Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 2)

Während seiner illegalen Tätigkeit in Norwegen war Willy Brandt (alias Felix Franke, alias Flamme) Berufsaktivist der SAP. Sommer 1933 kam seine 19jährige Freundin Gertrud („Trudel“) Meyer aus Lübeck, der Heimatstadt von Brandt. Ihre Aufenthaltsgenehmigung erhielt sie durch eine Scheinehe mit dem norwegischen Studenten Gunnar Gaasland. Brandt traf, so sein Biograph Rudolf Schröck den Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der, eine bahnbrechende Analyse des Nationalsozialismus, die Massenpsychologie des Faschismus, verfaßt hatte. Reich wäre, so Schröck, von der KPD wegen seiner „sexual-politischen Abweichung“ ausgeschlossen worden. Später sei er ein „sexueller Doktrinär“ geworden und habe über „die Funktion des Orgasmus“ geschrieben, dem er energetische Superkräfte zusprach (Schröck: Brandt, München 1991).

Schröck spiegelt in vieler Hinsicht Brandts eigene Einstellung zu Reich wider. Die Experimente Reichs kamen Brandt nach eigener Aussage zunehmend obskurer vor. In seiner Autobiographie beschreibt er die weitere Entwicklung Reichs im Stil von Mildred Brady und Christopher Turner. Reich war geisteskrank! (Brandt: Links und Frei. Mein Weg 1930-1950, Hamburg 1982).

Über Mot Dag kam Brandt in Kontakt mit vielen Schriftstellern und Künstlern, insbesondere Sigurd Hoel, ein frühes Mitglied von Mot Dag und enger Mitarbeiter Reichs. Der außergewöhnlich begabte Poet Arnulf Överland, ebenfalls eng mit Reich verbunden, war politisch sehr engagiert und schreckte nicht einmal davor zurück, mit der deutschen Besatzungsmacht in Konflikt zu geraten. Brandt traf ihn am Ende des Krieges wieder, als Överland entkräftet und verbittert aus Sachsenhausen zurückkehrte. Er bewegte sich später weit weg von seinen ursprünglichen radikalen Überzeugungen (ebd.). 1960 als Brandt Bürgermeister von West Berlin war, war er immer noch mit Hoel und Överland befreundet (Brandt: Mein Weg nach Berlin, München 1960).

Letztendlich war dem jungen Marxisten Brandt der „Klassenkampf“ wichtiger als die „sexuelle Frage“. Zusammen mit dem Historiker Johan Vogt, einem späteren ordentlichen Professor, übersetzte Brandt zum allerersten Mal überhaupt Marx‘ Kapital ins Norwegische. Schröck schreibt, daß Brandt das mehr oder weniger als Beleg für seine „richtige Einstellung“ tat, aber ich glaube, daß Brandt die Übersetzung auf sich nahm, um dem Einfluß Reichs in Norwegen entgegenzuwirken: Vergessen Sie das Sexualproblem, die Wirtschaftsprobleme sind der wahre Knackpunkt! Da Vogt vom allerersten Augenblick ein Mitglied von Mot Dag war, kann man die Übersetzung als Mot Dag-Projekt betrachten (Einhart Lorenz: Brandt in Norwegen. Die Jahre des Exils 1933 bis 1940, Kiel 1989).

Trotz allem: Brandt wäre nicht Brandt, wenn er sich nicht auch als Freund der Reichschen Sache präsentieren würde! Er habe viel dumme Spöttelei und idiotische schmutzige Witze über Reichs Sexualökonomie gehört. Brandts eigene Beschreibung der Sexualökonomie ist sowohl zustimmend als auch orgonomisch korrekt. Einige von Reichs Patienten und Schülern, die sich als enge Gemeinschaft betrachteten, gehörten dem engeren Freundeskreis von Brandt an. Reich selbst war in den ersten Jahren in Oslo für Brandt ein anregender und fantasievoller Gesprächspartner über Themen wie Politik, Literatur und sexuelles Verhalten. Brandt beschreibt Reich wie folgt: rötliches Gesicht, graues Haar, braune Augen, eine das Gegenüber bezwingende Art des Sprechens. Brandts Freundin Gertrud wurde Sekretärin Reichs. So kam es, daß sich Brandt und Reich häufig mit Freunden aus der Jugendbewegung trafen, in Schweden manchmal sogar mit illegalen Besuchern aus Deutschland. Als Gertrud 1939 in die USA ging, war ursprünglich geplant, daß sie einige Zeit später nach Norwegen zurückkehre, aber der Krieg verhinderte das. Dennoch arbeitete sie nicht lange für Reich, weil sie seinem Konzept der Arbeitsdemokratie nicht folgen konnte (Brandt: Links und Frei).

Bereits Dezember 1938, anläßlich von Brandts 25. Geburtstag (siehe Jenseits der Psychologie, S. 278f), hatten Brandt und Reich eine Auseinandersetzung über die Arbeitsdemokratie. Reich bestand darauf, daß eine Regierung, die die besten Wissenschaftler und Experten umfaßt, der Massendemokratie mit allen ihren Schwächen vorzuziehen sei. Brandt wandte dagegen ein, ob nicht ein „fachidiotisches Chaos“ das Resultat sein würde (Brandt: Links und Frei).

Brandt war gegenüber der reformistischen Norwegischen Arbeiterpartei (NAP) sehr kritisch eingestellt, da sie nicht mehr Marxistisch war. Anfang der 1920er Jahre war die NAP Mitglied der Kommunistischen Internationale gewesen, wurde dann aber langsam so reformistisch wie die deutsche SPD. Durch die radikale Kritik und die rhetorische Brillanz ihres Führers, Erling Falk, übte Mot Dag eine große Anziehungskraft auf Brandt aus. Andererseits mochte Brandt Erling Falk auf persönlicher Ebene nicht. Falk hatte offensichtlich Angst vor Frauen, während Brandt selbst ein berüchtigter Schürzenjäger war. Falk war eine Art „Hohepriester des Intellektualismus“. Die Mitglieder von Mot Dag verehrten ihn wie die Anhänger eines mittelalterlichen Ordens. Studenten, Akademiker, Schriftsteller, Wissenschaftler bildeten diesen Orden einer sozialistischen Elite. Über viele Jahre hinweg dominierten sie das politische Leben der aufstrebenden Generationen. Der Kreis war mit zahllosen Veröffentlichungen präsent. Brandt distanzierte sich schließlich von dieser Gruppe, weil sie alle in ihren intellektuellen Bestrebungen aufgingen, anstatt sich der praktischen Politik zuzuwenden (Brandt: Mein Weg nach Berlin).

Mot Dag wurde von Falks Persönlichkeit geformt. Falk stammte aus Nordnorwegen, war 10 Jahre lang in den Vereinigten Staaten gewesen, wo er von der revolutionär-syndikalistischen Industrial Workers of the World beeinfluß worden war. Später studierte er den Marxismus. Er war, so Brandt, ein schlaksiger, gebrechlicher, häßlicher Mann mit dem Hals eines Geiers und dem Kopf eines gerupften Vogels, den Augen eines Adlers. Er hatte die absolute Macht über seine Jünger. Er war der „intellektuelle Hohepriester“ und „asketische Guru“ – sehr neurotisch, was man an seiner verklemmten und verdrehten Beziehung zum anderen Geschlecht ersehen kann. Das gleiche Problem hatte der Vorsitzende der norwegischen Arbeiterpartei Martin Tranmäl, obwohl Tranmäl und Falk einander nicht ausstehen konnten. Brandt sah damals, daß die sadistischen Neigungen in einer politischen Gruppe sublimiert werden und masochistische Wünsche ihre Erfüllung finden. Ihm zufolge scheinen sexuelle Hemmungen der Nährboden für begnadete Hasser und Intriganten zu sein. Politik als Ersatz für Liebe maskiere sich als altruistische Unbedingtheit (Brandt: Links und Frei).

1936 schloß sich Mot Dag der Norwegischen Arbeiterpartei an, jedoch mußte Falck draußen vor bleiben. Die Gruppe war in der Zwischenzeit seiner Kontrolle entglitten, weil er unter gesundheitlichen Problemen litt. Brandt sah Falk zum letzten Mal kurz vor dessen Tod 1940 in einem Krankenhaus in Stockholm. Angesichts der Weltkatastrophe hatte sich Falk mit seinen Widersachern in der sozialistischen Bewegung arrangiert (Brandt: Mein Weg nach Berlin). Der allerletzte Rat, den Falk Brandt auf seinem Sterbebett in Schweden gab: da ganz Europa dem Faschismus anheimfallen wird, sollte eine Elitegruppe skandinavischer Sozialisten in die USA gehen um zu überleben, so daß sie eines Tages die sozialistische Idee zurück nach Europa bringen können (Brandt: Links und Frei).

Reich war weniger ein Marxist („Theorie“), als weit eher Leninist („Praxis“). 1932 wurde Reich denn ja auch von Siegfried Bernfeld nicht als Marxist, sondern als Leninist angegriffen. In gleiche Richtung läuft die Kritik an Reich, die 1976 im Vorowrt zur vom Verlag O in Faksimile veröffentlichten Was ist Klassenbewußtsein? geäußert wurde: Reich,

der jahrelang gegen die autoritäre Erstarrung kämpfte, die in dem leninistischen Organisationskonzept der Kommunistischen Parteien (…) von allem Anfang an enthalten ist, ist selbst zu sehr Leninist, als daß er konsequent für eine antiautoritäre Revolutionierung der Revolutionäre und ihrer Organisationen einzutreten vermöchte. Er hält an der Lenin’schen Unterscheidung von Führung und Masse, von Bewußtsein der Avantgarde und tradeunionistischem Bewußtsein immer noch (…) fest.

„Reichianer“, die mich immer wieder von neuem auf die ungeheure Bedeutung von Karl Marx für Reichs Werk hinweisen, bringe ich gerne mit einer Frage und einem Hinweis aus dem Konzept.

  1. Zwar spricht Reich selbst von diesem Einfluß, insbesondere in Menschen im Staat, aber ich könne ihn jenseits dieser Behauptung nirgends ausmachen. Wo schlägt sich denn der Historische Materialismus Marxens genau in der Orgonomie nieder? Erst recht die Arbeitswertlehre?! Reichs sozialpsychologische Konzepte und das Konzept der Arbeitsdemokratie haben sich entwickelt, weil die Marxschen Voraussagen hinsichtlich des Verhältnisses von „Unterbau“ und „Überbau“ sich in keinem einzigen Punkt bewahrheitet haben. (Die Bedeutung von Friedrich Engels und dem Dialektischen Materialismus wollen wir hier draußen vor lassen!)
  2. Ein ganz anderer Denker hat unübersehbare Spuren in Reichs Werk hinterlassen. Ein Mann, dessen Erwähnung die besagten „Reichianer“ ganz und gar nicht goutieren, den sie teilweise sogar verabscheuen: Lenin! Werke wie Die Massenpsychologie des Faschismus („subjektiver Faktor in der Geschichte“!) und Was ist Klassenbewußtsein? sind ohne ihn schlicht undenkbar. Insbesondere zeigt sich aber der ungeheure Einfluß Lenins auf das Reichsche Werk anhand der organisatorischen Struktur der Orgonomie angefangen bei der „Sexpol“ bis zur heutigen Orgonomie.

Das ist mir bei der Lektüre des wirklich sehr empfehlenswerten Buches Karl Motesiczky 1904-1943 von Christiane Rothländer von neuem aufgegangen.

Rothländer zufolge war der erste Schritt zum Aufbau einer internationalen Sexpol-Organisation die Gründung der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie im April 1934 (ebd., S. 161). Dabei orientierte sich Reich an Lenins Schrift Womit beginnen? von 1901:

  1. muß jede revolutionäre Partei zunächst eine Zeitschrift ins Leben rufen.
  2. dient dieses Kampforgan der Propaganda nach außen und dem organisatorischen Aufbau und Zusammenhalt nach innen.
  3. dient es einerseits der politischen Erziehung der Massen und bietet diesen gleichzeitig ein Forum, um auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam zu machen.
  4. bildet das Kampforgan das Gerüst der sich entwickelnden Organisation, anhand dessen sie sich „entwickeln, vertiefen und erweitern“ kann.
  5. bildet das Kampforgan die ideologische Führung der Organisation, hinter ihr steht eine engumgrenzte zentrale Gruppe, der Führungskader.
  6. wird ein Netz „örtlicher Vertrauensleute“ aufgebaut, die mit dem Führungskader in persönlicher Verbindung stehen (ebd., S. 167f).

Nach diesem Muster formierte sich Mitte der 1930er Jahre in Skandinavien die Sexpol als geschlossene Organisation – und 30 Jahre später das American College of Orgonomy (ACO) in Amerika.

Rothländer führt aus (ebd., S. 172-177), daß zwei Besonderheiten die Sexpol vom originalen Konzept Lenins abhoben:

  1. versuchte sie so weit wie möglich unbürokratisch zu sein (in Reichs späterer Begrifflichkeit „arbeitsdemokratisch“) und verzichtete deshalb weitgehend auf Statuten, formale Hierarchien, „Parteigerichtsverfahren“, etc.
  2. entsprach es der Natur der Reichschen Arbeit, die sich aus der Psychoanalyse heraus entwickelt hatte, daß jeder, der im Namen der Organisation sprechen und agieren wollte, nicht nur eine entsprechende Schulung durchlaufen haben mußte, sondern vor allem auch eine Therapie. Es reichte nicht, daß die besagte Therapie („Umstrukturierung“, wie es schon damals hieß) bei irgendeinem Psychoanalytiker (inklusive ehemaligen Schülern Reichs!) durchgeführt wurde. Vielmehr mußte der Kandidat zu Reich selbst oder einem der gegenwärtig von Reich selbst ausdrücklich anerkannten Schüler gehen.

Beides führte, wie Rothländer überzeugend ausführt, zur Erstarrung und Isolierung der Sexpol.

  1. Ein geregeltes Parteileben hätte zwar, so Rothländer, eine gewisse Bürokratisierung mit sich gebracht, aber so wären auch die Voraussetzungen für eine innerparteiliche Demokratie, „Fraktionsbildung“ und eine „ideologische“ Weiterentwicklung, die nur aus solchen innerparteilichen Kämpfen hervorgehen kann, gegeben gewesen. Gerade wegen der Vermeidung von „Bürokratie“ („Gesetzlichkeit“) entwickelte sich eine auf Willkür beruhende autoritäre Organisation, in der alles auf Reich persönlich ausgerichtet war.
  2. Weiter verschärft wurde dies durch das Patient-Therapeut-Verhältnis und nicht zuletzt die dadurch sehr begrenzte Aufnahmekapazität der Organisation. Schulungen können schnell und weitgehend ohne Rücksicht auf die Person erfolgen. Die „charakterliche Umstrukturierung“ war auf wenige beschränkt, von denen wiederum nur einige die Therapie erfolgreich abschließen konnten und dafür einen ungeheuren (nicht zuletzt finanziellen) persönlichen Aufwand betreiben mußten.

Gewisserweise hat Reich Lenins Konzept weiter zugespitzt.

Wenn man die Geschichte des ACO verfolgt, hat sich hier alles so wiederholt, wie Rothländer es für die Sexpol ausführlich beschreibt. Elsworth F. Baker, der Ende der 1940er Jahre von Reich damit beauftragt worden war, eine neue Generation von Medizinischen Orgonomen auszubilden, erkannte als Ausbildung nur die Therapie bei ihm selbst bzw. bei dazu von ihm ausdrücklich dazu autorisierten Therapeuten an. Zunächst wurde das Journal of Orgonomy ins Leben gerufen, erst dann das ACO. Das ACO war eine arbeitsdemokratische Organisation, wurde aber letztendlich einzig und allein von Baker dominiert. „Abweichungen“ wurden nicht ausdiskutiert, sondern führten unmittelbar zum Verlassen der Gruppe. „Fraktionsbildungen“ endeten zwangsläufig in einer sofortigen Spaltung. Der Tod Bakers führte zu weiteren Mitgliederverlusten.

Und dies obwohl der Gründer des ACO, ein selbst für amerikanische Verhältnisse erzkonservativer Mann, denkbar weit von jedem linken, gar „Leninistischen“ Gedankengut entfernt war. Er hat einfach das weitergeführt, was ihm Reich mit seinem „Orgone Institute“, der „Wilhelm Reich Foundation“, etc. vorgelebt und in seinen Schriften festgelegt hatte. Kritiker des ACO wissen zumeist gar nicht, was sie da eigentlich kritisieren. Das, weniger der Inhalt ihrer Anwürfe, macht es so schwer sie ernst zu nehmen, wenn sie etwa an die „Arbeitsdemokratie“ (bzw. das, was sie dafür halten!) appellieren oder entsetzt sind, wenn die Therapie bei „irgendeinem“ Orgontherapeuten nicht als solche anerkannt wird. (So als wenn das zu Reichs Zeiten anders gewesen wäre!)

Was ist die Alternative? Nach Reichs Tod hat es diverse mehr oder weniger informelle, d.h. dezidiert „nicht-Leninistische“ „orgonomische Gruppen“ gegeben, die sich parallel, teilweise in ausgesprochener Opposition zum ACO gebildet haben. Deren Grundproblem war und ist, daß sie, wenn man so sagen kann, „gar nicht existieren“. In der Öffentlichkeit, selbst der „orgonomischen Öffentlichkeit“, sind sie so gut wie gar nicht präsent. Das, was sie vertreten, ist teilweise mehr als fragwürdig, denn sie haben die Tendenz die Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit zu verwässern. Sie sind damit in doppelter Hinsicht ein Beispiel für das, was Reich und Baker mit ihren „Leninistischen“ Organisationsprinzipien vermeiden wollten: den Wärmetod der Orgonomie.

Es geht m.E. kein Weg an drei Elementen vorbei, ohne die die Orgonomie sozusagen als „Signal“ im „allgemeinen Rauschen“ untergehen wird:

  1. ohne Organisation ist die Orgonomie nur „ein Konzept von vielen“, nur ein weiterer „alternativer Ansatz“.
  2. eine solche Organisation kann nur aus einem regelmäßig erscheinenden Organ hervorgehen und von diesem getragen werden.
  3. das Organ und damit die Organisation muß Sprachrohr einer zentralen Führungsgruppe sein.

Die Gefahr einer „Erstarrung“ sehe ich nicht. Ganz im Gegenteil: mit ein oder zwei Ausnahmen kann ich mich an überhaupt keine wie auch immer geartete Weiterentwicklung der Orgonomie außerhalb des ACO erinnern. Die Gefahr liegt ganz woanders: ein pestilenter Charakter (Emotionelle Pest) könnte sich an die Spitze der Orgonomie setzen. Immerhin ist es jedoch so gut wie ausgeschlossen, daß ein solcher eine Orgontherapie anfängt, geschweige denn erfolgreich durchläuft (ich spreche hier nicht unbedingt von orgastischer Potenz, sondern von der Meisterung eines Großteils der persönlichen neurotischen Probleme!), und außerdem wird es mit Sicherheit nach Reich und Baker keine „zentrale Persönlichkeit“ mehr in der Orgonomie geben. Angesichts des Wesens der Orgonomie (bzw. des Wesens ihres Forschungsgegenstandes, der organismischen und kosmischen Orgonenergie) ist eine „Formalisierung“, „Bürokratisierung“ keine Option.

Selbstverständlich ist das alles „abstrakt betrachtet“ suboptimal, aber leider bewegt sich die Orgonomie in Feindesland. Die gepanzerte Gesellschaft will die Orgonomie nicht – und die Orgonomie will diese gepanzerte Gesellschaft nicht. Unter solchen Umständen die Orgonomie anders „betreiben“ zu wollen, als Reich und Baker es getan haben, nämlich „liberal und offen“, ist naiv, selbstmörderisch – und letztendlich pestilent, weil so die Kinder der Zukunft keinerlei Chance haben. Die Orgonomie befindet sich in der gleichen Situation wie die Sozialdemokratie in Rußland Anfang des letzten Jahrhunderts.

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7 Antworten to “Der Rote Faden: Die Leninistische Organisation (Teil 2)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Der aller letzte Rat, den Falk Brandt auf seinem Sterbebett in Schweden gab: da ganz Europa dem Faschismus anheimfallen wird, sollte eine Elitegruppe skandinavischer Sozialisten in die USA gehen um zu überleben, so daß sie eines Tages die sozialistische Idee zurück nach Europa bringen können

    Unfassbar, wie genial dieser Falk war.
    Auf solch eine Idee muss erst einer kommen. Hitler hätte unter günstigeren Umständen tatsächlich ganz Europa besetzen können.

  2. Robert (Berlin) Says:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mot_Dag

    „Gegründet wurde Mot Dag 1922 von Studenten in Oslo. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Erling Falk, Harald Viggo Hansteen und Sigurd Hoel.“

    Hoel war sogar Herausgeber der ZPPS.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Mot_Dag

    „The first editor was Sigurd Hoel.
    (…)
    Many well-known authors, intellectuals, and future leading politicians and officials were among them. Of mention are filmmaker Olav Dalgard; the authors Helge Krog, Odd Eidem, Sigurd Hoel, Arnulf Øverland, Nic Waal and Inger Hagerup — the latter two of the few women who were connected to Mot Dag.“

    Nic Waal war eine Schülerin von Reich. Sie war von 1927-36 mit Sigurd Hoel verheitatet.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Nic_Waal

    http://www.psychoanalytikerinnen.de/skandinavien_biografien.html#Waal
    „Als Wilhelm Reich vor den Nationalsozialisten nach Oslo floh, gehörten Nic und Sigurd Hoel zu der Gruppe von Anhängern, die sich um ihn scharten. Nic Hoel begann bei dem ebenfalls nach Oslo emigrierten Freudomarxisten Otto Fenichel eine weitere Analyse, die sie bei Reich fortsetzte. Sie war eine der wenigen, die Wilhelm Reich 1934 bei dessen Ausschluss aus der IPV offen verteidigte. Obwohl sie später seine Orgontheorie nicht nachvollzog, unterstützte sie Reich nach seiner Emigration in die USA weiterhin.“

    http://en.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Hoel
    „From 1934 to 1939 Hoel was a co-worker of Wilhelm Reich who then had chosen Oslo as his exile. Hoel contributed to Reich’s German language periodical Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (Journal for Political Psychology and Sex Economy) and was the editor-in-chief of the issues No. 13 to 15. One of his major essays deals with the Moscow Trials.“

    Von Sigurd Hoel gibt es mehrere ins Deutsche übersetzte Werke.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Oliver Janisch: Das Kapitalismus Komplott, 2010 FinanzBuch Verlag, S.324 ff.

    Zitat:
    „Es sind oft gerade die beliebtesten Politiker, die einen höchst zweifelhaften Hintergrund haben. Erst nach Willy Brandts Tod stellte sich in Deutschland heraus, dass er bereits während des Zweiten Weltkriegs Informant des russischen Geheimdienstes KGB war. Sein richtiger Name war Herbert Frahm,
    »Willy Brandt« ein seit 1934 benutzter Deckname. Falsche Identitäten anzunehmen scheint ihm gelegen zu haben: 1936 kehrte er aus dem norwegischen Exil unter dem Decknamen Gunnar Gaasland nach Deutschland zurück und sprach Deutsch mit norwegischem Akzent. Er war im Auftrag Jakob Walchers
    als »Kriegsberichterstatter« unterwegs. Walcher hatte nach der russischen Revolution zusammen mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht den kommunistischen Umsturz in Deutschland geplant. Sie können das alles auf Wikipedia nachlesen, weil es in Deutschland nichts Verwerfliches ist, eine kommunistische
    Revolution anzuzetteln.
    Was auf Wikipedia natürlich nicht steht, ist, dass Brandt KGB-Informant war. Er wurde von einem ehemaligen KGB-Offizier mit Decknamen »Curb« als KGB-Spion enttarnt, wie der Focus 1998 schreibt. 1992 offenbarte sich »Curb« nach der Wende dem britischen Geheimdienst. Brandt erhielt vom KGB-Vorläufer NKWD den Decknamen »Polarforscher«. Laut Focus versuchte ausgerechnet der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Peter Frisch, mit aller Macht die Veröffentlichung von Willy Brandt betreffenden Geheimdienstinformationen, besonders in Form der geplanten Memoiren des Obersten »Curb«, zu verhindern. Die Vertuschungsaktion war laut Focus mit Helmut Kohl abgesprochen, der zu Brandt eine Freundschaft entwickelt hatte.
    Behalten Sie das im Hinterkopf.Der Überläufer wurde vom Bundeskriminalamt als absolut vertrauenswürdig eingestuft, weil er zahlreiche Spione enttarnte. Focus zitiert einen Verfassungsschutzmitarbeiter so:
    Uns wurde ganz mulmig, was der alles wusste. Moskau besitzt offensichtlich tonnenweise Erpressungsmaterial. Tonnenweise! Wir wissen nicht, was alles in den Akten stand, weil sie nie veröffentlicht wurden. Angeworben wurde Brandt während des Zweiten Weltkriegs. Am 14. Dezember 1966, zwei Wochen nach der Ernennung Brandts zum Vizekanzler in der großen Koalition, brachte die schwedische Hauptstadtzeitung Aftonbladet einen Artikel, in dem es hieß, dass Brandt immer noch in der aktuellen Datei der Stockholmer Sicherheitspolizei Säpo, die ihn seit seiner Anwerbung beobachtete, als »verdächtiger Ostblock-Spion« erfasst sei. Die SPD protestierte gegen den Bericht. Niemand kann sagen, wie lange Brandt spionierte. Auf jeden Fall war er vom KGB erpressbar. Im April 1972 startete Rainer Barzel das Misstrauensvotum gegen Brandt. Wie wir heute wissen, bestach die Stasi mindestens zwei Abgeordnete der Unionsfraktion, für Brandt zu stimmen. Da sollen wir glauben, dass er kein Ostagent mehr war? Zumindest arbeitete er offensichtlich im Interesse der Stasi. Er leitete zusammen mit Walter Scheel die Ostpolitik ein, also die Annäherung an die kommunistischen Regime, die schließlich zu den Ostverträgen mit der Sowjetunion und Polen führten. Am 6. Mai 1974 trat Brandt vom Amt des Bundeskanzlers zurück. Offizielle Begründung für diesen Schritt war die Enttarnung von Günter Guillaume, einem seiner Mitarbeiter, als DDR-Spion. Warum sollte ein Kanzler zurücktreten, nur weil er ausspioniert wurde? Liegt es nicht viel näher, dass Brandt befürchtete, dass seine KGB-Tätigkeit bekannt würde? Es ist immer verdächtig, wenn Akten nicht freigegeben werden. Also muss Brandt sich die Spekulation gefallen lassen.“

  4. Der Rote Faden: Reich in Skandinavien (Teil 2) | Nachrichtenbrief Says:

    […] Am 17. Mai 1936 veröffentlichte Mot Dag, die Zeitschrift der Marxistischen norwegischen Gruppierung Mot Dag, einen Artikel von Hanns Vogt: „Wer regiert Deutschland?“. Dort diskutiert er auch, sich auf Reichs Massepsychologie beziehend, die sexual-psychologischen Wurzeln der NS-Idologie. Dies ist um so bemerkenswerter, als Mot Dag zuvor der Sex-Pol ablehnend gegenübergestanden hatte (S. 159). (Zu Vogt siehe Der Rote Faden: Willy Brandt und Mot Dag (Teil 2)). […]

  5. Robert (Berlin) Says:

    Besprechung Weg nach Berlin
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43065460.html

  6. Robert (Berlin) Says:

    Sehr interessant, was Ella Lingens über ihren Freund Karl von Motesicky schreibt:
    „Motesicky selbst wohnte in einer großzügigen Wohnung in Wien und kam nur dann und wann zu Besuch. Auch er war gegen seine Familie aufgestanden (…), hatte sich dem Kommunismus zugewandt, ihn aber bald mit seltsamen sektiererischen
    psychiatrischen Bewegungen verbunden oder gegen sie getauscht – ich bin da nie ganz durchgedrungen – und führte dank seines Vermögens das Leben eines Privatgelehrten auf der Suche nach dem wirklichen Leben, das wir für ihn zu verkörpern schienen.“

    Ella Lingens, Gefangene der Angst, S. 43

    Eine psychiatrische Sekte ist die Orgonomie bis heute geblieben.

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