erstickt. Das ist der Kern des Tantrismus.

Wenn sich dies sogar auf die genitale Umarmung ausweitet, – grundsätzlicher kann man die Orgonomie gar nicht negieren.

Ich mache mir zunehmend Sorgen darüber, daß der Mystizismus (und letztendlich die Emotionelle Pest) die Orgonomie von innen heraus aushöhlen und zerstören könnte.

Was ist „Mystizismus“? Reichs Definition in Äther, Gott und Teufel drehte sich um die Vorstellung der Mystiker, daß der Geist vom Körper unabhängig funktionieren könne.

Ganz offensichtlich beruhte Reichs Abgrenzung gegen den Mystizismus auf einer nur schwer haltbaren Position, denn bereits während seiner bio-elektrischen Versuche in den 1930er Jahren und seiner Untersuchung des schizophrenen Charakters Anfang der 1940er Jahre hatte er Hinweise darauf gefunden, daß „psychische“ Funktionen ganz und gar nicht auf den Körper beschränkt sind, sondern mit dem in die Umgebung ausgreifenden Orgonenergie-Feld des Körpers verknüpft sind. Entsprechend bringt uns Reichs Definition des Mystizismus nicht sehr weit. Sie liefert eher dem Mystizismus die Argumente frei Haus!

Es findet sich jedoch in Äther, Gott und Teufel ein zweiter Einwurf, bei dem Reich der Anschauung entgegentritt, daß man psychische Funktionen durch das Postulat einer Art „Kontrollzentrums“ im Sinne eines „kleinen Mannes im Kopf“ erklären könnte. Dieser wäre, so legen es jedenfalls die Vertreter einer mystischen Lebensanschauung nahe, das Zentrum unseres subjektiven Empfindens und kontrolliere unseren Körper, letztendlich „unser“ ganzes Universum.

Für mich ist das der Kern des Mystizismus und gleichzeitig das diametrale Gegenteil von allem, was gut an den spirituellen Traditionen ist. (Etwa die Dreieinigkeit im Christentum, weil Gott die Liebe ist, und es ihn deshalb als monolithischen Götzen nicht geben kann. Oder die Vorstellung im Buddhismus, daß das verhärtete Ich eine selbstschädigende Illusion ist.) Die Vorstellung eines „Kontrollzentrums“, sozusagen eines „Führers“, ist Emotionelle Pest!

Das wird in allen angeblich „esoterischen“ Lehren evident, die den Menschen auf solch ein „Kontrollzentrum“ reduzieren. Insbesondere ist dies so in der Scientology. Die kriminellen Übergriffe, von denen man im Weltnetz liest (beispielsweise mußte Scientology offiziell zugeben, daß es zu Gewaltexzessen innerhalb der Führungselite gekommen ist), sind direkter Ausfluß einer Weltanschauung, in der der Körper eine bloße Maschine ist, die vom geistigen Kontrollzentrum bedient wird. „Spirits in a material world.“

Für Reich war das Funktionieren des Organismus Beispiel für eine Arbeitsdemokratie, wobei er sich gegen die gängige Vorstellung wandte, das Gehirn würde sozusagen als „Kommandozentrale“ dem Körper, der nichts als eine Maschine sei, Befehle erteilen. Die Mystiker setzen noch eins drauf und lassen wiederum das Gehirn den Befehlen des „Geistes“ folgen.

Entsprechend gibt es bei den Hirnforschern zwei Fraktionen: die mehr traditionelle Schule, der zufolge das Gehirn eine hierarchische Struktur hat und die moderne, für die das Gehirn mehr ein Netzwerk ist, vergleichbar mit dem Internet.

Das Problem ist, daß man die „Verdrahtung“ der einzelnen Hirnregionen nur sehr schwer verfolgen kann. Immerhin konnten die beiden amerikanischen Neurowissenschaftler Richard H. Thompson und Larry W. Swanson in einem kleinen Areal des Rattenhirns diese „Verdrahtung“ darstellen. Die Schaltkreise zeigten Muster mit ringförmigen Schlaufen, d.h. der Schaltplan wies auf ein Netzwerk hin. Swanson:

Wir fingen an einer Stelle an und schauten auf die Verbindungen. Es führte in eine sehr komplizierte Reihe von Schlaufen und Kreisen. Es ist kein Organisationsdiagramm. Es gibt kein oben und unten.

Swanson zufolge erklärt ein Vergleich mit dem Internet, wie es dem Gehirn gelingt, begrenzte Beschädigungen vollständig wettzumachen.

Das Internet wurde ja auch explizit deshalb vom Pentagon ins Leben gerufen, weil Schäden in einem Teil des weltweiten Computernetzwerks, etwa durch einen Atomschlag, den Rest so gut wie gar nicht involvieren. Genauso gibt es, Swanson zufolge, im Gehirn normalerweise alternative Nervenwege, so daß kein Teil des Gehirns prinzipiell lebenswichtiger ist als jeder beliebige andere.

Ein weiteres Element, das den Mystizismus auszeichnet, ist der Obskurantismus, der ihn stets begleitet. Mystisch verseuchte Menschen sind zu unglaublich abwegigen Vorstellungen in der Lage, was nicht zuletzt Scientology zeigt. Das beruht darauf, daß körpereigene Prozesse als fremd wahrgenommen werden, so als hätten sie ihren Ursprung „jenseits“ des eigenen Körpers oder kämen aus anderen Dimensionen (Charakteranalyse, KiWi, S. 617).

Dieser anarchische Zug ist das funktionelle Gegenstück zum erwähnten tyrannischen Zug („der innere Führer“). Beides ist unmittelbarer Ausdruck der Panzerung, die stets mit einem Zerfall des einheitlichen Funktionierens und der Reorganisation auf niedrigerem Niveau einhergeht.

Gerät die Orgonomie in die Hände von Menschen, die entsprechend strukturiert sind, droht sie in einer Flut aus zügellosem Obskurantismus zu ertrinken. Man nehme beispielsweise das folgende Interview mit dem amerikanischen „Esoteriker“ Jordan Maxwell zum Thema Wilhelm Reich und Sexualsymbolik:

Maxwell ist ganz allgemein von Reich fasziniert, im besonderen jedoch von dessen Orgasmustheorie. Er behandelt das Thema respektvoll und im großen und ganzen korrekt. Aber im Verlauf des Interviews wird das Thema zunehmend in einer geradezu pornographischen Symbolik und etymologischen Absurditäten erstickt. Schließlich wird angedeutet, die führenden Politiker der Erde seien in Wirklichkeit Außerirdische, etc. Der übliche Müll über „Illuminati“. Alles wird „sexualökonomisch“ erklärt, nur nicht die eigene Psychose!

Ich fürchte, daß diese Art von „Orgonomie“ die Zukunft gehört. Nichts schreckt diese Leute, nicht einmal die Orgasmustheorie – die gnadenlos ihrer Bedeutung beraubt wird. Bereits in Der Blaue Faschismus habe ich mich damit auseinandergesetzt, wie Reichs Einsichten instrumentalisiert werden können.

Der zweifache Tod Gottes

1. Februar 2012

Im Prinzip gelten alle Welträtsel als gelöst (Leben = DNA, Physik: Quantenelektroynamik, Quarks und Urknall), die Welt aufgeteilt, der Weltfrieden ist ausgebrochen, einige wenige Kriege und Bürgerkriege dienen der Ausweitung der Demokratie, sogar der Sex ist besiegt und zu einem bloßen Witzobjekt gemacht – und alle fühlen sich elender als jemals zuvor. Das, und nicht irgendwelche atheistischen Erkenntnisse, ist der Tod Gottes. Die Welt erweist sich als leer, es gibt keine befreienden Lösungen, der unendliche Ozean, in den alles münden und sich in Wohlgefallen auflösen könnte, ist versiegt.

Nietzsche hat diesen Zustand sehr schön in seinem bekannten und fast durchweg mißverstandenen Aphorismus vom „tollen Menschen“ aus Fröhliche Wissenschaft beschrieben:

Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, — ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? (…) Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? (…) Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? (…) Es gab nie eine größere Tat, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!

Doch seine Zuhörer schwiegen und blickten befremdet auf ihn:

Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dieses ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. (…) Diese Tat ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe getan! (…)

Der Tod Gottes ist die Zerstörung der kompensatorischen Spiegelwelt, die auf der Spaltung der bioenergetischen Impulse in die Bereiche vor und nach dem Durchdringen des Panzers beruht. Der erstere Teil ist durch die Panzerung auf immer unzugänglich, wenn man von der alles durchdringenden „existentiellen Angst“ (dem nach innen gekehrten Lebenstrieb) absieht, und der zweite Teil wurde von der Aufklärung als Fata Morgana entlarvt. Was bleibt ist die Leere des Nihilismus – und die theoretische Chance die Zweiteilung aufzubrechen:

Der Narr mit der Laterne verkündet den Tod Gottes und erhält zur Antwort ein verächtliches und achselzuckendes „Na und?!“. Diesen Gleichgültigen wird das Lachen schon vergehen! Das Ereignis ist bereits eingetreten. Der definitive Tod aller Träume, aller Hoffnung, aller Theorien, aller Utopien. Das hypnotisierende Theaterspiel ist vorbei und über kurz oder lang werden die Menschen merken, daß die Lichter angehen. Dann werden sie dem folgen, der den Weg zum Ausgang weist. Das große, ungeheuerliche Geheimnis ist, daß der Mensch gepanzert ist. Er sitzt in der Falle.

Doch vorerst will niemand etwas von der Orgonomie wissen, weil sie den Tod Gottes verkündet. Sie ist die einzige Lebensanschauung, die das tut. Es geht nicht darum, daß die Orgonomie zu kompliziert ist oder so. Ich kenne Leute, die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag den abwegigsten Hobbys hingeben, sich in ultrakomplizierte PC-Spiele einarbeiten und andere Sachen tun, für die ich einfach nicht die Nerven hätte. Nur an bestimmte Dinge darf man nicht rühren: für die ist nie Zeit, die sind immer viel zu verwickelt oder zu obskur.

Reich: „(…) man hört nicht gern, daß einem das Lebensglück zerbrochen wurde und man eine vertane Zukunft hinter sich hat“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 269). Die Botschaft der Orgonomie ist für die gepanzerten Menschen unerträglich. Das erinnert mich an Reaktion Nietzsches auf Stirner: er flüchtete sofort nach Schopenhauer: „Lebensglück ist eh Illusion“. Andere hauen sich lieber die Birne zu: egal ob mit Tekno-Musik oder „intellektuellem“ Gebrabbel.

Aber sind die meisten Menschen nicht ohnehin Atheisten? Das ist ja gerade das Problem! Wenn es einfach gar keinen Gott gäbe und nie gegeben hätte, wenn es nichts geben könnte, was hätte sterben können, dann gäbe es auch keine Tragödie. Gott hat sich als Illusion erwiesen und damit gut. Es wäre einfach nur „das Ende einer Illusion“. Das war Freuds Position, die Position der Existentialisten und neuerdings die Position etwa einer Richard Dawkins.

Gott ist tot – und alle sagen gelangweilt „Ah, ja?!“ Ganz anders ist es, den Menschen „zu verkünden“, daß es einen wirklichen Gott gab, sie diesen aber getötet haben (sich abpanzerten) und dann in eine illusorische Welt flüchteten. Dann bringt „das Ende der Illusion“ (sozusagen der erste Tod Gottes) so gut wie gar nichts. Es ist vollkommen gleichgültig, ob dieser illusorische Gott tot ist oder lebt. Ganz anders sieht es aus, wenn man erfährt, daß das alles nur Spiegelgefechte sind und daß wir tatsächlich durch unsere Abpanzerung Gott buchstäblich ermordet haben. Es ist eine wirkliche TRAGÖDIE geschehen.

Nietzsche selbst hat in seinem Aphorismus die beiden Ebenen nicht klar auseinandergehalten. Er ist sich zwar bewußt, daß der Tod Gottes unendlich tiefreichendere Implikationen hat, als die gewöhnlichen, vollkommen kontaktlosen „Atheisten“ glauben, doch glaubt er, daß wir nun durch den Mord in eine „höhere Geschichte“ eingetreten sind, d.h. der Mensch erst jetzt wirklich frei ist. Nietzsche glaubte nicht etwa an die Zerstörung der Panzerung, sondern ganz im Gegenteil an die „Zucht“, d.h. daß man aus der Panzerung etwas machen könne, ein höheres Sein, etwa so wie man aus einem Kind durch strenge Zucht einen musikalischen Virtuosen machen kann. Kaum ein anderer Philosoph steht Reich näher – und gleichzeitig ferner. Siehe dazu Der verdrängte Nietzsche.


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