Reich, Rambo und Eden

Es gehört zum innersten Wesen des Orgonomischen Funktionalismus mit „paradigmenbrechenden Fakten“ zu arbeiten. Dergestalt hat Reich gearbeitet: die Wirklichkeit, die seinen Theorien widersprach, hat ihn gezwungen funktionell (d.h. an der Wirklichkeit orientiert) zu denken und sich jeweils vollkommen neu zu orientieren. So hat sich die Orgonomie entwickelt. Entsprechend habe auch mich bemüht Dingen offen gegenüberzutreten, die meiner Einstellung kraß entgegenlaufen. Beispielsweise war ich, als ich von den Boot Camps in Amerika hörte, einfach nur schockiert, entsetzt und angewidert. Doch als ich Fernsehberichte sah und Artikel darüber las, änderte sich meine Meinung grundlegend, zumal ich sie nachträglich mit meinen eigenen persönlichen Erfahrungen im „Boot Camp“ Bundeswehr abglich.

In Amerika gibt es ein Programm für jugendliche Straftäter: entweder geht’s für lange Zeit ins Gefängnis oder für ein paar Wochen in ein Millitärlager mit einer ultraharten Ausbildung, die darauf gerichtet ist den Rekruten physisch und psychisch bis an die Belastungsgrenze zu bringen und ihn danach neu aufzubauen. Teufelskreise werden aufgebrochen. Ich finde diese Art der Therapie sehr gut, denn sie richtet eine unordentliche, willensschwache Panzerung aus; macht aus impulsiven perversen Monstern, die keine Sekunde Triebstau aushalten können ohne Amok zu laufen, ordentliche in jedem Sinne sparsame Bürger. Und nur als solche haben sie überhaupt eine Chance langfristig einigermaßen gesund zu werden.

„Rambo“ ist ein typisches Produkt eines Bootcamps. Ich habe mich darüber in Die Kulturdebatte zwischen Freud und Reich heute ausgelassen.

Und ist es nicht tatsächlich so, daß vieles am jugendlichen Protestverhalten unbewußt darauf gerichtet ist: „Oh, bitte, steckt uns in ein Boot Camp!“? Über kurz oder lang werden sie sich sowieso freiwillig irgendwelchen Regimen unterwerfen, die ihnen ihre innere Unordnung meistern helfen. Seien dies nun links- oder rechtsradikale Kaderorganisationen, militärisch organisierte Gangsterbanden, Drückerkolonnen, mystische Sekten wie Scientology oder was auch immer. Früher fanden sich solche Leute in der Fremdenlegion. Beispielsweise waren auch die SA und die SS von derartigen „psychopathischen“ Typen durchsetzt.

Hierher gehören auch Süchtige, die ganz einfach keinerlei Frust ertragen und sofort zur Flasche, Pille oder Nadel greifen müssen. Was ihnen fehlt ist Zucht und Ordnung und nicht das liberale Geseiere vom „Recht zum Rausch“! Wenn ich das schon höre: „Sucht ist eine Krankheit“. Als in China die Kommunisten die Macht übernahmen, stellten sie die Opiumsüchtigen vor die Wahl: entweder clean werden oder an die Wand. Und, oh Wunder, über Nacht war das Drogenproblem gelöst und keiner mußte sterben. Heroinabhängige bleiben in der Hölle, weil sie sich einreden (und einreden lassen), daß der Entzug unerträglich sein wird. In Wirklichkeit ist er kaum schlimmer als eine Magendarm-Grippe, die wir schon alle mal durchmachen mußten. Oder mit anderen Worten: die gesamte Drogenpolitik ist ein Haufen Müll! Lügen, Lügen und nochmals Lügen!

Das ist das ganze Problem, daß niemand mehr Leid, Schmerz, Triebverzicht, etc. ertragen kann und alle der allgemeinen Pseudo-Reichianischen „neuen Weinerlichkeit“ folgen, die nur den Interessen der Reaktion dient. So vertiert der Mensch langsam wieder. Nach Nietzsche und Reich ist aber die Fähigkeit zur Selbstüberwindung das wichtigste am Menschen. Wie Reich in sein Tagebuch schrieb: „Ich liebe meine Liebe! Ich liebe mein Leidenkönnen, ohne zu flüchten! Was liegt daran? Das Leben entdeckt zu haben ist groß“ (Jenseits der Psychologie, S. 224).

Als ich zum Bund kam, war ich beunruhigt über mein eigenes vollkommen unmilitärisches Wesen, meine geradezu physische Unfähigkeit zu gehorchen, mich einzuordnen oder auch nur den Spint ordentlich zu halten. Ich wundere mich bis heute, daß ich keinen Offizier zusammengeschlagen habe. Umgekehrt war etwa A.S. Neill schockiert, als er erfuhr, daß sich seine Summerhill-Abgänger hervorragend in die britische Militärmaschinerie einordneten. Es ist so vollkommen „unreichianisch“, daß ungepanzertes Leben sich gut in eine Armee einordnen kann, während neurotische Krüppel wie ich (die voller Trotz und Protest stecken), in militärischer Hinsicht einfach nicht anpassungsfähig sind. (Was wiederum ein neues Licht auf Reichs späte Militärbegeisterung wirft, aber das ist ein anderes Thema…)

Mir geht es nicht darum nun Jugendgefängnisse (die ich im übrigen insbesondere aus rein sexualökonomischer Sicht für weitaus unmenschlicher halte als die schnell absolvierten Boot Camps) durch „Straflager“ zu ersetzen – mich reizt einfach das „Un-Reichianische“.

Ich habe mit der Frage angefangen, was funktionelles Denken ist. Wichtiger ist die Frage nach dem „funktionellen Leben“. Wie Jerome Eden ausgeführt hat, zwingt uns das Leben selbst dazu funktionell zu leben. Kümmern wir uns nicht um unseren Körper, finden wir keinen Partner und werden krank. Sorgen wir nicht für genügend Schlaf und Entspannung, werden wir unaufmerksam, werden wir verunglücken, vielleicht dabei sterben. Passen wir uns nicht den Gegebenheiten an, werden wir schlichtweg verhungern. Das Leben selbst ist ein Boot Camp! Brutaler und erbarmungsloser als jedes Militärlager.

Eden hat Anfang der 60er Jahre unsere bequeme Zivilisation verlassen, die uns ein falsches Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gibt, uns tatsächlich aber innerlich aushöhlt und schwach macht. Er ist in das damals noch wilde Alaska, später in den amerikanischen Nordwesten gezogen, um dort wie die einstigen Pioniere zu leben. Warum nimmt man so etwas freiwillig auf sich? Weil man das zurückbekommt, was das kostbarste überhaupt ist: Kontakt zum Leben. Leben!

Siehe dazu das Interview mit ihm.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

10 Antworten to “Reich, Rambo und Eden”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Wider den Kult der Expansion!

    http://www.pi-news.net/2011/04/frankfurt-grune-jugend-verhohnt-christentum/

  2. David Says:

    In Amerika gibt es ein Programm für jugendliche Straftäter: entweder geht’s für lange Zeit ins Gefängnis oder für ein paar Wochen in ein Millitärlager mit einer ultraharten Ausbildung, die darauf gerichtet ist den Rekruten physisch und psychisch bis an die Belastungsgrenze zu bringen und ihn danach neu aufzubauen. Teufelskreise werden aufgebrochen. Ich finde diese Art der Therapie sehr gut, denn sie richtet eine unordentliche, willensschwache Panzerung aus; macht aus impulsiven perversen Monstern, die keine Sekunde Triebstau aushalten können ohne Amok zu laufen, ordentliche in jedem Sinne sparsame Bürger.

    Dies klingt großartig, entspricht aber meines Wissens nicht der Wahrheit.

    In den USA werden bei jugendlichen Kleinkriminellen – dazu gehört es schon wenn man an der Straßenecke Bier trinkt – Strafen, Strafen, Strafen verhängt und sonst nichts. Solche Therapien – wie hier behauptet – gibt es nicht.

    Bierflasche in der Öffentlichkeit kostet einige hundert Dollar Bußgeld, für den bloßen Besitz von einem einzigen Gramm Heroin gibt es sofort ein Jahr Gefängnis ohne Bewährung oder mehr; solche „Boot Camps“ oder ähnliche Therapiemaßnahmen gibt es nicht.

    Daraus folgt: die amerikanische Politik gegenüber Drogenkonsumenten und anderen Kleinkriminellen ist nicht nur ineffektiv, sie ist auch teuer, weil es ja derartige Camps nicht gibt, und jeder Häftling jeden Tag mehrere hundert Dollar – oder Euro – kostet.

    Quelle: „Die Opium-Route“, kürzlich zwei mal gesendet auf arte.

  3. David Says:

    Andere Frage: was geschieht mit einem gepanzerten Menschen in einem solchen, angeblich existierenden „Boot Camp“?

    Vermutlich wird sich die Verkrampfung immer mehr und immer mehr erhöhen, was aber auf die Dauer nicht geht; es muss daher anschließend logischerweise der Zusammenbruch erfolgen.

    Und dann? Wie verwandelt sich während und nach dem Zusammenbruch der Mensch in ein gesünderes, etwas funktionaler lebendes Wesen? Erklär das mal bitte, lieber Peter.

  4. David Says:

    Ich hatte als Quelle angegeben:

    Quelle: „Die Opium-Route“, kürzlich zwei mal gesendet auf arte

    Der Film ist auf http://veoh.com und zwar:

    http://www.veoh.com/watch/v20920790etNgapmS

    Er kann, wenn der kostenlos auf veoh.com erhältliche Player im Hintergrund läuft, in voller Länge gesehen und gedownloadet werden.

  5. David Says:

    Das Leben selbst ist ein Boot Camp! Brutaler und erbarmungsloser als jedes Militärlager.

    Vielleicht sind wir bald alle im „Boot Camp“! Bekannte von mir, die sich mit Volkswirtschaft sowie den Aktien-, Öl-, Gold- und Silbermärkten auskennen, gehen davon aus, dass die Finanzkrise nicht zu Ende ist und es im weiteren Verlauf der Krise zum vollständigen Zusammenbruch des Systems des Ungedeckten Papiergelds (Fiat Money) in der Euro- und Dollarzone kommen kann.

    Es wird dann der Staat und auch die Sozialversicherungen zahlungsunfähig sein, wodurch alle Arten von „Stütze“ und auch Erwerbsunfähigkeitsrenten nicht mehr gezahlt werden.

    Dysfunktional ist dann der Neurotiker, der auf die neuen Bedingungen mit Verstärkung seiner Blockaden und Erhöhung seiner Anspannung regiert, oder der Süchtige, der nach Ankündigung der Änderung seine Opiumdosis erhöht anstatt auf Null zu gehen.

    Vielleicht ist es ganz natürlich, dass der an die Wand gestellt wird.

    Aber zurück zum Neurotiker: angenommen es treten Bedingungen ein wo er nicht mehr auf Befehl arbeiten kann bei einer Firma sondern in die Selbständigkeit gehen muss, dann ist er vielleicht nicht in der Lage, seine Fähigkeiten am Markt anzubringen, weil infolge einer nicht freien Brust und eines nicht freien Halses seine Stimme unangenehm klingt: er kann dann weder Waren verkaufen noch sich selber – womit gemeint ist, seine – nun nicht mehr seinem Chef gehörende – Arbeitskraft und Arbeits-Fähigkeit.

    Er wird sich vielleicht sagen: ach hätte ich doch einen guten Lehrer für Atem- Sprach- und Stimmschulung aufgesucht, evtl. auch einen nicht voll von der Krankenkasse bezahlten Psychotherapeuten der von diesen Dingen etwas versteht; zwei mal im Monat hätte ich mir das leisten können (oder wenn er vorher von der „Stütze“ gelebt hatte bei strenger Sparsamkeit einmal).

    Aber jetzt ist es zu spät!

  6. David Says:

    Ich sagte gerade:

    Er wird sich vielleicht sagen: ach hätte ich doch …

    Aber jetzt ist es zu spät!

    Eine Möglichkeit hat dieser Mensch aber noch:

    Und die ist für Kommunisten wie auch den – jungen – Wilhelm Reich zunächst indiskutabel:

    Er kann sich verlassen auf einen Gott.

    Einen nicht strafenden, sondern liebenden Gott (von dessen Existenz beispielsweise auch die Anonymen Alkoholiker ausgehen – sieh auch deren Website)

    – dessen Segenskraft (arab. „baraka“, hebr. „ruach“) mich hält so dass ich loslassen kann

    – der möglicherweise nicht rein männlich ist – er könnte evtl. männlich undweiblich sein wie z.B. Oxumaré (x=sh) aus der Candomblé-Religion oder Damballah Wedo aus dem Voodoo. Er / sie ist die Regenbogenschlange, was auch an jene Regenbogenschlange auf der anderen Seite der Welt in Australien denken lässt die – bei den indigenen Völkern Australiens – gleichzeitig der Schöpfer ist.

    Bei den Vorfahren der Voodoo – den Fon aus Benin – und der Candomblé – Youruba aus Nigeria, übrigens zwei Nachbarvölker – ist Oxumaré nicht der Schöpfer; man könnte aber darüber spekulieren, dass vielleicht vor etwa zweitausend Jahren auch in Afrika der Schlangengott der Schöpfer war.

    Christliche Missionare haben die Schlangengottheit außereuropäischer Völker wohl eher mit dem Phallus und somit mit dem Teufel identifiziert, obwohl der Phallus normalerweise sich nicht windet sondern einigermaßen gerade ist.

    Daher ist die Schlangensymbolik eher der Kreiselwelle und somit dem Orgon zuzuordnen.

  7. David Says:

    Wir sehen das Schlangensymbol in manchen Ländern auch als Symbol für Apotheke, mit Bezug auf den alt-griechischen Gott Aesculap, welcher der Medizin-Gott war und wiederum Bezug zur Schlange hatte.

  8. David Says:

    Boot Camp:

    Im Programm der Partij voor de Vrijheid, der Partei von Geert Wilders, wird, Wikipedia zufolge, die Einführung solcher Bootcamps gefordert:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Partij_voor_de_Vrijheid

  9. David Says:

    Ich hatte gesagt:

    Es wird dann der Staat und auch die Sozialversicherungen zahlungsunfähig sein, wodurch alle Arten von „Stütze“ und auch Erwerbsunfähigkeitsrenten nicht mehr gezahlt werden.

    Zunächst mal wird – an ethnische Deutsche – wohl mehr „Stütze“ – genauer gesagt ALG1 und nachdem das für die Betroffenen zu Ende ist, ALG2 ausgezahlt werden.

    Deutschland hat am 1. dieses Monats, erzwungen von der EU-Ebene her, seinen Arbeitsmarkt für Menschen aus allen „östlichen“ EU-Ländern, d.h. den drei baltischen Ländern (wie z.B. Lettland) und den ehem. „Satellitenstaaten“ der UdSSR (wie z.B. Slowakei und Rumänien) geöffnet.

    Aus diesen Ländern kommen Menschen, die – wie ich glaube – weitaus weniger als die meisten Deutschen – an Kontaktlosigkeit leiden, die weitaus weniger „unsatisfied“ bzw. „triebhaft“ sind, und deren Stress-Festigkeit und Arbeitsfähigkeit daher besser ist.

    Überdies mussten die früher mit der Mangelwirtschaft zurecht kommen und waren z.T. weitaus ärmer als die Bewohner der ehem. DDR.

    Gute Fachkräfte sind jedoch weniger zu erwarten.

    Der „Schwäbischen Zeitung“ zufolge bemerkt man jetzt, dass die meisten Hochqualifizierten aus diesen Ländern jetzt schon in anderen westlichen Ländern, wie etwa England sind.

    Während man in Deutschland mit der Öffnung gewartet hat, bis diese – durch EU-Vorschrift – erzwungen wurde, hat man in besagten anderen westlichen Ländern früher geöffnet und daher auch die Qualifizierten aus den Ost-EU-Ländern bekommen.

    Auf diesen Zusammenhang hätte man früher aufmerksam werden müssen!

  10. claus Says:

    In der Schulsozpäd ist es ja seit einigen Jahren Mode, nicht mehr locker drauf zu sein, sondern ‚konsequent‘. Das wird natürlich garniert mit ganz viel ‚Angeboten‘, also inszeniertem Erlebnis. Auf Boot Camps angesprochen, sagte mir ein Schulsozpäd: Na ja, nee, da werde der ‚Wille gebrochen‘.
    Also man erhält sich möglichst seinen pädagogischen Staatsjob: Volksbeschäftigung für alle, auch für die Beschäftiger.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: