Wie kann ich mir selbst helfen?

Orgontherapie ist teuer und Orgontherapeuten leben meist weit entfernt. Was kann der Einzelne tun, um sich selbst zu helfen?

Orgontherapie setzt sich aus drei Elementen zusammen:

  1. Charakteranalyse
  2. Atmen
  3. das Lösen verkrampfter Muskelgruppen

Es kann zwar keine „Selbst-Charakteranalyse“ geben, schlicht weil ja gerade dieses vermeintliche „Selbst“, der Charakter, aufgelöst werden soll. Aber jeder kann in jedem Augenblick sich willentlich Situationen aussetzen, in denen die eigene Charakterstruktur infrage gestellt wird.

Neurotiker atmen nicht und keine Atemübung der Welt kann etwas daran ändern. Aber jeder kann zumindest versuchen sich „fallen zu lassen“, wirklich alles hinter sich zu lassen, was man je über angeblich „gesundes Atmen“ gelernt hat, und einfach spontan zu atmen. Allein schon der Kontakt zur eigenen, wenn man so sagen kann, „Spontanlosigkeit beim Atmen“ ist heilsam.

Und was schließlich die Muskelpanzerung anbetrifft, von der die Atemsperre der zentrale Mechanismus ist: buchstäblich in jeder Sekunde kann man der eigenen Verkrampfung gewahr werden. Beispielsweise sind so überaus viele Menschen so häßlich und unattraktiv, weil sie von Kindheit an gelernt haben, „keine Grimassen“ zu schneiden, solange bis das Gesicht zu einer häßlichen Fratze erstarrt ist. Kämpfe gegen die Erstarrung an und schneide Grimassen!

Generell beruht unsere gesamte neurotische Existenz darauf, daß wir viele kleine Ängste und Schmerzen in Kauf nehmen, um ja der einen großen Panikattacke, dem einen großen Schmerz zu entgehen. Manche Menschen ziehen es vor tagein tagaus jahrzehntelang still vor sich hinzuleiden und „hinzufaulen“, statt sich das eine Mal zusammenzureißen und beispielsweise die angehimmelte Traumfrau anzusprechen. Der teuflische Witz dabei ist, daß die befürchtete Katastrophe nie, wirklich nie, eintritt. Kaum stellt man sich seiner Angst, verfliegt sie auch schon in nichts.

Wir panzern uns ab, um dem Leben nicht schutzlos ausgesetzt zu sein. Dabei gibt es eine offensichtlich Alternative: statt sich vor der Welt zu verschließen (= sich abzupanzern), kann man sich auch in der Welt verankern. Man kann sich sozusagen im dreidimensionalen Raum verankern: gewahr werden, daß das Leben kein Film ist, der vor einem abläuft, sondern daß man wirklich im Leben, im dreidimensionalen Raum steht und fest im Raum verankert ist.

Eine ausnahmsweise mal sinnvolle Übung, die auf das „esoterische Erbe“, insbesondere die Kampfkünste, zurückgeht, ist das aussenden von „mentalen Strahlen“, sozusagen „Radarstrahlen“, in die vier Ecken des Raumes (oder etwa einer Straßenflucht, etc.) in dem man sich befindet. Auf diese Weise ist man wirklich im dreidimensionalen Raum und es stößt einen nichts so leicht um.

Was das dreidimensionale, d.h. ungepanzerte Sehen angeht, denke ich beispielsweise an eine Augenübung des südindischen Kalari-Payat-Kampfsports (eine Art indisches Kung-Fu): mit dem jeweiligen Daumen und Zeigefinger spreizt man die beiden Augenlieder auseinander, also reißt die Augen weit auf, und fixiert in mehr oder weniger rascher Folge Punkte der Umgebung. Diese Übung macht schnell wach und stellt den Kontakt wieder her. Damit haben die indischen Krieger ihre Wahrnehmungsfähigkeit erhöht.

Ein wirklich sehr gutes Hilfsmittel, sind Übungen mit dem „Magischen Auge“. Eine Schule des dreidimensionalen Sehens und damit der biophysischen Integration.

Generell kann man sagen, daß Menschen entweder in ihren Augen oder in ihren Beinen gepanzert sind, d.h. trainiere deine Beinmuskulatur! Und höre unter allen Umständen mit jeder „Selbstanalyse“ und Selbstanschuldigungen, etwa was irgendwelche sexuellen Vorlieben betrifft, auf. Nicht nur, daß das zu nichts führt und die Neurose nur immer weiter vertieft, es perpetuiert auch die Augenpanzerung.

Diese ganzen Zwangsgrübeleien über das eigene Leid haben die gleiche Funktion wie all die Gedanken, die einen davon abhalten auf eine Frau zuzugehen, die Blickkontakt sucht und einen gar anlächelt. Bringe den plappernden geisteskranken Affen in deinem Kopf brutal zum Schweigen, gehe einfach auf sie zu und sei glücklich. Und das auf das ganze Leben übertragen: höre auf dir Gedanken über dich selbst zu machen. Nicht nur, daß sie zu nichts führen – sie sind das einzige, was dich daran hindert, dich aus der Falle zu befreien und zu leben.

Dieser Blogeintrag ist entstanden, weil ich von Zeit zu Zeit Leserzuschriften bekomme, die mich richtiggehend aus der Bahn werfen. Da ist von der eigenen „Panzerung“, „orgastischen Impotenz“, „Homosexualität“, etc. die Rede – Dinge, die irgendeiner imaginären „orgonomischen“ Wahrheit, Moral, Lebensauffassung oder einem angeblich „orgonomischen“ Ideal zuwiderlaufen. Das ist das Fatale an der gesamten orgonomischen Literatur angefangen bei Reich über Baker bis zu dem, was ich hier ab und an etwa aus dem Journal of Orgonomy referiere: daß es dazu benutzt wird, um zu kategorisieren und nicht zuletzt sich selbst fertigzumachen. Laßt „es“ doch einfach geschehen, ohne gleich alles „zu zerdenken“ und zu zerreden. Kein Orgonom, der wirklich Orgonom ist, denkt in solchen Kategorien, sondern nimmt einfach wahr was ist bzw. sich ereignet. Nur so kann er die Natur erforschen und seinen Patienten helfen. Patienten, die sich selbst zerstören, wenn sie sich mit irgendwelchen angeblich „orgonomischen“ Vorgaben selbst malträtieren.

Oder anders ausgedrückt: das hier ist keine Glaubenslehre, kein Erlösungsweg, kein „Pfad“, keine Philosophie oder Weltanschauung. Es ist schlicht und ergreifend der Versuch so zu denken, wie die Natur funktioniert. Und eins tut das Lebendige auf keinen Fall: es zerbricht sich nicht den Kopf über sich selbst und das eigene „Schicksal“. Das wollte ich z.B. mit Versteht Ihr Kind Englisch? Dann zeigen Sie ihm dieses Video! ausdrücken.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , ,

10 Antworten to “Wie kann ich mir selbst helfen?”

  1. Rudolf Says:

    Wo gibt es denn Infos über „Beinpanzerung“?
    Das „einfache“ orgonische = funktionale tiefe Durchatmen (ich wußte gar nicht, wie falsch ich da funktionierte), angeleitet durch einen Fachmann, hat mir enorm geholfen! Anfangs fällt es etwas schwer. Dazu ist es natürlich auch eine Kunst für sich, Vorgänge zu „erlernen“, die (dann) autonom ablaufen sollen.

    • Peter Nasselstein Says:

      Das mit den Beinen habe ich aus einem Vortrag von Myron Sharaf an der Hamburger Uni. Es gibt auch auch jede Menge Hinweise darauf in den Artikeln von Orgonomen, beispielsweise wenn Schwartzman zum Joggen rät http://w-reich.de/schwartzman.html

      Es gibt alle möglichen Techniken, um Menschen zu helfen. Beispielsweise hilft, willkürlich herausgegriffen, Scientology sicherlich ungemein (Desensibilisieren, Hypnose a la Erickson, etc., was eine illusionäre Pseudo-Expansion hervorruft), aber Orgonontherapie ist keine Anhäufung von „Techniken“. Wie mir mal ein Orgonom sagte, den ich auf „bienergetische Techniken“ verwies, die doch sicherlich schneller zum Ziel führen: „I do not believe in bullshit!!“ Zu Atemübungen jeder Art hat Reich in Äther, Gott und Teufel alles notwendige gesagt.

  2. David Says:

    Capoeira:

    ein Kampfsport,

    – bei welchem Wert auf engen „Kontakt“ vor allem Augenkontakt zum Gegner gelegt wird.

    – wo vor allem die Beine trainiert werden

    – wo durch Rhythmus und Gesang Axé, also die Lebensenergie = Lebensfreude angeregt wird.

    – der aus einer Saharasia-fernen Region, nämlich Brasilien kommt.

    [audio src="http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:C-Regional-Roda-Baden-Aargau.ogg" /]

  3. David Says:

    Meines Erachtens sollte Psychiatrische Orgontherapie mit selbsthilfegruppen-orientierter Sozialarbeit verbunden werden. Auf diese Art könnte ein Arzt bis zu tausend Patienten helfen.

  4. Klaus Says:

    Noch zur Anorgonie, weil das ein v. a. in therapeutischer Hinsicht praktisch sehr relevanter Punkt zu sein scheint:
    Geister (emotion 4, S. 68) beschrieb Anorgonie als „Alternative zur Panzerung“. Das entspricht durchaus Eindrücken, wie Reich sie in „Krebs“ (im Folgenden nach der Fischer-Ausgabe) beschreibt und deutet. Erst einmal: Es handelt sich wohl nicht um ein Phänomen nur bei ‚Schwerstkranken’, sondern um eine Möglichkeit des Orgons, sich im Körper zu ‚verhalten’ (ich drücke es so aus, wir wissen nicht, ob es eine Art Ladungsherabsetzung oder ‚Mobilitätsverminderung’ ist (vgl. auch „Krebs“, S. 382) – das sind nun mal sehr metaphorische und provisorische Beschreibungen, und darin liegt noch ein Mangel).
    Anorgonie kann kommen und gehen: „In der nächsten Sitzung war die Panzerung wieder sehr stark; als es gelang, sie zu lösen, kam die Anorgonie wieder, dauerte diesmal weniger lange und war weniger komplett.“ (S. 379) „Es genügte zum Beispiel den Kopf zur Seite oder nach hinten zu bewegen, um die Anorgonie hervorzurufen“. (S. 379/380). „Der anorgonotische Anfall trat nun als dritter Mechanismus hinzu.“ (S. 380) „Im Verlaufe mehrerer Monate wurde es völlig klar, daß die Anorgonie unterirdisch immer funktioniert hatte.“ (S. 380) Und das geht schon in der frühen Kindheit los: „Wir konnten in allen fünf Fällen Spuren von Anorgonie, Ansätze vorübergehender Attacken in der frühen Kindheit feststellen.“ (S. 382) „Es wird sich zeigen, daß wir den Ansatz zur Anorgonie tatsächlich in der Zeitspanne vor und unmittelbar nach der Geburt suchen und finden können.“ (S. 382)
    Anorgonie „als Ergebnis allmählicher plasmatischer Schrumpfung“ unterscheidet Reich von der „akut einsetzenden Anorgonie“ (S. 382).

    • Peter Nasselstein Says:

      Anorgonie (wie auch Fettleibigkeit) ist die pathologische Alternative zur Panzerung (wie sie z.B. in der hysterischen Anästhesie und Paralyse oder in der Depression auftritt), aber ebensoweit von einer gesunden straffen Muskulatur entfernt (siehe S. 237-240 in Charles Konia: „Orgone Therapy (Part 12: The Apllication of Functional Thinking in Medical Practice)“ Journal of Orgonomy XXV(2), November 1991, pp. 229-240).

      Über schlaffe Muskulatur schreibt Richard A. Blasband („Q & A: Flabby and Tense Muscles“ Journal of Orgonomy XII(1), May 1978, pp. 119): „Hypotonic musculature lacks energetic charge, while hypertonic (tense) muscles hold excessive charge. Hypotonia is a more serious obstacle to therapy, as it is more difficult to re-energize where the energy level is low than it is to free energy where it is bound. Also, it is more difficult for flabby muscles to hold charge.“

      Morton Herskowitz: „7. Therapeutic Procedure“ Human Armoring: An Introduction to Psychiatriv Orgone Therapy In: Annals of the Institute of Orgonomic Science VII(1), September 1990, pp. 15-28 (S. 25, 2. Sp. unten).

  5. Klaus Says:

    „pathologische Alternative zur Panzerung“ Tja, und da frage ich mich, ob nicht ein Zusammenhang besteht mit:
    „In our current anti-authoritarian Western society, armor is manifested in chronic parasympatheticonia […]. In addition, there is muscular flaccidity. The energy not bound in the musculature is shifted upward and held in the brain (increased ocular armor)” (Konia in “The Practice of Medical Orgone Therapy in Anti-Authoritarian Society”). Vielleicht eine Tendenz hin zu Anorgonie und verstärktem Panzer im Augenbereich. Typische ‚Bioenergetiker’ wären dann auf jeden Fall gemeingefährlich.

  6. Zeitgenosse Says:

    Hallo Peter!

    Irgendwie verursacht der Begriff „Charakter auflösen“ leichtes Unbehagen bei mir. Verliert man nicht seine ganz spezielle Individualität dabei? Vor allem: setzt man sich nicht der Gefahr aus, von einem Orgontherapeuten komplett zerlegt und neu zusammengesetzt zu werden – also eine Art von Gehirnwäsche?

  7. David Says:

    In: https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2016/05/10/wie-kann-ich-mir-selbst-helfen/#comment-3801

    hat Klaus gesagt:

    Erst einmal: Es handelt sich wohl nicht um ein Phänomen nur bei „Schwerstkranken“, sondern um eine Möglichkeit des Orgons, sich im Körper zu „verhalten! …

    Und was ist los im Kopf (Okulares Segment)?

    OffTopic: Autismus

    Häufig glubschen oder glotzen Austisten auf eine ihnen ganz eigene Art und Weise. Anders als psychotische Leute?

    Eher Anorgonie als Panzerung, d.h. nur wenig Panzerung?

    Sagte nicht Reich, dass der Neurotiker im Gegensatz zum Psychotiker schaut, aber nicht sieht?

    Mag der Autist Gemeinsamkeiten mit psychotischen Leuten haben, so ist er – wie ich glaube – in manchem eher wie der Neurotiker, nur extremer.

    Bis hier ist das was ich sage, rein spekulativ.

    Corinna Fischer / Bob Fischer: Ich liebe einen Asperger

    zufolge wird – wenn er sich „entspannt“ – die Wahrnehmung und der Kontakt nach außen weitgehend eingestellt.

    Daher müsse ihr Mann, so schreibt sie, ständig eine relativ hohe Spannung halten.

    Selbstverständlich ist ein acht- oder auch zehnstündiger Arbeitstag mit der notwendigen Dauer-Anspannung kaum durchzuhalten.

    Der – funktionsfähige, d.h. „HFA“ – Autist müsse, Fischer&Fischer zufolge, sehr mit seinen Kräften haushalten und sei deshalb schnell erschöpft.

    Irgendwie kenne ich das von mir selber her.

    Da ich solche Menschen als okular-anal verstehe, mit eher Anorgonie als Panzerung, können die – wie ich glaube – auch der Charakteranalyse zugänglich gemacht werden. Aus dieser Sichtweise könnte eine chronische Anspannung – außerhalb des okularen Segments – nicht nur Folge sondern auch Ursache sein.

    Manche Forscher (auch Ernest Borneman?) haben die Mütter der Betroffenen als „Kühlschrankmütter“ vermutet.

    Meiner Ansicht ist das Quatsch (ich kenne mindestens zwei). Vielmehr sind sie emotional lebhaft und warm, allerdings mit ganz leichten Spuren von „Spannungsirresein“.

    Aber wie gesagt bis jetzt spekulativ. Jedoch könnte auch hier die Kombination der Selbsthilfe mit der Orgonomie sinnvoll sein, wie schon in einem früheren Kommentar von mir vermutet …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: