Emotionen sind für den Therapieerfolg wichtiger als Einsicht und Deutung

So der Titel eines Tagungsberichts von dem Psychiater und Psychotherapeuten Andreas Meißner im NeuroTransmitter (Feb. 2017), dem offizielles Organ der Nervenärzte, Neurologen und Psychiater. Im Gegensatz zur ursprünglichen Psychoanalyse sei heute die Therapie dieses Traditionsstranges intersubjektiv statt hierarchisch, partnerschaftlich statt autoritär. Die therapeutische Beziehung ist der entscheidende Wirkfaktor, nicht mehr Deutung und Einsicht. Früheste nonverbale Beziehungserfahrungen werden jenseits der Sprache im prozeduralen Gedächtnis („Beziehungsgedächtnis“) abgelegt und können deshalb nicht „gedeutet“ werden, sondern es kann in der therapeutischen Beziehung allenfalls zur Nachreifung kommen. Die Gesprächsatmosphäre wird wichtiger als die kognitive Verarbeitung, denn sie schafft einen „Entwicklungsraum“. Entsprechend kommt es ganz entscheidend auf die Wahrnehmungsfähigkeit, die Lebendigkeit und das Verständnis des Therapeuten an.

Liest man die entsprechenden Ausführungen, muß man spontan an Reichs Konzept von gegenseitiger orgonotischer Erstrahlung und Anziehung denken. Etwa wenn es bei Meißner heißt:

Es handelt sich [bei Therapeut und Patient] um ein analytisches Paar, das etwas neues Drittes erschafft, eine neue Wirklichkeit, eine neue gemeinsame Erfahrung, aus der nun beide Beteiligten verändert hervorgehen, verändert in verschiedener Weise und in unterschiedlichem Ausmaß.

In dieser Art von Therapie hört der Patient auf, sich als bloßes Opfer längst vergangener Interaktionen zu betrachten, sondern (ganz wie in Reichs Charakteranalyse) tritt das Hier und Jetzt in den Vordergrund.

Soweit referiert Meißner Ausführungen des emeritierten Professors für Psychosomatik und Psychotherapie, Michael Erdmann. Im Anschluß daran beschreibt Meißner ergänzende Ausführungen des Professors für Verhaltensphysiologie und Neurobiologie, Gerhard Roth:

Pränataler und früh postnataler milderer Streß der Mutter führt beim Kind zu einem erhöhten Kortisolspiegel, der einhergeht mit Überängstlichkeit, Melancholie oder Angststörungen. Bei stärkerem, chronischem und nicht bewältigbarem Streß führt der entsprechende Hyperkortisolismus zu atypischer Depression, Empfänglichkeit für posttraumatische Belastungsstörungen und zu emotionaler Unempfindlichkeit bis hin zur Psychopathie (wie man sie etwa beim „gefühllosen Berufskiller“ findet). Der Hyperkortisolismus geht fast immer mit einer verminderten Serotoninproduktion einher, was zu Störungen der Regulation von Nahrungsaufnahme, Schlaf, Temperaturregulation, der Fähigkeit der Verhaltensregulation, Beruhigung und Wohlbefinden, etc. führt. Reich sprach hier von „Sympathikotonie“, der chronischen energetischen Kontraktion des Organismus, die bereits im Uterus anfange, spätestens aber während und unmittelbar nach der Geburt.

Dem könne, so Roth, ein Oxytocinanstieg im Rahmen einer liebevollen Interaktion entgegenwirken. Die Kortisolproduktion werde verhindert, der Serotoninspiegel steige. Damit sei die Möglichkeit einer Kompensation früher psychischer (gemeint ist wohl eher emotionaler) Defizite gegeben.

Aus diesem Grund seien auch rein kognitive Therapiestrategien kaum erfolgreich. Die neurobiologische Forschung zeige, daß die Wirkung etwa der kognitiven Verhaltenstherapie auf emotional wirkenden Faktoren beruhen müsse, wie die Bindung zum Therapeuten und das konkrete verhaltenstherapeutische Training und Einüben im Hier und Jetzt. Ähnliches ließe sich über die „einsichtsvermittelnde und bewußtmachende“ Psychoanalyse sagen. „Eine rein sprachlich aufklärende Mitteilung wirke nicht auf die subkortikalen limbischen Zentren, erläuterte Roth. Wirksam wird die Behandlung, wenn emotionale Dinge eine Rolle spielen.“ Ähnliches sagte Reich in der damaligen Begrifflichkeit seit Anfang der 1930er Jahre. Die psychoanalytischen Sektierer haben ihn dafür mit einem gnadenlosen Haß und abgrundtiefer Verachtung gestraft.

Auf die Orgontherapie verweist folgende Stelle in Meißners Aufsatz: Durch die therapeutische Allianz komme es zu den erläuterten neurobiologischen Veränderungen hinsichtlich Kortisol, Serotonin, Oxytocin, etc. Doch „Roth wies darauf hin, daß die eigentlichen strukturellfunktionellen Defizite dabei aber offenbar nicht behoben werden, was die hohe Rückfallquote von 80% erklären könnte“. Deshalb spiele „das Aufspüren von Ressourcen und das Einüben alternativer Schemata im Fühlen, Denken und Handeln“ in einer zweiten Therapiephase eine große Rolle. Die neurobiologische Umstrukturierung brauche halt Zeit. Schön und gut, aber tatsächlich scheitern diese Therapien letztendlich, weil die PANZERUNG nicht angegangen wird!

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3 Antworten to “Emotionen sind für den Therapieerfolg wichtiger als Einsicht und Deutung”

  1. Anton Salat Says:

    Hallo Her Nasselstein,

    schöner Beitrag, danke!

    In diesem Zusammenhang – dem Einfluß erhöhter Kortisolspiegel – wäre es erwähnenswert, dass ebenso massiv überhöhte Kortisolspiegel regelmäßig bei (äußerlich unauffälligen) Kindern in Kinderkrippen gemessen wurden (1.-3-LJ). Von daher sind dieselben Auswirkungen allein durch die politisch gewollte Unterbringung von Kleinkindern in solchen Einrichtungen zu erwarten. Statt Familienförderung zu betreiben, wird gegenwärtig ein Heer neuer Neurotiker geschaffen.

    Gruß

    A.Salat

    https://www.welt.de/wissenschaft/article1494482/Fruehe-Fremdbetreuung-ist-fuer-Kinder-schaedlich.html

    https://charismatismus.wordpress.com/2013/04/12/experte-warnt-vor-gesundheitsschadlicher-krippenerziehung-fur-kleinkinder/

    http://www.freiewelt.net/interview/krippenbetreuung-ist-belastung-fuer-das-kind-21455/

    usw.

  2. Tzindaro Says:

    I have met hundreds of people who have been in some form of therapy, some of them for many years. I have never yet met anyone whom I could say had benefited from it. That includes any of the many forms of Reichian therapy. The whole concept of mental illness being curable is flawed and needs to be discarded. There is no effective form of psychotherapy and probably never will be.

    Reich said this many times throughout his entire career. He told his peers that they were wasting their time treating already damaged adults and should concentrate on prevention of mental illness instead. They ignored him of course because they wanted to earn a living and there was money to be made in doing therapy, but none in being a political activist working for changes in the way children are raised.

    Reich was never satisfied with his own forms of therapy. That is why he kept changing them so much. He had to go on working in the field to make a living, long after he had come to the conclusion it was not working, but he stopped doing therapy as soon as he had the chance and devoted himself to orgone research instead.

    Reich was right. There is no useful form of psychotherapy and there never will be. Forget therapy. The idea of psychotherapy was a fantasy and should be relegated to the history books.

  3. sven Says:

    Super Beitrag! Genau deswegen lese ich gerne den NB. Oxytocin ist sehr interessant wenn man an bullshit glaubt. Gerade erst den harald lesch auf 1rgnfz gesehen und über Glück palbern gehört. Voll der Bringer:bringt aber nix. Dieser NB zeigt mir nur eins: Orgontherapie..aber leider in hh und kann ich mir eh nicht leisten und deshalb (frust). Ich bleibe hier.

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