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DER ROTE FADEN: Der Übermensch

12. Juni 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

 

 

Manuel schrieb 2011: Das EINZIGE was Sinn macht, ist nach einem „persönlichen Motiv“ zu suchen!
Das Hitler seinen Selbsthass und seine Selbstverachtung auf „die Juden“ projeziert hat – ist das etwa kein „persönliches“ Motiv ?
Das Hitler an einer einzigen Stelle – dem Arzt gegenüber, der seine Mutter behandelte- so etwas wie Mitgefühl zeigte – was könnte „persönlicher“ sein?
Das Hitler von allen Deutschen einen Nachweis der „arischen“ Abstammung bis in die dritte Generation verlangte, den er selbst nicht erbringen konnte – ist das nichts „persönliches“??
Das Hitler seinen Vater hasste – von dem er annahm, daß er jüdischer Herkunft war – weil dieser ihn einsperrte, täglich schlug, verspottete (zB. wegen angeblich mangelnder Intelligenz!) und nicht mit seinem Namen, sondern mit einem Pfiff -wie einen Hund- rief, weil dieser Vater seine „arische“ Mutter mit „jüdischer“ Grausamkeit behandelte…
keine persönlichen Motive?
Mir reicht die genaue Betrachtung der Kindheit Adolf Hitlers aus, um das Phänomen Hitler vollständig und logisch zu erklären. Für den Rachefeldzug gegen seine in der Kindheit erlittenen Demütigungen standen dem Führer genügend Menschen zur Verfügung, die aufgrund ähnlicher Kindheitserfahrungen ähnlich strukturiert waren.
Diese Geschichte ist kein Rätsel mehr – dank Alice Miller ( „Am Anfang war Erziehung“).
Hitler hat übrigens versucht, die Spuren seiner Herkunft zu tilgen – er ist sogar so weit gegangen, Gräber seiner Vorfahren zerstören zu lassen!
Trotzdem ist seine Kindheit aussergewöhnlich gut durch übereinstimmende Zeugenaussagen seiner Verwandten und Bekannten dokumenmtiert, so daß es keinen Zweifel an der Situation geben kann, in der er aufgewachsen ist.

Dazu Peter: An Hitlers Werdegang von der Geburt an ist kaum etwas Außergewöhnliches. Nichts unterschied ihn von Millionen anderen. Der Bruch zum exterminatorischen Antisemiten mit Messiaskomplex fand irgendwann zwischen Ende 1918 und Herbst 1919 statt. Was nun der Auslöser war, wird sich wohl kaum je rekonstruieren lassen, zumal bei einem paranoid-schizophrenen Charakter, der darüber hinaus durch eine lange Reihe von Inzucht erblich vorbelastet war, wirklich so gut wie alle Anlässe sonst was auslösen können.
Reich hatte in vieler Hinsicht eine weitaus traumatischere Kindheít, Jugend, Kriegszeit und Nachkriegszeit als Hitler!

Peter: Noch mal zur Verdeutlichung: es geht um MASSENpsychologie, sozusagen um Statistik, nicht um individuelle Biographien. Es gibt genitale Charaktere, die aus einer Familienhölle mit Alkoholismus und Mißbrauch hervorgegangen sind, und es gibt neurotische Wracks, deren Eltern Orgonomen waren.
Statistik wie sie DeMeo in seiner Saharasia-Arbeit vorexerziert hat. Individuelle Biographien sind ziemlicher Quark. Es hilft kaum etwas beim Psychotherapeuten und erst recht nicht bei „Fernanalysen“, die etwa Fromm und Miller bei Hitler vorgenommen haben. Das erinnert mich an eine Möchtegerntherapeutin, bei der ich mal in „Therapie“ war und der ich mal von mir erzählt habe: Ich konnte ihr einfach nicht mehr ausreden, daß meine Kindheit von Gewalt geprägt war. Vollkommener Quatsch! „Arbeiterkind >> Gewalt gegen Kinder!“ Und wenn man dagegen argumentiert, ist das Ausdruck von „Verdrängung“!
Ein Orgontherapeut interessiert sich ausschließlich für das Hier und Jetzt und nicht für irgendwelche mythischen Vergangenheiten – die eh eine Funktion der Gegenwart sind. Ja, diese Gegenwart ist aus der Vergangenheit hervorgegangen, aber das ist ein massenpsychologisches Problem.
Reich: erst Biologie (die Gegenwart), dann Soziologie (Massenpsychologie) und schließlich weit abgeschlagen ein bißchen Psychologie (Freud). Bei Miller und Konsorten ist diese Reihenfolge umgekehrt.

Manuel: „Es ist auffallend, daß alle Charakterisierungen des Juden, auf die Nazis am besten selbst zutreffen.“
Diesem Punkt möchte ich aus eigener Erfahrung zustimmen. Ich hatte einmal einen Alt-Nazi als Chef, der im Geschäftsgebaren alle den Juden zugeschriebenen Eigenschaften zeigte. Er selbst bemerkte das natürlich überhaupt nicht, sondern fühlte sich „arisch-rein“. Das war damals ein Aha-Erlebnis für mich -ich hatte einen Grundmechanismus des Antisemitismus „entdeckt“ (d.h. live erlebt und somit seine Wahrheit bestätigt). Wie wohltuend war es für diesen Mann, all seine miesen PERSÖNLICHEN Eigenschaften einem Sündenbock -den Juden- zuschreiben zu können und sich selbst gut und rein und stark zu fühlen. Vor diesem Erlebnis hatte ich es nicht für möglich gehalten, das die Motivation für antisemitischen Hass so einfach und durchschaubar und bloß auf persönlichen Defiziten basieren könnte, von denen man sich befreien möchte ohne an sich „arbeiten“ zu müssen.
Was Reichs traumatische Kindheit angeht: Reich hatte keinen emotionalen Rückhalt in seiner Familie aber zB. bei seinem Hauslehrer. Ich denke, das hat ihm sehr geholfen und seinen späteren Lebensweg als Wissenschaftler stark beeinflußt. Adolf Hitler ist aber scheinbar ohne eine EINZIGE Person aufgewachsen, die ihm liebevolle Zuwendung gegeben hätte.

Manuel: Ich bin gerade auf folgenden Artikel gestoßen:
http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/zeitgeschichte/michael-grandt/adolf-hitler-teufel-daemon-oder-schwer-misshandeltes-kind-.html
Leider wird hier die möglicherweise jüdische Herkunft des Vaters als „Ammenmärchen“ abgetan. Es ist aber wahrscheinlich, daß Hitler dieses Gerücht in seiner Kindheit zu hören bekommen hat. Die Ungewißheit hat in jedem Fall an ihm genagt, denn er versuchte alles über seine Herkunft herauszufinden und gleichzeitig so viele Spuren wie möglich zu verwischen.

Peter : David hat mich neulich auf folgendes verwiesen:
http://www.bild.de/BILD/ratgeber/kind-familie/2010/11/15/horror-eltern-historischer-figuren/joerg-zittlau-luther-balzac-liz-taylor-hitler.html

O.: Was mich immer erstaunte, war, dass es soviel schwule Nazis gab, die aber nicht offen so auftreten konnten. Und gerade aus diesem Zwiespalt wurde der eigenen Trieb (Neigung) ständig unterdrückt und suchte sich um so heftiger ein Ventil …
Ebenso ist die „Elite“ alles andere als arisch, sportlich (athletisch) und nordisch. Auch heute noch sieht die Nazi Szene nicht als typisch arisch aus und würde nach eigenen Maßstäben „ausgesondert“ werden. Aber da sie ihren Hass nach außen projezieren können, scheint die Verdrängung der eigenen Häßlichkeit zu glücken. Je mehr sie sich selbst für minderwertig halten, desto brutaler gehen sie vor. Und wenn die neue „Elite“ besser zu sein scheint, gibt es dann den inszenierten „Röhm-Putsch“ und sie werden vernichtet.
Die Liquidation des SA durch die SS zeigte dem Volk, dass jeder willkürlich vernichtet werden könne, der nicht richtig spurt und ein Widerwort gibt.
Man müsste sich noch einmal die Attribute anschauen, die den Juden angedichtet worden sind: Diese passen wohl am besten zur eigenen Lebensweise und Motivation. (Projektion)
Dennoch kann man nicht die Macht des geschlossenen Gedankensystems, der Propaganda und der Einbeziehung jeder gesellschaftlichen und beruflichen Gruppe in ihrer Wirkung unterschätzen. Und das ist genau das Problem, dass uns heute nicht mehr der „Zauber“ gegenwärtig ist, den die Nazis wirkungsvoll und theatralisch aufgebaut haben.

Peter: Bei der ganzen „Bewegun“g ging es immer nur um eins: Sex, insbesondere Sadomaso. Allein schon der Uniformenfetisch. Das ganze nahm seinen Anfang mit Wagners Musikdramen und all den hysterischen, schwulen Wagnerianern, die bei der „überwältigenden“ Musik zu Gelee wurden. Wirklich alles war auf „Überwältigung“ ausgerichtet.

Manuel Says:
25. März 2011 um 12:52 | Antwort
Und wie kommt es, daß Sex mit Sadomasochistischen Vorstellungen besetzt wird?
Damit schließt sich der Kreis zu dem, was ich Eingangs schon erwähnte

O.: Ich stutze über diesen Satz:
„Nietzsche hat diese „negative Egologie“ [gemeint war Stirner] in eine positive umgeformt, indem er den theologischen Bezugsrahmen zu einem biologischen machte:…“
Ich würde umgekehrt eher von positiver „Egologie“ sprechen bei Max Stirner, da er einen positiv besetzten Egoismusbegriff diskutiert. Beim hier gezeigten Nitzsche Zitat gilt das „Ich“ als „negative besetztes Ich“ mit allen destruktiven Anteilen (sekundäre Schicht bei Reich) und das „Selbst“ bei Nitzsche – als positives Gegenstück (der biologische Kern bei Reich). Die Selbst-Psychologie scheint diesen Begriff dann wohl von Nietzsche übernommen zu haben …

Peter: Anfang des 19. Jahrhunderts hat Stirner die Theologie, die besagt, daß man Gott durch Festlegungen nicht dem Menschen verfügbar machen kann, radikal umgekehrt: ICH bin nicht verfügbar – „habe meine Sache auf nichts gestellt“, bin eigenschaftslos wie Gott. Am Ende des Jahrhunderts war der Bezugrahmen nicht mehr theologisch bzw. antitheologisch, sondern biologistisch: „Ich bin eine wilde Bestie“, d.h. nicht domestiziert – aber ich habe jede Menge „positive“ (definierbare) Eigenschaften.

Erik Jan van Hanussen: Naja Alice Miller hat Adolf Hitler unter die Lupe genommen mit Biographien die auf undurchsichtigen Quellen beruhen.
So ist von der Nekrophilie Hitlers die Rede, der sich gern unter scheissende Frauen gelegt hat und der den Orgasmus bekam wenn er mit Tritten penetriert wurde. Die Quelle ist der damalige englische Geheimdienst OSS.
Den Werdegang von Hitler logisch zu erklären schafft niemand, warum hat er denn während des 2. Weltkriegs jeden Tag das eiserne Kreuz getragen was ihm von einem jüdischen Offizier überreicht wurde? Warum hat er Amerika den Krieg erklärt zu einem Zeitpunkt wo man sich vor Moskau zurückzog?
Vielleicht wurde ihm ja wirklich der Zippedäus von einer Ziege abgebissen sowie es ein Mitschüler aus Leonding später an der Ostfront erzählt und deshalb vom NS-Gericht zum Tode verurteilt wird. Man kann und wird es wohl niemals begreifen.

Peter: Was Hitler letztendlich angetrieben hat, ist ziemlich gleichgültig, Vielleicht war es ja die lange Linie von Inzucht, aus der er hervorgegangen ist. So wie der süße „reinrassige“ Familienhund, der aus heiterem Himmel zur Bestie wird und von der Polizei erschossen werden muß. Wichtig ist nur, daß solch ein Individuum nur wirksam wird, „wenn seine persönlichen Anschauungen, seine Ideologie oder sein Programm am die durchschnittliche Struktur einer breiten Schicht von Massenindividuen anklingt“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 53). Meines Erachtens war dies bei Hitler seine widersprüchliche Doppelstruktur: einerseits das Feige und Beharrende (ein unglaublich willensschwacher Mann, der keine Entscheidungen traf = die Panzerung) und andererseits das Treibende, Kompromißlose (die radikalsten Lösungen wurden jeweils bewilligt = die aufgestaute Energie will RAUS). Das treibt die Massen bis heute: eine alles erstickende feige reaktionäre Indolenz hier und doch der Traum von Glorie, revolutionärer Rache und Befreiung da. Man schaue sich doch die zahllosen heimlichen bis unheimlichen Hitler-Fans im Internet an: sie glauben heroisch gegen den Zeitgeist anzukämpfen, doch tatsächlich verkörpern sie diesen wie kaum welche.

Tzindaro schrieb 2016: Hitler was not unusual. His attitudes toward Judaism was close to the Central European norm, in a tradition going back centuries. Look at the anti-semitic writings of Martin Luther for example. Anyone writing such things today would be arrested for volkverhetzung.
The anti-semitic teachings of the Catholic church over hundreds of years set the stage for the extermination of the Jews. If there was any single root cause of Nazism, that was it. Hitler and almost all the Nazi leadership were brought up in the church and instructed in it’s teachings. They remained church members in good standing throughout their lives. In fact, when they had lost the war, many Nazis were helped to escape by the church, which hid them in monasteries and got them safe passage to South America, where they were granted refuge at the request of the Vatican.
Seen from the long viewpoint of history, Nazi anti-semitism was only the latest outbreak of the long-term program of the Catholic Church to rid Europe of the main competing religion. Nazism, like Lutheranism, was only a sect of the Christian culture that created it.
Fortunately, Europe since the war has rejected religion of all kinds and embarked on an experiment: the first truely secular society in history. An agressive secularism, following the French model, is the best hope of avoiding any future holocausts.

Robert schrieb 2011: Der Hinweis auf Rainer Zitelmann war mir neu. Bei Wikipedia steht etwas über ihn.
Ich frage mich, ob Theleweits „Männerphantasien“ ebenfalls durch Reich angeschoben wurden und ob es neben Zitelmann noch weitere Geisteswissenschaftler gibt, für die Reich den Anstoß gab.

Robert weiter: Diskussion „Hitler Heute“ von 1995 mit Rainer Zitelmann:

Manuel 2011: Die widersprüchliche Persönlichkeitsstruktur Hitlers, die Wilhelm Reich treffend mit den Worten charakterisiert: „Rebellion gegen die Autorität mit gleichzeitiger Anerkennung und Unterwerfung“ lässt sich nur durch die Kindheitssituation Hitlers erklären: Als Kind eines brutalen, sadistischen (usw.) Vaters muss man sich auflehnen und rebellieren um als eigenständiges Wesen zu überleben, gleichzeitig muss man seine Autorität anerkennen, ihn lieben und bewundern, sonst könnte man als KIND emotional (und manchmal auch physisch) nicht überleben.

O.: Rainer Zitelmann scheint Hitler positiv als „Revolutionär“ zu verstehen (Wikipedia) und kann seine Begeisterung auch in der Gesprächsrunde kaum unterdrücken, zumindest passt sein Bart zur inneren Haltung, von der er sich wohl frei glaubt. Ein 25-jähriger Zuschauer betitelt ihn als „mother fucker“, da er Frau M. Mitscherlich aufdringlich widersprechen muss und stellt die interessante Frage, die nicht beantwortet wird: Ob die Deutschen nicht Hitler gegen Ende des Krieges darüber getäuscht haben, dass sie noch hinter ihm stehen würden und vielmehr boykottieren würden?
Die Reduzierung von des deutschen Faschismus auf Hitlers Wahn und die Vernichtung der Juden, wie es in dieser Sendung Tenor ist, verkennt, dass die Basis für einen neuen Faschismus weiter existiert. Um meine Oma zu zitieren: „Hitler war nicht verkehrt, nur das mit den Juden, hätte er nicht machen sollen.“ Hitler hat begeistert und fasziniert und die damalige „deutsche“ Jugend in seinem Sine erzogen, ein Erbe, dass weiter besteht. Insbesondere bei den Arbeitern konnte er Punkten … und seine SA/SS-Terrorherrschaft ausbauen.
Wo Bildung fehlt – wie heute – wird Faschismus geschaffen, an Führer/innen fehlt es nicht. Nur ein neues Feindbild müßte her …
Da der Mut fehlt, W.R.´s Massenpsychologie des Faschismus zu verstehen, gibt es kein Jenseits des Faschismus. Er lebt in den autoritären Gesellschaftsstrukturen weiter und Hitler-Analysen sind Heucheleien.
Hitler war „nicht“ wahnsinnig, sondern hat den üblichen Wahnsinn auf die Spitze getrieben und ihn benutzt. Er hat den Faschismus in der „Demokratie“ entlarvt, in dem er den Faschismus offen ausgelebt hat. Dass er nicht siegreich war, verdanken wir nicht einem „deutschen Widerstand“ (des Militärs) – sondern seiner Dummheit, stets den größten Unsinn zu verzapfen. Wäre er nur ansatzweise genial gewesen, nicht auszudenken, wo wir jetzt leben würden.
Dennoch wird ihm nachgeeifert aller Orten.
Ob Reich hier die (einzig) richtige Antwort gefunden hat, ist schwer zu sagen, doch es ist ein Anfang, die Sache zu verstehen.

Robert: Um meine Oma zu zitieren: „Hitler war nicht verkehrt, nur das mit den Juden, hätte er nicht machen sollen.“
Jede Zeit hat ihre Mythen und heutzutage wird geglaubt, unsere Urgroßeltern wären alle verführte Trottel gewesen, die einem geisteskranken Schreihals hinterherrannten. Womöglich wird man ebenso in 70 Jahren unsere heutige Überzeugung als Unsinn entlarven.
Meiner Überzeugung nach besteht das Problem mit M. Mitscherlich mit ihrem Psychologismus, der bar der Fakten Psyche erklärt. Das Gleiche passt übrigens zu Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ von 1933, die geprägt ist von Reichs kommunistischer Ideologie, die letzlich die eigene Position als Selbstverständlich voraussetzt.
Bei den letzten freien Wahlen waren immerhin 60% der Wähler gegen Hitler, also schneiden unsere Vorfahren gar nicht so schlecht ab. Verwechselt werden heutzutage ständig Volksabstimmungen über Gebiete mit Parlamentswahlen.
Meiner Erfahrung nach ist historisches Faktenwissen zur damaligen Zeit sehr gering. Da liegt der Hang zum Psychologismus nahe.

Manuel: „Hitler war nicht verkehrt, nur das mit den Juden, hätte er nicht machen sollen.“
Ja, so ähnlich habe ich das auch schon öfter von Menschen dieser Generation gehört. Mir scheint, daß ausser einzelnen Perversen kaum jemand in Deutschland die „Endlösung“ wollte – trotz allgemeinem (latenten) Antisemitismus. Ohne Hitler hätten wir einen „ganz normalen“ Faschismus gehabt, so wie in Italien, Spanien etc.
Der Verlauf des Krieges und die Obsession der Judenvernichtung zeigen, daß Hitler wirklich wahnsinnig war und nicht „bloß“ ein manipulativer politischer Stratege.

Robert schrieb 2011: Deswegen auch der irrsinnige Hass auf Sarrazin, der sich Gedanken über Genetik und Intelligenz gemacht hat. Für die linken „Antifaschisten“ soll es soviel Inzucht und künstliche Auslese Richtung Verblödung geben wie nur möglich.
https://i0.wp.com/www.spiegel.de/images/image-20024-panoV9free-ljud.jpg?zoom=2

O.: … Dann wäre die freie und selbstbestimmte Partnerwahl der „Wissenschaft“ geopfert und die Liebe hätte (auch wieder) keine Chance, so wie der Gutsherr, der bestimmt, welcher Knecht welche Magd ehelichen dürfe oder der Vater, der den Schwiegersohn für die Tochter aussucht, was wir ja in der muslimischen Welt noch so als Brauch haben. … „Schöne neue Welt“ – da war es doch ähnlich. Retortenkinder (ohne energetischen Zeugungskontakt), ausgesucht nach deren Erbmaterial.

O.: Was soll die Genetik hervorbringen?
Resistente und somatisch gesunde „Körper“? – Oder das Konstrukt, von dem wir glauben, jemand sei intelligent?
Demnach wäre Intelligenz vererbbar??? Darüber ließe sich trefflich philosophieren und, weiß Gott, streiten.
Mit der Intelligenz verhält es sich so, dass das gemessene IQ-Kontrukt (meist sprach- und kulturgebunden, sowie altersgebunden) eine Varianz um den Mittelwert 100 für die meisten Menschen misst (so ist der Test angelegt). Wer zwei Standardabweichungen drunter oder drüber liegt, bekommt einen auffallenden Wert, der klinisch interessant werden könnte, da er aus dem Rahmen fällt. Nun mag man sich freuen, wenn ein Kind einen höheren IQ nach HAWIK hat als 130, doch was sagt diese Intelligenz für die soziale Realität aus?
Das Kind ist „überbegabt“ (hochbegabt) und wird Probleme bekommen, die nur mit Soziapädagogik auszugleichen wären. Die wenigsten finden eine Nische, in der sie mit ihren einseitgien Fähigkeiten etwas anfangen können. Die meisten werden scheitern. Die Hochbegabung wird zur „quasi-geistigen Behinderung“, wie für jemanden der unter 70 IQ-Punkten liegt. Was nützt also das Geschwafel von der Intelligenz? Jeder normal Begabte hat die Möglichkeit sich besser zu entwickeln und dies hängt von sozialen und finanziellen Mitteln ab.
Hätte Hr. Sarrazin einen Bachelor in Psychologie und hätte die Vorlesung in Differenzielle Psychologie besucht, müssten die Leser nicht solch Laienwissen sich anhören, behaupte ich mal. Ebenso wird es sich mit seinen Genetikkenntnissen verhalten. Aber als Politiker reicht es ja meist nur fürs Jurastudium und dies behaupte ich mit Nichtwissen, wie es Juristen zu tun pflegen.

O.: Wer sich zum Thema Intelligenz noch mal „intelligent“ machen will, dem sei diese Seite empfohlen:
http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/testintelligenzwasistdas.html
Über Genetik steht da auch so manch amüsantes.

Robert: Ich habe mich schon als Jugendlicher mit der Kritik der IQ-Messung beschäftigt. Das Problem ist, die Literatur ist leider ideologische Pseudo-Wissenschaft. Während im Physischen jederman akzeptiert, dass es unterschiede gibt, soll es im geistigen nicht gelten. Klar ist es schwieriger, Intelligenz statt Renngeschwindigkeit zu messen, ohne Frage. Doch es funktioniert, sogar weltweit.. Man kann Japaner mit Afrikaner vergleichen usw. Die Unterschiede von Völkern, Rassen und Individuen anzuerkennen, heißt nicht automatisch, sie in schlecht oder gut einzuteilen.

Peter: Leute, die die „Gleichheit aller Menschen“ propagieren, vermeinen mehr Humanität zu verbreiten. In Wirklichkeit verbreiten sie Terror. Man denke nur an all die armen durchschnittlich, vielleicht sogar unterdurchschnittlich intelligenten Kinder, die von ehrgeizigen Eltern durchs Gymnasium gepeitscht werden. Früher hatte jedes Unterschichtkind normale Rechtschreib- und Rechenkenntnisse. Heute, wo wirklich alle Kinder mit hochwissenschaftlichen Methoden unterrichtet werden, bleiben die weniger intelligenten Kinder auf der Strecke und lernen gar nichts. Beispielsweise macht aus abstrakt mathematischer Sicht es wirklich Sinn mit der Mengentheorie anzufangen (weil die Menge fundamentaler ist als die Zahl) – mit der aber leider kein Mensch etwas anfangen kann, der nicht Mathematik studieren will.
Diese Gleichmache sind zutiefst inhuman. Es geht eh nur darum, daß SIE (die Gleichmacher) sich gut fühlen. „Ich bin kein Rassist!“

claus schrieb 2015:
“ […] manche Leute können einfach nicht genug kriegen von Hitler und Konsorten. Es bringt Bewegung in die erstarrten Glieder.“
Er ist das einzige, was alle Hauptschüler von deutscher Geschichte kennen. Und viele (alte Linke) behaupten immer noch, man laufe Gefahr, den NS nicht ausreichend zu behandeln. Was ja stimmt: Es fehlt Kontext – also Geschichte vor dem NS.

claus: Sehe gerade: „Neuheidentum“ auf dem mittleren Strang. Nee, das ist ähnlich wie Schuler, Wolfskehl, … eher schon etwas, das den NS auf einem Seitenstrang vorbereitet. Es ist einfach zu ästhetisch, träumerisch, versponnen. Man denke auch an Georges Maximin-Kult, der sicher sehr verwandt damit ist, und auch an den theosophischen Runenforscher, dessen Name mir nicht einfällt, …

Peter: Akif Pirincci und das faschistische Merkel-Regime: http://www.pi-news.net/2015/11/p489523/

Peter: Ja, die hege Bunte Republik ist eine Wiedergängerin des Dritten Reiches! Helldeutschland ist ein Terrorstaat, der quasi offiziell Mordaufrufe ausgibt!
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/helldeutsche_wirklichkeit_hass_hetze_brand

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Das ewige Testament (Teil 2)

13. Oktober 2015

Mit Amalrich und Eriugena haben wir uns bereits in Am Anfang stand der Neuplatonismus beschäftigt.

Die Amalrikaner glaubten, genauso wie der Gottvater in den Patriarchen und der Gottessohn in Maria inkarniert worden waren, nun in ihnen der Heilige Geist fleischgeworden sei. Durch den Heiligen Geist hätten sie allen bloßen Glauben überwunden und seien nun ins Licht der vollen Erkenntnis getaucht. Als typische Gnostiker sagten sie: „Diese Erkenntnis ist die Auferstehung und eine andere Auferstehung gibt es nicht, sie ist das Paradies und ein anderes gibt es nicht.“

Aber nicht nur hier sind zumindest Anklänge an Eriugena zu finden. Wie er, glaubten auch sie, daß das Böse einfach Nichtwissen sei, ein reiner Seinsmangel ohne eigenes Sein und deshalb alle Sünde ein bloßes Nichts. Nur daß sie nun diese abstrakte philosophische Lehre in die Praxis umsetzten und die radikale Konsequenz zogen, was immer sie auch täten, sie frei von der Sünde seien und deshalb Gewissen geradezu etwas verwerfliches ist. In seinem Buch Religiöse Bewegungen des Mittelalters (Darmstadt 1961, S. 371) beschreibt Herbert Grundmann sie wie folgt:

Für den „geistigen Menschen“ des letzten Zeitalters, der die wahre Erkenntnis hat und in dem der Heilige Geist inkarniert ist, gilt eine neue Ethik, die nichts von „Sünde“ nach dem Maßstab der moralischen Normen und nichts von Reue und Buße weiß, die vor allem die bisher gültigen Gesetze der Geschlechtsmoral außer Kraft setzt; und die Pariser Ketzer sind in dieser Beziehung offenbar nicht bei theoretischer Betrachtung stehen geblieben. Sie haben sich damit allerdings besonders empfindlich dem moralischen Abscheu nicht nur ihrer Zeitgenossen, sondern auch der Nachwelt ausgesetzt.

Die Schüler Amalrichs, studierte Kleriker, fanden in ihrer seelsorgerischen Tätigkeit bei Laien und Frauen, insbesondere Witwen, großen Anklang. Ihre Lehre kam der Volksfrömmigkeit und einer bestimmten weiblichen Religiosität sehr entgegen und verbreitete sich auf diesem fruchtbaren Nährboden in weiten Teilen Mitteleuropas, auch nachdem die Amalrikaner schon längst vernichtet waren.

So deckte die Inquisition z.B. ab 1270 im Nördlinger Ries eine den Amalrikanern verwandte und hauptsächlich von Frauen getragene „Ketzerei des neuen Geistes“ auf. Mit dem „neuen Geist“ ließen sie alle kirchliche Heilsvermittlung und alle sittlichen Gebote hinter sich. Dabei wurde der pantheistische Spiritualismus „amalrikanischer“ Prägung mit der damals verbreiteten Minnemystik und Mariennachfolge verquickt. Bei ihren heimlichen Zusammenkünften gerieten die Frauen in Verzückung und erlebten Christus entweder als himmlischen Bräutigam oder als himmlisches Kind.

Die innere Dynamik dieser weiblichen Mystik kann man sich wohl am ehesten am joachitischen Dreischritt vergegenwärtigen: Im ersten Reich war Gott der ferne, unnahbare Vater, im zweiten Reich kam er den Menschen brüderlich in Gestalt seines leiblichen Sohnes entgegen, um im Dritten Reich sich endlich direkt mit seinen Gläubigen zu verbinden. Und in der Minnemystik wurde diese Intimität durchaus in kaum verhüllten sexuellen Bildern beschrieben. Man denke nur an die mystischen Verzückungen von Nonnen, wo „feurige Lanzen“ mit „süßem Schmerz“ ihre „schmachtenden Herzen“ durchstoßen (vgl. Barbara Koopman: „Mysticism, OR, and DOR“, Journal of Orgonomy, Nov. 1979).

In der Ketzerei vom Nördlinger Ries ging diese mystische Nähe zu Gott aber noch viel weiter, denn es kam, um mit Nietzsche zu reden, zur „Umkehrung des perspektivischen Blicks“: Gott blickt aus uns heraus – wir sind Gott. Als mit Gott geeint, glaubten diese Frauen über jedes Sittengesetz und alle Sünde erhaben zu sein: „Wer ein Kind Gottes ist, sündigt nicht mehr, weil Gottes Leben in ihm wirkt“ (1 Joh 3,9). Hier handelte es sich aber um eine ganz anders geartete Mystik als die der Frommen, denn die unio mystica wurde nicht als Gnade erlebt, nicht als Aufgeben des eigenen Ichs. Vielmehr glaubten sich die Frauen vom Nördlinger Ries fähig,

aus eigenem Willen mit Gott geeint, gottgleich, ja Gott zu werden und Gottes nicht mehr zu bedürfen. Denn der Mensch wie alles Geschaffene ist Gott oder kann Gott werden; die Seele ist von göttlicher Substanz, ewig wie Gott. Wer in Freiheit, Ruhe, Gelassenheit nur auf den Geist in sich hört, nur wartet und schaut, wie gut und süß Gott ist, kann dahin kommen, daß Gott alles in und durch ihn wirkt, daß er vergottet wird. Dann ist nichts mehr sündhaft, was er auch tue, Unzucht sowenig wie Meineid, Lüge, Diebstahl; er braucht nicht mehr zu beten, zu fasten, zu beichten, Reue und Buße würde ihn nur hindern. Böses und Gutes gilt ihm gleich, weil beides von Gott kommt. Er braucht nicht mehr Christi Leib und Blut zu verehren, nicht Maria oder gar die Heiligen, denn er ist ihnen gleich oder vollkommener als sie. Er erwartet keine künftige Auferstehung, glaubt nicht an Hölle und Fegefeuer, bedarf keines Priesters und mißtraut denen, die nur aus Büchern wissen statt aus der Erfahrung göttlicher Wonne. (Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche und ihre Geschichte, Bd. 2, Göttingen 1963, G 46)

Gedankengut wie das der „Ketzerei vom Nördlinger Ries“ fand im und durch das „Beginentum“ weiteste Verbreitung. Im 12. und 13. Jahrhundert gab es in Europa einen großen Frauenüberschuß, der nur teilweise durch Nonnenklöster und Bordelle aufgefangen werden konnte. Deshalb kam es zum Zusammenschluß von frommen Frauen, die ohne Gelübde aber doch ganz ähnlich wie Nonnen in „Beginenhöfen“ zusammenlebten und dort von Almosen und eigenem Handwerk lebten, in der Hauptsache aber karitativ tätig waren. Das ganze erinnert etwas an die evangelischen Diakonissen des 19. Jahrhunderts, die auch in Armut und Keuschheit zusammenlebten und -arbeiteten.

Die Frauenbewegung der Beginen entstand 1170 im Bistum Lüttich und breitete sich schnell über ganz Zentraleuropa aus. In weit geringerer Anzahl gab es auch männliche „Begarden“. Die umherziehenden Beginen und Bergarden, die keine feste Ordensregel verband, sondern allenfalls eine Art Ordenstracht, wurden bald zum letzten Unterschlupf der von der Inquisition zerschlagenen Ketzerbewegungen. Außerdem waren die Beginen und Begarden allen möglichen sittlichen Verdächtigungen ausgesetzt, so daß sich die Inquisition schließlich auch gegen das fromme Beginentum wandte.

Auf dem Vienner Konzil 1311 kam es zu einem allgemeinen Beginenverbot, wobei der Papst acht krasse Irrlehren der deutschen Beginen und Begarden verdammte:

Der Mensch könne auf Erden einen Grad der Vollkommenheit erreichen, daß er sündlos wird; er braucht dann nicht mehr zu fasten und zu beten, keinem Menschen und nicht der Kirche zu gehorchen; er übt nicht mehr, sondern „läßt“ die Tugenden, kann auch dem Leib gewähren, wozu die Natur drängt, denn alle Sinnlichkeit ist dann völlig vergeistigt im „Geist der Freiheit“. Wer so vollkommen wird, ist von Natur selig schon im Diesseits, nicht der Gnade bedürftig; er würde aus hoher, reiner Kontemplation herabsteigen, wenn er noch die Altarsakramente verehrte und an Christi Leiden dächte. (Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche und ihre Geschichte, Bd. 2, Göttingen 1963, G 54)

Dabei hatte das Beginentum wie gesagt als sehr rechtgläubige Angelegenheit angefangen. Verschiedene Bischöfe haben in der Folgezeit auch immer wieder versucht, die Beginen vom Ruch der Ketzerei frei zu halten. Aber selbst was nach außen streng katholisch aussah, offenbarte doch bei näherem Zusehen recht bedenkliche Züge, wie folgender von Grundmann (G 22f) nach den Inquisitionsakten dargestellte Fall zeigt:

1332 verhörte man Beginen, die junge Mädchen aller Stände für den harten Weg zur „vollkommenen Freiheit des Geistes“ anwarben. Die Novizin wurde in strenge Zucht genommen, ihr Leben bestand nur aus niedrigsten Arbeiten und ihr Eigenwille wurde gebrochen. Selbst von der Abwechslung des Kirchgangs wurde sie ferngehalten, zumal den Beginen die Sakramente genauso wenig galten, wie das Buchwissen des Klerus. Der Priester könne Christus nur ins Brot bringen, sie aber ins Herz. Der Priester könne nur das lesen, was auf Pergament steht, sie jedoch könnten aus dem Buch des Lebens lesen. Nachdem die jungen Novizinnen unter den alten Beginen durch die harte Probezeit gegangen waren, erreichten sie den Zustand der Vollkommenheit und waren niemandem mehr zum Gehorsam verpflichtet. Sie waren ohne Sünde und wie Gott.

Die Inquisitionsfrage, ob sie nicht untereinander und mit den Begarden, die sie oft trafen, auch Sündhaftes trieben, ohne es für Sünde zu halten, ließ zwar manchen Argwohn der Jüngeren laut werden, aber keine beweisbare Anklage; und was die Älteren selbst aussagten, klang wohl „verhüllt“, doch eher hintersinnig als verderbt. Unverschuldete Beschuldigungen gleichmütig zu ertragen, gehörte überdies zu ihrer Vollkommenheit, in der alles, was sie tun, Gotteswerk ist, gleichgültig ob sie fasten oder speisen, wachen oder schlafen, arbeiten oder beten; es kommt nicht mehr darauf an, was sie tun, sondern wie sie sind (…). Dem dominikanischen Inquisitor fiel es offenbar nicht leicht, die Unvereinbarkeit dieses Wahns mit dem Kirchenglauben festzustellen, so bedenklich auch die Gleichgültigkeit gegen Kirchengang, Messe, Beichte war. Ob und wie er die Verhörten strafte, ist unbekannt. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Die Schwierigkeit der Inquisition lag m.E. darin, daß die Beginen hier nichts weiter als die originale Geheimlehre Jesu vertraten, die ab und an im Neuen Testament durchscheint!

Später wird nie wieder von langen Probezeiten berichtet, sondern eher von plötzlichen Erleuchtungserlebnissen durch den Heiligen Geist.

Die ganze „freigeistige“ Bewegung der damaligen Zeit wird heute zumeist unter dem Begriff „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ zusammengefaßt. Dieser Name wird zuerst 1317 in Straßburg bezeugt, wo häretische Beginen und Begarden verurteilt wurden, die sich selbst als „Sekte vom freien Geist“ oder als „Brüder und Schwestern freiwilliger Armut“ bezeichneten.

Als letztes Beispiel für diese (mehr oder weniger) libertinistische Strömung im mittelalterlichen Christentum mag ein gewisser Hans Becker dienen. Er wurde 1458 in Mainz verbrannt, weil er die Evangelien und Apostelschriften für ein vergängliches testamentum moris hielt, „der interior instinctus seines Geistes aber für das ewige Testament des Lebens, dem allein er folgen wolle“ (Grundmann, G 58).

Die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ waren eine pantheistisch, spiritualistisch und libertinistisch gesinnte Bewegung von etwa 1200 bis ins 15. Jahrhundert hinein. Ganz im Sinne des „freien Geistes“ handelt es sich dabei nicht um eine bestimmte Sekte oder auch nur um verschiedene festgefügte Gruppen. Von ihrer Grundtendenz her, die so sehr auf das Hören der inneren Stimme gerichtet war, könnte man sie als mystisch bezeichnen, stünde dem nicht ihr Libertinismus und ihre Bejahung der Leiblichkeit entgegen. Man hat sie zu Recht auch als „Nihilisten des Mittelalters“ bezeichnet, was nun wahrhaftig nicht dem gängigen Verständnis der Mystik entspricht. Das dtv Wörterbuch der Kirchengeschichte (München 1982) spricht denn auch von „pseudomystischen Sekten“, die von „Mystikern wie Eckhardt, Tauler, Seuse und Ruysbroek“ literarisch bekämpft wurden. Im katholischen Lexikon für Theologie und Kirche (Freiburg 1958) ist zu lesen, die Brüder und Schwestern hätten die Freiheit des Geistes verkündet, „aber die des Fleisches geübt.“

Als generelles Urteil ist dies eine glatte Verleumdung, denn bei vielen , insbesondere den Beginen und Begarden, war diese Freiheit wirklich nur rein „geistig“, während andere tatsächlich nicht nur wußten, sondern auch lebten, daß sich Gott nicht nur über der Gürtellinie befindet. Sie wollten endlich den Geist mit dem Trieb versöhnen und sprachen dabei von „adamitischer Erotik“ oder auch von „Engelliebe“. Vor der Inquisition erklärten sie, denen alles ein Sakrament war, „daß der natürliche Geschlechtsakt in einem Sinne vor sich gehen könne, daß er das gleiche wert sei, wie ein Gebet vor Gott.“ Nur kranke und verdorbene pornographische Moraltheologen bringen es fertig, da zügellose orgiastische Ausschweifungen und andere Perversionen hineinzuprojizieren. Außerdem haben wir ja gesehen, daß bei manchen vor dem Stadium absoluter Freiheit eine moralisch streng geregelte Einweihungsphase lag. Was wieder auf Jesus selbst verweist, in dessen Aussagen ja auch strenger Moralismus und amoralischer Libertinismus eng beieinander lagen, je nach dem Einweihungsgrad der Zuhörer (vgl. Morton Smith: Auf der Suche nach dem historischen Jesus, Frankfurt 1974).

Die Brüder und Schwestern glaubten mit 2 Kor 3,14 die Verschleierungsdecke der betrügerischen Pfaffen vom Evangelium Christi genommen zu haben. Es ist kein Zufall, daß sie sich immer wieder auf den zumindest teilweise in die jesuanische Geheimlehre eingeweihten Paulus berufen konnten:

Wenn aber der Geist Gottes euer Leben bestimmt, dann steht ihr nicht mehr unter dem Zwang des Gesetzes. (Gal 5,18)

Dem Gerechten ist kein Gesetz gegeben. (1 Tim 1,9 in Luthers Übersetzung)

… jetzt sind wir vom Gesetz befreit; wir sind tot für das Gesetz, das uns früher gefangen hielt. Darum dienen wir Gott nicht mehr auf die alte Weise nach dem Buchstaben des Gesetzes. Sein Geist macht uns fähig, ihm auf eine neue Weise zu dienen. (Röm 7,6)

Im Umfeld des joachitischen Jahres 1260 glaubten die Brüder und Schwestern genauso wie zuvor Jesus an einer epochalen Zeitenwende zu stehen. Genauso wie Jesus glaubten sie schon auferstanden und befreit zu sein. Sie lebten die Frohe Botschaft (Joh 15,11 und 16,24). Wie bei Jesus war für sie nicht die Zeit des Fastens, sondern die Zeit der Freude angebrochen. So standen sie im asketischen Mittelalter genauso fremd da, wie Jesus zwischen dem finsteren Bußprediger Johannes und den mönchischen Essenern (vgl. Mt 9,14f). Und genau wie Jesus mußten auch seine Brüder und Schwestern unter der Verfolgung der toten Frommen leiden.

Nach einer systematischen Ausmerzungskampagne unter Karl IV. (reg 1355-78) tauchte die „Ketzerei des freien Geistes“ und damit das einzig wahre Christentum nur noch vereinzelt auf, „in Bern 1375, in Eichstädt 1381, in Valenciennes um 1400, bei den Brüsseler Homines intelligentiae 1410, in Konstanz 1434, in Mainz 1458 usw., vielleicht auch bei manchen böhmischen ‘Pikarden’ und ‘Adamiten’ in der Hussitenzeit.“

Die Hussitenbewegung geht auf den englischen Vorreformer John Wyclif (ca. 1320-1384) zurück. Wyclif hatte die Organisationsform der Kirche radikal angegriffen und behauptet, daß nicht die Hierarchie, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen die wahre Kirche konstituiere. Diese theologische Kritik war mit nationalistischen und sozialrevolutionären Ideen verquickt. Zu dieser Zeit war England mit Böhmen dynastisch verbunden, so daß auch in Böhmen Wyclifsches Gedankengut Eingang fand. Zum Hauptvertreter wurde der Rektor der Prager Universität, Johannes Hus (ca. 1370-1415). Trotz Zusicherung freien Geleits wurde er 1415 auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt. Dies war der eigentliche auslösende Funken für die husitische Bewegung, die im Laufe der Zeit weit radikalere Züge annahm, als sie ihr Namensgeber vertreten hatte, der eher gemäßigter war als Wyclif. Nicht zuletzt war dafür wohl auch durch Wyclif vermitteltes joachitisches Gedankengut verantwortlich, das den Hussiten die revolutionäre Perspektive gab.

1419 hielten hussitische Geistliche auf einem Hügel einen Gottesdienst ab. Das herbeiströmende Volk wurde in seinem Verlauf von einem derartigen religiösen Überschwang erfaßt, daß sie sich wie die Jünger Jesu bei dessen Verklärung auf dem Berg fühlten (Mt 17,1-8). Wie Petrus begannen sie, Hütten zu errichten. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine befestigte Ansiedlung. Sie wurde zum Zentrum der radikalen Hussiten, deren Ziel die Errichtung des Gottesstaates nach dem Muster der alttestamentarischen Richterzeit war. Dementsprechend wurde der Hügel „Tabor“ genannt (vgl. Ri 4,6). Um die Gottesherrschaft zu errichten, riefen die Taboriten zum sozialrevolutionären Heiligen Krieg auf, der alles Widergöttliche ausmerzen sollte. Die joachitischen Weissagungen sollten mit Gewalt durchgesetzt werden. So beriefen sie sich auch hauptsächlich auf die apokalyptischen, das Strafgericht verkündenden Stimmen der Bibel.

Andere taboritische Fraktionen schlossen demhingegen aus den joachitischen Weissagungen, daß mit dem heranbrechenden Dritten Reich sich nun der Geist unmittelbar mitteile und deshalb die Bibel überflüssig geworden sei. Noch radikalere meinten, damit sei auch jedes biblische Gebot hinfällig geworden. Die von Adam herstammende Sünde sei aufgehoben und damit auch jedes Gesetz gegen die Sünde. Deshalb nannte man sie auch „Adamiten“. Eine andere Bezeichnung lautete „Pikarden“, was eine Verballhornung von „Begarden“ ist. Es handelte sich also um eine Entsprechung der häretischen Beginen und Begarden, der Brüder und Schwestern des freien Geistes.

Diese libertinistischen Taboriten wurden auch mit den „Nikolaiten“ aus der Offenbarung des Johannes identifiziert. Dieser Name wird mit Nikolaus von Antiochia in Verbindung gebracht, der zu den sieben Helfern der Apostel gehörte (Apg 6,1-6). Nebenbei gesagt beweist dies, daß unmittelbar an Jesus und seine Apostel libertinistisches Gedankengut anschließt. In den Sacherklärungen der Einheitsübersetzung ist über die Nikolaiten zu lesen:

Über ihre Lehre ist nicht viel bekannt. Wahrscheinlich fühlten sie sich als Christen hoch erhaben über alles Irdische und meinten, auch Unzucht und Teilnahme an den Götzenopfern könne ihnen nicht mehr schaden. (Hervorhebung hinzugefügt)

In der Offenbarung läßt Christus der Gemeinde von Ephesus versichern: „Doch eins spricht für euch: Ihr haßt das Treiben der Nikolaiten genauso wie ich“ (Offb 2,6). Während er der Gemeinde von Pergamon droht:

Es gibt unter euch auch einige, die der Lehre der Nikolaiten folgen. Kehrt um! Sonst komme ich bald zu euch und werde gegen diese Leute mit dem Schwert aus meinem Mund Krieg führen. (Offb 2,15f)

Pflichtgetreu befolgten die sittenstrengen Taboriten diese Weisung und verhängten das göttliche Strafgericht über die Brüder und Schwestern. Sie wurden unbarmherzig verfolgt und in schweren Kämpfen niedergemacht. Die wenigen Überlebenden wurden nach der Ausmerzungsaktion lebendig verbrannt.

Doch diese christliche Tat konnte Tabor nicht retten, das 1453 unter dem Ansturm der Papisten fiel. Daraufhin breitete sich taboritisches Gedankengut jedoch erst recht im Untergrund aus, um im linken Flügel der Reformation und bei den Wiedertäufern wieder an die Oberfläche zu treten.

Insbesondere Thomas Müntzer (1490-1525) wurde vom taboritischen Geist geprägt, was sich z.B. in seinem Ausspruch zeigt, daß ein „gottloser Mensch kein Recht hat zu leben“. Kein Wunder, daß die Stalinisten in der „DDR“ ihn zu ihrem Nationalheiligen erkoren. Für uns ist aber von besonderem Interesse, daß Müntzer ganz direkt vom joachitischen Schrifttum beeinflußt wurde:

Ihr sollt auch wissen, daß sie diese Lehre dem Abt Joachim zuschreiben, und heißen sie ein ewiges Evangelium in großem Spott. Bei mir ist das Zeugnis Abbatis Joachim groß.

Man kann Müntzer als eschatologischen Bußprediger nach dem Muster Johannes des Täufers betrachten. Wie bei den Taboriten gab es aber auch in der Täuferbewegung libertinistische Gruppen, die ganz in der Tradition der Brüder und Schwestern standen. Es waren aber nur vereinzelte Ansätze, die sofort vom gemeinsamen Kampf der Papisten und Lutheraner gegen das Täufertum ausgelöscht wurden. Einzig die pazifistischen frömmelnden Täufer konnten mit Mühe und Not überleben, die Mennoniten.

Die ökomenisch gesinnten Mennoniten haben immer versucht, mit den nationalen Konfessionen der Länder, in die sie auswanderten, zu einer einigen Kirche zu verschmelzen. So wurden sie z.B. in Rußland so gut wie identisch mit den „popenlosen“ Altgläubigen, die genau wie die Mennoniten für eine strikte Trennung von Staat und Kirche eintraten, sowie Eid und Kriegsdienst ablehnten.

1653 hatte der russische Papst, der Patriarch von Moskau, versucht, die russisch-orthodoxe Kirche von oben her zu reformieren. Daraufhin spalteten sich die „Altgläubigen“ von der russischen Staatskirche ab. Schwerste Verfolgungen führten bei ihnen zu einer konsequenten Staatsfeindlichkeit und einer apokalyptischen Weltsicht, in der der Patriarch von Moskau zum Antichrist erklärt wurde. Schließlich lehnten bestimmte Gruppen der Altgläubigen das Bischofs- und Priesteramt überhaupt ab. Dazu gehörten schließlich auch die Sakramente. Bei libertinistisch gesinnten führte dies sogar zur Verwerfung der Ehe.

Wie nah diese Entwicklung den Brüdern und Schwestern des freien Geistes kam, zeigt sich auch an der ebenfalls im 17. Jahrhundert entstandenen russischen Sekte der „Chlysten“. Sie lehrte die permanente Inkarnartion Gottes, Christi, der Gottesmutter und der Heiligen in jedem Gläubigen. Dies erlebte man existentiell in einer Ekstase, die nach Art der Derwische durch Sakraltanz herbeigeführt wurde. (Die islamischen Derwische gehen wiederum auf die christliche Mönchssekte der „Messalianer“ zurück!) Und um unser bisheriges Szenario zu vervollständigen, wähnte um 1900 die Sekte der „Seufzenden“ in Kaluga, 180 km südwestlich von Moskau, durch ihr mit Röm 8,26 legitimiertes Zungenreden den Anbruch des Dritten Reiches des Geistes nach dem des Vaters und des Sohnes zu bezeugen, was an Joachim von Fiore erinnert.

Am Anfang stand der Neuplatonismus

9. Oktober 2015

Zwischen 200 und 500 entwickelte sich der „Neuplatonismus“. In diesem mystischen System wurde alles in stufenweiser Abfolge aus dem letzten Urgrund abgeleitet. Durch Emanation gehen aus ihm zunächst die Platonischen Ideen hervor, aus diesen die Weltseele, die schließlich die Materie erschafft. In der Materie sind die Einzelseelen gefangen, indem sich aber jede bewußt wird, daß in ihr die ganze Weltseele gegenwärtig ist – daß also jeder Einzelne das ganze All in sich trägt und es erschaffen hat – kehrt sich der Prozeß der Emanation um. Die Seele kehrt in die Weltseele zurück, um letztlich wieder eins mit dem jenseitigen Gott zu werden.

Die Affinität des Neuplatonismus zum Christentum ist offensichtlich. So gab es zwischen den beiden immer wieder Überschneidungen, bis um 500 ein nicht weiter identifizierbarer syrischer Gelehrter unter dem Pseudonym „Dionysius Areopagita“ die neuplatonische Philosophie systematisch mit dem Christentum verband. In seiner „mystischen Theologie“ sollte der Mensch sich von seiner Anhänglichkeit an den Dingen „reinigen“, um vom Logos „erleuchtet“ zu werden, d.h. zu den reinen platonischen Ideen durchzudringen. Da diese aber noch einer Vielheit entsprechen, muß unser Geist noch einen letzten Schritt der „Einigung“ vollziehen, um wieder mit dem All-Einen zu verschmelzen. Aus dieser Sichtweise erkennen wir, daß wir Gott nicht fassen können, ihm keinen Namen geben können, daß alle Benennung auf Unterscheidung beruht, Gott aber das unvergleichliche All-Eine ist. Dem entspricht eine „negative Theologie“, die alle Aussagen von Gott fernhält und sogar alle negativen Aussagen, z.B. das Gott nicht existiert, verneint.

Hier sei kurz erwähnt, daß die Lehre vom Zusammenfall aller Gegensätze im absoluten Einen und die „negative Annäherung“ an das Eine, sowohl in abstrakter Weise Reichs orgonometrische Denkmethode als auch in mystischer Form Stirners solipsistischen Nihilismus vorwegnimmt. Ohne den Pseudo-Dionysius wäre die Entwicklung, die zu diesen beiden Männern führte, undenkbar gewesen.

Wenn Reich in Christusmord (Freiburg 1978, S. 200) schreibt, Bruno hätte sich in dem Hauptstrom des menschlichen Denkens bewegt, „der vierhundert Jahre später zur konkreten Formulierung der funktionellen orgonometrischen Gleichung führte“, bestätigt dies meine Einschätzung, denn Brunos unmittelbarer Geistesahn Nikolaus von Kues (Cusanus) schöpfte direkt aus dem Pseudo-Dionysius. Und was Stirner betrifft, möchte ich an dieser Stelle nur die beiden abschließenden Absätze seines Der Einzige und sein Eigentum zitieren:

Man sagt von Gott: „Namen nennen Dich nicht“. Das gilt von Mir: kein Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angibt, erschöpft Mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein von Mir. Eigner bin ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins. Stell’ ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt und Ich darf sagen: Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt.

Der ungeheure Einfluß der vier areopagitischen Schriften auf das abendländische Denken verdankt sich der Tatsache, daß man sie, nach Apg 17,34, dem Apostelschüler und ersten Bischof von Athen zuschrieb. So kam im Mittelalter die Lehre des Pseudo-Dionysius gleich nach den Aposteln. Albertus Magnus glaubte sogar, sie wäre vom Heiligen Geist selbst verfaßt worden.

Bevor Dionysius seine nicht zu überschätzende Wirkungsgeschichte im Abendland entfalten konnte, mußte er erst aus dem damals so gut wie unbekannten Griechischen ins Lateinische übersetzt werden. Dies leistete der irische Mönch Johannes Scottus Eriugena (ca. 810 – ca. 880) am Hofe Karls des Kahlen in Paris. Mitten im finstersten Mittelalter brachte es Eriugena sogar fertig die areopagitische Philosophie weiterzuentwickeln. Dazu möchte ich zunächst noch einmal auf Christusmord zurückkommen, wo Reich schreibt: „Bruno kannte das Gesetz der gleichzeitigen funktionellen Identität und Gegensätzlichkeit, wenn auch nur in abstrakter Form.“ Dieses geht aber ursprünglich auf Eriugena zurück:

Er konnte (…) Einheit denken als bewegte Einheit von Gegensätzen; damit bereitete er den Weg für Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, [Georg] Hamann und Hegel. Er ließ Koinzidenzphänomene gelten, so die Einheit von Aufstieg und Abstieg, von Ruhe und Bewegung, von Offenbaren und Verbergen. (Kurt Flasch: Das philosophische Denken des Mittelalters, Stuttgart 1986, S. 175)

In seinem fünfbändigen Werk „Über die Einteilung der Natur“ Periphyseon nahm Eriugena in seinem Bestreben Philosophie und Theologie in Übereinstimmung zu bringen geradezu Hegel vorweg. (Wie wir noch sehen werden, sollte Eriugena sogar seine eigenen „Stirner“ bekommen). Und Hegel wäre ohne die mittelalterliche deutsche Mystik undenkbar, die wiederum ohne Eriugena kaum vorstellbar ist.

Für die Neuplatoniker war die Materie das schlechthin böse, was sich natürlich mit der jüdisch-christlichen Lehre von der guten Schöpfung Gottes biß. Deshalb formte Eriugena den neuplatonischen Akosmismus in etwas um, was jederzeit in Pantheismus abgleiten konnte (was noch unvereinbarer mit der jüdisch-christlichen Lehre wäre), denn für Eriugena sind Gott und Welt wohl nicht formell aber substantiell identisch (weshalb es für Eriugena auch kein substantiell Böses geben konnte). Gott ist überall und in allem und hört doch nicht auf über allem zu stehen.

Nach Eriugena geht die Welt wie folgt aus Gott hervor:

  1. Gott ist die unverursachte Ursache für alles, er ist die schaffende aber nicht geschaffene Wirklichkeit, die
  2. die Entstehungsgründe für jedes einzelne hervorbringt, die Platonischen Ideen als geschaffene und schaffende Wirklichkeit, welche
  3. die einzelnen Dinge hervorbringt; dies ist die geschaffene aber nicht schaffende Wirklichkeit, welche
  4. im menschlichen Geist als nicht schaffende und (wie Gott) nicht geschaffene Wirklichkeit zu Gott zurückkehrt.

Eriugena zufolge sind im menschlichen Denken die Dinge wahrer als in sich selbst und indem der Mensch sie vereinigend in ihren Ursprung zurückführt, zeigt er seine Ebenbildlichkeit mit Gott. Der Mensch faßt die Welt zusammen und vergöttlicht sie so. So bekommt der Mensch bei Eriugena eine ganz eigentümliche Würde verliehen, die fast schon an Nietzsche gemahnt. Im Gegensatz zu Pseudo-Dionysius sah Eriugena den Menschen also nicht nur passiv der sich durch die Hierarchie vermittelnden Erleuchtung hingebend, sondern als aktiv tätigen Geist, mit einem unmittelbaren Bezug auf Gott. Implizit bedeutete dies natürlich eine Infragestellung der „kirchlichen Hierarchie“.

Gegenüber dem rein mystischen Dionysius bekam bei Eriugena die Vernunft einen hohen Stellenwert. Diese rationalistische Herangehensweise zeigt sich z.B. daran, daß Eriugena Himmel und Hölle nicht als reale Orte, sondern als Bewußtseinszustände betrachtete, demnach war der Mensch zeitlich auch nie im Paradies. Trotzallem galt Eriugena drei Jahrhunderte nicht als häretisch. Erst 1210 wurden seine Werke verurteilt und verbrannt.

Die Schuld daran trug der Theologe Amalrich von Bena (gestorben etwa 1206), der Dozent an der Pariser Universität war. Amalrich griff Eriugenas Ideen wieder auf und formte sie zu einem konsequenten Pantheismus um. 1204 wurde er von seinen theologischen Kollegen verklagt und daraufhin vom Papst zum Widerruf gezwungen, obwohl er sich ständig auf Paulus berief: Wie alle einschließlich unserer Körper seien Teile vom Leibe Christi (Eph 5,30; 1 Kor 6,15 und 12,27). Gottes Allgegenwart und Identität mit dem All sollte die Aussage von Paulus belegen, Gott habe alle Dinge geschaffen. „Sie bestehen durch ihn und haben in ihm ihr Ziel“ (Röm 11,36). Gott allein sei der Herr, „der alles und in allem wirkt“ (1 Kor 15,28). Alles im Himmel und auf Erden wurde durch Christus geschaffen und alles habe in ihm sein Ziel (Joh 1,3-4 und Kol 1,16).

Amalrichs pantheistische Anschauungen mußten natürlich mit der Vorstellung in Konflikt geraten, daß sich beim Abendmahl das Brot in den Leib Christi und der Wein in sein Blut umwandle. Überhaupt machten Sakramente angesichts einer solchen Weltheiligung und ihres „Pansakramentalismus“ keinen Sinn mehr. Und selbst die Moral und Ethik der Kirche mußten zu nichts werden, denn schließlich sei ja aller Wille letztlich göttlicher Wille und deshalb Gewissensbisse unnötig. Ganz paulinisch wurde bei Amalrich die göttliche Gerechtigkeit restlos von der göttlichen Gnade verdrängt. Die Liebe würde alles heiligen und alles was in Liebe geschehe, sei keine Sünde. Zumal ja schon Eriugena gelehrt hatte, daß es substantiell Böses gar nicht geben könne.

Eriugena hatte den weltflüchtigen, mystischen Neuplatonismus in einen rationalistischen Pantheismus (mit allen oben erwähnten Einschränkungen) „verwestlicht“. Diesen hatte Amalrich konsequent in eine Seinslehre der Weltheiligung umgeformt. Bis sie 1210 von der Inquisition verbrannt oder lebenslänglich eingekerkert wurden, wandelten nun Amalrichs Schüler, die Amalrikaner, diese Seinslehre in eine Lebenslehre. Ja, indem sie pantheistische Philosophie und paulinische Theologie mit der theologischen Geschichtsspekulation von Joachim von Fiore verbanden, riefen sie sogar eine neue Heilslehre ins Leben.

OR gegen DOR

14. August 2015

Wie Reich in Äther, Gott und Teufel (S. 133ff) ausgeführt hat, steht das Wort „Gott“ für den Oberbegriff aller moralischen Forderungen. „Gott“ hält den „Teufel“ in Schach – der Oberbegriff für die pervertierten Triebe. Des weiteren führt Reich aus, daß durch Stärkung der Moral Perversionen und Brutalität nur noch weiter zunehmen. Versucht man aber die Moral einfach in einem rebellischen Akt wegzufegen, wird durch das entstehende Chaos zwangsläufig eine noch stärkere und strengere Moral das letztendliche Resultat sein. So gesehen sind Gott und Teufel nur zwei Seiten ein und derselben Medaille.

In diesem Kontext ist von Interesse, daß der unmoralische Teufel des Christentums im ursprünglichen israelitischen Verständnis eine hochmoralische Funktion im Hofstaat von König Jahwe innehatte. Zum Beispiel wendet Satan gegenüber Jahwe ein, Ijobs Frömmigkeit beruhe nur auf dessen Selbstsucht (Ijob 1,6ff).

Gleichzeitig symbolisiert Gott den mystisch verzerrten Kontakt mit dem bioenergetischen Kern, der für den konservativen Charakter typisch ist. Dem (links-) liberalen Charakter ist der Kern prinzipiell unzugänglich. Er bleibt in der oberflächlichen, äußeren Fassade haften. Sein einziger „Kontakt“ mit Gott ist die „subversive Rebellion gegen den Vater (-Gott)“. Er identifiziert sich dabei teilweise ganz offen mit dem Teufel, der wie bereits gesagt die Sekundäre Schicht, die sekundären, perversen Triebe verkörpert.

Hier paßt, was Gerhard Zacharias vor drei Jahrzenten in seinem Buch über Satanskult und Schwarze Messen (Der dunkle Gott, Wiesbaden 1982) festgestellt hat:

Auffällig ist die Tatsache, daß viele Teilnehmer an den satanischen Riten Angehörige der höheren Gesellschaft und Intellektuelle sind. Der Grund dafür liegt vermutlich in der Tatsache, daß Menschen, die in besonderer Weise von den Quellen ursprünglicher Vitalität abgeschnitten sind, im Satanskult und in den mit ihm verbundenen Orgien den Zugang zu Erfahrungen elementarer Art suchen.

Zacharias verweist auch auf „die direkt-satanischen Züge in jener Subkultur, die sich seit der Entstehung der Hippie-Bewegung an der kalifornischen Küste im Sommer 1967 in vielen Formen fast weltweit verbreitete.“ Er erwähnt auch „satanische Einflüsse auf die erste Generation von Terroristen“ und auf „die satanischen Aspekte zeitgenössischer Sekten, vor allem der Jugendsekten.“

Wichtiger aber ist die Entwicklung seit 1968 (…) Die Protestbewegung, die in vielen Ländern aufflammte, vollzog sich zum Teil als sexuelle Revolution, deren Banner vor allem den Namen Wilhelm Reich trug.

Wilhelm Reich als Satanist! So muß er jedenfalls dem konservativen Charakter erscheinen. Schon sein Vorgänger Jesus wurde von den rechtgläubigen Pharisäern als mit dem Teufel im Bund stehend angegangen (Mk 3,22). Die abergläubischen Bauern baten diesen unheimlichen Mann, doch ihr Gebiet zu verlassen (Mk 5,1-20).

Auch heute noch muß für manchen Christen die Orgonomie unheimliches Teufelswerk sein. Wer sich mit den wogenden Lebensströmungen befaßt, muß in jedem Gläubigen Todesängste provozieren. Sein Gott hat ja die Welt geschaffen, indem er die Wellen des Meeres brach (Ijob 38,4 und 8-11). Dies entspricht der Panzerung, die die Strömung der Lebensenergie einschränkt. Nachdem die Lebensenergie unter der Panzerung entartete, packte Jahwe „den Drachen, die alte Schlange, die auch Teufel und Satan genannt wird, und fesselte ihn“ (Offb 20,2). Wehe, diese Fessel wird wieder gelöst…

Auf die Verdächtigung der Teufelei erwiderte Jesus:

Jede Sünde kann den Menschen vergeben werden und auch jede Gotteslästerung. Wer aber den Heiligen Geist beleidigt, für den gibt es keine Vergebung, denn er ist auf ewig schuldig geworden. (Mk 3,28f)

Es geht ganz einfach darum, streng zwischen den primären und sekundären Trieben zu unterscheiden, die unter keinen Umständen miteinander verquickt werden dürfen.

Genauso wie Jesus will auch die Orgonomie „böse Geister austreiben“.

In der Sprache des wahren Christen würde man – ohne mystisch zu werden – sagen, daß der „Teufel“ durch die Funktionen „Gott“ oder „Jesus“ ausgetrieben wird. Ich drücke mich absichtlich auf diese Weise aus, um den Leser davon zu überzeigen, daß große Wahrheiten in derartigen religiösen Lehren stecken, auch wenn sie durch das gepanzerte Menschentier entstellt worden sind. (Äther, Gott und Teufel)

Dies schrieb Reich 1947, als er noch davon ausging, daß das „Böse“ genauso wie auch die Panzerung nicht wirklich in der Natur verankert ist, sozusagen nicht zur „Wirklichkeit“ gehört. Oder, um mit dem irischen Gelehrten des 9. Jahrhunderts, Eriugena zu sprechen, das Böse wurde von Reich als „substanzlos“ betrachtet. Dann kam aber nach 1951 mit dem katastrophalen Ausgang des ORANUR-Experiments und der daran anschließenden Entdeckung des DOR der große Umbruch in Reichs Denken. Der Teufel war wirklich. Das Böse brach wortwörtlich ins Paradies ein. Die schwarzen Wolken ziehen auf:

Im November 1961 veröffentlichte der Psychologe Charles Kelley, ein Schüler Reichs, in seiner Zeitschrift Creative Process eine Kritik an Reichs Auffassung, die dieser in Die kosmische Überlagerung dargelegt hatte, der Ursprung der Panzerung liege im Wechselspiel zwischen Bewußtsein und Orgasmusfunktion. Der Mensch sei sozusagen „gestrauchelt“, als er sich erstmals seiner selbst bewußt wurde und sich den orgonotischen Strömungen ausgeliefert sah. Die Frage bleibt dabei schlicht unbeantwortet, warum und wovor der Mensch es denn eigentlich mit der Angst kriegen sollte, gegen die er sich dann abpanzerte. Reichs Theorie mag anregend sein, erklärt aber so gut wie nichts, zumal Reich selber sie nicht weiter verfolgt hat und sie in seinem Oeuvre sehr bald durch die Vorstellung verdrängt wurde, die Panzerung ließe sich auf die abtötende Wirkung von atmosphärischem DOR zurückführen. Kelley ließ durchblicken, daß er sich dieser letzteren Theorie als einzig stimmiger anschließt.

Charakteristischerweise verwarf Kelley einige Jahre später sowohl die „DOR-Theorie der Panzerung“ als auch gleich Genitalität und Orgonenergie und fand seine Erklärung für die Panzerungsgenese in der Psychologie. Panzerung sei durch den Mechanismus der willentlichen Aufmerksamkeit und Kontrolle bedingt, der in der Evolution neu sei, weshalb wir ihn mühsam erlernen müßten, ohne uns abzupanzern. Kelley kehrte also in abgewandelter Form zu Reichs ursprünglicher Auffassung zurück – mit dem Anspruch von „Originalität“.

Auf ganz ähnliche Weise verdrängte der italienische Reichianer Luigi DeMarchi das DOR, wobei er in seinem Buch Der Urschock (Darmstadt 1988) ebenfalls von einer Kritik an Reichs erster Theorie ausgeht, die er so darstellt, als sei sie Reichs letztes Wort gewesen. Für DeMarchi liegt der Ursprung der Panzerung im „existentiellen Urschock“, den die ersten Menschen erfuhren, als sie sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewußt wurden. Reich habe die Sterblichkeit verdrängt. Dabei erwähnt DeMarchi an keiner Stelle Reichs Konzept einer „Todesenergie“ (DOR).

Man gewinnt den Eindruck, daß Kelley und DeMarchi ängstlich vor etwas flohen, was auch mit ihrer Leugnung der Genitalität verbunden sein muß. In seinem Aufsatz „Die emotionale Wüste“ (Ausgewählte Schriften) wies Reich 1955 auf den „wohlverborgenen Haß“ gegen jeden hin, „der auf die Existenz einer tödlichen, übelriechenden DOR-Energie hinweist“ und auf „die grundsätzliche Neigung, alles, was mit Genitalität, dem System der Energieentladung, zu tun hat, zu ‚verbergen‘.“ Diese Verdrängung sei Ausdrucksform der grundlegenden Tatsache, daß das DOR im eigenen Organismus selbst zum Preis des Todes verborgen werden muß.

Reich denkt dabei an die „negative therapeutische Reaktion“, die einst Freud dazu veranlaßte den „Todestrieb“ zu postulieren. Anders konnte Freud sich nicht erklären, warum Patienten wirklich alles tun, wirklich alles in Kauf nehmen, nur um nicht zu gesunden, nur um nicht leben zu müssen.

Es fängt damit an, daß man keine Fremden anspricht, weil man Angst davor hat, mit der eigenen Unbeholfenheit konfrontiert zu werden. Es ist letztendlich die Angst davor mit dem eigenen DOR in Kontakt zu kommen.

Kurioserweise versinkt man bei dieser „Taktik“ erst recht zunehmend im DOR, so als gäbe es Freuds ominösen „Todestrieb“ tatsächlich. Es sei etwa an „Gruftys“ erinnert oder an Drogenabhängige. Was sie tatsächlich fliehen, ist die bioenergetische Reaktion, die mit dem Kontakt von ORgon und DOR einhergeht. In einer Art „Entzündung“ wird das DOR sequestriert, was mit einer ungeheuren Erregung des OR verbunden ist. Es ist diese orgonotische Erregung, letztendlich die Genitalität, die wir mit allen Mitteln fliehen. Deshalb meiden die Menschen instinktiv die Orgontherapie. Und wenn sie doch in Orgontherapie sind, tun sie alles, um dieser Erschütterung zu entgehen. Gegebenenfalls schreiben sie Essays wie Kelley und DeMarchi.

Das Elend dieser Welt hängt nicht damit zusammen, daß wir irgendwie fehlerhaft konstruiert sind und unser Bewußtsein mit der Wirklichkeit nicht zurande kommt, sondern damit, daß wir darauf konditioniert wurden uns im sozusagen „emotionalen Sumpf“ einzurichten. Wir erleiden lieber unzählige kleine Schmerzen, als daß wir uns dem großen Schmerz aussetzen, der damit verbunden ist, uns dem Leben zu stellen. Beispielsweise versinken wir lieber in der Agonie der Einsamkeit oder einer festgefahrenen Beziehung, als auf die Frau zuzugehen, in die wir uns verliebt haben.

Das, diese Angst des Rigiden und Abgestorbenen vor dem pulsierenden Leben durchzieht alles. Es treibt ganze Nationen an.

Während des Franquismus war das Motto der spanischen Fremdenlegion „Viva la muerte!

Es lebe der Tod, da, um mit Mussolini zu reden, der Tod die Voraussetzung der Wiederauferstehung ist. Der Widerauferstehung im Mythos. Der Tod überwindet die Zumutungen des Organischen (Pulsierenden!). Frei nach Marinetti wird das Reich des Organischen vom Reich des Maschinellen abgelöst.

Der Spiegel faßt den Futurismus denkbar knapp zusammen:

Sie waren Prediger einer brutalen Avantgarde: Vor 100 Jahren veröffentlichten die Futuristen ihr Manifest – sie liebten den Tod, das Tempo, Maschinen. Sie haßten Frauen und das Establishment. Wortführer Tommaso Marinetti wurde Mussolinis Kulturminister – und kämpfte für Hitler vor Stalingrad.

Die Wirkung des DOR auf dem sozialen Schauplatz hat mit unübertrefflicher Prägnanz J.P. Stern erhellt, als er sein Buch über Hitler mit der Bemerkung abschloß, er habe genügend Beweise dafür genannt, daß „nicht Eroberung, sondern blinde Vernichtung“ Hitlers Ziel gewesen sei.

Dies – und nicht irgendeine heroische Selbstbehauptung, nicht einmal die Aussicht auf materiellen Gewinn – war das Geheimnis, das seine Anhänger an ihn band; und nicht nur seine Anhänger. Auf diesem heimlichen Einverständnis beruhte seine Karriere. (Der Führer und das Volk, München 1978, S. 209)

Getreu dem Nibelungenmythos siegte man im Untergang, indem der eigene Opferwille unter Beweis gestellt wurde. Den Feind mit in den Untergang zu reißen, komplementiert den Triumph. Schon während des Ersten Weltkrieges soll Clemenceau, Thomas Mann zufolge, gesagt haben:

Die Deutschen lieben den Tod. Sehen Sie ihre Literatur an! Sie lieben im Grunde nur ihn.

Mit dem Langemarck-Mythos galt es die Westmächte genauso einzuschüchtern wie es heute die islamischen Gotteskrieger versuchen: „Ihr liebt das Leben und wir lieben den Tod“, bekundeten Dschihadisten im Bekenner-Video zum Attentat von 2004 ausgerechnet in Madrid.

Wenn man Mohammed liest, vermeint man die Stimme Himmlers zu hören:

Töten ist euch vorgeschrieben, auch wenn es euch widerwärtig ist. Doch es mag sein, daß euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch ist, und es mag sein, daß euch etwas lieb ist, was übel für euch ist. Und Allah weiß es, doch ihr wisset es nicht. (Sure 2:216)

Das führt direkt zum heutigen Islamismus:

1938 erschien Al-Bannas Werk „Die Todesindustrie“, in welchem die Abwendung vom Leben radikalisiert und die Verherrlichung des Märtyrertums entfaltet wird: „Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt. Die Illusion, die uns gedemütigt hatte, besteht in nichts anderem als der Liebe zum weltzugewandten Leben und dem Haß auf den Tod.“).

Die gleiche „Todesverherrlichung“ manifestierte sich z.B. im japanischen Kamikaze-Kult, der die Amerikaner wirklich in Angst und Schrecken versetzte – und die Atombombe unausweichlich gemacht hat. Ich habe mich damit in meiner Besprechung von Hitler, Buddha, Krishna beschäftigt.

So könnte ich mit beliebig vielen anderen Beispielen fortfahren, ohne jemals den ganzen Gehalt des funktionellen Gegensatzes von OR und DOR ausschöpfen zu können!