Auf dem Weg zur Antiorgonomie (Teil 1)

Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre war Reich ein Kommunist. Reich wurde von der KPD zur Mitgliederwerbung mißbraucht. Heute nimmt z.B. entsprechend Die Linke buchstäblich alles Wahre, Gute und Schöne mitsamt ihrer Vertreter in Beschlag. Diese Grundtendenz zum Mißbrauch des Lebendigen ist keine Stalinistische Entstellung, sondern gehört zum falschen, verlogenen Grundwesen des Marxismus („die soziale Fassade“). Deshalb sind Marxisten, gerade wenn sie sich Reich positiv zuwenden, Todfeinde der Orgonomie. Das Fatale ist, daß sie zu diesem Mißbrauch von Reich selbst geradezu eingeladen wurden. Mit der Revision seiner alten Marxistischen Texte wollte Reich in den 1940er Jahren seinen eigenen Marxismus der 1920er/1930er Jahre zurückdrängen, doch dummerweise hatte dies bei der Veröffentlichung in Europa den gegenteiligen Effekt, denn so wurde die Orgonomie in einem Marxistischen Kontext vermittelt. Reich hatte sich bereits 1951 voller Selbstzweifel notiert:

Ich muß damit aufhören, meine früheren Bücher zu vertreiben, z.B. Massenpsychologie und Sexuelle Revolution. Nicht, weil sie falsch sind, sie stehen so da, wie sie geschrieben wurden, sondern weil sie die entscheidende Frage, d.h. die Orgonenergie, verdecken und von den Leuten mißbraucht werden. (z.n. Chester M. Raphael: Wilhelm Reich – Misconstrued – Misesteemed, New York 1970, S. 86)

Das Phänomen des „Reichschen Freudo-Marxismus“ kann man am besten anhand des orgonomischen Modells von der Dreischichtung der menschlichen Charakterstruktur erfassen:

Die oberflächliche soziale Fassade ist das Reich des Marxismus, der die Vorstellung, der Mensch sei primär Objekt der Biologie, vehement von sich weist, vielmehr läßt er den Einzelnen und seine Bedürfnisse in ein kollektivistisches Ensemble sozialer Beziehungen aufgehen. Es ist die kontaktlose Theorie des Intellektuellen, der vom Leben isoliert das Leben mit Theorien bewältigen will, ohne sich vorher auf das Leben einzulassen. Entsprechend kann die Marxistische Soziologie nur ökonomisch rationales Verhalten erklären. Reich schreibt im Rückblick auf seine Marxistische Periode:

Die Kluft zwischen ökonomistischer und bio-soziologischer Anschauung wurde unüberbrückbar. Der „Theorie des (vom rationalen ökonomischen Kalkül geleiteten, PN) Klassenmenschen“ trat die irrationale Natur der Gesellschaft des Tieres „Mensch“ gegenüber. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 21)

Was für Marx rational war (der durch unterschiedliche ökonomische Interessen bestimmte Klassenkampf), wurde für Reich zum Inbegriff der Irrationalität, während das, was für Marx irrational war (die Postulierung gemeinsamer Interessen zwischen den Klassen), für Reich die Essenz seiner Bio-Soziologie wurde: die alle Klassen übergreifende natürliche Arbeitsdemokratie.

Freud war in den Bereich des Irrationalen vorgestoßen, ist aber in der von den sekundären Trieben entstellten mittleren Schicht der Charakterstruktur steckengeblieben. Bei ihm löste sich das Leben in einen sadomasochistischen Alptraum auf, über den sich der menschliche Geist stoisch erheben muß. Während Marx mit seinem Hegelianischen Geschichtsmystizismus die gesamte bisherige Entwicklung, das gesamte bisherige Patriarchat gerechtfertigt hatte, da es im Paradies münden würde, leugnete der resignative Schopenhauerianer Freud überhaupt jede Entwicklung zum Besseren.

Reich hat die optimistischen Illusionen der sozialen Fassade und die Resignation der sekundären Schicht transzendiert und ist zum biologischen Kern des Menschen vorgedrungen. Zunächst war Reich aber selbst noch in Illusionen befangen und wollte einen ins optimistische gewendeten Freud mit Marx verbinden: das perverse Unbewußte sei ein Produkt jener sozialen Prozesse, die Marx beschrieben und beherrschbar gemacht hätte. Hatten die Marxisten aber schon Probleme mit Freud, der doch immerhin lehrte, der Mensch müsse in die anarchische Natur ähnlich eingreifen wie ins Marktgeschehen, konnten sie rein gar nichts mit der nun vollkommen dem menschlichen Zugriff entzogenen ahistorischen Biologie Reichs anfangen.

Reich selbst erkannte zunehmend, daß dieser Widerstreit von Psychoanalyse und Marxismus wenig mit Wissenschaft zu tun hatte, sondern daß die beiden Weltanschauungen eine Funktion des jeweiligen Charakters ihrer Exponenten waren. Dieser war für das resignative konservative Beharren auf der einen und die optimistische liberale Kontaktlosigkeit auf der anderen Seite verantwortlich. Die Psychoanalyse beharrte gegen Reichs Optimismus auf der Unwandelbarkeit der Conditio humana. Reich mußte aber auch erkennen, daß Marx ihm nichts zu geben hatte:

Die ökonomischen Bewegungen, die durch den Einfluß von Karl Marx auf die Soziologie entstanden sind, haben durch das Hervortreten eines neuen menschlichen und sozialen Problems die Basis ihrer Wirksamkeit verloren. (Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Fischer TB, S. 10)

Die soziale Existenz des Lebewesens Mensch ist bioenergetisch betrachtet an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins. (Ausgewählte Schriften, S. 24)

Die Orgonomie kann mit dem Marxismus rein gar nichts anfangen. Doch leider ist es umgekehrt anders und es entwickelt sich eine „Antiorgonomie“.

Man versucht Reichs Lebenswerk systematisch Schritt für Schritt aufzuarbeiten, so wie es sich historisch entwickelt hat: von Freud über Marx zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ und schließlich dem „kosmischen Orgon-Ingenieurswesen“. Demnach könne man beispielsweise Reichs Konzept der „Arbeitsdemokratie“ erst richtig verstehen, wenn man sich mit dem Marxismus beschäftigt hat (der in diesem Zusammenhang viel wichtigere Leninismus wird dabei stets ausgeblendet!); die Orgonbiophysik erschließe sich erst vor dem Hintergrund der Psychoanalyse, etc.

Ich, der Verfasser einer umfangreichen Chronologie und Bibliographie der Entwicklung des Reichschen Denkens bin sicherlich der letzte, der diese Herangehensweise nicht zu würdigen weiß, doch trotzdem ist ihr ein tiefgreifender Denkfehler inhärent, denn Reichs Entwicklung verlief sozusagen „falsch herum“. Er hat sich von der Psychologie (Psychoanalyse) über die Soziologie (Marxismus) zur Biologie (Orgon-Biophysik) entwickelt. Also vom oberflächlichsten Funktionsbereich zum tiefsten Funktionsbereich. Nun kann man jedoch daß Höhere nur vom Tieferen her verstehen.

Es geht schlicht darum, daß in der Natur tiefere und umfassendere Funktionsbereiche die höheren und weniger umfassenden Funktionsbereiche bestimmen statt umgekehrt. Das Umgekehrte ist, wie ich gestern ausgeführt habe, funktionell identisch mit widernatürlicher Panzerung. Wer also, wie die erwähnten „kritischen Orgonomen“, Reich „chronologisch“ aufarbeiten will, verfehlt die Orgonomie auf eine denkbar fundamentale Weise. Mehr Entstellung geht gar nicht!

Es ist schlicht und ergreifend Unsinn die Charakteranalyse, wie sie heute von Orgontherapeuten angewendet wird, von Freud her begreifen zu wollen, „um tiefer in sie einzudringen“. Desgleichen wird man die Arbeitsdemokratie grundlegend mißverstehen, wenn man sie von Reichs Beschäftigung mit Marx her begreifen will. Das gleiche gilt auch beispielsweise für den Orgonomischen Funktionalismus und Engels.

Die entsprechenden „systematischen“ Ausführungen „kritischer Orgonomen“ mögen ja alle sehr schlau und akademisch klingen, man wird alle möglichen Reich-Zitate anführen können (teilweise auch aus Reichs späteren Jahren!), aber das ändert nichts an der Tatsache, daß hier eine Art „Orgonomie“ konstruiert wird, die tatsächlich so etwas wie Antiorgonomie ist. Eine Orgonomie, die auf den Kopf gestellt ist.

Übrigens beruhte auch ein Gutteil des mittlerweile zum Glück weitgehend erloschenen „Reichianismus“ auf dieser „Antiorgonomie“. Ich kann mich noch gut an die arroganten Ergüsse erinnern: die Amerikaner könnten Reich gar nicht verstehen, weil sie seine Frühschriften nicht kennen; von Arbeitsdemokratie hätten sie keine Ahnung, da sie nichts von Marx verstünden, etc.pp.

Da gibt es Leute, die haben die erste Hälfte der Charakteranalyse gelesen, fangen an wild herumzupsychologisieren – und glauben allen ernstes damit Orgonomie zu betreiben. Nicht weniger schlimm sind jene, die angeregt durch die zweite Hälfte der Charakteranalyse, sich als „Körpertherapeuten“ verstehen, d.h. die Orgontherapie auf eine Art mechanische „Gymnastik“ reduzieren.

Oder man nehme jenen amerikanischen Erzieher, der vor vielen Jahren im Wilhelm Reich Museum einen Vortrag hielt, in dem er Elsworth F. Bakers Ausführungen über die soziopolitischen Charaktere als „Travestie der Orgonomie“ abkanzelte, denn wie man anhand der Massenpsychologie des Faschismus unschwer erkennen könne, habe Reich seine soziologischen Theorien von Marx und Engels abgeleitet, von denen Baker keine Ahnung habe. Baker erklärt soziologische Phänomene von der Orgon-Biophysik (d.h. hier von der Charakterstruktur) her – und wird dafür von einem „buchkundigen“ „kritischen Orgonomen“ angegriffen.

Fast alle diese Leute haben eine linksliberale Charakterstruktur und entsprechend „intellektualisieren“ sie alles: eine oberflächliche Funktion (das Gehirn, der Intellekt) maßt sich an, die tiefere Funktion (den Körper, die Bioenergie) zu bestimmen. Von ihrer verkorksten Struktur her können sie die Orgonomie unmöglich verstehen. Sie bleibt ihnen imgrunde fremd.

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9 Antworten to “Auf dem Weg zur Antiorgonomie (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Wieder der fanatische Hass auf den Marxismus.
    Warum nicht auch den Wert ansehen, den der Marxismus für die Sexualökonomie und Orgonomie hatte.
    Marx hatte seine Schwächen und Fehler, aber das betrifft genauso Freud und Reich. Dass er keine perfekte Lehre entwickelt hat, kann man ihm nicht vorwerfen.

  2. Sebastian Says:

    Auch hier sollten Sie mal Ordnung in Ihre Begrifflichkeiten bekommen. Ihre Kritik an Marx (historischer Mystizismus) und am roten Faschismus ist zwar berechtigt und extrem wichtig. Da bin ich voll auf Ihrer Linie. Wenn es aber Ihr Ziel ist Marx voll und ganz zu Grabe zu tragen, ist Ihre Kritik am historischen Mystizismus die eines zahnlosen Tigers. Es trifft nicht den Kern der Sache, geht am Wesentlichen vorbei, wenn sie Marx Wirtschaftstheorie widerlegen wollen, denn historischer Materialismus ist nicht gleich Marx Wirtschaftstheorie. Genausowenig wie Marx = Marxismus ist! Marxismus = Interpretation von Marx!! Marx Wirtschaftstheorie kann man fundamental kritisieren, wenn man sich mit den Begriffen Geld und Eigentum auseinandersetzt.

    Reich wies darauf hin, dass er kein Marxist sei und die Vorstellung eines Klassenkampfes ablehnte, der sich für ihn als ein Kampf zwischen kleinen Männern darstellte (Arbeiter gg Polizisten). Trotzdem vertritt er noch in „Menschen im Staat“ Marx Wertlehre, die am besten zu seinen Entdeckungen passte. Wie erklären Sie sich das denn? Es lässt sich nur so erklären, wenn man zwischen den Begriffen Marx, Marxismus, Marx Wirtschaftstheorie und Marx Entwicklungstheorie der Gesellschaft unterscheiden kann.

    Wie dem auch sei, Reich macht denselben Fehler wie Marx. Dieser beruht mMn auf Unverständnis gegenüber dem Begriff Geld. Marx hatte die richtige Frage gestellt und die falsche Antwort geliefert.

    Die Frage, um die sich der ganze Kapitalismus, die Marktwirtschaft, die Eigentumsökonomie, der Debitismus oder wie immer man dieses ökonomische System nennt, dreht, ist, wie aus Geld (G) –> Mehrgeld (G‘) wird. Marx hatte es versucht durch die Produktion mit einem „Mehrwert“ zu erklären und so hat er die wirtschaftswissenschaftliche Konfusion über den Profit nur noch verstärkt. Reich ist ihm da einfach gefolgt, weil die Wirtschaftswissenschaft nichts anderes zu bieten hatte. Das, was sie zu bieten hatte, waren ihre „vulgären“ Erklärungen, dass der Profit auf freiwilligen „Motiven“ wie „Gier“ der „Wirtschaftssubjekte“ beruht. Diese Vulgärökonomie mit ihrer Freiheits- und Freiwilligkeitskrämerei besteht bis heute und die Orgonomie blieb davon leider nicht verschont. Komisch, dass es diese Gier nicht in der Stammesgesellschaft, dafür aber in der Antike, nicht im europäischen Mittelalter oder sonst einem feudalen System, dafür aber wieder in der Neuzeit gab. Und überhaupt: Wie soll Gier eigtl mehr Geld hervorbringen? Geld wächst nunmal nicht auf Bäumen und wird auch nicht von Arbeitern oder kreativen Unternehmern erschaffen.

    Mit der Frage, was Geld überhaupt ist, kommt man zum Kern des ökonomischen Systems. Jeder, der seine Ohren ein wenig aufmacht und seine Augen nicht verschließt, hat schonmal gehört und gesehen, dass sich in unserem System alles um Geld dreht. Erst letztens habe ich wieder eine Doku über das veränderte Leben in Polynesien gesehen: Wie die Alten noch vom früheren Leben, den Tanz auf den Straßen, die relative Gleichheit unter den Menschen und die gemeinsame Fischjagd geschwärmt haben und mit Resignation darüber sprachen, dass die Jugend die Heimat heutzutage verlässt und in die Städte nach Neuseeland oder Australien zieht, weil sich alles nur noch um Geld dreht.

    Wenn man wirklich Ordnung in den Begriff des Geldes bringen will, dann muss man sich hingebungsvoll mit heutigen Kredittheorien beschäftigen, wie das Reich mit Marx tat, und nicht an den Lippen von Vulgärökonomen hängen. Da hilft auch keine orgonomische Deuterei, wenn man keine Argumente mehr hat. Wie das hier einmal jemand im Blog ausdrückte, ist das Missbrauch der Erkenntnisse von Reich. Reich blieb meines Wissens die „Geldmacherei“ zeitlebens wesensfremd. Was für eine saubere Intuition!

    • Sebastian Says:

      Um das gleich vorweg zu nehmen: Geldmacherei ist nicht gleich Anhäufung von Gütern. Geld ist kein Ding. Es entsteht per Kredit, genau wie das „Mehrgeld“ nur per Kredit entstehen kann. Mehrgeld muss zwangsweise entstehen.
      Akkumulation (=Anhäufung von Gütern) ist was ganz anderes als Profit. Es muss nicht, aber kann entstehen. Akkumulation gibt es auch in manchen „Gentil-“ bzw. „Stammesgesellschaften“ und kann man mMn durchaus orgonomisch mit der gesunden Oszillation zwischen Arbeit und Sexualität deuten.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Trotzkisten gegen Wilhelm Reich:

    Der Führer der us-trotzkistischen „Socialist Equality Party“, David North, schrieb 2008 eine Polemik gegen zwei seiner Konkurrenten (Steiner und Brenner). In dieser Polemik greift er auch Wilhelm Reich als geistige Quelle der Konkurrenten an.
    Es lohnt sich, den gesamten Artikel zu lesen, weil er quasi die Auseinandersetzung Reichs mit den damaligen Kommunisten wiederholt.

    http://www.wsws.org/de/2009/feb2009/ste1-f03.shtml

    • Robert (Berlin) Says:

      Mit gesamten Artikel meine ich nur Teil 1

    • Peter Nasselstein Says:

      Ihm bzw. Marx zufolge, wäre Reich, der überall nach den reaktionären und den fortschrittlichen Aspekten suchte, ein „Spießer“:

      Steiner und Brenner vertreten einen theoretischen Eklektizismus, der nichts mit den philosophischen Grundlagen der trotzkistischen Bewegung zu tun hat. Darüber hinaus bildet schon die bloße Form ihrer Argumente („Können wir nichts hieraus lernen…?“, „Müssen wir alles daran ablehnen…?“, „Liegt hierin nicht doch etwas von Interesse…?“) ein Beispiel für das Denken in der Art von „einerseits… andererseits…“, das Marx der härtesten Kritik unterwarf.

      >>in Das Elend der Philosophie: „Für Herrn Proudhon hat jede ökonomische Kategorie zwei Seiten, eine gute und eine schlechte. Er betrachtet die Kategorien, wie der Spießbürger die großen Männer der Geschichte betrachtet: Napoleon ist ein großer Mann, er hat viel Gutes getan, er hat auch viel Schlechtes getan. Die gute Seite und die schlechte Seite, der Vorteil und der Nachteil zusammengenommen bilden für Herrn Proudhon den Widerspruch in jeder ökonomischen Kategorie. Zu lösendes Problem: Die gute Seite bewahren und die schlechte beseitigen.“ [in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Bd. 1., Berlin 1987, S. 288f.]<<

    • Robert (Berlin) Says:

      Wie alle diese marxistischen Theoretiker nimmt North irgendwelche Zitate und reißt sie aus dem Zusammenhang:

      Vierte Bemerkung

      Sehen wir nunmehr, welchen Änderungen Herr Proudhon die Dialektik Hegels unterwirft, sobald er sie auf die politische Ökonomie anwendet.

      Für Herrn Proudhon hat jede ökonomische Kategorie zwei Seiten, eine gute und eine schlechte. Er betrachtet die Kategorien, wie der Spießbürger die großen Männer der Geschichte betrachtet: Napoleon ist ein großer Mann, er hat viel Gutes getan, er hat auch viel Schlechtes getan.

      Die gute Seite und die schlechte Seite, der Vorteil und der Nachteil zusammengenommen bilden für Herrn Proudhon den Widerspruch in jeder ökonomischen Kategorie.

      Zu lösendes Problem: Die gute Seite bewahren und die schlechte beseitigen.

      Die Sklaverei ist eine ökonomische Kategorie wie eine andere. Sie hat also gleichfalls ihre zwei Seiten. Halten wir uns nicht bei der schlechten Seite auf und sprechen wir von der schönen Seite der Sklaverei. Wohlverstanden, es handelt sich hier nur um die direkte Sklaverei, um die Sklaverei der Schwarzen in Surinam, in Brasilien, in den Südstaaten Nordamerikas.

      Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.

      Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land, sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nordamerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie, den vollständigen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Laßt die Sklaverei verschwinden, und ihr streicht Amerika von der Weltkarte.(1)

      So hat die Sklaverei, weil sie eine ökonomische Kategorie ist, stets in den Institutionen der Völker figuriert. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren gewußt, während sie sie in der Neuen Welt unverhüllt eingeführt haben.

      Wie wird es Herr Proudhon anfangen, die Sklaverei zu retten? Er wird das Problem stellen: die gute Seite dieser ökonomischen Kategorie zu erhalten und die schlechte auszumerzen.

      Hegel hat keine Probleme zu stellen. Er kennt nur die Dialektik. Herr Proudhon hat von der Hegelschen Dialektik nur die Redeweise. Seine eigene dialektische Methode besteht in der dogmatischen Unterscheidung von gut und schlecht.

      Nehmen wir einmal Herrn Proudhon selbst als Kategorie; untersuchen wir seine gute und seine schlechte Seite, seine Vorteile und seine Nachteile.

      Wenn er vor Hegel den Vorteil voraus hat, Probleme zu stellen, die er sich vorbehält zum Besten der Menschheit zu lösen, so hat er den Nachteil vollständiger Unfruchtbarkeit, sobald es sich darum handelt, durch die Tätigkeit der dialektischen Zeugung eine neue Kategorie ins Leben zu rufen. Was die dialektische Bewegung ausmacht, ist gerade das Nebeneinanderbestehen der beiden entgegengesetzten Seiten, ihr Widerstreit und ihr Aufgehen in eine neue Kategorie. Sowie man sich nur das Problem stellt, die schlechte Seite auszumerzen, schneidet man die dialektische Bewegung entzwei. Es ist nicht die Kategorie mehr, die sich hier selbst, infolge ihrer widerspruchsvollen Natur, setzt und entgegensetzt; es ist vielmehr Herr Proudhon, der zwischen den beiden Seiten sich hin- und herzerrt, zerarbeitet und abquält.

      So in einer Sackgasse gefangen, aus der es schwer ist mittelst erlaubter Mittel freizukommen, macht Herr Proudhon plötzlich einen wahren Riesenkraftsprung, der ihn mit einem einzigen Satz in eine neue Kategorie versetzt, Und nun enthüllt sich vor seinen erstaunten Augen die Reihenfolge in der Vernunft.

      Er nimmt die erste beste Kategorie und legt ihr willkürlich die Eigenschaft bei, den Nachteilen der Kategorie abzuhelfen, die er weißzuwaschen hat. So beseitigen die Steuern, wenn wir nämlich Herrn Proudhon glauben, die Nachteile des Monopols; die Handelsbilanz die Nachteile der Steuern; der Grundbesitz die Nachteile des Kredits.

      Indem er so nach und nach die ökonomischen Kategorien einzeln vornimmt und aus der einen das Gegengift der anderen macht, bringt es Herr Proudhon fertig, mit diesem Mischmasch von Widersprüchen und Gegenmitteln für Widersprüche zwei Bände Widersprüche herzustellen, die er ganz richtig betitelt: „System der ökonomischen Widersprüche“.

      http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_125.htm#K2_1_1

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