Mundgeblasene Geschichte

Erinnerungen scheinen mehr über die Berichterstatter auszusagen, als über das geschichtliche Ereignis. Das zeigt sich beispielsweise an dem Gerede über Reichs angeblich emotional gefärbte Haltung zur Homosexualität. Reichs geschiedene Ehefrau Ilse Ollendorff, die auch sonst ein Problem mit Reichs „puritanischer“ Haltung zur Sexualität zu haben schien, erinnert sich:

Er hat niemals wissentlich einen Homosexuellen in Behandlung genommen. Während meines Interviews mit Dr. Havrevold 1966 in Oslo erwähnte dieser, daß er einmal versucht habe, einen angesehenen Akademiker zu Reich in die Ausbildung zu schicken; aber als Reich hörte, daß der Mann homosexuell sei, lehnte er es nicht nur ab, ihn zu akzeptieren, sondern sagte auch noch: „Ich will mit solchen Schweinereien nichts zu tun haben. (Wilhelm Reich, München 1975, S. 115, Hervorhebung hinzugefügt)

Der medizinische Orgonom Morton Herskowitz, der letzte Schüler Reichs, kommentiert:

Dies widerspricht meinen eigenen Erfahrungen. Eines Tages hatte ich Gelegenheit Reich über die Wirksamkeit der psychiatrischen Orgontherapie bei der Behandlung von Homosexualität zu befragen. Vollkommen sachlich verwies er auf erfolgreich behandelte Fälle in seinen Aufzeichnungen. Es gab keinerlei Anzeichen einer ungewöhnlichen Gefühlsregung hinsichtlich homosexueller Patienten. Hatte Reich einmal auf die homosexuellen Probleme eines Patienten überreagiert? Hatte sich seine Haltung seit den Tagen, über die Ilse Ollendorff berichtet, geändert? Oder hatten jene Berichterstatter Reichs Reaktion auf dieses Thema mißdeutet? („Recollections of Reich“, The Journal of Orgonomy, Nov. 1978, S. 185f)

Auch ging es ja in Ollendorffs Beispiel für Reichs angebliche „Homophobie“ um Ausbildung nicht um Therapie. Was wirklich hinter dieser berühmten Geschichte steckt, zeigt vielleicht die folgende von Myron Sharaf, dem mehr oder weniger offiziellen Biographen Reichs, überlieferte Anekdote:

Mit McCullough [einem Mitarbeiter Reichs] und auch anderen führte er gerne eine Art sokratischen Dialog. Reich fragte ihn einmal, was er von einer Zulassung Rotchinas bei den Vereinten Nationen halte, ein in den fünfziger Jahren heißdiskutiertes Thema. McCullough war dagegen. Reich, der auch ein entschiedener Gegner der Zulassung Rotchinas war, lavierte für den Augenblick: „Nun, die Regierung repräsentiert 700 Millionen Menschen!“ (Fury on Earth, New York 1983, S. 409)

Sharafs Punkt ist, daß, wenn McCullough für Rotchina votiert hätte, Reich empört gegen dieses Paktieren mit dem Roten Faschismus angegangen wäre. Mag sein, daß Reich in einer Diskussion über Homosexualität ähnlich reagiert hat. Bei einem anderen Gesprächsverlauf oder anderen Gesprächspartnern hätte er sich emphatisch für die Rechte der Homosexuellen ausgelassen.

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18 Antworten to “Mundgeblasene Geschichte”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Reich hat nie offiziell etwas gegen Homosexuelle geschrieben, sondern immer als Psychologe Stellung genommen. Seine Ausführung in der Massenpsychologie in einer Fußnote sind zwar arg einseitig (Morphinisten sind in der Regel homosexuell), aber können dem damaligen psychoanalytischen Stand entsprechen.
    Mit Paul Goodman traf sich Reich schliesslich auch, einem Anarchisten und Homosexuellen.

    Zum Thema der Ausbildung von Homosexuellen wäre zu fragen, ob Homosexuelle soweit geheilt werden können, dass sie Heterosexuell und Orgastisch Potent werden können, so dass sie die Voraussetzungen zur Ausbildung mitbringen.
    Ich kannte einen Kandidaten der Bioenergetischen Analyse, der es nicht schaffte, die Anerkennung des Instituts zu bekommen, wer er von seiner Homosexualität nicht lassen wollte (sie war bei ihm „ich-synton“, wie es so schön heißt).
    In der Psychoanalyse ist es umstritten, ob Homosexuelle Analytiker werden können. „Konservative“ Institute sind dagegen, „Liberale“ dafür.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Konia beschreibt im Fall einen Jungen, der seinen Vater im Alter von 10 Jahren verlor.
    Heutzutage wachsen viele Kinder ohne Väter auf und das könnte ein Hinweis sein auf die immer steigendere Anzahl sexualgestörter und homosexueller Menschen. Die feministische Ideologie, die in ihrer Sexualfeindlichkeit die christliche abgelöst hat, ist mit ein Hauptfaktor, dass Frauen Männer schlecht behandeln und sich ihnen auch nicht mehr hingeben können. Männer werden durch diese „harten“ Frauen gehindert, ihren Charm oder Zuneigung zu zeigen.

  3. O. Says:

    Es ist reichlich (das Wort kann ich eigentlich hier nicht verwenden) dubios, warum in der Psychoanalyse über Homosexualität so „dümmlich“ diskutiert wird, wo Freud doch selsbt homosexuell war. Aus diesem Grund hat Reich vor allem nichts negatives über Homosexualität geäußert – und bei genauerer Betrachtung – was soll man dagegen haben wollen, wenn sie offen gezeigt wird und der Umgang damit normal (ohne Bedrängung) gehandhabt wird. Suspekt sind hingegen Leute, die ihre homosexuell Neigung verstecken …
    Nun angesichts der Verfolgung von Homosexuellen wäre ein „Verstecken“ verständlich.
    Zwischen homosexueller Neigung und Reichs „Sexualtheorie“ gibt es selbstverständlich einen Widerspruch, so dass man dies als genauso dem „neurotischen Charakter“ zuordnen kann, wie die Hysterie etc. Aber dies wäre eine akademische/ theoretische Diskussion, bei der es eben nicht um Ausgrenzung gehen kann/ darf. In diesem Sinne hat Reich niemanden ausgegrenzt oder verurteilt, sondern versucht Dinge vom klinischen Standpunkt her zu betrachten.
    Letztlich finde ich diese Diskussion absolut irrelevant, weil man niemanden seine Neigung vorschreiben kann und eine Betrachtung der Gründe – analytisch gesehen in der Therapie – Dinge zu erklären,aber wohl kaum zu verändern mag. Es wäre so als wollte man einen Heterosexuellen dazu bringen nicht auf gewisse Merkmal beim anderen Geschlecht zu mögen, weil diese nur durch „Prägung“ (evtl. Mutter-/ Vaterfixierung) zu stande gekommen sein können.

    Freuds Neigung hingegen hatte vermutlich einen großen Einfluss auf die Psychoanalyse und die Trennungen von der Psychoanalyse. (Jung, Adler etc.)

  4. Robert (Berlin) Says:

    Zu den Verrücktheiten der heutigen Zeit zählt das folgende Video von der NPD, die m. E. genau den sexualökonomischen Standpunkt einnimmt.

    • Peter Nasselstein Says:

      Ein Gutteil der Menschen aus dem Umkreis der NPD sind Anhänger von Miguel Serrano (esoterischer Hitlerismus), der ganz zentral die tantrische und platonische Vorstellung vertreten hat, daß die Erlösung in der Vereinigung von Mann und Frau zu einem Zwitterwesen liegt. Aus bioenergetischer Sicht verschlimmert sich zu den politischen Rändern hin die Augenpanzerung, so daß bei Roten Faschisten (Die Grünen) und Schwarzen Faschisten (NPD) buchstäblich alles verschwimmt (etwa die Geschlechtsunterschiede) und gleichzeitig nur noch nuancenlos Schwarz und Weiß gesehen werden („Radikalismus“).

  5. Robert (Berlin) Says:

    Ich dachte hier eher an Passagen aus DER SEXUELLE KAMPF DER JUGEND. Dass die Rechtsextremen keine Anhänger selbstregulierter Sexualität sind, ist mir schon klar.

  6. Peter Nasselstein Says:

    (…) Wilhelm Reich, der sogar zwölf schwule Männer mittels Psychoanalyse zu »spontaneous sexual desire for women« veranlasst haben will.

    Hodann, History of Modern Morals S. 57

    http://www2.hu-berlin.de/sexology/BIB/herzer/index.htm

    • Jonas Says:

      Interessant, wo doch Reichs angebliches Zitat, er habe „niemals einen Homosexuellen behandelt“, immer wieder als Beleg für seine Homophobie herangezogen wird.

      Umgekehrt kann man es natürlich auch gegen Reich wenden, nach dem Motto: gerade weil er Homosexualität als etwas Behandelnswertes einstufte, war er homophob.

  7. hallo Says:

    Das hier reicht doch völlig aus, Reichs Ansichten über Homosexualität sind mehr als fragwürdig, definitiv Homophob bzw. Schwulenfeindlich und mehr als anmaßend…

    http://www.orgon.de/willytw5.htm

    • Peter Nasselstein Says:

      Ist das eine Satire? Ich meinen, Ihnen ist schon bewußt, daß das „Interview“ gechannelt wurde?! Also, daß es NICHTS mit Reich oder der Orgonomie zu tun hat?!

      Außerdem nimmt diese ganze Diskussion eine falsche Wendung: Es geht nicht darum, daß Homosexuelle „böse“ (was immer das auch bedeuten mag) sind oder „krank“ (was immer das auch bedeuten mag) oder was auch immer. Es geht darum, wie wir alle auf diesem Planeten glücklicher leben können. Das können wir nur erreichen, wenn wir die Welt unverstellt durch irgendwelche Ideologien wahrnehmen und entsprechend handeln.

  8. Tzindaro Says:

    In Reich’s time homosexuality was perhaps mostly caused by psychological factors, but today most cases are due to chemicals in the environment from modern technologies. Radioactive fallout can also cause homosexual behavior due to prenatal brain damage to the hypothalmus, which controls sexual response.

    The modern epidemic of sexual malfunction is more due to biological factors than to upbringing. This is especially true of the most recent type of sexual damage, namely, the inability to identify with one’s own sexuality and the consequent delusion of being a member of the other sex who happens to be in the wrong body.

  9. John Says:

    To follow up on Peter’s comments on living happily together: As shown in history (and currently in USA), once the homosexual political force gains enough power, they move from „live and let live“ ideology to destroying heterosexuality,especially, genitality.
    The current push is to ban therapy for homosexuality (even if one desires it), and to mix up the youth about gender differences by the idealizing of transsexualism. Any one care to use a „gender neutral“ (ie, for transsexuals) bathroom in the White House?
    Much like the Black Fascists of jihadism, their sexual rage is aimed at destroying something that they can never attain-genitality.

  10. Robert (Berlin) Says:

    „Radioactive fallout can also cause homosexual behavior due to prenatal brain damage to the hypothalmus, which controls sexual response. “

    Is there a source?

    • Tzindaro Says:

      Dr. Ernst Sternglass, professor of radiation health physics at the University of Pittsburg.

      • claus Says:

        Thank you, but it would be helpful to inform the reader about the source concerning the author as well as concerning the article or the book in general. You often mention interesting matters of fact or claims which would be worth reading. (For example recently you mentioned ORANUR-Feelings where nuclear weapons are built.)

  11. Renate Says:

    Zitat: „Sharafs Punkt ist, daß, wenn McCullough für Rotchina votiert hätte, Reichempört gegen dieses Paktieren mit dem Roten Faschismus angegangen wäre. Mag sein, daß Reich in einer Diskussion über Homosexualität ähnlich reagiert hat. Bei einem anderen Gesprächsverlauf oder anderen Gesprächspartnern hätte er sich emphatisch für die Rechte der Homosexuellen ausgelassen.“

    Ja, wer kennt das nicht? Wenn ich einer bestimmten Meinung bin, muss meine Mutter auch partout gegenteiliger Ansicht sein bzw zumindest so herumlavieren. Oder ich mache irgendwas, dann wird es nicht so beachtet, macht es eine andere wird lobend oder hervorhebend davon gesprochen.
    Sie kann es mir irgendwie nicht zugestehen.

    Reich war da vielleicht auch etwas eifersüchtig.

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