Arbeitsdemokratie (Teil 2)

Übersetzung eines Auszugs aus einem Kommentar des medizinischen Orgonomen David Holbrook, M.D. auf Dr. Konias Blog. Hier abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Autors

Reich zufolge war, statt Fragen der Wirtschaft oder der Klasse, die verkrüppelte Charakterstruktur der Massen und ihre Unfähigkeit, Verantwortung für ihre eigene Freiheit zu übernehmen, das, was die Menschheit daran gehindert hat, eine rationalere Gesellschaftsstruktur zu entwickeln:

Die soziale Gewissensfrage lautet heute nicht mehr in erster Linie: „Bist du reich oder bist du arm?“, sondern: „Bist du und kämpfst du für Sicherung und größtmögliche Freiheit des menschlichen Lebens?“ (Reich, W. 1949/1966 (ursprünglich 1929 verfaßt). Die sexuelle Revolution: Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, vierte Auflage. Frankfurt: Fischer TB, S. 13)

Gemeint ist die echte Freiheit der persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Freiheit von Lebensangst, von ökonomischer Unterdrückung welcher Form immer, die Freiheit von reaktionären Hemmungen der Entwicklung, kurz, die freiheitliche Selbstverwaltung des Lebens. Befreien wir uns von allen Illusionen. In der Menschenmasse selbst wirkt eine reaktionäre, mörderische, entwicklungshemmende Macht, die alle Anstrengungen der Freiheitskämpfer immer wieder zuschanden macht. Diese reaktionäre Macht in den Menschenmassen erscheint als allgemeine Angst vor Verantwortung und als Angst vor Freiheit. Dies sind keine moralischen Werturteile. Diese Angst wurzelt tief in der biologischen Konstitution des heutigen Menschen. (Reich, W. (1946). Die Massenpsychologie des Faschismus. Dritte korrigierte und erweiterte Auflage. Frankfurt: Fischer TB, S. 294, Hervorhebungen im Original)

Reich beschrieb sich grundsätzlich als Liberaler, aber er meinte mehr eine Art Psychobiologie als eine politische Ideologie:

(…) es scheint so, daß Entwicklung, Freiheit, Unendlichkeit und Indeterminismus sich zu einer Gruppe von Variationen zusammenschließen, die mit der anderen Reihung, Struktur, Gesetz, Endlichkeit und Determinismus gepaart sind. Noch mal, diese Gruppierung hat überhaupt nichts mit Ideologien zu tun. Ich persönlich würde geneigt sein, der ersten Reihung von Variationen der zweiten vorzuziehen. Der ideologisch konservative Geist hingegen würde den zweiten Satz bevorzugen. (Reich, W. Oktober 1950. Finity and infinity; determinism and freedom, Orgone Energy Bulletin Vol. 2, No. 4, S. 175)

Obwohl er sich vom Konservativen abgrenzte, erkannte er die tragischen Grenzen der liberalen Ideologie:

In den ethischen und sozialen Idealen des Liberalismus erkennen wir die Vertretung der Züge der oberflächlichen, auf Selbstbeherrschung und Toleranz bedachten Charakterschichte. Dieser Liberalismus betont seine Ethik zum Zwecke der Niederhaltung des „Untiers im Menschen“, unserer zweiten Schichte der „sekundären Triebe“, des Freudschen „Unbewußten“. Die natürliche Sozialität der tiefsten, dritten Schicht, der Kernschichte, ist dem Liberalen fremd. Er bedauert und bekämpft die menschliche Charakterperversion mittels ethischer Normen, aber die sozialen Katastrophen des XX. Jahrhunderts lehrten, daß er damit nicht weit kam. (Reich, W. (1946). Die Massenpsychologie des Faschismus, S. 12)

Der Freiheitskrämer [d.h. der Pseudo-Liberale] macht aus der Wahrheit einen Köder, um die Menschen in eine Falle zu locken. Wahrheit ist für ihn ein „Ideal“ und nicht die Art und Weise, in der alle Angelegenheiten erledigt werden. Ist er rechthaberisch, so glaubt er, daß er die Wahrheit verteidigt. Der Konservative, der aus der instinktiven Kenntnis der großen Schwierigkeiten, die mit dem Streben nach Wahrheit verbunden sind, den STATUS QUO im gesellschaftlichen Leben verteidigt, ist weit ehrlicher. Er hat wenigstens eine Chance, anständig zu bleiben. DER FREIHEITSKRÄMER DAGEGEN MUSS SEINE SEELE DEM TEUFEL VERKAUFEN, WENN ER VORANKOMMEN WILL. (Reich 1953, Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, S. 307; Hervorhebungen und der eingeklammerte Text von Dr. Holbrook)

Die Wahrheit ist, daß Reich keine politische Lösung für die sozialen Probleme der Menschheit angestrebt hat:

Die politikante Form der Regierung über Völker muß durch die naturwissenschaftliche Lenkung sozialer Prozesse abgelöst werden. (Die sexuelle Revolution, S. 16)

Reichs Ansicht war, daß die Menschen nicht in der Lage sein werden, eine gesunde Gesellschaft zu bilden oder eine gesunde Form gesellschaftspolitischen Funktionierens zu bilden, bis nicht die Menschenmassen ausreichend frei von Panzerung sind, um zur genitalen Liebe fähig zu sein: Genitalität.

Der Kern der praktisch-politischen Psychologie ist die Sexualpolitik; denn der Kern des seelischen Funktionierens ist die sexuelle Funktion. (ebd., S. 19)

(…) die seelische Struktur (ist) in ihrem Kern Sexualstruktur und der Kulturprozeß (ist) im wesentlichen sexueller Bedürfnisprozeß (…) (ebd., S. 20)

Ich denke, diese Passagen machen ziemlich deutlich, was Reich hinsichtlich der Lösung des menschlichen Elends nicht glaubte. Die Frage bleibt: Wie würde eine echte „Arbeitsdemokratie“ aussehen? Wie würden sich die „Arbeitsbeziehungen“ in einer solchen Gesellschaft in Bezug auf die Wirtschaftsstruktur praktisch gestalten? Sicherlich müßte die Gesellschaft eine Wirtschaftsstruktur haben, auch wenn es sich um eine genitale Gesellschaft handelt.

Es scheint mir, daß Reichs Sprache und Denken eine Art von Wirtschaftssystem nahelegen, das den einzelnen Bürger dazu verpflichten und befähigen würde, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen und gleichzeitig für Freiheit der Bewegung und die Funktionsfähigkeit zu sorgen. Es scheint mir, daß eine klassische liberale (nicht moderne, pseudo-liberale) Form des demokratischen Kapitalismus den Menschen die größten Möglichkeiten bietet, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen und die Freiheit zu haben, ihre biologische Energie auf gesunde Weise auszudrücken.

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7 Antworten to “Arbeitsdemokratie (Teil 2)”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Shr guter Artikel: Realität schlägt linke Ideologie – https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2018/die-hegemonie-kippt/

    Letztens in der Woche einmal durch die ganze Stadt von meinem beschaulichen Langenhorn nach Billwerder-Moorfleet. Die S-Bahn nur voller Neger, Araber und Türken – die Familien alle mit Kinderwagen. Ab und an Deutsche, die wie Touristen in einem fremden Land wirkten. Die Mehrheit der deutschen Mädchen und jungen Frauen finstere Borderline-Gestalten, wie aus einem Horrorfilm. Unbedarfte Jüngelchen machen einen auf gepiercten Tatoo-Wilder-Mann. Meine Laune bei meinem Urlaubstag in der einstigen Heimat Hamburg-Süd wurde immer mieser. Und wo man geht und steht: auch die letzte Grünfläche wird für Invasoren-Wohnungen vollgebaut… Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich die 68er HASSE, die meine Heimat systematisch zerstören.

    • Robert (Berlin) Says:

      Ich hatte jetzt eine Diskussion mit einem 30jährigen Mann, der ein echter Anhänger des Multikulturalismus ist. Er genießt die Durchmischung und freut sich, dass seine jüngere Schwester um die 20 in der Schule ganz mit Fremden aufwuchs. Dass die Deutschen eine Minderheit werden, findet er gut. Die Fakten über Verbrechen leugnet er („verschiedene Quellen“) und er meint, alle Menschen passen sich unserem System an. Er selbst arbeitet auch in der Asylindustrie. NPD und AFD findet er gleich.
      Bisher habe ich nur Lehrer so reden hören. Ich denke, dass nicht wenige so denken. Bei ihm konnte ich feststellen, dass seine Anschauungen größtenteils auf Schuldgefühl beruhen.

      • claus Says:

        „Ich denke, dass nicht wenige so denken.“ In der AfD findet man häufig die Überzeugung, sie vertrete eine unterdrückte Mehrheit. Zugleich erkennen einige, dass der linke Marsch durch die (Erziehungs-)Institutionen gelungen ist. Aufgrund meiner Erfahrungen mit Pädagogen glaube ich, dass er in der Tat vollzogen ist und dass die AfD keine Mehrheitsmeinung vertritt.

  2. Peter Nasselstein Says:

    Ich kenne den 30jährigen, mit dem Robert gesprochen hat, aus dem Fernsehen:

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