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DER ROTE FADEN: Der Weg in den Faschismus (Wien)

15. Mai 2017

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion:

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

 

 

Robert (Berlin) schrieb 2011: Lebt zusammen mit seinem Bruder Robert und einem Mitstudenten, der später Psychoanalytiker wird (er wurde m.W. nie identifiziert)
Könnte es Edward Bibring gewesen sein?

O. schrieb: Was mit dem Bruder Robert passierte wird immer nur am Rande erwähnt oder mal in einem Gerücht ausgeschmückt, vielleicht gibt es dazu ja noch differenzierte Informationen. Um es mal einfach anzusprechen, angeblich hätte es einen Identitästausch zw. Robert u. Wilhelm gegeben, nach dem Tod eines der beiden (wie man es dann sehen möchte). Das klingt nach totalem Schwachsinn, soll aber mal intern benannt worden sein. – Das mal so als Hinweis, in welche Richtung man auch mal schauen könnte, wenn da was dran wäre.

Dazu Peter: 1922 hat Robert Ottilie Heifetz geheiratet. Mit der hat Myron Sharaf noch Anfang der 70er Jahre gesprochen. Es ist schlichtweg kein Raum für irgendein „Szenario“. BTW: Ich habe noch nie ein Photo von Robert gesehen. Kennt jemand eins?

Jonas: „Auf Wilhelm Rouxs zum gleichen Thema erschienenem Buch fußend, führt Kammerer den Begriff „Selbstregulation” ein, die als Fähigkeit des Organismus definiert wird, die unterschiedlichsten Eingriffe durch die Umwelt aufzufangen.“
Evt. lohnt es sich, Reichs späteres Verständnis von „Selbstregulation“ mit anderen Konzepten zu vergleichen, die sich direkt oder indirekt von Roux/Kammerer herleiten. Ich denke da z.B. an die Affekt-Theorie von Silvan Tomkins, in der auch gelegentlich die Orgasmusfunktion gestreift wird.
http://atheoryofmind.wordpress.com/2011/06/15/affect-week-part-2-silvan-tomkinss-affects/

Pierre: „Ab wann „zählen“ dann seine Schriften? Für Reich selbst war diese Wasserscheide ungefähr 1940 erreicht, als er sich der Entdeckung des Orgons sicher wurde und sich an das Verfassen seiner „wissenschaftlichen Autobiographie“ Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus machte.“
Dort lesen wir gleich zu Beginn, datiert Nov. 1940,
was so ganz anders klingt:
„Es ist nützlich, wissenschaftliche Biographien in jungen Jahren zu schreiben … Auch ich könnte nachgeben und ableugnen, was in jungen Kampfjahren ehrliche wissenschaftliche Überzeugung war.“
Wenig später, am 2. April 1941 schrieb er an Neill:
„1. Ich verfüge über die Orgonstrahlung … und niemand außer mir weiß, wie man mit ihr umgeht.
2. …
3. …
4. …
5. …
Mein lieber Neill, das bedeutet MACHT, und Du kannst sicher sein, ich werde sie gegen jeden gebrauchen, der …“
Was kann diesen Umschlag bewirkt haben? Das zwischenzeitliche Treffen mit Einstein?

Robert schrieb 2013: „Im ursprünglichen Manuskript“
Was ist damit gemeint. Etwa nicht die deutsche Ausgabe, sondern eine Xerox-Kopie?
„Folgende Sätze aus dem Originalmanuskript von 1937 strich er ganz“
Passt zu Bennets Theorie, dass Reich sich an die USA im Politischen anpasste.

Dazu Peter: In der vom Verlag Stroemfeld/Nexus zu verantwortenden Ausgabe von 1995 ist in spitzen Klammern eingefügt, was Reich aus dem ursprünglichen Manuskript von 1937 für die amerikanische Ausgabe von 1953 gestrichen hat. Es handelt sich dabei meistens um Interna aus der psychoanalytischen Bewegung und um Stellen, wo Reich als politischer Kommunist sichtbar wird. Er hat das alles damals mit Myron Sharaf zusammen gemacht, der bezeugt, wie Reich sich gewunden und mit sich gekämpft hat: nicht aus Angst vor „McCarthy“, sondern weil er sich selbst kaum widererkannt hat. Er habe dann aber der historischen Wahrheit nachgegeben – bis eben auf seine Tätigkeit als „Revolutionärer Sozialdemokrat“ und KP-Funktionär. Was idiotisch war, denn das hätte bewiesen, daß Reich in Moskau durchaus eine bekannte Größe war – von wegen der kommunistischen Verschwörung gegen ihn!
Es ist etwa so wie mit den Grünen: Ich kenne Leute, die haben sich Anfang der 80er Jahre bei denen engagiert und haben damals die Kinderfickerei mitgekriegt (NICHTS ist übertrieben – eher im Gegenteil!!!) und können heute nur noch den Kopf über sich selbst schütteln: „Wie blind und blöd konnte ich bloß sein!“ Andererseits ist die damalige Situation heute kaum nachvollziehbar. Damals waren die Grünen noch nicht flächendeckend in kommunistischer Hand wie heute.

Peter: Was bleibt, ist EKEL:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html

Zeitgenosse: Eine Schande ist auch, dass sich viele Grüne der 68er, wie dieser Daniel Cohn-Bendit, auf Wilhelm Reich berufen haben.
Willy muss tatsächlich für vieles herhalten – auch posthum. Oder man fragt halt einen Hrn. Fischer um die Meinung eines toten Reichs.

Peter: „Sexualpolitik“ (Sexpol) heute…
http://www.spiegel.de/media/media-32292.pdf
Allein schon dafür werde ich die GRÜNEN ewig hassen!!!

Zeitgenosse: Ob Reich sich nun aus Überzeugung oder Opportunismus gewandelt hat, spielt im nachhinein kaum eine große Rolle. Es unterstreicht einfach nur, dass WR ein normaler Mensch und Forscher war und kein Halbgott, Prophet oder Mr.perfect (also nicht so, wie in manche Reichianer gerne hinstellen).
Auch aus diesem Grunde bin ich sehr vorsichtig bei der Interpretation von Reden und Äußerungen von Menschen – denn man weiß nicht in welchem genauen Kontext man sie einordnen kann. Auf alle Fälle keine unumstößliche Wahrheit und kein Bibel.
Hinsichtlich Anpassung: Ich kann es schon irgendwie nachvollziehen. Zuerst war die kommunistische Bewegung in Kontinentaleuropa eine Enttäuschung, der Rauswurf bei der Psychoanalytischen Vereinigung, der Kampf in Skandinavien und am Schluß das trügerische angeblich so „Freieste Land der Erde“; also die USA.

Zeitgenosse: Nachtrag: Daher meine Meinung, dass die Orgonomie in politischer Hinsicht keine absolute Wahrheit darstellen kann. Dafür ist zu viel Wendehals dabei in meinen Augen. Immerhin kann man sogar die Orgontherapie (wie alle anderen Therapien) als eine Art der Gehirnwäsche interpretieren. Man kann eine leere Hülle hinterlassen, die man mit „genehmen“ Ideologien wieder auffüllt. Daher mache ich auch keine.
Wo allerdings für mein dafürhalten die Orgonomie tatsächlich FAST an eine absolute Wahrheit hereinreichen kann, sind die Erkenntnisse in den Bereichen Medizin, Biologie und Physik. Aber diese Bereiche sind mir selber auch die liebsten wie ich zugeben muss.

Peter 2014: Die heutige SPÖ ist genauso verachtenswert wie ihre Vorgängerin, die SDAP zu Reichs Zeiten. Halt Sozialdemokraten… Ausspuck!!!
http://www.pi-news.net/2014/12/oesterreich-identitaere-stellen-neues-holzkreuz-auf/

Robert 2013: „Die Weltliga war 1928 in Kopenhagen gegründet worden als internationales sexualwissenschaftliche Diskussionsforum von den Deutschen Magnus Hirschfeld, Max Hodann, August Forel, Helene Stöcker,“
Auguste Forel ist meines Wissens Schweizer.

David: „Reich versucht in Massenversammlungen durch die kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung den neurotischen Widerstand und die moralistische Hemmung des Einzelnen zu umgehen. Deshalb war Reich in gewisser Weise Begründer der Gruppentherapie.“
Begründer der Gruppentherapie – und auch eine Antithese zu Hitler und Goebbels, die auf ihre Weise die Hemmungen der Einzelnen umgingen („Wollt Ihr den Totalen Krieg?“)
Zu dieser Zeit wußte Reich nicht, daß die KPD nur an der parteipolitischen Mobilisierung der Massen interessiert war, aber nicht an Massen, die eigene Bedürfnisse vorbringen.
Nein, der Kommunist will nur die Massen anlügen, ausbeuten, sie vor seinen Karren spannen. Die Massen befreien will er nicht; das täuscht er nur vor. Nicht anders als die Nazis.

O.: Gibt es eine Quelle, die belegt, dass Emmy Rado beim OSS war (in leitender Funktion) und (daher auch) mit Reich Kontakt pflegte?
Robert:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geheimreport

O. schrieb 2013: Sehr schöner klarer Artikel. Gibt es den Brady Artikel irgendwo zum Lesen? „Masse und Staat“ (Kap. 9 in Massenpsychologie d. Faschsimus) war also der direkte Auslöser, wo sich Frau Brady provoziert fühlte. Auch hier gibt es ein Auflagen-Wirrwarr mit hinuzgefügten Kapiteln, so dass sich Raubdrucke der 70-er (Nachdrucke der ersten Auflagen) und spätere Auflagen (meist auch unter Berücksichtigung der Orgonthese) unterscheiden. Dieses Kapitel ist aber auch nicht mit „Menschen im Staat“ zu verwechseln, wenn ich das richtig sehe. (Habe die Bücher nicht griffbereit.)

Dazu Peter: Hier das, was neben dem Mord an Reich, von Wertham übriggeblieben ist:
http://www.decaturdaily.com/stories/Anti-comics-crusader-seduced-himself,113321

Peter weiter: Und hier die Geschichte aus einer zugegeben bizarren Quelle:
http://books.google.de/books?id=VTx9dI9Iw4MC&pg=PT281&lpg=PT281&dq=wertham+brady&source=bl&ots=Aa0v9mog3_&sig=L-b9mmhMbBZQC1Gd0W9U6SnAy0s&hl=de&sa=X&ei=NAiUUZvzApHltQaaxoC4Dg&ved=0CFYQ6AEwBA

O.: Aus dem Turner Buch kann man nicht einen Satz zitieren, Ernst nehmen, aber es zeigt, zu was Reich-Hasser imstande sind, zu erfinden. Das Buch muss er doch in der geschlossenen Psychiatrie geschrieben haben als ihm langweilig wurde, normal ist das nicht.

Robert schrieb 2011: Zu Marie Frischauf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Pappenheim

Zur Broschüre:
http://www.file-upload.net/download-3448844/Frischauf_Reich-Ist-Abtreibung-sch-dlich.pdf.html

Robert weiter: Siehe auch:
http://www.schoenberg.at/index.php?option=com_content&view=article&id=701%3Asatellite-collection-p10&Itemid=330&lang=de
„Zeitdokumente
Zeitungsartikel aus der Reichspost vom 5.5.1933/7, Nr. 124 „Wien die neue Zentrale der kommunistischen „Sexualreformbewegung“? – Hände weg von Österreich!“ 1 Seite
Der Artikel wirft Maria Frischauf vor in Österreich an der Verbreitung und Organisierung der Kommunistischen Sexualreformbewegung in Österreich beteiligt zu sein.
Bericht über Hausdurchsuchung des Münster-Verlag in Wien wegen Verbreitung unzüchtiger Duckwerke. Von der Bundes-Polizeidirektion in Wien an das Landesgericht für Strafsachen Wien I, Abt.26. am 25. März 1934. Es wurden 95 Stück des Buches von Dr. Marie Frischauf und Dr. Anni Reich: „Ist Abtreibung schädlich?“ gefunden. 3 Seiten“

Peter: Auch sei [so Reich] eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Allgemein zur Lebensfeindlichkeit der Ethik siehe
http://www.pi-news.net/2011/05/weltwoche-die-ethik-und-moralseuche/

Robert 2014: Zu Arnold Deutsch
„Der Österreicher Arnold Deutsch hatte seinen Doktortitel mit 24. Er fing zuerst an als einfacher Geheimdienstkurier, dann schloss er sich Wilhelm Reichs Sex-Bewegung an, leitete einen Wiener Verlag für “sexuelle und politische Befreiung”. 1932 bekam er seine Ausbildung zum Auskundschafter für geheime Übergangsstellen und Kommunikationspunkte an den Grenzen zu Holland, Belgien und Deutschland. Später wurde er in England eingesetzt. In London gelang es ihm, 20 Personen als Agenten anzuwerben, darunter die Cambridge-Absolventen Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald MacLean und Kim Philby.“
http://recentr.com/2014/07/der-kunstliche-mythos-cia/

David 2016:

Geht die Sexualreformbewegung auf die damals vorhandene – eher bürgerliche – Lebensreformbewegung zurück?

Robert 2011: Siehe auch die Doku bei Laska
http://www.lsr-projekt.de/wrb/revsozdem.html
auf die sich Fallend ohne Quellenangabe bezieht.
Die Politik der Sozialdemokraten war leider tatsächlich so, alle Errungenschaften der erkämpften Republik zu verspielen. Sie redeten unentwegt von der Revolution, es war eine reine „Als-Ob“-Rhetorik, aber praktisch war es ein ständiges Zurückweichen vor der reaktionären Rechten, die quasi einen Faschismus a la Franco errichten wollten.
Insofern blieb Reich gar nichts anderes übrig, als bei dem winzigen Haufen der KPÖ anzuklopfen.

O. 2013: Wie ist das zu verstehen?
„…, daß seine charakterologische Forschung z.B. für die Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion nutzbar zu machen sei.“
Wollte er die Arbeitskraft durch Steigerung der Liebeskraft und Liebesfähigkeit steigern, um so mehr zu Essen für die Menschen zu produzieren?
Gibt es Quellenangaben zu den spannenden Vorgängen dieser Zeit?

Peter antwortet: 1933 begrüßte er die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 64) – was er in späteren Ausgaben nicht mal kommentierte. Die Stelle, die ich referiert habe findet sich im vorletzten Absatz des 1. Vorwortes der Charakteranalyse.

Robert 2013: Die Massenpsychologie wurde übrigens bei
Frantz Christtreu’s
Bogtrykkeri, København K.
gedruckt und kostete
8 Dän. Kr (steht auf dem Buchrücken)

Bogtrykkeri heißt Buchdruckerei. Frantz Christtreu’s Bogtrykkeri hat meines Wissens bis 1974 bestanden.

O. 2013: Wäre die Massenpsychologie des Faschismus ein intellektuelles Aufklärungsbuch gegen den Faschismus gewesen, wie es mir in der dritten (amerikanisch-orgonomischen Version) Auflage erscheint, hätte es zur Charakteranalyse noch gepasst und hätte Reich Karrieres als Lehrpsychoanalytiker nicht geschadet.
In der ersten Auflage mit dem sozialistischen Vokabular und der Forderung nach einer straffen Organisation für eine kampfbereite Gegenbewegung mit Reich als kommunistisches Mitglied (also noch verwoben in dieser Struktur und Organisation und diese gleichzeitig in Seitenhieben angreifend) muss die Psychoanalytische Vereinigung (Freud) seine Psychoanalytikerkarriere unwiderruflich beenden.
Reich war gewarnt worden, seine politischen Ansichten nicht weiter (mit der Psychoanalyse in Verbindung) für 1-2 Jahre fortzusetzen. Doch was macht Reich? Er versucht sich zu versichern, ob er nicht trotzdem politisch weitermachen könne und Psychoanalytiker beliben könne, er bringt nach der Charakteranalyse auch die Massenpsychologie selbst heraus.
Hinter diesem Hintergrund – und alleine schon aus der sexpolitischen Haltung (mit „sozialistischem“ Parteibuch) – muss die Psychoanalyse ihn ausschließen und auch die Kommunisten folgen seinen Angriffen nur rational mit Ausschluss.
Reich ist danach in der Defensive. Von beiden Organisationen wird er als „gefährlich und radikal“ eingestuft und muss/ wird zeitlebens bekämpft. Nur sieben Jahre später formuliert Reich seine „Orgontheorie“ und entwickelt bis 1942-45 diese zur Orgonomie, in dem er seine Schriften Funktion des Orgasmus, Charakteranalyse und Massenpsychologie orgonomisch umschreibt.
Die Psychoanalytiker und Kommunisten haben ihn aber nicht vergessen und auch die Amerikaner (FBI) überprüfen seine „Gesinnung“, ob sie noch kommunistisch sei.
Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war. Unter diesen Vorzeichen hatte die Orgonomy im Wissenschaftsbetrieb keine Chance mehr – nicht unter Reich.
Konsequent als Reaktion wurde Reich 1934 ausgeschlossen, dies als emotionelle Pestreaktion zu deuten (wie ich es auch schon gemacht habe) finde ich wenig haltbar.
Natürlich hätte Freud aus persönlichen Gründen (Charakteranalyse) Reich auch ausgeschlossen, zumal er ihm die Show zu stehlen vermochte. Auf dieser Ebene hätte/ hatte Freud pestig reagiert.

O.: Eine Übersicht zur Sexpol:
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1544963

Jean:
„Ich stelle nach diesem Blogbeitrag die These auf, dass 1933 Reichs Schicksalsjahr war, in der er die kommende Forschung schon eigens zerstörte, bevor sie entwickelt war.“
Nachdem ich einiges aus „My eleven years…“ mehrfach gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum er sich in den USA auch noch mit den Gerichten angelegt hat. Inhaltlich natürlich voll nachvollziehbar. Aber hätte er auch anders gekonnt, oder gab es etwas in ihm, was ihm gar keine Wahl ließ, war kein Finger breit mehr zwischen seinen Strömen und der Blockade draußen.
Er hat es sich aus Überzeugung mit allen verscherzt, was für ihn und seine wundervolle Arbeit in einer Tragödie geendet hat.

O.: Nachdem Reich sich mit dem Faschismus angelegt hatte, was jeder junger anständiger Menmsch mit Weitblick und Mut wohl ähnlich gemacht hätte, ließ er sich mit dem zweiten Todfeind und Diktator Stalin (indirekt über die Kommunistischen Organisationen) ein und erkannte auch hier schon deren Destruktivität. Letztere halfen nicht – und dies hat Reich schon 1933 bloßgestellt – den Hitlerfaschismus zu zerstören.
In Amerika über Umwege (Kopenhagen und Oslo) angekommen, hielt sich Reich politisch bedeckt und konzentrierte sich auf seine eigene Forschung. Vielleicht hätte er so einer weiteren Verfolgung entkommen können, doch Reich war gekränkt, von Freud (und den Kommunisten) enttäuscht und wollte bzw. brauchte Anerkennung.
Er versuchte seine Orgonforschung der Atom-(Waffen-)Forschung entgegen zu stellen. Er kontaktierte das AEC und hielt die Regierungsorganisationen aktiv über die Orgonforschung auf dem laufenden. Er diskutierte mit Einstein über den ORAC (Temperaturdifferenz). Einstein wusste dies könnte eine „Bombe für die Physik bedeuten“. Tatsächlich wurde seine Bion und Orak Forschung zur Bombe für die Medizin und damit für die Chemieindustrie (= Pharmaindustrie), denn er versuchte das Krebsproblem zu lösen.
Reich hat sich mit seinem Geltungsbedürfnis und seiner rechthaberischen Art – stets bestehend auf die Wahrheit – naiv auf „Amerika“ vertrauend mit den größten „Menschheitsfreunden“ angelegt.
Dem natürlich nicht genug – Reich saß schon in der Tinte – und gerichtliche Aktionen über die FDA liefen vor Gericht, er musste nach dem ORANUR Disaster, dass das AEC sicherlich nicht erfreute, da der tödliche Charakter der atomarer Niedrigstrahlung schon erkennbar wurde, auch das Militär, speziell die ATIC (Luftwaffengeheimdienst) über seine Oranur 2 Experimente informieren: Er hatte sich nach eigener Vorstellung mit außeriridschen Raumschiffen angelegt. Die CIA trat hier auf dem Plan und kassierte Reichs Dokumente auf dem Treffen mit der ATIC ab. Nun waren auch Militär, CIA und Außerirdische alarmiert.
Doch Reich sollte schon 1947 mit der Entwicklung des ORAK vernichtet werden. Wen schickt man vor, wenn man jemanden loswerden will? Natürlich nicht gleich die eigene Armee, sondern für die Drecksarbeit werden Unterorganisationen zur Ablenkung aktiviert: Mafia oder „Kommunisten“. Brady schrieb ihren Schmierartikel über den „Sexbesessen“ und „Kurpfuscher“ Reich der mit „Sexboxen“ seine PatientInnen zum Orgasmus gegen den Krebs bringen möchte (Turnerstyle eben). Dann müsse eine „Gesundheitsbehörde“ (Amt für Chemie und Pharmaindustrie) handeln und brachte den „Fall Reich“ vor Gericht. Die AMA hielt sich im Hintergrund.
Das Gericht war nur ein Instrument, als der Richter zu weich war, wurde er ausgetauscht, damit das richtige Urteil gesprochen werde: Inhaftierung. In seinem Prozess glaubte Reich an die Gerechtigkeit (Amerika, den Präsidenten und an das Recht) und dass die Wahrheit siegen müsse. Er hat sich nicht mit dem Gericht angelegt!
Wundervoll ist seine Arbeit nur für Leute, die an die Wissenschaft glauben, als sei sie nicht Teil der privaten Industriekonzerne, für Menschen, die an die „Wahrheit“ glauben als wäre die Lüge nicht allgegenwärtig.
Ob Reich auch anders gekonnt hätte? Reich hätte von seiner Persönlichkeit her nicht anders gekonnt und die Pest kann nie anders in ihrem Zwang als Mr. Goodguy aufzutreten und im Stillen zu zerstören. Reich hat uns aufgezeigt, warum wir nicht anders können. Das macht ihn für alle Seiten sympatisch und sein Werk unsterblich; selbst wenn sein letztes Buch verbrannt werde – fast jeder kennt seine „Wahrheit“, ob er sie charakterlich ertragen kann oder nicht.

Der Rote Faden: Alfred Kantorowicz

20. Oktober 2014

Wahrscheinlich bedingte Alfred Kantorowiczs Wohnsitz seinen Entschluß, Mitglied der KPD zu werden. In der Berliner „Roten Künstlerkolonie“ am Laubenheimer Platz gab es mehr Bewegungsfreiheit und Diskussion als in anderen Zellen der KP. Im Sommer 1932 wurde er, nur wenige Monate nachdem er der Partei beigetreten war, wegen seiner unermüdlichen organisatorischen und propagandistischen Bemühungen Nachfolger von Gustav Regler als politischer Leiter dieser Parteizelle. Der organisatorische Leiter wurde Max Schröder, Arthur Koestler war für die Agitprop zuständig.

Der „Rote Block“ im Berliner Bezirk Wilmersdorf lag mit seinen etwa 1000 Bewohnern zwischen dem Laubenheimer Platz (heute Ludwig-Barnay-Platz) und der Bonner Straße. Es war die sogenannte „Künstlerkolonie“ – die „Gewerkschaft der Bühnenangehörigen“ (Schauspieler, Bühnentechniker, etc.) und der „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ hatten auf diesem Platz drei Wohnhäuser für ihre Mitglieder. Diese „Künstlerkolonie“ wurde in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren ein Treffpunkt sowohl der Etablierten als auch der Unbekannten, derer, die es geschafft hatten, und jener, die gescheitert waren. Zu den Bewohnern des Viertels gehörte neben Kantorowicz und seiner Frau Friedel Ebenhöch (die in der Nähe von Ernst und Carola Bloch, in der Kreuznacher Straße Nr. 48 lebten) viele andere berühmte Namen: Johannes R. Becher (Autor und später Staatssekretär für Bildung und Kultur der „DDR“), Bloch (der berühmte stalinistische Philosoph), Sally Bowles, Hermann Budzislawski, Ernst Busch (der berühmte kommunistische „Kampfsänger“), Axel Eggebrecht (der berühmte sozialdemokratischer Journalist), Erich Engel, Georg Hermann, Kurt Hiller, Peter Huchel, Martin Kessel, Arthur Koestler, Susanne Leonhard, Jo Mihaly, Erich Mühsam (der berühmte Anarchist), Wilhelm Reich, Alfred Sohn-Rethel, Leonhard Steckel, Werner von Trott zu Solz, Erich Weinert (der berühmte Schriftsteller). (Zu nennen wäre auch Manès Sperber, der berühmte Anhänger von Alfred Adler. Alles in allem bestand Reichs KP-Zelle aus 20 bis 25 Mitgliedern.)

1959 Kantorowicz stellte fest, daß unter ihnen Funktionäre, politische Profiteure, Informanten, Spitzel nicht zu finden waren. In diesem Quartier funktionierte bis 1933 die Zusammenarbeit zwischen Unabhängigen, Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Linken. Arthur Koestler erinnert sich, daß, da die meisten intellektuelle waren, die Struktur der Zelle atypisch war. Axel Eggebrecht meinte, daß „unser rote Block“ ein Beispiel dafür bot, wie die braune Katastrophe hätte abgewendet werden können (Michael Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, Stuttgart 1991, S. 108f).

Als mehr als 100 Bewohner dieses Quartiers 1932 einen überparteilichen „Antifaschistischer Schutzbund“ gründeten, stand er unter der Leitung von fünf Männern: dem Kommunisten Kantorowicz, dem parteilosen Axel Eggebrecht, dem Kommunisten Max Schröder, dem Sozialdemokraten Hermann Budzislawski und dem Anarchisten Albert Arid. Der „Schutzbund“ traf Vorkehrungen den roten „Künstlerblock“ zu verteidigen (Kantorowicz: Nachtbücher. Aufzeichnungen im französischen Exil 1935-1939, Hamburg 1995, S. 26f).

Kantorowiczs Beschreibung des Wesens von Reichs KP-Zelle erklärt, warum Reich ein Mitglied der KP sein und trotzdem sagen konnte, ohne zu lügen, daß er nicht Mitglied war, daß sie ihn nie als echtes Mitglied der KP akzeptiert hätten: 1931/32 hatte die KP-Führung wenig Kontrolle über die Parteizelle Reichs. Sicher gab es offizielle KP-Treffen, Indoktrinationskurse, Demonstrationen, Sitzungen der Zelle; Reich und seine Genossen wurden ständig mit Verlautbarungen, Erklärungen, Beschlüssen überschüttet, doch auf die schlingernde Parteilinie reagierte man nur mit Sarkasmus. Schließlich war man Freiwilliger und entschied selbst, an welcher Front man stand und wie, etwa in der ideologischen Auseinandersetzung oder im Straßenkampf. Man war eine autonome Insel in der Mitte des bereits überwiegend nazifizierten Westberlin. Die weitentfernten Hauptquartiere der lokalen Berliner KP oder gar des Zentralkomitees der KPD konnten das kaum kontrollieren. Der höchstrangige Besuch war gelegentlich der Unterbezirksleiter Willi Müller, ein Berliner Arbeiter, der bei Untergrundaktivitäten nach der nationalsozialistischen Machtübernahme umkam.

Kantorowicz erinnert sich, daß der „rote Block“ wie eine entlegene Blockhütte in einem Wald von Hakenkreuzfahnen war. In den drei Künstlerblöcken sah man keine Naziflaggen, selbst nachdem Hitler die Macht übernommen hatte bis zum Tag des Reichstagsbrandes. Die drei Blöcke waren im antifaschistischen „Kampfbund Künstlerkolonie“ organisiert und standen bereit, mit Hilfe anderer militanter Gruppen aus den Stadtteilen Wilmersdorf, Steglitz und Friedenau die SA-Horden zurückzuschlagen. Die Funktionäre der KP-Parteimaschinerie tolerierten es wohl oder übel, daß ausgerechnet die Intellektuellen und Künstler am Rande der kommunistischen Bewegung ein deutliches Beispiel des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Flut setzten. Trotzdem wurden die „kleinbürgerlichen Außenseiter“ nicht wirklich ernstgenommen. Man bediente sich der großen Namen – sonst nichts. Im Herbst und Winter 1932/33 ging alles so schnell, daß die Parteifunktionäre auch gar nicht die Zeit fanden, um auch noch gegen diese Rebellen vorzugehen. Ansonsten wäre es wahrscheinlich schon dann zu Konflikten gekommen, der mit Parteiausschluß oder Austritt aus der Partei geendet hätten. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, der Unterdrückung und Verfolgung der Partei verdeckte diese Spannungen zeitweise. Im Moment der Niederlage, die unterlegenen Partei zu verlassen, wäre vielen wie Fahnenflucht erschienen. Nur der äußere Druck brachte sie näher zusammen. (Um so schmerzlicher muß für Reich der Parteiausschluß Ende 1933 gewesen sein!) Die Partei wurde bedroht, stand von allen Seiten unter Feuer. Die meisten waren Soldaten während des Ersten Weltkrieges gewesen und waren damit vertraut: an der Front, im Angesicht des Feindes, wird nicht über den Sinn oder Unsinn eines Befehls diskutiert – er wird ausgeführt.

Kantorowicz zufolge half man sich über die Sturheit und die Dummheit der Parteioffiziellen des Thälmann-Zentralkomitees hinweg, indem man Lenins berühmte Abhandlung Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus von 1920 zu Rate zog. Die Fehler, Schwächen, Engstirnigkeit, Rauheit und Ungerechtigkeit des Parteiapparates wären nur eine vorhergesagte Kinderkrankheit, die sich mit der Reifung und Konsolidierung der Partei auswachsen würden (Kantorowicz: Deutsches Tagebuch. Erster Teil, Berlin 1978, S. 30-34).

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=GV8eCH-Ck-A%5D

Der Rote Faden: Manes Sperber

1. August 2011

Aus dem im letzten Roten Faden zitierten Brief Franz Jungs an seine Frau, vom 15. April 1955 frägt er Cläre, ob sie sich noch erinnere, daß in den 1920er Jahren „ein Buch von Wilhelm und Anni (sic!) Reich (beide orthodoxe Studenten von Freud)“ mit Theorien über Kindererziehung ein ziemliches Aufsehen hervorgerufen habe. Es habe die grundlegende Frage nach der Teilnahme der Kinder an den sexuellen Beziehungen ihrer Eltern aufgeworfen (Franz Jung: Briefe und Prospekte. Dokumente eines Lebenskonzeptes, Werke Bd. 11, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1988).

Das ist ein wirklich typisches Beispiel dafür, wie Reichs zeitweise Weggefährten, auch Leute, die sich als seine Freunde verstanden und ihm (zumindest vordergründig) wohlgesonnen waren, seine Theorien derartig verzerrten, daß jeder anständige Mensch, d.h. jeder Konservative, sich dazu aufgefordert fühlen mußte, Himmel und Hölle zu mobilisieren, um Reich das Handwerk zu legen.

Ein anderes Beispiel ist Manès Sperber, der berühmte Anhänger von Alfred Adler. Er gehörte zu den 15 bis 20 KPD-Genossen, die zur kommunistischen Zelle in Berlin gehörten, bei der auch Reich Mitglied war. Des weiteren gehörten dazu beispielsweise auch Gustav Regler, Ernst und Carola Bloch, Arthur Koestler, Erich Weinert, Ernst Busch (der kommunistische Kampfsänger), der Kunstgeschichtler Max Schroeder und Alfred Kantorowicz (Alfred Kantorowicz: Nachtbücher. Aufzeichnungen im französischen Exil 1935-1939, Hamburg 1995, S. 26-27). Sperber hielt auch Vorträge an der Marxistischen Arbeiterschule MASCH, die bereits in Der Rote Faden: Arthur Garfield Hays Erwähnung fand. Neben Reich lehrten dort auch Georg Lukács, Karl August Wittfogel und Jürgen Kuczinski (N.N.: Manès Sperber 1905-1984. Eine Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, 1987, S. 29).

In der Lubjanka brachte sogar Herbert Wehner Reich und Sperber in Beziehung. Im Dezember 1937 wurde er vom Hotel Lux in die Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes verfrachtet, wo er einen langen Bericht über „Trotzkistische Schädlinge“ verfassen mußte. U.a. ging es um Leute, die Verbindungen ins „imperialistische Ausland“ hatten. Wehner wußte nur von der Schwester des bereits in Haft befindlichen Arztes Ernst Ascher aus der wolgadeutschen Stadt Saratow zu berichten. Sie hatte Wehner um Hilfe gebeten. Wehner:

Damals gab ich ihr keine Auskunft, ersuchte sie aber, Korrespondenz mit dem Bruder einzustellen, falls sie welche unterhalten habe. Ebenfalls veranlaßte ich ihre Dispensierung von der Arbeit in einem internat. Komitee … Beziehung zu Ascher unterhielt wahrscheinlich auch ein Schriftsteller Manes Sperber, der sich sehr für ihn einsetzte und der im Ausland Beziehungen zu dem Trotzkisten Reich (lebt in Norwegen) hat. („Lange Nacht in der Lubjanka“, Der Spiegel, Nr. 2, 1994)

Tatsächlich taucht Sperber 1936 in Reichs Zeitschrift auf und zwar in Gunnar Leistikows Aufsatz über Reich als „Rufer in der Wüste“. Dabei geht es darum, daß Reich den Versuch gemacht habe eine „marxistische, naturwissenschaftliche Psychologie auf dialektisch-materialistischer Grundlage zu begründen“. Jedoch habe ihn (Leistikow), wie Leistikow in einer nachträglichen Fußnote einfügt, Sperber darauf aufmerksam gemacht, „daß in der russischen Zeitschrift Psichologija andere Versuche in diese Richtung gemacht worden seien (Gunnar Leistikow: „Ein Rufer in der Wüste und sein Ruf“, Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, Bd. 3, S. 100-113).

Aber zurück nach Berlin zu den Diskussionsabenden in der Parteizelle, zu der auch Reich und Sperber gehörten. Sperber erinnert sich an „Willy Reichs“ damaliges Auftreten:

Bei einer von Parteileuten organisierten Besprechung im engeren Kreise kam es zu einer ernsten Auseinandersetzung zwischen uns. Am Ende sagte ich: „Willy, wenn du die Sexualität politisieren willst, tue es. Was auch immer es bedeuten mag, es kann unserem Kampf nicht schaden, sondern eher nützen. Wenn du aber die Politik sexualisieren willst, so begehst du einen doppelten Irrtum, einen psychologischen und einen politischen. Ich bin dagegen.“ Er reagierte sehr scharf und brachte ein, wie er glaubte, ebenso frappierendes wie überzeugendes Argument: Der propagandistische Erfolg der Nazis, erklärte er, wird äußerst gefördert, wenn nicht gar bestimmt dadurch, daß das Hakenkreuz als Sexualsymbol auf die Massen eine ungeheure Anziehung ausübe, indes unser Hammer und unsere Sichel unter diesem Gesichtspunkt völlig wirkungslos und daher unbrauchbar seien. (z.n. Christiane Rothländer: Karl Motesiczky 1904-1943. Eine biographische Rekonstruktion, Wien 2010, S. 99)

Warum immer wieder diese Mißverständnisse, die Reich als nicht ernstzunehmenden Deppen, Psychopathen, Geisteskranken dastehen lassen? Konnte sich Reich nicht deutlich ausdrücken? Nun, im krassen Kontrast zu vielen seiner Zeitgenossen hat sich Reich ausgesprochen klar und verständlich ausgedrückt. Was hier am Werk ist, ist schlicht und ergreifend die Panzerung, spezifischer die Sexualscheu, die es unmöglich macht, einfachste Zusammenhänge zu erfassen. So gut wie alle Kritiker Reichs sagen nichts über Reich, dafür aber alles über sich selbst aus.

Insbesondere Linke projizieren ihre seltsam verschrobene Charakterstruktur in Reichs Aussagen hinein. Reich hat ein ganzes Buch über diese Problematik geschrieben: Rede an den Kleinen Mann.

Was das „Hakenkreuz als Sexualsymbol“ betrifft: Reich hat dem ein ganzes Kapitel in Die Massenpsychologie des Faschismus gewidmet. Der gesamte organisierte Mystizismus, vom Hinduismus über den Katholizismus bis hin zum Nationalsozialismus und der modernen „esoterischen Bewegung“, schöpft seine gesamte Kraft aus den unterdrückten und pervertierten („tantrischen“) Sexualenergien der Massen. Dagegen die „Vernunft“ mobilisieren zu wollen, wie Freud und die Kommunisten es versucht haben, kann nur in genau jene Katastrophe führen, deren Zeugen Reich und Sperber damals waren. Nicht Reich macht sich lächerlich, sondern der „Aufklärer“ Sperber!

Wie Reich am Ende von Die Massenpsychologie des Faschismus (Ausgabe von 1933) ausführt, ist das Problem das indifferente („unpolitische“) Massenindividuum, das gelangweilt mit den Schultern zuckt, wenn ihm rational seine sozialen Probleme auseinandergesetzt werden, aber Feuer und Flamme ist, wenn der Faschist mit den Mitteln der „Gläubigkeit“ und der Mystik, also im Namen und im Gewand der „Ehre“, sexuelle, libidinöse Bedürfnisse anspricht. Das ist so, weil das Massenindividuum bewußt oder unbewußt vollkommen von seinem sexuellen Elend okkupiert ist. Reich wollte den Faschisten dieses Instrument aus der Hand schlagen, indem er (als einziger) die wirklichen Probleme des Massenindividuums ansprach und so diesem lächerlichen Affentheater ein Ende setzte. Im Gegensatz zu Stubengelehrten wie Sperber, die rein gar nichts Konstruktives anzubieten hatten, hat er in seiner Sexpol-Arbeit gezeigt, daß sein Ansatz gangbar und erfolgversprechend ist. Angesichts dessen ist Sperbers Ironie und Herablassung schlecht ungeheuerlich. Kindergartenniveau!

Worum es damals wirklich ging, zeigt schlaglichtartig folgende Aussage von Friedrich Christian, Prinz zu Schaumburg-Lippe, 1963:

Mir sagte einmal ein namhafter Kommunist: „Der Goebbels sagt uns den tieferen Sinn unseres eigentlichen Wollens, und das ist so verblüffend, daß wir uns durch die KPD verraten fühlen.“ (z.n. Frank Schütze: Joseph Goebbels, Zützen 2003)

Aber weiter mit Jungs Brief an seine Frau, vom 15. April 1955: Später erschien Reich in New York und habe, so Jung, wie eine direkte Kopie von Otto Grosz (Otto Gross) gewirkt. Reich habe, so Jung, ein Buch über „Orgiasm“ (sic!) geschrieben, das direkt von Otto Gross hätte kommen können. Die „orgiastische“ (sic!) Form des Geschlechtes als Basis des Lebens, fast als Religion, als das politische Binden der Gesellschaft („ein wenig wie Fourier usw.“), mit einer fanatischen Gefolgschaft in der New Yorker Boheme. Man würde davon Manifestationen in der heutigen Schriftstellergeneration der USA finden. Heute, 1955, sei das Buch tabu, völlig unterdrückt, fände jedoch als Bibel in einigen anarchistischen Kreisen Beachtung. Er, Jung, höre jetzt in San Francisco mehr darüber als zu seiner Zeit in New York. Im Anschluß an einige Prozesse sei Reich (eine Parallele zu Otto Gross) in ein Irrenhaus verfrachtet worden, sei jetzt (1955) aber seit einiger Zeit wieder draußen und befasse sich mit biologischen Fragen, beispielsweise der Wüste in der menschlichen Seele (Anspielung auf „Die emotionale Wüste“).

Das schrieb Jung 1955! Daran sieht man, was damals für Gerüchte von Leuten wie Annie und Thomas Rubinstein in die Welt gesetzt wurden!

Schließlich findet sich in der Korrespondenz Jungs etwas, was auf die heutige „Wilhelm-Reich-Bewegung“ vorverweist:

Am 8. Aug 1960 schrieb Jung an Ruth Fischer, daß er vielleicht zur französischen Insel St. Marguerite, die zu den Virgin Islands gehört, reise. In diesem Zusammenhang erwähnt er einen gewissen „Dr. Kowalski“, einen polnischen Arzt aus Paris, der sich auf der Insel mit einer kleinen Kolonie von Anhängern von Wilhelm Reich niedergelassen habe. Vielleicht könne er, Jung, dort eine Anstellung finden. Der Kowalski habe ihn angeschrieben. Er kenne Kowalski durch Jean und Paul Ritter, den (angeblichen, PN) Repräsentanten Reichs in England. Jemand scheine dort über ihn, Jung, gesprochen zu haben (Franz Jung: Briefe 1913-1963. Werke Bd. 9/1, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1996).

Reich wollte nachweislich nie und nimmer irgendetwas mit dieser Art von Leuten zu tun haben. Das gilt sowohl für „Reichianer“ wie die Ritters und Konsorten (vgl. Zeugnisse einer Freundschaft) als auch für die Beatnik-Schriftsteller, die Jung erwähnt. Zu letzterem hat sich Reich im Orgone Energy Bulletin ausgelassen. Und nicht zuletzt wollte Reich nichts mit Leuten wie Manès Sperber zu tun haben, denen Reichs Gedankenwelt absolut fremd war. Es ist, als würden sich zwei außerirdische Rassen begegnen, die nichts, aber auch rein gar nichts gemein haben. Eine wirkliche Kommunikation ist ausgeschlossen.

Man lese einen beliebigen Bericht über Reich in der Presse. Was geht bloß in diesen kranken, verkorksten Köpfen vor!