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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Orgonomische „Soziobiologie“ (Teil 2)

26. Juni 2015

Kollektivismus ist eines der Hauptcharakteristiken der „Maschinenmenschen-Ameisen“: das Fehlen jeder Individualität, Eigenverantwortlichkeit und Spontanität – das Fehlen jeder wirklichen Gemeinschaft. Die krasseste Ausbildung dieses Syndroms finden wir im Sozialismus. Eine Gesellschaftsformation, die durch den Kollektivisten, bzw. modern liberal character hervorgerufen wurde.

Betrachten wir diesen Charakter etwas genauer:

1. Als Ausdruck einer energetischen Einebnung (mechanisches Potential) strebt er nach sozialer Nivellierung, die, auch bedingt durch seine Kontaktlosigkeit, alles andere als „sozial“ ist, sondern eben seinem Drang nach maximaler Entropie entspricht. Baker zufolge trägt er seine eigene „totale Devitalisierung“ in den gesellschaftlichen Organismus hinein. Deshalb handelt es sich beim modernen Liberalismus in jeder Hinsicht um eine gesellschaftliche „T-Reaktion“ (siehe Reich: Der Krebs), die zwangsläufig zum „gesellschaftlichen Krebs“ (Kommunismus) führen muß.

Krebsgewebe ist äußerst homogen und weniger spezialisiert als gesundes Gewebe („gesellschaftliche Nivellierung“). Nach Reich hört bei der Krebsbiopathie im Körper auch die „Energie-Produktion“ auf – dem entspricht im gesellschaftlichen Organismus die Beseitigung des produktiven Kapitalismus durch den unproduktiven Sozialismus. Gemäß dem mechanischen Potential sinkt das Energieniveau, alle Energieunterschiede werden eingeebnet und die Verantwortungslosigkeit nimmt zu. Ein Blick auf die diversen Gesellschaftexperimente der Sozialdemokraten und Kommunisten reicht aus, um diese Thesen zu untermauern.

2. Auf der anderen Seite führt der energetische Zentralismus (orgonomisches Potential) dazu, das der modern liberal character nach einem starken Sozialstaat strebt, aber auch dies ist nicht „sozial“, sondern Ausdruck dessen, daß der Liberale zentral aus seinem Gehirn heraus lebt. Dies macht ihn, da es zur Abtrennung vom Kern führt, zum Mechanisten. Auch dieser Aspekt ist Teil des krebsigen Zerfalls der Gesellschaft: Nach Reich (Der Krebs) verschiebt sich bei der präkanzerösen Zelle

die Kern-Plasma-Relation in energetischer Hinsicht rasch und drohend zugunsten des Kerns. Der Energieüberschuß im Kern wird im Verhältnis zum erstickenden Plasma allzu groß.

Beim Kollektivisten, dem „präkommunistischen Charakter“, verschiebt sich durch Intellektualisierung die Energie vom Becken zum Hirn, das, Reich zufolge, „wie ein Parasit dem Körper Energie abzapft.“ Dies entspricht ganz der Zentralisierung im Kommunismus. So sprach der modern liberal character Marx davon, daß die (Marxsche) Philosophie der „Kopf“ des Proletariats sei und Trotzki nannte die KP „das historische Organ, durch das die Klasse klassenbewußt wird.“

Diese Einteilung in Funktionäre und Arbeiter entspricht funktionell der Einteilung in Geschlechts- und Arbeitsameisen. Dazu gehört auch die Verteufelung des Egoismus durch die Linke (die organisierte Emotionelle Pest). Dieter Otto in schreibt seinem Buch Die Rote Waldameise (Wittenberg „DDR“ 1962):

Es gehört zur Eigenart eines Insektenstaates, daß die einzelnen Staatenmitglieder Tätigkeiten verrichten, die nicht unmittelbar nur ihren eigenen, individuellen Bedürfnissen oder den Bedürfnissen ihrer eigenen Nachkommen (Brutfürsorge) entsprechen, sondern die dem Gedeihen und der Erhaltung der gesamten Gemeinschaft dienen.

So verkörpert der „DORifizierende“ Kollektivist eine funktionelle Entwicklung hin zur Ameise. Nicht ohne Grund hat man die von den modern liberal characters Marx, Lenin, Bucharin („Menschenmaterial“), Trotzki, Stalin, Mao, Ho Chi-Minh, Castro, Pol Pot entworfenen kommunistischen Paradiese oft mit Ameisenstaaten (die „blauen Ameisen“ Chinas) verglichen.

Ein individuelles Bewußtsein ist in derartigen Ameisengesellschaften nur störend. Wichtig hingegen ist die möglichst hohe Entwicklung der Wahrnehmungsfunktion, um dies monolithische Gebilde zusammenhalten zu können. In seiner Abhandlung über „Krebs und Kommunismus“ schreibt Konia:

Die Gesellschaften der Wirbellosen basieren auf der größtmöglichen Entwicklung der Wahrnehmungsfunktion, während die Gesellschaften von Wirbeltieren von der möglichst umfassenden Entwicklung des Bewußtseins abhängen.

Beim Zerfall dieser „Wirbeltier-Gesellschaften“ hat das Bewußtsein seinen Sitz immer weniger im Individuum, sondern verschmiert sozusagen über die gesamte Gesellschaft (beispielsweise spricht man von „Bewußtseinsindustrie“, die Menschen entwickeln eine politisch korrekte „Einheitsmeinung“).

Was damit gemeint ist, zeigt die folgende Stelle aus Wilhelm Goetsch‘ Buch Die Staaten der Ameisen (Berlin 1953):

Wenn sich bei uns Menschen eine feste Gemeinschaft mit einheitlichem Handeln ergeben soll, dann sind stets besondere Einrichtungen nötig; man muß einander als Glieder dieser Gemeinsamkeit erkennen und man muß sich miteinander irgendwie verständigen können. Zum Erkennen dienen beispielsweise Abzeichen von der Vereinsnadel bis zur Uniform, oder Losungsworte vom Feldgeschrei bis zur Parole; zur Verständigung werden benützt irgendwelche Winkzeichen bis zur Druckschrift, oder Alarmsignale vom Schreckensruf bis zum SOS der drahtlosen Telegraphie. Es handelt sich demnach bei menschlichen Einrichtungen, deren Aufzählung man beliebig fortsetzen könnte, fast immer um Zeichen, die auf unser Auge oder Ohr wirken.

Bei den Ameisen steht der Geruch im Vordergrund.

Weil das individuelle Bewußtsein unterdrückt wird und das Individuum zu einer Art Nervenzelle wird, die nur Informationen empfängt und weitergibt, also jede Kreativität unterdrückt wird und jeder darauf schaut, was die anderen machen und sich dementsprechend verhält, stammte aus den kommunistischen Gesellschaften keine einzige epochemachende Erfindung. Das ist so, weil „das Bewußtsein“, d.h. jede Kreativität unterdrückt wird und jeder darauf schaut, was die anderen machen und sich dementsprechend verhält. Entsprechend war die Sowjetunion wie ein Parasit, der von der Auskundschaftung der geistigen Errungenschaften des Kapitalismus und der Ausbeutung der materiellen Ressourcen des Westens lebte. (Über die islamische Welt läßt sich ähnliches sagen!)

Konia schreibt weiter, daß sich das Bewußtsein parallel zur Sexualität entwickelt hat und daß bei den Insekten jede Freiheit und Sexualität dem Kollektiv geopfert wird (die Arbeitsameisen haben keinerlei Sexualleben), während bei den Wirbeltieren diese Funktionen bei den Individuen bis auf das Äußerste entwickelt sind.

Der Rote Faden: Volksfront und Detente

7. Mai 2013

Während seines Aufenthalts in Spanien (Februar 1937 – Juni 1937) spielte Willy Brandt, zusammen mit anderen vom rechten Flügel der linkssozialistischen SAP (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) eine dubiose Rolle. Er warb für die Volksfront, d.h. die Einheit von Sozialisten und Stalinisten, und hat deshalb vehement gegen die Trotzkisten und den linken Flügel der POUM (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) gestritten (und deshalb muß er auch gegen Reich gekämpft haben, nicht weil Brandt „Stalinist“ war, sondern weil er Politiker war). Während des Stalinistischen Terrors in Barcelona (George Orwell war ein Zeuge dieses Terrors) war Brandt sehr anpassungsfähig und spielte den Ernst der Lage herunter, alles zum Wohle der Volksfront. Er protestierte nicht gegen die Stalinisten, sondern griff stattdessen die linke anti-Stalinistische Opposition innerhalb der SAP und der Jugendorganisation der POUM an. Die Stalinisten haßten die POUM, die sich sowohl an Trotzki als auch an Bucharin orientierte, wie kaum sonst etwas. Brandt arbeitete als SAP-Funktionär innerhalb der POUM – und vertrat eine „vereinigte antifaschistische Volksfront“, d.h. eine Stalinistische Politik. Wie einer von Brandts linken SAP-Genossen, Peter Blachstein, in einem Interview 1976 sagte, stand Brandt praktisch, natürlich kritisch distanziert, aber de facto auf Seite der Stalinisten.

Einige werfen Brandt sogar vor, an der Ermordung des österreichischen Kommunisten und Trotzki-Anhängers Kurt Landau (1903-1937) beteiligt gewesen zu sein. Als „Gunnar Gaasland“ ging Brandt von Oslo nach Barcelona, um dort die SAP zu repräsentieren. Nach dem Stalinistischen Mai-Massaker in Barcelona hatten die deutschen und österreichischen Freunde der POUM ein Treffen. Alle kamen außer Brandt. Kurt Landau bat die Genossin Ella König (ein „Brandleristin“, auch Reich wurde von der KPD beschuldigt ein KPO-Anhänger zu sein), seine Rede mitzuschreiben. Katja Landau erinnert sich, wie überrascht sie war, als sie bemerkte, daß auch ein junger SAP-Kamerad Kurt Landaus extrem anti-Stalinistische Rede mitschrieb. Von Mitgefangenen in GPU-Gefängnissen erfuhr sie, daß dieses Protokoll noch am selben Tag in den Händen der GPU war. Später teilte man ihr mit, daß der junge SAP-Genosse sein Protokoll Brandt gegeben hatte. Brandt war demnach entweder ein GPU-Agent oder ein GPU-Informant. Es war auch erstaunlich, daß Brandt von den Stalinistisch kontrollierten spanischen Behörden unbehelligt blieb und ohne Probleme ausreisen konnte (Hans Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau. Ein Österreichischer Kommunist als Opfer der stalinistischen Geheimpolizei, Wien 1988).

Am 1. Juli 1940 floh Brandt von Norwegen nach Schweden. Dort arbeitete er als Journalist, berichtete aber auch den Agenten unterschiedlicher Geheimdienste der Alliierten. Siehe dazu „Ein gern gesehener Agent“ von Axel Frohn und Klaus Wiegrefe im Spiegel 37/1999. Bereits im Juli 1939, also noch in Norwegen, trat er über die linke Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) mit dem britischen SIS in Kontakt. Die ITF versuchte den norwegischen Eisenerz-Export nach Deutschland zu unterbinden. Brandt war seit 1937 Leiter der Osloer Gruppe der ITF. Nach seiner Flucht arbeitete Brandt, zusammen mit dem späteren österreichischen Kanzler Bruno Kreisky, direkt mit den Briten im Pressebüro des British Special Operation Executive (SOE). Die Briten reichten Brandt später an die Amerikaner weiter.

Aus Das Schwarzbuch des KGB (Berlin 1999) von Christopher Andrew und Wassili Mitrochin geht hervor, daß Brandt 1942 für neun Monate auch für den NKWD in Stockholm tätig war. Der US-Diplomat Herschel Johnson telegraphierte am 31. August 1943 aus Stockholm, daß Brandt enge Kontakte zur sowjetischen Botschaft unterhalte. Gleichzeitig arbeitete er für den amerikanischen OSS (die Vorläuferorganisation der CIA). Nachdem er jedoch einen Artikel über den 20. Juli 1944 veröffentlicht hatte, betrachteten ihn die Amerikaner als zu indiskret und stellten jeden Kontakt ein.

Ende der 1960er verfaßte der Schriftsteller Howard Hunt mehr oder weniger im Auftrag der CIA Romane über Spionage, die die Arbeit der CIA in günstiges Licht stellten. In einem dieser Romane portraitierte er Brandt (natürlich unter einem anderen Namen) als Sowjetagenten, der versuche, den Westen dazu zu bringen mit dem Osten zusammenzuarbeiten. Als Auftragsschreiber der CIA muß er Zugang zu geheimem Material gehabt haben.

Wie dem auch sei: um1940 herum verteidigte Brandt den Hitler-Stalin-Pakt öffentlich: alle Sozialisten hätten die Pflicht mit der Sowjetunion zusammenzuarbeiten.

Als Brand 1946 nach Deutschland zurückkehrte, war er drauf und dran sich der KPD bzw. natürlich der SED anzuschließen. Hermann von Berg, seit 1962 Leiter der Abteilung für internationale Kontakte bei der Pressestelle des Vorsitzenden des Ministerrates der „DDR“, erinnert sich in seiner Autobiographie, daß Anfang oder Mitte der 1960er Jahre (d.h. zwischen 1962 und 1966) Albert Norden, der für Agitation zuständige Sekretär des Zentralkomitees der SED, ihm privat steckte, daß „wenn es in einigen Jahren paßt, geben wir Brandts potentiellem Nachfolger die Brandt-Akte im Auszug, wo der geile Sack, der sich von Schütz und Co. (Brandts Assistenten) nur Weiber zutreiben läßt, 1946 bei uns anfragt, was er werden kann, wenn er in der SED mitzieht“ (Hermann von Berg: Vorbeugende Unterwerfung, München 1988, S. 146f).

Es geht hier nicht darum, Brandt moralisch abzuqualifizieren, sondern ein Denken oder besser gesagt eine Einstellung dingfestzumachen, die viele von Reichs Gegnern vereinigte, während sie Reich zutiefst fremd war: ein strategisches Denken, das durchaus gemäßigte und „vernünftige“ Linke mit dem Machtfaktor Sowjetunion versöhnte. Sie legten Hoffnung in eine „Volksfront“, der „Trotzkisten“ und andere Linke, insbesondere solche „rätekommunistischer“ Provenienz, bedenkenlos geopfert wurden, nicht zuletzt Reich, dessen anfängliche „arbeitsdemokratische“ Überlegungen durchaus in eine „anarcho-syndikalistische“ und „rätekommunistische“ Richtung gingen. Zunächst waren es die Nationalsozialisten, gegen die eine Einheitsfront bzw. „Volksfront“ zu mobilisieren war, danach der „US-Imperialismus“, vom „McCartyismus“ bis zum „NATO-Doppelbeschluß“. Ein Mann wie Brandt spielte dabei stets eine wichtige Rolle. Dabei waren die meisten dieser gemäßigten Linken durchaus nicht großartig Fans des „sowjetischen Modells“, vielmehr ging es ihnen um „Realismus“, d.h. die Verhinderung eines Machtmonopols Hitlers in Europa und später der USA weltweit. Die Sowjetunion war hier jeweils das einzig denkbare Gegengewicht. Leute wie Reich störten dabei nur.

Reich hat eigentlich immer gestört. Zunächst, indem er die Ende der 1920er Jahre linksradikale Politik der Komintern in die Sozialdemokratie tragen und diese „von unten“ bolschewisieren wollte (Revolutionäre Sozialdemokraten). Wenige Jahre später machte er ähnliches in der KPD mit quasi „rätekommunistischen“ Ansätzen (Sexpol). Im Exil näherte er sich zeitweise „anarcho-kommunistischen“ Positionen an, um schließlich ganz die Politik hinter sich zu lassen. Er schwamm dabei jeweils gegen den Strom: Rebellion gegen die sozialdemokratischen, später die kommunistischen Apparatschiks, Bekämpfung des Volksfront-Gedankens und schließlich ein „Kalter Krieger“, selbst zu einer Zeit, als sogar amerikanische Konservative von „Uncle Joe“ schwärmten. Das setzte sich mit Reichs direkten Schülern in den 1970er und 1980er Jahren fort, als diese zum maßlosen Entsetzen europäischer „Reichianer“ im Roten Faschismus (und nicht im verbrecherischen „Konsumterror“ des Westens) den Hauptfeind ausmachten.

Es ist nicht gerade einfach Reichs gewundenen Weg von Linksaußen nach Rechtsaußen nachzuvollziehen und zu erkennen, daß er sich während dieser Wegstrecke kaum verändert hat und sich innerlich treu geblieben ist. Für ihn gab es keinen Kompromiß mit der „hakenkreuzlerischen“ Reaktion, wie für die aus seiner Sicht damals windelweichen Sozialdemokraten. Genauso sah es später hinsichtlich der Stalinistischen Großmacht aus.

Man kann nur auf eine einzige Art und Weise mit der organisierten Emotionellen Pest umgehen: nicht indem man sie „demokratisch einbindet“, sondern indem man ihr mit entschlossener Härte entgegentritt. Wie Reich schon damals beklagte, hatte die Sozialdemokratie alle Machtmittel in Österreich und Preußen, um dem Faschisten- und Nationalsozialisten-Spuk ein jähes Ende zu setzen. Entsprechend brach Jahrzehnte später prompt der rotfaschistische Spuk der Sowjetunion zusammen, kaum hatte Reagan ernst mit dem Kalten Krieg gemacht.

Leute wie Brandt haben einen biophysischen Horror vor derartiger Konsequenz, d.h. vor Bewegung. Sie schieben die angebliche „Vernunft“ vor, um für eine Situation zu sorgen, in der sich die jeweiligen „beiden Lager“ gegenseitig blockieren. Das kann nur dazu führen, daß die Emotionelle Pest über kurz oder lang triumphiert, denn die Kräfte des Lebendigen werden von den „Willy Brandts“ der Welt ständig beschnitten, während die Kräfte der Emotionellen Pest von ihnen beschwichtigt und sogar gefördert werden. Heute erleben wir das gleiche hinsichtlich „der Enkel Willy Brandts“ und ihrem Vorgehen gegen die „Islamkritik“. Natürlich wieder im Namen der Vernunft! Früher war es Brandts „Ost-West-Dialog“, heute ist es sein „Nord-Süd-Dialog“.

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Der Rote Faden: Mildred Brady

1. September 2012

(…) die „Partei“ schickte den Idioten mit einer Botschaft auf den Marktplatz; der Polizist hörte es und leitete es an die Kommission für Nahrungs- und Medikamentensicherheit weiter; von hier gelang es in mehrere Zeitungen, von dort in eine psychiatrische Zeitschrift und das Büro des für den Landkreis zuständigen Staatsanwalts (…). („Public Responsibility in the Early Diagnosis of Cancer“, Orgone Energy Bulletin, 1(3), July 1949, S. 113)

Ohne Frage lag Reich mit dieser Beschreibung richtig. Die einzige kritische Frage ist, ob Mildred Edie Brady wirklich auf Anweisung Moskaus handelte. Dies ist der eine kritische und entscheidende Punkt in Reichs Argumentation. Und da Karl Frank Reichs Hauptquelle war, ist Frank so wichtig. Der „ein gewisser Karl Frank“ bei Jerome Greenfield (USA gegen Wilhelm Reich, S. 85). Myron Sharaf spricht über „a friend of Reich’s“ (Fury on Earth, 1983, S. 366). Sowohl Greenfield als auch Sharaf legen nahe, daß die Hauptquelle für Reichs Verdacht, daß Brady im Auftrag Moskaus handelte, eine unbedeutende Person war, die Reich nur eine zufällige Beobachtung und nicht weiter ins Gewicht fallende Einschätzung mitteilt. In Wirklichkeit war dieser „Informant“ eine sehr bedeutende Figur und ein Experte, wie an anderer Stelle dargelegt.

Von Anfang an war das Unterwandern und Wühlen Taktik von GPU/NKWD/KGB. Später versuchten sie Immigranten zu eliminieren und zwar nicht nur solche, die aus Rußland, sondern auch jene, die aus der Komintern geflohen waren. Dimitri Wolkogonow berichtet über Angelika Balabanowa (1878-1965), eine ehemalige Freundin des Sozialisten Benito Mussolini und spätere Sekretärin der Komintern. Kurz vor der Oktoberrevolution wurde sie nach Schweden gesandt, um sich im Auftrag der Bolschewisten mit linksgerichteten Organisationen in Europa zu befassen. Jeden Samstag kamen Schiffe in Stockholm an mit Geldern aus Rußland, die sie weiterleitete. Ihr wurde gesagt, sie solle das Geld verwenden, um linksgerichtete Organisationen zu unterstützen, anti-bolschewistische („oppositionelle“) Gruppen zu untergraben und einzelne Personen zu diskreditieren (Wolkogonow: Lenin – Utopie und Terror, Düsseldorf 1994).

Genau das hat später Mildred Brady getan: Unterstützen linksgerichteter Gruppen in den Vereinigten Staaten, Untergraben von progressiven Gruppen, die dem Kommunismus gegenüber feindselig eingestellt sind und Diskreditieren bestimmter Personen, in diesem Fall Wilhelm Reich. Diese drei Punkte haben die Politik der Komintern bereits charakterisiert, bevor diese überhaupt offiziell gegründet wurde. (Das Büro für Auslandsarbeit wurde am 8. Oktober 1918 gegründet und bestand aus Balabanowa, Worowski, Bucharin und Axelrod.)

Jürgen Kuczynski war ein enger Freund von Mildred Bradys späterem Ehemann Robert A. Brady, einem Wirtschaftswissenschaftler, und dessen erster Frau. Im September 1926 ging Kuczynski in die Vereinigten Staaten, um an der Brookings School zu studieren. Viele Studenten dieser kleinen Eliteeinrichtung mit nur 20 bis 30 Studenten wurden später Mitglieder der Roosevelt Administration. Und sie waren alle untereinander befreundet und viele heirateten auch untereinander. Kuczynski zufolge hielten viele dieser Bekanntschaften und Freundschaften Jahrzehnte an und schlossen weitere Freundeskreise mit ein. Da die meisten Studenten wegen ihres Talents interessante Jobs bekommen hatten und einige hohe Positionen in der Roosevelt Administration innehatten, war Kuczynskis USA-Reise von 1938 in die USA, wo er für den kommunistischen Geheimsender „29,8“ um Spenden warb, so überaus erfolgreich. Er kehrte als der damals erfolgreichste Spendensammler für die KP heim (Kuczynski: Freunde und gute Bekannte. Gespräche mit Thomas Grimm, Berlin 1997, S. 115f).

Kuczynski war an der Brookings School von Sept. 1926 bis Juni 1927. Danach arbeitete er für die American Federation of Labor, die von William Green geleitet wurde. Sept. 1928 kehrte er zum Brookings Institute zurück, um ein Buch über Arbeitslosenstatistik zu schreiben. 1929 kehrte er nach Deutschland und seinem Familienstammsitz am Schlachtensee zurück. Ein Jahr später schloß er sich der Partei an, besuchte die UdSSR, usw.

Wir zeichnen das Jahr 1931. Kuczynski berichtet, daß viele Briefe mit den Freunden in Amerika ausgetaucht wurden. Elsie Gluck, Bob und Dorothy Brady besuchten ihn am Schlachtensee (Kuczynski: Memoiren, Köln 1983).

Die letztere schrieb damals an Kuczynski, daß ihr Ehemann Bob Brady mit ganzem Herzen auf ihrer Seite, d. h. auf Seite der Kommunisten stünde, aber leider gezwungen sei, an der Universität von Berkeley jede Menge Quatsch zu lehren. Zurück in den USA habe er das Gefühl seine Seele an den Mammon zu verkaufen. Kuczynski fügt jedoch an, daß sich Bob Brady keine Sorgen um seine Seele hat machen müssen, da er gute Bücher gegen den deutschen Faschismus und den Monopolkapitalismus im allgemeinen geschrieben habe. Zwar sei auch Dorothy nicht in der Partei gewesen, aber, wie Bob, auf kommunistischer Seite mit voller Überzeugung gesellschaftlich aktiv (ebd., S. 214f).

1934, ein Jahr bevor die damalige Mildred Edie ihren späteren Mann Bob Brady kennenlernte, wurde die junge Journalistin auf Reich aufmerksam, als sie den Psychoanalytischen Kongreß in Luzern besuchte. Siehe dazu Item 178 (Statement by Angelica M. Haymes on Masters [Consumer Reports], Dec. 7, 1948) von Reichs The Red Threat of a Conspiracy (Rangeley, Maine: Orgone Institute Press, 1955). Zusammen gründeten sie 1936 die kommunistisch inspirierte Consumers Union, eine Art „Stiftung Warentest“, um das kapitalistische System nicht nur von der Seite der „Produzenten“ (Werktätigen), sondern auch von der Seite der Konsumenten her zu untergraben. Ein Opfer dieser kapitalismuskritischen „Warentests“ sollte Wilhelm Reich werden.

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Kuczynski hat seine Wirtschaftsstudien (besonders über die Wirtschaftsstruktur des Nazistischen Deutschland) beim Verlagshaus der englischen KP veröffentlicht, in Amerika beim dortigen KP-Verlag. Dennoch hat 1944 die amerikanische Botschaft (d. h. dieselbe Botschaft, die einige Jahre später Neill die Einreise in die Vereinigten Staaten verwehrte) den Erzkommunisten Kuczynski eingeladen, sich dem United States Strategic Bombing Survey anzuschließen. Er und seine Mitarbeiter (z.B. Paul Baran, später der erste Marxistische US-Professor mit Lebensanstellung) hatten täglichen Kontakt mit dem Office of Strategic Services. Dort gab es ebenfalls, so Kuczynski, jede Menge „progressive Leute“. Die Amerikaner haben sich einfach nicht darum geschert, ob man ein Kommunist war oder nicht, soweit man für sie nützlich war. Kuczynski hat dort viele Freunde gefunden und hielt später Kontakt zu ihnen, mit einigen bis zu seinem Tode 1997. Als ziviler Fachmann bekam Kuczynski den militärischen Rang eines Oberst verpaßt. Der United States Strategic Bombing Survey wurde von vier Generälen befehligt, Alexander, George Ball, Paul Nitze und Ken Galbraith, aber nur einer von ihnen sei, so Kuczynski, „progressiv“ gewesen, Galbraith. Er blieb ein lebenslanger Freund. Damals sei Galbraith in der politischen Mitte verortet gewesen, er habe sich aber später mehr nach links entwickelt. Er wurde Freund und Berater von JFK. In seiner Autobiographie erwähnt Galbraith Kuczynski: dieser sei ein sowjetischer Spion gewesen.

Die geheimen Berichte des Office of Strategic Services, Vorgänger des CIA, über die Ökonomie des Deutschen Reiches wurden nur an vier Empfänger gesandt: Roosevelt, Eisenhower, Churchill und Ismay (der „englische Eisenhower“). Kuczynskis Schwester war die berühmteste Sowjetspionin (Ursula Kuczynski war identisch mit „Ursula-Marie Hamburger“, „Ruth Werner“ und der berühmten „Sonia“) und über sie gelangten diese hochgeheimen Berichte auf den Schreibtisch Stalins.

Beim „Office of Strategic Services” befand sich ein ganz besonders linker Linker: Joseph. Bis zu seinem Tode 1993 blieb er ein sehr enger Freund Kuczynskis. Gould erkundigte sich bei Kuczynski, ob es nicht gut sei fünf deutsche Kommunisten von England nach Deutschland mit amerikanischen Flugzeugen zu schicken. Kuczynski wählte fünf Kommunisten und informierte gleichzeitig seine Schwester. So warfen die Amerikaner fünf OSS-Agenten über Deutschland ab, die gleichzeitig über Kuczynskis Schwester für Stalin arbeiteten. Kuczynskis Schwester brachte auch Klaus Fuchs’ Dokumente über die Atombombe in die Sowjetunion. Kuczynski höchstpersönlich vermittelte den Deal.

Fuchs war Kommunist und als er in England eintraf, hatte er sich direkt an Kuczynski gewandt, da dieser der politische Führer der deutschen KPler in England war. Etwa 1942 erzählte Bernal, ein enger Freund Kuczynskis, diesem auf eine sehr vage Weise über eine hochgeheime Superwaffe. (John Desmond Bernal [1901-1971] war ein britischer Naturwissenschaftler, nach 1945 aktiv in der Weltfriedensbewegung und 1950 Präsident des Weltfriedensrates.) Klaus Fuchs teilte Kuczynski Details mit und fragte ihn, ob das nicht für die Sowjetunion von Bedeutung sei. Kuczynski brachte ihn in Kontakt mit den Sowjets. Als die Sowjets plötzlich alle Verbindungen mit Fuchs kappten, wandte sich dieser wieder an Kuczynski, der ihn in Kontakt mit seiner Schwester brachte (Kuczynski: Freunde und gute Bekannte).

Der Rote Faden: Genosse Thomas (Teil 2)

17. Juli 2011

Die Unsummen, die durch die Hände von Thomas gingen, gingen zu einem Gutteil zunächst auf Raubüberfälle (a la Baader-Meinhof) zurück, später auf die offizielle „Enteignung“ der russischen Bourgeoisie. Man muß dabei immer im Auge behalten, daß das die Zeit der russischen Hungersnot mit Hunderttausenden von Opfern war – aber diese kommunistischen Bastarde warfen mit dem Geld nur so um sich. Sie waren Vampiren ähnlich. So viel über „Kapitalistische Ausbeutung“! Tatsächlich benahmen sie sich wie die Nazis, nachdem diese zwei Jahrzehnte später in Rußland einfielen. Das Plündern Rußlands für „weltpolitische“ Ziele!

Beispielsweise brachte Genosse Thomas im Februar 1921 persönlich 25 Millionen Reichsmark an Bargeld und 37 Millionen Reichsmark in Preziosen von Moskau nach Berlin, um die „März-Aktion“, einen Kommunistischen Aufstand, zu finanzieren, der in einer Katastrophe endete. Karl Radek und Bela Kun, die die Unternehmung leiten sollten, erhielten jeweils 2 Millionen Reichsmark zu ihrer freien persönlichen Verfügung, Thomas bekam 1 Million. 1921 gründete die Komintern auch den „Frankfurter Fonds“, der, mit einem Anfangskapital von 50 Millionen Reichsmark, westeuropäische KPs finanzieren sollte. Die Gelder für den Fonds wurden von einer Kommission aus Lenin, Trotzki und Sinowjew kontrolliert, offiziell hatte der Komintern-Chef Sinowjew die Kontrolle. Thomas war derjenige, der den Fonds auswärts managte. Beispielsweise 1923 gab Thomas der KPD 7 Millionen Reichsmark für den „deutschen Oktober“ – der wieder in einer blutigen Katastrophe endete (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993). So viel über den Historischen Materialismus!

Genosse Thomas geriet wegen seines finanziellen Mißmanagements schnell in Schwierigkeiten. Als 1921 die Reichsmark wegen der Inflation an Wert verlor, wurde er gebeten den Frankfurter Fonds in stabile Valuta umzutauschen, aber er tauschte nur die Hälfte der Summe, d. h. 25 Millionen Reichsmark, so daß die Komintern beträchtliche Beträge verlor. Im August 1921 leitete ein neuer Mann das Finanzkomitee der Komintern in Moskau, ein gewisser Pjatnitzki. Er war erschüttert als er erfuhr, daß es unmöglich war zu überprüfen, was Genosse Thomas mit dem ganzen Geld angestellt hatte, das ihm seit 1919 zur Verfügung gestellt worden war. Genosse Thomas verteidigte sich dahingehend, daß wegen des konspirativen Charakters seiner Arbeit eine regelrechte Buchhaltung unmöglich gewesen sei. Sein alter Freund, Komintern-Chef Sinowjew unterstützte ihn. Pjatnitzki beharrte jedoch darauf, daß Genosse Thomas die Komintern betrogen und er offensichtlich in seine eigenen Taschen gewirtschaftet hatte. (Marxistischer Mehrwert! Man beachte, daß diese unfähigen und korrupten Idioten die Macht nicht nur im Staat, sondern auch in der Wirtschaft an sich reißen wollten, um der angeblichen „kapitalistischen Anarchie“ ein Ende zu setzen!)

1923 entschied eine Sonderkommission der Komintern, daß Genosse Thomas allen Finanzaufgaben enthoben werden sollte. Aber wieder retteten ihn Sinowjew, Radek und Bucharin. In Berlin wurde eine weitere Sonderkommission eingerichtet und sprach ihn von den meisten Anklagepunkten frei. Es blieb die ungelöste Frage nach dem Verbleib von 8,6 Millionen Reichsmark, die er von der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin erhalten hatte. Thomas sagte aus, daß er die Summe in einem Möbelstück versteckt – und sie dann dort vergessen habe! Das konnte die Kommission schwerlich akzeptieren, mußte sich jedoch damit zufriedengeben, daß der Verbleib des Geldes ein unlösbares Mysterium bleiben würde.

Während Genosse Thomas Leiter des Verlagshauses blieb, zeichnete ab August 1923 Genossin Fritzmann-Stasova für Finanzangelegenheiten verantwortlich. Gleichzeitig wurde Thomas befördert und Mitglied des Verlagsausschusses beim Exekutivkomitee der Komintern.

Seit Anfang 1924 war es für das Westbüro schwierig die Finanzmittel zu erhalten, die es von Moskau forderte. Und Moskau forderte, daß das Verlagshaus auf einer gesunden wirtschaftlichen Grundlage ohne sowjetische Subventionen funktionieren sollte. (Die „Neue ökonomische Politik“!) Sein Schutzherr und naher persönlicher Freund, der „Trotzkist“ Karl Radek wurde Anfang 1924 seiner einflußreichen Posten innerhalb der Komintern enthoben. Und auch Sinowjews Stern war am Sinken. Im Herbst 1924 bat Genosse Thomas darum seiner Aufgaben enthoben zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich offenbar bereits von der politischen Linie der Komintern wegbewegt. Auch hatte er geschäftliche Probleme. Als er den linksgerichteten Taifun-Verlag übernahm, dann jedoch seine Rechnungen nicht mehr begleichen konnte, fürchtete die Komintern, in diesen Skandal hineingezogen zu werden. So kamen alle alten Beschuldigungen wieder auf den Tisch und Genosse Thomas wurde nach Moskau befohlen. Er zögerte die Reise immer wieder hinaus. Unmittelbar nachdem er schließlich in Moskau ankam, wurde er am 23. April 1925 von seinem Posten als Direktor des deutschen Verlagshauses der Komintern entfernt.

Pjatnitzki brachte den Fall vor die Internationale Kontrollkommission der Komintern, die den Vertrag mit dem Taifun-Verlag für unzulässig erklärte und eine Prüfungskommission ins Leben rief, die alle Berliner Aktivitäten von Genosse Thomas überprüfen sollte. Die Kontrollkommission fand auch heraus, daß er kein Mitglied der KPD war. Genossin Fritzmann-Stasova versuchte ihn dahingehend zu verteidigen, daß er kein Mitglied der KPD war, weil Pjatnitzki gefordert hatte, daß Mitglieder des Verlagshauses sich nicht an der Parteiarbeit beteiligen sollten. Deshalb hatte er auch kein Mitgliedsbuch der russischen KP.

Am 30. Mai 1925 kam die Internationale Kontrollkommission zu ihrem Urteil. Die wirtschaftliche Tätigkeit des Verlagshauses sei „falsch und chaotisch“ gewesen. Die Frage der Parteimitgliedschaft von Genosse Thomas wurde an die Hauptkontrollkommission der russischen Partei weitergereicht, die den Fall am 26. Juni 1925 entschied. In schriftlichen Anmerkungen hatten Radek, Bronski, Münzenberg und Brandler Genossen Thomas verteidigt und seine Parteimitgliedschaft bestätigt. Von Sinowjew und Bucharin wurde er persönlich verteidigt. Aber als sie die Akten überprüfte, kam die Hauptkontrollkommission zum Schluß, daß Genosse Thomas nie ein Mitglied der Partei gewesen war. So war „Genosse Thomas“ also gar kein Genosse! Er wurde nun als „Spez“ (Fachmann) betrachtet. Das hatte immerhin den Vorteil, daß ein Parteiverfahren jetzt unmöglich war. Radek und Sinowjew halfen ihm dabei, die Sowjetunion wieder sicher zu verlassen.

Über die folgenden 8 Jahre von Genosse Thomas in Berlin geben die von Alexander Watlin ausgewerteten Parteiarchive keinerlei Auskunft. Offensichtlich lebte er jetzt ein bürgerliches und „gesetzliches“ Leben unter dem Namen „Thomas Rubinstein“, nachdem er in Österreich den Namen seiner damaligen Frau angenommen hatte. Ob das von den Millionen finanziert wurde, die er möglicherweise der Komintern gestohlen hatte, kann niemand sagen. 1928 war er, zusammen mit den bolschewistischen Intellektuellen Alexander Slepkow und Valentin Astrow, Herausgeber des Buches Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution (u.a. mit Beiträgen von Stalin und Trotzki, der Umschlag stammte von John Heartfield), ein Jahr später von Illustrierte Geschichte des Russischen Bürgerkriegs. Beide Bücher wurden in Willy Münzenbergs Neuer Deutscher Verlag veröffentlicht. Hier hob Genosse Thomas insbesondere die Rolle Trotzkis und anderer hervor, die später von Stalin aus den Geschichtsbüchern getilgt wurden. (Das erste Buch wurde 1970 wiederveröffentlicht.)

Genosse Thomas schloß sich 1928 der KPO an (der „rechten“ Opposition in der KPD) und wechselte dann im März 1932 zusammen mit der Minderheitsfraktion um Jakob Walcher und Paul Fröhlich zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Hier wurde er in den Parteivorstand gewählt. Gleichzeitig war er Geheimagent von Löwenheims Org. Nach der Machtübernahme durch Hitler ging er nach Prag, wo er 1934 einen Mitgliedsantrag für die Sopade (die Auslandsorganisation der SPD) stellte, was aber abgelehnt wurde. In Prag hatte Genosse Thomas in mancher Beziehung seine alte Position wiedererlangt: er kontrollierte die gesamte illegale Arbeit der SAP im Deutschen Reich. 1935 verließ er die SAP und trat nun offen für Neu Beginnen ein. Im Frühling 1938 ging er nach New York, wo er bis zu seinem Tode als Privatgelehrter tätig war. Sein Archiv war in Deutschland zurückgeblieben und ist während des Krieges verlorengegangen, so daß er es in New York erneut aufbauen mußte. Er plante ein großes Werk über die Geschichte Rußland, um die Oktoberrevolution und ihr schließliches Scheitern historisch-materialistisch erklären zu können. Es blieb bei Manuskripten. Über seine eigene Rolle schrieb er nichts. Er brach sein Schweigen nur einmal 1935 im Gespräch mit dem russischen Menschewiki und Historiker Nikolajewski. Das Interview wurde aber erst 1965 veröffentlicht (Jörg Bremer: Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Untergrund und Exil 1933-1945, Frankfurt 1978, S. 104-107; Udo Vorholt: Die Sowjetunion im Urteil des sozialdemokratischen Exils 1933 bis 1945, Frankfurt 1991).

Dank der mittlerweile veröffentlichen „Rundbriefe” Otto Fenichels wissen wir jetzt mehr über die Aktivitäten von Genosse Thomas in Prag. Er war nicht nur der Lebensgefährte von Reichs geschiedener Frau, sondern im dortigen Freudo-Marxistischen Kreis, der sich um Annie Reich und Otto Fenichel gruppiert hatte, sehr aktiv. Auch war er beispielsweise bei der Flucht von Edith Jacobsohn behilflich, indem er die nötigen gefälschten Papiere zur Verfügung stellte (Otto Fenichel: 119 Rundbriefe, Frankfurt a.M. 1998).

1936 berichtet Fenichel, die „Prager marxistisch-psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft” solle nun endlich ins Leben treten. Für den ersten Abend wolle Thomas Rubinstein eine „Arbeitsdisposition“ ausarbeiten (ebd., S. 335). Am 24. März hielt Rubinstein ein Referat über das im Reichschen Sexpol-Verlag erschienene Buch Religion, Kirche, Kirchenstreit in Deutschland von Karl Teschitz:

Die angeregte Diskussion konzentrierte sich auf die Frage der Bedeutung von Ekstase für Religiosität und von Sexualunterdrückung für Ekstase. An und für sich wurde der Umstand, daß die Betonung dieser beiden Momente die Freudsche Auffassung über Religion ergänze, von allen Diskussionsrednern zugegeben; über die relative Bedeutung dieser Umstände waren die Meinungen sehr geteilt. Die Diskussion griff die unspezifische Natur des Momentes „Sexualunterdrückung“, sowie die ungerechtfertigten Vereinfachungen Teschitz‘ heftig an, so heftig, daß ich (Fenichel) mich ihn zu verteidigen genötigt sah. (ebd., S. 361)

Ende des Jahres hielt Rubinstein vor interessierten Analytikern einen Kurs über „russische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung von 1905 und 1917“, bei dem, so Fenichel, man viel über die historisch-materialistische Methodik lernen könne, auch würden besondere Probleme von „Massenpsychologie und Geschichte“ zur Diskussion kommen (ebd., S. 510). Rubinstein schlug im März 1937 einen von ihm geleiteten ausführlichen Kurs über den Historischen Materialismus vor. Es gab einen „Ausspracheabend“ über die Moskauer Prozesse (ebd., S. 561, 563). Auch wurde Rubinstein von einer Gruppe junger tschechischer Historiker eingeladen, einen Vortrag über „Klassenbewußtsein“ zu halten (ebd., S. 588).

Annie Reich heiratete schließlich Thomas Rubinstein 1938. Er war nun auch offiziell der Stiefvater von Reichs beiden jungen Töchtern Eva und Lore. Anfang 1941 schrieb Reich an Elsa Lindenberg, seine Kinder könnten Rubinstein nicht ausstehen und Annie sei unglücklich (American Odyssey, S. 52). Die beiden Männer fanden den jeweils anderen schlichtweg widerlich. Ich bezweifle, daß Reich wußte, daß der neue Ehemann von Annie ganz entscheidend jenes System mit geschaffen hatte, unter dem Reich seit 1928 zu leiden hatte. Immerhin verband sie eins: die Angst, daß sie ähnlich wie Trotzki eines Tages als Mitwisser und Verräter den Schergen Stalins zum Opfer fallen könnten.