Archive for the ‘Die Kinder der Zukunft’ Category

Das Nein!

10. Juni 2015

Forscher der Freien Universität Berlin und des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie haben bei Bonobos Hinweise dafür gefunden, daß diese vielleicht manchmal ihren Kopf schütteln, um das gleiche auszudrücken wie wir: „Nein!“ Das wurde nur bei Bonobos beobachtet, nicht jedoch bei den anderen Menschenaffen (Schimpansen, Orang Utans und Gorillas).

Die Frage ist, ob diese Kopfbewegung Teil unserer bioenergetischen Veranlagung ist oder nur eine kulturelle Konvention, denn in einigen Kulturen, wie Bulgarien, Nordgriechenland, Indien und Sri Lanka, wird leichtes Kopfschütteln als Zustimmung verstanden.

Die Verhaltensforscher können diese Frage noch nicht abschließend beantworten, jedoch weist aus orgonomischer Sicht einiges darauf hin, daß es wirklich zu unserer Biologie gehört.

Da wäre beispielsweise die Biopathie „Skoliose“, die offensichtlich darauf beruht, daß der Organismus des Jugendlichen zum Lebensstrom, der den Rücken emporsteigt, buchstäblich „Nein“ sagt (M.D. Brenner: „Adolescent Idiopathic Scoliosis Considered as a Biopathy“, Journal of Orgonomy, 17[2], November 1983, S. 178-200).

Diese Biopathie entspricht den „abwehrenden Bewegungen gegen den Orgasmusreflex, die normalerweise seitliche Hin-und-Her-Bewegungen sind“ (Elsworth F. Baker: „Orgone Therapy“, Journal of Orgonomy, 12[1], May 1978, S. 41-54).

Die zweite Art des „Neins“ ist schlichtweg die Wut: „Nein!“

Aus orgonomischer Sicht entstehen Entzündungen durch eine zu heftige „Erstrahlung“ der organismischen Orgonenergie. Diese Überreaktion ist die Gegenwehr des Organismus gegen die Blockierung des energetischen Flusses. In Maßen ist es natürlich und lebenserhaltend, im Übermaß ist es selbstzerstörerisch. In der Kindheit wurde die Umwelt als feindlich erfahren, d.h. man hat sich nicht als grundsätzlich angenommen gefühlt, so daß später in einer Panikreaktion auf jeden Widerstand mit maximaler Brutalität reagiert wird. Bei den einen richtet sich diese Wut auf ihre Mitmenschen, denen man wegen nichtiger Anläße das Nasenbein oder den Kiefer bricht, bei den anderen spielt sich das energetisch gleiche Geschehen innerhalb des Organismus ab, wenn normalerweise harmlose Keime (in einem ohnehin geschwächten Organismus) zu lebensbedrohlichen Entzündungen führen.

Für Menschen, die von ihrer Mutter nicht geliebt wurden, ist das Leben eine Hölle, sie verbrennen buchstäblich von innen bzw. sie machen das Leben ihrer Mitmenschen zur Hölle. Das sei jedem angeblichen „Lebensschützer“ ins Stammbuch geschrieben, der gegen Abtreibung und gar Verhütung wettert. Und auch jenen, die es zulassen, daß es in diesem Lande etwas anderes gibt als Liebesheiraten. All das sinnlose seelische, körperliche und soziale Leiden! Alles nur wegen Eurer gottverfluchten christlichen, islamischen und multikulturellen Ideologien! FAHRT ZUR HÖLLE!

Edith Chen (University of British Columbia) et al. haben 53 Erwachsene studiert, die aus armen Verhältnissen stammen. Dabei glichen sie den Zustand des Immunsystems, das durch die ökonomisch schwierigen Lebensverhältnisse in der Kindheit von früh auf besonders herausgefordert war, mit dem Mutter-Kind-Verhältnis ab.

Die 26 Teilnehmer, die ihre Mütter als warmherzig und fürsorglich beschrieben, hatten niedrigere molekulare Entzündungsprofile als die 27 restlichen Probanden. Oder mit anderen Worten: Kinder, denen es an mütterlicher Wärme gefehlt hat, leiden später in ihrem Leben unter chronischen und exzessiven Entzündungsreaktionen.

Ähnliches beobachten wir auf der Verhaltensebene. Man denke nur mal an die Kulturbereicherer aus der islamischen Welt und das „Was guckst du?!“-Phänomen. Aus nichtigsten Anlässen immer am Rande des „Messerns“! Es sind meistens Kinder aus Zwangsehen, in denen den Frauen der eigene Cousin aufgezwungen wurde. Die Familienatmosphäre ist entsprechend von Ekel (man kann sich da nahe verwandt buchstäblich nicht riechen!), Haß und Gewalt geprägt.

Werfe ich hier nicht wild alles durcheinander? Aus molekularbiologischer und sozialpsychologischer Sicht mögen ständige Entzündungen und dünnhäutige Aggressivität wenig bis nichts miteinander zu tun haben, aber wir betrachten die Welt von der Orgonenergie her!

Und schließlich gibt es das „Nein“ des Rückzugs, der in Reichs „Krebsschrumpfungsbiopathie“ kulminiert.

Reich zufolge zeichnet sich die Krebsbiopathie dadurch aus, daß eine periphere Störung sich immer weiter dem Zentrum des Lebensapparats nähert und schließlich diesen selbst schädigt.

Stellen wir uns die biologischen, physiologischen und seelischen Funktionen plastisch-räumlich vor; wir haben einen weiten Kreis mit einem Zentrum („Kern“) vor uns. Das Einschrumpfen der Kreisperipherie entspräche dem Einsetzen der charakterologischen und emotionellen Resignation. Der Kern, das Zentrum des Kreises, ist noch unberührt. Dieser Prozeß schreitet gegen das Zentrum zu fort, das den „biologischen Kern“ darstellt. Der biologische Kern ist nichts anderes als die Summe aller plasmatischen Zellfunktionen. Hat der Schrumpfungsprozeß diesen Kern erreicht, dann beginnt das Plasma selbst einzugehen. Dies fällt mit dem Prozeß des Gewichtsverlustes zusammen. (Der Krebs, Fischer TB, S. 224).

Bisher glaubte man, daß die Kachexie, die mit manchen Krebsarten einhergeht (beispielsweise Darmkrebs und Lungenkrebs), nur die Skelettmuskeln betrifft, doch Untersuchungen von Martha Belury von der Ohio State University und Kollegen konnten bei Labormäusen, die an Dickdarmkrebs litten, nachweisen, das durch die Krebs-Kachexie auch Funktionsfähigkeit und Struktur der Herzmuskeln in Mitleidenschaft gezogen wird.

Im Bericht der Ohio State University heißt es:

Vorrangegangene Studien haben nahegelegt, daß Kachexie für etwa ein Fünftel bis ein Drittel aller Krebstode verantwortlich ist. Aber viele Aspekte des Zustandes bleiben unverstanden, einschließlich ihrer Ursache und wie man voraussagen kann, wer das größte Risiko für das Syndrom in sich trägt.

Belury sagt:

Die Erschöpfung und Schwäche bei Kachexie wurden dem Schwund der Skelettmuskeln zugeschrieben. Unsere Ergebnisse unterstützen jedoch die Vorstellung, daß eine unzureichende Herzleistung, die zu weniger Bewegung und damit zu noch mehr Muskelschwund führt, ebenfalls für das Schwächesyndrom verantwortlich sein könnte. Es ist ein Teufelskreis, die zu den Komplikationen bei Krebs-Kachexie beiträgt.

Das dem ganzen ein funktioneller Prozeß, nämlich die von Reich beschriebene Schrumpfung, zugrundeliegt, ist der mechanistischen Medizin prinzipiell unzugänglich, – obwohl es mehr den augenfällig ist. Beispielsweise fanden die Forscher um Belury heraus, daß die krebskranken Mäuse zwar weniger aßen als ihre gesunden Artgenossen, aber wenn man gesunden Mäusen die gleiche Nahrungsmenge zuführte, verloren diese zwar ebenfalls an Gewicht, dies führte aber nicht zum Verlust von Skelettmuskel-Masse und zeitigte auch keine Auswirkungen auf die Herzfunktion.

Am 14ten Tag der Studie hatten die Krebsmäuse einen Herzschlag pro Minute, der fast 21 Prozent niedriger lag, und das Herz pumpte signifikant weniger Blut durch den Körper.

Die Forscher untersuchten das Herzgewebe aller Mäuse mit Hilfe der Elektronenmikroskopie. Sie fanden eine Reihe von Anzeichen für Schäden im Herzmuskelgewebe der Mäuse mit Kachexie, darunter einen Zuwachs an fibrösem Gewebe und Veränderungen in den Mitochondrien, den sogenannten „Kraftwerken“ in den Zellen, die Kohlenstoff in Energie umwandeln.

„Die Mitochondrien sahen ziemlich schlecht aus, fast als fielen sie auseinander. Und wir sahen auch Hinweise für Vorläufer für Vernarbungen und Kollagenbildung, was man in keinem Muskel gerne sieht, insbesondere aber nicht im Herzmuskel“, sagte Belury. (…)

Da auch die genetischen Funktionen im Herzgewebe untersucht wurden, fanden die Forscher, daß die Eiweiße, die mit der Energieproduktion im Muskel verknüpft sind, sich in den Herzen der Mäuse mit Kachexie von ihrer erwachsenen Form in einen fetalen Typus zurückverwandelt hatten. Dieses Phänomen war in vorangegangenen Forschungen mit Herzversagen in Zusammenhang gebracht worden.

„Das Herz gab sich noch alle Mühe Funktion und Struktur aufrechtzuerhalten. Es versuchte mit dieser Vorgehensweise sich selbst zu heilen, was aber nicht gelingen konnte. Es war zu viel vorgefallen, als daß dies hätte funktionieren können“, sagte Belury. „Wir fragen uns, ob wir einiges dieses Wissens nutzen können, um Herzerkrankungen umzukehren.“

Zukünftige Forschungen könnten untersuchen, ob die Verabreichung von Medikamenten oder zusätzlicher Nahrung in den Frühphasen der Kachexie die Verschlechterung der Herzfunktion verhindern könnten, meinte sie.

Derartige Aussagen sind zutiefst tragisch. Einerseits bestätigen sie immer wieder aufs Neue Reichs grundlegende Theorie über die Biopathie Krebs, doch andererseits zeigt die Studie, daß die Medizin mehr denn jemals zuvor im mechanistischen Denken gefangen ist. Sie sehen mit ihren eigenen Augen den Zerfall des Zellplasmas, – und wollen dem mit Medikamenten und „Ernährungsumstellung“ Einhalt gebieten!

Es wird beschrieben, wie der Krebsprozeß die energetischen Plasmafunktionen angreift und wie der Körper verzweifelt versucht, sich auf einer primitiveren Funktionsebene zu reorganisieren. Diese Prozesse hat Reich bereits vor fast 70 Jahren beschrieben – und die Zusammenhänge erfaßt…

Über Alice Miller

24. Mai 2015

Ich habe mich bereits in einem Blogeintrag mit der abtrünnigen Psychoanalytikerin und „Kinderrechtlerin“ Alice Miller kritisch beschäftigt. Damals hagelte es heftige Kritik von Seiten ihrer Anhänger. Schließlich stand sie auf der Seite des Guten und der Unschuld gegen die lebenszerstörenden Erwachsenen; die „da oben“!

Wie kann man als „Reichianer“ auch ernsthaft jemanden kritisieren, der beispielsweise so etwas geschrieben hat – obwohl sich hier wieder zeigt, daß sie Reich nicht verstanden hat:

Meines Erachtens kommt jedes Kind nicht böse auf die Welt, sondern wird dazu durch Schläge und andere Demütigungen gemacht. Meine Bücher liefern auch die Erklärung für die Tatsache, daß fast alle gutmeinenden Appelle zugunsten der humanen Kindererziehung (ob sie nun von Wilhelm Reich, von mir oder von anderen stammen) erfolglos bleiben. Denn fast alle Menschen wurden als Kinder geschlagen und tragen in sich die Angst des kleinen Kindes vor der Bestrafung, falls es gegen die Grausamkeit und Ahnungslosigkeit der Eltern rebellieren sollte. So leben wir fast alle in der Verleugnung dessen, was uns in den prägenden Jahren widerfahren ist. Der französische Philosoph Montaigne hat schon im 16-ten Jahrhundert geschrieben, man solle Kinder nicht schlagen, aber kein anderer Philosoph, kein Kirchenvater, auch kein Reformator hat sich bis heute dieser Meinung angeschlossen. Im Gegensatz zu Montaigne, der gewaltfrei und respektvoll erzogen wurde, wuchsen die anderen offenbar mit Gewalt auf und mußten sehr früh lernen, diese Brutalität dem Kinde gegenüber als richtig und notwendig zu erachten. Indessen, erst die Befreiung von der Verleugnung des eigenen Leidens ermöglicht es den Eltern ihre Kinder in Respekt und ohne Lügen zu begleiten. (…) Es mag viele Jahrhunderte dauern, bis sich diese Haltung durchsetzt, vorläufig sind es nur wenige Ausnahmen, die es wagen konnten, die Taten ihrer Eltern zu verurteilen, um sie nicht an ihren Kindern zu wiederholen.

Millers Ablehnung des Ödipus-Komplexes, ihre Rebellion gegen die zeitgenössische Wissenschaft (man findet in ihren Werken kaum Hinweise auf den aktuellen Stand der Forschung), überhaupt ihr ständiger Appell an die „Rebellion gegen die Eltern“, gehören zu einem Zeitgeist, den sie mitgeprägt hat.

In meiner Kritik ging es mir insbesondere um das „begabte Kind“, dessen empfindliches Wesen ganz besonders vor den Forderungen der Erwachsenen, die es sozusagen subkutan spürt, geschützt werden muß. Ich hatte Millers 1979 erschienenes Buch Das Drama des begabten Kindes nur immer als weitere Unterfütterung des Narzißmus von „Hochbegabten“ in meiner Umgebung erlebt. Allein schon die krankhafte Beschäftigung mit der eigenen Kindheit, die es „aufzuarbeiten“ gelte, war einfach nur – daneben. Es reicht schon, daß Miller ihr Leben damit vergeudet hat.

Zur Zeit und in jener bürgerlichen Umgebung, in der sie großgeworden ist, mag Millers Ansatz notwendig gewesen sein, doch heutzutage fördert die vorbehaltlose Unterstützung der „narzißtischen Bedürfnisse“ des Kindes nur dessen neurotischen Narzißmus, der diese Gesellschaft langfristig zerstören wird.

Die orgonomische Psychologin Virginia Whitener bringt dazu eine erhellende Geschichte, die ihr eine ihrer Patientinnen erzählt hat:

Sie hatte den Auftrag zusammen mit Kindergartenkindern eine Wand künstlerisch zu gestalten, macht versehentlich einen großen Farbfleck auf das fast fertige Wandbild und sagt spontan: „Oh, no, I made a mistake!“ Sie nahm ein Kind und zusammen machten sie aus dem Fehler irgendein kreatives Ornament. Daraufhin rief die Kindergärtnerin sie zu sich und belehrte Whiteners Patientin: „We never use that word. There are no ‘mistakes’.“

Eine läppische Geschichte, aber absolut bezeichnend: im Namen einer „moralfreien“ Erziehung („es gibt keine Fehler!“) wurde die junge Frau aus ihrem Enthusiasmus herausgezogen und die Kinder sind verwirrt, werden rebellisch. Die ganze vorher so harmonische Situation wird einfach nur kontaktlos und „psycho“! (Whitener: „Adolescent Sexuality“, Journal of Orgonomy, 35(1), Spring/Summer 2001).

Derartiges gehört für mich zum zerstörerischen Erbe von Alice Miller. Allein schon die tiefgehende Verunsicherung ganzer Generationen von Eltern!

Der medizinische Orgonom Peter A. Crist hat darauf hingewiesen, daß Selbstregulation auch die Fähigkeit umfassen muß, zwischen Ausdruck und Zurückhaltung von Antrieben zu wählen und sich entsprechend „angepaßt“ benehmen zu können. Crist bezieht sich dabei auf bisher unveröffentlichte Notizen von Reichs Biographen Myron Sharafs zu dessen letztem Seminar im August 1955:

Reich betonte den offensichtlichen, aber häufig übersehenen Punkt, daß das Kind „Neins“ erfahren muß, daß das „Nein“ ein Teil der Wirklichkeit ist, und daß, wenn es sie nicht erlernt, solange es jung ist, sie nie erlernen wird. [Reich hat nie die Ansicht vertreten], daß es überhaupt kein „Nein“ geben solle, sondern nur jene „Neins“ keine Existenzberechtigung haben, die gegen das Leben gerichtet, haßerfüllt, und vernunftwidrig sind. (Crist: „Problems of Childhood Self-Regulation in an Age of Permissiveness“,Journal or Orgonomy, 33(1&2), Spring/Winter 1999)

Das hat nichts mit „Moralismus“ zu tun oder Verrat an irgendwelchen Reich‘schen „Prinzipien“. Im Vorwort zur zitierten Ausgabe des Journal or Orgonomy beklagt der medizinische Orgonom Charles Konia:

In der heutigen antiautoritären Gesellschaft wird die liberale Ansicht, die vorbehaltlose Freiheit höher bewertet als Verantwortung, nicht als moralistisches Vorurteil betrachtet.

Whitener schließt ihren oben zitierten Aufsatz mit den Worten:

Jugendliche werden solange leiden müssen und die Gesellschaft wird sich solange im Niedergang befinden, wie Impulsivität und Entfremdung zunehmen, Loslösung und Feindschaft gegen die Gesellschaft ausagiert werden, und die vorhandenen Autoritäten und gesellschaftlichen Strukturen zerbröckeln.

Aber zurück zu Millers Auseinandersetzung mit Reich: es gehe nicht um bloße Appelle, Kinder beser zu behandeln, sondern darum, daß die Eltern (2. Generation) die kinderfeindlichen Untaten ihrer eigenen Eltern (1. Generation) verurteilen, um sie nicht an ihren Kindern (3. Generation) zu wiederholen. Bei Freud sollten die Erwachsenen ihre eigenen persistierenden infantilen Strebungen verurteilen. Bei Miller sollen sie „stattdessen“ ihre Eltern verurteilen. Beider Blick ist rückwärts gerichtet und beider Blick ist moralistisch. Hinzu kommt, daß die „Millerianischen“ Eltern dabei selbst infantilisieren, wie ich am Beispiel Miller in dem bereits verlinkten Blogeintrag über sie gezeigt habe. Reichs Ansatz war dem diametral entgegengesetzt: es geht ums Hier und Jetzt, um Kontakt zu den Bedürfnissen des Kindes, um Kontakt zum eigenen bioenergetischen Kern, um den Kontakt zu „kosmischen“ Funktionen. Es soll nichts „verarbeitet“ und nichts „verurteilt“ werden und „Moral“ spielt keinerlei Rolle. Abgesehen von wirklich pathologischen Fällen ist dazu wirklich jede Mutter und jeder Vater in der Lage. Folge deinem Herzen! Früher folgte man stattdessen irgendwelchen abwegigen Traditionen („Wer sein Kind liebt, züchtigt es!“), heute hält man sich an irgendwelche vermeintliche „Experten“, etwa Alice Miller, statt einfach das zu tun, was richtig ist. Reichs Hauptproblem bei seinem Projekt „Kinder der Zukunft“ war es, die Mütter davon abzubringen, verkrampft „orgonomisch korrekt“ handeln zu wollen. Das letzte, was dieser Planet braucht, sind „Richtschnüre für Kindererziehung“ oder irgendwelche Heilslehren.

MillerGl

Der Rote Faden: William S. Schlamm (Teil 2)

13. Mai 2015

Am 5. April 1970 erschien in der konservativen Welt am Sonntag eine Kolumne von Reichs persönlichem Freund der 20er Jahre, William S. Schlamm (Am Rande des Bürgerkriegs, Berlin: Zeitbuch Verlag, 1970, S. 341-348). Auf ihn und sein Verhältnis zu Reich werde ich in Teil 3 näher eingehen.

Schlamms Ausführungen unter dem Titel „Der Vater der ‘Sex-Revolution’„ sind deshalb lesenswert, weil sie m.E. geradezu prototypisch widergeben, was Reichs Zeitgenossen, sein desillusioniertes Umfeld und das allgemeine Publikum im Querschnitt gegen Reich einzuwenden haben. Es ist ein wildes Sammelsurium aus konservativer Kulturtheorie und bildungsbürgerlichem Mief auf der einen, intellektualistischem „Witz“ und pornographischen Phantasien auf der anderen Seite. Der zum Konservativen und McCarthy-Anhänger mutierte Schlamm erinnert verdammt an die Stalinistin Mildred Brady, die mit ganz ähnlichen Kolumnen (die erste hieß „The New Cult of Sex and Anarchy“) die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA auf Reich aufmerksam machte.

Schlamm führt aus, daß Sex für den humanistischen Konservatismus Europas eine Privatsache sei. Die modische „Sex-Revolution“ würde daraus nun eine öffentliche Angelegenheit machen. Die Sex-Revolution sei Fortsetzung der Revolution mit anderen Mitteln. Es werde jedoch immer deutlicher, daß dieses Mittel unbrauchbar ist, denn durch den Abbau individueller Hemmungen verliere man an Disziplin, die nicht zuletzt für die Revolution notwendig sei.

Der „Karl Marx“ der „Sexuellen Revolution“ hieße Wilhelm Reich. Ihr denkbar simples Aktionsprogramm laute: der größtmögliche Orgasmus für möglichst große Massen. Freud habe gezeigt, daß der sexuell disziplinierte Mensch lernt sich den Forderungen der Gesellschaft anzupassen. Reich habe daraus die entsprechenden Schlüsse für die Zerstörung der Gesellschaft gezogen. Dabei tue sich ein Widerspruch auf, denn je mehr ein Mensch über den Orgasmus nachdenke, darüber spräche und nach ihm strebe, desto minderwertiger sei der Orgasmus.

Schlamm fährt dergestalt in seiner Kolumne fort Reichs Orgasmustheorie gründlich mißzuverstehen und führt gegen sie Freuds Kulturtheorie an: Reich habe Freuds Kulturtheorie sozusagen vom Kopf auf die Genitalien gestellt, womit Schlamm offensichtlich auf Freuds Sublimationstheorie anspielen will, die Reich durch die Orgasmustheorie ersetzt habe. Dabei habe Reich Freuds wissenschaftliche Entdeckungen gar nicht infrage gestellt. Es ging nämlich gar nicht, so Schlamm, um Freuds Kulturtheorie, sondern um Freuds Kultur. Reich habe der „libidinösen Unterdrückung“ den Krieg erklärt, nicht weil er aus dem maximalen Orgasmus einen kulturellen Gewinn erwartete, sondern weil er die „bürgerliche“ Welt seines geliebten Meisters Freud so haßte.

Reich, den Schlamm schließlich in Wien persönlich kannte, habe eine große innere Unruhe getrieben. Die anfängliche wissenschaftliche Offenheit wich langsam aber sicher die Überzeugung, daß ihm, dem zufälligen Wilhelm Reich, die Rolle des Erretters der Welt zugefallen sei. Die Wasserscheide sei schließlich Reichs Übersiedlung nach Berlin gewesen. (Es ist bei Schlamm wie bei wirklich allen von Reichs „Freunden“: Reich ist ihrer Meinung nach genau zu dem Zeitpunkt ab- bzw. durchgedreht als er aus ihrem jeweiligen Gesichtsfeld entschwunden ist!)

Ziel der Berliner „Sexpol“ sei die Politisierung der lethargischen bürgerlichen Welt durch Sex gewesen. (sic!) Revolution, predigte Reich gegenüber den Berliner Kommunisten, bliebe Illusion, solange der Arbeiter nicht sexuell „ungehemmt” sei. Die Berliner Kommunisten dieser fiebrigen Zeit seien, so Schlamm, alles andere als prüde gewesen und ließen den Wiener Sonderling anfangs amüsiert gewähren. Mit seiner ansteckenden Illusion der Erlöser zu sein, habe er sogar einigen organisatorischen Erfolg gehabt. Bis sich die Partei langsam darüber sorgte, daß so viele talentierte Leute der direkten Parteiarbeit entzogen wurden.

In Skandinavien seien dann Reichs Kommentare immer selbstgewisser, egozentrischer und bitterer geworden. Er, Wilhelm Reich, hatte den Weg zum Glück und zur Befreiung gefunden – und die niederträchtige Welt wollte nicht auf ihn hören. In der gesamten deutschen Emigration, die ohnehin generell einer wachsenden Isolation anheimfiel, gab es, Schlamm zufolge, niemanden der auch innerhalb der Emigration mehr isoliert war als Reich.

Die Spaltung zwischen dem vorsichtigen Wissenschaftler und dem besessenen Sexualrevolutionär wäre Reichs Untergang gewesen. Der Sexualrevolutionär glaubte, mit dem unkontrollierten Orgasmus den Hebel zur Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft gefunden zu haben. Der Wissenschaftler in ihm bestand auf einer materiellen Erklärung für diese politische Annahme – und dieser Punkt habe Reich in den klinischen Wahnsinn getrieben. Er gab vor, die unbekannte atmosphärische Strahlungsenergie entdeckt zu haben, die die Erde mit sex-geladenen Energiequanten bombadiert, die Reich „Orgonteilchen“ nannte. Und er gab dies nicht nur vor – der gebildete Mann glaubte an diesen primitiven Unsinn mit einer Obsession, die ihn vernichtet hat. Er baute und Verkaufte „Orgonkisten“, in die man sich hineinlegen mußte, um sich regelmäßig aufzuladen und so den maximalen Orgasmus zu lernen. (sic!)

Ja, wirklich tragisch. Wäre Reich doch nur seinem Freund Schlamm gefolgt, denn der kannte die Medizin, die Lösung: Humor! Reichs wahres Unglück sei, so Schlamm, sein Mangel an Humor gewesen.

Dies würde noch immer die „Sex-Revolution“ kennzeichnen. Schlamm fährt fort auszuführen, daß, im Gegensatz zum reinen physiologischen Akt, die Liebe spielerischen Humor benötige. Hemmungsloser Sex führe entweder in den Drogenmißbrauch oder man finde schließlich doch die wahre Liebe. In beiden Fällen sei man für die „Sex-Revolution“ verloren.

Die Sexualrevolutionäre behaupten, sie seien gegen den Konsum, aber sie seien selbst die größten Konsumenten. Und was „Make love, not war“ beträfe fielen gerade im Krieg die sexuellen Hemmungen weg wie sonst nirgends. Hemmungsloser Sex sei die vollständige „Entfremdung“. Das Individuum forme sein Ich nun mal außerhalb des Vegetativen und im bewußten Kampf gegen das Vegetative. Insbesondere werde die Frau durch die „Sexuelle Revolution“ entfremdet, da sie zu einer sinnlosen genitalen Maschine reduziert werde. Der Sexualrevolutionär nähme die Frau, irgendeine Frau, als Werkzeug für seine Selbstbefriedigung.

Persönlich habe Reich zweifellos mit vollem Ernst seine eigenes Rezept gelebt, mutig alle seine Inhibitionen von sich geworfen und sich dem Orgasmus im kultischen Dienst hingegeben. (sic!) Er hatte nie den Frieden der Seele gefunden, die Freude des Humors, nie die liebende Sicherheit einer gewachsenen und erwachsenen Beziehung. Dieser Prophet des „Orgons“ sei gewissermaßen ein Puritaner gewesen. „Mit Sex kannte er keinen Spaß.“ Er war besessen von der höheren Qualität des bewußtlosen Vegetativen.

Dieser gewiefte Wissenschaftler habe nie verstanden, was vor kurzem ausgerechnet der Filmstar Raquel Welch von sich gegeben hatte: „Meine erogene Zone ist das Gehirn.“ Das Gehirn sei, so Schlamm, die erogene Zone jeder gesunden Frau und jedes gesunden Mannes. An sich sei das Jucken und Pochen des Vegetativen ziemlich lächerlich. Es wandelt sich erst in privates Glück, wenn es das liebende und humorvolle Spiel zweier Menschen werde, die sich vom Herzen und vom Gehirn aus lieben. Diese Tatsache sei dem Psychoanalytiker Dr. Wilhelm Reich natürlich bekannt gewesen, aber der Sexualpolitiker Willi Reich wies sie von sich.

Der ach so schlaue Schlamm hat wohl nicht mal geahnt, daß er und nicht etwa Reich der angeblichen „Sex-Revolution“, der Entfremdung und Pornographisierung das Wort redete. Irgendwo sagt Reich (sinngemäß), daß Modju mit seinem Genital denkt und mit seinem Gehirn – fickt.

Und – so abwegig waren Schlamms Erläuterungen nicht, angedenk des Gesindels, mit dem er es zu tun hatte. Wenn nicht aktiv, so haben die 68er jedenfalls Kinderfickerei geduldet, diente es doch der „Befreiung“. Man denke nur mal an die Kommune 1 und die Kommune 2 oder an den „Provokateur“ Daniel Cohn-Bendit. Dazu die katholische Tagespost 2008:

Dazu gab es ja eine umfangreiche theoretische Grundlegung. Der marxistische Sexualtheoretiker Wilhelm Reich, der Star der Bewegung, schrieb: „Die Unterdrückung des kindlichen und jugendlichen Liebeslebens hat sich als Kernmechanismus der Erzeugung von hörigen Untertanen und ökonomischen Sklaven erwiesen“.
Das ist in der Tat der Punkt, an dem eine bis dahin eher humane Vorstellung von Befreiung der Sexualität umschlug. Das ist paradox: Das Kind muß zur sexuellen Freiheit gezwungen werden, aber was diese Freiheit sei, das definieren die Erwachsenen. Wenn wir uns ansehen, was in den Kinderläden und Familien passiert, was dokumentiert und theoretisch legitimiert worden ist, dann war 68 bezogen auf die Kinder eine grenzverletzende, keineswegs eine lässige Bewegung. Das ist auch ein Erbe von 1968. Es wurde und wird außer Acht gelassen, daß freie oder befreite Sexualität auch die Freiheit beinhaltet, nein zu sagen, Grenzen zu setzen, sogar, gegebenenfalls, auf Sexualität zu verzichten, im Zölibat zu leben oder eine unspektakuläre Sexualität zu haben oder nicht dauernd und mit jedem über sein Intimleben quatschen zu müssen.

Damals erschien im Stern ein Artikel über die 68er mit dem gleichen Reich-Zitat. Und das wiederum entstammte offensichtlich einem Artikel aus der Zeit von 1991.

2007 erschien im Spiegel ein guter ausgewogener Artikel über Neills Summerhill, in dem auch Reich kurz Erwähnung fand (was in der Berichterstattung über Neill und Summerhill nicht selbstverständlich ist). Es wurde sogar hervorgehoben, daß Summerhill nichts mit „antiautoritärer Erziehung“ zu tun hat.

Der deutsche Buchtitel hängt bis heute wie ein Fluch über der Schule. Dabei hatte Neill den Begriff antiautoritär nie benutzt, sein Motto war „Freiheit, nicht Zügellosigkeit“. Seine Schule war kein experimenteller Kinderladen, seine Schüler kamen klar mit der Freiheit. (…) „Laßt mich bloß in Ruhe mit den deutschen 68ern“, soll Neill oft gewettert haben.

Eine Kritik, die von einer ehemaligen Schülerin angebracht wird, ist sicherlich berechtigt: das Problem in Summerhill sind Lehrer, die ihre eigene Kindheit auf Kosten der Kinder nachholen wollen.

Irgendwo schreibt Neill (leider finde ich das genaue Zitat nicht), daß, wenn er von der Sexualität von Kindern und Jugendlichen spricht, er natürlich davon ausgehe, daß seine Leser wirklich erwachsen sind – und deshalb nicht selbst Interesse an „kindlicher Sexualität“ haben. Siehe auch meinen Blogeintrag Sexueller Kindesmißbrauch.

Genau das, daß Erwachsene aufgrund einer eigenen unerfüllten Kindheit emotional zurückgeblieben sind, trifft den Nagel auf den Kopf. Die 68er, die nie erwachsen geworden sind, haben ihre neurotische infantile Rebellion ausgelebt. Der Schaden, den diese antiautoritären Wichser der Orgonomie in Deutschland zugefügt haben, ist schier unermeßlich!

Sexueller Kindesmißbrauch

14. April 2015

Der deutsche Fernsehkrimi kennt nur zwei Themen: Neonazis und Kinderschänder! Das sind die beiden Feindbilder, mit denen man so gut wie jeden mobilisieren kann. Die heutige Diskussion um den angeblichen Kinderficker Werner Vogel, 1933 SA-Mann und 1980 Grüner der ersten Stunde, ist symptomatisch. Vogel ist das ultimative Faszinosum! Der Teufel schlechthin! Der viehische Haß auf ihn, hält die gepanzerte Gesellschaft zusammen. Das gleiche Pack frägt sich dann, wie es nur zum Holocaust kommen konnte…

Insbesondere der Vorwurf des sexuellen Kindesmißbrauchs ist der finale Stoß gegen den verhaßten Gegner. Die aufklärerischen Kräfte kühlen so ihren Mut an der Katholischen Kirche, während umgekehrt die Konservativen über Daniel Cohn-Bendit und die Odenwaldschule herziehen können.

Beide Lager verdrängen, daß es um die Grundlagen unserer Zivilisation geht. Solange wir hier nicht aufräumen, wird der Alptraum, der Mord an Kinderseelen immer weitergehen.

In den 1920er Jahren hat Reich dargelegt, daß der Erziehungszwang, der sich in der Unterdrückung der kindlichen Onanie äußert, auf der Sexualverdrängung der Erwachsenen beruht, die sie durch Unterdrückung ihrer Kinder aufrechterhalten müssen. Wobei die Erwachsenen selber aus ihren eigenen verdrängten Sexualwünschen heraus unbewußt das Kind durch Bewegungsspiele und Waschungen sexuell animieren. Schon das „Huckepackreiten“, das „Angstlust“ hervorrufende Angstmachen und das Beisein des Kindes im elterlichen Schlafzimmer erfüllen nach Reich den Tatbestand des sexuellen Kindesmißbrauchs. Triebtheorie und „Verführungstheorie“ sind demgemäß untrennbar miteinander verbunden (Wilhelm Reich: „Eltern als Erzieher – Teil II: Die Stellung der Eltern zur kindlichen Onanie“, Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Bd. 1, Nr. 7/8/9, 1927, S. 263-269).

Alice Miller (mit der ich mich bereits auseinandergesetzt habe) hat in ihre Kritik an Freud Reich ausdrücklich einbezogen. Siehe meine Ausführungen in Alice Miller und die Emotionelle Pest.

Groteskerweise vertritt Miller selbst eine Freudsche Position, die Reich kritisiert hat, nämlich die Schlußfolgerung, die die Psychoanalyse aus der Theorie des Ödipuskomplexes gezogen hatte: Freudianische Mütter mochten ihre Babys kaum berühren, weil sie ständig Angst vor inzestuösen Gefühlen hatten, sich also genau gegensätzlich zu den Unterstellungen von Miller verhielten.

Reich zufolge ergibt sich der Inzestwunsch der Kinder u.a. „und, gewiß nicht in letzter Linie, aus der sexuellen Bindung der Eltern an die Kinder“. Dies sei seinerseits „wieder bestimmt durch die sexuelle Unbefriedigtheit der Erwachsenen“ (Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, S. 28).

Reich selber hat eine Entwicklung durchgemacht. Seine Töchter zeigten in den 20er Jahren Nacktfotos ihrer Eltern (Nadine Hauer/Wolfram Ratz: „Wilhelm Reich in Österreich“, emotion 9, 1989, S. 54). Damals vertrat er noch etwas, was im Titel eines Aufsatzes von 1928 zum Ausdruck kommt „Wohin führt die Nackterziehung?“ (Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Bd. 3, Nr. 2/3, Nov./Dez. 1928, S. 44-50). In den 40er und 50er Jahren, d.h. vor dem Hintergrund besserer Einsichten in die Entwicklung der individuellen Panzerung, hat er sich selbst nie nackt, d.h. mit entblößtem Penis, vor seinem Sohn gezeigt (Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 58 und M. Glass: „Parental Nudity and Castration Anxiety“, Journal of Orgonomy, 15(1), May 1981, S. 79-82). Kein Orgonom wird jemals Nudist sein!

Wie entsteht ein Kinderschänder? Nach neueren Forschungen müssen drei Elemente zusammenkommen, um einen jungen Mann zu einem potentiellen Täter zu machen (Neuro-Depesche 4/2010):

  1. Angst vor Bindungen bei einem gleichzeitigen starken Bindungswunsch;
  2. „Hypersexualität“, die den Wunsch nach Intimität „sexualisiert“; und
  3. Angst von Gleichaltrigen als „wertlos“ zurückgewiesen zu werden.

Dies wurde durch eine Querschnittstudie von M.H. Miner (University of Minnesota) et al. von neuem bestätigt. Dazu wurden drei Gruppen von jugendlichen Straftätern untersucht: 107 Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergangen hatten, 49 an Gleichaltrigen und Erwachsenen und 122 mit nicht-sexuellen Delikten.

Die Ergebnisse deuten auf einen indirekten Effekt des Bindungsstils hin: Die signifikant höhere Bindungsangst beeinträchtigt die adäquate Beziehung zu Gleichaltrigen („Peers“) und den Selbstwert. Anhand dieser Merkmale – in Kombination mit einer ebenfalls signifikant häufigeren Hypersexualität und einer grundsätzlich positiven (!) Haltung gegenüber anderen (als Ausdruck eines starken Bindungswunsches) ließen sich pädophile Sexualstraftäter von den beiden Vergleichsgruppen unterscheiden.

Daß der in der Kindheit erworbene, unsicherheits-geprägte „Attachment style“ und die daraus folgende Isolation für den sexuellen Mißbrauch von Kindern eine maßgebliche Rolle spielt, stimmt mit den gängigen Urachentheorien überein.

Wollt ihr Kinder schützen, dann laßt Jungen in einer emotional stützenden Umgebung aufwachsen!

Wie ist die „Hypersexualität“ einzuordnen? Dieses Phänomen hat Reich bereits in seiner ersten großen psychoanalytischen Studie, in dem 1925 erschienenen Buch Der triebhafte Charakter untersucht. Triebhaftigkeit („Hypersexualität“) entsteht durch eine inkonsequente Erziehung, bei der auf unverantwortliche Nachgiebigkeit, um so stärkere abrupte Triebversagungen folgen.

In Der triebhafte Charakter und dem thematisch dazugehörenden Aufsatz „Eine hysterische Psychose in statu nascendi“ hat sich Reich bereits 1925 eingehend mit der sexuellen Kindesmißhandlung und ihren charakterologischen Folgen auseinandergesetzt (Frühe Schriften I, siehe z.B. die unterschiedlichen Fälle von sexuellem Kindesmißbrauch S. 233f, S. 296, S. 305 und S. 315).

In beiden Abhandlungen beschäftigt sich Reich unter der Bezeichnung „hysterische Spaltung“ mit der heute heißdiskutierten „multiplen Persönlichkeit“ infolge von sexueller Kindesmißhandlung.

Von Anfang an zu Krankheit und frühem Tod verurteilt

10. April 2015

Bislang wurde vor allem der Einfluß von Wochenbettdepression auf die Entwicklung von Kindern untersucht. Nun wurde von der Cardiff University, dem King’s College London und der University of Bristol in einer Langzeitstudie anhand von 120 Jugendlichen untersucht, welchen Einfluß eine Depression der Mutter während der Schwangerschaft auf das Leben ihrer Kinder hat. Dazu wurden die Mütter während der Schwangerschaft, nach der Geburt, und als ihre Kinder 4, 11 und 16 Jahre alt waren, interviewt.

Bei Müttern, die während der Schwangerschaft an Depressionen leiden, ist es viermal so wahrscheinlich, daß sie Kinder haben, die mit 16 gewalttätig sind. Das trifft sowohl auf Jungen als auch auf Mädchen zu. Auch zeigte sich, daß das eigene antisoziale Verhalten der Mütter, als sie Teenager waren, es wahrscheinlich macht, daß sie bei einer späteren Schwangerschaft unter Depressionen leiden werden.

Andere Faktoren neben dieser Verbindung zwischen der Depression in der Schwangerschaft und der Gewalttätigkeit der Jugendlichen konnten als Erklärung ausgeschlossen werden. Was hinter dieser offensichtlichen Kausalität steckt, können die Forscher jedoch nicht sagen.

Reich stellte sich die prä- und postnatale Entwicklung ungefähr wie folgt vor: Ab der neunten Schwangerschaftswoche werden die Bewegungen des Embryos zum ersten Mal koordiniert und harmonisch. Die Keimentwicklung ist dann mit der „Zusammenfassung aller Bio-Funktionen zu einem einheitlich, koordinierten Bio-System etwa im 10.-12. Lebensmonat“ nach der Geburt abgeschlossen (Der Krebs, Fischer TB, S. 398). Dies sei, so Reich weiter, die „kritische Periode“ für das spätere bioenergetische Funktionieren.

Die „kritische Periode“ der „psychischen“ Entwicklung liegt etwa zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr; sie ist in ihrem Ausgang weitgehend von dem Ablauf der biophysikalisch kritischen Phase bestimmt. (ebd.)

Diese Periode, die der „ödipalen Periode“ in der Psychoanalyse entspricht, hat Reich auch als „erste Pubertät“ bezeichnet. Mit der eigentlichen Pubertät ist die Entwicklung des Charakters endgültig abgeschlossen.

Reich sieht eine bruchlose Kontinuität in der bio-emotionalen Entwicklung des Menschen zwischen dem frühen Embryonalstadium, über die Geburt und die psychosexuelle Entwicklung, bis zum Abschluß der Pubertät. In der Pubertät kommt es mit der Sexualreife zum größten bioenergetischen Schub, der die Grundkonflikte in ein scharfes Relief setzt.

Bereits im Uterus sind Kinder depressiver Mütter in einer Art „trostlosen bioenergetischen Wüste“ herangereift. Jeder weiß, wie das ist, wenn man mit einem Depressiven ständig auf Tuchfühlung ist: man kann sich der negativen Einwirkung des fremden bioenergetischen Systems auf das eigene System kaum entziehen. Um wie viel mehr muß dies auf das sich entwickelnde Embryo einer depressiven Schwangeren zutreffen! Es ist nur natürlich, daß ein Mensch, der so schon vor der Geburt herangereift ist, sich in seiner Jugend entsprechend dem bioenergetisch eingeprägten Gefühl von innerer Leere und Hoffnungslosigkeit verhalten wird.

Aufgabe der Orgonomie ist es, den Teufelskreis, diese „bioenergetische Ansteckungskette über die Generationen hinweg“, zu durchbrechen.

Auch zeigen diese Forschungsergebnisse erneut, wie eng doch die Themen von Der Krebs und Die sexuelle Revolution miteinander verwoben sind.

Wie bereits in diesem Blog erwähnt, hängt Altern mit kürzeren Telomeren zusammen, den „Kappen“ am Ende der Chromosomen. Die Länge der Telomeren ist ein Maß des biologischen Alterns, weil sie mit jeder Zellteilung kürzer werden. Kürzere Telomeren hängen mit kardiovaskulären Erkrankungen, Krebs und anderen Alterserscheinungen zusammen.

Im Zusammenhang mit meinen Ausführungen über Telomere verwies 2010 Heiko Lassek in einem Leserbrief auf Gerald Hüther: Biologie der Angst (über physiologische und genetische Veränderungen). Lassek: „Hüther war im persönlichen Gespräch gegenüber Wilhelm Reich sehr offen – er eröffnete unsere Veranstaltungsreihe ‚Was ist Leben‘ am 04.02.[2010].“

Audrey Tyrka und ihre Kollegen vom Butler Hospital und der Brown University, Rhode Island untersuchten die DNA von gesunden Erwachsenen, die in ihrer Kindheit physisch oder emotional mißhandelt worden waren. Die Forscher fanden bei ihnen kürzere Telomeren, als bei denjenigen, die eine gute Kindheit hatten.

Tyrka zufolge deuten diese Forschungsergebnisse an,

daß frühe Einwirkungen auf die Entwicklung tiefgreifende Auswirkungen auf die Biologie haben, die Zellmechanismen auf einem sehr grundlegenden Niveau beeinflussen und sogar zu beschleunigter Alterung führen können.

Idan Shalev und seine Kollegen von der Duke University in Durham und seine Kollegen konnten nachweisen, daß mißhandelte Kinder mit vorzeitig gealterten Chromosomen ins Leben starten:

Gewalterfahrungen in der Kindheit nagen an den Telomeren, den Schutzkappen der Träger des Erbgutes. Diesen Zusammenhang konnten Forscher nun bei fünf- bis zehnjährigen Kindern nachweisen, die Misshandlungen erleiden mussten. Verkürzte Telomere gelten als ein Zeichen der Alterung und sind mit einem erhöhten Risiko für Erkrankungen und einer verkürzten Lebenserwartung verbunden.

Derartige grundlegende Schädigungen des Lebendigen können sogar bereits im Mutterleib beginnen.

Der medizische Orgonom Michael A. Ganz führt dazu aus, daß bei einer Schwangerschaft der Energie- und Erregungspegel der Frau stark ansteigt. Ist sie chronisch gepanzert oder findet sie während der Schwangerschaft keine sexuelle Erleichterung, entwickelt sie starke Angst.

Der Kontakt und die orgonotische Strömung können ganz verschwinden und der Fötus wie ein fremder Eindringling innerhalb des mütterlichen Körpers erfahren werden. Das kann bewußt sein und bis zu dem Punkt fortschreiten, daß die Frau Haß auf den Fötus entwickelt und versucht ihn abzutreiben. Unter derartigen Umständen ist mit Sicherheit die Pulsations-Funktion verschwunden, die bioenergetische Abfolge von Kontraktion und Expansion sowohl innerhalb der Mutter als auch innerhalb des Fötus. Unsere klinischen Erfahrungen weisen darauf hin, daß dieses Schwinden von Pulsation den Fötus für biopathische Erkrankungen später im Leben anfällig machen kann. Im Journal of Orgonomy berichtete ich von einem Fall einer schwerwiegenden Lähmung, die im Verlauf der Therapie aufgetreten ist. Auch einige andere Therapeuten berichteten über ernste Erkrankungen während der Therapie bei Patienten, die eine ähnliche Panzerung zeigten. In jedem dieser Fälle gab es Hinweise darauf, daß die Mütter der Patienten ihre Kinder nicht wollten; daß sie aktiv und bewußt die Schwangerschaft ablehnten und sie abtreiben wollten. (M. Ganz: „Functional Child-rearing“, Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976)

Bei dem von Ganz erwähnten Artikel handelt es sich um Ganz: „Anorgonotic Paralysis as a Complication of Orgone Therapy“, Journal of Orgonomy, 8(1), November 1974.

Streß während der Schwangerschaft kann die Gefahr für Asthma beim Kind erhöhen. Forscher der Harvard Medical School in Boston untersuchten Unterschiede von Immunmarkern im Nabelschnurblut zwischen Kindern von Müttern, die in einer Umgebung mit einem hohen Streßfaktor leben und solchen mit einem niedrigen. Sie fanden große Unterschiede, die mit einem erhöhten Asthmarisiko für die Kinder verbunden sein können. Entsprechendes wurde vor kurzem bei Labormäusen an der Harvard School of Public Health in Boston nachgewiesen.

Die Farben- und Formenwelt des Säuglings

6. April 2015

Es ist eine pestilente Mär, daß der Mensch als Baby von der Welt abgekoppelt, „autistisch“ sei („primärer Narzißmus“). Reich zufolge konnten Freud, Melanie Klein und andere nur deshalb zu dieser Theorie gelangen, weil sie bloß mit Säuglingen zu tun hatten, die durch eine widernatürliche Geburt und eine empathielose Pflege in einen entsprechenden Schockzustand versetzt worden waren.

Heute wird dieser „Autismus“ durch die technische und gesellschaftliche Umwelt verstärkt. Maria Luisa Nüesch, Präsidentin des Vereins Spielraum-Lebensraum e.V., sagt dazu in einem Interview:

In der von Ihrem Verein herausgegebenen Broschüre Neugeborene unter dem Einfluss von TV und Handys beklagen renommierte Wissenschaftler, daß allgemein der mütterliche Instinkt in Bezug auf die Säuglinge schwindet. Wie äußert sich das?

Man darf den jungen Müttern nicht die Schuld zuschieben, sondern muß die gesamtgesellschaftliche Entwicklung betrachten. Immer mehr Mütter sind mit ihrem Baby allein. Sie fühlen sich einsam und sind isoliert, weil die Familie nicht in der Nähe ist oder keine Zeit für sie hat. Die Freunde, der Kindesvater und die Großeltern müssen viel arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. So findet viel weniger soziales Miteinander statt. Verständlich, daß die Mütter dann per Handy und Computer Kontakt und Unterhaltung suchen. Diese Geräte gehören ganz selbstverständlich zum Alltag, so daß praktisch niemand auf die Idee kommt, der Umgang damit könnte für das Baby schädlich sein. Das Bewußtsein in dieser Hinsicht ist noch außerordentlich gering.

Deshalb sitzen manche Mütter beim Stillen vor dem Fernseher oder sie chatten stundenlang mit dem Baby im Arm am Computer. Manche Mamas reden mehr am Handy als mit dem eigenen Kind.

Manche Eltern scheinen tatsächlich das Gefühl für ihre Babys verloren zu haben. Wieso?

Ja. Väter bringen Säuglinge mit zu Rockkonzerten, Mützchen für Kinder gegen Sonne oder Wind und Wetter werden einfach vergessen, die Kinderwägen sind nach vorne ausgerichtet, so daß kein Augenkontakt mehr stattfinden kann, Kinder werden zu lange in den Autositzschalen gelassen, damit die Eltern mobil sind usw. Es gibt viele Beispiele.

Viele Eltern haben gar nicht die Chance, die Bedürfnisse ihres Babys kennenzulernen. Wenn schon am Wochenbett im Krankenhaus der Fernseher läuft und dauernd das Handy klingelt, wird es für Mütter schwer, sich auf ihr Neugeborenes einzulassen, dessen zarte Signale zu empfangen und zu deuten. Es gibt eine Menge Ablenkungen, die es Müttern erschweren, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen.

Anna Franklin, vom Surrey Baby Lab, hat bei über 250 Babys erforscht, welche Farben sie bevorzugen.

Es ist ein Mythos, daß Neugeborene farbenblind sind. Sie können Farben sehen, auch wenn es sich in den folgenden Monaten weiterentwickelt.

Babys bevorzugen reine Farben wie Rot, Blau, Gelb und Grün. Am wenigsten mögen sie Braun.

Einige Babys zeigen eine auffallende Vorliebe für nur eine Farbe, während andere mehrere Farben mögen.

Bei 105 Babys im Alter zwischen einem halben und sieben Tagen haben Teresa Farroni und Kollegen von der Universität in Padua die Reaktion auf stark stilisierte Gesichter untersucht und festgestellt, daß Babys bevorzugt auf aufrechte Gesichter reagieren. Offenbar, weil nur ein solches einen Kommunikationspartner signalisiert. Auch sind Babys auf helle Flecken mit einem dunklen Punkt in der Mitte fixiert. Diese Flecken signalisieren die stärkste Form des Kontaktes über eine Distanz: den Augenkontakt (die dunkle Iris im Weißen des Auges).

Neben dem Hell-Dunkel-Kontrast spielt aber noch ein zweiter Faktor eine Rolle, wenn sich die Aufmerksamkeit von Neugeborenen auf ein bestimmtes Bild richtet: die Beleuchtung. Die Forscher zeigten den Babys Fotos einer Frau, deren Gesicht einmal von oben und einmal von unten beleuchtet wurde. Die Kinder sahen wesentlich öfter und länger zum zweiten Bild, bei dem die Frau von oben angestrahlt wurde. Diese Form der Beleuchtung kommt auch in einem normalen Umfeld am ehesten vor, entweder durch die Sonne oder einer Lampe, und es entstehen dabei charakteristische Schattierungen rund um die Augen.

Mit dem Handy in der Hand oder vor dem Computer kommt heutzutage das Licht eher von unten.

Babys: „Experten“ fordern die harte Tour!

30. März 2015

Vor einem Jahrzehnt erschien folgende Meldung in der BILD-Zeitung:

Baby kann nicht schlafen? Lassen Sie es schreien! Es ist Abend, das Baby will nicht einschlafen. Es weint und schreit herzerweichend. Was tun? Paul Ramchandani von der englischen Oxford-Universität hat über Jahre verschiedene Einschlafmethoden untersucht. Sein Rat: die harte Tour. „Auch wenn es schwer fällt“, sagte er, „Eltern sollten ihre Kinder, wenn sie nicht einschlafen können, schreien lassen, dann gewöhnen sie sich am schnellsten an den Schlafrhythmus. Es ist ein natürlicher Prozeß, den alle Säuglinge durchmachen.“ In ihren ersten Lebensmonaten würden die Babys lernen, zwischen hell und dunkel, Tag und Nacht zu unterscheiden, und langsam ihren Schlaf mehr zur Nacht hin verlegen.

Die effektivste Methode, Kinder abzurichten, ist es, sie in die emotionale Resignation zu treiben. Das ist jedenfalls das, was beim Publikum ankommt. Die Diskussion sah damals weitaus differenzierter aus:

Beispielsweise wendet die Kinderärztin Mary Fay ein, es sei gefährlich alle Schlafprobleme von Babys auf Verhaltensprobleme zu reduzieren. Es könnten nämlich auch rein physiologische Probleme mit der Atmung vorliegen, was den Schlafrhythmus stört. Im Zweifelsfall müßte eine umfangreiche Polysomnographie durchgeführt werden.

Ein bemerkenswerter Einwand stammt von dem Psychologie-Professor Dieter Wolke: Man solle bei Säuglingen bis zum 6 Monat die Maßnahmen zum Durchschlafen nicht anwenden, da in den ersten Monaten für manche Babys auch das Stillen während der Nacht wichtig ist, um eine schnelle Gewichtszunahme und ein ordentliches Wachstum des Gehirns zu gewährleisten!

Geradezu orgonomisch ist der Einwand der Stillberaterin Zan Buckner:

Die Grundannahme der Studie von Ramchandani et al, daß sehr kleine Kinder sich daran gewöhnen sollten, von ihren Eltern getrennt zu schlafen, so daß sie erst am Morgen wieder gesehen und gehört werden, ist sehr fragwürdig. In vielen nicht-westlichen Gesellschaften würden derartige Schlafgewohnheiten als eine Abirrung betrachtet werden. Die Anthropologin Carol Wortham von der Emory University in Atlanta fand eine Vielfalt von Schlafgewohnheiten in zehn traditionellen Gesellschaften von Jägern und Sammlern, von denen keine mit dem gegenwärtigen Ideal unserer Gesellschaft zusammenfällt, durch die ganze Nacht hindurch alleine zu schlafen, ohne dabei zu erwachen. Vielleicht ist für Babys ein gewisses Maß des nächtlichen Wachens, und ihr Wunsch von den Eltern getröstet zu werden, natürlich und gesund. Unsere Probleme, dieses Verhalten in den Griff zu bekommen, können darauf beruhen, daß wir gegen die Natur und die grundlegende Biologie des Menschen ankämpfen. Wir müssen streng darauf bedacht sein, nicht das, was wünschenswert für die menschliche Gesundheit ist, mit dem zu vermengen, was nur der gegenwärtigen Erwartungshaltung unserer Gesellschaft entspricht.

Unter dem oben angegebenen Link finden sich weitere Diskussionsbeiträge und die abschließende Antwort von Ramchandani und seiner Mitautoren.

Was am Ende bleibt, ist die auf wenige Sätze reduzierte unverantwortliche Anleitung, gegen die Natur und die ganz individuellen (teilweise grob physiologischen Bedürfnisse) von Babys zu kämpfen und sie in unsere „Kultur“ einzupassen, d.h. Panzerung zu erzeugen. Die harte Tour!

Von Interesse ist auch der Artikel aus der WAZ, „Elf populäre Irrtümer zum Babyschlaf“. Besonders hat mir folgende Stelle gefallen:

Die Sozialpädagogin Eva Solmaz liefert mit ihrem Buch Besucherritze: Ein ungewöhnliches Schlaf-Lern-Buch einen pragmatischen Ansatz zum Kinderschlaf und zu Schlafproblemen. Vor allem entdramatisiert sie den Begriff Schlafproblem und wendet sich gegen allzu rigide Formen des Einschlaf-Trainings. Ans Herz geht zum Beispiel ein Selbstversuch: Begeben Sie sich ins Freie, legen Sie sich hin und schreien sie lauthals wie ihr Baby, bevor es ohne Hilfe einschlafen soll. Versuchen sie einzuschlafen, während sie immer mehr schreien und rot anlaufen.

The Journal of Orgonomy (Vol. 48, No. 1, Spring/Summer 2014)

7. März 2015

In dem Artikel „Right from the Start: Pregnancy, Birth and Emotion“ (S. 27-37) befaßt sich die medizinische Orgonomin Susan Marcel mit der zentralen Rolle des emotionalen Kontakts in der Zeit vor, bei und nach der Geburt. Das ganze stellt sie schematisch wie folgt dar:

emotgeburt

Um alles mögliche werde sich in der Geburtshilfe gekümmert, nur nicht um den emotionalen Kontakt, vielmehr würden Gynäkologen und Hebammen von bürokratischen Vorgaben und der Angst verklagt zu werden terrorisiert. Es wird alles getan, um den emotionalen Kontakt mit der Patientin zu unterbinden und jeden ins Abseits zu stellen, der es wagt dafür zeitliche und materielle Ressourcen „zu vergeuden“.

In den USA bewarb sich der Multimillionär John Edwards 2004 und 2008 als demokratischer Kandidat für die Präsidentschaft. Sein Geld hatte der aus armen Verhältnissen stammende Rechtsanwalt mit einer cleveren Geschäftsidee gemacht. Er suchte sich Leute, die Babys mit einer zerebralen Kinderlähmung zur Welt gebracht hatten. Deren Ärzte verklagte er auf Schadenersatz. Als Folge der Klageflut werden nun von den US-Gynäkologen zur juristischen Absicherung viermal mehr Kaiserschnitte vorgenommen als vor Edwards „Tätigkeit“. Und das, obwohl gar kein Zusammenhang zwischen der Behinderung und dem Geburtsvorgang besteht!

Neben der juristischen Absicherung gegen die „Edwards“ dieser Welt und aus Angst vor möglichen Komplikationen bei der Geburt ist ein weiterer Grund für die Zunahme des Kaiserschnitts eine Profitgier, die der „Edwardschen“ in nichts nachsteht:

Anläßlich des Internationalen Hebammentages am 2004 wies der Bund Deutscher Hebammen darauf hin, daß in Kliniken immer weniger Kinder auf natürliche Weise zur Welt kommen. Da sich die normale Geburt nicht mehr rechnet, würden immer mehr Frauen zu künstlichen Einleitungen der Geburt gedrängt. Sie läge bei fast 20 %. Die Dammschnittrate sei auf fast 60 % gestiegen. Jedes fünfte bis vierte Kind werde per Kaiserschnitt entbunden.

Die Pharmaindustrie und die Medizintechnik haben ein finanzielles Interesse an der pathologisierten und medikalisierten Geburt.

Selbst die vaginale Geburt artet zunehmend in Genitalverstümmelung aus – die es demnach nicht nur in Afrika gibt…

Ein Forscherteam der University of North Carolina unter Leitung von Katherine Hartmann wertete 45 Studien der vergangenen 50 Jahren aus. Durch den Dammschnitt werde das Risiko eines Dammrisses nicht etwa reduziert, sondern eher erhöht. Die Gefahr von Fäkalinkontinenz in den ersten drei Monaten nach der Geburt verdoppelt sich. Der Anteil der Frauen, die nach der Geburt über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr klagten, lag bei denen mit Dammschnitt um 53 % höher.

Verständlich, daß trotz der vorliegenden Studien am Dammschnitt festgehalten wird…

Im British Medical Journal berichten Kenneth Johnson vom kanadischen Center for Chronic Disease Prevention and Control und Betty-Anne Daviss von der International Federation of Gynecology and Obstetrics über ihre Studie zu Hausgeburten. Es war die bis dahin umfangreichste Untersuchung zum Thema überhaupt. Bei gut vorbereiteten Hausgeburten waren weder die Frau noch ihr Kind gefährdeter als bei der Geburt im Kreissaal. Ganz im Gegenteil: die Rate medizinischer Interventionen war deutlich niedriger. An der Studie nahmen fast alle Hebammen teil, die Mitglied im North American Registry of Midwives (NARM) sind. Bei den Hausgeburten lag die Dammschnitt-Rate bei 2,1 % gegen 33 % bei den Geburten im Krankenhaus. Ähnlich das Bild beim Kaiserschnitt (3,7 % gegen 19 %) und der Vakuumextraktion (0,6 % gegen 5,5 %).

In Großbritannien kommen etwa 21.5 % der Babys durch Kaiserschnitt auf die Welt. Einer Studie der Liverpool University und des Liverpool Women’s Hospital zufolge, könnten etwa ein Viertel dieser Eingriffe vermieden werden. Nämlich jene, die durchgeführt werden, weil sich die Gebärmutter nicht in einem ausreichenden Maße zusammenzieht und deshalb die Geburt nicht voranschreiten will. Die Verabreichung von Oxytozin, um den Geburtsprozeß zu beschleunigen, würde oft nicht helfen und das Problem nur verschlimmern: Ermüdung der Gebärmutter-Muskulatur aufgrund von Sauerstoffmangel und damit einhergehenden hohen Milchsäure-Konzentrationen. Stattdessen schlagen die Mediziner vor, daß ein Verzicht auf „Behandlung“ der ermüdeten Gebärmutter-Muskulatur erlauben würde, sich auszuruhen und genug Kraft für eine natürliche Geburt zu schöpfen.

Eine Geburt per Kaiserschnitt verläuft keineswegs schmerzfrei. Die Schmerzen treten nur später auf und bleiben zudem stärker im Gedächtnis haften, weil keine natürlichen schmerzdämpfenden Hormone ausgeschüttet werden. Deshalb ist es kein Zufall, daß viele Frauen nach einem Kaiserschnitt kein weiteres Kind mehr wollen. Die bei der physiologischen Geburt produzierten Hormone fördern zudem die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Tatsächlich hat die physiologische Geburt eine ähnliche Bedeutung wie der Orgasmus. Nicht nur, daß beide die einzigen Möglichkeiten sind, wie das Metazoon seine gesamte überschüssige Energie entladen kann, beide führen auch zur Überschüttung des Gehirns mit „Glückshormonen“ und binden die Partner dauerhaft aneinander. Dergestalt ist die Orgasmusfunktion die Grundlage des Zusammenhalts der Gesellschaft.

Michel Odent schreibt in Die Natur des Orgasmus (München 2010, S. 65f), daß der Kaiserschnitt eine negative Auswirkung auf die Oxytozin-Ausschüttung während des Stillens und dem Beta-Endorphin-Gehalt der Muttermilch hat, d.h. auf das Wohlbefinden von Mutter und Kind. Zur Mutter-Kind-Bindung aufgrund von „Glückshormonen“ siehe auch Aspekte des Stillens.

Föten wachsen in einer sterilen Umgebung heran. Bei der Geburt werden sie umgehend von außen (Haut) und innen (Darm) von Bakterien besiedelt. Die Art dieser Besiedlung, die die individuelle Zusammensetzung der Bakterienflora für den Rest des Lebens prägt, wird von der Art der Geburt bestimmt: vaginal oder per Kaiserschnitt. Dies konnten Maria Dominguez-Bello von der University of Puerto Rico in San Juan und Kollegen belegen. (Siehe auch das Interview hier.)

Bei einer vaginalen Geburt sind die Babys von der Vaginalflora bedeckt, während es beim Kaiserschnitt überwiegend gewöhnliche Hautbakterien sind. Unter ihnen konnten die Wissenschaftler auch den gefürchteten Krankenhauskeim Staphylococcus aureus identifizieren.

Der Geburtskanal ist ein stark von Bakterien besiedeltes Ökosystem, das relativ wenige Arten beherbergt, die jedoch darauf spezialisiert sind, schädliche Krankheitserreger zu vertreiben. Die direkte Übertragung der Flora von Mutter auf das Kind diene daher dem direkten Schutz des Neugeborenen vor einer Besiedlung durch Krankheitsauslöser, schreiben die Wissenschaftler. Zudem sorgen die Bakterien der Mutter offenbar für die Initialzündung des Immunsystems: Die wichtige Besiedelung des Verdauungstrakts durch gutartige Bakterien findet bei diesen Babys merklich früher statt.

Entgegen den Empfindungen des gepanzerten, d.h. zutiefst sexualfeindlichen Menschen, sind die Genitalien einer Frau ihr „sauberster“ (d.h. orgonotischter) Körperteil überhaupt.

Gerichtsmedizinern ist von jeher aufgefallen, daß ausgerechnet der Uterus und die Schwellkörper des Penis dem Fäulnisprozeß der Weichteile von Leichnamen am längsten widerstehen. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Die Medizin steht vor einem Rätsel. Ob diese Geschlechtsorgane der Fäulnis am längsten widerstehen, weil sie höchste orgonotische Ladung besitzen?

Gegen dieses Heiligtum führt der gepanzerte Mensch einen unerbittlichen Vernichtungskrieg: es wird öffentlich Werbung für die Verstümmelung der Scheide gemacht (und des Penis), „Votze“ ist ein immer beliebter werdendes Schimpfwort (auch unter Frauen), ganze Industriezweige leben von der „Intimhygiene“, es gibt immer weniger Frauen, die sich mit ihrem Körper und ihrem „Frausein“ identifizieren können und nicht zuletzt nehmen immer mehr Frauen den Kaiserschnitt auf sich, nur um ihrer Vagina zu entgehen.

Unsere Gesellschaft ist krank, zutiefst „unhygienisch“ und in einem schier unfaßbaren Ausmaß – frauenfeindlich.

Die Entstellung funktioneller Wahrheiten durch den Kleinen Mann am Beispiel „Kinder der Zukunft“

26. Februar 2015

Ich habe manchmal ein ziemlich schlechtes Gewissen, wenn ich etwas über Reichs Konzept „Kinder der Zukunft“ schreibe. Reich selbst sah es als größtes Hindernis seines Projekts, daß Frauen unerfüllbare Ansprüche an sich stellen. Alles muß perfekt sein: eine Schwangerschaft, die das Embryo nicht belastet, eine „natürliche“ Geburt, ein perfekter Kontakt zum Baby, eine glückliche Kindheit, perfekte Selbstregulation und eine geradlinig verlaufenden Pubertät. Ein solch übermenschlicher Druck muß jede Mutter geradezu zermalmen, wenn sie das alles denn ernst nimmt.

Auf diese Weise trägt die Orgonomie (oder das, was sich dafür hält) zur allgegenwärtigen Versklavung der Frau bei. Sie muß wie ein gestylter Filmstar aussehen, eine „Sexgöttin“ sein, eine erfolgreiche Karriere vorweisen, unabhängig sein und schließlich soll sie noch „gesunde“ Kinder großziehen.

Tatsächlich zerstört das überwunden geglaubte Patriarchat heute die Frau mehr als jemals zuvor. Man denke nur mal an all die Ratgeber, nach denen sich Frauen richten sollen.

Die Generation meiner Mutter brauchte einfach nur Frau und Mutter zu sein, der Rest hat sich ergeben. Sie hat sich nicht von einem erdrückenden Perfektheitswahn tyrannisieren lassen.

Das Kern dieser Art von Tyrannei ist der Wahn des Frühen: je früher die Schädigung eintritt, desto schlimmer für das Kind. „Man kann einen einmal krumm gewachsenen Baum nicht mehr geraderichten.“ Was nichts anderes heißt, als daß man Fehler nicht wieder gut machen kann. Kinderkriegen und Kindererziehung als halsbrecherischer Drahtseilakt!

Der Psychologe Thomas O’Connor (University of Rochester, New York) hat gezeigt, daß Überbelastung in der Schwangerschaft zwar negative Folgen für die spätere Lern- und Denkfähigkeit des Säuglings hat, doch eine intensive Betreuung bis zur Krabbelphase die Beeinträchtigung wieder wettmachen kann.

Die Ungeborenen, die in einem hohen Maß durch die Mutter dem Streßhormon Cortisol ausgesetzt waren, zeigten im Alter von 17 Monaten bei einem Test ihrer kognitiven Fähigkeiten deutliche Schwächen. Die Beeinträchtigungen traten aber nicht auf, wenn die Mütter eine sehr intensive Beziehung zu ihrem Säugling aufgebaut hatten.

O’Connor sagt zu seinen Forschungsergebnissen:

Das ist eine ermutigende Nachricht für Mütter, denn die Schwangerschaft ist eine emotionale Erfahrung mit vielen Sorgen. Es ist sicher eine Erleichterung zu wissen, daß eine gute Elternschaft die Babys im Nachhinein gegen mögliche schädliche Folgen schützt.

Es ist sicherlich keine unzulässige Verallgemeinerung, wenn ich etwas schreibe, was an sich jeder selbst aus seiner eigenen Lebenserfahrung bestätigen wird können: in einem gewissen Umfang kann man wirklich alles wieder geraderichten. Nichts ist verloren!

Vor allem sollten wir aufhören, junge Mütter zu tyrannisieren. Ich jedenfalls schäme mich für den einen oder anderen verbalen Dolchstoß, den ich der einen oder anderen Mutter versetzt habe, deren Schwangerschaft eine Tortur war, die einen Kaiserschnitt hatte, das Baby mit der Flasche großgezogen hat, etc.pp.

Je besser es diese Mütter meinen, desto größer ist die Last, die sie erdrückt – und desto mehr Fehler machen sie.

Es gibt dazu ein eindeutiges mechanisches Äquivalent, dem Forscher in den USA in einer Studie nachgegangen sind:

Angesichts der enormen Anforderungen in der heutigen Gesellschaft haben viele Eltern Angst, ihrem Kind nicht genügend Anregungen zu bieten. Unter anderem deshalb gibt es inzwischen immer mehr Angebote zur Frühförderung von Kindern – von Babymassage und Babyschwimmen über PeKiP-Gruppen bis hin zu Babysprachkursen und Musik für Säuglinge. Vor allem in den USA werden solche Angebote von jungen Eltern zunehmend angenommen. „Die kognitive Stimulation der Säuglinge durch bestimmte Spielzeuge, Vorlesen und anderes, ist hier sehr stark ausgeprägt“, berichtet Koautorin Maria Gartstein von der Washington State University in Seattle. In einigen europäischen Ländern wie den Niederlanden ist dies dagegen weniger ausgeprägt.

Die Forscher fanden, daß in den USA die Babys zwar aktiver und stärker auf Reize reagierten, dafür aber auch häufiger ängstlich, frustriert und traurig waren. Sie brauchten länger, sich nach dem Schreien oder nach Streß wieder zu beruhigen. Niederländische Säuglinge waren zufriedener und sie waren leichter und schneller zu beruhigen.

Nach Ansicht von Gartstein und ihren Kollegen spiegelt die größere Zufriedenheit und Gelassenheit der niederländischen Kinder möglicherweise die andere Kultur im Umgang mit Säuglingen wider. „Für niederländische Eltern sind zwei Dinge besonders wichtig: Ihre Kinder nicht überzustimulieren und von Beginn an regelmäßige Zeiten für den Schlaf einzuhalten“, erklärt Gartstein. So wählen die Eltern die Zeiten für Besuchseinladungen von Freunden oder Familie meist so, dass der Schlafrhythmus der Kinder nicht gestört wird. „Mir fiel auch auf, daß die niederländische Eltern im Umgang mit ihren Kindern sehr viel weniger Spielzeug nutzten als die US-Eltern“, so Gartstein.

Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Wissen

15. Februar 2015

Hundert Jahre bevor Reich sein Konzept „Kinder der Zukunft“ formulierte, hatte der Orthopäde und Pädagoge Moritz Schreber eine formal ganz ähnliche psychophysische, medizinisch greifbare Utopie: Kinder zu graden Charakteren in graden gesunden Körpern zu machen, um die Welt mit einer neuen Rasse aus „freien“ Gottmenschen zu bevölkern, die souverän über ihre Triebe herrschen. Hitler hatte später einen ganz ähnlichen Plan: hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder. Diese Lebensauffassung hat sich im Leistungssport bewahrt, für den schon Kinder erbarmungslos gedrillt werden.

Reich erwähnt 1948 die schädlichen Säuglingspflegearten, die, so Reich damals, bereits aus der Welt geschafft seien. Tatsächlich feiern sie immer wieder fröhliche Urstände. Es gibt mir stets einen Stich ins Herz, wenn ich (häufig genug) sehe, wie Mütter ihre Säuglinge im Kinderwagen auf den Bauch gelegt haben. Irrwitzigerweise ist sogar das Pucken wieder in!

(…) die strenge Einteilung der Nahrungsmenge und der Nahrungszeiten à la Pirquet, gewaltsame Streckung der Beinchen durch festes Wickeln wie vor 30 Jahren, Verweigerung der Brust in den ersten 24 Stunden in manchen Hospitälern, Überhitzung der Säuglingsräume, die Routinebehandlung von Säuglingen in großen Anstalten, das „Ausschreienlassen“ etc. Solche Zwangsmaßnahmen sind Ausdruck lebensfeindlicher Einstellungen von Eltern und Ärzten. Sie schädigen die biologische Selbststeuerung des Organismus sofort nach der Geburt und legen die Grundlage zur späteren Biopathie, die dann als hereditäre Belastung verkannt wird. (Der Krebs, Fischer TB, S. 384)

Freud reiht sich bruchlos in diese von Reich beschriebene „Schrebersche“ Gesinnung ein. Beispielsweise diente Freud 1917 die Erkenntnisse der Psychoanalyse wie folgt an, um Kinder effektiver, d.h. möglichst von Beginn an zu beeinflussen:

Auch hat die Erziehbarkeit einer jugendlichen Person in der Regel ein Ende, wenn ihre Sexualbedürfnisse in endgültiger Stärke erwachen. Das wissen die Erzieher und handeln danach; aber vielleicht lassen sie sich durch die Ergebnisse der Psychoanalyse noch dazu bewegen, den Hauptnachdruck der Erziehung auf die ersten Kinderjahre, vom Säuglingsalter an, zu verlegen. Der kleine Mensch ist oft mit dem vierten oder fünften Jahr schon fertig und bringt später nur allmählich zum Vorschein, was bereits in ihm steckt. (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1992, S. 340)

Mit dieser Anregung, mit der Dressur so früh wie nur irgend möglich anzufangen, zeigt sich, daß Freud das Negativ von dem propagierte, was Reichs Programm „Kinder der Zukunft“ ausmachte.

Noch verheerender waren die Auswirkungen der Wendung vom Autoritarismus zum Antiautoritarismus seit Anfang der 1960er Jahre. 1973 hat das die Orgonomin Barbara G. Koopman in dem Aufsatz „The Rise of the Psychopath“ erstmals behandelt (Journal of Orgonomy, Vol. 7, No. 1, S. 40-58). Elsworth F. Baker faßte diese neuen Einsichten der Orgonomie 1977 wie folgt zusammen:

(…) der permissive Erziehungstil, der in den letzten ein oder zwei Jahrzehnten üblich wurde, kommt dem Verzicht auf jedwede Rolle der Eltern beim Anleiten und Disziplinieren gleich und ruft eine intensive Angst im Kind hervor, mit dem Festhalten vieler infantiler Züge, kombiniert mit Ichbezogenheit, Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber und Haß auf die Eltern. Es führt zu sogar noch größeren Schäden, als wenn alles auf Unterdrückung beruhte. („Medical Orgonomy“, Journal of Orgonomy, Vol. 11, No. 2, S. 188-194)

Aber auch die Orgonomie selbst kann sich in ein Horrorszenario für Kinder verwandeln, wenn sie in die Hände von Mechanisten und Mystikern fällt, d.h. wenn „Gesundheit“ zu einer Ideologie der Perfektion wird. Es sei, so Reich, ein Mißverständnis anzunehmen, daß das gesunde Kind perfekt ist. Er schreibt den „orgonomischen“ Menschheitserrettern ins Stammbuch:

Es stimmt (…) einfach nicht, daß das gesunde Kind keine Angst kennt oder keine destruktiven Antriebe hat, nie aufsässig wird und nie Erwachsene absichtlich ärgert. Wie alle anderen Kinder hat es das ganze Potential für „gute“ oder „schlechte“ Einstellungen. Der Unterschied zwischen ihm und anderen Kindern, die innerhalb dieser falschen Gedankensysteme aufwachsen, liegt darin, daß es nicht in diesen Reaktionsweisen bzw. Einstellungen gefangen bleibt. Es kann vorkommen, daß ein gesundes Kind nachts Angst vor Wölfen hat. Jedoch reicht ein einfaches Gespräch, um diese Angst zu beseitigen. Es entwickelt keine Phobie, die sein gesamtes Leben andauert. Es kommt vor, daß ein gesundes Kind, ob durch Zufall oder mit Absicht, ein Glas zerbricht, aber die Zerstörung von Dingen entwickelt sich nicht zu einem chronischen Charakterzug. Die Struktur des Kindes enthält keine zerstörerische Wut, die im Charakter verankert ist und von der sich das Kind nicht selbst befreien kann. Ein gesundes Kind kennt Angst, weint, haßt, ist aufsässig, „benimmt sich daneben“, aber nichts davon ist strukturell verankert. („The Biological Revolution from Homo Normalis to the Child of the Future“,Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 30-74).

In seinem Projekt „Kinder der Zukunft“ konnten, so Reich, „keine Absolutheiten im Sinne von ‚Gesundheit‘ Anwendung finden“ („Armoring in a Newborn Infant“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 3, No. 3, July 1951, S. 121-138).

Alexander Neill war solch ein idealistischer Kinderfreund. Reich: „Ich hatte ziemliche Auseinandersetzungen mit Neill. Er glaubt, daß das gesunde Kind keine Konflikte kennt, daß alles schön und perfekt wäre“ („Some Remarks of Reich: Summer and Autumn 1948“, Journal of Orgonomy, Vol. 5, No. 1, May 1971, S. 97-106).

Kommen wir nun zum Wissenserwerb in der Schule: In konservativen Gesellschaften ging es stets darum sich das Wissen der Vorfahren anzueignen. In Karikaturen war der Schüler ein passiver Behälter, in den aktiv etwas eingetrichtert wurde, d.h. sie gewannen an Substanz, mit der sie dann später im Leben arbeiten konnten. Ihre Kompetenzen, d.h. die Fähigkeit dieses Wissen auch anzuwenden, zu modifizieren und auf neue Gebiet zu übertragen, galten als etwas Gegebenes bzw. als etwas, was sie aus der Familie mitbekommen haben und im Leben automatisch erwerben würden. Heute, in der antiautoritären Gesellschaft, ist das Lernziel ein vollkommen anderes; es werden „Angebote“ gemacht und der Schüler soll sie aktiv nutzen:

Anstelle des angeblich unnützen Wissens sollen Kompetenzen, also Fähigkeiten, erworben werden, die unmittelbar auf die zu lösenden Probleme der künftigen Arbeitsmarktteilnehmer anzuwenden sind. Der Kompetenzbegriff eröffnete den Autoren der Lehr- und Studienpläne ein unendlich weites Feld der Beliebigkeit.

Immer neue Kompetenzen – im Schweizer Lehrplan 21 sind es nicht weniger als 4500 verschiedene – werden dem Schüler abverlangt. Allein im Philosophieunterricht beginnt das mit der Reflexionskompetenz, dazu kommt dann die „phänomenologische Kompetenz“ und als Krönung die Handlungskompetenz.

Wenn zwischendurch auch mal von Sachkompetenz die Rede ist, so heißt das nicht, daß der Schüler irgendetwas wirklich wissen muß. Inhalte, also zum Beispiel die Lehren eines bestimmten Philosophen, sind stets nur als Beispiel zu nutzen, an dem der Schüler seine Kompetenz zeigen soll.

Wir haben es hier mit der Aktivierung vollkommen unterschiedlicher Energiesysteme zu tun: dem orgonotischen System, das im Solar plexus zentriert ist, und dem energetischen Orgonom, das sich im Zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückgrat) widerspiegelt. Im ersteren System geht es um Emotionen und entsprechend um eine gewisse Schwere, in letzterer um Sensationen und entsprechend um mehr Leichtigkeit und Unverbindlichkeit, weniger um Inhalt und mehr um Form. In der modernen Welt überwiegt diese „liberale“ Lebenshaltung, was sich eben auch in der Erziehung widerspiegelt. Es ist eine antiautoritäre Erziehung, in der es nicht mehr um vorgegebene Inhalte und Überlieferungen geht, sondern um von jedem konkreten Inhalt abstrahierte „Kompetenzen“.

Das ganze erinnert etwas an das fälschlicherweise als „antiautoritäre Erziehung“ bezeichnete „Prinzip Summerhill“. Auch Neill wandte sich gegen die konservative Erziehung seiner Zeit und das öde Akkumulieren von Buchwissen. Auch Neill glaubte, daß seine Schüler nicht so sehr mit angelerntem Wissen es im Leben schaffen würden, sondern mit ihren im Schulalltag erworbenen Kompetenzen. Dabei gibt es jedoch einen alles entscheidenden Unterschied: das heutige die Schulen bestimmende Erlernen von Kompetenzen ist eine mechanistische Entartung des Neillschen Ansatzes und eine Verkehrung ins Gegenteil.

Neill ging es darum, das Gefühlsleben der Schüler zu befreien, ihre im Bauch zentrierten Emotionen. Wenn sie in dieser Hinsicht nicht mehr belastet seien, würde sich das Lernen von allein einstellen. Das Lebendige entfaltet sich von allein und braucht nicht durch Didaktik künstlich in „4500“ unterschiedliche Kanäle umgeleitet zu werden.

Tatsächlich läßt das Einpauken von festem, unumstößlichen Wissen letztendlich mehr Spielraum (es ist ein „Wissensschatz“ mit dem man später etwas anfangen kann) als das Erlernen von beliebigen, inhaltsleeren, willkürlichen Verhaltensrepertoires („Kompetenzen“), die sich letztendlich auf das unreflektierte Abspulen von Reflexfolgen reduzieren. Man war beispielsweise „gelernter DDR-Bürger“ und wußte sich immer absurderen Vorgaben geschmeidig anzupassen. Diese erschreckende Substanzlosigkeit, die sich etwa in Angela Merkel, einem Musterkind dieses Systems, zeigt, prägt, wenn auch im anderen Gewande, die heutigen Schüler im Westen.

kompetenzwissen


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