Herztod

In der MMW (Fortschritte der Medizin) vom 7. April 2011 wird von einer amerikanischen Metaanalyse (Dahabreh IJ, Paulus JK) berichtet, die nachweist, daß sporadische körperliche und sexuelle Aktivitäten mit einem etwa dreifachen Risiko für Myokardinfarkte einhergehen. Das Risiko für einen plötzlichen Herztod wird durch gelegentliche körperliche Anstrengung sogar um das Fünffache erhöht.

Dazu gibt der Münchner Internist und Kardiologe Prof. Dr. H. Holzgreve einen sehr guten Kommentar ab: Zwar würden diese wahrlich erschreckenden Zahlen sowohl bei Fachleuten als auch bei Laien sicherlich Furore machen, doch warne er vor einer Fehlinterpretation. Herzinfarkt und Herztod werden in den untersuchten Studien nämlich nur innerhalb einer Stunde nach der vereinzelten körperlichen Anstrengung erfaßt und diese Stunde dann mit langen anstrengungslosen Zeiträumen, die meist ein ganzes Jahr umfassen, verglichen. „Das bedeutet, daß das absolute Risiko der nur seltenen körperlichen Anstrengung sehr gering ist, nämlich zwei bis drei Herzinfarkte bzw. ein plötzlicher Herztod pro 10 000 Probandenjahren.“

Ohnehin habe der, der sich regelmäßig, d.h. etwa drei- bis fünfmal pro Woche körperlich und sexuell verausgabe, einen Überlebensvorteil gegenüber dem Sport- und Sexmuffel.

Wie geradezu gemeingefährlich derartige Studien sind, hat bereits Reich Anfang der 1940er Jahre in seiner Notiz „Sex-Economy and Medicine: The ‚Dangers‘ of Sexual Intercourse“ diskutiert (International Journal of Sex-Economy and Orgone-Research, Vol. 1, No. 1, March 1942, S. 94f). Dort geht es um ein junges Ehepaar. Der Mann leidet an hohem Blutdruck, die Frau an „Nervosität“. Ihr Hausarzt riet ihnen unter keinen Umständen Geschlechtsverkehr zu haben, da „Geschlechtsverkehr den Blutdruck erhöht, was jede Art von schlimmen Folgen nach sich ziehen kann“. Infolge des Rates stieg der Blutdruck des Mannes immer weiter an und die Frau entwickelte eine schwerwiegende Zwangssymptomatik. Reich beklagt, daß Ärzte in ihrer Ausbildung und in den Fachzeitschriften nichts über die Verbindung zwischen Bluthochdruck, Nervosität und Sexualstauung erfahren. Statt den Patienten die Angst vor den „schlimmen Folgen des Geschlechtsverkehr“ zu nehmen, werden sie von den Ärzten darin bestärkt.

Wäre er gut ausgebildet gewesen, hätte der Hausarzt des Ehepaares durch Sexualaufklärung versucht, den Eheleuten ein gesundes Geschlechtsleben zu ermöglichen. Handelte es sich hingegen um tiefsitzende neurotische Ängste, wäre eine entsprechend tiefgehende Psychotherapie angemessen gewesen.

Bereits Mitte der 1920er Jahre hatte Reich in seiner Studie Die Funktion des Orgasmus ausgeführt, daß Neurosen („Psychoneurosen“) durch Entwicklungsstörungen der bzw. Regression zur infantilen Sexualität entstünden. Sie hätten stets einen stauungsneurotischen („aktual-neurotischen“) Kern durch unmittelbare Störung der motorischen Energieabfuhr. Dies äußere sich in Stauungs- und Herzangst, da die Erregung nicht über das genitale System abfließe und sich so im Vegetativum staue, weshalb Reich auch von „Sexualstauungsneurosen“ spricht, bei der die motorisch nichtabgeführte Genitallibido das vasovegetative System innerviere und für periphere Vasokonstriktion, arteriellen Hochdruck, Herzbeschwerden, Pupillenerweiterung, Versiegen der Speichelsekretion, kalte Schweißausbrüche, Hitze- und Kälteempfindungen, Erschlaffung der Muskulatur mit Tremor, Schwindel, Diarrhöen, etc. verantwortlich sei. Reich vergleicht die Symptome, die frustrierte Genitallibido zeitigt, mit einer Nikotinvergiftung und der sie begleitenden „Herzangst“ und bestätigt so Freuds Intuition über die „toxischen Sexualstoffe“.

In „The Biopathic Diathesis: Arteriosclerosis and Coronary Artery Disease“ (The Journal of Orgonomy, Vol. 4, No. 2, November 1970) führt der orgonomische Internist Robert A. Dew aus, daß Sympathikotonie Grundlage der kardiovaskulären Erkrankungen ist: eine Kontraktion gegen Expansion, d.h. eine reaktive Sympathikotonie. Die Sympathikotonie im Brustkorb kann, neben Arrhythmien, zu Bluthochdruck und weiter zu Arteriosklerose führen.

Reich merkt an:

Es ist durchaus wahrscheinlich, daß (…) Herzklappenfehler und andere Formen organischer Herzerkrankungen eine Reaktion des Organismus auf chronische Hypertonie des Gefäßsystems darstellen. (Die Funktion des Orgasmus, S. 273)

Dew führt den kardiovaskulären Hochdruck auf einen „lebhaften, stark erregbaren Kern“ zurück (siehe dazu Der Krebs, S. 220f), hinzu komme

eine sehr ausgeprägte Beckenblockierung, chronische orgastische Impotenz und eine daraus sich ergebende mächtige Expansion in die höher gelegenen Segmente hinein. Diese nach oben gerichtete Expansion wird eingedämmt durch eine vergleichsweise starke Kontraktion im Brust- und im Halssegment, was einen Großteil der physiologischen und symptomatologischen Störungen hervorruft, die mit der Erkrankung verbunden sind. („The Biopathic Diathesis: Hypertension“, Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976, S. 214)

Emanuel Levine, einem der Mitarbeiter Reichs, zufolge zeige sich die spezifische Panzerstruktur beim Bluthochdruck darin, daß „der Hochdruckpatient gewöhnlich ein rötliches Gesicht hat. Die unteren Segmente jedoch blaß wirken“ („Treatment of a Hypertensive Biopathy with the Orgone Energy Accumulator“, Orgone Energy Bulletin, 3(1), January 1951, S. 24).

Reich vertrat die Ansicht, daß kardiovaskuläre Biopathien ihre Ursache hauptsächlich in einer Verschiebung von sexueller Energie aus dem Genitalbereich in die obere Körperhälfte haben. Einige neuere Ergebnisse unterstützen diese Auffassung. (Sean Haldane und Adolph E. Smith: „Das Konzept der Biopathie: Bestätigungen aus neueren Ergebnissen der Verhaltensendokrinologie“, Wilhelm Reich Blätter, 4/77, S. 106-110)

Die Anlage für Arteriosklerose und andere Erkrankungen der Koronararterien zeigt sich bei der orgontherapeutischen Mobilisierung des reaktiv in einer Einatmungshaltung festgehaltenen Brustsegments, wobei, so Dew, stets tiefe Trauer und Sehnsucht an die Oberfläche kommt. Unsere Sprache bringe die Verbindung zwischen Trauer, Sehnsucht und dem Herzbereich sehr klar zum Ausdruck. Reich hat die Emotion Sehnsucht als Energiefluß definiert, der in den Brustbereich und die Arme geht. Gegen diese parasympathische Expansion kommt es reaktiv zu der festgehaltenen sympathischen Inspirationshaltung. Das besondere ist nun, daß diese äußere mit Vasokonstriktion verknüpfte Sympathikotonie einhergeht mit einer zentralen Parasympathikotonie. Der Parasympathikus hemmt jedoch die Herztätigkeit, obwohl das Herz wegen der peripheren durch den Sympathikus hervorgerufene Gefäßverengung mehr leisten muß. Die für das Herz fatale Gleichzeitigkeit dieser beiden Faktoren stellt die biopathische Diathese der Arteriosklerose dar (Dew, S. 198-200).

Levine hatte 20 Jahre zuvor geschrieben:

Der allgemeine Hintergrund des Koronararterienverschlusses wurde von Reich beschrieben. Er fand, daß der Koronarverschluß sich aus starken expansiven Bewegungen in der Brust ergibt, denen starke Kontraktionen im gleichen Segment entgegenstehen und daß wegen Blockaden in den Schultern und im Zwerchfell, die schraubstockartige Kontraktion nicht anderswo freigesetzt werden kann, was schließlich zur Koronarruptur führt. („Observations on a Case of Coronary Occlusion“, Orgone Energy Bulletin, 4(1), January 1952, S. 46)

Baker bringt eine interessante Beobachtung über die hier besprochenen Herzerkrankungen vor:

Bei diesen Herzschäden findet man sogar schon Jahre, bevor eine körperliche Erkrankung auftritt, immer eine Trias von extrem schmerzhaften Punkten, einen unterhalb der linken Brustwarze, einen zweiten oberhalb der Brustwarze und den dritten in der linken Achselhöhle. Eine Lockerung des Krampfes an diesen Punkten lindert die Herzsymptome. Bei der paroxysmalen Tachykardie kann durch diese Methode keine Linderung erreicht werden, wenn der Patient ein Chininpräparat nimmt. (Der Mensch in der Falle, S. 290)

Ein anderer sehr interessanter Punkt stammt von Levine: Bei Frauen können die Brüste als Sicherheitsventil für den biopathischen Druck im Brustkorb wirken und er fragt, ob dies erklärt, „daß Koronararterienverschluß bei unter Bluthochdruck leidenden Frauen weit weniger häufig ist als bei unter Bluthochdruck leidenden Männern“ („Treatment of a Hypertensive Biopathy…“, S. 33).

Reich selbst litt der Autopsie zufolge unter Arteriosklerose, als er 1957 an seinem zweiten Herzinfarkt verstarb: „Herzmuskelschwäche mit plötzlichem Herzversagen, das mit einer generellen Arteriosklerose und einer Sklerose der Herzkranzgefäße verbunden war“ (Myron Sharaf: Fury on Earth, New York 1982, S. 477). In den Originalunterlagen aus dem Gefängnis heißt es: „myokardiale Insuffizienz aufgrund einer kalzifizierten Aortenstenose, die mit einem generalisierten arteriosklerotischen Herzen und einer Koronarsklerose verbunden war“ (Jerome Greenfield: „Wilhelm Reich in Prison“, International Journal of Life Energy, Vol. 2, No. 1, Winter 79-80, S. 49). Zu Beginn der Haft „stellten Mediziner bei Untersuchungen ein ‚besonders raues anschwellendes systolisches Herzgeräusch‘ Grad 2 fest” (ebd., S. 25). Außerdem heißt es in den Unterlagen, daß

zur Zeit seines Todes eine Grippeepidemie in der Anstalt wütete; (…) die histopathologische Untersuchung zeigte eine eitrige Bronchopneumonie. Meiner Meinung nach weisen diese Umstände auf einen Tod durch Komplikationen in einem Fall von asiatischer Grippe hin. (ebd., S. 48)

Im Oktober 1951 hatte sich der erste Herzinfarkt ereignet und Reich erkrankte schwer an Myokarditis (Elsworth F. Baker: „My Eleven Years With Wilhem Reich“, Journal of Orgonomy, 12(2), November 1978, S. 181). Übrigens gab er aus diesem Anlaß das Rauchen auf. „Zwei Jahre zuvor hatte er wegen eines Tachykardie-Anfalls einen Herzspezialisten konsultiert, der festgestellt hatte, daß er an Bluthochdruck litt“ (David Boadella: Wilhelm Reich, München 1980, S. 255; siehe auch Ilse Ollendorff: Wilhelm Reich, München 1975, S. 127).

Betrachten wir nun die oben beschriebene biopathische Anlage, fällt auf, daß Reich in seinen letzten Jahren auffällig oft über „kosmische Sehnsucht“ geschrieben hat. Auch kann man bei ihm wohl tiefe Trauer über die Tragödie seiner Ursprungsfamilie und diverse weitere Brüche in seinem Leben annehmen. „Heartbreak“ war eines von Reichs Lieblingswörtern (Fury on Earth, New York 1983, S. 20). Ilse Ollendorff erinnert sich über Reichs Herzanfall: „Er sagte damals, daß jeder Herzanfall in Wirklichkeit ein gebrochenes Herz ist“ (Ollendorff, S. 141). In diesem Zusammenhang erwähnt sie einen Brief an Neill, den Reich wenige Tage vor seinem Herzanfall schrieb und in dem er seine herzzerreißende Einsamkeit beklagte (ebd., S. 142f).

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5 Antworten to “Herztod”

  1. O. Says:

    Dew wird oft zitiert, aber ob sein Artikel Serie so erhellend ist, sei mal dahin gestellt. (Also sollte man nicht enttäuscht sein, wenn es nach dem Lesen auch nichts neus bringt)

    „das besondere ist nun, daß diese äußere mit Vasokonstriktion verknüpfte Sympathikotonie einhergeht mit einer zentralen Parasympathikotonie. Der Parasympathikus hemmt jedoch die Herztätigkeit, obwohl das Herz wegen der peripheren durch den Sympathikus hervorgerufene Gefäßverengung mehr leisten muß. Die für das Herz fatale Gleichzeitigkeit dieser beiden Faktoren stellt die biopathische Diathese der Arteriosklerose dar (Dew, S. 198-200)“

    Was soll damit gesagt werden?

    Die Sympathikotonie ist klare Ursache für Herzerkrankungen, warum soll eine parasympathischer Einfluss das Problem plötzlich auslösen? Und was wäre hieraus zu folgern? Zigaretten verengen nicht nur die Gefäße, sondern haben meines Erachtens auch eine beruhigende und entspannende Wirkung. Im Falle von Reich musste er dann drauf verzichten, weil er er schon einen Schaden am Herzen hatte – man merkt es meist zu spät. Bakers Schmerz in der linken Brust dürfte ein Vorbote sein. Wenn man den überhört oder ignoriert und weiter sympathikon lebt, d.h. Stress hat, ist man dan ein Herzinfaktknadidat. Massage kann die Situation entspannen, doch sie sollte schon mit einiger Regelmäßigkeit erfolgen, wenn die Lebenssituation sich nicht verändert. Reich hätte dies besser wissen können und wie das mit Experten so ist, sind sie oft auch blind im eigenen Gebiet und wenn es um sie selbst geht. Das endet dann tragisch. (Angenommen Reich sei so gestorben,) Eva durfte ja bei der Autopsie nicht dabei sein.

    Die Interpretation vom gebrochenen Herzen trifft selsbtverständlich, da muss man nicht so weit (psychoanalytisch) in die Vergangenheit reisen, das ist ein Thema mt Frauen (wovon die Mutter nur die erste war) und deren Liebesfähigkeit, die gemeinhin sehr eingeschränkt ist, auch wenn Frauen das so nicht sehen würden. Das geschwächte Herz der Männer im fortgeschrittenen Alter hält eben dann auch nicht mehr so viel aus, aber dafür gibt es für mich jetzt in der letzen Phase von Reichs Leben keinen Anhaltspunkt mehr – da würde dann die Trennung von Elsa ins Gewicht fallen. Das darf man ja nach all den Jahren mal so sagen.

    Somit hat jeder sein kleines Waterloo 😦

    Eine weitere mögliche Interpretation wäre die fehlende Anerkennung als möglichen Auslöser des gebrochenen Herzens. Aber so etwas ficht einen Mann ja nicht so stark an.

    • Peter Nasselstein Says:

      Frage:

      Die Sympathikotonie ist klare Ursache für Herzerkrankungen, warum soll eine parasympathischer Einfluss das Problem plötzlich auslösen?

      Levine antwortete:

      Der allgemeine Hintergrund des Koronararterienverschlusses wurde von Reich beschrieben. Er fand, daß der Koronarverschluß sich aus starken expansiven Bewegungen in der Brust ergibt, denen starke Kontraktionen im gleichen Segment entgegenstehen.

  2. O. Says:

    An der Sache kann tatsächlich etwas dran sein (ich meine das jetzt nicht weil es WR gesagt hat):
    Es gibt das Phänomen, wie es auch immer zu deuten ist, dass manche Personen im Anschluss des Orgasmus, wo eine Entspannung eintreten sollte, regelrechtes Herzrasen bekommen. Jetzt wäre es natürlich wichtig zu wissen, ob dies nur eine Kontraktion auf grund von Orgasmusangst sein könnte oder eine mögliche „Fehlfunktion“ sich andeutet bzw. das Herz einen Schaden aufzeigt. Ist dies eine Störung auf der Funktionsebene oder ein medizinisch auffindbarer oder zu vermutender Herzfehler, der zum Infakt führen kann?

    Baker spricht ja in der Abwandlung des Viertaktes (O-Formel) von einer „Kontraktion“ statt Entspannung. Wenn die sich nicht auf die (gesamte) Muskulatur bezieht, sondern auf das Herz gibt es meines Erachtens schon ein erhebliches Herzproblem (im Laufe der Zeit).

  3. Peter Nasselstein Says:

    Interessanterweise scheinen bei Bluthochdruck nur Methoden zu wirken, die der Orgontherapie, nun ja, „entsprechen“: Atemtechniken und Muskelanspannung – „Yoga & Co.“ bringen rein gar nichts:

    http://www.mydoc.de/lexikon/vorsorge/studie-wirklich-gegen-bluthochdruck-hilft-1423

    • O. Says:

      Ich würde mal folgendes vermuten: Entspannung bringt etwas bevor es überhaupt zur Hypertonie kommt, später ist es dafür zu spät, da hilft nur noch Bewegung und Bewegung.
      Und Yoga etc. bringt nichts und bei Leuten, die das mehrfach die Woche betreiben müssen (z. B. Yoga-Lehrer) bringt es oft Krebs. Das sollte mal untersucht werden.

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