Der Rote Faden: Arthur Garfield Hays

1945 wählte Reich den langjährigen Staranwalt der ACLU, d.h. der links-liberalen Bürgerrechtsbewegung, Arthur Garfield Hays (1881-1954) zu seinem Anwalt. Hays war durch den berühmten „Affen-Prozeß“ in Tennessee 1925 und durch die Verteidigung der beiden Anarchisten Sacco und Vanzetti berühmt geworden. Gleichzeitig zählte er zu den führenden Anwälten, die für Wall Street tätig waren. Während des Ersten Weltkrieges hatte er die Interessen des Deutschen Reiches in den USA vertreten. Auch zählte er zu den ausländischen Beobachtern während des Reichstagsbrand-Prozesses in Leipzig 1933.

Leo (oder Leon) Roth („Viktor“) (1911-1937) war einer der wichtigsten Funktionäre des Nachrichtendienstes der KPD. Er kam zum Nachrichtendienst durch den Kommunistischen Jugendverband in Berlin. Gegen 1930 wurde er, wie beispielsweise auch Erich Mielke (der spätere Chef der Stasi) in einer Spezialschule mit angeschlossenem militärischen Training in Rußland ausgebildet. Seit 1931 (oder 32) war er Leiter der Abteilung für „spezielle Verbindungen“ im militärpolitischen Apparat des Zentralkomitees der KPD. Nach 1933 lebte er als Illegaler in Deutschland. 1934 und 35 im noch unabhängigen Saarland. 1935 wurde er in die Auslandsabteilung West der KPD versetzt. Wie andere Mitglieder des militärpolitischen Apparats wurde er 1936 nach Moskau beordert, wo er als britischer und französischer Spion hingerichtet wurde.

Roths Abteilung für „spezielle Verbindungen“ gelangte 1933 an Photokopien der strenggeheimen Anklageschrift gegen die Angeklagten im Reichstagsbrand-Prozeß: Georgi Dimitroff, Blagoj Popov, Vasil Tanev, Ernst Torgler und Marinus van der Lubbe. Roth brachte die Kopien nach Paris, wo sie dem „Untersuchungsausschuß zur Aufklärung des Reichstagsbrandes“, der von Willi Münzenbergs „Weltkomitee für die Opfer des Hitler-Faschismus“ gegründet worden war, übergeben wurde. Münzenberg war der Propagandachef, sozusagen der „Goebbels“, der KPD. Roths militärpolitischer Apparat hatte der KP-Führung über den Prozeß Bericht zu erstatten und die Strafverteidiger zu unterstützen. Roth gelang es Norman Ebbutt, Korrespondent der Times und Sprecher der ausländischen Presse in Deutschland, als geheimen Berichterstatter für die KPD zu gewinnen. Das Material, das Roth sammelte, wurde im US-Konsulat in Leipzig hinterlegt, wo Roth auch illegale Pressekonferenzen organisieren konnte. Roth nahm Kontakt mit Hays auf, der als Mitglied des „Untersuchungsausschusses zur Aufklärung des Reichstagsbrandes“ zusammen mit seinem Sekretär H. Lehnauer am Reichsgericht in Leipzig im September 1933 als einer der Beobachter des Prozesses fungierte. Über Hays war Roth in der Lage Material an die deutschen Verteidiger weiterzuleiten (Bernd Kaufmann et al.: Der Nachrichtendienst der KPD 1919-1937, Berlin 1993).

Ich beschäftige mich hier mit Roth so ausführlich, weil er auch eine indirekte Rolle in der Einstein-Affäre spielte: Einsteins Sekretärin Helene Dukas hatte mit ihren beiden Schwestern in Berlin eine größere Wohnung angemietet und prompt ein Zimmer an Luise Kraushaar untervermietet. Kraushaar war eine KPD-Sekretärin für besondere Aufgaben. In dem konspirativen Büro, das in der Dukas-Wohnung lag, dechiffrierte sie beispielsweise Spionagebotschaften. Auch Leo Roth hatte einen Schlüssel zu der Wohnung. Alles deutet darauf hin, daß Helene Dukas genau wußte, was gespielt wurde – und willig mitspielte (Siegfried Grundmann: Einsteins Akte – Wissenschaft und Politik, Berlin 2004, S. 613). Wer mit Einstein sprach, sprach mit Moskau, zumal Einstein selbst die Einstellung seiner Sekretärin zu teilen schien.

1931/32 lehrten neben Reich eine ganze Reihe berühmter Leute an der MASCH in Berlin: Albert Einstein, John Heartfield, Egon Erwin Kisch, Jürgen Kuczynski, Willi Münzenberg, Erwin Piscator, Annie Reich und Karl August Wittfogel (Gabriele Gerhard-Sonnenberg: Marxistische Arbeiterbildung in der Weimarer Zeit (MASCH), Köln 1976).

Die MASCH (Marxistische Abendschule, vgl. Menschen im Staat, S. 153) wurde von László Radványi geleitet (unter dem Pseudonym Dr. Johann Lorenz Schmidt), dem Ehemann der kommunistischen Autorin Anna Seghers. Die Nachfrage nach den Kursen war so groß, daß noch 1932 die Örtlichkeiten erweitert werden mußten.

Der berühmte Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski, Jahrgang 1904, trat der KPD 1930 bei, 1931 wurde er halbtags Mitglied der Redaktion des Parteiorgans Die Rote Fahne, den Rest des Tages arbeitete er für die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) und in der kommunistischen „Liga für Menschenrechte“. Januar 1933 war er Vollzeit für die Informationsabteilung (den Nachrichtendienst) der KPD tätig und mußte sehr bald illegal im Untergrund arbeiten. Ab März 1936 Exil in England, nach dem Krieg in der „DDR“, verstarb 1997.

Kuczynskis Erinnerungen zufolge hatte László Radványi (Schmidt) die Idee Einstein für die MASCH zu gewinnen und Anna Seghers konnte Einstein tatsächlich überreden. Die MASCH lag jedoch im Zentrum des Rotlichtdistrikts Berlins und Radványi bat Kuczynski Einstein persönlich zur MASCH zu begleiten. Das war 1932. Im Mai 1938 beauftragte ihn die KP Einstein in Princeton zu besuchen und diesen zu fragen, ob er Finanzquellen für den kommunistischen Geheimsender „29,8“ auftun könne. Kuczinski erinnert sich schöner Stunden mit Einstein sechs Jahre nach ihrem letzten Zusammentreffen. Einstein habe im Gespräch großes Interesse für den Radiosender „und allgemein für unsere Arbeit“ gezeigt. Tags darauf habe Einstein ihm durch dessen Sekretärin eine weitere Adresse eines gemeinsamen Freundes zukommen lassen, um noch mehr Geld aufzutreiben (Jürgen Kuczynski: Freunde und gute Bekannte. Gespräche mit Thomas Grimm, Berlin 1997).

1939 hörte Kuczynski das letzte Mal von Einstein, als er ihm eines seiner Bücher zusandte und Einstein am 4. Mai 1939 begeistert antwortete und sich erkundigte, was er für ihn tun könne. Einstein stimmte vollständig mit Kuczynskis Analyse der merkwürdigen Haltung Englands und Frankreichs überein. Diese Haltung sei, so Einstein, darauf zurückzuführen, daß bourgeoise Klasseninteressen Vorrang vor den Interessen des Staates hätten (ebd.). Ich halte es nicht für übertrieben Einstein als Marxisten zu bezeichnen, dessen entsprechende Sympathien eindeutig bei der Sowjetunion lagen! Siehe dazu Der Rote Faden: Der Hintergrund der „Einstein-Affäre“.

Kuczynski war 1926 bis 1929 in den USA gewesen. Zunächst um an der Brookings School zu lernen und dann für die American Federation of Labor zu arbeiten. Damals war er sehr am Fall von Sacco und Vanzetti interessiert. Beispielsweise schrieb er am 8. August 1927 an seine Frau Marguerite, daß er am Abend einem Vortrag des „progressive Rechtsanwalts” A. Garfield Hays beigewohnt habe (ebd.) Für Kommunisten wie Kuczynski war Hays ein Progressiver.

Hays war ein Anwalt, der nicht nur eng mit der „progressiven Sache“ verbunden war, sondern auch in Kontakt mit Kommunisten stand. Zeitweise war er geradezu deren Aushängeschild. Jim Martin hat die Entdeckung gemacht, daß Hays in den 1930er Jahren mit der linken „Verbraucherschützerin“ Mildred Brady im Sinne der „progressiven Sache“ zusammengearbeitet hatte (Wilhelm Reich and the Cold War, Fort Bragg, Ca, 2000).

Liest man die entsprechenden Stellen in Jerome Greenfields Buch USA gegen Wilhelm Reich (Frankfurt 1995) drängt sich einem der Eindruck auf, daß kaum jemand mehr Schuld an der ausweglosen Situation, in der sich Reich am Ende befand, trägt als Hays. Am 10. Oktober 1947 bat Reich ihn, der von der Stalinistin Brady initiierten Verleumdungskampagne Einhalt zu gebieten, was zu dieser Zeit noch möglich war, aber Hays weigerte sich mit fadenscheinigen rechtlichen Begründungen. Wahrscheinlich aus Rücksicht gegenüber Brady. Hays war ein Liberaler, ein Linker, vielleicht sogar ein Fellow Traveller.

Reich hatte Hays insbesondere wegen dessen Buch über den Scottsboro-Fall, in dem in Alabama neun Schwarze der Vergewaltigung zweier weißer Mädchen angeklagt worden waren, gewählt, Arthur Garfield Hays: Trial By Prejudice, 1933 (American Odyssey, S. 438). Diesen Fall, der in der Tat ein rassistischer Alptraum war, hatte die KP der USA zu einer umfassenden Kampagne genutzt, in der Hays natürlicherweise einen zentralen Part spielte.

In einem Brief schrieb Reich an Hays, ausgerechnet an Hays, daß „die lawinenartig anschwellende Verleumdung (…), wie wir nun mit Bestimmtheit wissen, von kommunistischen Kreisen an der Westküste in Gang gesetzt wurde“ (ebd., S. 431). Man kann sich lebhaft ausmalen, wie Hays auf solche Aussagen reagiert hat!

Hier Hays 1951 im amerikanischen Fernsehen, wo er sich vehement dagegen verwahrt, daß es innerhalb von Amerika so etwas wie eine kommunistische Bedrohung gäbe. Zu diesem Zeitpunkt vertraten er und Reich in dieser Hinsicht diametral entgegengesetzte Positionen.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Antworten to “Der Rote Faden: Arthur Garfield Hays”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Bei Kurt Tucholsky stand Hayes in hohem Ruf:
    http://www.textlog.de/tucholsky-freiheitsglocken.html

    Im „Internationales Biographisches Archiv 42/1948 vom 4. Oktober 1948“ steht über ihn:
    Arthur Garfield Hays wurde im Jahre 1881 in New York geboren. Er erhielt seine Schulbildung im Columbia College in New York und studlerte Rechtswissenschaften. Als gesuchter Rechtsanwalt vertrat er dann jahrelang amerikanische Reeder und Seeleute vor englischen Gerichten, bis er seit dem Jahre 1924 dazu überging, seine Kräfte und Erfahrungen ausschließlich seiner American Civil Liberties Union zu widmen, einer freiwilligen Vereinigung von Rechtsgelehrten, Anwälten und Bürgern, die Angeklagte jeden Standes und jeder Nationalität gegen gesetzliche Übergriffe und Fehlurteile des Staates schützt.

    So kämpfte H. im letzten Kriege gegen die Internierung der in den USA ansässigen Japaner. So nahm er sich im Jahre 1927 der in einem aufsehenerregenden Prozeß wegen eines nichtgeklärten Überfalls zum Tode verurteilten Anarchisten Sacco und Vanzetti an, und in gleichen Geiste führte er im Jahre 1933 in London mit einer Kommission die vielerörterten Untersuchungen über die wahren Ursachen und Urheber des Reichstagsbrandes durch. Im September — Oktober 1948 weilte H. auf Einladung des Chefs der amerikanischen Militärregierung, General L. Clay, zu einem längeren informativen Besuch in Deutschland.

    H. ist seit 1944 Witwer und hat zwei Töchter. Auf seinem Sommersitz an der Meeresküste von Long Island widmet er seine Freizeit dem Segelsport, dem Schachspiel und dem Tennis.

  2. Der Rote Faden: Mildred Brady « Nachrichtenbrief Says:

    […] Jürgen Kuczynski war ein enger Freund von Mildred Bradys späterem Ehemann Robert A. Brady, einem Wirtschaftswissenschaftler, und dessen erster Frau. Im September 1926 ging Kuczynski in die Vereinigten Staaten, um an der Brookings School zu studieren. Viele Studenten dieser kleinen Eliteeinrichtung mit nur 20 bis 30 Studenten wurden später Mitglieder der Roosevelt Administration. Und sie waren alle untereinander befreundet und viele heirateten auch untereinander. Kuczynski zufolge hielten viele dieser Bekanntschaften und Freundschaften Jahrzehnte an und schlossen weitere Freundeskreise mit ein. Da die meisten Studenten wegen ihres Talents interessante Jobs bekommen hatten und einige hohe Positionen in der Roosevelt Administration innehatten, war Kuczynskis USA-Reise von 1938 in die USA, wo er für den kommunistischen Geheimsender „29,8“ um Spenden warb, so überaus erfolgreich. Er kehrte als der damals erfolgreichste Spendensammler für die KP heim (Kuczynski: Freunde und gute Bekannte. Gespräche mit Thomas Grimm, Berlin 1997, S. 115f). […]

  3. Der Rote Faden: Reich, die Kennedys, King, Benno Ohnesorg und Moskau | Nachrichtenbrief Says:

    […] Anhänger von Roosevelts New Deal und hatte den linken „Bürgerrechtsanwalt“ schlechthin, Arthur Garfield Hays gewählt, um ihn zu vertreten. Doch nach dem Erscheinen seiner Massenpsychologie des Faschismus im […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: