Schopenhauer und Reich (Teil 1)

Vor Jahren habe ich zufällig bei der sonntäglichen Hausarbeit einige Stellen aus einer Radiosendung über Schopenhauer mitbekommen. Das übliche bildungsbürgerliche Geschwafel, von dem jedoch zwei Stellen bei mir haften geblieben sind.

Zunächst einmal folgende Aussage des Schopenhauer-Biographen Rüdiger Safranski:

Schopenhauer hat vom Leib, vom Willen, vom Leben gesprochen ohne Messianismus. Unser Leib wird uns nicht erlösen, unser Wille auch nicht. Er hat die Ohnmacht der Vernunft gegenüber dem Willen drastisch gezeigt. Aber er war „der rationalste Philosoph des Irrationalen“ [ … ]. Er wußte: man muß dem Schwächeren beistehen, der Vernunft. Für die Torheit, den Willen, diesen Riesen, zu sich selbst befreien zu wollen, hatte er nur Verachtung übrig.

Ich glaube, dieser Gedanke, bzw. diese Gefühlslage, bestimmt einen Gutteil der „Reich-Hasser“, selbst wenn sie es so nicht ausformulieren können. An dieser Front spielte sich auch der Konflikt zwischen Freud und Reich ab.

Das tragische an dieser Auseinandersetzung ist, daß es die grundsätzlich falsche Front ist. Es geht nicht darum, den „rationalen Geist“ gegen die „irrationalen Triebe“ zu verteidigen, sondern darum rationale (primäre) Triebe von irrationalen (sekundären) Trieben zu scheiden, rationale von irrationalen Vorstellungen. Ich denke dabei beispielsweise an die vollkommen irrationalen Vorstellungen der „Schopenhauers“ und „Freuds“ über Kindererziehung, in deren Folge weiterhin primäre in sekundäre Triebe verwandelt werden und die Unvernunft immer weiter wuchert.

Daß ein Volkspädagoge wie Safranski diesen verhängnisvollen Ungeist im 21. Jahrhundert mit der Geste des großen, illusionslosen Aufklärers noch immer verbreiten kann, ohne sich lächerlich zu machen… Das meinte ich mit „bildungsbürgerlichem Geschwafel“. Was für ein Mief, was für ein ekeliges Miasma!

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

2 Antworten to “Schopenhauer und Reich (Teil 1)”

  1. Claus Says:

    „Es geht nicht darum, den ‚rationalen Geist‘ gegen die ‚irrationalen Triebe‘ zu verteidigen, sondern darum rationale (primäre) Triebe von irrationalen (sekundären) Trieben zu scheiden, rationale von irrationalen Vorstellungen.“ Ja. „Daß ein Volkspädagoge wie Safranski diesen verhängnisvollen Ungeist im 21. Jahrhundert mit der Geste des großen, illusionslosen Aufklärers noch immer verbreiten kann, ohne sich lächerlich zu machen…“ Gerade das ist deshalb verständlich, weil (abgesehen von Widerständen usw.) den Uni-Forschern und Safranskis jede empirische (einschließlich charakteranalytische) Grundlage für die Annahme von Kern und Sekundärem und überhaupt von ‚Schichten‘ im Charakter nicht geläufig ist. Selbst wenn sie von Charakteranalyse gehört haben, werden sie sie als subjektive, nicht ‚valide‘, Deutung eines Analytikers abtun. Der Teufel steckt wieder im Detail des Empirieverständnisses. (Vergiss doch mal Nietzsche u. dgl.)

  2. Claus Says:

    Leider ist es erst einmal so schwer, Einsichten der Charakteranalyse in Einklang zu bringen mit dem, was wir über Schimpansen wissen. Daher ist es eine der schwierigsten Aufgaben, zu erklären, wie derart ‚Böses‘ wie, einer Mutter das Kind wegzureißen und zu essen, schon bei Schimpansen vorkommen kann und bei Menschen etwas Sekundäres wäre. Wobei ja gar nicht ausgeschlossen ist, dass Schimpansen ähnliche Merkmale der Charakterbildung wie Menschen aufweisen. Goodalls Beobachtungen werden womöglich zu Unrecht als Belege für angeboren Böses aufgefasst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: