Posts Tagged ‘Exil’

Der Rote Faden: Der Friedenskämpfer Nr. 1

8. August 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Der rote Parasit

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

nachrichtenbrief6

4. April 2017

Der Rote Faden: Reich und Trotzki

10. Juni 2016

Seit 1980 ist durch das Trotzki-Archiv eine kurze Korrespondenz zwischen Reich und Trotzki zugänglich (Karl Fallend: „Späte Kontakte: Reich-Trotzki-Briefe“, Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik., Jg. 4, Nr. 1/2, 1987, S. 75-84). Zusätzlich seit 1992 ein Brief von Heinz Epe (Walter Held) an Albert Glotzer über das Treffen von Reich und Trotzki Anfang 1936 in Oslo (Fritz Erik Hoevels: Wilhelm Reichs Beiträge zur Psychoanalyse, Ahriman, 2001, S. 286f)

In einem Brief vom Oktober 1933 bat Reich Trotzki um ein Treffen, um über Reichs Enttäuschung hinsichtlich der kommunistischen Bewegung und auch über seine sexualpolitische Arbeit und deren Beziehung zur revolutionären Politik zu sprechen. Reich legte ein Exemplar seiner soeben erschienenen Massenpsychologie des Faschismus bei.

Insbesondere ist interessant wie Reich auf seine Sexpol-Aktivitäten in Berlin zurückblickt: Er habe in Deutschland seit 1931 die kommunistische sexualpolitische Bewegung organisiert. In Westdeutschland sei die Zusammenfassung von 40 000 Mitgliedern (der insgesamt 300 000 Mitglieder umfassenden Sexualreformbewegung) gelungen. Er habe zwei Jahre einen aufreibenden Kampf gegen die Parteibürokratie gefochten, um eine genuin kommunistische sexualpolitische Linie auszuarbeiten. Er sei jedoch seiner Leitungsfunktion enthoben worden und die Bewegung brach in sich zusammen. Nun versuche er die Kräfte international zu bündeln. Es sei eine eigene sexualpolitische Massenorganisation vonnöten, doch dies ginge nicht ohne Anbindung an eine politische Partei. Aus diesem Grunde wende er sich nun an Trotzki.

Rein politisch habe ich mich von der grundsätzlichen Richtigkeit Ihrer Auffassungen überzeugt und verfolge aufmerksam die Arbeit der L.O. [d.h. der „Trotzkistischen“ linken Opposition in der kommunistischen Bewegung]. Obwohl ich selbst immer weniger an die Möglichkeit einer Wiederherstellung der kommunistischen Partei glaube, konnte ich mich noch nicht restlos mit der Frage der Gründung einer neuen Partei ins Klare bringen. Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß so groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden. Sollte ich ausgeschlossen werden oder aber die Politik der Komintern, wie etwa die Außenpolitik der SU, nicht mehr durch Mitgliedschaft mitverantworten können und selbst austreten, dann bliebe zunächst nur die Möglichkeit, eine Zeitlang parteilos weiterzuarbeiten und die neue parteiliche Bindung abzuwarten. Da meine Arbeit sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Hinsicht ein neues, bisher brachliegendes Gebiet der revolutionären Front betrifft, muß ich mir einige Selbständigkeit bewahren, ohne Partisan sein zu wollen, solange, bis entweder die revolutionäre Partei grundsätzlich einverstanden ist [oder?].

Trotzki antwortete am 7. November 1933, daß er auf Reichs Gebiet nicht sonderlich bewandert sei, doch an einem weiteren Austausch durchaus interessiert sei.

Zwei Jahre später am 10. September 1935 schrieb Reich an Trotzki, um dessen Meinung über sein Manuskript Masse und Staat (das später in Die Massenpsychologie des Faschismus Eingang fand) einzuholen. Trotzkis Antwort vom 18. September 1935 war fast identisch mit seiner Antwort 1933.

Bemerkenswert ist, daß Trotzkis Buch Die verratene Revolution in Norwegen zu der Zeit geschrieben wurde, als er mit Reich in Kontakt stand und daß zuvor Reich seine eigene „Die verratene Revolution“ an Trotzki gesandt hatte: Masse und Staat. Reich hatte das Manuskript damals nicht veröffentlicht, sondern nur an einige „Genossen“ geschickt – inklusive Stalin. Eine revidierte Fassung wurde erstmals 1946 in The Masspsychology of Fascism veröffentlicht.

Es ist möglich, daß Trotzki Reichs Manuskript las und daß es Die verratene Revolution beeinflußt hat.

Die verratene Revolution hatte zwei Effekte. Indem das Buch Stalins Haß explodieren ließ:

  1. löste es unmittelbar die blutigen Säuberungen, die Moskauer Prozesse von 1937 und 1938 aus; und
  2. hatte Trotzki mit der Veröffentlichung dieses Buches sein endgültiges Todesurteil unterschrieben.

Mit seinem Manuskript hat demnach Reich vielleicht ungewollt zum Tod von Hunderttausenden beigetragen – und sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Nach der Veröffentlichung von The Masspsychology of Fascism wurde er von den amerikanischen Stalinisten als „Psychofaschist“ angegriffen – und ein Jahr später startete die Stalinistin Mildred Brady die Kampagne, die schließlich in Reichs Verhaftung und Tod im Gefängnis kulminierte.

Auf jeden Fall wird man in Moskau die Kontakte von Reich und Trotzki, bei denen es immerhin um organisatorische Fragen ging, mit äußerstem Interesse verfolgt haben! Wenn man etwa Dimitri Wolkogonows Buch über Trotzki (Das Janusgesicht der Revolution, Düsseldorf 1992) liest, wird es zur Gewißheit, daß in solchen Fällen Stalin höchstpersönlich informiert wurde. Er wurde ohnehin über alles, was im Umfeld Trotzkis geschah, auf dem Laufenden gehalten. Jede kleinste Einzelheit! Wolkogonow macht zwei bemerkenswerte Beobachtungen:

  1. Trotzki befand sich zwischen dem 18. Juni 1935 und dem 19. Dezember 1936 in Oslo – ein ziemlich langer Zeitraum! Agent „Gamma“ berichtete im November 1936 nach Moskau, daß aufgrund einer Übereinkunft zwischen Norwegen und der Sowjetunion die Korrespondenz Trotzkis geöffnet werde. Trotzki wurde nicht nur überwacht, es gab dabei auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Norwegen und der SU. Wurde Reichs Korrespondenz ebenfalls geöffnet? War er schon damals mehr im sowjetischen Netz gefangen, mit aktiver Unterstützung durch die Norweger, als er jemals zu denken gewagt hat?
  2. Wolkogonow beschreibt all die kleinen Parteien zwischen den stalinistischen KPs (Dritte Internationale) und den „revisionistischen“ SPs (Zweite Internationale). Parteien und Bewegungen wie Willy Brandts SAP oder Karl Franks Neu Beginnen (man könnte auch Reichs Sexpol nennen). Einige dieser „Zwischenparteien“ waren mit der Trotzkistischen „Vierten Internationalen“ verbunden. Wolkogonow, der seine Informationen aus den Geheimarchiven des KGB schöpfte, schreibt, daß diese Parteien nicht nur Mitglieder umfaßten, die (wie Reich) zuvor aus den KPs und SPs ausgeschossen worden waren, sondern auch eine ganze Reihe von GPU-Agenten, die alle Inforationen umgehend nach Moskau weiterleiteten. Als schließlich die Vierte Internationale am 3. September 1938 gegründet wurde (tatsächlich hatte sie seit 1933 funktioniert), gab es nur einen Trotzkistischen Repräsentanten für Rußland: Mark Sborowski, einer von Trotzkis engsten Mitarbeitern – und Agent der GPU.

Zur Verdeutlichung: die Zweite Internationale scheiterte am Ersten Weltkrieg, so daß sie mit einiger Berechtigung durch die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale abgelöst wurde. 1923 gründeten die Sozialdemokraten die Sozialistische Arbeiterinternationale, die bis 1940 bestand hatte. 1951 wurde die Sozialistische Internationale durch Kurt Schumacher ins Leben gerufen.

Mark Sborowski (1908-1990) war Sohn russischer Emigranten in Polen und dort Mitglied der KP. Er wanderte nach Frankreich aus und trat dort in den Dienst der GPU. Auf Wikipedia heißt es über ihn (hier „Zborowski“ genannt):

In Paris arbeitete Zborowski ab 1933 unter dem Namen Etienne als stalinistischer Spion in den Reihen der trotzkistischen Bewegung in Frankreich. Seine Berichte wurden von Stalin persönlich gelesen. Er gilt als Beteiligter an der Ermordung von Erwin Wolf und Ignaz Reiss 1937, sowie Leo Sedow [Trotzkis Sohn] und Rudolf Klement 1938. Nach Sedows Tod wurde Zborowski Herausgeber und Redakteur des „Bulletins der Opposition“. Im September 1938 machte er Ramón Mercader mit der Trotzkistin Sylvia Ageloff bekannt, was diesem 1940 Zugang zu Leo Trotzki verschaffte und das tödliche Attentat auf ihn ermöglichte. Zborowski erhielt an der Sorbonne ein Diplom als Fachmann für Ethnologie und betrieb erfolgreich anthropologische Forschung. 1941 emigrierte er in die USA, wo er seine Agententätigkeit gegen die Vierte Internationale fortsetzte. In den 1950ern wurde er enttarnt und mußte vor einem Senatsausschuß für Innere Sicherheit aussagen. 1962 wurde er wegen Meineids verurteilt und saß zwei Jahre in Haft.

Wolkogonow beschreibt das Schicksal von Sborowski in Amerika. Beispielsweise gaben Margaret Mead und Sborowski 1952 eine ethnologische Studie über Juden in Osteuropa heraus. Mead war mit Sborowski engbefreundet und sollte ihn stets unterstützen. William Steig, Reichs Mitarbeiter, war von 1936 bis 1949 mit Elizabeth Steig (1909–1983), der Schwester von Margaret Mead verheiratet.

Es ist ziemlich aufschlußreich Stalins Kampagne gegen Trotzki und wie die geradezu dämonische Schmierkampagne funktionierte (sogar wohlmeinende Linke fingen an Trotzki als den letzten Dreck zu betrachten), mit der Schmierkampagne gegen Reich zu vergleichen!

Es muß aber auch gesagt werden, daß Trotzki eine Art „Ur-Stalin“ war. Stalin führte eine rein „Trotzkistische“ Politik durch: erzwungene Industrialisierung, Militarisierung der Gesellschaft, extrem anti-kapitalistische Maßnahmen, sektiererische ideologische Vereinheitlichung, Dogmatismus, Zensur, etc.pp. Sie, Trotzki und Stalin, haßten einander so sehr, weil sie, bei allen z.T. krassen Unterschieden der Persönlichkeit, sich in mancher Hinsicht so sehr glichen. Es war Trotzki, der als erster die Idee hatte Gefangene als Arbeitssklaven für den „Aufbau des Sozialismus“ zu nutzen. Natürlich war Trotzki nicht solch ein psychopathologisches Monster wie Stalin, aber er war ein „ideologisches Monster“. Ein hervorragendes Beispiel für den pseudo-liberalen „modern-liberal character”. Bronstein sprach Deutsch und auf Deutsch klingt der Name „Trotzki“ wie „Trotz”. Ödipaler Trotz gegen das „Establishment“.

Stalin ließ aus persönlichen Gründen töten, Trotzki wegen der „historischen Notwenigkeit”. Ich würde soweit gehen, daß bis etwa 1928 Stalins Herangehensweise weit rationaler und humaner war als die Trotzkis. Genau aus diesem Grund wurde er auch von den Apparatschiks vorgezogen, die Angst vor dem „Bonaparte“ Trotzki hatten. Danach verwirklichte Stalin genau das, was Trotzki zuvor gepredigt hatte: erzwungene Industrialisierung, Ausbeutung der „kleinbürgerlichen“ Bauernschaft um die Industrialisierung voranzubringen, Militarisierung aller Lebensbereiche, „Proletarisierung“ der Kader, so daß mediokere Volldeppen wie Chruschtschow und Breschnew an die Macht gelangen konnten, „proletarische Erbarmungslosigkeit“, das für Trotzki so typische Sektierertum, etc.pp.

Selbst der Hang zu Verschwörungstheorien, beispielsweise die „Sozialfaschismus“-Theorie, war zunächst bei Trotzki zu finden. Circa 1924 peinigte diesen die Frage, wie es möglich sei, daß je höher eine kapitalistische Gesellschaft entwickelt ist, desto schwächer die KP in dem betreffenden Land ist. Seine Antwort: die Sozialdemokratie sei zu einem Erfüllungsgehilfen amerikanischer Kapitalinteressen geworden (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 90). Wenn etwas nicht nach Marxistischer Theorie lief, dann war nicht etwa die Theorie falsch, sondern Eingriffe von außen brachten die „historischen Gesetzmäßigkeiten“ durcheinander.

Und noch etwas zu Stalin: Wenn man Wolkogonows Buch über Stalin (Triumph und Tragödie, Düsseldorf 1993) liest: Stalin gab eine perfekte „Charakteranalyse“ jedes einzelnen der alten hochintellektuellen Bolschewisten, die er einen nach dem anderen umbringen ließ. Stalin selbst legte die charakterologische Basis des Kommunismus offen!

Soweit zur „Ehrenrettung“ Reichs als „Anti-Stalinisten“.

In Reichs vom Kommunismus inspirierten Werken finden sich Aussagen, die allem widersprechen, wofür Reichs Konzept der „fachbewußten“ Arbeitsdemokratie steht. Zum Beispiel wollte Reich in den 1930er Jahren ganz nach kommunistischem Muster die Stellung des Industrieproletariats ausnutzen, um als „Gegengewicht gegen die eng zünftlerischen und eng berufsfachlichen Interessen, die der Kapitalismus unter den Arbeitern gezüchtet hat“, zu wirken (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 228, d.h. im „Trotzkistischen“ Kapitel „Masse und Staat“). Reichs reife Position hat wirklich rein gar nichts mehr mit derartigen Marxismen zu tun.

Im Juni 1922 befaßte sich das Politbüro auf Initiative Lenins mit den „antisowjetischen Gruppierungen“ innerhalb der Intelligenz. Der hierzu gefaßte Beschluß, der in erster Linie auf Unschlicht, Kurski und Kamenew zurückging, glich den Richtlinien der mittelalterlichen Inquisition. Unter anderem wurde angeordnet, eine „Aussonderung bei den Studenten“ vorzunehmen, mit dem Ziel einer „strengen Aufnahmebeschränkung für Studenten nicht-proletarischer Herkunft und politisch unzuverlässiger Elemente“. Zudem sollte „eine sorgfältige Überprüfung aller Presseorgane“ durchgeführt werden. Man verfügte weiterhin, „daß weder Kongresse noch sonstige Versammlungen diverser Spezialisten (Ärzte, Agronome, Ingenieure, Rechtsanwälte usw.) durchgeführt werden dürfen, die nicht durch den NKWD genehmigt worden sind. Örtliche Kongresse oder Versammlungen dieser Personengruppen werden durch die Exekutivkomitees des Gouvernements kontrolliert. Gewerkschaftliche Vereinigungen dieser speziellen Berufsgruppen werden gesondert behandelt und aufmerksam beobachtet. (Dimitri Wolkogonow: Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf 1994, S. 137f)

Aber zurück zum Thema: Im folgenden beziehe ich mich auf Natalja Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume: die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924 – 1938), Klinkhardt Verlag, 2005, S. 243 plus Dokument 20 und auf Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron (FS&G, 2011, S. 188f).

Otto Ernst Knobel (alias Brand), Jahrgang 1908, stammte aus Schwerin. 1922-1928 Besuch der Karl-Marx-Aufbauschule in Neukölln, Freundschaft mir Bruno Krömke. Mitglied des Sozialistischen Schüler-Bundes (SSB) und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Schulkampf. Seit 1927 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland (KJVD), seit 1929 in der KPD, Redakteur der Zeitung Kommunistische Jugendinternationale. Er studierte fünf Semester an der Berliner Universität. 1933 Emigration nach Paris ohne die Partei um Einwilligung zu bitten. Er bekommt keinen offiziellen Emigrantenstatus zuerkannt. In Paris Kontakt mit Trotzkisten.

Zu dieser Zeit (1934) besuchte auch Reich die französische Hauptstadt und traf dort mit einigen Trotzkistischen Vertretern zusammen, die, nach seinen Angaben, alle Die Massenpsychologie des Faschismus gelesen hatten. Rückkehr Knobels nach Deutschland. 1935 Emigration nach Frankreich und Dänemark. In Kopenhagen arbeitet er in Reichs Verlagshaus. Das erwähnte Treffen in Paris sei vermutlich, so Christopher Turner, von Knobel arrangiert worden, der zu den Trotzkisten fand, bevor er zu Reich nach Dänemark ging. Er könnte es gewesen sein, der die Pariser Trotzkisten mit Exemplaren von Die Massenpsychologie des Faschismus versorgt hatte. Später gibt er an, mit Reich wegen persönlicher Konflikte gebrochen zu haben. Jedoch sagten andere Genossen bei den Verhören in Moskau aus, daß er mit Reichs Einwilligung zunächst nach Berlin ging und dann einen Monat später über Intourist in die UdSSR kam. Er habe Reich derartig nahegestanden, daß er dessen Briefe an Trotzki las und sogar selbst abgeschickt hatte.

Nachdem Knobel im Juni 1935 in der UdSSR ankommt, zeitweilige Arbeit am Moskauer Elektrotechnischen Institut für Nachrichtenwesen. Seit September 1935 unterrichtet er an der Karl-Liebknecht-Schule (Werken bzw. „Technologie“), ab September 1936 Klassenleiter und Biologielehrer, verantwortlich für das Biologiekabinett. Im Sommer 1936 einer der Leiter bei der Schulreise zum Sewan-See (Armenien). Im April 1936 informierte die Kaderabteilung die zuständigen Behörden über Knobels Vergangenheit. Er wird Anfang Oktober 1936 verhaftet und im Juni 1937 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Vermutlich ist er im Lager ums Leben gekommen.

Turner:

Das Komintern-Dokument das ihn stigmatisierte, ein Bericht von 1936 mit dem Titel „Trotzkisten und andere feindliche Elemente in der Emigrantengemeinde der deutschen KP“ [Dokument 20] beschuldigte Knobel Reich beim Verfassen und Übersenden seiner Briefe an Trotzki geholfen zu haben und behauptete, daß Reich „aus der KPD wegen Trotzkismus ausgeschlossen worden war“ (William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934-1939, New Haven: Yale University Press, 2001, S. 166). Wahrscheinlich haben Sowjetagenten Reichs [ersten] Brief an Trotzki abgefangen und möglicherweise hat das, ohne daß Reich dies ahnte, zu seinem Ausschluß aus der Dänischen Kommunisten Partei im darauffolgenden Monat beigetragen.

Turner zieht in Zweifel, daß Reich und Trotzki sich getroffen haben, obwohl sie in der gleichen Stadt lebten, Oslo. Sein überzeugendes Argument: es paßt einfach nicht zu Reichs Ego, daß er darüber für den Rest seines Lebens Schweigen gewahrt hätte. Aber Reich hat Trotzki tatsächlich im April 1936 zu einer eingehenden Unterredung getroffen. Siehe dazu Christiane Rothländers extrem wertvolles Buch Karl Motesiczky 1904-1943 (Wien 2010, S. 217f).

Beispielsweise hat auch Willy Brandt Trotzki nie getroffen, obwohl Trotzki 1935 und 1936 der bei weitem prominenteste politische Flüchtling in Norwegen war. Zwar wurde Brandt Anfang 1935 mitgeteilt, er könne Trotzki sehen, aber dann lehnte Trotzki ein Treffen ab wegen Brandts „opportunistischer Haltung in der ‚Norwegen-Frage‘“ (was immer diese „Norwegen-Frage“ auch gewesen sein mag). Brandt zufolge war Trotzki in ideologischer Hinsicht äußerst puristisch (Willy Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982). Er traf also Reich, weil dieser ausreichend „linientreu“ war. Im übrigen verlief das Gespräch Reich/Trotzki, nach Epes Erzählung, ziemlich ernüchternd: Die sexuellen Lockerungen am Anfang der Sowjetunion waren Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die üblichen Marxistischen Versatzstücke. – Reich war sicherlich „Leninist“, aber schlichtweg kein Marxist!

Ein weiterer Hinweis von Turner ist sehr interessant und wird angesichts des tatsächlich stattgefundenen Treffens in seiner Bedeutung nur nochmals unterstrichen. Es geht um Trotzkis bereits erwähntes 1936 veröffentlichtes Buch Verratene Revolution, dessen Einfluß auf Reichs politische Haltung, so Turner, „unermeßlich“ war:

Trotzki analysierte die Art und Weise in welcher die kommunistische Revolution seit Lenins Tod in die Hose gegangen war. Er glaubte, sie sei von Bürokraten gekapert worden und sagte als Ergebnis den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus: er rief zu einem weiteren reinigenden Aufstand auf. Trotzki kritisierte den neuen „Familienkult“, der in Rußland unterstützt wurde und den er als zynischen Trick zur „Disziplinierung der Jugend durch 40 Millionen Stützpunkte der Autorität und der Macht“ betrachtete. Das war genau die Strategie, die Reich Hitler in Die Massenpsychologie des Faschismus vorgeworfen hatte. Trotzki dokumentierte auch Stalins „sexuellen Thermidor“, der die Reformen der Oktoberrevolution, die Ehe und Sexualität betrafen, rückgängig machte; nun war Abtreibung verboten, Sodomie wieder ein Straftatbestand und die Ehescheidungsgesetze waren verschärft worden. Reich war von den Berichten über die Unterstützung sexueller Unterdrückung angewidert; sie zerschlugen ein für allemal seine rosigen Illusionen hinsichtlich des russischen Kommunismus. Nachdem er Trotzkis Streitschrift gelesen hatte, bezeichnete er Stalin als „den neuen Hitler“ und die Stalinisten als „rote Faschisten“.

Es ist zwar mehr als fraglich, ob es dazu Trotzkis Buch bedurft hatte, aber ohne Zweifel hat es den sicherlich immer noch schwankenden Reich bestärkt. Was Turner nicht erwähnt: die Beeinflussung war wechselseitig. Rothländer:

Daß die Diskussion mit Reich nicht ohne Wirkung auf Trotzki geblieben ist, läßt seine wenig später veröffentlichte Arbeit Verratene Revolution vermuten. Darin kam Trotzki in dem „Familie, Jugend, Kultur“ überschriebenen Kapitel auch auf jene Fragestellungen, die im oben erwähnten Brief [an Trotzki] bereits angeschnitten wurden, ausführlich zu sprechen und unterzog, wie auch Reich in seiner Arbeit Die Sexualität im Kulturkampf (1936), die Verschärfung der der Sexualgesetzgebung in der Sowjetunion einer kritischen Analyse.

Es ist nicht nur „anzunehmen“, sondern schlichtweg sicher, daß all dies den Sicherheitsbehörden in Moskau, die sich praktisch ausschließlich mit Trotzki und den „Trotzkisten“ beschäftigten, nicht entgangen ist. Dies zu Reichs „paranoider“ Angst vor den Roten Faschisten in Amerika!

Wie bereits angeschnitten: als Die Sexualität im Kulturkampf neun Jahre später in Amerika unter dem Titel Die sexuelle Revolution erschien, 1946 Die Massenpsychologie des Faschismus, wurde Reich von den Stalinistischen Fellow Travellers als „Psychofaschist“ gebrandmarkt. Ein Jahr später, 1947, trat Mildred Brady auf den Plan…

Der Rote Faden: Auf dem Weg in die Arbeitsdemokratie

23. September 2012

Stephan Lackner wurde 1910 in Paris geboren. Studium der Philosophie in Berlin, Frankfurt und Gießen. Machte seinen Doktor im Jahr 1933. Emigrierte 1935 nach Paris, 1939 in die USA. Lebte seit 1940 in Santa Barbara, Kalifornien, wo er 2000 verstarb. Im Jahr 1981 schrieb er Bernd A. Laska, er habe als junger Schriftsteller sehr vom Einfluß Reichs profitiert. Auch die persönlichen Treffen seien sehr anregend gewesen. Lackners damals erschienenes Drama Der Mensch ist kein Haustier fand Reich, so Lackner, „von welthistorischer Richtigkeit“. Das folgende habe ich Laskas „Aus Briefen Reichs der Jahre 1935-1940“ (Wilhelm Reich Blätter, 2/81, S. 65-70) entnommen.

1937 schrieb Lackner einen Artikel über Reich, „Ein moderner Ketzer“, in einer deutschen Exilzeitschrift (Das neue Tagebuch, Paris, 6. Februar 1937). Reich reagierte positiv in seiner eigenen Zeitschrift. Persönlich antwortete er Lackner am 9. April 1937, er sei überrascht von Lackner unter die Philosophen verortet worden zu sein. Immerhin sei Lackner einer der wenigen, der das Wesentliche verstanden habe. Überraschenderweise reagierte Reich mit keinem Wort auf Lackners Behauptung in dem genannten Aufsatz, daß Reich sich irre: er, Reich, sei gar kein Marxist.

Für Marx waren die Triebe Widerschein der Umwelt, während es bei Reich grade um den Konflikt zwischen Trieb und Umwelt geht, entsprechend gilt es nicht nur, die Welt einfach nur zu verändern, sondern in einer ganz bestimmten Richtung zu verbessern, wie Bernd A. Laska ausgeführt hat („Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: II. ‚Früher‘ contra ’später‘ Reich – Eine überflüssige Kontroverse“ Wilhelm Reich Blätter 2/80, S. 67-85).

Lackner führte 1937 aus:

Der Angelpunkt seines [Reichs] Systems ist der „Konflikt zwischen Trieb und Außenwelt“. Aber im „Feuerbach“ von Engels steht geschrieben: „Die Einwirkungen der Außenwelt auf den Menschen drücken sich in seinem Kopfe aus, spiegeln sich darin ab als Gefühle, Gedanken, Triebe, Willensbestimmungen.“ Selbst beim späten Engels, in dessen nicht mehr rein ökonomistischer Epoche, findet sich stets die Grundanschauung, daß die Triebe nichts sind als Überbau der ökonomischen Umweltbedingungen. (…)

Er gibt zwar zu, daß der ideologische Überbau auf die Basis zurückwirken könne; aber daß Folgen, die neue Folgen verursachen, damit eben zu gleichberechtigten Ursachen im vielfältigen Geflecht des Lebens werden, zu dieser Erkenntnis ist Engels nicht gekommen. Für Reich aber sind Triebe nicht nur keine „Folgen“, sondern identisch mit dem ursprünglichen, vegetativen Leben überhaupt. Reichs Ansatzpunkt ist mit den Dogmen des orthodoxen Marxismus schlechthin unvereinbar. (Lackner: „Ein moderner Ketzer“ Wilhelm Reich Blätter 2/81, S. 58-64)

Im bereits erwähnten Brief vom 9. April 1937 schrieb Reich, daß er bisher nur Kontakt mit führenden Persönlichkeiten der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) habe. Einige Zeit später trafen sich Reich und Lackner persönlich in Nizza, wo Reich Roger DuTeil besuchte.

Am 16. Februar 1937 schrieb Reich zwei jungen Freunden in der Schweiz, Hedy und Oscar Bumbacher, über den alte Sozialisten Fritz Brupbacher (1874-1945), den er sehr gut kenne. Brupbacher sei seit 40 Jahren in der Arbeiterbewegung und sei „derart von Bonzen und Bürokraten geprügelt und mißverstanden“ worden, daß es kein Wunder nehme, daß er in seinem Alter zeitweise seine Hoffnung verliere.

Am 25. November 1935 hatte Reich Brupbacher geschrieben:

Ich danke Ihnen sehr für das Buch [60 Jahre Ketzer]. Ich habe es in einem Zug durchgelesen und gestaunt, wie bis ins kleinste Detail ähnlich das Erleben der revolutionären Intellektuellen in den heutigen Parteien ist. An vielen Stellen tauchten bei mir peinliche Erinnerungen an österreichische und deutsche Verhältnisse auf. Sie haben mit ihrer scharfen Kritik zweifellos recht; doch ich frage mich, ob die völlig resignierende Haltung berechtigt ist (…) Vielleicht werden wir in zwanzig Jahren auch resignieren müssen. Doch dann werden wieder andere kommen und das Mühselige fortsetzen. Einmal wird es durchbrechen!

Am 5. Februar 1940, schrieb Reich an Brupbacher im gleichen Sinne, daß trotz des „Riesenunglücks“, das alle ihre gemeinsamen Hoffnungen betreffe, er trotzdem optimistisch bleibe. Im selben Brief sagt Reich, daß sein Konzept der Arbeitsdemokratie ihm helfe, „in meinem Arbeitskreis ein Stück Klarheit und Absonderung von der allgemeinen Verrücktheit aufrechtzuerhalten“.

An die Bumbachers schrieb Reich am 24. November 1939, daß Menschen „aller Kreise, bester Gesinnung und mit großen Fähigkeiten ausgestattet“ isoliert „herumsitzen“ und darauf warten, daß irgendeine Macht die Situation ändere. Er, Reich, glaube aber nicht, daß sich nichts machen ließe. Man müsse vielmehr die Zeit nutzen, um das Wissen zu erlangen, mit denen man die Probleme angehen könne. „(…) den Anschluß an die Kräfte, welche die Zukunft vorbereiten, kann man nur auf diese Weise finden.“

Am 27. November 1939 schrieb Reich an Lackner etwas, das zeigt, daß die besagten „Kräfte“ für Reich nicht mehr die sozialistischen Parteien sein konnten. Siehe zum folgenden auch die von mir referierte Aussage von Robert A. Harman. Reich:

Ich glaube z.B. nicht mehr, daß die Streiks, wie sie heute sind, mehr bedeuten als eine infantile Klage an die Beherrscher, sie [die Arbeiter] doch weniger schlecht und eingeengt Leben zu lassen. In ihnen kämpft kein Wille um Selbstbestimmung und Bereitschaft, die Verantwortung für die Produktion zu übernehmen. Ich weiß, es sind gefährliche Sätze, die ich hier niederschreibe. Doch was soll man mit der Enttäuschung an den Marxisten tun, die lautet: „Weshalb tut ihr alles, um die Verantwortungslosigkeit der Menschenmassen weiter zu erhalten?“ Es nützt ja nicht viel, das Bestehende [frei nach dem Historischen Materialismus] als notwendig hinzustellen, wenn man gleichzeitig erlebt, daß zum Anspruch ans Leben erwachende Millionenmassen die Diktaturen schaffen und halten.

Politik werde es solange geben, wie die Menschen Sklaven bleiben wollten. Er, Reich, habe zwar zugestandermaßen keine „praktische Antwort“, doch glaube er aus seiner klinischen Erfahrung heraus an die „natürlichen Fähigkeiten“ der Menschen, was kulturelle und organisatorische Leistungen betrifft. Wahrscheinlich würden die Verhältnisse die Menschen zur Freiheit zwingen. Man könne nicht mehr tun, als bis dahin „die Gesetze des freiheitlichen Lebens und die ihm widerstrebenden Tatsachen“ zu studieren.

Am 11. Februar 1939 schrieb Reich an die Bumbachers, die starken Einschränkungen im Betrieb seines Instituts seien „den eifrigen Anstrengungen von Mitgliedern der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien zu verdanken, die der politischen Reaktion alle Argumente für die Aktion geliefert haben“. Siehe dazu auch meine entsprechenden Ausführungen im letzten Teil des Roten Fadens.

Der Rote Faden: Exil in Norwegen

21. September 2012

Einhart Lorenz: Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943, Baden-Baden 1992

Die folgenden Norwegischen Psychoanalytiker hatten in Berlin studiert und waren entsprechend von Reich beeinflußt: Trygve Braatöy, Johannes Landmark, Ola Raknes, Hjordis Simonsen, Astri Bruun und Nic Waal. 1933 wurde Otto Fenichel Lehrer der Psychoanalytiker Braatöy, Landmark, Raknes und Waal. Aber er war nicht in der Lage, in Norwegen einen dauerhaften Kreis von Anhängern um sich zu scharren. Das lag, so Lorenz, an Reich. Ein Jahr nachdem Reich in Oslo angekommen war, ging Fenichel 1935 nach Prag.

Von allen Emigranten war Reich der Intellektuelle, der, zumindest für eine kurze Zeit, die tiefsten Spuren in Norwegen hinterlassen sollte. Gleichzeitig wurde er zu einem der kontroversesten Emigranten und der „Fall Reich“ wurde zu einem der wichtigsten kulturellen Debatten im Norwegen der Zwischenkriegszeit. (Siehe Arni Stai: Norsk kultur- og moraldebatt i 1930-ärene, Oslo 1954.)

Reich wurde mit verhaltenem Interesse von politischen Kreisen wie der SAP beobachtet, während die Kommunisten auch Anschuldigungen gegen Reich vorbrachten. Lorenz fand in den Archiven der Exil-KPD einen Bericht vom Februar 1937. Demzufolge wurden die KPD-Emigranten nicht klug aus Reichs Sexualforschung. Sie kamen zu dem Schluß, daß diese von bestimmten Individuen als Tarnung für Trotzkistische Machenschaften genutzt werde!

Sigurd Hoel, der ursprünglich Mot Dag nahestand, war 2 1/2 Jahre bei Reich in Behandlung. Zum Kreis um Reich gehörten Hoel, Arnulf Overland, Helge Krog und Lars Berg, auch Harald Schjelderup. Zu seinen engeren Freunden gehörten auch der Historiker und spätere Außenminister Halvard Lange und dessen Bruder August Lange, die Historikerin Ingrid Semmingsen, der Reformpädagoge Olav Storstein, die „Textilkünstlerin“ Gerd Bergersen und die Schauspielerin Gerda Ring. Im Februar 1936 gründete Reich zusammen mit skandinavischen Freunden und Kollegen das der KPD so verdächtige „Institut für sexualökonomische Lebensforschung“, mit 9 Mitgliedern aus Oslo, Kopenhagen und England.

Die medizinische Fakultät der Universität von Oslo beschloß einstimmig, daß es keine wissenschaftliche Begründung für eine Verlängerung von Reichs Aufenthaltsgenehmigung in Norwegen gäbe. Das Ministerium für Gesundheits- und Sozialwesen schrieb an das zentrale Paßamt, daß die Öffentlichkeitsarbeit für Reichs Sexuallehre eingeschränkt werden müsse und sie insbesondere bei Laien und Jugendlichen aufzuhören habe.

Die Angriffe auf Reich in Norwegen beeinflußten sogar die Nazi-Behörden. Angesichts der norwegischen Reich-Debatte schrieb die deutsche Botschaft in Oslo am 23. April 1938 an das deutsche Außenministerium in Berlin und empfahl die Beschleunigung der Ausbürgerung Reichs, weil die Gefahr bestünde, daß Reich als ehemaliger österreichischer Staatsbürger eines Tages nach Deutschland repatriiert werden könnte. Fälschlicherweise wurde in diesem Schreiben behauptet, daß Reich Mitglied der KPD sei. Dieses Argument für eine beschleunigte Ausbürgerung wurde vom SS-Reichssicherheitshauptamt in einem Schreiben vom 6. Oktober 1939 übernommen.

Ein Einschub: Diese kleine, vollkommen unbedeutende Episode zeigt, daß man mit „Logik“ in der Reich-Biographik vorsichtig sein muß. Es ist natürlich vollkommen absurd, daß Nazideutschland Angst davor hatte, der Jude Reich könne nach Deutschland zurückkehren oder das Renommee des „Dritten Reiches“ gefährden. Absurd ist auch, daß sich in der Diktatur die Ausbürgerung so lange hinzog, daß schließlich sogar das Büro Heinrich Himmlers beim Außenministerium vorstellig wurde. Das sind schlicht die Absurditäten der Bürokratie und ihre institutionalisierte Dummheit. Später in Amerika wurde der gleiche Reich als Naziagent verdächtigt und andere Verrücktheiten von Seiten einer schlichtweg durchgeknallten Bürokratie verbrochen. Wer da mit „Logik“ vorankommen will, wird schließlich selbst zum Kandidaten für die Klapsmühle!

Lorenz sagt, die regierende norwegische Arbeiterpartei habe im „Fall Reich“ der öffentlichen Meinung, die von den norwegischen Konservativen dominiert worden sei, nachgegeben und vergleicht Reichs Probleme mit dem „Fall Trotzki“. Die Norweger benahmen sich in beiden Fällen wirklich extrem schlecht.

An dieser Stelle frage ich mich, ob nicht Moskau hinter der norwegischen Kampagne gegen den vermeintlichen „Trotzkisten“ Reich stand. (In Amerika sollte es ja ein Jahrzehnt später auch nicht anders aussehen: oberflächlich konservativer „McCarthyismus“, doch tatsächlich „Moskau“!) Im Fall Trotzki wurde der Druck direkt ausgeübt. Das ist bei Reich nicht der Fall, aber vielleicht war die norwegische Pressekampagne ja genauso sowjetisch inspiriert wie später die Brady-Kampagne. Lorenz berichtet, Reich sei von den Kommunisten in Nordahl Griegs Zeitschrift Veien Frem angegriffen worden (Ivar Digernes: „Medisinmenn“, Veien Frem, 4. Juni 1937, S. 17ff). Tatsächlich gehörten Trotzki und Reich zu den ganz wenigen Emigranten, die aus Norwegen vertrieben wurden.

Hier Stimmen, die schlaglichtartig die Bedrängnis Reichs von psychoanalytischer Seite beleuchten:

In Otto Fenichels „Rundbrief” vom 3. August 1938 berichtet der Psychoanalytiker Georg Gerö über Norwegen:

In den Zeitungen tobt seit Monaten eine Kampagne für und gegen Reich. Er, d.h. seine elektrischen Narrheiten, wurden von wissenschaftlichen Kreisen als ärgste Charlatanerie entlarvt, von manchen Seiten auch die Nicht-Verlängerung seiner Aufenthalts-Bewilligung gefordert. Verteidigt wurde er vor allem von den Narren des inneren Kreises Sigurd Hoel, Nic Hoel (= Nic Waal), Ola Raknes, Havrevold. Schjelderup ist vollständig abgefallen. Er sagt jetzt die gleichen Wahrheiten über Reich, die er von Dir und mir schon vor Jahren gehört und damals höhnisch abgelehnt hat. Er gab mir gegenüber zu, daß Reich die Psychoanalyse in Norwegen fürchterlich geschädigt hat. Trotzdem haben sowohl er wie Braatöy ein Gesuch unterschrieben, das für die Verlängerung von Reichs Aufenthalts-Bewilligung eintritt, weil sie sehr anständig den Standpunkt vertreten, daß man verhindern soll, daß die Ausweisung Reichs einen Präzedenzfall gegen das Asylrecht schafft. (Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt 1998, S. 951)

Im „Rundbrief“ vom 3. Mai 1939 wird von einem Vortrag berichtet, den Braatöy vor der Studentenforeening in Kopenhagen gehalten hatte. Fenichels Korrespondent berichtet:

Es ist interessant, wie diese Norweger, selbst Braatöy, der nie ganz die Distanz verloren hat, von Reich und der Sex.Pol.-Ideologie verdummt worden sind. Eine an sich wünschenswerte Kulturkritik an dem heutigen Erziehungssystem verliert ihre Berechtigung und Überzeugungskraft wegen unklarer Gesichtspunkte und falscher Verallgemeinerungen. Denn Braatöy hat nicht klar unterschieden zwischen der affektiven Lebendigkeit des unneurotischen Menschen und dem neurotischen Affektausbruch, so daß die Karikatur, die ich Dir beilege, ihn ganz treffend ironisiert. Danach, was er (Braatöy) gesagt hat, könnte man annehmen, hysterische Affektausbrüche wären der Idealzustand für den Normalen. (…) In Oslo ist jetzt glücklicherweise zwischen Reichisten und Analytikern jede Verbindung abgebrochen. Zu Reich halten jetzt nur mehr Raknes und die Hoel (Nic Waal). (ebd., S. 1107f)

Reichs zunehmende Isolation und das Ausmaß des persönlichen Verrats an ihm wird auch dadurch beleuchtet, daß sein engster Freund und zeitweiliger Herausgeber der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, Sigurd Hoel, 1944 einen Aufsatz schrieb, „Dybdepsykologi og diktning“, in dem zwar von „vegetativ energi“ and „genitale karakter“ die Rede ist, aber Reich, im Gegensatz zu beispielsweise Freud und Braatöy, an keiner Stelle erwähnt wird (Hoel: Essays i utvalg, Gyldendal, Oslo, 1962 und 1968).