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nachrichtenbrief23

18. Mai 2017

Eine theoretische Erneuerung der naturwissenschaftlichen Orgonomie?

28. Juli 2015

In seinem vor kurzem bei Harvard University Press erschienen Buch Wilhelm Reich, Biologist führt der auf Biologie spezialisierte Wissenschaftshistoriker James Strick u.a. aus, daß Reichs „Obsession“ mit dem Begriff „Energie“ bzw. „Lebensenergie“ vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen Vitalismus und Mechanismus Anfang des 20. Jahrhunderts zu verstehen ist und nur konsequent war. So sei, Strick zufolge, die „Lebensenergie“ damals kein „vitalistisches“, sondern ein Konzept der Laborwissenschaft gewesen. Auch hat beispielsweise bereits 1895 Freuds damaliger Mitstreiter Josef Breuer ausgeführt, daß der Begriff „Lebenskraft“ antiquiert sei und man heute (d.h. 1895, als die Psychoanalyse in ihren ersten Anfängen steckte) von „Energie“ reden sollte.

Entsprechend wird heutzutage vorgebracht, eine bessere, an die heute gebräuchliche wissenschaftliche Ausdruckweise besser angepaßte, Begrifflichkeit wäre das Wort „Plasma“. Es träfe die Sache viel besser als das Wort „Energie“ in „Orgonenergie“ (Lars Jörgenson: Die Grauzone in der Wissenschaft, Berlin: WDB-Verlag, 1990). Nun, „Plasma“ ist ein Aggregatzustand von Materie, da ist „Energie“ weitaus neutraler ohne inhaltsleer zu sein, wie etwa Charles Kelleys „schöpferischer Prozeß“ oder gar „Radix“.

In den 1970er Jahren wurde von „Reichianern“ versucht, den Strukturalismus an die Stelle des Funktionalismus (der etwa in der Ethnologie vollständig dem Strukturalismus weichen mußte) zu setzen. Die Welt wird als eine Art Schablone begriffen, die den Objekten, die sie ausfüllen, erst ihren Sinn gibt – oder so ähnlich. Ob diese kaum nachvollziehbare „Theorie“ besser das vermittelt, was Reich ausdrücken wollte, wage ich doch stark zu bezweifeln. Im übrigen ist der Funktionalismus aus der Feldforschung heraus entstanden, während der Strukturalismus eine Kopfgeburt am Schreibtisch war.

Das Poppersche Diktum, in der Forschung gehe es um Falsifizieren nicht um Verifizieren, ist ebenfalls eine ziemliche Kopfgeburt, denn so hätte sich nicht nur nicht die Orgonomie entwickeln können, sondern überhaupt kaum etwas in der Wissenschaft.

Wirklich alle orgonomischen Versuche zielen darauf, die gesuchten „lebendigen“ Phänomene „hervorzukitzeln“, während die mechanistische Wissenschaft eine „Todschlagunternehmung“ ist. Man denke nur an das Problem des Pleomorphismus – der unter den Tisch fällt, weil alle mikrobiologischen Proben nach 2 Tagen oder so als „kontaminiert“ weggeworfen werden. Man muß dem Lebendigen die Möglichkeit geben sich zu entfalten – während der Poppersche Szientismus alles daransetzt das Leben zu töten. Eine im wahrsten Sinne des Wortes „sterile“ Wissenschaft. Diese „Skeptiker“ forschen buchstäblich so lange, bis jeder Orgoneffekt weg ist.

Generell sind korrekte Theorien gegenüber der „bewährten wissenschaftlichen Meinung“ am Anfang so schwach, daß sich die Wissenschaft gar nicht entwickeln könnte, wenn man diese Theorien sofort mit einem Falsifizierungsterror überzöge. Zum Beispiel stimmte das kopernikanische System anfangs durchaus nicht etwa besser, sondern eher schlechter mit den Beobachtungsdaten überein als das alte Weltsystem. Wäre man „wissenschaftlich“ vorgegangen, würden wir immer noch daran glauben, daß sich die Sonne um die Erde dreht!

Es ist ein bloßer Mythos, daß die Wissenschaft sich linear und im Rhythmus falsifizierbarer Hypothesen entwickeln würde. Tatsächlich entwickelt sie sich in unterschiedlichen Strängen, die immer weiter auffächern, wovon aber die meisten Stränge wieder absterben. Und das weniger weil sie falsifiziert wurden, sondern weil ihre wissenschaftliche Anhängerschaft ausgestorben ist und nicht genug Nachfolger gefunden hat.

Wissenschaft entwickelt sich evolutionär, d.h. in dem Sinne, daß manche Theorien immer mehr Anhänger finden und schließlich Allgemeingut werden, während andere Theorien schlicht aussterben. Ob dieser Prozeß jedoch direkt mit der Wahrheit korreliert, wage ich zu bezweifeln. Man denke nur mal daran, wie der Lamarckismus nach vielen Toden in den 1960er Jahren vermeintlich endgültig verendet ist – um heute in Gestalt der Epigenetik eine triumphale Auferstehung zu feiern.

Dann ist da die Besessenheit der Wissenschaft mit der „Objektivität“. Seit sie sich aus den Fängen des Aristotelismus befreit hat, dreht sich alles darum, daß man seinen Sinnen nicht trauen dürfe. Das war das Thema meiner allerersten Physikvorlesung an der Universität. Die Orgonenergie wird von vornherein ausgeschlossen, weggewischt, ausradiert. Das ist selbst in der Medizin so: früher war das höchste Gebot des Arztes, auf seinen Patienten zu hören und dessen subjektiven Beschwerden ernstzunehmen („die Klinik geht vor!“) – heute verlagert sich alles auf die Technik und Testverfahren. Auf diese Weise werden die Biopathien buchstäblich unsichtbar.

Und dann die Manie mit den Doppelblindversuchen, die den Forscher von seinem Forschungsobjekt noch weiter entfernen und die im Grunde nicht mehr besagen, als daß der gepanzerte Mensch nicht „objektiv“ sein kann – er sich selbst nicht trauen kann. Charles Konia hat alles Notwendige dazu gesagt.

Die neuere Naturwissenschaft geht den Weg der anti-autoritären Gesellschaft, von der sie ein integraler Bestandteil ist. Statt wirkliche Naturwissenschaft zu sein, entwickelt sie sich immer mehr zu einer mechanistischen Pseudowissenschaft, die das Lebendige und Energetische (also alles, was nicht maschinenartig funktioniert, etwa der subatomare Bereich, die Atmosphäre und die Astronomie auf galaktischer Ebene) mit dem denkbar ungeeignetsten Modellen erklären will: „Billardkugeln und Maschinen“. (Das wird von einer verkopften, „buddhistischen“ Art von Spiritualität flankiert!)

Die Wissenschaft zerstört sich geradezu systematisch selbst, etwa indem der Forscher immer weiter von seinem Forschungsobjekt getrennt wird und dadurch, daß allein schon der finanzielle und organisatorische Aufwand alle Möglichkeiten sprengt. Man denke nur an die sinnlosen Großbeschleuniger, die die knappen Forschungsetats leerfegen.

Ich glaube nicht, daß die Orgonomie einen Blumentopf gewinnen wird, wenn sie sich dem gegenwärtigen mechanistischen Trend in der Wissenschaft anbiedert.

Was mich persönlich am meisten bedrückt, sind die Naturwissenschaftler selbst: Da finden sich Leute, die nur studieren, um zur „Elite“ zu gehören. Ihnen ist die Wissenschaft nur Mittel zum Zweck, sie wird entsprechend mechanisch kalt betrieben. Das sind dann Leute, die mit „Knockout-Mäusen“ den Nobelpreis gewinnen. Eine zweite Gruppe sind persönlichkeitsgestörte Freaks, die seit frühster Jugend vor dem Computer sitzen, sich Science-Fiction-Romane reinziehen und für die die Naturwissenschaft nur eine einzige Funktion hat: sie so weit wie irgend möglich von den eigenen Emotionen zu trennen. Und schließlich sind da die philosophisch veranlagten Naturforscher, die die innere Logik der Naturwissenschaft durchdringen wollen: sie sind diejenigen, die der systematischen Zerstörung der Naturwissenschaft das ideologische Fundament verpassen.

Vor einiger Zeit habe ich bei einer Zufallsbegegnung mit einem Physikprofessor (Marke „Berkeley und Osnabrück“) über die Orgonenergie diskutiert. Solche Gespräche sind vollkommen sinnlos, da die Hürden willkürlich so hoch gesetzt werden, daß von vornherein kein Argument durchkommt. Als ich das To-T-Experiment erwähnte und daß es nur bei einer sehr geringen relativen Luftfeuchtigkeit richtig funktioniert, wurde eingewendet, daß bei 50% relativer Luftfeuchtigkeit die Luft sowieso keine Wärme mehr leitet und ohnehin sei der Versuchsaufbau kein in sich geschlossenes System. Überspitzt gesagt könnte man behaupten, von uns werde verlangt, die Orgonkonzentration in einer von der Umwelt hermetisch abgeschirmten Sauna zu messen, also so, daß von vornherein gar kein Orgoneffekt auftreten kann.

Von Anfang an zu Krankheit und frühem Tod verurteilt

10. April 2015

Bislang wurde vor allem der Einfluß von Wochenbettdepression auf die Entwicklung von Kindern untersucht. Nun wurde von der Cardiff University, dem King’s College London und der University of Bristol in einer Langzeitstudie anhand von 120 Jugendlichen untersucht, welchen Einfluß eine Depression der Mutter während der Schwangerschaft auf das Leben ihrer Kinder hat. Dazu wurden die Mütter während der Schwangerschaft, nach der Geburt, und als ihre Kinder 4, 11 und 16 Jahre alt waren, interviewt.

Bei Müttern, die während der Schwangerschaft an Depressionen leiden, ist es viermal so wahrscheinlich, daß sie Kinder haben, die mit 16 gewalttätig sind. Das trifft sowohl auf Jungen als auch auf Mädchen zu. Auch zeigte sich, daß das eigene antisoziale Verhalten der Mütter, als sie Teenager waren, es wahrscheinlich macht, daß sie bei einer späteren Schwangerschaft unter Depressionen leiden werden.

Andere Faktoren neben dieser Verbindung zwischen der Depression in der Schwangerschaft und der Gewalttätigkeit der Jugendlichen konnten als Erklärung ausgeschlossen werden. Was hinter dieser offensichtlichen Kausalität steckt, können die Forscher jedoch nicht sagen.

Reich stellte sich die prä- und postnatale Entwicklung ungefähr wie folgt vor: Ab der neunten Schwangerschaftswoche werden die Bewegungen des Embryos zum ersten Mal koordiniert und harmonisch. Die Keimentwicklung ist dann mit der „Zusammenfassung aller Bio-Funktionen zu einem einheitlich, koordinierten Bio-System etwa im 10.-12. Lebensmonat“ nach der Geburt abgeschlossen (Der Krebs, Fischer TB, S. 398). Dies sei, so Reich weiter, die „kritische Periode“ für das spätere bioenergetische Funktionieren.

Die „kritische Periode“ der „psychischen“ Entwicklung liegt etwa zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr; sie ist in ihrem Ausgang weitgehend von dem Ablauf der biophysikalisch kritischen Phase bestimmt. (ebd.)

Diese Periode, die der „ödipalen Periode“ in der Psychoanalyse entspricht, hat Reich auch als „erste Pubertät“ bezeichnet. Mit der eigentlichen Pubertät ist die Entwicklung des Charakters endgültig abgeschlossen.

Reich sieht eine bruchlose Kontinuität in der bio-emotionalen Entwicklung des Menschen zwischen dem frühen Embryonalstadium, über die Geburt und die psychosexuelle Entwicklung, bis zum Abschluß der Pubertät. In der Pubertät kommt es mit der Sexualreife zum größten bioenergetischen Schub, der die Grundkonflikte in ein scharfes Relief setzt.

Bereits im Uterus sind Kinder depressiver Mütter in einer Art „trostlosen bioenergetischen Wüste“ herangereift. Jeder weiß, wie das ist, wenn man mit einem Depressiven ständig auf Tuchfühlung ist: man kann sich der negativen Einwirkung des fremden bioenergetischen Systems auf das eigene System kaum entziehen. Um wie viel mehr muß dies auf das sich entwickelnde Embryo einer depressiven Schwangeren zutreffen! Es ist nur natürlich, daß ein Mensch, der so schon vor der Geburt herangereift ist, sich in seiner Jugend entsprechend dem bioenergetisch eingeprägten Gefühl von innerer Leere und Hoffnungslosigkeit verhalten wird.

Aufgabe der Orgonomie ist es, den Teufelskreis, diese „bioenergetische Ansteckungskette über die Generationen hinweg“, zu durchbrechen.

Auch zeigen diese Forschungsergebnisse erneut, wie eng doch die Themen von Der Krebs und Die sexuelle Revolution miteinander verwoben sind.

Wie bereits in diesem Blog erwähnt, hängt Altern mit kürzeren Telomeren zusammen, den „Kappen“ am Ende der Chromosomen. Die Länge der Telomeren ist ein Maß des biologischen Alterns, weil sie mit jeder Zellteilung kürzer werden. Kürzere Telomeren hängen mit kardiovaskulären Erkrankungen, Krebs und anderen Alterserscheinungen zusammen.

Im Zusammenhang mit meinen Ausführungen über Telomere verwies 2010 Heiko Lassek in einem Leserbrief auf Gerald Hüther: Biologie der Angst (über physiologische und genetische Veränderungen). Lassek: „Hüther war im persönlichen Gespräch gegenüber Wilhelm Reich sehr offen – er eröffnete unsere Veranstaltungsreihe ‚Was ist Leben‘ am 04.02.[2010].“

Audrey Tyrka und ihre Kollegen vom Butler Hospital und der Brown University, Rhode Island untersuchten die DNA von gesunden Erwachsenen, die in ihrer Kindheit physisch oder emotional mißhandelt worden waren. Die Forscher fanden bei ihnen kürzere Telomeren, als bei denjenigen, die eine gute Kindheit hatten.

Tyrka zufolge deuten diese Forschungsergebnisse an,

daß frühe Einwirkungen auf die Entwicklung tiefgreifende Auswirkungen auf die Biologie haben, die Zellmechanismen auf einem sehr grundlegenden Niveau beeinflussen und sogar zu beschleunigter Alterung führen können.

Idan Shalev und seine Kollegen von der Duke University in Durham und seine Kollegen konnten nachweisen, daß mißhandelte Kinder mit vorzeitig gealterten Chromosomen ins Leben starten:

Gewalterfahrungen in der Kindheit nagen an den Telomeren, den Schutzkappen der Träger des Erbgutes. Diesen Zusammenhang konnten Forscher nun bei fünf- bis zehnjährigen Kindern nachweisen, die Misshandlungen erleiden mussten. Verkürzte Telomere gelten als ein Zeichen der Alterung und sind mit einem erhöhten Risiko für Erkrankungen und einer verkürzten Lebenserwartung verbunden.

Derartige grundlegende Schädigungen des Lebendigen können sogar bereits im Mutterleib beginnen.

Der medizische Orgonom Michael A. Ganz führt dazu aus, daß bei einer Schwangerschaft der Energie- und Erregungspegel der Frau stark ansteigt. Ist sie chronisch gepanzert oder findet sie während der Schwangerschaft keine sexuelle Erleichterung, entwickelt sie starke Angst.

Der Kontakt und die orgonotische Strömung können ganz verschwinden und der Fötus wie ein fremder Eindringling innerhalb des mütterlichen Körpers erfahren werden. Das kann bewußt sein und bis zu dem Punkt fortschreiten, daß die Frau Haß auf den Fötus entwickelt und versucht ihn abzutreiben. Unter derartigen Umständen ist mit Sicherheit die Pulsations-Funktion verschwunden, die bioenergetische Abfolge von Kontraktion und Expansion sowohl innerhalb der Mutter als auch innerhalb des Fötus. Unsere klinischen Erfahrungen weisen darauf hin, daß dieses Schwinden von Pulsation den Fötus für biopathische Erkrankungen später im Leben anfällig machen kann. Im Journal of Orgonomy berichtete ich von einem Fall einer schwerwiegenden Lähmung, die im Verlauf der Therapie aufgetreten ist. Auch einige andere Therapeuten berichteten über ernste Erkrankungen während der Therapie bei Patienten, die eine ähnliche Panzerung zeigten. In jedem dieser Fälle gab es Hinweise darauf, daß die Mütter der Patienten ihre Kinder nicht wollten; daß sie aktiv und bewußt die Schwangerschaft ablehnten und sie abtreiben wollten. (M. Ganz: „Functional Child-rearing“, Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976)

Bei dem von Ganz erwähnten Artikel handelt es sich um Ganz: „Anorgonotic Paralysis as a Complication of Orgone Therapy“, Journal of Orgonomy, 8(1), November 1974.

Streß während der Schwangerschaft kann die Gefahr für Asthma beim Kind erhöhen. Forscher der Harvard Medical School in Boston untersuchten Unterschiede von Immunmarkern im Nabelschnurblut zwischen Kindern von Müttern, die in einer Umgebung mit einem hohen Streßfaktor leben und solchen mit einem niedrigen. Sie fanden große Unterschiede, die mit einem erhöhten Asthmarisiko für die Kinder verbunden sein können. Entsprechendes wurde vor kurzem bei Labormäusen an der Harvard School of Public Health in Boston nachgewiesen.

Die Sünden der Väter

12. Dezember 2014

Reich ist davon ausgegangen, daß die Charakterstruktur bereits im Mutterleib vorgeprägt wird, d.h. von den orgon-energetischen Verhältnissen im Uterus abhängt. Elsworth F. Baker meinte, daß nicht nur Schizophrenie, sondern wahrscheinlich generell alle Charaktertypen nicht nur durch Entwicklungsstörungen in der Gebärmutter, sondern vielleicht auch genetisch bedingt sind. Der genetische Einfluß bei der Schizophrenie steht mittlerweile außer Zweifel.

Ein entscheidender Einflußfaktor wurde bisher weitgehend übersehen: die Qualität des Spermas. Brian M. D’Onofrio (Indiana University) et al. haben die älteren und jüngeren Kinder von Vätern verglichen und dabei festgestellt, daß:

Im Vergleich mit den Kindern von jungen Vätern im Alter von 20 bis 24, hatten jene, die von den selben Männern gezeugt wurden, wenn diese 45 Jahre oder älter waren, das doppelte Risiko eine Psychose zu entwickeln, das Leitsymptom der Schizophrenie; mehr als dreimal so groß war die Wahrscheinlichkeit der Diagnose Autismus und die Wahrscheinlichkeit der Diagnose einer Aufmerksamkeitsstörung war etwa 13 mal größer. Tendenziell hatten sie auch mehr mit der Schulbildung und mit Drogenmißbrauch zu kämpfen.

Es ist wohl kaum zu viel Spekulation, wenn man das mit der verminderten orgonotischen Ladung und damit einhergehenden Schädigung der Spermien in zunehmendem Alter in Verbindung bringt, zumal alle anderen Faktoren (etwa der unterschiedliche Erziehungsstil) weitgehend ausgeschlossen werden konnten.

Reich zufolge hat die Psychoanalyse durch die Erforschung der libidinösen Entwicklung des Kindes die Rolle der Vererbung eingeschränkt. Der Erblichkeitsfaktor sei vor allem in der konstitutionellen Hervorhebung der erogenen Zonen gegeben. Reich konnte dann weiter als die Psychoanalyse zurückgehen bis zur Geburt, da er die „Organsprache“, die „Ausdruckssprache des Lebendigen“ sprach. Indem er die Panzerung der Mutter betrachtete, und über die Bionenforschung („T-Bazillen“, die von der Mutter auf den Embryo übergehen), richtete sich sein Augenmerk sogar auf das intrauterine Leben.

Die orgonotische Ladungsfähigkeit des Uterus übertrage sich auf den Embryo,

der ja nur einen Funktionsteil der Uterusschleimhaut bildet. (…) Auf diese Weise läßt sich zum ersten Male ein Teil des Riesenproblems der „Charaktervererbung“ fassen. (…) Der „Erblichkeitsfaktor“ wäre somit als quantitativer Energiefaktor prinzipiell faßbar (Der Krebs, Fischer TB, S. 396).

Mit der Betrachtung des orgonotischen Zustandes des Uterus ist Reich zufolge

der mechanistisch mystischen Erblehre ein weiteres Stück ihrer Domäne entwunden und der funktionellen Pathologie eingeordnet. Es liegt nicht mehr eine unkontrollierbare „erbliche Keimschädigung“ vor, die das Kind mit „Krebsanlagen“ „belastet“, sondern wir haben es mit veränderlichen Lebensfunktionen, mit Energiequantitäten und Pulsationsstörungen zu tun. (ebd.)

1968 mußte der Orgonom Robert A. Dew zwar einräumen, daß es unzweifelhaft genetische Erkrankungen gibt, wies aber auch darauf hin, daß der ständige Bezug in der Literatur auf die Häufung von Krankheiten in Familien ebensogut auf charakteranalytische Zusammenhänge deuten könne. Von Anfang an habe Reich darauf hingewiesen, wie die Familie den Charakter formt und so Biopathien „vererbt“ werden. In diesem Zusammenhang weist Dew auch auf die direkte Einwirkung durch den Uterus der Mutter hin („The Biopathic Diathesis: The Uterus and Heredity: The Biopathic Process and Intrauterine Development“, Journal of Orgonomy, Vol. 2, No. 2, November 1968, S. 160-162).

Das ist heute wissenschaftlich unbestritten. Es bleibt nur die Frage der Gewichtung. Neuerdings gibt es Belege dafür, daß sogar die Lebensgewohnheiten (also nicht nur das bloße Alter!) des Vaters über „neben-genetische“ (epigenetische) Mechanismen die Nachkommenschaft beeinflussen.

Australische Forscher haben Rattenmännchen gemästet und festgestellt, daß deren weibliche Nachkommen unter diabetes-ähnlichen Störungen ihres Stoffwechsels litten, einer Art von „prä-diabetischem Zustand“. (In Reichs Begrifflichkeit also eine Biopathie vererbt worden war.)

Zwar wäre man höchstwahrscheinlich zum selben Ergebnis gekommen, hätte man die Mütter zu verfetteten Diabetikerinnen gemacht, doch dann könnte man nicht zwischen Erblichkeit im eigentlichen Sinne und der Beeinflussung des Embryos während der Schwangerschaft unterscheiden.

Der Vater ist sozusagen aus dem Rennen. Seine Spermien befruchten die Eizelle und danach ist der Vater weg. Also da muß ein anderer Effekt vorliegen, der irgendwie über die Spermien kommt, der aber nicht genetisch sein kann, weil er ja vom Verhalten kommt.

Hier kommt ein Faktor ins Spiel, der schon des öfteren in diesem Blog erwähnt wurde: Methylgruppen, die am Erbgut anhaften und die Genaktivität steuern. Durch ihr Verhalten beeinflussen Väter zwar nicht ihre Gene jedoch die „Methylierungen“, die ebenfalls vererbt werden.

Im Nachhinein scheint es so zu sein, daß beide Parteien recht hatten: sowohl die Genetiker, für die die Gene nicht beeinflußt werden können (abgesehen von krankhaften Mutationen), als auch der bekennende Lamarck-Anhänger Reich, der die Genetik radikal ablehnte. Nachdem zunächst die eine Partei für ihre Theorien immer neue Belege fand, wie Dew einräumen mußte, ist nun die zweite Partei an der Reihe, wobei sich beide Sichtweisen überraschenderweise hervorragend ergänzen. Die Epigenetik würde ohne die Genetik gar nicht funktionieren und die Genetik würde, angesichts von Forschungsergebnissen wie dem oben beschriebenen, ohne Epigenetik in eine Krise geraten.

Jetzt ist die entscheidende Frage, was das Gemeinsame Funktionsprinzip von Genetik und Epigenetik ist. In beiden Fällen wird Erfahrung (das Nacheinander, Zeit t) zur Struktur (das Hintereinander, Länge L). Während in der DNA unauslöschlich unsere Phylogenese von den Einzellern über die Fische bis hin zu den Humanoiden eingeschrieben ist, scheint die Methylierung nach wenigen Generationen wieder zu „verwaschen“ (zum Glück!). Der erstere Vorgang scheint weitgehend nach den Gesetzen der Mechanik abzulaufen (Schädigungen der DNA und Auslese des zufällig Brauchbaren), während in der Methylierung sicherlich „plasmatische Funktionen“ zum Ausdruck kommen, wie Reich sie in den 1930er Jahren beschrieben hat.

Ziel der Orgonomie muß es sein spezifischer zu werden und zu ergründen, ob folgender Rahmen wirklich Sinn macht:

Das erinnert stark an die Triade aus Psyche, Soma und Bioenergie. Die Epigenetik würde dann mit ganzheitlichen Funktionen in Zusammenhang stehen (entsprechend dem psychischen, vorübergehenden „Ich fühle mich glücklich!“), die Genetik mit Teilfunktionen (entsprechend dem somatischen, dauerhaften „Meine Leber schmerzt!“). Wie die Bioenergie auf diese beiden Funktionen konkret einwirkt (Pulsation, Kreiselwelle, Überlagerung, etc.), wird zu eruieren sein. Der „Erbcode“ erinnert beispielsweise an das Muster von Spektrallinien.

Reich schrieb 1937 in seinem Aufsatz „Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung“:

Die Erbwissenschaft (…) hat, entsprechend dem Kegel, der auf der Spitze steht, höchst vereinzelte Erbbefunde mit einem riesigen Wust an Hypothesen und Theorien überbaut (…). Man stellt sich etwa vor, daß die Eigenschaften der höheren Organismen ebenso wie die der niederen angeboren sind, angeleggt im Keimplasma in Form von stofflich gedachten „Genen“. Die Eigenschaften also seien ewig und unveränderlich. Diese Biologie ist in ihrem Grundzug konservativ, mögen ihre Vertreter, jeder für sich, auch die fruchtbarsten Einzelergebnisse bringen. Sie zerteilt den einheitlichen Lebensstrom künstlich in Fächer, wo die einzelnen Zweige des einheitlichen Lebens fein säuberlich geordnet und beschrieben eingekapselt sind. Man sucht im allgemeinen nicht nach Prozessen, Funktionen, Veränderlichkeit, sondern nach Stoffen und chemischen Reaktionen, was an sich nicht falsch wäre, wenn es in einen allgemeinen Funktionszusammenhang hineingestellt wäre. (Hervorhebungen hinzugefügt).

Reich und die moderne Biologie (Teil 1)

7. Dezember 2014

Mancher wird sich an die Aufregung um das „Human Genom Projekt“ erinnern, die Entschlüsselung des „genetischen Codes“ des Menschen, und was für ungeheure Folgen es haben würde: wir würden beginnen so gut wie alles zu verstehen. Die Euphorie hat sich schnell verflüchtigt.

Es wurde berichtet, daß die Entschlüsselung des menschlichen „Epigenoms“ gelungen sei. Thema der Epigenetik ist die Steuerung der Genexpression. Schließlich sind die Gene in jeder Körperzelle, etwa in einer Nierenzelle oder einer Netzhautzelle, identisch und außerdem werden nicht alle Gene von der Zelle gleichzeitig benötigt. Was steuert also die Gene – die doch angeblich den menschlichen Organismen steuern?

Die Wissenschaft erklärt dies heute insbesondere durch Verweis auf die „Methylierung“, mit der wir uns bereits in Die Kinder der Zukunft und die Genetik (Teil 3) und Der zweite Code und die Kinder der Zukunft beschäftigt haben:

An einige DNA-Bausteine hängt der Körper kleine chemische Schalter, Methylgruppen genannt, an und schaltet damit dahinterliegende Gene aus.

Man sieht, die mechanistische Wissenschaft verlagert das Problem lediglich, denn was steuert nun wiederum die „Methylgruppen“?

Wir sind gerade Zeugen einer Revolution in den Biowissenschaften, durch die Reich von neuem im Wesentlichen Recht gegeben wird. Das Ende der erdrückenden Dominanz der Genetik ist nah.

Reich zufolge werden durch das Energiesystem neugeborenes Kind „einige elementare kosmische Funktionsgesetze in den Bereich menschlichen Handelns gebracht.“ Es bilden „sich die Spermatozoen und Eier in den Metazoen (…) durch Kondensation von Orgonenergie im Keimgewebe“ (Die kosmische Überlagerung). Reich fragt „worin konkret sich die Vererbung kundgibt, an welchen biologischen Funktionen sie abläuft.“ und glaubte die, damals noch hypothetischen Gene wären „eigens dazu erdacht die Frage des lebendigen Funktionierens“ zu verhüllen und den Zugang zur formbildenden lebendige Kraft zu verrammeln (Der Krebs).

Und tatsächlich war es zu Reichs Lebzeiten „alles andere als klar, daß diese Einheiten [die Gene] Moleküle in Begriffen der strukturellen Chemie waren.“ (Max Delbrück z.n. J. Herbig: Die Geningenieure, München 1978) Heute sind wir immerhin weiter und kennen die Struktur der Gene genau. Zwar kann man heute noch immer nicht erklären, wie sich neue Arten entwickeln, aber die Konstanz der Arten ist mit Hilfe der Gene erstmals verständlich geworden!

Wissenschaft findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist wie jedes menschliche Handeln durch die Charakterstrukturen bestimmt und es will so scheinen, daß die wissenschaftlichen Erfolge bezüglich dieses „konstanten Faktors“ mit der Panzerung der Wissenschaftler zusammenhängen. Man dringt wohl ins Innere der Körperzellen und sogar in die Atomkerne vor, aber die Orgonenergie wird übersehen. Der gepanzerte Mensch nimmt nur das für wahr, was seiner Panzerung entspricht – er nimmt nur das Unbewegliche, das „Unbedingte“ wahr. So ist ihm das Wesentliche bei der Vererbungsfrage durch die Hände geglitten.

Henri Bergson hat in seiner Einführung in die Metaphysik diesen Grundirrtum wie folgt in der Geschichte der Philosophie festgemacht, die unsere Naturwissenschaft geprägt hat: Der Irrtum der antiken Philosophien lag darin,

daß sie immer aus dem menschlichen Geiste so natürlichen Glauben schöpfen, eine Veränderung könne nur Unveränderlichkeiten ausdrücken und entwickeln. Hieraus ergab sich, daß die Aktivität eine abgeschwächte Kontemplation, die Dauer ein trügerisches und bewegliches Bild der unbeweglichen Ewigkeit, die Seele ein Sturz der Idee war. Diese ganze Philosophie, die mit Plato beginnt, um bei Plotin anzulangen, ist die Entwicklung eines Prinzips, das wir folgendermaßen formulieren würden: „Im Unbeweglichen ist mehr enthalten als im Beweglichen, und man gelangt vom Stabilen zum Unstabilen durch eine einfache Verminderung.“ Das Gegenteil aber ist die Wahrheit.

Diese Tradition führte in der Biologie schließlich zur Genetik, die eben keine „reine“ Wissenschaft ist. Eine solche kann es (in einer gepanzerten Gesellschaft) gar nicht geben, da Wissenschaft immer mehr ist als die Ansammlung von Fakten. Die Charakterstruktur filtert diese zwiefach: erstens wird die Faktenauswahl beschränkt, man sucht das Statische, und zweitens wird ohnehin alles im Sinne des Statischen interpretiert, – weil man selber „statisch“ ist, gepanzert.

In seinem Buch Die Selbstorganisation des Universums (München 1982) führt Erich Jantsch aus, daß Bergson sich seinerzeit u.a. gegen die Meinung wandte, menschliches Gedächtnis habe seinen Sitz ausschließlich im Gehirn:

Gedächtnis ist ihm zufolge eine Funktion des Gesamtorganismus. Die Unterscheidung zwischen metabolischem und neuralem Gedächtnis, je nach Art der beteiligten Kommunikationsprozesse, bringt hier Klärung. Die Existenz eines metabolischen Gedächtnisses im Menschen bestätigte sich, als Wilhelm Reich in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts nachwies, daß sich traumatische Erlebnisse nicht nur in der Psyche, sondern auch in Muskelkontraktionen niederschlagen.

Es wäre interessant hier auch den Einfluß des deutschen Zoologen Richard Wolfgang Semon (1859-1918) auf Reich näher zu analysieren, denn wie in der Chronik der Orgonomie erwähnt, gehörte, neben Bergson, auch Semon zu Reichs frühsten wissenschaftlichen Prägungen. Semon hatte angenommen, daß Sinneseindrücke zu permanenten Veränderungen in den Nerven führen. Diese Engramme (Spuren) ermöglichen Semon zufolge die Assoziation und Erinnerung und sie gehen ins Erbgut ein. Alle Engramme zusammen bilden die Mneme, d.h. das biologische Gedächtnis.

Die Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften hat sich bis zum heutigen Tage, obwohl sie richtig ist, praktisch nicht durchsetzen können. (Der Krebs)

Bei dieser Verteidigung des Lamarckismus dachte Reich wohl an das Schicksal eines seiner wichtigsten frühen Anreger. 1919 hatte Reich den österreichischen Zoologen Paul Kammerer (1880-1926) persönlich kennengelernt, dem es gelungen war, die Vererbung erworbener Eigenschaften an Niederen Tieren und Amphibien experimentell nachzuweisen.

Der Biologe Alexander Vargas von der Universität von Chile ist nach Untersuchung der Laborbücher Kammerers zu dem Schluß gekommen, daß Kammerer ein früher Vertreter der erwähnten Epigenetik war.

An Kammerers Biologievorlesungen erinnerte sich Reich „mit besonderer Vorliebe“. Ilse Ollendorff zufolge führte Reich sein bleibendes Interesse an der Biologie auf Kammerers Wirken zurück. In Der Krebs zitiert er Kammerer ausführlich.

Näheres über Kammerer kann der Leser in Arthur Koestlers Der Krötenküsser (München 1972) finden. Hier sei Kammerer nur kurz zitiert, um einen Eindruck von seiner Grundeinstellung zu vermitteln, die nachhaltig auf Reich gewirkt hat:

Entwicklung ist (…) nicht erbarmungslose Auslese, die alles Lebendige formt und vervollkommnet, nicht verzweifelter Kampf ums Dasein, der allein die Welt beherrscht. Alles Geschaffene strebt vielmehr aus eigener Kraft nach oben dem Lichte und der Lebensfreude zu und begräbt nur Unbrauchbares im Gräberfeld der Selektion.

Anfang der 1920er Jahre war Kammerer einer der berühmtesten aber auch umstrittensten Biologen der Welt. Zu einer Zeit als sich die Eugenik, d.h. die Züchtung wertvollen und die „Ausmerzung“ wertlosen Lebens zunehmend durchsetzte, vertrat Kammerer offensiv einen Lamarckismus, demzufolge beispielsweise die guten Eigenschaften, die eine gute Kindererziehung mit sich bringt, an zukünftige Generationen vererbt wird. Es war nur naheliegend, daß er 1926 an die Kommunistische Akademie der Wissenschaften in Moskau, die Institution für fortschrittliches Gedankengut, berufen wurde.

Leider konnte er diesen Posten nicht mehr ausfüllen, da er infolge des Skandals um einen angeblichen wissenschaftlichen Betrug Selbstmord verübte. Stattdessen wurde Iwan Wladimirowitsch Mitschurin zum führenden sowjetischen Lamarckisten. Unter Mitschurins Einfluß war die Parteilinie seit 1929 offiziell Lamarckistisch. Er stand so hoch in Kurs, daß seine Heimatstadt Koslow nach seinem Tod 1935 in Mitschurinsk umbenannt wurde. So heißt sie heute noch.

Diese Entwicklung war nicht verwunderlich, denn schon Engels hatte davon gesprochen, daß die Bedürfnisse des Vormenschen sich ihre Organe geschaffen hätten. Bereits 1906 hatte Stalin darauf hingewiesen, daß die Theorie des Neo-Lamarckismus an die Stelle des Neo-Darwinismus rücke, denn sie zeige, „wie quantitative Veränderungen qualitative hervorbringen“ (C.D. Darlington: Das Gesetz des Lebens, Wiesbaden 1959).

Als „humanistische Materialisten“ wollten die Sowjetmarxisten die Welt langfristig zum Guten wenden, und dazu bot damals nur der Lamarckismus einen realistischen Ansatzpunkt, wollte man nicht wie die Nazis Menschen züchten. Der Lamarckismus war das Ideal für die über Generationen hinweg in die Zukunft blickenden Erziehungsdiktatoren der Sowjetunion. Aktuelle Verhaltensveränderungen würden sich verewigen und so das Sowjetsystem langfristig absichern.

Es ist nicht verwunderlich, daß der „bürgerliche“ Begründer des Behaviorismus, J.B. Watson, enthusiastisch Kammerers Ergebnisse über die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften begrüßte. Watson:

Wie viel würde es für die Pädagogen, für die Gesellschaft im allgemeinen bedeuten, wenn [Kammerers Resultate] richtig wären!

Reich reiht sich hier lückenlos ein. Noch 1949 hat Reich den berühmt-berüchtigten Hohenpriester des „Mitschurin-ismus“, Trofim Denissowitsch Lyssenko, in einem Brief an Neill gegen die amerikanischen Genetiker verteidigt. Reich beklagt nur, die Russen hätten rein politische Motive geleitet, die sie zufällig auf die richtige wissenschaftliche Seite geführt hätten.

Neben dem Einfluß des Vitalismus (wie ihn Kammerer vertrat) und des „Dialektischen Materialismus“ auf Reich ist natürlich in vorderster Linie Freud zu nennen. In der Psychoanalyse diente der Lamarckimus hauptsächlich dem Zweck, eine Art Ursünde auf den Grund des Unbewußten zu setzen. So führt Freud (noch ziemlich vage) in Totem und Tabu den Ödipuskomplex auf den „Vatermord in der Urhorde“ zurück, der so quasi angeboren ist. Explizit sollte sich Freud zwei Jahrzehnte später in Der Mann Mosese zum Lamarckimus bekennen, trotz der „gegenwärtigen Einstellung der biolgischen Wissenschaft (…), die von der Vererbung erworbener Eigenschaften auf die Nachkommen nichts wissen will.“

Freud brauchte den Fortbestand von Erinnerungsspuren aus der archaischen Erbschaft, um die Kluft zwischen Individual- und Massenpsychologie überbrücken zu können, d.h. um die Völker wie einzelne Neurotiker behandeln zu können. Freud:

Wir tun damit auch noch etwas anderes. Wir verringern die Kluft, die frühere Zeiten menschlicher Überhebung allzuweit zwischen Mensch und Tier aufgerissen haben. Wenn die sogenannten Instinkte der Tiere, die ihnen gestatten, sich von Anfang an in der neuen Lebenssituation so zu benehmen, als wäre sie eine alte, längst vertraute, wenn dies Instinktleben der Tiere überhaupt eine Erklärung zuläßt, so kann es nur die sein, daß sie die Erfahrung ihrer Art in die neue eigene Existenz mitbringen, also Erinnerungen an das von ihren Voreltern erlebte in sich bewahrt haben. Beim Menschentier wäre es im Grunde auch nicht anders. Den Instinkten der Tiere entspricht seine eigene archaische Erbschaft, sei sie auch von anderem Umfang und Inhalt.

Reich hat sich nie mit dem Mißbrauch des Lamarckismus durch die Stalinisten und Freudianer auseinandergesetzt. Dazu war er zu sehr in der jeweiligen Tradition verankert. Seine Kritik galt ausschließlich dem Mißbrauch des Darwinismus durch rechte reaktionäre Kreise im Sinne der Klassengesellschaft und des Rassenwahns. So unterscheidet Reich 1933 in seiner Massenpsychologie des Faschismus zwischen der Darwinschen Hypothese der natürlichen Zuchtwahl, die von Hitler rassistisch mißbraucht werden konnte, Reich nennt sie „reaktionär“, und dem Darwinschen Nachweis der Abstammung der Arten, der Reich zufolge „revolutionär“ gewesen sei.

lamarck

Lamarcks Vorstellungen wurden bis vor kurzem als wissenschaftliche Kuriosa betrachtet, die keiner ernsten Untersuchung wert seien. Mit Beginn des neuen Jahrtausends scheint sich eine Renaissance des Lamarckismus anzubahnen.

Man kann beispielsweise auf Joachim Klose von der Berliner Charite verweisen. Seiner Meinung nach, können epigenetische Informationen beim Menschen durchaus in die Keimbahn eingehen. Renato Paro vom ETH Zürich untersuchte entsprechendes bei der Fruchtfliege Drosophila. Würden sich diese Forschungsansätze bestätigen, wären die Konsequenzen global. Sogar die Evolution könnte sich schneller und gezielter abgespielt haben, als Darwin es sich vorgestellt hat. Sein verspotteter Gegenspieler Lamarck, der schon vor 190 Jahren von einer Vererbung erworbener Eigenschaften sprach, könnte zu neuen Ehren kommen.

Im letzten Jahrhundert wurde geflissentlich verdrängt, daß Darwin selber mit zunehmendem Alter immer mehr zu einem ausgesprochenen Lamarckisten wurde. Außerdem ging es bei Darwin weniger um die mechanistische Lehre zufälliger Mutation, sondern die natürliche Auslese als schöpferische Instanz stand zentral. Beide, Darwin und, wie wir gesehen haben, Lamarck, wurden schlimm entstellt und vulgarisiert – „mißbrauchsfähig“ gemacht.

Pierre P. Grassé (Evolution, Stuttgart 1973) meint, eine der Hauptmethoden Lamarck kaltzustellen, habe darin bestanden, ihm Behauptungen zuzuschreiben, die er so nie gemacht hatte.

Lamarck wird viel zu wenig gelesen und seine Gedanken wurden in einer so vereinfachten und schematisierten Form dargestellt, daß sie manchmal geradezu lächerlich wirken.

Für Lamarck war weniger die mechanistische Beeinflussung durch die Umwelt, die dann vererbt wird, entscheidend, als vielmehr innerplasmatische Vorgänge. Diese wurden jedoch, so Grassé,

bisher nicht in die Experimente mit einbezogen, die darauf abzielten die Erblichkeit erworbener Merkmale zu beweisen. Sie berücksichtigen vor allem die Umwelt und nicht den Organismus, ihre negativen Ergebnissen sind nur zu gut zu erklären.

Es wird kaum erwähnt, daß Lamarck einen Vervollkommnungstrieb annahm, der bestimmte „Fluida“, vergleichbar mit Bergsons „élan vital“, zu bestimmten Organen leiten bzw. sie von dort ableiten würde. Lamarcks Konzept von den „Fluida“ und einem inneren Drang der die Form bestimmt, erinnert an Reich:

Wachstum in der Längsachse (…) erscheinen (…) als energetische Funktionen des Körperorgons, als Resultate seines inneren Bestrebens, aus dem einengenden Membransack hinauszugelangen. Dabei dehnt sich die Membran und bildet so die vorquellenden Säcke der sich entwickelnden Organe in ihrem Ursprungsstadium. (Die kosmische Überlagerung, S. 64)

Etwa zeitgleich mit Reich entwickelte der Franzose Paul Wintrebert den „chemischen Lamarckismus“. Eine der theoretischen Hauptfragen des Lamarckismus ist, wie erworbene Merkmale der Körperzellen sich den Keimzellen mitteilen und sich dort verankern. Nach Wintrebert vollzieht sich dieser Vorgang in drei Etappen:

  1. In einem Organ bildet sich infolge einer durch das Milieu bewirkten Störung eine Substanz, die mit seinem Verhalten nichts zu tun hat und auf eine chemische Veränderung seiner Mechanismen hindeutet. Diese Substanz zeigt in ihrer Struktur Spuren ihrer Herkunft und wirkt wie ein Antigen.
  2. Es erfolgt eine Reaktion des Haut- und endokrinen Drüsen-Systems. Dieses neutralisiert die pathogene Wirkung des Antigens durch Erzeugung eines spezifischen Gegenstoffes, eines adaptiven Enzyms, das die mangelhafte Funktion anregt und das humorale [durch Blut- und Lymphewege übertragenes] Gleichgewicht wieder herstellt. Dieser Gegenstoff hat den Charakter eines zweckmäßigen und vergänglichen Begleithormons.
  3. Dieses adaptive Hormon verbindet sich gegebenenfalls chemisch mit den Nukleoproteinen des Erbplasmas. (z.n. Jean Rostand: Biologie – Wissenschaft der Zukunft, Darmstadt 1954)

Dabei ist hervorzuheben, daß Wintrebert die beiden ersten Stufen als Werk der lebendigen Substanz betrachtete und nur der dritten Etappe einen rein chemischen Charakter gab. Für Wintrebert bestand die Differenz zwischen Genetikern und Lamarckisten

im wesentlichen darin, daß für die Genetiker das Gen das Protoplasma steuert, während ganz im Gegenteil für die Lamarckisten das Protoplasma über das Gen, das es gebildet hat, verfügt, es verwendet oder nicht, je nachdem, ob in seiner Funktionsweise seine Struktur es dazu veranlaßt oder nicht, sich aufgrund chemischer Affinität mit ihm zu kombinieren. (Grassé)

Für den mechanistischen Genetiker ist die Evolution ein vom Lebensprozeß losgelöster Vorgang – nicht das Leben bildet und benutzt die Gene, sondern die „egoistischen“ Gene benutzen das Protoplasma, um ihre Information in die Ewigkeit weiterzugeben. Es ist das mechanistische Äquivalent einer extrem mystischen Weltsicht, in der eine unsterbliche Seele in der Reihe der „Wiedergeburten“ Körper benutzt.

Für den „aufgeklärten Lamarckisten“ Wintrebert hingegen ist die Evolution

eine Verkettung von Mechanismen, die adaptive Substanzen erzeugen, sie ist die ständige Schöpfung adaptiver Mutationen, die die Umwelt überwinden und die miteinander verkettet sind. Sie sind auf einen einzigen Erbvortrag zu reduzieren, hieße ihren Dynamismus mit der erblichen Kinematik zu verwechseln, aus dem Leben die schöpferische Funktion auszuschalten. (…) Die Evolution ist eine Verkettung von Neubildungen und die Vererbung begnügt sich damit, diese zu investieren. (z.n. Grassé)

Zum Abschluß ein Dokumentarfilm über die Evolution:

Biopathien und die Gene

4. Dezember 2014

Reich zufolge gehen die sogenannten „psychosomatischen Erkrankungen“ auf eine Störung der energetischen Pulsation im Körper zurück: es sind Biopathien. Seit Reich wurde die Medizin jedoch zunehmend mechanistischer und schließlich wurde versucht alles auf Gene zurückzuführen. Die Wende kam mit dem Human Genome Project, von dem man sich so viel erhofft hatte, doch statt dem Ziel näherzukommen, mit der „Software“ des menschlichen Körpers endlich die „Menschmaschine“ steuern zu können, stellte sich heraus, daß der Mensch gerade mal 40 000 Gene hat. Es gibt Pflanzen, die weitaus mehr Gene besitzen! Trotz intensiver Forschungen lassen „Gentherapien“ auf sich warten. Die Euphorie ist Ernüchterung gewichen.

Aber selbstverständlich spielen die Gene eine gewichtige Rolle. Man denke nur an die eindeutigen Erbkrankheiten, die heute lückenlos bis auf teilweise nur ein einziges Gen zurückgeführt werden können.

Aus orgonomischer Sicht sind Gene Ausdruck einer funktionellen Transformation, die orgonometrisch wie folgt beschrieben wird:

Es geht um die Überwindung der zeitlichen Trennung („t“ steht für Zeit, „L“ für Länge bzw. den Raum). Die Gene ähneln in dieser Hinsicht den „geistigen Funktionen“, insbesondere dem Gedächtnis. Genetische Vorgänge spielen sich entsprechend in einem ganz anderen Bereich ab als bioenergetische Funktionen (die orgonotische Pulsation und Energieströmungen).

Eine Forschergruppe um Klaus Hansen (Universität Kopenhagen) hat gezeigt, wie die beiden Funktionsbereiche ineinander verzahnt sind. Reichs Ansatz und die Genetik schließen sich demnach nicht aus, sondern ergänzen einander.

Hansen:

Wie fanden heraus, daß streßverursachende Faktoren unsere Gene beeinflussen können, indem sie bestimmte Gene aktivieren, die eigentlich stilliegen sollten. Es ist sehr wichtig, daß manche Gene an- und andere abgeschaltet sind, um eine regelrechte fötale Entwicklung und das richtige Funktionieren unserer Zellen später im Leben zu gewährleisten.

Simmi Gehani, ein Mitglied der Forschergruppe um Hansen, fand heraus, daß, wenn man menschliche Zellen einer streßverursachenden chemischen Zusammensetzung aussetzt, stilliegende Gene aktiviert werden. Das kann bei der Entwicklung des Fötus verheerend sein und auch im erwachsenen Körper schlimme Folgen zeitigen. Gehani:

Beispielsweise kann man sich vorstellen, daß langanhaltender Streß dazu führt, daß Nervenzellen im Gehirn Hormone produzieren und andere Botenmoleküle, die sie normalerweise nicht produzieren würden und daß dies die normalen Hirnfunktionen stört.

Die Forschergruppe um Hansen ist sehr daran interessiert, wie konkret unsere Gene an- und abgeschaltet werden. Hansen:

Wir wissen, daß unterschiedliche Eiweißkomplexe sich mit spezifischen Proteinen (Histone) verbinden können. Die DNS windet sich um sie herum, so daß sie bestimmen, ob die Gene aktiv oder inaktiv sind. Kleine chemische Gruppen können bewirken, daß Eiweißkomplexe an Histone anbinden und dies kann die Genaktivität bestimmen.

Das haben die Forscher en detail anhand eines chemischen Komplexes namens „PRC2“ studiert, der eine Methylgruppe an die Histone anbinden kann, so daß die Gene abgeschaltet sind. Durch Streßfaktoren wird jedoch ein Enzym namens „MSK“ dazu gebracht, eine Phosphatgruppe an die Histone in der Nähe der Mythylgruppen anzubinden. Die Phosphatgruppe neutralisiert die Wirkung der Mythylgruppen, so daß das Gen angeschaltet wird. Das heißt, ohne daß die Integrität der Gene selbst angetastet wird, können äußere Streßfaktoren die Genaktivität beeinflussen.

Wie Bioenergie und Biochemie zusammenwirken, hat Reich im einzelnen bereits Anfang der 1930er Jahre aufgezeigt, als er die Funktionen des Autonomen Nervensystems untersuchte. Siehe sein Buch Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst.

Die Epigenetik stellt dazu eine willkommene Ergänzung dar und ermöglicht als Brücke zur eigentlichen Genetik, eine Lücke in Reichs Überlegungen zu schließen: Reich hat den Organismus dermaßen auf „Pulsation“ und „Energieströmungen“, d.h. auf „Zeit-Funktionen“ reduziert, daß unerklärt blieb, wie der Organismus über seine eigene Lebensspanne und erst recht über unzählige Generationen hinweg seine, sozusagen „räumliche“ („zeitlose“), Identität bewahren kann. Ich verweise nochmals auf die obige orgonometrische Gleichung.

Natürlich muß, ähnlich wie Reich es im Rahmen seiner Möglichkeiten bei seinen Forschungen über Lust und Angst versuchte, ein lückenloses Funktionskontinuum zwischen der Bewegung der Orgonenergie (L/t) und den Genen (t → L) hergestellt werden. Das ist der Unterschied zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft. Konkret geht es darum, welche orgonotischen Funktionen sich beispielsweise hinter der erwähnten „Phosphatgruppe“ (Genexpression) und der „Methylgruppe“ (Gensuppression) verbergen.

Die Orgonomie setzt genau dort an, wo die mechanistische Wissenschaft sich in einer metatheoretischen Schleife verfängt: Wenn epigenetische Vorgänge die Genexpression steuern, was steuert dann die epigenetischen Faktoren? Man kann Biologie nicht auf Chemie reduzieren!

Das hat ganz praktische Konsequenzen, etwa was die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen betrifft, die schwerwiegende körperliche Folgeerkrankungen nach sich ziehen können. Man kann diesen Menschen mit Psychotherapie helfen und so die spätere Entwicklung psychosomatischer Erkrankungen zumindest teilweise abwenden. Wer hätte aber vor wenigen Jahren daran gedacht, daß die traumatischen Belastungen der Psyche mit Schädigungen der DNA einhergehen (die wiederum die erwähnten körperlichen Erkrankungen auslösen) – und daß man diese Schädigungen im Erbgut mit Psychotherapie zumindest teilweise wieder rückgängig machen kann?!

Iris-Tatjana Kolassa (Universität Ulm) et al. konnten anhand von schwertraumatisierten Flüchtlingen nachweisen, daß die psychischen Belastungen mit DNA-Schäden in Leukozyten einhergehen und damit die Immunabwehr kompromittiert wird, beispielsweise kommt es zu einer verfrühten Alterung. In einem zweiten Schritt wurde untersucht, ob die Behandlung mit der „Narrativen Expositionstherapie“, einer Form von Psychotherapie, in der das Trauma autobiographisch eingeordnet wird, auch auf dieser molekularen Ebene Auswirkungen hat. Nach vier Monaten dieser Psychotherapie war die DNA-Schädigung nur noch so hoch wie bei der nicht-traumatisierten Vergleichsgruppe. In den folgenden Monaten nahmen nicht nur die psychischen Symptome, sondern auch die Anzahl der DNA-Strangbrüche in den Immunzellen weiter ab. Kolassa: „Mit unserer Studie konnten wir erstmals zeigen, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen traumatischem Streß und der Schädigung der DNA. Und, was wohl noch überraschender ist, daß sich traumatisch bedingte DNA-Schäden durch Psychotherapie mindern lassen.“

Rousseau und die Befreiung des Lebendigen (Teil 1)

6. Oktober 2014

Es gibt prinzipiell zwei Erklärungen, warum und wie sich die Menschheit abgepanzert hat.

  1. Der Urmensch sei, so Reich im Anschluß an seine Erforschung der Schizophrenie, daran gescheitert, das autonome organische Funktionieren, das ihm bewußt wurde, mit eben diesem Bewußtsein zu koordinieren. Dieses Konzept war wenig spezifisch. Erst Charles Konia konnte einen konkreten Mechanismus angeben. Es geht um die Atmung und das Sprechen. Beispielsweise ist der Mensch das einzige Säugetier, das nicht gleichzeitig atmen und schlucken kann.
  2. Im Anschluß an das ORANUR-Experiment formulierte Reich vollkommen unabhängig davon die Idee, daß DOR und die Entwicklung von Wüsten dafür verantwortlich gewesen wäre, daß sich ein Panzer (= sequestriertes DOR) bildete. Auch dieser Ansatz blieb recht nebulös, bis James DeMeo seine Saharasia-Theorie vorstellte.

Die erste Theorie erinnert etwas an Reichs Zeitgenossen Ludwig Klages und „den Geist als Widersacher der Seele“. Die zweite Theorie an seinen Zeitgenossen Hanns Hörbiger.

So mancher sogenannte „Reichianer“ wehrt sich gegen DeMeos Saharasia-Theorie. Diese Leute scheinen nicht zu wissen, daß Reichs Werk von den keimhaften Grundzügen dieser Theorie durchwirkt ist. In Ea und die Wellenfunktion wird auf entsprechende Stellen in Contact with Space von 1957 verwiesen. Genauso könnte man Reichs Einbruch der Sexualmoral von 1931 nennen, wo er auf S. 101 schreibt:

Spuren der Urgeschichte, die man in der Mythologie auffindet, weisen auf Elementarkatastrophen hin, die die wirtschaftliche Existenz der Urmenschen bedrohten und gesellschaftliche Bewegungen auslösten, aus denen sich der erste Anstoß zur Sexualeinschränkung (…) herleitete.

Darauf folgt eine Fußnote, die Reich (zu recht) aus dem ins Amerikanische übersetzten Buch strich, weshalb sie auch in den revidierten deutschen Ausgaben nicht mehr erscheint:

Ich kann die Richtigkeit der Hörbigerschen „Glazialkosmogonie“ nicht fachlich beurteilen. Seine Erklärung der bei den meisten Völkern der Erde in irgendeiner Form festgestellten Sintflutsagen, die er auf reale kosmische Katastrophen zurückführt, verdienen aber entschieden unsere Beachtung. Sie werfen ein völlig neues Licht auf die Eigenart der Daseinsbedingungen der urmenschlichen Gesellschaft.

Es geht um die Grundidee, nicht speziell um (ausgerechnet!) Klages‘ und Hörbigers Theorien. Warum „ausgerechnet!“? Zu Klages und Hörbiger siehe Der Blaue Faschismus!

Ein naheliegender dritter Ansatz, den Michel Odent in Die Natur des Orgasmus (München 2010, Kapitel: „Evolutionsvorteile der Orgasmosphobie“) vorbringt, ohne den Anspruch einer „dritten Theorie“ zu erheben, war Reich konzeptionell unzugänglich, weil er aufgrund seiner „Rousseauistischen“ Grundanschauung mit der „faschistischen“ Genetik und der Theorie vom Überleben des Stärkeren, die Hitler beseelte, auf Kriegsfuß stand. Für ihn waren das „mechano-mystische“ Mythen, die eines Tages durch eine lebensbejahende funktionelle Theorie ersetzt werden würden. Doch trotz aller Epigenetik und überzeugenden Kritiken am überkommenen Darwinismus, die Reich weitgehend Recht gegeben haben, bleibt der Kerngehalt der Genetik und der Evolution durch Anpassung an die Umwelt doch unumstritten.

Das besondere ist, daß diese sich als richtig erwiesenen Theorien vollkommen mechanistisch sind. Man kann sich kaum etwas Mechanischeres vorstellen als eine Software (die Gene), die abgelesen wird und dabei ständig von Umweltfaktoren „durchsiebt“ wird. Nur Software, deren Produkt durch das Sieb der Umweltforderungen hindurchgeht, bleibt erhalten.

Hier haben wir ein rein mechanisches Prinzip im Kern der Biologie, d.h. buchstäblich im Zellkern! Entsprechend kann man fragen, welchen Evolutionsvorteil „mechanische“ Panzerung („Orgasmosphobie“) für die diversen Kulturen hatte. Eine Frage, die, wie gesagt, Reich konzeptionell unzugänglich war. Odent führt aus:

  1. Die Konkurrenz bei der Partnerwahl droht die überlebensnotwendige Kohärenz der Gruppe zu gefährden. Außerdem haben sowohl erzwungene Exogamie als auch Endogamie jeweils gegebenenfalls für das Überleben der Gruppe unverzichtbare Vorteile. Im ersten Fall wird die Verbindung mit anderen Gruppen gefestigt, im zweiten Fall wird verhindert, daß die Ressourcen der Gruppe sozusagen „diffundieren“. In diesem Sinne kann die Einschränkung der Genitalität, bis hin zur Genitalverstümmelung, nur von Vorteil sein.
  2. Dadurch wird nicht zuletzt das menschliche Aggressionspotential erschlossen. Siehe dazu meine Ausführungen in Die Sexualökonomie der Cheyenne, insbesondere geschieht das aber dadurch, daß in praktisch allen Kulturen die Mutter-Kind-Bindung mehr oder weniger stark hintertrieben wird: die Menschen werden von Anfang an „hart“ gemacht. (Ein Faktor, den Odent nicht erwähnt, ist die „postnatale Abtreibung“. Das Kind wurde von der Mutter ferngehalten, bis der Stamm entschieden hatte, ob der Neuankömmling im Stamm aufgenommen oder den wilden Tieren überlassen wird. Man konnte es sich nicht leisten, jeweils restlos verzweifelte suizidale Mütter zu hinterlassen. Deshalb durfte die emotionale Bindung nicht gleich nach der Geburt einsetzen.)

Erst heute, wo wir uns weitgehend vom evolutionären Druck befreit haben, kann (könnte!) sich „das Lebendige“ im Sinne Reichs frei entfalten.

Die drei Theorien schließen sich nicht gegenseitig aus, vielmehr ergänzen sie einander. Beispielsweise erhöht die Wüste den evolutionären Druck ungemein. Außerdem handelt es sich bei diesen Anpassungen, etwa die Mutter anfangs vom Neugeborenen fernzuhalten, um wohldurchdachte, kalkulierte Überlegungen: das Bewußtsein als Kontrollinstanz über autonomes Geschehen.

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Die Menschheit konnte diese Falle erst verlassen, nachdem die Natur und damit die natürliche Anarchie des Individuums entdeckt war. Die Natur und das Individuum wurden nicht mehr nach dem Maßstab der Nützlichkeit betrachtet. Dies wurde von Rousseau geleistet.

Der zweite Code und die Kinder der Zukunft

4. Juni 2014

Eineinhalb Jahrzehnte nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms erleben wir das Ende der dogmatischen Genetik.

Das Erbgut der unterschiedlichen Körperzellen ist vollkommen identisch, trotzdem meinte man widersinnigerweise durch Entschlüsselung des genetischen Codes alle Fragen beantworten zu können. Erst jetzt beginnt man die „Epigenetik“, d.h. die molekularen Kontrollmechanismen, die die Genexpression steuern, zu erschließen. Es geht um „Methylierungen“, „Histon-Modifizierungen“ und „RNA-Interferenz“. Dieser „zweite Code“ wird durch unsere Umwelt und durch unser Verhalten beeinflußt.

Beispielsweise geht die Vorherrschaft der Genetik in der Psychiatrie ihrem Ende entgegen. Dazu die Zusammenfassung des Artikels „Epigenetische Veränderungen bei affektiven Störungen“ aus Nervenheilkunde (5/2012):

Veränderungen der epigenetischen Kontrolle der Genregulation durch DNA-Methylierung, Histonmodifikationen und Chromatinremodelling werden zunehmend auch im Rahmen psychischer Erkrankungen untersucht. Befunde aus den vergangenen zehn Jahren legen nahe, daß epigenetische Veränderungen eine wesentliche Rolle in der biologischen Grundlage affektiver Störungen zukommt. Dabei können über epigenetische Einflüsse intraunterine und frühkindliche Erfahrungen gespeichert werden und die Vulnerabilität für affektive Störungen erhöhen. Aber auch während der akuten Erkrankung können epigenetische Mechanismen das biologische Substrat aufrechterhaltender Bedingungen sein. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Die entscheidende Botschaft des 2009 erschienenen Buches Der zweite Code. Epigenetik – oder wie wir unser Erbgut steuern können des Wissenschaftsjournalisten Peter Spork lautet:

Die wichtigste Phase für die Epigenetik ist die Zeit vor, während und nach der Geburt. In diesen Wochen werden viele epigenetische Schalter am Erbgut eines Menschen dauerhaft eingestellt. Dann entscheidet sich, welche Erbanlagen ungenutzt bleiben und welche die Persönlichkeit eines Menschen aktiv gestalten. In Tierversuchen haben Wissenschaftler zeigen können, daß traumatische Erlebnisse, aber auch fürsorgliche elterliche Pflege die Epigenetik lebenslang beeinflussen.
(…) [Spork] liefert sogar Beispiele, die zeigen, daß epigenetische Veränderungen in Einzelfällen vererbbar sind. Noch stehen entsprechende Studien auf wackligen Füßen. Aber wenn sich die Hinweise bestätigen, gerät die gesamte biologische Vererbungslehre ins Wanken.

Ich verweise auf Reichs entsprechende Ausführungen in Der Krebs.

In der März 2009-Ausgabe von Info Neurologie & Psychiatrie wurde von einem Vortrag des Neurobiologen Prof. Dr. rer. nat. Ralph Dawirs von der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen berichtet:

Für die Entwicklung des Gehirns geben die Gene keinen Plan vor, den es umzusetzen gilt und der irgendwann erfüllt wäre. Das Gehirn paßt sich ständig seiner Umgebung an, dabei sind die ersten Lebensjahre für die motorische, kognitive und soziale Kompetenz entscheidend.

Die Erfahrung der ersten Lebensjahre sind auch für die Persönlichkeit, Gefühle, Gedanken, aber auch der typische Gang, die unverwechselbare Stimme und Strategien zur Problembewältigung sind im Stirnhirn hinterlegt.

Mit anderen Worten: die Charakterstruktur. Die ist jedoch, wie Reich gezeigt hat, im gesamten Körper verankert und nicht nur „im Stirnhirn hinterlegt“!

Von Anfang an brauchen Kinder emotionale Geborgenheit und das Erleben eigener Handlungsfähigkeit. Prof. Dawirs erwähnte in diesem Zusammenhang insbesondere das Stillen und Tragen. Er empfiehlt „Kinder in den ersten zwei Jahren überall mitzunehmen und zu tragen“.

Es ist bekannt, daß nicht getragene Kinder schlechter sozialisieren und eine schlechtere emotionale Kompetenz haben als getragene Kinder.

Prof. Dawirs wendet sich dagegen, daß in Krippen soziale Kompetenz gelernt werden würde, denn soziale Strukturen können erst ab dem dritten Lebensjahr entstehen. Auch sei es nicht sinnvoll, bestimmte Lernvorgänge, etwa Computerkurse, bereits in den Kindergarten zu verlagern, „denn das Langzeitgedächtnis ersteht erst ab dem fünften, sechsten Lebensjahr“.

Mit solchen Kursen wird nur verhindert, daß das eigentliche Geschäft, z.B. die soziale Interaktion, weniger gut gelernt wird, erklärte Dawirs.

Gegen den mechanistischen und „sozialistischen“ Trend der Zeit („Krippenbetreuung“, „vorschulische Bildung“) nähert sich die Entwicklungspsychologie, trotz mancher Absurditäten, langsam aber sicher Reichs Auffassungen an, die dieser beispielsweise in Der Krebs niedergelegt hat.

ChildrenoftheFuture

Die Orgonometrie von Pseudomonas aeruginosa

9. Januar 2014

Dies ist eine Ergänzung zum Blogeintrag Die Orgonometrie von E. coli.

Orgonometrie bzw. die ständige Bifurkation von Entwicklungsgleichungen wird gerne mit der Spaltung von Bakterien illustriert:

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A1 ist dann das Mutterbakterium (erste Generation), das sich in die beiden Tochterbakterien B1 und B2 aufspaltet (zweite Generation). Das läßt sich dann mit weiteren Aufspaltungen über beliebig viele Generationen ausweiten (C, D, E, F, G, etc.).

Problem ist nur, daß alle Bakterien (in diesem Fall A1, B1 und B2) vollkommen identisch sind. Das bedeutet, daß es erstens keinerlei Unterschied zwischen den beiden Funktionsebenen A und B gibt, in dem Sinne, daß A „funktionell tiefer“ ist als B, und zweitens keinen Unterschied zwischen den beiden „Variationen“ B1 und B2, d.h. es sind keine Variationen, sondern getreue Abbilder von A1. Oder, wie gesagt: A1, B2 und B3 sind austauschbar! Was sollte daran Orgonometrie sein?

Forschungen von Bridget Kulasekara, Samuel Miller, et al. (University of Washington, Seattle) haben nun gezeigt, daß obwohl die beschriebenen Bakterien-Generationen genetisch identisch sind, sich die einzelnen Bakterien jedoch trotzdem vollkommen unterschiedlich verhalten können.

Die Forscher zeigten, daß, wenn sich eine bakterielle Zelle in zwei Tochterzellen teilt, es möglicherweise zu einer ungleichmäßigen Verteilung der zellularen Organellen kommt. Die resultierenden Zellen können sich unterschiedlich voneinander verhalten, je nachdem welche Plasmateile sie während des Teilungsvorgangs erhalten haben. Das wurde zwar nur beim Bakterium Pseudomonas aeruginosa nachgewiesen, trifft jedoch wahrscheinlich für alle Zellen zu, auch die Zellen des menschlichen Organismus.

Wenn sich Pseudomonas-Zellen teilen, schnüren sie in zwei Hälften, um zwei Tochterzellen zu erzeugen. Obwohl die Zellen genetisch identisch sind, kann aber nur eine Tochterzelle den einzig vorhandenen Schraubenantrieb der Bakterie erben. Die andere Zelle kann einen eigenen Schraubenantrieb synthetisieren, aber sofort nach der Teilung sind die beiden Zellen sehr unterschiedlich. (…) „Wir haben gezeigt“, so Miller, „daß die ungleichmäßige Vererbung von Organellen eine weitere Art und Weise darstellt, die Zellen zur Verfügung steht, um Vielfalt zu schaffen und dergestalt die Chancen für das Überleben ihrer Art zu erhöhen.“

Das ist mechano-mystisch ausgedrückt. Die Orgonometrie öffnet den Zugang zum bioenergetischen Hintergrund dieser „artenerhaltenden Vielfalt“.

Die Kinder der Zukunft und die Genetik (Teil 2)

29. November 2013

Reichs Alternative zur Genetik, war die „transgenerationale Epigenetik“, d.h. er wollte die Frage der Vererbung durch die Erfahrungen des Embryos im Uterus erklären. Siehe den Abschnitt „Eine Bemerkung zur Vererbungsfrage“ in Der Krebs.

Junko Arai (Tufts University, Boston) et al. ist der definitive Nachweis dieser Art der Vererbung gelungen. Sie konnten zeigen, daß Mäuse mit einem genetisch bedingten Gedächtnisdefekt nicht nur diesen Fehler in der DNA erben, sondern auch, was die Eltern gelernt haben. Der Effekt zeigte sich sowohl im Verhalten der Tiere als auch in physiologischen Untersuchungen ihrer Gehirnzellen:

Die untersuchten Mäuse hatten einen Defekt in einem Gen namens Ras-GFR1, der ihr Erinnerungsvermögen beeinträchtigte. Sie zeigten nach 24 Stunden keine Angst mehr vor Orten, an denen sie zuvor Stromschläge erhalten hatten – gesunde Artgenossen erinnerten sich dagegen nur zu gut daran. Die Gedächtnisschwäche wurde jedoch vollständig geheilt, wenn die Forscher die Mäuse kurz nach Geburt für zwei Wochen einer besonderen Umgebung aussetzten: Bunte Spielsachen, Bewegung und der Kontakt mit anderen Mäusen regten die Gedächtnistätigkeit an. Auch die gemessene Aktivität in der betroffenen Hirnregion normalisierte sich dadurch vollständig.

Die US-Forscher waren nun einigermaßen konsterniert, als sie feststellen mußten, daß auch Jungtiere von der Therapie profitierten, die nicht sie selbst, sondern ihre Mütter Monate zuvor erfahren hatten.

Obwohl die Tiere denselben Gendefekt trugen und direkt nach Geburt von ihrer Mutter getrennt wurden, wiesen sie für über einen Monat eine normale Gedächtnisaktivität auf. Das von der Mutter Erlernte wurde also während der Schwangerschaft auf die Nachkommen übertragen.

Die (1.) individuelle Erinnerung, (2.) die kulturelle Erinnerung (Mneme), (3.) die oben beschriebene epigenetische Vererbung und schließlich (4.) die genetische Vererbung sind in einer Hinsicht funktionell identisch:

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Siehe dazu meine Ausführungen in Biopathien und die Gene.

Um das Projekt „Kinder der Zukunft“ erfolgreich bewältigen zu können, müssen alle vier Ebenen bewältigt werden. Das umfaßt (1.) die Psychotherapie des Einzelnen, (2.) die Aufklärung der Gesellschaft, (3.) eine umfassende perinatale Betreuung und (4.) eine individuelle Betrachtung des „Stoffes“ aus dem jeder Einzelne von uns gemacht ist (diesen Punkt habe ich in Teil 1 ausgeführt).