Archive for 9. Oktober 2017

Der genitale Charakter und die genitale Welt (Teil 1)

9. Oktober 2017

Paul Mathews, M.A

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des American College of Orgonomy; übersetzt durch Robert (Berlin). Der Aufsatz wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen in drei Teile aufgeteilt.

Basierend auf einen Vortrag, der in einem Kursus für soziale Orgonomie an der New York University im Frühjahr 1977 gegeben wurde.

 

Anmerkung der Redaktion: Es ist erstaunlich, wie gut dieser Artikel, der ursprünglich vor fast 30 Jahren im [Journal of Orgonomy] 11 (2), 1977, veröffentlicht wurde, den Test der Zeit bestanden hat. Die utopischen Entstellungen, die Mathews 1977 entlarvte, erscheinen noch immer regelmäßig in Publikationen derjenigen, die behaupten, die Orgonomie zu vertreten und deren unbegründete Phantasien über die Trobriand-Inselbewohner nehmen einen führenden Platz in diesen Entstellungen ein. Die wiederkehrenden Bilder eines nicht konkurrierenden, gewaltfreien, halbanarchischen Ideals der Gesundheit stellen einen Versuch dar, die spontane Bewegung des Lebens vom menschlichen Denken auszuschließen und sie durch ein kastriertes, immobilisiertes Phantasieleben zu ersetzen, das weniger bedrohlich für den übermäßig Intellektualisierten ist. Eine eingehende Überprüfung aller Schriften Malinowskis über die Trobrianer zeigt ein Volk, das ausgesprochen wettbewerbsorientiert ist, was den Erwerb und das Präsentieren von Reichtum betrifft, ohne Zögern Krieg und andere Formen von Gewalt anwendet, um ihre ureigensten Interessen zu verteidige, aggressiv voller Lebensfreude ist und fähig ist, soziale Konflikte mit spontaner Flexibilität und Respekt vor den Tücken der menschlichen Natur zu bewältigen, die mit den modernen Maßstäben der politischen Korrektheit nichts gemein hat.

Mathews bahnbrechender Artikel verdient eine erneute Lektüre durch unsere langjährigen Abonnenten und ist ein erfreuliches „Fundstück“ für neue Generationen von Studenten der Orgonomie. [Dr. Robert A. Harman]

 

 

Die soziale Existenz des Lebewesen Mensch ist, bioenergetisch betrachtet, an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins.

Wilhelm Reich (Vorbemerkung, Ausgewählte Schriften)

 

Manchmal scheint es, dass sich die Kurse über Orgonomie hauptsächlich mit der kranken, neurotischen Struktur der Menschen und ihrer Welt beschäftigen, was nicht so verwunderlich ist, wenn wir diese Welt betrachten. Tatsächlich ist es so, dass wir derartig in die Probleme der neurotischen, biopathischen Menschheit eingebunden sind, dass wir nicht viel Zeit haben uns dem Thema der Genitalität und der genitalen Welt zu widmen. Wie viele von uns haben tatsächlich ideale genitale Charaktere kennengelernt oder die Modalitäten einer wirklich genitalen Welt erlebt? Vielleicht in unseren Träumen – Träume vom Paradies, von Schönheit und Liebe – vielleicht in der magischen Welt von Literatur, Kunst und Musik. Reich führte aus, dass der Mensch das Wesen seiner Genitalität am meisten in den Künsten bewahrt hat (1946); und sicher für diejenigen, die liebesfähig sind, findet sie sich in den Armen ihrer Geliebten.

Seit Urzeiten haben die Menschen von idealen Welten geträumt und sie beschrieben: Platos Republik, Plutarchs Sparta, das „verlorene Atlantis“ der griechischen, nordischen, keltischen und arabischen Legenden, Sir Thomas Morus‘ Utopia, die idealen Welten von Hobbes und Rousseau, Bacons New Atlantis, Butlers Erewhon, Hiltons „Shangrila“ und selbstverständlich die himmlische Erfüllung der jüdischen, christlichen, islamischen und anderer Theologien sowohl von zivilisierten als auch von primitiven Kulturen. Einiges des zeitgenössischen Science Fiction ist ebenfalls Ausdruck eines idealen Universums jenseits unserer begrenzten irdischen Existenz. Alle diese Visionen haben die Phantasie und die Sehnsüchte der Menschen seit Jahrtausenden angeregt.

Warum hat die Menschheit diese Sehnsüchte und Visionen so beständig zum Ausdruck gebracht? Ist es die Erinnerung an das einst Erlebte während der sonnigen Unschuld in Kindheit und Jugend? Ist es eine Form von kosmischem Kontakt, der sich nach der idealen Schönheit des Universums sehnt? Wir können nur spekulieren.

Leider waren die meisten Utopisten an mystisch-mechanistische Konzepte von Glück und Erfüllung gefesselt, die zugleich kompensatorisch und schädlich waren. Wie alle neurotischen Mechanismen neigten sie dazu, die Sinne abzustumpfen oder Euphorie und Illusionen zu verstärken. Dies wiederum verzerrte die Wahrnehmung und das Denken, was in irrationalen gesellschaftlichen Konzepten zum Ausdruck kam. Für Plato war der Intellekt die Utopie – das Reich des „Philosophenkönigs“; für Morus war es die gemeinschaftlich organisierte Gesellschaft, mit Verbrechern und Ehebrechern als Sklaven und patriarchalischen Ältesten als die führenden Geister; Shangrila ist eine verträumte, passive Welt pazifistischer und asketischer Ideale; in den neueren Welten der Sci-Fi-Utopien befinden wir uns im Reich des emotionslosen, sterilen und/oder sadomasochistischen Daseins, in computerisierten, robotisierten Horror-Welten, wie sie in Literatur und Kino dargestellt wurden, in „Clockwork Orange“, „2001“, „Logan’s Run“ und „Star Wars“.

Die Beziehung zwischen Utopien und der politischen Charakterologie wurde vor kurzem von Erik von Kuehnelt-Leddihn (1977) klar erläutert. Er stellt fest:

Es kann kaum Zweifel darüber bestehen, dass die Utopien sehr oft als säkularer Ersatz für das religiöse Konzept eines jenseitigen Himmelreichs oder sogar für das hier auf Erden verloren gegangene Paradies dienen … Die Anstrengungen zur Errichtung von Utopien haben ohne Zweifel ungeahnte Schäden verursacht; Ozeane von Blut waren die Folgen. … unnötig zu sagen, dass eine Ideologie der treibende Motor bei der Umwandlung der meisten utopischen Visionen in die Realität ist.

Hier hat Kuehnelt-Leddihn die utopischen politischen Ideologien des Nazismus und des Kommunismus im Sinn.

Es ist für den funktionellen Denker ersichtlich, dass den Stammvätern aller dieser Systeme das entgangen ist, was Freud und Reich als genitalen Primat bezeichnet haben. Keine dieser utopischen Bewegungen hat den biologischen Kern des Problems verstanden, eine bessere Welt zu erschaffen. Alle diese Systeme, die neurotischen Charakterstrukturen entsprungen sind, waren sexualverneinend. Reich zeigt in der Charakteranalyse (1949a, Seiten 164-73) die von sexueller Schuld und Sexualablehnung geprägte Struktur des Neurotikers. Das Konzept einer gesünderen, besseren Welt als einer Weiterentwicklung von orgastisch potenten Menschen war und ist den Utopisten fremd. Selbst heute, mit einem gewissen intellektuellen Verständnis der funktionellen Konzepte Reichs, ist die Menschheit wohl kaum strukturell bereit, diese Prinzipien zu leben.

 

Literatur:

Ardrey, R. 1966. The Territorial Imperative. New York: Dell (paperback), 1971.
(deutsch: Adam und sein Revier, Wien, München, Zürich: Molden, 1968)

Bacon, F. 1626. New Atlantis. New York: Odysseus Press, 1973.
(deutsch: Neu–Atlantis, Stuttgart: Reclam, 2003)

Baker, E.F. 1967. Man in the Trap. Princeton: The American College of Orgonomy Press, 2000.
(deutsch: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980)

Butler, S. 1960. Erewhon. New York: New American Library.
(deutsch: Erewhon, München: Goldmann 1985)

Freud, S. 1962. Three Essays on the Theory of Sexuality. New York: Basic Books.
(deutsch: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt a. Main: Fischer, 1991)

Hilton, J. 1933. Lost Horizon. New York: Pocket Books, 1976.
(deutsch: Der verlorene Horizont, München, Zürich: Piper, 2003)

Hobbes, T. 1660. Leviathan. New York: Penguin (paperback), 1968.
(deutsch: Leviathan, Stuttgart: Reclam, 1986)

Kuehnelt-Leddihn, E. von. 1977. „Utopias and Ideologies„, Modern Age 21:263.
(URL: https://isistatic.org/journal-archive/ma/21_03/kuehnelt.pdf)

Malinowski, B. 1929. The Sexual Life of Savages. New York: Harcourt, Brace and World.
(deutsch: Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, Frankfurt a. M.: Syndikat, 1979)

Mathews, P. 1974. The Sociopolitical Diathesis. Journal of Orgonomy 8:204-15; und
The Mechanisms of the Emotional Plague. Journal of Orgonomy 9:206-218, 1975.

Plato. 360 B.C . The Republic. New York: Penguin (paperback), 1974.
(deutsch: Der Staat, Stuttgart: Reclam, 1982)

Plutarch: 75 A.D. Lycurgus in his Lives of the Noble Greeks. New York: Dell (paperback), 1974.
(deutsch: Große Griechen und Römer: 6 Bände (Bibliothek der Alten Welt), Berlin: De Gruyter, 2011)

More, T. 1975. Utopia. New York: Dutton Press.
(deutsch: Morus: Utopia, Stuttgart: Reclam, 2016)

Raknes, O. 1970. Wilhelm Reich and Orgonomy. Princeton: The American College of Orgonomy Press, 2004.
[New York: Penguin, 1971 (Anm. Übers.)]
(deutsch: Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt a. M.: Fischer, 1973)

Reich, W. 1945. The Sexual Revolution. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Die sexuelle Revolution, Frankfurt a. M.: Europäische Verl.-Anst., 1966)

Reich, W. 1946. Mass Psychology of Fascism. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1971)

Reich, W. 1949a. Character Analysis. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Charakteranalyse. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1970)

Reich, W. 1949b. Ether, God and Devil. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Äther, Gott und Teufel. Frankfurt: Nexus, 1983)

Reich, W. 1953. The Murder of Christ. New York: Orgone Institute Press.
(deutsch: Christusmord. Olten, Freiburg im Breisgau: Walter, 1978)

Reich, W. 1971. The Invasion of Compulsory Sex-Morality. New York: Farrar, Straus and Giroux.
[3rd edition prepared by Wilhelm Reich, 1951.(Anm. Übers.)]
(deutsch: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Köln: Kiepenheuer und Witsch, 1972)

Roheim, G. 1950. Psychoanalysis of Primitive Culture. New York: International Universities Press.
(deutsch: Psychoanalyse und Anthropologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1977)

Rousseau, J.J. 1976. The Social Contract. New York: Penguin
(deutsch: Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes, Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2005)

Advertisements