Der Rote Faden: Sozialdemokraten (Teil 1)

Zwischen 1926 und 1928, also genau zu der Zeit von Reichs politischer Radikalisierung, begann die Arbeiterbewegung in Österreich und Deutschland Selbstmord zu begehen und damit den Weg für die Machtübernahme der Klerikalfaschisten und Nationalsozialisten zu ebnen. Man kann Reichs Geschichte nur richtig würdigen, wenn man versteht, daß genau hier das seine Anfänge nahm, was später als „Kalter Krieg“ bezeichnet wurde – und daß Reich eine zentrale Figur in diesem Spiel war.

  • 1926 gab sich die sozialdemokratische Partei Österreichs, die SDAP (die sich nach dem Krieg aus naheliegenden Gründen in „SPÖ” umbenannte) das „Linzer Programm“, dessen zentrale Botschaft lautete, daß die Sozialdemokraten nur auf demokratische Weise handeln würden. Nur wenn die reaktionäre antirepublikanische Gegenrevolution den Staat an sich reiße, würden die Sozialdemokraten mit allen Mitteln kämpfen – d.h. wenn es bereits zu spät ist. Die SPD folgte der gleichen Politik.
  • 1928 rief Stalin eine neue Politik der Kommunistischen Internationale (Komintern) ins Leben: der Kampf gelte nicht mehr primär den Faschisten, sondern den Sozialdemokraten (Fritz Keller: Gegen den Strom. Fraktionskämpfe in der KPÖ – Trotzkisten und andere Gruppen 1919-1945, Wien 1978).

Das ganze wurde durch den Umstand weiter akzentuiert, daß die SDAP mit ihrem „Austromarxismus“ zu den radikaleren sozialdemokratischen Parteien in Europa gehörte. Ihre Rhetorik war entsprechend stets sehr militant, während ihr reales Handeln von Defätismus geprägt war. Solange die Bourgeoisie demokratisch bleiben würde, bliebe auch die SDAP legalistisch. Die Kommunisten sagten von Anfang an zu dieser SDAP-Politik, daß es sowieso gar keine Demokratie gäbe, sondern nur die Diktatur des internationalen Finanzkapitals, die sich nur demokratisch drapiere. Mit dem „Aufstand“ vom 15. Juli 1927 sei die Maske endgültig gefallen und die wahre Natur des bürgerlichen Staates käme zum Vorschein.

Offensichtlich war für Reich, ein unmittelbarer Zeuge des Geschehens, dieser Vorfall ein überzeugendes Argument, so daß er von einem Sozialdemokraten zu einem Kommunisten wurde. Er sah nicht nur, daß die sozialdemokratische Regierung auf unbewaffnete Arbeiter schoß, sondern mußte auch einsehen, daß nun, wo die Bourgeoisie ihr wahres faschistisches Gesicht zeigte und nicht mehr demokratisch agierte, die sozialdemokratische Führung immer noch den legalistischen Vorgaben folgte, die Arbeiter nicht bewaffnete, etc.

F. Fürnberg, Vertreter der KPÖ in der Moskauer Zentrale der Komintern, vertrat die These, daß nun die österreichische Bourgeoisie ihre Macht spüre, deshalb den Kompromiß mit der Sozialdemokratie aufbreche und den Angriff wähle. Dies erzwinge eine neue Taktik der Kommunisten gegenüber der SDAP. Es gelte nicht mehr die SDAP als Gesamtheit zu bekämpfen, sondern man solle versuchen den linken Flügel der SDAP abzuspalten. Innerhalb der innerparteilichen Opposition seien Kristallisationspunkte zu bilden, um die sich die Massen sammeln, so daß eine Abspaltung herbeigeführt werden könne (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 148). Reich sollte eine Hauptrolle in diesem Plan Moskaus spielen. Siehe dazu meine Ausführungen über die Revolutionären Sozialdemokraten.

Aber betrachten wir die Sache von der Warte der Sozialdemokraten: Der junge Reich war ein Protégé seines Lehranalytikers Paul Federn, einem engagierten Sozialdemokraten. Für Leute wie Federn wurde das Freudsche „Unbewußte“ zum „falsche Bewußtsein“ der Massen, das von Aufklärern wie ihm in ein „richtiges Bewußtsein“ durch Erziehung und Instruktion umzuwandeln sei. Wo Es war sollte Ich sein. Sozialistische Vernunft sollte an die Stelle animalischer Anarchie treten. Es ging um Bildung, Selbstbeherrschung, Triebregulation, Zucht und Ordnung. Als Reich mit seiner Orgasmustheorie auftrat und sich mit dem „triebhaften“ Lumpenproletariat zu beschäftigen begann, war das die ultimative Provokation. Als er sich dann auch noch der KPÖ annäherte, war endgültig Schluß. Dazu muß man wissen, daß die SDAP die „kleinbürgerlichen“ Arbeiter in Lohn und Brot vertrat, während die KPÖ größtenteils von den Arbeitslosen unterstützt wurde.

Siehe auch meine Ausführungen über Reichs Hochschullehrer Julius Tandler in Der Blaue Faschismus. Während für Leute wie Tandler und Federn ethische Gesichtspunkte die biologische Zukunft der Menschheit bestimmen sollten, war Reichs Herangehensweise streng wissenschaftlich, wie wir im letzten Teil gesehen haben. Die „sozialdemokratische Ethik“ hatte eindeutig antisexuelle Züge.

Der Sozialist Tandler sprach stets voll Verachtung vom „rücksichtslosen und unverantwortlichen Lumpenproletariat“. 1929 war Tandler ganz begeistert von der Prohibition in Amerika. Bereits 1905 während seiner Arbeit in der Arbeitervereinigung der Abstinenzler beschäftigte er sich als Anatom mit „humanen Kastrationsmethoden“ für Alkoholiker (beispielsweise mit Röntgenstrahlen). 1928 trat er für die „Ausmerzung” aller biologisch Minderwertigen ein: Süchtige, Berufsverbrecher, Sexualstraftäter, geistig Zurückgebliebene, schwere Epileptiker. Tandler machte dabei nie deutlich, wie er sich das praktisch vorstellte. Er wollte der Generationenfolge von Alkoholikern ein Ende setzen, indem ihr Sexualleben kontrolliert werde, da dies jedoch nicht praktikabel war, dachte er auch an gesellschaftspolitische Maßnahmen (Doris Byer: Rassenhygiene und Wohlfahrtspflege, Frankfurt a.M. 1988). Mag sein, daß er dabei an die erwähnten „humanen Kastrationsmethoden” dachte oder vielleicht auch heimlich, wie ganz offen sein sozialistischer Mitstreiter George Bernard Shaw, an die Vernichtung minderwertigen Lebens in Gaskammern.

Übrigens hatte Shaw eine eigene „Philosophie von der Lebenskraft“.

In ihrer Studie „Zur Entstehung eines sozialdemokratischen Machtdispositivs in Österreich bis 1934” stellt Doris Byer fest, daß die Gefühle, die Tandler und seine sozialdemokratischen Mitstreiter, für das „Lumpenproletariat“ hegten, immer mit dem Abscheu vor Kontrollverlust zu tun hatten, insbesondere was Trunksucht und Sexualität betraf. Mit Schrecken dachten sie daran, daß Proletariat und Mittelklasse aufgrund individueller wirtschaftlicher Überlegungen immer weniger Kinder bekommen, die bedenken- und gewissenlosen Lumpenproletarier sich jedoch ungehemmt fortpflanzen.

Byer merkt an, daß die sozialdemokratische Stadtverwaltung Wiens sich vehement gegen Konzepte wandte, bei denen, wie in Reichs Sexualberatungsstellen, zwischen einem mächtigen jedoch unwissenden Subjekt (Reich) und einem machtlosen jedoch wissenden Subjekt (dem Lumpenproletarier) vermittelt wurde. (Man denke in diesem Zusammenhang etwa an Reichs Diskussionen mit „Zadniker“, aus denen Reich ungeheuer viel gelernt hat, was er in Menschen im Staat beschreibt.) Für die Sozialdemokraten, echten „Roten Faschisten”, ging es hingegen nur um Instruktion von oben nach unten. Die Massen haben zuzuhören und zu lernen! (Geistesgeschichtlich geht das Konzept des Sozialismus letztendlich auf Platos Theorie vom Philosophenstaat zurück. Imgrunde nichts anderes als der „Führerstaat“!)

Tandler, der sozialdemokratische Politiker und Arzt, sieht den Arzt als eine Art Vermittler zwischen dem Staat und dem Bürger, zwischen dem Individuum und dem Organismus der Nation. Er betrachtet den Arzt als einen „Manager des organismischen Kapitals“.

Tandler brachte das Sozialfürsorge-System häufig auf den Nenner „Rassenhygiene“. Es sei ein Schutzwall gegen den Zerfall der menschlichen Rasse. Als Wien 1922 ein eigenständiges Bundesland wurde, gründete Tandler, seit 1920 Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, das neue Wohlfahrtsamt, das alle Sozialfürsorge-Einrichtungen leitete. Alle sozialen Beziehungen wurden der Wohlfahrtspflege unterstellt: Empfängnis, Geburt und das gesamte Leben bis hin zur Beerdigung. Geschlechtsverkehr wurde Sache der „Sexualhygiene“ und der „Ehehygiene“. Eine hohe Geburtenziffer des Proletariats war eines der Hauptziele.

1932 spitzten sich, so Byer, die Ängste von Tandler zu. Der Arzt sei dafür verantwortlich, die nicht mehr funktionierende natürliche Darwinistische Auslese durch künstliche Maßnahmen zu ersetzen. Seit Jahren hätte er auf die Gefahren der sich immer weiter ausbreitenden erblichen Minderwertigkeit hingewiesen, die die Zukunft der Nation gefährde. Die Anzahl der Minderwertigen steige beunruhigend, da die Eltern von Minderwertigen selbst minderwertig sind und deshalb keinen Sinn für Verantwortung haben (d.h. sie sind sexuell enthemmt). Er glaube nicht, daß wegen der heutigen Einstellung der Menschen, und vielleicht sogar der Einstellung in 100 Jahren, der Arzt jemals das Recht zugesprochen bekäme Minderwertige zu töten. Er sei jedoch der Meinung, daß wir immerhin das Recht haben Geburten zu verhindern. Minderwertige seien zu sterilisieren. Gegen die Zeugung von Minderwertigen zu sein, sei eine Tat der Selbstverteidigung der menschlichen Gesellschaft. Die kinderreichsten Familien gehören dem minderwertigen Lager zu. Dem muß entgegengetreten werden, so daß die höherwertigen Menschen und so das Überleben der Menschheit eine Chance habe.

Als die Austrofaschisten 1934 die Macht übernahmen, verlor Tandler alle seine politischen und akademischen Funktionen. Er starb 1936 in einem Moskauer Hotel. Zwei Jahre später traten in Österreich Sozialisten die Macht an, die von Tandlers Skrupeln frei waren. Nationalsozialisten waren vor allem eins: konsequente Sozialdemokraten!

Paul Federn wurde zu einem Todfeind, der innerhalb der Psychoanalyse ständig gegen Reichs Einfluß arbeitete. Sozialdemokraten und Psychoanalytiker wie er hatten stets für die „Höherentwicklung“ des Menschen gekämpft und nun kam dieser verrückte Reich und zog den Menschen auf den Zustand des sexuell triebhaften Tiers herab. Und das auch noch im Namen von Sozialismus und Psychoanalyse. Er schloß sich sogar den verantwortungslosen Kommunisten an!

Mit einem weiteren sozialdemokratischen Feind Reichs, Karl Kautsky jr. (1892-1987), habe ich mich in Der politische Irrationalismus aus orgonomischer Sicht beschäftigt. Er war der zweite Sohn des berühmten Marxistischen Gelehrten Karl Kautsky. In Berlin besuchte Kautsky jr. die medizinische Fakultät, war 1914 Internist am gynäkologischen Krankenhaus der Universität Frankfurt und verteidigte 1916 seine Doktorarbeit. Danach war er in einem Armeekrankenhaus in Prag. 1918 ließ er sich in Wien als Gynäkologe nieder (Harald Koth: „Meine Zeit wird wieder kommen…“. Das Leben von Karl Kautsky, Berlin 1993). Zusammen mit Tandler war er eine Art Vorgänger Reichs in Sachen Sexualberatung.

Für Tandler und Kautsky jr. war die Ehe eine Einrichtung für die biologische Höherentwicklung der Menschheit. Ihre Beratungstätigkeit hatte nichts mit Psychologie zu tun, sondern diente „Hygiene“ und Bildung im eugenischen Sinne. Die Ehe als Institution und die Rolle der Frau wurden nicht in Zweifel gezogen (Karl Fallend: Wilhelm Reich in Wien. Wien-Satzburg 1988).

Für Kautsky jr. stand „der Kampf gegen den Niedergang in der Geburtenziffer“ und „der Kampf für den Willen zur Vaterschaft in einer Linie mit dem sozialistischen Befreiungskampf“. Ganz allgemein traten die österreichischen Sozialdemokraten der 1920er Jahre dafür ein, daß der altruistsche „Fortpflanzungstrieb“ den egoistischen Sexualtrieb kontrollieren sollte. Kautsky jr. zufolge ist Bevölkerungswachstum entscheidend für die Entwicklung des Sozialismus. Ein neuer Wille zur Vaterschaft müsse entfacht werden, der jedoch nicht mehr rein animalisch sein sollte, sondern bezwungen und zielgerichtet durch die Vernunft und einen Sinn für Verantwortung. Einen Vorschlag Tandlers aufnehmend, trat Kausky jr. dafür ein, daß Wohlfahrtszentren wie Amtsgerichte fungieren sollten, um zu bestimmen, ob eine Abtreibung stattfinden solle oder nicht. Tandler sprach sich gegen das Zeugen von kranken Kindern aus und trat deshalb vehement für eine obligatorische auf eugenischen Kriterien basierende staatliche Erlaubnis zur Ehe ein (Doris Byer: Rassenhygiene und Wohlfahrtspflege, Frankfurt a.M. 1988).

Das läuft darauf hinaus, daß Sozialdemokraten wie Tandler und Kautsky jr. eine nazistische Ideologie vertraten minus eines eindeutigen Rassismus und, natürlich, minus Antisemitismus. Aber grundsätzlich ist die Zielrichtung dieselbe: das perspektivische Ausmerzen von erblich Minderwertigen und die moralische und biologische Höherentwicklung der Menschheit durch Maßnahmen der Eugenik. Tandler warnt dabei natürlich vor „bürgerlichem Barbarismus“. In einem sozialistischen Staat wird das alles mit „humanistischen“ Mitteln erreicht!

Schließlich sollte der Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld, hinter dem ein ganzes Netzwerk aus sozialdemokratischen Verschwörern stand, gegen Reich auftreten. Es wird stets vergessen, daß Reich es nicht nur einfach mit der Opposition durch dogmatische Psychoanalytiker zu hatte, sondern daß diese Psychoanalytiker, etwa sein Erzfeind Paul Federn, fast durchweg engagierte Sozialdemokraten waren. Entsprechend drehte sich ja auch Bernfelds „Widerlegung“ von Reichs Masochismus-Artikel, in dem dieser 1932 Freuds Todestriebtheorie widerlegt hatte, in erster Linie um politische Fragen und das nicht etwa aus einer „konservativen“ Warte, wie man meinen könnte, sondern aus einer explizit marxistisch-sozialdemokratischen!

Ein gefährlicher Abtrünniger wurde niedergemacht. Reich hatte ihnen 1928 den Fehdehandschuhe vor die Füße geworfen und bekam nun die Quittung. Er selbst und seine Biographen haben Bernfelds Erwiderung einfach als Ausweichmanöver gesehen, weil die Psychoanalytiker Reichs Kritik nichts adäquat Klinisches entgegensetzten konnten.

Bernfeld wirft Reich einerseits eine „schiefe und unzulängliche Simplifizierung und Verengung der Psychoanalyse“ vor und andererseits eine „ungerechtfertigte oder verwilderte“ Anwendung Marxistischer Prinzipien. Dadurch hintertreibe Reich das Projekt, der Elite des Proletariats, die in den sozialistischen Parteien organisiert ist, die Psychoanalyse nahezubringen. Statt dessen versuche Reich „die Psychoanalyse vor den russischen Kommunisten [zu] rechtfertigen“ und fürchte sich dabei „vor dem Vulgärmarxismus seiner Genossen“, weshalb er die Psychoanalyse verstümmeln müsse (Siegfried Bernfeld: „Die kommunistische Diskussion um die Psychoanalyse und ‚Reichs Widerlegung der Todestriebhypothese‘“ Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse Bd. 18, 1932)

Reich habe bis zu diesem Zeitpunkt, so Bernfeld, „die kommunistische Prüfung nicht als hoffnungsloser, aber ungenügend präparierter Schüler nicht bestanden […]. Er ist nicht versetzt, und hat als Fleißaufgabe die Reinigung der Psychoanalyse aufgetragen erhalten“. Dabei legt Bernfeld nahe, daß darauf die zunehmende „Verengung“ der Psychoanalyse durch Reich zurückzuführen sei. Oder mit anderen Worten: der „Vulgärmarxismus“ der Kommunisten gebiert mit Reich als Geburtskanal eine Art „Vulgärpsychoanalyse“.

Es gibt eine Methode, Geheimbriefe zu schreiben, indem zwei Texte so kunstvoll vermengt werden, daß nur der Empfänger mit dem vereinbarten Raster den unterdrückten Text in sich zusammenhängend lesen kann. Peinlich berührt die Ähnlichkeit der Reichschen Arbeit mit dieser Methode. Es sind zwei voneinander unabhängige Aufsätze, die hier ineinandergewoben sind; einer über den masochistischen Charakter, und einer über – nun man weiß nicht recht worüber. Offenbar die geforderte kommunistische Fleißaufgabe.

Im übrigen sei Reich ein Romantiker der „vollen uneingeschränkten Sexualbefriedigung“. Da der Sozialismus die Beseitigung der sexualunterdrückerischen Eheinstitution verspreche, habe sich Reich, der in Wirklichkeit gar kein Marxist, sondern ein „anarchistischer Sexualethiker“ sei, dem Sozialismus als Heilslehre zugewandt. Dabei vergesse er, daß die Sexualnöte aus psychoanalytischer Sicht eben nicht aus der Ehemisere stammen, sondern aus dem unhintergehbaren Inzestverbot. Aus diesem folgen zwangsweise „tiefe Sexualeinschränkungen“ für die Kinder. Es wolle doch keiner am Inzestverbot rühren?!

Hier wird blitzartig deutlich mit welchem bodenlosen, viehischen Haß sexualfeindliche Sozialisten und Psychoanalytiker wie Tandler, Kautsky jr., Federn und Bernfeld Reich verfolgt haben. Für sie war er der Teufel in Menschengestalt. Sie blickten auf ihn ziemlich genau in der gleichen Weise, wie die Nationalsozialisten auf „Juden“ blickten. Siehe dazu meine Ausführungen in Der Blaue Faschismus.

Wie aus Karl Fallends Wilhelm Reich in Wien ersichtlich ist, nahm ausgerechnet Reichs Erzfeind, der „Modju“ Paul Federn Anfang der 1930er Jahre Reichs Konzept von den Kindern der Zukunft vorweg: Prophylaxe, die von Generation auf Generation stets fortschreitet. Im Wiener Bezirk Ottakring initiierte er ein „Nachbarschaftsprojekt für Arbeitslose“. Zuversichtlich formulierte Federn in einem Vereinsbericht:

Durch jede seelische Fürsorge erfüllt dabei der psychoanalytisch geschulte Helfer zugleich seinen Teil der größeren Aufgabe, die schützende Erkenntnis in das Volk zu tragen, damit von Generation zu Generation mehr und mehr die seelische Prophylaxe von den Eltern selbst geleistet werde. (Wilhelm Reich in Wien, Wien 1988, S. 206).

In welcher Hinsicht diese Art von „prophylaktischer Wohlfahrtspflege“ das genaue Gegenteil von Reichs Bestrebungen ist, habe ich oben ausgeführt.

Hundert Jahre vor Reichs Konzept „Kinder der Zukunft“ hatte der Pädagoge und Orthopäde Moritz Schreber mit seiner sprichwörtlichen „schwarzen Pädagogik“ ein ganz ähnliche psychophysische, medizinisch greifbare Utopie wie Reich: Kinder zu graden Charakteren in graden gesunden Körpern zu formen, um die Welt mit einer neuen Rasse aus freien Gottmenschen zu bevölkern, die souverän über ihre Triebe herrschen. Hitler hatte ein ganz ähnliches Ansinnen.

Das Ottakringer Arbeitslosenprojekt sei, so Fallend, auch von Ideen inspiriert worden, die Federn bereits 1919 in seiner Schrift Zur Psychologie der Revolution: Die vaterlose Gesellschaft ausgeführt hatte. Fallend:

Federn ging von der Annahme aus, daß eine patriarchalisch-autoritäre Einstellung die bürgerliche Gesellschaftsordnung stütze und auch sozialistische Organisationen am Fortschritt hindere. In einer Organisation wie der der Räte, als einer gleichberechtigten Gemeinschaft zwischen Brüdern (…), sah Federn weitere Perspektiven, im Gegensatz zur autoritären Vater-Sohn-Gesellschaft. (Wilhelm Reich in Wien, S. 206)

Federn hatte 1919 geschrieben:

Alle bisherigen Organisationen wurden von den Führern aus organisiert; die Organisationspyramide gab das Vater-Sohn-Verhältnis das ideele Gerüst, von der Spitze der Parteileitung abwärts zur breiten Volksbasis ging die Richtung der Impulse und der Beeinflussung. Die neue Organisation – die der Räte – wuchs aus der Masse, aus der Basis empor, aus der Basis empfängt sie die Impulse und ihr unsichtbares psychologisches System ist das Verhältnis der Brüder. (ebd., S. 206f)

Man ist wirklich an Reichs späteres Konzept „Arbeitsdemokratie“ erinnert. Bezeichnend ist auch, warum Federns Vorschläge von der sozialdemokratischen Parteileitung abgelehnt wurden, u.a. weil sie dazu führten, „die zu radikalen Vorstößen bereiten arbeitslosen Genossen zu beruhigen und in ihrer erbitterten Stoßkraft zu lähmen“ (ebd., S. 208).

Interessanterweise stieß Reich bei seiner Sexpol-Arbeit schließlich auf ähnliche Einwände von seiten der kommunistischen Parteileitung. Andererseits war damals Reichs extrem kommunistischer Impetus natürlich gleichfalls gegen die bei Federn inkriminierten den Klassenkampf befriedenden Bestrebungen gerichtet. In Reichs damaliger Begrifflichkeit unterstützte Federn die weitere „Verkleinbürgerlichung“ des Proletariats ausgerechnet in deren potentiell am revolutionärsten Segment, den Arbeitslosen.

Hätte Reich nach seiner endgültigen Abkehr von jedweden sozialistischen Vorstellungen, also nach 1941, Bemühungen wie die Federns positiv bewertet? Die Frage ist eine grundsätzliche, denn wie etwa ist es mit ähnlichen Projekten der sozialen Selbstorganisation auf katholischer, islamischer, „völkischer“ oder etwa anthroposophischer Grundlage bestellt?

Letztendlich geht es immer um die anthropologische Grundanschauung, die – letztendlich zum tragen kommt: es geht darum, ob der Mensch ein „sadomasochistisches Tier“ ist, daß zum Guten geführt werden muß (Federn), oder ob „sich das Leben seine notwendigen Daseinsformen selbst am besten zu schaffen vermag“ (Reich).

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2 Antworten to “Der Rote Faden: Sozialdemokraten (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Es fällt auf, dass Bernfeld ebenso wie Fromm Reich eher als Sexualanarchisten ansehen. Paul Federn hat offiziell nie etwas gegen Reich geschrieben, sondern nur eine abwartende, neutrale Position zu Reichs neuen Forschungen in seinem Psychoanalytischen Volksbuch 1936 formuliert. Erst sein Sohn Ernst Federn, der mit Bruno Bettelheim in KL Buchenwald war, hat diesen Hass auf Reich offen gezeigt.

  2. Der Rote Faden: Die Anfangsjahre | Nachrichtenbrief Says:

    […] Hauptlehrer an der Universität ist Julius Tandler, über den ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen habe. Reich und Otto Fenichel gründen ihr Studentenseminar über […]

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