Tagebuchschreiben

Es ist fraglich, ob das autobiographische Aufarbeiten irgendeinen Nutzen zeitigt. Einer Studie der beiden britischen Forscher Elaine Duncan (Glasgow Caledonian University) und David Sheffield (Staffordshire University) zufolge haben die, die Tagebuch schreiben, einen weitaus schlechteren Gesundheitszustand als jene, die auf diese selbstbezüglichen Grübeleien verzichten. Tagebuchschreiber leiden wesentlich häufiger unter Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Verdauungsproblemen. Besonders deutlich ist der Effekt bei denen, die auf diese Weise ihre Traumata „bewältigen“ wollen.

Bisher hatten Psychologen angenommen, daß Tagebücher zur Bewältigung traumatischer Erlebnisse geeignet seien, aber es ist offensichtlich günstiger, wenn nicht alles sofort zu Papier gebracht wird. Man nimmt an, daß die Tagebuchschreiber viel öfter an ihr Geschick denken und sich in einem grübelnden, ewig wiederholenden Zyklus befinden.

Das Problem ist umfassender. Leute, die sich in der „Esoterik“ auskennen, wissen, daß es nichts Kontraproduktiveres gibt, als schlimme Dinge, „bei denen es doch nicht mit rechten Dingen zugehen kann“, etwa schier unerklärliche Unglückserien und unfaßbar schlechtes Karma, „aufarbeiten“ zu wollen. Nicht nur, daß es nichts bringt, vielmehr chronifizieren sich diese Umstände nur noch weiter, wenn man sich immer und immer wieder auf sie „eintuned“. Es ist geradezu ein „schwarzmagisches Ritual“ der Selbstvernichtung!

Das einzige Geheimnis des „Glückspilzes“ und „Sonntagskindes“ ist es, daß er sich nicht von der Vergangenheit einspinnen läßt, sondern immer wieder von vorne anfängt.

Weniger „esoterisch“: Das Geheimnis des Womanizers ist nicht sein Aussehen, sondern einzig und allein seine positive Ausstrahlung und seine Unverfrorenheit. Der Loser mag zwar wie der nächste James Bond aussehen, aber wenn er die unvermeidlichen Zurückweisungen des hysterischen Geschlechts nicht aus seinem Kopf kriegt, d.h. schlicht und ergreifend ignoriert bzw. gleich wieder vergißt, wird er ewig eine dunkle Wolke aus Unsicherheit mit sich tragen, die wirklich auch noch die empfänglichste Frau abstößt.

Was vergangen ist, ist vergangen. Basta! In der Vergangenheit zu leben und sei es nur, den vergangenen Tag „aufzuarbeiten“, ist äquivalent mit Panzerung!

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,

13 Antworten to “Tagebuchschreiben”

  1. O. Says:

    Lohnt sich das Buch [Where’s the Truth?] überhaupt zu lesen?

    Das therapeutische Tagebuch während einer Behandlung mag noch Sinn machen, wenn man die traumatischen Erlebnisse nochmals reflektieren will. Vorher hatte man wohl keine Zeit oder Kraft seine Traumen durchzuarbeiten oder man ist nicht der Typ für solche Reflektionen.
    Ein Tagebuch an sich zu führen, ähnelt einem Zwangsgrübeln, das bekanntlich nicht gesund sein kann und zu Depressionen führt bzw. diese verstärken kann. Man ist mit seinen Gedanken alleine und teilt sie nicht mit.
    In der Psychotherapie kann man wohl zwei Fehler machen: 1. sich psychoanalytisch dauernd mit der Vergangenheit ohne Bezug zur akutellen Realität zu beschäftigen oder 2. sich verhaltenstherapeutisch immer mur auf jetziges Verhalten und dessen Modifikation zu besinnen. Beides verdient nicht das Wort Psychotherapie.
    Freud & Breuer, sowie Reich haben schließlich entdeckt, dass Erinnern mit emotionalem Erleben (und im Kontakt mit dem Therapeuten zu sein) die psychische Situation verbessert.

    Reichs Tagebuchführung ist wohl auch an die Nachwelt gerichtet, da man ja weiß, das Tagebücher und Biographien von großen Männern gerne später veröffentlicht werden. Bei Reich sollte die Nachwelt begreifen können, was ihm persönlich passiert ist und nicht wie er das Weltgeschehen interpretiert (wie bei Thomas Mann, Hermann Hesse). In Leidenschaft der Jugend ging es um die Zurschaustellung einer „orgastisch potenten“ Jugend, neben Freudschen Kindheitstraumen. In Beyond Psychology werden eher Hintergründe und Briefe der Zeit um die Entdeckung des Orgon erklärt. Und das letzte Buch soll wohl aufklären helfen, wie es zu den Prozessen kam, zu den Anfeindungen der FDA, dem Überlaufen seines Anwaltes etc. (s. a. Greenfield)
    Durch die dauerhaften Verfolgungen und Angriffe wird Reich ein zunehmendes Erschöpfungssyndrom entwickelt haben, dessen Auswirkungen auf die Stimmung und das Denken wirken und in diesem Buch wohl zu finden sind. Dieses Leiden blieb sicherlich unentdeckt, entwickelte sich schleichend, für die anderen Menschen zu erkennen, aber für Reich selbst nicht früh genug wahrzunehmen. Sein Herzleiden spricht für diese These.

    Gibt es im neuen Buch einen Hinweis auf den Inhalt von „Creation“?

    • Peter Nasselstein Says:

      Reich hat seinen Patienten „verboten“ sich Notizen über den Therapieverlauf zu machen!

      • O. Says:

        Das ist im Fall Reich als Therapeut für uns zu Schade, dass nichts überliefert wurde. Aber ich würde mir das auch verbieten, weil Patienten immer einen anderen Blick – eben nicht fachlich – auf den Vorgang haben.

        • Ed Malek Says:

          We have the psychotherapy notes of one of Reich’s patients, AE Hamilton, who was a founder of self-regulating children’s schools (he afterwards became friends with Reich).
          Reich treated him biophysically and used character analysis on his resistance. It is a historically wonderful read, as we listen to Reich explaining his orgone therapy to Hamilton–who is also unconsciously treated as the medical establishment who thinks Reich is crazy.
          The notes can be found in the Journal of Orgonomy, Vol. 31-32, which also explains the history and the lucky find of the manuscript after many years.

    • Peter Nasselstein Says:

      Lohnt sich das Buch? Was für eine Frage! Das Problem ist nur Higgins, die keine Ahnung von professioneller Editionsarbeit hat. Beispielsweise wird nicht gesagt, was nicht veröffentlicht wurde, d.h. die Frage beantwortet, nach welchen Kriterien und was genau eigentlich veröffentlicht wurde.

      Reich selbst geht mir dermaßen auf den Sack! Er hatte zwei Optionen: entweder alles seinen Anwälten übergeben, wobei ein fader Kompromiß herausgekommen wäre, der sich nach vielleicht zehn Jahren verflüchtigt hätte – der Verbot des Vertriebs von Akkumulatoren. Oder Reich hätte alles über sich ergehen lassen können und die Orgonomie hätte sich so entwickelt wie nach Reichs Tod, d.h. ohne Akkumulatoren. Aber was macht Reich: er verwickelt sich in ein haltloses Kuddelmuddel aus „wir befolgen der Gerichtsverfügung!“ und „wir kämpfen gegen die Gerichtsverfügung!“

      Bei beiden Optionen hätte Reich keinen Gedanken an den ganzen Scheiß verschwenden müssen. Stattdessen hat er sich schließlich fast ausschließlich mit ihm beschäftigt!

      Nein, nichts neues über CREATION.

      • Robert (Berlin) Says:

        Es ist ja nicht nur Tagebuch, sondern abwechselnd wissenschaftliche Notizen und Briefe.
        Natürlich muss niemand das Buch lesen, aber in einem WR-Forum solche Frage zu stellen, wirkt doch etwas befremdlich.

        • O. Says:

          Völlig korrekt. Das ist mein persönlicher Luxus, eine solch absurde Frage zu stellen. 😉
          Ich habe mir mit der Zeit abgewöhnt, jedes Buch zum Thema lesen zu müssen. Einmal will ich nicht mehr so negativ eingestellte Bücher im Schrank haben, darunter fällt dann Turner und Lassek in der x-ten Version des Ewigselbigen, eine Fuckert Homöopathie etc. oder Fischers geistige Ergüsse. Zum anderen wähle ich auch strenger aus, was ich noch lesen möchte: Reichs Biographien haben mich aufgrund des für mich geringen Erkenntnisgewinnes weniger interessiert und seine letzte Gerichtsphase ist sehr deprimierend und motiviert mich auch nicht besonders. Ferner fällt mir das Jahre lange Warten auf bspw. 2007, Öffnung des Archives – ohne dass man hier einfach heran kommt, oder die letzte Biographie (Tagebuch) schwer, sich darauf noch zu freuen.
          Für wissenschaftliche Notizen bin ich immer zu haben, auch wenn sie im letzten Buch schon viel zu selten waren. Es hat eben kein Wolfe oder Reich editiert …

      • O. Says:

        Das Buch lohnt sich für eingefleischte Alleswisser über Reich. Für mich hinterfragt es seine eigene Haltung und ob Orgontherapie irgendwas bringt. Theoretisch ist sie wichtig, keine Frage. Doch so wie er sich in dem Buch beziehungstechnisch egoman anstellt, kommt seine unbearbeitete Neurose richtig durch. Das mag ihn vom Sockel hauen, stellt aber auch die Praxis seiner Arbeit für mich in Frage. Also irgendwie zerstört es den Mythos, dass Reich alles weiß und dadurch im Griff haben könnte. Eigentlich ist alles mehr als unfertig und es tun sich mehr Fragen auf als Antworten. Wer damit leben kann, wird gut bedient.

  2. Denis Roller Says:

    Der Beitrag gefällt mir richtig gut. Besonders die letzten Sätze. Die Zukunft ist eine unbegrenzte Ressource, die man bereits jetzt zur Verfügung hat. Das „Jetzt“ eines Mannes- sein wahrer Johannes…

  3. Frank Says:

    „Positive Ausstrahlung und Unverfrorenheit“ eines Mannes lassen fast alle Frauenherzen schmelzen? Das ist wohl wirklich so. Aber warum ist das so???
    Welche Eigenschaften bei Frauen lassen Männerherzen schmelzen (ein Widerspruch in sich? Männerherzen sind hart …) – eher „schlagen“?

  4. Frank Says:

    „Wenn man sich die Studien anschaut : https://www.newscientist.com/article/dn6374-dear-diary-you-make-me-sick dann sieht man, dass die Leute untersucht haben, die sowieso Tagebuch schreiben und mit Leuten verglichen haben die nicht Tagebuch schreiben. Ich würde behaupten, dass sensiblere Menschen eher Tagebuch schreiben und diese auch eher unter genannten Problemen (Schlafstörungen, Kopfschmerzen etc.) leiden. Das würde bedeuten, dass das Tagebuch schreiben nur eine Folge von anderen Eigenschaften ist und keinen direkten Zusammenhang zum schlechteren Gesundheitszustand besteht. Außerdem steht nicht drin, ob hier die Tagebuchschreiber genauso häufig Traumata erlebt haben wie die nicht Tagebuchschreiber. Natürlich geht es Leuten mit Traumata schlechter, das muss gar nichts damit zu tun haben ob sie darüber Tagebuch schreiben oder nicht. Ich denke, dass es diesen Ruminativen Circle natürlich gibt, dass drüber schreiben und nachdenken auch schädlich sein kann. Genauso gut, hilft es aber auch sehr vielen Leuten, wozu es auch zahlreiche Studien gibt, wie in dem Studien-Artikel steht. So hilft das Schreiben beim Ordnen der Gedanke und dem Klarifizieren von Gefühlen. Außerdem schafft das Niederschreiben Distanz und das symbolische Zuklappen des Geschriebenen und in die Schublade legen kann befreiend sein und beim Abschließen helfen.“

    • Claus Says:

      Na ja, es ist doch Zeitverschwendung. Wenn ich bedenke, dass ich hier diese paar Jahre zur Verfügung habe; und dann noch mein Leben aufschreiben, und das auch noch täglich … Ich wundere mich schon immer über Blogger, die Tagesereignisse reflektieren … und noch mehr über Schriftsteller, die auch nichts anderes tun …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: