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Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen (Teil 5)

25. Juni 2018

von Paul Mathews, M.A.*

Das Jugendproblem

Die Jugend scheint heute einen Siedepunkt erreicht zu haben. Überall hören wir von ihren drastischen Aktionen: Schlachten mit der Polizei, Blockade konträrer Meinungsäußerungen oder die Besetzung von Gebäuden großer Universitäten. In vielfältiger Weise – Kleidung, Verhalten, Lebensgestaltung, Drogenkonsum, Sprache und Gewalt – hat die moderne Jugend eine Unruhe und Unbeständigkeit gezeigt, die vielleicht ohne Vergleich ist. Professor Feliks Grossg beschreibt in The Seizure of Political Power (6) eine Klasse junger Andersdenkender, die die Tendenz hat in Zeiten der Spannung in Erscheinung zu treten, um unterschiedliche radikale und faschistische Ziele zu unterstützen. Diese jungen Dissidenten werden nach Catilina, dem radikalen Gegner von Cicero, der sich an junge und machthungrige Männer wandte, Catilinarianer genannt. Professor Gross schreibt:

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten die Kommunisten in Italien und Frankreich einen Anteil, einen mächtigen Anteil der catilinarianischen Intellektuellen. In der Sowjetunion genießen sie einen hohen Status und eine privilegierte wirtschaftliche Position [wenn sie der Parteilinie folgen – P.M.]. Ein verarmtes, müdes Europa konnte den Schriftstellern, Dichtern, Malern und einigen der ehrgeizigen, machthungrigen Studenten wenig bieten. Moskau bot mit seiner gewandten und wirksamen Taktik, seinen politischen Fähigkeiten und seiner starken ideologischen Anziehungskraft eine verlockende Alternative … Viele schlossen sich indessen an, weil der Kommunismus eine emotionale und ideologische Anziehungskraft hatte (6: S. 389f).

Der hergebrachte Kommunismus (roter Faschismus) ist schnell dabei, die Jugendrebellion für seine eigenen Zwecke auszunutzen, indem er emotionale Pestreaktionen schürt, obwohl die jungen Rebellen den revolutionären Zielen der Neuen Linken treu ergeben sind. Das Credo der Rebellen ist der marcusianischen Ethik entnommen, die alles Abschreckende, alle Regeln und Vorschriften meidet, die das Millennium der aktuellen radikalen Ideale aufhalten würden. Die Marcusianer gedeihen unter der liberalen Toleranz ihres ungeheuerlichsten Verhaltens, aber charakteristischerweise verachten sie genau diesen Liberalismus. Laut Marcuse und seinen jugendlichen Anhängern ist nur die marcusianische Ideologie gültig. Da die Massen „verblödet“ und von den technologischen und materiellen Belohnungen des Kapitalismus verführt wurden, obliegt es einer elitären Gruppe, diesen Massen der Freiheit und Gleichheit zu berauben, bis sie durch die richtige Gehirnwäsche des evangelikalen Marcusianismus „entlaust“ wurden. So schlägt er in seinem Aufsatz „Repressive Toleranz“ (9)h vor, „dass Gruppen und Bewegungen die Rede- und Versammlungsfreiheit entzogen wird, die eine aggressive Politik, Aufrüstung, Chauvinismus und Diskriminierung aus rassischen und religiösen Gründen befürworten oder sich der Ausweitung öffentlicher Dienste [ein Euphemismus für ‚Sozialismus‘ – P.M.] widersetzen.“ Man braucht nicht viel Phantasie, um zu sehen, wohin dieses Rezept führen könnte.

Eine andere Facette der Jugendrebellion ist paradoxerweise die Vergötterung des alternden Ideologen. Sie ersetzen somit die entthronte ältere Generation durch einen Vertreter, der ein entfremdeter, ewiger Rebell ist. Dies gibt ihnen ein selbstgerechtes Gefühl, mit einem quasi-religiös im Beigeschmack, und befriedigt ihr geheimes Bedürfnis nach erwachsener „Führung“. Platon, Sokrates, Catilina, Michael Bakunin, Marcuse, Spock und Paul Goodman präsentieren ein historisches und aktuelles Spektrum solcher älterer Führer. Lewis S. Feuer weist in seinem jüngsten Buch auf die unbewussten ödipalen Faktoren in den Studentenbewegungen, sowie auf ein homosexuelles Element in dieser älteren Gruppe hin (3: S. 525-27)i.

Man kann hier ein Muster nachzeichnen, das ungefähr am Ende des Zweiten Weltkriegs begann: ein Muster verstärkter Kommunikation; erhöhter Katastrophenangst in unserem Atomzeitalter; erhöhter Druck seitens der faschistischen Linken in Europa, China, Korea, Kuba, dem Nahen Osten und Vietnam; zunehmender verfehlter Nachgiebigkeit gegenüber dieser faschistischen Linken; zunehmender Zynismus in Bezug auf traditionelle Werte, sowohl weltlicher als auch religiöser (letztere initiiert vom Ökumenischen Konzil unter Papst Johannes XXIII.); und die Selbstgeißelung von Individuen und Nationen aufgrund von Schuldgefühlen und liberaler Propaganda.

 

Fußnoten

* Pädagoge, Sprachlehrer und Kliniker. Doktorand der Psychologie, New York University. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews (1924-1986)]

 

Anmerkungen des Übersetzers

g Polnisch-US-amerikanischer Soziologe. Nach Promotion in Polen Stipendium in England, wo er als Mitarbeiter des Anthropologen Bronisław Malinowski an der London School of Economics forschte. Bis zu Malinowskis Tod 1942 blieb die enge Verbindung zwischen Lehrer und Schüler bestehen (Feldforschung bei den Arapahoi aus dem Wind River Reservat in Wyoming, USA). 1946 bis 1977 Fakultätsmitglied der Abteilung für Soziologie am Brooklyn College.

h https://www.marcuse.org/herbert/pubs/60spubs/65reprtoleranzdt.htm

i https://www.questia.com/read/99893234/the-conflict-of-generations-the-character-and-significance

 

Literatur

3. Feuer, L.S..: The Conflict of Generations. New York: Basic Books, 1969

6. Gross, F.: The Seizure of Political Power. New York: Philosophical Library, 1958

9. Marcuse, H.: „Repressive Tolerance“, A Critique of Pure Tolerance by H. Marcuse, R. P. Wolff, and B. Moore

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 111-125.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein

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