Die historisch-materialistische Interpretation und die bio-psychologische Interpretation des Todestriebes und der gesellschaftlichen Ideologie

Der sozialistische Kampf, das theoretische Organ des Austromarxismus war im faschistischen Österreich verboten. Es wurde deshalb in der Tschechoslowakei veröffentlicht. Sein Herausgeber war der berühmte Otto Bauer, Führer des „Austromarxismus“. Anläßlich von Freuds 80. Geburtstag veröffentlichte das Magazin 1936 zwei Artikel. Einen von W.M. (d.i. Karl Frank): „Sigmund Freud und der revolutionäre Sozialismus“. Wegen dem historischen, d.h. bürgerlichen Hintergrund der Psychoanalyse und der Enge des zeitgenössischen Marxismus gäbe es bis heute (1936) keine marxistische Analyse der Psychoanalyse. Es gäbe eine Freudsche Philosophie, z.B. Freuds Todestrieb, die mit Oswald Spengler gemeinsame Wurzeln habe, nämlich die Philosophie der untergehenden Bourgeoisie. Trotzdem schuf Freud eine moderne Psychologie, indem er auf die soziale Verursachung psychologischer Tatbestände hinwies und dergestalt eine biologisch-materialistische Grundlage für eine Herangehensweise entwickelte, die dem historischen Materialismus ähnlich sei. Die grundlegende Leistung der Psychoanalyse sei ihr Beitrag zum Verständnis des sozialen Überbaus (Wolfgang Huber: Psychoanalyse in Österreich seit 1933, Wien: Geyer-Edition, 1977; Ernst Glaser: Im Umfeld des Austromarxismus, Wien: Europaverlag, 1981, S. 271).

Das entspricht auch weitgehend Reichs damaliger Sichtweise (siehe dazu Otto Fenichels 119 Rundbriefe, Bd. 1, S. 379f). Reich ist nur weitergegangen, über die Psychoanalyse und den Marxismus hinaus. Zunächst einmal führte nicht die soziologische Verortung der Todestriebtheorie (Ideologie der „untergehenden Bourgeoisie“) zu deren Überwindung, sondern die Durchdringung des Masochismus als bio-psychologisches Problem, d.h. als einer Funktion der Panzerung (siehe Charakteranalyse). Und überhaupt, was den ideologischen „Überbau“ betrifft: dieser ist tatsächlich eine Funktion der dreischichtigen bio-psychologischen Struktur des gepanzerten Menschen (siehe Die Massenpsychologie des Faschismus).

Es ist ernüchternd, daß man sich noch heute mit der Denkungsweise, die im ersten Absatz dargestellt wurde, auseinandersetzen muß – selbst bei „Reichianern“.

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3 Antworten to “Die historisch-materialistische Interpretation und die bio-psychologische Interpretation des Todestriebes und der gesellschaftlichen Ideologie”

  1. Claus Says:

    Etwas bereitet mir immer Unbehagen an den historischen Rückblicken auf Reichs Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und ihren einzelnen Vertretern: Für fast alle Naturwissenschaftler und Psychologen an Unis ist Freud lächerlich, nicht wegen des Todestriebes, sondern aufgrund der Art der Theoriebildung. Man bewegt sich damit also in ganz besonders speziellen – für heutige Verhältnisse sektiererischen – Bereichen. Gerade Reich näherte sich dann anders als durch freie Assoziation und Gespräch Zugänglichem. Seine Wurzeln in der Psychoanalyse sind zwar historisch verständlich, aber sachlich eher kein Pluspunkt.

    • O. Says:

      Dass Freud heute zwar als „groß“ gelobt wird und allgemein „anerkannt“ ist, somit zum kulturellen Erbe gehöre, verdankt er seinem beharrlichen Hinweis, dass psychische Vorgänge verstehbar seien – eben psycho-logisch. Ohne ihn macht Psychologie keinen Sinn.
      Auf der anderen Seite will man mit dem Kern seiner Aussagen nichts zu tun haben und das Tirebenergetische wieder verdrängen und verleugnen, sogar innerhalb der Psychoanalyse. Und hier wirken einmal mehr gesellschaftlich reaktionäre und industrielle Interessen als auch die faschistische Doktrin des Nationalsozialismus bis heute und bestimmen den Kurs deutscher und vor allem amerikanischer „Psychologie“ – von Behaviorismus bis Psychoanalyse.
      Freud wird somit wieder verdrängt. Aber es ist nicht Freud, sondern sein Hinweis auf die kindliche Sexualentwicklung auf die Ausbildung der Persönlichkeit, d. h. ein Verständnis von Psychologie die für die Psychotherapie essentiell ist, die ignoriert wird.
      Reichs Rolle ist in schon frühen Schriften auf den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Charakterformung hinzuweisen. Reich hat hier ein Verständnis z. B. in Massenpsychologie des Faschismus, Sexuelle Revolution usw. angeboten. Dieses Stückwerk hat(-te) schon soviel Sprengkraft, dass er abgelehnt wird. Auch wenn es niemand benennt oder denken würde, hat Reich damit Freud (und Freud sah dies deutlich, daher der Rauswurf von Reich aus der Psychoanalyse) nachhaltig geschadet. Keiner möchte diese Wahrheit wissen, da es zu schmerzhafter persönlicher und sozialer Veränderung aufruft. – Daher erfolgten alle Anfeindungen gegen Reich. Freud und Reich werden gleichermaßen verdrängt und systematisch bekämpft – noch heute. Und genau damit lebt der charakterliche Faschismus, der Haß auf das Lebendige und die Genitalität weiter. Und das benennt Freud verkürzt als den Todestrieb, was auf dieser phänomänologischen Ebene durchaus stimmig ist. Reich ging es um die Analyse des Todestriebes und erklärte ihn für eine sekundäres Produkt einer Störung der primären Genitalität (Funktion der Panzerung und Charakterbildung).

      Reich redet nicht lange um den heißen Brei, benennt die Probleme und suchte nach Lösungen. Zu meinen er habe alle Lösungen gefunden (wie es Reichianer gerne darstelllen, ohne ihn verstehn zu wollen) ist eine irrige Annahme. Er hat eine Theorie aufgebaut, die er aus der Praxis und Forschung extrahiert hat. In den Lösungen scheitert er mehrfach und entwickelt sich dennoch weiter.
      Seine Arbeit hängt zu sehr an seiner Person. Mit bzw. ohne ihn steht und fällt sein theoretisches und therapeutisches Konstrukt.

      Bescheiden will ich sagen, dass es bei Reich nicht um richtig oder falsch geht, sondern um eine nützliche Denkweise und brauchbare Inhalte. Ihn apriori als „unwissenschaftlich“ mundtot zu machen, schafft keine wissenschaftliche Atmosphäre. Ihn über alles zu stellen, macht gleichsam blind. Es geht auch nicht um seine Person und einen Personenkult. Es geht um Inhalte in der Psychologie.

      Und diese sind heute auch nicht mehr zu trennen von seinen bio-physikalischen Erkenntissen, auch wenn diese schlicht einfach anmuten, als dass sie auf den ersten Blick sinnig erscheinen.

    • O. Says:

      zu Claus: Die Libidotheorie bringt für Reich die Grundlage zur Charakterkunde. Die heutige Psychoanalyse bringt für Reich keinen Pluspunkt. Jedoch umgekehrt geht es in der Psychoanalyse nicht ohne Reich, auch wenn er geleugnet wird. Auch in der Psychotherapie geht es nicht ohne Reich, möge man es sich auch noch so wünschen.

      Doch da es im Internet und in „Veröffentlichungen“ so viel falsche „Reichianer“ gibt, die ihn mit Müll besetzen, verhindert dies noch einen wissenschaftlichen Diskurs. Wir müssen die Marktschreier loswerden.

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