Posts Tagged ‘Altes Testament’

nachrichtenbrief23

18. Mai 2017

Der Jude

16. Oktober 2016
  1. Ödipuskomplex (Freud): (a) Da unsere Kultur zu einem Gutteil auf dem Patriarchalismus des Alten Testaments ruht, wird der Jude unbewußt als „kastrierender Patriarch“ gesehen. (b) Als dem Außenseiter schlechthin, er war früher der einzige Nichtchrist, betrachtet man ihn gleichzeitig als Element, das die überkommene Ordnung, die Herrschaft des Vaters, untergräbt und sich „an der Mutter vergeht“.
  2. Sexualökonomie (Reich): Der gepanzerte Mensch empfindet die natürliche Sexualität als schmutzig und der Antisemitismus (genauso wie jede andere „Rassentheorie“) ist nichts anderes als sexuelle Abwehr.
  3. Arbeitsdemokratie (Reich): (a) Der Jude wird aus historischen Gründen mit der „Globalisierung“ verbunden, d.h. mit der Befreiung von den alten zünftlerischen Beschränkungen und der Entwicklung des verhaßten grenzüberschreitenden Kapitalismus. Die Arbeitsdemokratie ist inhärent „grenzenlos“ und internationalistisch. (b) Ebenfalls aus historischen Gründen ist der Jude mit dem Kredit- und Zinssystem verbunden („die Rothschilds“). Die Arbeitsdemokratie kommt ökonomisch vor allem durch die gegenseitige Verpflichtungen von Gläubiger und Schuldner zum Ausdruck.
  4. (a) Emotionelle Pest (Reich): Antisemitismus ist eine Hauptausdrucksform der Emotionellen Pest, bei der das vorgeschobene Motiv stets ein tiefer gelegenes wirkliches Motiv verbirgt (vgl. Punkt 2). (b) Gleichzeitig entspricht die Beschreibung des Juden durch den Antisemiten als verlogen und hinterhältig weitgehend Reichs Beschreibung der pestilenten Reaktion und des pestilenten Charakters.
  5. ORANUR (Reich): Die gegenseitige Sequestration von OR und DOR erklärt u.a. auch das Verhältnis zweier Gruppen von Menschen, die sich feindlich gegenüberstehen. Das sieht man in Nazideutschland (vgl. Punkt 4.b) und im heutigen Konflikt zwischen den Israelis und den sogenannten „Palästinensern“.
  6. Funktionalismus (Reich): Mit der Einführung des Monotheismus hat der Jude das CFP N (den kosmischen Orgonenergie-Ozean) auf die Agenda gebracht. Die Emotionelle Pest wird dies dem Juden niemals verzeihen.
  7. soziopolitische Charakterologie (Baker): Der Gegensatz zwischen den beiden soziopolitischen Lagern („zerebrale“ vs. Muskelpanzerung) erklärt auch den Judenhaß. Durch ihre angeborene Intelligenz und durch eine Entwicklung, die sie weitgehend von Handarbeit und Landbesitz ferngehalten hat, hatten Juden überdurchschnittlich eine liberale (linke) Charakterstruktur, die auffällig mit der konservativen bis extrem konservativen der Restbevölkerung kontrastierte.
  8. Saharasia (DeMeo): (a) Der Leser erwartet jetzt sicherlich einen Hinweis darauf, daß die Juden aus dem Zentralgebiet Saharasias nach Europa gekommen sind. (b) Doch weitaus wichtiger ist, daß die Juden stets ein Opfer Saharasias waren und stets die letzte Bastion des Lebendeigen gegenüber Saharasia waren. Das heutige Israel ist das beste Beispiel!

Die matriarchalen Wurzeln des Christentums

8. Juni 2016

Die erste geschichtlich greifbare Frau ist Debora. Debora bedeutet „Biene“. Ein Attribut, das sie mit der kämpferischen ägyptischen Göttin Neith verbindet. Neiths Kampf galt der Unterwelt, also dem Tod und der Dürre. Wurde dies dann in die Kampflegende um die streitbare Debora umgedeutet? Debora ist die Herrin über Efraim und sie ist die Amme der Rebekka, die Jakob gebiert, welcher zu Lea und Rahel geht. (Ein Schwesterpaar wie bei Ezechiel 23 „die beiden Schwestern Samaria und Jerusalem, Töchter derselben Mutter“.)

Lea bedeutet „Wildkuh“, die kuhgestaltige Himmelskönigin Anat, die kuhgestaltige Sonnengöttin Aschera, die hebräische Form der ägyptischen kuhgestaltigen Hathor, die der griechischen kuhgestaltigen Hera entspricht. Der Richter Schamgar wird „Sohn Anats“ genannt (Ri 3,31). Ihr kultischer Partner ist „der Sohn“ Ru-Ben, der wiederum Kultheros des Stammes Ruben ist. Dieser Stamm war mit Sicherheit „schon immer“ in Kanaan seßhaft und zwar im Gebiet nordöstlich des Toten Meeres, das man später dem „Stamm“ Juda zulog. In Beth-Anat im Lande Naftali lag der Kultort der Anat. Später wurden Anat und ihr Partnergott Baal zu den Kindern des Götterpaares Aschera und El herabgesetzt.

In der Bibel hat die patriarchale Darstellung der Lea als Gattin des Jakob die Funktion, zusammen mit Jakobs zweiter Frau und den „Mägden“ (Nebenfrauen) disparate Stammesgruppen aneinanderzubinden: Rinderzüchter und Schafzüchter, Alteingesessene und Spätankömmlinge. „Einheimische“ Stämme waren: Ruben, Ascher und Gad, die in Jos 8,33 gegen „die Fremden“ abgehoben werden.

Die Einwanderung wird aber für alle Stämme unter dem von Moses geleiteten Exodus Josefs aus Ägypten subsumiert und mit der Landnahme Benjamins aus der syrischen Wüste ins Westjordanland verknüpft (Jos 2-9), obwohl in Ri 1,1-2,5 Einzugsgeschichten für jeden einzelnen Stamm vorliegen. (Man sieht, daß das Alte Testament sogar noch zusammengestückelter und noch unglaubwürdiger ist als das Neue Testament.)

Zuerst kamen die Rinderzüchter, deren ursprüngliche Herrin Lea war: Ruben, Sachar und Sebulon. Simeon, Levi, Juda, die ebenfalls genannt werden, sind neuere Zusätze, da sie, wie auch die Südstämme, die später alle unter dem Oberbegriff „Juda“ fielen, im alten Deboralied fehlen und die Zuteilung von Stammesgebieten entweder problematisch ist oder ganz fehlt. Zur Lea-Sippe kommen jene, deren Urmutter Silpa war: Gad, Ascher. Dies sind die Stämme, die um das „Goldene Kalb“ tanzten und nachträglich auf den Sinai neben den Stamm Josef gesetzt wurden.

Nach den Rinderhirten kamen die Schafzüchter. Die Opferkulte um Rinder und Schafe wurden dementsprechend verbunden: siehe Ex 29,10.15. Herrin der Schafzüchter ist die jüngere Schwester Leas, Rahel das „Mutterschaf“ (vgl. Hld 6,6), die unsterbliche Gottesmutter Manasses und Efraims, sowie Benjamins (Jer 31,15). Benjamin ist der Widder und später das „Lamm Gottes“. Rahels Kultort war das „Grabmal“ Rama, zu dem noch Saul (1012-1004) als König Benjamins pilgert (1 Sam 10,2).

Wie fern Saul dem Jahwekult stand, sieht man daran, daß er Jahwe-Priester als judäisch-davidische Agenten töten ließ (1 Sam 22,17). Einer der Klangenossen Sauls hieß Belia („Jahwe ist Baal“), seine Söhne hießen Isch-Boschet, bzw. Eschbaal („Baal lebt“) und Meribaal („Baal belohnt“). Saul tritt uns in einem dionysischen Tanz entgegen (1 Sam 10,9-12; siehe auch 19,22-24); eindeutig ein Verhalten, wie es zur Baalsreligion gehörte (vgl. 1 Kön 18,26). Alle Söhne Sauls sind gefallen (1 Sam 31,2; vgl. 14,49), sodaß sein vorgeblicher Sohn Eschbaal nicht durch patriarchale Erbfolge Sauls Nachfolger geworden sein kann.

Was ganz allgemein die Baale betrifft: Der Bundesschluß mit Jahwe zu Sichem geht auf vorisraelitische Zeit zurück, auf den dortigen Baal-Berit, dem „Herren des Bundes“ (vgl. Ri 8,33; 9,4). Andere Baale wurden dämonisiert, wie z.B. der Baal-Sebub, an den sich noch König Ahasja (852-851) um Heilung wandte. Später wurde er zum verderbenbringenden Beelzebub (2 Kön 1,2 und Mt 10,25; 12,24).

Zur Rahel-Sippe gehört auch die Gruppe der Urmutter Bilha: Naftali und Dan. Was speziell Dan angeht, erwähnt Immanuel Velikovsky in seinem Buch über Ramses II. und seine Zeit, die Velikovsky in das zeitliche Umfeld von Judas Fall ansiedelt, einen Friedensvertrag zwischen Ramses II. und Nebukadnezzar, in dem verschiedene Götter angerufen werden, über die vertraglichen Bestimmungen zu wachen. In der Liste der Götter taucht u.a. die „Göttin von Dan“ auf. Dazu kommentiert Velikovsky als Argument für seinen chronologischen Umbau:

Aber in der Zeit vor der Eroberung Dans durch die Daniter, in der Zeit der Richter (in die Ramses konventionellerweise verlegt wird), wurde dieser Ort Lais genannt (Ri 18,29), und es war Jerobeam (926-907), der dort einen Tempel baute. (Frankfurt 1983, S. 66)

Velikovsky geht gar nicht darauf ein, daß der Heiligen Schrift zufolge der besagte Tempel Jahwe galt, sich nun aber herausstellt, daß die Israeliten von Dan zu einer Göttin beteten!

Moses ist der Stammesfürst des Stammes Josef, den er aus Ägypten geführt hat. (Oder ist er der matriarchale Kultheros, der den Todesgott Mot, den Pharao, in die Unterwelt verbannt und den Frühling bringt – Manna vom Himmel fallen und Quellen sprudeln ließ?) Trotzdem Josef als (vor)letzter Ankömmling der äußeren, patriarchalen Schicht der Charakterformation Israels sehr nahe kommt, sind bei Josef noch Reste spätmatriarchalen „Fruchtbarkeitsheroentums“ zu finden. Josef „gleicht dem Erstgeborenen des Stiers, in Josef wohnt die Stärke seines Gottes. Er hat die Hörner eines Büffels“ (Dtn 33,17). Desgleichen haben wir ja auch Moses als „Stier der Göttin“ kennengelernt. Moses’ Nachfolger heißt Josua, was „Retter“ bedeutet, also auch ein Anklang an den „Heros der Göttin“. Übrigens ist „Jesus“ hiervon nur eine gleichbedeutende Namensvariante.

In Gestalt von Moses’ Schwester Mirjam taucht auch schon „Maria“ auf. Neben das Deboralied gehört das Lied der Mirjam (Ex 15,21) zum ältesten Überlieferungsgut. Sie tanzt mit einer Pauke dem „Siegesreigen der Frauen“ voran. Zusammen mit ihrem Bruder Aaron soll sie sich gegen Moses aufgelehnt haben, woraufhin sie mit Aussatz bestraft wird. Jahwe vergleicht seine Strafe mit der eines Vaters, der seiner Tochter ins Gesicht spuckt (Num 12,14) – das ist der Gott des Alten Testaments.

Josef, der von Moses aus Ägypten geführt wurde, fehlt es in Kanaan am Stammesgebiet. Er wurde einfach zum Vorfahren von Manasse und Efraim erklärt und so ins Stammessystem eingepaßt. Vollends patriarchal wird es mit Levi, dem letzten Stamm, der ebenfalls kein eigenes Stammesgebiet hat. Levi ist eng mit Juda verbunden, der gar kein Stamm ist, sondern mythische Absicherung der davidischen Herrschaft.

Doch selbst Juda, der nicht zu Israel gehört, hat einen matriarchalen Aspekt. In Ezechiels Klagelied (Ez 19) über den Untergang der Könige Judas steht deren „Mutter“ im Vordergrund, die mit einer Löwin und einer Weinrebe verglichen wird. Gemeint ist Tamar. Sie ist die Palme mit dem Steinbock, der sie „besteigt“ (vgl. Hld ,8f). Das ist ein sehr bekanntes Motiv („Ziegenbock am Lebensbaum“) aus Ur in Chaldäa, der Heimat Abrahams, das jeder kennt, der sich mit der Geschichte des alten Orients beschäftigt hat.

Tamar ist die judäische Kultheroin. Davids ältester Sohn Amnon, ein Priester, liebte seine Schwester Tamar (2 Sam 13). Auch eine Enkeltochter Davids hieß Tamar (2 Sam 14,27). Die Palme, die für Tamar stand, spielte eine herausragende Rolle bei der Ausstattung des Salomonischen Tempels (1 Kön 6,29.32.35; 2 Chr 3,5 und Ez 41,18f), in dem keine Knaben sangen, wie in der Katholischen Kirche, sondern Mädchen (Klgl 1,4).

Tamar ist die Stammutter der Südstämme Kaleb, Othniel, Kain und Jerachmeel, die alle vom davidischen Kunstgebilde „Juda“ verdrängt wurden. Hebron, der Kultort des Stammes Kaleb, war erster Regierungssitz Davids. Mamre bei Hebron ist wiederum Kultort Saras, deren Kultheros der „Stammvater“ Abraham war. Gerda Weiler schreibt über diesen Komplex:

Als Heimat Abrahams wird Haran angenommen, wo auch eine „Göttin“ namens Sara bekannt ist. „Sara“ bedeutet „Königin“, wird aber auch mit „Fürstin“ wiedergegeben. Noch bis ins 11. Jahrhundert u.Z. haben sich in Haran matriarchale Kulte erhalten – im Widerspruch zu Christentum und Islam. Der Kult Saras, der Frau des Abraham, stammt aus Hebron. Dort ist ihr Grab, an das eine alte kultische Überlieferung gebunden ist. Matriarchale Kulttexte erzählen von Sara, der Priesterin oder Königin am Heiligtum in Hebron, die eines jeden Jahres Unfruchtbarkeit in der Heiligen Hochzeit überwindet. (Das Matriarchat im Alten Israel, Stuttgart 1989, S. 117f)

Sara wird neben dem Stammvater Abraham als Stammutter Israels bezeichnet (Jes 51,2). Und in der Verheißung „an Abraham“ ist gar nicht von ihm als Stammvater die Rede, sondern: „Sara soll die Mutter ganzer Völker werden, und Könige sollen von ihr abstammen“ (Gen 17,16).

Mit Sara ist die Magd Hagar verbunden, die ihren Sohn aus der Wüste führt, so wie die Göttin ihren Kultheros aus der Unterwelt. Dieser Sohn, Ismael gilt im Islam als der Stammvater der Araber.

So läßt sich alles abgrundtief Patriarchale auf matriarchale Ursprünge zurückverfolgen. Beispielsweise stellen die Horden Dschingis-Khans ein prototypisches Beispiel für die brutale Ausbreitung des Patriarchats dar. Aber selbst diese Horden lassen sich auf Urmütter im Matriarchat zurückführen. Auf 5000 Jahre alten Felsbildern aus der Mongolei kann man diese Stammütter etwa in Form von Hirschkühen sehen. Motive, die sich kontinuierlich in der mongolischen Kultur verfolgen lassen, bis heute. So wird eine Hirschkuh namens Olun-Goa als Ur-Mutter der mongolischen Sippe der Bordschigin in Verbindung gebracht, der Sippe, aus der Dschingis-Khan stammte.

Noch in Ex 38,8 und 1 Sam 2,22 dienen Frauen Jahwe. Im Alten Testament treten Weise Frauen (2 Sam 14,2), die für ganze Städte sprechen (2 Sam 20,16ff), Schamaninnen (Hexe von Endor) und Prophetinnen auf. Bei Joel 3,1 verkündet Gott, Männer und Frauen zu Propheten in Israel zu machen. Jesaja 8,3 sagt: „Als ich mit meiner Frau, der Prophetin, schlief, wurde sie schwanger und brachte einen Sohn zur Welt.“ Noch bei der Einrichtung des eigentlichen Judentums spielen Prophetinnen eine entscheidende Rolle: die Prophetin Hulda gibt ein Gutachten über das im Tempel gefundene Gesetzesbuch Mose ab (2 Kön 22,14-20 und 2 Chr 34,22), während sich Nehemia bei der Durchsetzung des Judentums gegen die Prophetin Noadja zur Wehr setzen muß (Neh 6,14).

Für die Jahwisten sind alle Feinde, „die sich um eine Götzenpriesterin scharen“ (Jes 66,17). Schon das Alte Testament ruft zur Hexenverfolgung auf (Ez 13,17-23); Frauen im Volke, die „nach ihrem eigenen Gutdünken prophezeien“ und magische Hexenpraktiken ausführen, wird das göttliche Strafgericht angedroht.

Die Geschichte der Dirne Rahab, die eine bedeutende Rolle bei der israelitischen Landnahme spielt (Jos 2,1-21; 6,22-25), zeigt, daß schon im Alten Testament Dirnen Gott näher stehen, als andere Menschen – lange vor Jesus (Hebr 11,31 und Jak 2,25). Prostitution genoß hohe Wertschätzung; über sie wurde ganz unbefangen berichtet (z.B. Ri 16,1). Was mag sich ursprünglich hinter der Geschichte der Tamar verbergen, die Juda verführte, indem sie sich als Prostituierte ausgab? (Gen 38). Jiftach, ein Held der Richterzeit, „war der Sohn einer Prostituierten“ (Ri 11,1), wie ja auch Jesus. Vollends merkwürdig wird es, wenn dem einzigen originären Propheten des Nordreichs, Hosea (etwa 750-722 v.Chr.), von Gott befohlen wird eine Prostituierte zu ehelichen. Im Buch Hosea gilt dann diese Ehe als Gleichnis für die tragische Liebesgeschichte zwischen Jahwe und der Hure Israel, die sich den Baalen hingibt.

Doch das Volk „hurte“ weiter und bekannte sich zu alten matriarchalen Religionsformen. In dem betreffenden Bekenntnis Jer 44,17f ist auch von den Königen die Rede. Die Fruchtbarkeitskulte waren so verbreitet, daß die Könige aus staatspolitischen Gründen diese Kulte tolerierten, wenn sie nicht selbst, wie noch Saul, an ihnen teilhatten. Deshalb kommen die Könige in der Bibel fast durchweg schlecht weg. Asa von Juda (908-868) war einer der wenigen Könige, der von der Bibel nicht kritisiert wird. Er beseitigte die matriarchale Opposition und ging dabei soweit, ein ungeheuerliches Sakrileg zu begehen, nämlich seine Großmutter, die Königsmutter Maacha, abzusetzten, „weil sie ein verabscheuungswürdiges Götzenbild der Göttin Aschera aufgestellt hatte“ (1 Kön 15,13). So emanzipierten sich die Könige gegenüber den Königsmüttern langsam mit Hilfe eines patriarchalen Kults: „Steig von deinem Thron herunter (…) du feine Dame“ (Jes 47,1).

Asas Nachfolger Joschafat (868-847) sandte die Leviten aus, das Volk im Gesetz Jahwes zu unterweisen (2 Chr 17,7). Diese Missionierung zeigt, daß der patriarchale Glauben kein Volksglauben war, sondern Herrschaftsinstrument (siehe auch 2 Chr 19,4 im Vergleich mit 20,33). Joschafat war ein gottgefälliger Mann.

Ahab von Israel (871-852) ist demgegenüber für die Bibel der Inbegriff des heidnischen Bösewichts – bis hin zu Melvilles Moby Dick. Ahab heiratete Isebel, deren Namensvetterin noch im Neuen Testament Offb 2,20-23 auftaucht, sich als Prophetin ausgibt und zur Unzucht verführt, wofür Christus in seiner großen Güte u.a. ihre Kinder töten will. Ahab heiratete also Isebel und stellte für sie ein Bild der Göttin Aschera auf (1 Kön 16,32f). Zu dieser Zeit nutzte der Prophet Elija eine Dürre aus, um 850 Priester der Fruchtbarkeitsgötter Aschera und Baal abschlachten zu lassen (1 Kön 18). Dieser patriarchale Ausrottungszug wurde in die Vergangenheit projiziert: die Leviten schlachten dreitausend ihrer „Söhne, Brüder und Freunde“ ab, weil sie das Goldene Kalb anbeteten (Ex 32)), später diente er wiederum als Muster für die legendäre Gestalt des Daniel-Buches (2.Jahrhundert v.Chr.), der im babylonischen Exil Frauen und Kinder der Baal-Priester (Bel) umbringen läßt (kath Dan 14; Einheitsübersetzung DanZ C,1-22). In Wirklichkeit ereigneten sich all diese Greuel zur Zeit Isebels.

Nach Ahabs Tod wurden sein Sohn Ahasja und dessen Sohn Joram (852-845) Könige unter der Königsmutter Isebel. Königin Isebel leitet den (heidnischen) Staatskult, sie läßt Elija verfolgen und sie führt die Staatsgeschäfte, wobei sie das königliche Siegel benutzt – angeblich „verbotenerweise“ (1 Kön 21,8). Elijas Nachfolger Elischa salbte daraufhin den Oberst Jehu (845-818) aus Jorams Armee zum neuen König, der den rechtmäßigen König umbrachte. Die nachfolgende bestialische Ermordung der Könismutter Isebel wird von der Bibel in allen Einzelheiten genußvoll geschildert. Dies war der Anfang eines wahren Blutrausches, in dessen Verlauf 70 Söhne und Enkel Ahabs geköpft und ihre Köpfe in zwei Haufen vor dem Stadttor aufgestapelt wurden. Auch alle restlichen Mitglieder der Königsfamilie wurden umgebracht, desgleichen alle hohen Beamten, Ratgeber und Priester des Königs. Nachdem Jehu auch die 42 Verwandten des judäischen Königs Ahasja (den er bereits zusammen mit Joram) getötet hatte, ging Jehu daran, die Verehrer Baals systematisch auszurotten. Wie er dies getan hat (er berief als vorgeblicher Baalsanhänger ein großes Opferfest für Baal ein, um ausnahmslos aller Baalspriester habhaft zu werden) ist ein Paradestück der Emotionellen Pest und ein Vorbild, an dem sich z.B. die Eroberer Südamerikas orientiert haben (2 Kön 10,18-27).

Inzwischen hatte in Juda die Königsmutter Atalja, eine Tochter Ahabs, die Macht auch offiziell übernommen. Vorher sei „dieses schändliche Weib“ (2 Chr 24,7) Ahasjas Beraterin gewesen, die ihn dazu verleitet habe, dem schlechten Vorbild Ahabs zu folgen (2 Chr 22,3). Jedenfalls ließ sie alle Angehörigen der Familie umbringen. Nur der kleine Sohn Ahasjas, Joasch (840-801) konnte dem Gericht entkommen und im Tempel Jahwes versteckt werden. Nach sieben Jahren wurde Atalja von den Priestern Jahwes gestürzt und hingerichtet. Joasch wurde König und den Baalspriestern von Juda ging es an den Kragen. Bezeichnenderweise wurde die Mutter von Joasch Zibja nun nicht zur Königsmutter. Nicht sie, sondern der Levit Jojuda hatte den bei seiner Inthronisation siebenjährigen König erzogen. Statt der Königsmutter regierten jetzt die Leviten. Doch selbst Joasch sollte doch noch zum Astarte-Anhänger werden, um schließlich von treugebliebenen Jahwe-Anhängern erschlagen zu werden.

Als Israel 722 fiel, wurden noch immer „auf jeder höheren Erhebung und unter jedem größeren Baum geweihte Steinmale und Pfähle aufgestellt“ (2 Kön 17,10). Sogar „das Bild der Göttin Aschera in Samaria blieb unangetastet“ (2 Kön 13,6). Zur gleichen Zeit mußte Judas König Hiskija (725-697) noch immer „Opferstätten rings im Land zerstören, die geweihten Steinmale in Stücke schlagen und das Götzenbild der Aschera umstürzen“ (2 Kön 18,4).

Unter König Joschija (639-609) schließlich gewann Jahwe ganz. Er befahl

den Tempel des Herrn von den Spuren des Götzendieners zu säubern. Er ließ alle Geräte und Einrichtungen, die für den Gott Baal, die Göttin Aschera und die Gestirngötter bestimmt waren, aus der Stadt bringen und im Kidrontal verbrennen. (2 Kön 23,4)

Dazu gehörte auch „das Götzenbild der Aschera im Tempel des Herrn“ (2 Kön 23,6). „Außerdem ließ er die Häuser der Prostituierten abreißen, die im Tempelbezirk gestanden hatten. Dort hatten die Frauen Gewänder für die Göttin Aschera gewebt“ (2 Kön 23,7). Zu diesem Vernichtungswerk gehörte auch die Entweihung von Altären im Osten von Jerusalem, die Salomo für Astarte hat bauen lassen. Außerdem ließ der König ihre „Priester auf den Altären abschlachten“ (2 Kön 23,20). Aber Joschija gab sich nicht damit zufrieden nur Jerusalem und Juda zu reinigen, sondern „auch in den Städten der Stämme Manasse, Efraim, Simeon und bis nach Naftali durchsuchte er die Häuser“ (2 Chr 34,6), also im Gebiet des untergegangenen Israel.

Israel war der Himmelskönigin verhältnismäßig treuer geblieben als das kriegerische Juda, das Israel immer wieder bedrängte. Juda folgte zunehmend den Leviten. So entsprach im regenarmen Südland Juda (Ri 1,15) die geographische Wüste der Emotionalen Wüste. Doch erst mit dem Untergang Judas begann sich das ganz zu entwickeln, was man als voll ausgebildete patriarchalische Religion bezeichnen kann. Es fing mit der Durchsetzung der Mosaischen Gesetze unter König Joschija an. Alles wird der Vergeltung unterworfen; es kommen die Gesetze, die das gesamte Leben in ein Korsett pressen.

Die matriarchale Bindung (Heidentum) war zerbrochen und wurde durch eine Bindung an das patriarchale Gesetz ersetzt (Rabbiner sehen es lieber mit dem Wort „Wegweisung“ ins Deutsche übersetzt). Eigentliche Begründer des Judentums waren im babylonischen Exil Ezechiel, der „Vater des Judentums“, der am Ritual und Tempelkult interessiert war, und Esra, der als „Zweiter Moses“ (Neh 8,1) das Deuteronomium verlas und Juda den Namen Israel gab. Erst Esra ist der eigentliche Anfang des Monotheismus. Die Pharisäer sahen Esra als den Begründer ihrer Bewegung. Es setzt sich unter Nehemia und Esra eine feste Theokratie durch, wie sie sich in den Büchern Haggai, Sacharja und Maleachi widerspiegelt. Sacharja war der letzte Prophet, während Maleachi Wortführer der Priesterkaste war (vgl. Mal 3,8) und so Ahnherr der Sadduzäer.

Wir haben gesehen, wie zählebig das Matriarchat im alten Israel war. Selbst die beginnende jüdischer Orthodoxie konnte diese matriarchale Überlieferungskette nicht unterbrechen. Noch zur Zeit des Heiligen Hieronymus im 4 Jahrhundert n.Ch. versammelten sich in der Nähe von Betlehem (!) Frauen, um den blutigen Tod des Adonis zu beweinen, des Geliebten der Aphrodite. Adonis ist identisch mit Tammuz, dem „Liebling der Frauen“ (Dan 11,37). Der Hain von Betlehem, in dem die Felshöhle der Geburt Christi lag, war dem Adonis geweiht. Die Geburtshöhle entsprach nach alten Kulten dem gebärenden Mutterleib der großen Göttin.

Der ganze Wiedergeburtsmythos des Christentums ist zweifellos auf spätmatriarchale Ursprünge zurückzuführen, die es dem Christentum ermöglicht haben sich in den Randgebieten Saharasias problemlos einzunisten. Sei dies bei den Griechen mit ihren Mysterienkulten oder bei den Germanen, deren Siegfriedlegende sozusagen einen Übergang vom Christus des Fruchtbarkeitskultes (Überwindung der unfruchtbaren Jahreszeit) zum Christus aus Reichs Christusmord darstellt. Es würde sich lohnen, unter diesem Gesichtspunkt Richard Wagners Ring etwas genauer zu betrachten.

Die Ungewißheit um den Vater Jesu entspricht einem alten kultischen Muster des Orients: Gilgamesch, Sargon, etc. kannten alle ihren Vater nicht. Es war Tradition, daß junge Mädchen vor der Hochzeit als Tempelprostituierte im Ischtartempel dienen mußten. Ihr erstgeborener wurde als Kind Gottes betrachtet – daß gegebenenfalls geopfert (z.B. gekreuzigt), sozusagen zurückgegeben werden mußte. Der Psalm 22, den Jesus am Kreuz angestimmt hat, geht mit Sicherheit auf altorientalische Kultgesänge um die Himmelskönigin und ihren Fruchtbarkeitsheros zurück. Er wird nach der Melodie „Eine Hirschkuh am Morgen“ gespielt, was auf eine tiergestaltige Urmutter verweist.

Das Christentum steht in einer Kontinuität, die ständig geleugnet wird, obwohl erst diese „heidnische“ Kontinuität das Christentum, das gerne als hellenistisch-jüdischer Synkretismus denunziert wird, auf feste dogmatische Grundlagen stellt. Nehmen wir nur die Ankündigung der Christusgestalt bei Sacharja, „die Klage um den Durchbohrten“. In der Endzeit wird Gott die Bewohner Jerusalems mit Reue erfüllen, „weil sie meinen Beauftragten durchbohrt haben“ (vgl. Joh 19,37).

Sie werden um ihn trauern, wie man um den einzigen Sohn trauert, sie werden weinen und klagen wie um einen Erstgeborenen. Die Klage Jerusalems um ihn wird so groß sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo. (Sach 12,10f).

Dazu gibt die Einheitsübersetzung den Kommentar, Hadad-Rimmon sei der phönizische Gott der Vegetation (griechisch Adonis), „dessen ‘Sterben’ im Herbst rituell beweint (vgl. Ez 8,14) und dessen Auferstehung jedes Frühjahr gefeiert wird. Mit Megiddo verbunden ist auch der Tod des bedeutenden Königs Joschija, der noch spät in Klageliedern besungen wird (2 Chr 35,20-25).“ Hier fließen spätmatriarchaler Fruchtbarkeitskult vom sterbenden und auferstehenden Gott, altisraelitische Königsideologie und christlicher Mythos in eins. Der Menschensohn ist Adonis und Adonis ist Adonai und Adonai ist Jahwe – und Jahwe ist identisch mit dem Menschensohn Jesus.

Das Christentum ist demnach so etwas wie ein Urjudentum. Fast die gesamte Jesusliteratur leidet darunter, daß man vermeint ins rabbinische Judentum zurückzukehren, wenn man auf die Ursprünge Jesu zurückginge. Dabei vergißt man, daß neben dem Christentum nur rein zufällig eine weitere Tradition des Judentums den Fall des Tempels überlebt hat und daß das talmudische Rabbinertum nur eine Strömung von vielen im Judentum repräsentiert.

Ein heutiger Jude mag die Einzelheiten des Alten Testaments besser einordnen können als ein Christ, aber das übergreifende Verborgene des Textes versteht ein Christ sicherlich besser. Es ist tatsächlich der Schlüssel zu Jesus, aber nicht in dem Sinne, wie es uns von mit Schuldkomplexen beladene Theologen weismachen wollen.

Zum Beispiel wird von solchen Autoren, die aus Jesus einen pharisäischen Rabbiner (der sich nur mit seinen apokalyptischen Anwandlungen etwas von den anderen abhob) machen wollen, Jesus vollkommen unrabbinisches Verhalten gegenüber Frauen nie erwähnt. Wenn das Weib in der Gemeinde unmittelbar nach Jesu Tod wie im Judentum keine Rolle spielte, warum verlangt dann der judäische Ex-Pharisäer Paulus ausdrücklich, daß das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe? (1 Kor 14,33f). Es war der einzige Judäer unter den ansonsten galiläischen Jüngern Jesu, der feindselig reagierte, als Frauen Jesus Liebe entgegenbrachten (Joh 12,1-8).

Schöpfung und Opferung

5. Mai 2016

Die Schöpfungsgeschichte zu Beginn der Bibel Gen 1,1-2.4a entstammt der „Priesterschrift“, die im babylonischen Exil (6. Jh.v.Chr.) entstand und die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zum Einzug ins Gelobte Land beschrieb. Später wurde die Priesterschrift in die fünf Bücher Mose eingearbeitet. Die Priesterschrift stellt die Geschichte als eine patriarchale Genealogie dar, als Stammbaum: Gen 1,1-2.4a; 5; 10; 11. Man bekommt hier den Eindruck, daß die zyklische, spiralige Zeitauffassung des Matriarchats, wo die Schöpfung eine Aufeinanderfolge von Geburten durch die Göttermutter ist, nachträglich in eine abstrakte Abfolge „linearisiert“ wurde. Bei dieser Umarbeitung vom Funktionellen zum Kausalen ist die große Ungereimtheit entstanden, daß Gott Befehle gibt („Licht soll aufstrahlen!“), aber vollkommen im Dunkeln bleibt, wem er eigentlich diesen Befehl erteilt. So etwas passiert, wenn man organismisches Denken in ein mechano-mystisches Denken überführt.

Einer anderen Tradition, in der die Schöpfung weniger ein Geburts- als eine Opferhandlung ist, entstammt das „jahwistische Geschichtswerk“, das zur Zeit Salomos (9. Jh.) entstand. Auch diese Schrift wurde in die Bücher Mose eingearbeitet, so daß wir heute zwei Schöpfungsgeschichten vor uns haben. Die jahwistische Schöpfungsgeschichte (Gen 2,4b-25) fängt wie folgt an:

Als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, gab es zunächst noch kein Gras und keinen Busch in der Steppe; denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen. Es war auch noch niemand da, der das Land bebauen konnte.

Othmar Keel und Max Küchler haben in ihrer vergleichenden Übersicht diese Stelle mit folgendem Auszug aus dem babylonischen Epos Enuma Elisch (um 1800 v.Chr.) parallel gesetzt:

Als der Himmel droben noch keinen Namen hatte, als unten das Festland noch keinen Namen trug, da war nichts vorhanden außer dem uranfänglichen Apsu (das Süßwasser – Seen und Grundwasser), ihren (der Götter) Erzeuger, (und) der Gebärerin Tiamat (das salzige Meerwasser), die sie (die Götter) dann alle gebar, die ihre Wasser durcheinander mengten. Als das (abgestorbene) Schilf sich noch nicht angehäuft hatte, als der Sumpfboden noch nicht zu sehen war, als noch kein einziger Gott da war, keiner beim Namen genannt wurde und noch keinem sein Geschick bestimmt war… (Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971)

Schließlich wird die zum Untier Tiamat verteufelte Weltgebärerin vom patriarchalen Vatergott Marduk getötet. Diese Tat stellt die eigentliche Schöpfung dar. Im Enuma Elisch spiegelt sich also der Sieg des Patriarchats (die semitischen Babylonier) über das Matriarchat (die „schwarzköpfigen“ Sumerer) wider.

Daß man das typisch patriarchalische Abschlachten wirklich wörtlich nehmen muß, ist an einem bestimmten Brauch ersichtlich, der auf dem Mythos vom Mord an der zum Drachen dämonisierten Großen Mutter basiert. Vollzogen patriarchalisch infizierte Menschen die Schöpfung nach, indem sie ein Bauwerk errichteten, ging dies mit der kultischen Opferung von Menschen einher. Zum Beispiel wurden Kinder lebendig ins Fundament eingegraben, damit das künstlich Geschaffene genauso beständig sei, wie die natürliche Welt, die ihren Fortbestand der vorgeschichtlichen Großen Opferung zu danken hat (Ready Tannahill: Fleisch und Blut, München 1979, S. 37).

Nur so ist es m.E. auch zu erklären, warum denn bei Lev 18,21 in einer Auflistung sexueller Übertretungen unvermittelt auch der rituelle Kindesmord eingereiht wird. Der Geschlechtsverkehr wurde mit Sicherheit als eine Form des sakralen Nachvollzugs des Schöpfungsaktes betrachtet, der mit der zunehmenden Moralisierung der patriarchalischen Gesellschaft nicht von „Perversionen“ entweiht werden durfte (bis sogar das sexuelle Element ganz wegfiel). Wenn aber auch der Kindesmord zum Komplex des Schöpfungsaktes zählte (vorher brachte man die Große Mutter im „Marienmord“ um, jetzt ihren Sohn im „Christusmord“), ist es offensichtlich, warum er ebenfalls unter die Bekämpfung der sexuellen Perversionen subsumiert wurde. Es war der verzweifelte Versuch des Patriarchats sich von den eigenen Auswüchsen wieder zu reinigen. Die humane Verdammung des Kindesmordes (z.B in Dtn 12,31c) fiel dann tragischerweise mit der unmenschlichen Verdammung der Sexualität zusammen. Schließlich wurde auch aus der biblischen Schöpfungsgeschichte selbst nicht nur alles Blutrünstige, sondern auch alles Sexuelle entfernt. Es ist kein Zufall, daß heute mit dem Verfall des Patriarchats in den Trivialmythen „Sex und Gewalt“ wieder die Einheit bilden wie einst im Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat.

Die Verdammung der Menschenopfer durch die Speerspitze des Patriarchats ist kein Anwachsen der Menschlichkeit an sich, sondern vielmehr einem Verdrängungsprozeß zu danken. Im Alten Testament ist dieser Verdrängung auch der Kampf des patriarchalen Vatergottes gegen die matriarchale Urgöttin zum Opfer gefallen. Diese Mächte des Bösen und Chaotischen, das „Urchaos“, wurden durch die menschliche Ordnung ersetzt, gleichzeitig wurden damit aber auch alle originär menschlichen Elemente, die ausschließlich matriarchal sind, verdrängt. Diese Verdrängung aller Ursprünglichkeit ging mit dem Christentum so weit, daß im Mittelalter das Dogma von der Schöpfung ex nihilo aufkam, als Höhepunkt der Naturferne und -entfremdung.

Die Urschlacht, in der wenigstens (wie auch immer) die Große Göttin erscheint, läßt sich in Gen 1,2 allenfalls noch ganz fern erahnen. Jedoch in den poetischen Werken des Alten Testaments, die viel von der kanaanitischen Naturreligionen bewahrt haben, finden sich noch eindeutige Hinweise auf diese „Urschlacht“. Im Buch Ijob steht, Jahwe habe mit seiner Kraft das Meer besiegt und mit seinem Können das Meerungeheuer Rahab umgebracht (Ijob 26,12). Jahwe fragt:

Wer hat das Meer mit Toren abgesperrt, als es hervorbrach aus dem Schoß der Erde? Ich war’s (…) Ich gab ihm seine vorbestimmten Grenzen, schloß es mit Tor und Riegel sicher ein. Ich sagte ihm: „Bis hierher und nicht weiter! Hier hört der Hochmut deiner Wellen auf!“ (Ijob 38,8-11)

Man vergleiche dies mit den parallelen Aussagen in Ps 74,12-17; 77,17-21 (wo dieses Thema auf interessante Weise mit dem Durchzug durch das Rote Meer verknüpft wird); 89,10f und 104,26. Wo schließlich die patriarchale Überhebung Jahwes ihren Höhepunkt findet, wenn er behaupten läßt, er habe die Meerungeheuer geschaffen, was natürlich impliziert, er sei ursprünglicher als die Große Göttin, die er abschlachtet. (Kanaanitische Göttinnen wie Aschera und Astarte waren mythologisch immer mit dem Meer verbunden, während Jahwe „ein Gott gegen das Meer“ war.)

Daß übrigens der Mord an der Göttin und der Exodus engstens miteinander verbunden sind, zeigt auch folgende Stelle bei Jes 51,9f:

Du warst es (…), der den Drachen Rahab durchbohrt und zerteilt hat. Du warst es, der das Urmeer austrocknen ließ. Und du warst es, der mitten durch das Meer einen Weg bahnte, damit das befreite Volk durchziehen konnte.

Die Utopie der Jahwe-Anhänger ist die vollständige Durchsetzung des Patriarchats, wenn alles „Böse“ und „Chaotische“ besiegt sein wird.

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.h.

30. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

h. Dreifaltigkeit

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.g.

28. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

Jesus und die Frauen

6. April 2016

Bereits in Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 3) habe ich Ernst E. Vardiman zitiert, der auf den eklatanten Widerspruch zwischen der Idealisierung der Person Jesu und der eher abträglichen Darstellung Marias hingewiesen hat. Dies deutet auf einen Verdrängungsprozeß, dem alles, was an die Himmelskönigin erinnern könnte, zum Opfer gefallen ist. Wie alles Verdrängte ist es dann natürlich später in Gestalt der Marienverehrung verzerrt wieder an die Oberfläche gedrungen.

Aber nicht nur Maria, sondern alle Frauen in der Umgebung Jesu werden in den Evangelien aus dem Vordergrund geschoben. Sie waren seine Hauptzeugen, wurden jedoch von jenen wieder in den Hintergrund gedrängt, die Jesus schmählich im Stich gelassen hatten und sich nun als „Apostel“ in den Vordergrund spielten. Aus dieser Tradition heraus konnte sich dann schließlich Epiphanius mit „apostolischer“ Autorität über die Kollyridianerinnen ereifern:

Dieser (Christus) hat wie ein Bildner und Herr des Geschehens sich aus der Jungfrau wie von der Erde gebildet, indem er als Gott vom Himmel herab kam und als Logos aus der heiligen Jungfrau Fleisch annahm; sicherlich aber nicht, damit die Jungfrau angebetet würde, nicht damit er sie zu Gott mache, nicht damit wir auf ihren Namen opfern, nicht damit er Weiber nach so vielen Generationen [männlicher Dominanz] zu Priesterinnen mache.

Schon immer haben Frauen gespürt, daß Jesus und nicht seine Jünger auf ihrer Seite stehen. So schrieb im 16. Jahrhundert die Heilige Theresia von Avila:

Herr, als du auf der Welt warst, hast du die Frauen nicht verachtet. Du warst immer für sie da und zeigtest ihnen dein großes Erbarmen. Du fandest bei ihnen auch mehr Glauben und gewiß nicht weniger Liebe als bei den Männern. Wir dürfen in der Öffentlichkeit nichts tun, was für dich irgendwie wichtig ist. Wir dürfen nicht einmal über einige Wahrheiten reden, über die wir im Stillen weinen aus Angst, daß du nicht hörst, was unser innigstes Sehnen ist. Trotzdem kann ich das um deiner Güte und Gerechtigkeit willen nicht glauben, Herr, denn du bist ein gerechter Richter, nicht wie die Richter dieser Welt, die alle Männer sind, Söhne Davids, und die von vornherein sogar den Tugenden der Frauen mißtrauen.

In den Seligpreisungen der Bergpredigt Mt 5,3-9 nennt Jesus in der patriarchalischen Gesellschaft typisch weibliche Attribute: geistig arm, da vom Bildungssystem ausgeschlossen; leidtragend, da die Hauptlast der Arbeit auf den Frauen ruht; sanftmütig, als primär biologische Anlage und als sekundäre patriarchale Verbiegung; unterdrückt, deshalb Hunger nach Gerechtigkeit; Barmherzigkeit als Merkmal der Mutterschaft; reinen Herzens und friedfertig, da frei von den korrumpierenden Einflüssen der Macht.

In ihrem Kommentar zu den Synoptischen Texten aus der Genesis schreiben Othmar Keel und Max Küchler über Jesus:

Die lukanische und johanneische Tradition verkünden immer wieder seine unbefangene, befreiende Hinwendung zu verschiedensten Frauen (Lk 7,36-50; 8,1-3; 10,38-42; Joh 4,27; 12,1-11). Die einseitig den Mann begünstigende Ehescheidungspraxis hat er trotz Dtn 24,1 unter Verweis auf Gen 2,24 abgelehnt (Mk 10,2-12; Mt 19,3-10; vgl. Joh 8,1-11). Die kultische Unreinheit, die die Frau viel schwerer belastete (Menstruation: Lev 15,19-30; Geburt: Lev 12), erklärte Jesus für inexistent (Mk 7,1-23 parr; vgl. Mk 5,25-34 parr). (Fribourg 1971, S. 94)

Weiter weisen Keel und Küchler darauf hin, die Jünger Jesu, vor allem der Rabbinenschüler Paulus, hätten dieses „kostbare Erbe“ Jesu nicht zur Entfaltung gebracht.

Durch frauenfeindliche Überlieferungen belastet (vgl. etwa 1 Kor 11,2-16) und im eifrigen Bemühen die christliche Frau den jüdisch-griechisch-römischen Idealbild der Ehefrau abzupassen (vgl. Kol 3,18-22; 1 Tim 2,11-15), gelang es diesen Männern nur noch gelegentlich in schwächlichen Korrekturen der stark frauenfeindlichen Traditionen, das genuin Christliche zur Geltung zu bringen.

Als bezeichnendes Beispiel nennen Keel und Küchler 1 Kor 11,13ff, wo Paulus gegen seine eigene christliche Aussage in 1 Kor 11,11f, „das noch weitgehend jüdisch-heidnische Empfinden der Gemeinde zur Hilfe ruft“.

Immerhin tritt schon im Buch Maleachi, dem Schlußpunkt des Alten Testaments Jahwe als Anwalt der Frauen auf. Da wird in Mal 2,14-16 von allen Sünden die Sünde hervorgehoben, seiner Frau die Treue zu brechen. „Der Herr kennt sie; er ist der Anwalt der Frauen, die von ihren Männern verstoßen worden sind.“ Seine Frau zu verstoßen, „ist so schlimm wie Mord.“ Um so schockierender ist es, daß Rabbi Hillel, ein Zeitgenosse Jesu, den Scheidungsartikel Dtm 24,1 schon als erfüllt ansah, wenn eine Frau das Essen anbrennen ließ (Walter Grundmann: Jesus von Nazareth, Göttingen 1975, S. 75).

Neben der Stelle bei Maleachi wäre auch noch das jüdische apokryphe Buch Daniel, bzw. eine Ergänzung desselben (DanZ B) zu nennen, wo Susanne von den patriarchalen Ältesten unschuldig verleumdet, jedoch dann vom Gottesmann Daniel rehabilitiert wird. Maleachi erinnert natürlich an das Scheidungsverbot bei Jesus (Mk 10,2.12), Daniel an Jesu Verteidigung der Ehebrecherin (Joh 8,1-11). Diese zu Jesus hinführenden jüdischen Versatzstücke sind aber nur Funken in einem universalen patriarchalen Dunkel. Und wenn man die betreffenden Stellen im Zusammenhang liest, sind es zumal recht lichtschwache Funken. Es bleibt doch der Bruch. Man vergleiche nur Jesu Fragen, wer denn sich anmaßen wolle, den ersten Stein zu werfen (Joh 8,7) mit der deuteronomischen Aufforderung: „Wirft den ersten Stein!“ (Dtn 13,10) oder auch mit der Aussage: „Eine Zauberin darf nicht am Leben bleiben“ (Ex 22,17).

In ihrem Buch über Heilige und Hexen schreibt Anke Jelsma:

In Bezug auf die Stellung der Frau erscheint es mir unverkennbar, daß das Auftreten Jesu eine befreiende Reaktion auf die patriarchalische Verhaltensweise war, die innerhalb des Judentums die Oberhand gewonnen hatte. (Konstanz 1977, S. 38)

Und weiter:

Immer wenn Männer gewissen schwierigen Frauen das Schweigen auferlegen wollten, beriefen sie sich auf Paulus. Immer suchten die Frauen dann Schutz bei Jesus. (ebd., S. 64f)

Wie schon erwähnt sind nach den Evangelien die ersten Zeugen der Auferstehung Frauen. Paulus schreibt jedoch in 1 Kor 15,4-8, Jesus habe sich zuerst Petrus gezeigt, „danach dem ganzen Kreis der zwölf Jünger. Später sahen ihn über fünfhundert Brüder auf einmal (…). Dann erschien er Jakobus und schließlich allen Aposteln“, einschließlich Paulus, der den Endpunkt, das Siegel darstellen will. Bei Markus 16 steht jedoch, daß es Maria Magdalena war, der sich der auferstandene Jesus als erster zeigte. Maria Magdalena, seine Geliebte; sie, mit der er ein Fleisch und Blut sein wollte (vgl. Mk 10,8): ihre genitale Liebe, die sich bis über den Tod hinauserstreckte, war der Ausgangspunkt des Christentums.

Ohne Übertreibung kann man die Vermutung wagen: Hätte Maria von Magdala nicht das leere Grab Jesu entdeckt, das die Voraussetzung zum Erlebnis seiner Auferstehung zunächst bei ihr selbst und dann bei den Jüngern wurde, so wäre das „Christentum“ vielleicht mit Jesu Kreuzigung zusammen bereits erloschen. (Salcia Landmann: Jesus und die Juden, München 1987, S. 293)

Von Anfang an zeigte sich das wirklich spezifisch Christliche an den Frauen. Wedding Fricke schreibt in seinem Buch Strafrechtlich gekreuzigt, schon die Tatsache, daß Jesus

den Frauen insgesamt Sympathie entgegenbringt, ist nach den damals geltenden gesellschaftlichen Regeln eine unschickliche Sache. Jesus soll aber noch einen entscheidenden Schritt weiter gegangen sein: Konkubinen und Ehebrecherinnen nimmt er in Schutz. Dirnen verspricht er [in Lk 7,47] mehr Vergebung als den Keuschen im Lande. (Buchschlag 1986)

Genau wie beim Essen scheint der „Vielfraß und Säufer“ (Mt 11,19) Jesus, wie Fricke schreibt, „auch in Bezug auf Frauen (…) nicht abstinent gewesen zu sein.“ Und weiter: „Jesus hat (…) offenbar den Ort, wo es leckere Sachen zu essen gibt, mit einem Brautgemach verglichen“. Fricke verweist auf eine „Szene mit erotischem Hauch“ bei Lk 7,36-50, wo sich Jesus „von einer Frau – Lukas nennt sie eine ‘Sünderin’ – im Hause des Pharisäers Simon bedienen läßt und ihre Annäherung, die selbst den toleranten Gastgeber zu weit geht, gut heißt“. Weiter verweist Fricke auf die Toleranz, die Jesus bei dem Gespräch „mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen zum Ausdruck bringt (Joh 4), die immerhin fünf Männer gehabt hat und nun mit einem zusammenlebt, der nicht ihr legitimer Ehemann ist“.

Außerdem möchte ich den Leser auf folgende Stellen in den Evangelien hinweisen: Mt 26,6-13; Mk 5,25-34; 15,40f; 16,1-8 (der ursprüngliche krönende Schluß des ältesten Evangeliums); Lk 8,1-3; 10,38-42; 23,26-31; Joh 11,1-45.

Wenn man derartige Stellen in Reihe liest, dann wird die folgende von Fricke zitierte Stelle aus dem apokryphen Phillipusevangelium alles andere als unglaubwürdig:

Die Frauen wandelten mit dem Herrn allezeit: Maria, seine Mutter, deren Schwester und Magdalena, die seine Paargenossin genannt wird (…) Maria Magdalena liebte den Soter mehr als alle Jünger, und er küßte sie oftmals auf ihren Mund. Die übrigen Jünger kamen zu ihr und machten ihr Vorwürfe. Zu ihm sagten sie: Weshalb liebst du sie mehr als alle?

Fricke weist darauf hin, daß „der Umstand, daß in den Evangelien jeder Hinweis auf eine Eheschließung Jesu fehlt, kein Indiz gegen, sondern gerade für den Verheiratetenstatus ist“. Schalom Ben-Chorim schreibt in seinem Buch über seinen jüdischen Bruder Jesus, daß die Ehe für einen Rabbi einfach selbstverständlich war und daß Jesu Jünger und insbesondere Jesu Gegner ihn gefragt hätten, warum er denn von diesem allgemeinen Brauch abwiche – so daß das Fehlen jedes Hinweises auf eine Ehe Jesu geradezu der Beweis für eine Ehe sei! (München 1967, S. 129).

Selbst Martin Luther ging davon aus, daß Jesus verheiratet war, „um der menschlichen Natur völlig teilhaftig zu werden“. Luther glaubte, daß Maria Magdalena die Ehefrau Jesu war. In allen Evangelien wird sie an herausragender und stets an erster Stelle der Frauen genannt. Sie ist als einzige nicht geflohen, hat Jesus nach Golgota begleitet und den Auferstandenen sah sie als erste.

Fricke schreibt:

Wenn nach kirchlicher Darstellung stets nur das Bild eines unverheirateten Jesus erscheint, so dürfte dies auf den Apostel Paulus zurückzuführen sein, der – nun in der Tat als Sonderling! – sein eigenes Junggesellendasein preist und es zum Modell eines guten Christen machen möchte.

Demhingegen ließe sich feststellen, „daß nirgendwo ein Ausspruch des Meisters erscheint, in dem er sich gegen die Sinnenfreuden der Ehe, gegen die Sexualität im allgemeinen und gegen die Sexualität der Frau im besonderen wendet“.

Wilhelm Reich und das Judentum (Teil 2)

27. März 2016

Daß die Welt nicht schon längst am Patriarchat zugrunde gegangen ist und wir nicht in einer primitiven Barbarei vegetieren, ist allein dem Einfluß des Judentums zu verdanken. Das Arbeitsethos der Christen („bete und arbeite“), das die stinkend arbeitsscheue Antike ablöste, ist ureigenstes jüdisches Erbe. Außer dem christlichen Europa sind alle anderen Reiche in Fäulnis übergegangen. Ohne die Juden gäbe es keine Menschheit, sondern nur noch die kläglichen Reste maroder Sklavenhalterstaaten. Man denke nur daran, was mit dem arbeitsscheuen Spanien nach der Vertreibung der Juden passiert ist und was im Gegensatz dazu in Nordeuropa die protestantische Besinnung auf die Bibel hervorgerufen hat. Rußland wird vollends untergehen, wenn der letzte Jude, d.h. die kreative Intelligenz vergrault ist.

Nietzscheanisch kann man sogar sagen, daß die Juden die Menschheit vor der Vertierung gerettet haben, indem sie mit der Thora, wie Nietzsche schreibt, „den großen Stil in der Moral, die Majestät unendlicher Forderung“ an die Menschheit herangetragen haben: den gepanzerten, „sitzenden“ Menschen in Bewegung hielten, nach etwas streben, d.h. Mensch bleiben ließen. Man schaue sich im Vergleich die moslemische Welt an!

Der Mohammedanismus lastet wie ein furchtbarer Fluch auf seinen Verehrern! Nebst dem fanatischen Wahnsinn, der in einem Menschen so gefährlich ist, wie Wasserscheue in einem Hund, diese beängstigende fatalistische Gleichgültigkeit. Die Auswirkungen sind in vielen Ländern offensichtlich: leichtsinnige und sorglose Angewohnheiten, schlampige Ackerbaumethoden, schwerfälliges Wirtschaften und Unsicherheit des Eigentums herrschen überall da, wo die Nachfolger des Propheten regieren oder leben. Eine erniedrigende Sinnlichkeit beraubt das Leben seiner Würde und Größe, nebst seiner Ehre und Unantastbarkeit. Die Tatsache, daß nach mohammedanischem Gesetz jede Frau einem Mann als dessen absoluter Besitz eigen sein muß, sei es als Kind, als Ehefrau oder als Geliebte, schiebt die endgültige Ausrottung der Sklaverei zwingend solange hinaus bis der islamische Glaube aufgehört hat, bei den Menschen eine bestimmende Macht zu sein. Einzelne Moslems mögen großartige Qualitäten aufweisen, aber der Einfluß der Religion lähmt die gesellschaftliche Entwicklung derer, die ihr nachfolgen. Es gibt keine rückschrittlichere Kraft in der Welt. (Winston Churchill: The River War, 1899)

Nach der Zerstörung des Tempels war die Elite in der Judenheit nie eine der Geburt und des Geldes, sondern des Wissens. Von hier geht alles soziale Denken aus, wenn der jüdische Gott spricht, er werde Klage erheben „gegen alle, die ihren Arbeitern den Lohn kürzen, Witwen und Waisen übervorteilen und den Fremden, die bei euch leben, ihr Recht verweigern“ (Mal 3,5). Um in das soziale Denken der Bibel eingeführt zu werden, lese man den Psalm 24: „Die Mächtigen fragen nicht nach Gottes Willen, aber Gott wird sie vernichten.“ Sozusagen das allererste Kommunistische Manifest: „Befreit die Entrechteten und Schwachen, reißt sie aus den Klauen ihrer Unterdrücker!“ (Ps 82,4). Ein Manifest gegen die Emotionelle Wüste: „Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet“ (Am 5,24).

Das Judentum bewahrte die Welt vor dem Zerfall in blutiges Chaos. Mitten im mörderischen Saharasia verkörpert Israel die Sehnsucht nach Frieden. Der Psalmist beklagt, daß er unter Heiden und Barbaren leben muß, „die den Frieden hassen“ (Ps 120,5-7), während der Gott Israels dem Krieg ein Ende macht, zum Frieden aufruft (Ps 46,10f).

Vielleicht war das Bezeichnendste an der jüdischen kulturellen Tradition – ein Charakteristikum, das sie in der antiken Welt einmalig machte –, daß sie keine Verherrlichung des Krieges enthielt. Die Römer (wie die Nazis) dachten, der Krieg sei die Nährmutter aller Tugenden. Die Juden kämpften bei vielen Gelegenheiten tapfer für ihre Freiheit, aber sie betrachteten den Krieg als ein Erzübel. Ihre Helden waren Gesetzgeber und Propheten, keine Krieger. Die Ausnahme war König David, aber ihm war es nicht gestattet, den Tempel zu bauen, da er Blut vergossen hatte. (Hyam Maccoby: König Jesus, Tübingen 1982, S. 56)

Ein demokratisches Element, das in der antiken Welt (einschließlich dem Christentum) einmalig ist, ist die Trennung von Priester und Lehrer, in einer Art „demokratischer Gewaltenteilung“ zwischen Kult und Verkündigung. Das Judentum kennt keine verstandestötenden Dogmen und Glaubenssätze, sondern nur die Befolgung der Leitfäden, um ihrer selbst willen. Doch kann man z.B. die Speisevorschriften nicht gerade als überflüssig bezeichnen. Früher gingen Kenner der Verhältnisse in Osteuropa und im Orient, wo es mit der Sauberkeit nicht weit her war, zur Sicherheit nur in koschere Restaurants.

Es heißt bei den Rabbinern, daß alle Speisegesetze nur gegeben wurden, damit man sich erinnert, daß dieses Fleisch einmal ein lebendiges Wesen war, weshalb es auch ohne Blut gegessen werde müsse, denn das Blut repräsentiert die Seele und die Seele gehöre zu Gott. Das erinnert an alte matriarchale Vorstellungen, nach denen man das Blut in die Erde versickern ließ, da es der Mutter Erde gehört. (Ansonsten ist das Schächten ziemlicher Unsinn, da normales Fleisch weniger Blut enthält als geschächtetes.)

Antisemiten behaupten, die Juden wären durch ihr Verhalten selbst schuld am Antisemitismus. Ein neutraler Beobachter wie Reich sagt: die Juden sind für den Antisemitismus verantwortlich, weil sie nichts gegen den Antisemitismus bzw. die Antisemiten getan haben. Das war Reichs persönliches Problem mit den Juden: ihre über Jahrhunderte anerzogene Leisetreterei und Passivität.

Es ist durchaus kein Widerspruch, wenn er ihnen auch vorwarf, daß sie sich, im Gegensatz zu ihm, zu „Juden“ haben machen lassen. In seinem Interview Reich Speaks of Freud sagt er über Sigmund und Anna Freud: „Sie hatten nichts jüdisches an sich, weder charakterologisch, noch religiös, noch national“ (Penguin Books, S. 65). Eine Seite weiter sagt er zwar, daß Freud „im Judentum befangen“ war – aber dieses „Judaismus“ sei größtenteils Protest gewesen. Reich hat diesen Leuten, den Wiener Psychoanalytikern, durchweg Juden, übelgenommen, daß sie sich von ihrer antisemitischen Umwelt haben dermaßen beeinflussen lassen, daß sie zu „Juden“ wurden, die sie imgrunde gar nicht mehr waren.

Freud in einem Interview von 1926:

Meine Sprache ist deutsch. Meine Kultur, meine Bildung sind deutsch. Ich betrachtete mich geistig als Deutschen, bis mir das Anwachsen antisemitischer Vorurteile in Deutschland und Deutsch-Österreich auffiel. Seit jener Zeit ziehe ich es vor, mich einen Juden zu nennen. (z.n. Peter Gay: „Ein gottloser Jude“, Fischer 1988, S. 145f)

Freud war sozusagen „aus Trotz“ Jude. Beide, Freud und Reich, hatten ansonsten kaum Kontakt zur Essenz des Judentums. In seinem Interview sagt Reich (sinngemäß), daß den Juden das „kosmische Bewußtsein“ abgehe. Das gleiche sagte auch Freud hinsichtlich Abraham: daß den Juden das mystische Element fehle (Gay, S. 138). Reich: „Warum war die Erlösung notwendig, wie in der christlichen Religion, oder die strenge Bestrafung, wie in der jüdischen?“ (Äther, Gott und Teufel, S. 129). Warum assoziiert Reich das Christentum, mit Erlösung und ausgerechnet das Judentum mit Bestrafung?

Was das „alttestamentliche Auge um Auge, Zahn um Zahn“ betrifft: Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sollte der unbeschränkten Blutrache Einhalt gebieten und die Strafe auf das Ausmaß der eigenen Schuld begrenzen; das, was Reich als „Bumerang-Justiz“ gefordert hat: so wie Haman am Galgen endet, den er für Mordechai vorbestimmt hatte (Est 7,10). Man vergleiche das mit Jesu rachsüchtigen, alles Maß sprengenden Höllenphantasien!

Dem nun als Kontrast das christliche „Böses mit Gutem Vergelten“ entgegenzuhalten, geht nicht an, da auch dies jüdisch ist. Ez 47,22f ruft dazu auf, die Fremden aufzunehmen und sie den Israeliten gleichzustellen. Für das Alte Testament ist Feindesliebe selbstverständlich (Ijob 31,29f). Das Buch der Sprüche gebietet ganz „christlich“:

Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Damit bringst du ihn dazu, sich zu ändern, und Gott wird dich dafür belohnen. (Spr 25,21f)

Aber das Judentum ist sogar noch „christlicher“ als die Religion des Ressentiments, das Christentum. Denn im Gegensatz zum Christentum ist ihm die Rache im Jenseits fremd. Es kennt keinen Teufel und in judenchristlichen (ebionitischen) Kreisen glaubte man, daß die Verdammnis nicht ewig sei, sondern Gott dem Teufel verzeihen werde.

Überhaupt: Jesus und die Juden…:

Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 2)

28. Februar 2016

Bei Paulus findet man sowohl Anspielungen auf das Grabopfer für den König (Röm 6,8) als auch das Opfer des Königs für sein Volk (Röm 5,6). In Kol 2,12f heißt es:

Ihr seid durch die Taufe mit Christus begraben worden, und ihr seid auch schon mit ihm zusammen zum neuen Leben gelangt. Denn durch den Glauben habt ihr euch der Macht Gottes anvertraut, der Christus vom Tod erweckt hat.

Dies könnte unmittelbar aus der Liturgie des Dumuzi-Kultes stammen. Und da in der antiken Kirche die Taufe im Sinne einer Auferstehung von den Toten im Frühjahr stattfand, ist der Gleichklang fast perfekt. Auch sonst haben die Christen im Verlauf ihrer zweitausendjährigen Geschichte die Wiederbelebung der Natur nach der Trocken- oder Winterzeit immer als Symbol der Auferstehung Christi betrachtet. Man denke nur an Ostern und die mit diesem Fest verbundenen heidnischen Fruchtbarkeitssymbole.

Erinnert sei auch an das Jul-Fest zur Wintersonnenwende, bei der der Triumph der Sonne über die Finsternis des Winters, ihre Wiedergeburt gefeiert wurde. Wie Inannas Nachfolgerinnen Demeter ihren Iakchos (Dionysos) oder Isis ihren Har-Siesis (Horus) bringt auch Maria ihr Kind zur Wintersonnenwende in der Weihnacht zur Welt.

Wie Iakchos und Attis [ebenfalls ein Nachfolger Dumuzis] und der kretische Zeus wird das Kind von Schafhirten enthusiastisch begrüßt. Dabei trägt es selbst die Züge eines Kindgottes und als junger Mann die Züge des göttlichen Hirten (Sumer, Ägypten, Palästina). Denn Jesus, dessen Name dem Isissohn Har-Siesis sehr ähnlich ist, kommt als sanfmütiger „guter Hirte“ daher, und seine Bischöfe tragen lange, gebogene, ägyptische Hirtenstäbe. Natürlich wird mit der Geburt dieses Kindes der aus den Fugen geratene Kosmos in seine Ordnung gerückt, dies war auch bei den anderen neugeborenen Kindgöttern so. Denn seit dem Tod des Heros-Gottes war diese Ordnung gefährdet, die Vegetation zerstört und das Leben der Menschen in Gefahr. (Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, München 1984, S. 129)

So läßt sich religionsgeschichtlich eine grade Linie vom sumerischen Inanna-Dumuzi-Mythos bis zum Christentum ziehen. Im semitischen Babylonien wurde daraus der fast identische Ischtar-Tammuz-Kult und in Palästina der Anat-Baal-Kult, der bis in christliche Zeit sich in Syrien, Phönizien und in Jesu Heimat, dem „heidnischen Galiläa“ (Mt 4,15), hielt. Von Ägypten aus wurde darüber hinaus noch das gesamte hellenische und später römische Mittelmeer vom gleichgerichteten Isis-Osiris-Kult beeinflußt. So stoßen wir auch

in der christlichen Religion auf das Tod- und Wiederauferstehungs-Muster der matriarchalen Religionen: der Gottessohn stirbt einen Opfertod und ersteht wieder auf. Diesem Ereignis wird dieselbe Bedeutung zugeschrieben wie dem Opfertod des matriarchalen Heros, nämlich das Weiterleben der Menschen zu sichern. Das Weiterleben ist jedoch keins mehr im Diesseits, sondern im Jenseits, im elysischen Obstgarten-Paradies. Die Wiederauferstehung jedes einzelnen wird dort verewigt wie bereits in der hellenistischen Osiris-Religion. Und wie bei Osiris gibt es zuvor ein „Jüngstes Gericht“ mit einem milden, gerechten Richter. (Göttner-Abendroth, S. 127ff)

Aber dieser matriarchale Vorstellungskomplex hat nicht erst mit Christus in der Bibel Eingang gefunden. Schon das Buch Ijob ist vollständig nach dem Schicksal des kanaanitischen Fruchtbarkeitsheros Baal geformt, der am Anfang der Trockenzeit sterben muß. Auch das Denken der Psalmisten ist ganz eindeutig von diesem Fruchtbarkeitskult durchdrungen, was die Psalmen so ungemein christlich macht! Und selbst im Buch Kohelet, das vor Frauen warnt „die noch bitterer sind als der Tod“ (Koh 7,26), finden wir Anklänge an die endlose zyklische Wiederholung, die Fruchtbarkeitskulte kennzeichnet. Hier verwandelte sich jedoch der lustvolle Fruchtbarkeitszyklus des Matriarchats, in die „sinnlose Mühle“ des Patriarchats (man denke auch an das Samsara, den „ewigen leidvollen Kreislauf der Widergeburten in Indien“). Denn wer sich wie die emotional toten Jahwe-Gläubigen, die sich von den Naturzyklen getrennt haben, nicht der Himmelskönigin hingibt, verfehlt die Wiedergeburt: „Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren“ (Mt 10,39).

Der Prophet Ezechiel (8,14) berichtet wie Frauen im Tempelvorhof von Jerusalem saßen und über Tod und Unterweltsfahrt des Tammuz weinten, dem babylonischen Nachfolger des sumerischen Dumuzi. Daniel (11,37) nennt Tammuz „den Lieblingsgott der Frauen.“ Und was Daniels prophetische Aussage über den „Menschensohn“ betrifft sagt Michael Grant:

Fast könnte man meinen wieder zur Vorstellungswelt der kanaanäischen Religion zurückgekehrt zu sein, in der ein Gott (Baal) einen anderen (El) entthront. Sind hier schon Verbindungen von der Urreligion Kanaans zum christlichen Mythos zu finden, der ganz entscheidend auf das Daniel-Buch zurückgeht, wird dies bei Hosea erst recht deutlich. (Das Heilige Land, Bergisch Gladbach 1988, S. 252)

In einem Bußlied (Hos 6,1-3) sagt er den Nachkommen Israels eine „Auferstehung am dritten Tag“ voraus.

Diese Äußerung ist nicht frei von Ideen, welche aus den kanaanäischen Fruchtbarkeitskulten stammen; in den Ohren gläubiger Christen allerdings klingen sie wie eine Vorwegnahme neutestamentarischer Äußerungen über Jesu Auferstehung. (Grant, S. 207)

Die ganze Gottesvorstellung der Propheten war noch teilweise von matriarchalen Mustern geprägt. So sprechen sie vom Land Israel als der Braut Jahwes. Dies ist die patriarchale Umformung, bzw. Umkehr des alten matriarchalen Mythos der Sumerer, wo der König und damit sein ganzes Land Sohn und Gatte der Himmelskönigin Inanna war. In Babylon wurde daraus später die Göttin Ischtar, deren Namen wir im biblischen Buch Esther wiederfinden („Esther“ ist die aramäische Form von „Ischtar“), wo das Volk Israel, wie so oft in der Bibel, von einer Frau gerettet wird.

Gerda Weiler zufolge sind die Propheten von alten Kultfesten ausgegangen (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 363). Einige biblische Jahwe-Lieder stimmen wörtlich mit „heidnischen“ Baal-Liedern überein (ebd., S. 37). So verbergen sich hinter dem alttestamentarischen Text unmittelbar matriarchale Kultmythen, aus denen man nur die Himmelskönigin eliminiert hat. Das literarisch und philosophisch höchststehende Buch der Bibel, Ijob, ist z.B. auch nichts weiter als ein überarbeiteter matriarchaler Kulttext. In den ursprünglichen Kultfesten wurde in erster Linie die Heilige Hochzeit gefeiert. Die Propheten hätten, so Weiler, diese sexuellen Bezüge nachträglich spiritualisiert.

Indem sie die Sprache der Liebe als allegorische Bildsprache benutzen, entziehen sie ihr den erotischen Charakter. Jahwe ist der Liebhaber der „Jungfrau Israel“, der Gatte der „Tochter Zion“, aber seine „Liebe“ bleibt im luftleeren Raum, sie wird niemals konkret. Niemals wird er sich in einem Kultträger der Priesterin nahen. Gerade das soll überwunden werden.

Israel wird als Braut Jahwes dargestellt, der davon spricht, mit Israel die Ehe zu schließen und es so aus seiner Schande zu erretten (Jes 54,5). Dann wird man dich Jerusalem

nicht länger „die Verstoßene“ nennen oder dein Land „die verlassene Frau“. Nein, du wirst „Gottes Liebling“ heißen und dein Land „die glücklich Vermählte“! Denn der Herr wendet dir seine Liebe wieder zu und vermählt sich mit deinem Land. Wie ein junger Mann sich mit seinem Mädchen verbindet, so werden deine Bewohner für immer mit dir verbunden sein. Wie ein Bräutigam sich an seiner Braut freut, so hat dann dein Gott Freude an dir. (Jes 62,4f)

Schon in Ägypten hätten sich Gottes Bräute (Samaria und Jerusalem) den Männern hingegeben „und ließen ihre jugendlichen Brüste tätscheln“, bevor sie schließlich die alleinigen Frauen Gottes wurden (Ez 23,2ff).

Aber es rächt sich, daß Jahwe großzügig über den unzüchtigen Charakter seiner Braut hinwegging, denn sie vergißt ihren Jahwe schon bald wieder, der klagt: „In der Jagd nach Liebhabern bist du unübertrefflich“ (Jer 2,32f). Die „Liebhaber“ sind hier natürlich die anderen Kulte und Götter (vgl. Jer 3,1-5 und Hos 2,4-10). Hurerei ist jedoch nicht nur symbolisch mit Götzendienst identisch:

Hast du gesehen, was Israel, diese treulose Frau, getan hat? Sie hat sich von mir abgewandt, ist auf jede Anhöhe gestiegen und hat sich unter jeden grünen Baum gelegt, um (in der Heiligen Hochzeit) Unzucht zu treiben.

Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 1)

27. Februar 2016

Neben dem am Ende von Heilige Hochzeit und Unbefleckte Empfängnis erwähnten Mamre gab es auch „den heiligen Baum bei Sichem“ (Gen 12,6), eine Eiche (Gen 35,4). Unter dieser Eiche wurden die Könige geweiht, wie z.B. Abimelech. (Ri 9,6) Auch im israelitischen Heiligtum Bet-El befand sich so eine heilige Eiche (1 Kön13,14), hatte doch schon Abraham ein Heiligtum (in Beerscheba) errichtet, indem er dort einen Baum pflanzte (Gen 21,33).

Auch sonst spielten heilige Bäume, wie z.B. auch bei unserem germanischen Vorfahren, im alten Israel eine zentrale Rolle:

Unter der nach ihr benannten Palme zwischen Rama und Bet-El im Bergland von Efraim entschied die Prophetin Debora Rechtsfälle, die die Israeliten ihr vorlegten“ (Ri 4,5).

Saul versammelte seine Krieger „in der Nähe von Gibea unter dem Granatapfelbaum beim Dreschplatz Migron“ (1 Sam 14,2). Später wurden seine Gebeine unter der Eiche vor der Stadt Jabesch in Gilead begraben (1 Chr 10,12).

Unter der Eiche bei Sichem stellte Josua (um 1230) einen Menhir auf, der den Bund mit Jahwe symbolisieren sollte (Jos 24,26). Dies erinnert an den kanaanitischen Brauch „Masseben“ aufzustellen, Steinmahle. Bis in die Zeit Hiskias von Juda (725-697) wurden diese heiligen Steine verehrt (2 Kön 18,4) – der König ließ sie zerstören. Diese Steine galten auch als Symbole der männlichen Zeugungskraft, was wieder auf die matriarchale Vorstellung vom „Erdmann“ verweist. Sicherlich sollte auch Josuas Stein ursprünglich die männliche Zeugungskraft Jahwes an der Stätte der Heiligen Hochzeit symbolisieren. Dtn 27,1-8 zufolge verlangte Moses von den Israeliten, im Lande überall große Steine aufzurichten und die Gebote Gottes draufzuschreiben. Sollten sie nicht vielmehr, wie unter Primaten üblich, als Phallussymbole dienen, um einen territorialen (= sexuellen) Anspruch zu unterstreichen?

Daß derartige Steine eine tiefe Bedeutung hatten, die weit über „Denkmale für das Gesetz“ hinausgingen, zeigt sich auch bei Gen 28,18f, wo Jakob die Kultstätte Bet-El begründete, indem er ein Steinmal aufrichtete und es mit Öl übergoß, es mit Öl salbte, „um es zu weihen“. Später ließ König Joschija von Juda (639-609) diese geweihten Steinmale zerschlagen und wo sie gestanden hatten, „bedeckt er die Erde mit Totengebeinen. Dann ließ Joschija die Opferstätte in Bet-El zerstören.“ So verfuhr Joschija auch mit den anderen Opferstätten in Israel und er „ließ ihre Priester auf den Altären abschlachten“ (2 Kön 23,14-20). Das Patriarchat hatte endgültig gesiegt.

Mit besonderer Inbrunst ließ man die „geweihten Pfähle“ umhauen, die die Gegenwart der Fruchtbarkeits- und Vegetationsgöttin Aschera symbolisierten. Von den anderen beiden weiblichen Gottheiten des Gebietes, Anat und Astarte ist sie so gut wie ununterscheidbar. Neben dem Gott Baal waren Aschera (1 Kön 18,19; 2 Kön 23,4) und Astarte (Ri 2,13; Ri 10,6) die Hauptgottheiten der ländlichen Bevölkerung, die schon aus rein praktischen Gründen an dem Fruchtbarkeitskult orientiert war. Von der Zeit Salomos (965-926) bis zu der von König Joschija (639-609) hatte Astarte sogar einen eigenen Tempel in Jerusalem neben Jahwes Tempel (1 Kön 11; 2 Kön 23,13). Im Astarte-Tempel der Philister, dort wo man nach Sauls Tod seine Rüstung der Astarte dargebracht hatte (1 Sam 31,10), fand man bei Ausgrabungen eine Stele, auf der Astarte die Herrscherin der Himmel und Führerin aller Götter genannt wird.

Diese Astarte ist identisch mit der babylonisch-assyrischen Ischtar, die wiederum direkt auf die Urform aller orientalischen Muttergottheiten bis hin zu Maria zurückgeht: die sumerische Göttin Inanna. Sie ist Mutter und Gattin ihres Heros Dumuzi, mit dem die sumerischen Könige identifiziert wurden. Jesus Christus ist die ultimative Ausformung dieses sumerischen Gottkönigs. Er ist der sterbliche matriarchale Gott, „der Menschensohn, der sterben muß, um wiedergeboren zu werden, der zum Leiden bereite Stammesfürst, der Hirte, der sein Leben läßt für seine Schafe“ (Gerda Weiler: Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 69).

Dies sei, so Weiler, der matriarchale Mythos. Mir will es aber doch eher so scheinen, als hätten wir hier den Urmythos des Patriarchats vor uns. Man denke nur an das Motiv des Hirten, das auf Nomadentum und damit auf patriarchalische Verhältnisse hinweist. Durch den Umweltdruck, der die Menschen zum Nomadentum zwang und der das auslösende Moment für die Ausformung des Patriarchats war, wird eine Führerfigur an die Spitze gedrängt (was in Krisensituationen, in denen schnelle unbequeme Entscheidungen notwendig werden, automatisch geschieht), die die Gruppe vor Dürre und Tod schützen soll. In einer zweiten Phase wird diese Figur dann selbst zum Proponenten des Patriarchats.

Christus hat doch mehr mit dem ersten, uralten Volksglauben vom sterbenden Dumuzi zu tun, als mit dem militanten Messias der Liviten, dessen archetypische Ausprägung König David ist. Ein Messias, der Israel nicht aus Tod und Dürre, sondern aus politischer Machtlosigkeit erretten soll. (Das Christentum ist also von seiner Grundstruktur her älter als das Judentum!)

Man muß den Doppelcharakter des orientalischen Königtums sehen, um zu verstehen, warum denn ausgerechnet die Könige im alten Israel sehr häufig gegenüber den Leviten und Propheten den matriarchalen Standpunkt vertreten haben. Es ist ein Fehler die antimonarchistische Grundtendenz der Bibel einfach als demokratisches Element zu betrachten. Nur aus der uralten mystischen Aura, die den König seit den Spätzeiten des Matriarchats umgibt, kann man auch den Führermythos ganz verstehen. Man denke nur an Mandela, den Sproß eines Königshauses, der teilweise mehr religiöse Erlöserfigur als Politiker ist.

In solchen Menschen blicken wir auf Gott in seiner Urgestalt. Wenn z.B. in der levitischen Ideologie davon die Rede ist, zur Richterzeit habe das „Königtum Gottes“ geherrscht, war dies real doch nichts anderes als das orientalische Gottkönigtum: Gott war Mensch. Gott wurde nicht erst in Jesus Christus Mensch! Jahwe war irdischer König auf dem Berg Zion (Mi 4,7) „Gott ist der König der ganzen Erde“ (Ps 47,8).

Wie gesagt wurden die sumerischen Könige mit Dumuzi identifiziert. Nun ist interessant, daß der Stammbaum von Adams Sohn Set (Gen 4,17f.25f; 5) „große Ähnlichkeit mit einer sumerischen Liste der Könige vor der Sintflut“ hat (Reclams Bibellexikon, Stuttgart 1978). Weiler ordnet dies wie folgt in einen größeren Zusammenhang ein:

Der matriarchale Glaube sieht in „Adam“, dem uranfänglichen Mannesgeschöpf, das erste Glied in einer Kette unendlicher Wiedergeburten. In der Sohnesgeburt erfüllt sich die Hoffnung der Menschheit, weil sie zugleich die Wiedergeburt der Natur anschaulich macht. Darum sind alle diese Kultträger Heilande und Erlöser, göttlich durch ihre kultische Geburt und königlich durch Erwählung, die sie in der Heiligen Hochzeit erfahren. In der Bibel wird die überlieferte Abfolge matriarchaler Kultträger zu „Geschlechtsregister“ umgedeutet, zu biblischen Genealogien, die David über seine männlichen Vorfahren auf Adam zurückführen und schließlich Jesus als einen Sproß aus dem Stamm Davids auffassen. (Weiler, S. 268)

Der Genealogie Christi „liegt die matriarchale Idee von der Erhaltung allen Lebens durch Wiedergeburt, die symbolisch an dem Einen demonstriert wird, zugrunde“ (ebd., S. 273).

In ihrer Gestalt als junges Mädchen wählt sich die Himmelskönigin Inanna den „guten Hirten“ (vgl. Joh 10,11f) Dumuzi für die Heilige Hochzeit. Um jedes Jahr die mit ihrem Vollzug magisch verknüpfte Fruchtbarkeit des Landes zu garantieren, vollzogen dies stellvertretend auch die Hohepriesterin der Göttin und ihr König – später der Tempelbesucher und seine, nämlich gekaufte jugendliche Hure. Das Ende des Fruchtbarkeitszyklus in der Dürrezeit interpretierte man als Tod des Fruchtbarkeitsheros, weshalb auch sein Stellvertreter auf Erden, der König (zumindest am Anfang) geopfert wurde. Aber für ihn bestand die Hoffnung der Wiedergeburt und Wiederkehr, denn Inanna suchte Dumuzi in der Unterwelt und brachte ihn nach einem halben Jahr im Frühling wieder zurück, womit der Zyklus von vorn beginnen konnte. Als Vertreter Dumuzis war dem König die gleiche Hoffnung beschieden: Der König ist Tod, es lebe der König!

Von den Matriarchatsforscherinnen wird dabei aber nicht erwähnt, daß die sumerischen Könige ihren gesamten Hofstaat mit ins Grab nahmen und insbesondere ihre Frauen – wie noch heute in Indien (Sutie). Außerdem wurden Menschen geopfert, um Dumuzi für das Halbjahr seiner Unterweltsfahrt magisch am Leben zu halten. Erst mit dem Christusmythos kehrte die ursprüngliche Idee zurück, daß der Eine für alle sterben mußte – nicht die Vielen für den Einen.

Immerhin gibt Heide Göttner-Abendroth in ihrem Buch über Die Göttin und ihr Heros zu:

Erst in sehr später Zeit wurde die Hoffnung der Wiederauferstehung eine für jedermann, der an die Göttin und ihren Heros glaubte. In diesem Stadium wurde die matriarchale Religion, die zuvor kombinierte Staats- und Volksreligion war, zur reinen Volksreligion, die vor allem im Widerstand gegen die mittlerweile patriarchale Staatsführung praktiziert und gelebt wurde. (München 1984, S. 71)

Die Nähe zur Frohen Botschaft des Christentums ist offensichtlich.